Jürgen Bauer ist ein junger österreichischer Autor, der mit Ein guter Mensch seinen mittlerweile dritten Roman vorgelegt hat [1, 2]. Es ist ein dystopischer Roman, der in einer nahen (?) Zukunft spielt (es werden noch fossile Betriebsmittel verwendet), in einem von Trockenheit gepeinigten Mitteleuropa, in dem Wasser ein kostbares Gut geworden ist, das rationiert und nach einem bestimmten Plan unter die Menschen verteilt wird.

Der Ort der Handlung liegt ‚dazwischen‘: im Norden ist es noch wasserreicher als hier, im ‚Süden‘ dagegen ist es noch trockener. So nehmen die Wanderungsbewegungen nicht wunder: viele der Bewohner haben sich nach Norden aufgemacht, vom Süden her rollt dagegen eine von Gerüchten über paradiesische Verhältnisse gespeiste Flüchtlingswelle in das trockene Land. Mit diesem Szenario, in dem sich kaum versteckt aktuelle politische Ereignisse niederschlagen, ist Bauers Roman auch der Versuch eines Kommentars zu diesen überregionalen Migrationsbewegungen, die durch eine Ungleichverteilung materieller Güter verbunden mit der Hoffung auf die Verbesserung der eigenen Verhältnisse ausgelöst wird.

Wir finden in Bauers Roman das wieder, was uns auch die Realität bietet: Mauern, Flüchtlingslager, Containerdörfer, Hoffnungslosigkeit, Verwahrlosung, Drogenkonsum, Aggressivität. Die Flüchtlinge sind die ersten, bei denen gekürzt wird, wenn die Zuteilungen mal wieder verknappt werden müssen, die ärztliche Versorgung ist schlecht, sie werden in den Lagern eingepfercht gehalten.

Die Hoffnungslosigkeit hat das Land fest im Griff, der Egoismus der Menschen nimmt zu, jeder denkt nur noch an sich, Neid herrscht und Misstrauen. Es dürstet, der Drang nach Wasser ist so allbeherrschend, daß Menschen (‚Die Durstigen‘) sich die Pulsadern aufschneiden, nur um ins Krankenhaus eingeliefert zu werden und dort zu Trinken zu erhalten, Tote sind keine Seltenheit. Rationierungen in der Strom- und Treibstoffversorgung tun ein Übriges zur Verschlimmerung der Lage. Und über allem die schier unerträgliche Hitze mit der gleissenden Sonne.

Inmitten dieser Zustände formiert sich mit ‚Die dritte Welle‘ im Land eine innere Protestbewegung aus jungen Leuten, die abstreiten, daß Wasser ein knappes Gut sei, die es im Gegenteil öffentlich für kindisch anmutende Spiele verschwenden und die so die herrschende Aggressivität unter den durstenden Menschen noch steigern.

Über alles herrscht das „Institut für Notfallbewirtschaftung“, das per Radio seine Parolen und Dekrete ex cathedra verkündet, ansonsten aber anonym und ohne Gesicht bleibt. Es ist wie eine unangreifbare Macht, die ihre Entscheidung nicht diskutiert, sondern sie zur Not mit Gewalt durchsetzt.

In diesem Szenario versucht Bauers Hauptfigur dem Titel gerecht zu werden, ein guter Mensch zu sein und zu bleiben. Marko Draxler ist Fahrer eines Tankwagens, damit er einerseits derjenige, der Wasser bringt, andererseits tut er das streng nach Plan, denn nur die Einhaltung des Plans garantiert, daß die Ordnung aufrecht erhalten wird. Wir helfen, so gut wir können. So gut wir dürfen…. erwidert er seinem Kollegen, als er an der Frau, die sich aus Durst und Verzweiflung die Pulsadern aufgeschnitten hat, vorbeifährt, das Problem ist, daß sie eben nicht dürfen….. Ein guter Mensch?

Was überhaupt ist ein ‚guter Mensch‘ in solchen Ausnahmezeiten? Ist es Kali, die Ärztin, die sich um die Menschen im Krankenhaus kümmert, ist es der ansonsten hallodrige Aleksander, der – in diesen Zeiten! – die ungewollte Rolle eines werdenden Vaters annimmt? ‚Gut sein‘ ist immer auch eine Sache der Position, aus der man es betrachtet oder der Angelegenheit, um die es geht: so pflichtbewusst, wie Marko der Durstigen seine Hilfe verweigert, so sehr kümmert er andererseits um seinen kranken Bruder Norbert, der weiterhin auf dem völlig verwahrlosten und verlassenen elterlichen Bauerhof lebt…. Nicht nur für Norbert, für viele Menschen ist Marko ein Anker in diesem trostlosen Leben: er vermittelt Arbeit, wenngleich nicht an jeden, er kümmert sich, er hält seiner Frau, die ihn verlassen hat, um in den Süden zurück zu ihren Eltern zu gehen, die Treue. Aber im Lauf der Wochen und Monate wachsen die Zweifel, bekommt das Selbstbild Markos Risse, immer mehr setzt ihm sowohl die äußere Situation als auch seine persönliche zu, bis er am Ende der Geschichte einen Entschluss fasst.


Das Umweltbundesamt erwartet bis 2100 für Mitteleuropa eine Zunahme der Hitzewellen [3]. Vor diesem Hintergrund hat Bauer seinen Roman entwickelt, der sich sowohl mit den politischen, den sozialen als auch mit persönlichen Auswirkungen einer ins Apokalyptische hin gesteigerten Trockenheit und Hitze befasst. Diese umfassen nicht nur den Mangel an Wasser zum Trinken, sondern bedingen eine Verwahrlosung der gesamten Gesellschaft, da auch grundlegende Bedürfnisse der Hygiene nicht mehr eingehalten werden können, Krankheiten zunehmen, asoziales Verhalten gegenseitige Rücksichtnahme verdrängt.

Unter diesen Umständen ein ‚guter‘ Mensch zu bleiben – unabhängig wie dieses ‚Gutsein‘ definiert wird – ist schwierig bis unmöglich, zu gegensätzlich die Positionen, die vereint werden müssten. Damit tritt automatisch die Frage nach Verantwortung und Schuld auf die Bühne, auf die der Autor aber nicht weiter eingeht. Er schildert seinen Protagonisten als eingebunden in ein anonymes Versorgungs- und Zuteilungssystem (dessen Erscheinungsbild mich an ‚Big Brother‘ in Orwells 1984 erinnert hat), dessen Vorgaben er erfüllt. Die Gegenposition zu diesem Marko bildet Kowalski, sein unmittelbarer Vorgesetzter, der korrupt ist und später auch abgelöst wird – Marko weigert sich in dieser Situation die Nachfolge anzutreten, er bleibt lieber als subalterner Tankwagenfahrer ohne die Last, Entscheidungen treffen zu müssen.

Ein guter Mensch ist ein schmaler Roman. Bauer beschränkt sich auf kurze Szenen, aussagekräftige Dialoge wechseln mit Beschreibungen und Schilderungen. Sein ‚Bühnenbild‘ ist auf eine heute für unsere Region (noch) nicht Extremsituation angelegt, die neben der physischen Not sämtliche Normen des Alltagslebens außer Kraft setzt und damit Fragen nach Schuld und Verantwortung, nach Gut und Böse aufwirft. Die politische Führung, vertreten durch das Institut für Notfallbewirtschaftung, wird seiner Verantwortung nicht gerecht, es gelingt ihr nicht, eine Ordnung aufrecht zu halten, umstürzlerische Umtriebe zu verhindern: Wir sind Gefangene von unvernünftige Positionen. … Man verkauft uns unsere Gefangenschaft auch noch als alternativlos. Wir hätten keine Wahl! Aber das glauben wir nicht mehr!

Ein guter Mensch ist dystopisch, klaustrophobisch und konsequent. Er treibt die zu erwartende Klimaänderung ins Extreme und seine Auswirkungen auf das menschliche Miteinander erschrecken, sind aber leider durchaus plausibel. Es ist ja nicht so, als ob es solche Phänomene in Ansätzen nicht schon zu beobachten gäbe oder gegeben hätte, vielleicht nicht gerade bei uns, aber dies ist weiß Gott keine Garantie für die Zukunft. Bauer jedenfalls ist ein Autor, der mit seiner fesselnd formulierten Geschichte zum Nachdenken verführt.

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage Jürgen Bauers
[2] Jürgen Bauer: Was wir fürchten; Besprechung hier im Blog:
[3] http://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/klimawandel/zu-erwartende-klimaaenderungen-bis-2100

Aufgestoßen ist mir….:

Das erste Kapitel trägt die Überschrift: 2.-3. April. Auf S. 17 heißt es dann: …. auf dem Maisfeld stehen nur wenige Pflanzen aufrecht. Bald liegt Popcorn auf den Feldern. Mais jedoch wird erst im Frühjahr (bis Anfang Mai) gesät und braucht eine gewisse Bodenfeuchtigkeit zum Keimen, keineswegs hat er (in Mitteleuropa) Anfang April schon Kolben geschoben… es sein denn in einem Roman über Gentechnik…..

Der große Waldbrand ab S. 64: „Noch ist es weit genug entfernt“, … „Sicher fünfzig Kilometer. ..“ Fünfzig (!) Kilometer und wie geht es weiter im nächsten Satz: An die zwanzig Meter hoch schlagen die Flammen inzwischen und erleuchten das ausgetrocknete Flussbett und die Landschaft davor. Die Strommasten auf den Feldern werfen riesenhafte Schatten… Marko und seine Freunde mögen halb vertrocknet sein, die Augen jedenfalls sind allem Anschein nach noch gut…..

Jürgen Bauer
Ein guter Mensch
diese Ausgabe: Septime, HC, ca. 220 S., 2017

Ich danke dem Autoren für die Überlassung eines Lesexemplars.

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Philip Krömer: Ymir

26. März 2016

Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen,
Aus dem Schweiße die See,
Aus dem Gebein die Berge, die Bäume aus dem Haar,
Aus der Hirnschale der Himmel.

Aus den Augenbrauen schufen gütge Asen
Midgard den Menschensöhnen;
Aber aus seinem Hirn sind alle hartgemuthen
Wolken erschaffen worden. [1]

ymir cover


Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel ist das Romandebüt von Philip Krömer, einem jungen Schrifsteller, Herausgeber einer Literaturzeitschrift, der bisher Lyrik und Kurzgeschichten veröffentlicht hat. Ymir… ist ein fantastischer Roman (womit das Genre gemeint ist), der uns in das nebelumwallte Island führt, zu einer Zeit, in der im damaligen Deutschland das Nordische, das Arische, hoch im Kurs stand: August 1939.

Eine kleine Expeditionsgruppe, bestehend aus drei Mitglieder, wird in Marsch gesetzt. In Island war zuvor ein norwegischer Suchtrupp, der nach Wasseradern forschte, auf ein System unterirdischer Hallen, Gänge und Galerien gestoßen, an deren Ende ein dunkles Loch senkrecht hinab führt in das, was der Erzähler der Geschichte später „UrSchwarz“ nennen sollte und was es zu erforschen gilt.

Die Expedition ist nicht so sehr nach sachlichen Gesichtspunkten zusammengesetzt, eher nach ideologischen. Der Erzähler soll das Entdeckte später publikumswirksam aufbereiten, der SS-Mann KleinHeinrich (im Gegensatz zu GroßHeinrich, der der Himmler ist und das Ganze in Gang setzt) ist der körperlich fitteste und stärkste der Truppe, VonUndZu schließlich, NSDAP-Mitglied, ist überzeugt von allem, angefangen von der Hohlwelt bis hin zur Phrenologie. Er ist derjenige der erbkundliches Wissen mit einbringen soll und zu dessen Ausrüstung ein Grammophon gehört mit sämtlichen Partituren Wagners. ba-PAAA!

Ein holpriger Flug mit vomitierenden Passagieren, eine ebenso holprige Landung im Nichts, ein nur schütter beleuchteter Pfad übers Geröll, bis die drei vor einer Türe stehen und nach Betätigen eines Mechanismus empfangen werden. Bis zu dieser Tür erfolgte die rudimentäre Handlungsanweisung, die einzig KleinHeinrich empfangen hatte, ab nun war alles neu und unbekannt….

Am nächsten Tag beginnen sie ihren Abstieg in das UrSchwarz und somit in das große Abenteuer, das Unbekannte. Schier nicht enden wollend ist der steile Abstieg, den KleinHeinrich als erster beendet. Den beiden anderen öffnet sich am Grund in ihren den trüben Lichtern eine fast unendlich scheinende Halle. Die Hallendecke – irgenwo in der Unendlichkeit, die Strahlen ihrer Leuchten verlieren sich auf dem Weg nach oben im Nichts….. Der SteteWind.. es muss noch eine Öffnung am anderen Ende der Halle geben….und wieder ein Gang, gewunden, endlos, ohne Abzweig, der Entscheidungen fordern würde, ob rechts oder links… und ewig scheint der SteteWind ihnen durch Gänge und Hallen entgegen zu wehen…

da.. Gewisper… ist da wer? Wie Parkett sehen sie im Schein der leuchtenden Lampen seltsam anmutend Tote im Fischgrätmuster auf dem Boden liegen … Es gibt offensichtlich Leben hier, kilometertief unter der Erde, ist es das, was sie suchen, suchen sollen?

Schon hat der Erzähler eine Ahnung, wo sich befinden, was das für ein Höhlensystem sein könnte, nämlich….

.. das verrate ich hier jedoch nicht, obwohl der Roman selbst mit seiner besonderen Art, den jeweiligen Standpunkt seiner Figuren zu kennzeichnen, kein Geheimnis daraus macht. Bis dahin wird es für den einen oder anderen vielleicht aber doch überraschend sein…


Krömer beweist Fantasie mit dieser Geschichte, die im kleinen homunculus-verlag in Erlangen erschienen ist. Das Buch ist mit viel Liebe gestaltet, durchgängig mit Abbildungen aus dem medizinischen Bereich illustriert (auch wenn mir der Zusammenhang mit dem Text nicht immer klar geworden ist) und in der Bodoni Antiqua gedruckt.. Allein schon das Blätter in der Ausgabe macht Lust.

Inhaltlich kurz vor dem Beginn des zweiten Weltkrieges angesiedelt, finden ein paar der damals kursierender Ideen und Theorien Erwähnung. Sei es nun die Theorie von der Hohlwelt, die allerdings bei den Nazis möglicherweise ob ihrer amerikanischen Ursprung keine große Anhängerschaft fand [3] oder natürlich an vorderster Stelle die Idee, im Norden die Heimat des Urariers zu verorten und ihn dort nachzuweisen, des Stammvaters aller Person „deutschen oder artverwandten Blutes“, wie es seit 1935 in den Nürnberger Gesetzen offiziell hieß. Nun, ein Unternehmen, daß Krömer in seiner Darstellung grandios scheitern läßt. ba-PAAA!

Natürlich, das darf nicht unerwähnt bleiben, ist die Verwandtschaft der Krömerschen Romanhandlung mit dem berühmten Verneschen Werk von der Reise zum Mittelpunkt der Erde [4] nicht zu übersehen. Beide Reisen nehmen in Island ihren Anfang und führen tief in das Erdinnere hinein, wo beide Expeditionen auf unbekannte Welten stoßen, mit unbekannten Bewohnern und unbekannten Speisen…. sicherlich ließe sich dieser Vergleich beider Romane noch weiter ausbauen…

Ansonsten enthält das Buch natürlich auch andere Elemente, die die Spannung hochhalten, Streit und Zwist bis hin zu Mord und Totschlag beispielsweise, auch kommt die Liebe unter den Expeditionsteilnehmer nicht zu kurz…. ba-PAAA!


Das Ganze ist eingepackt in eine Art Rahmenhandlung, in der der Erzähler in seinem Haus Besuch empfängt, ihn nach oben in die Dachstube geleitet und ihm diese Geschichte der Expedition erzählt. Da der Besucher nur indirekt in den Fragen oder Bemerkungen des Erzählers in Erscheinung tritt und seine Identität bis zum Ende im Dunkeln gehalten wird, entsteht beim Lesen der Eindruck, man würde als Leser direkt angesprochen.

Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel ist ein sehr kurzweiliger, sehr unterhaltsamer Roman mit einer fantasievollen Handlung. Zusammen mit der schönen und liebevollen Ausstattung hat mir das Buch ausgesprochen gut gefallen, wer also Spaß hat an intelligenter, etwas skurriler Literatur, dem kann ich diesen Roman empfehlen.

Links und Anmerkungen:

[1] aus Das Lied von Grimnir (Edda: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-edda-4321/4.)
[2] Autorenblog von Philip Krömer: https://philipkroemer.wordpress.com und fb-Account: https://www.facebook.com/philip.kromer
[3] vgl hier: http://wiki.astro.com/astrowiki/de/Johannes_Lang
[4] vgl hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Reise_zum_Mittelpunkt_der_Erde

Philip Krömer und Laura Jacobi vom Homunculus-Verlag wurden auf der Leipziger Buchmesse von Uwe Kullnick (FDA) interviewt: https://radio.blm.de/radiobeitrag/fda-messe-interview-laura-jacobi-philip-kroemer-homunculus-verlag.html

Philip Krömer
Ymir
oder: Aus der Hirnschale der Himmel
diese Ausgabe: homunculus-verlag, HC, ca. 210 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

indie

frey cover

.. zu Dionysos, dem Tyrannen, schlich… nein, das ist falsch, das war hier so nicht. Zum einen war es nicht Dionysos, den zu sprechen begehrt wurde , sondern der Herr Oberbürgermeister Bock, zum anderen war es mit diesem Ansinnen wahrlich nicht Damon, sondern ein Herr mit langen gelben Locken und einer rot überhauchten Brille. Noch gar hatte dieser einen Dolch im Blaufuchs (Fell nach aussen), seinem Gewande, sondern ein knallhartes Angebot, was der  Pförtner in seiner der Inquisition entlehnten Haltung dem ihm etwas seltsam vorkommenden Bittsteller – so die Vermutung – wohl kaum unterstellte. Gutmütig sich gebend gab sich der Fremde mit dem Bescheid über die Sprechstunden des Gewünschten zufrieden und überreichte einen Brief, den diesem schon im vorab zu übergeben er den Türsteher bat.

Anderntags zum Oberbürgermeister Bock: Klar meine Absicht: wünsche, den städtischen Park zu kaufen. Dies ist der erste Punkt. Der zweite: Biete der Stadt für das Objekt dreiundsiebzig Millionen. Ein Wahnsinniger, ein Mensch, der sich einen Scherz erlaubt? Mitnichten, mitnichten… er konnte zeigen, daß er wohl die finanziellen Mittel hat, bot gar eine Zahlung in bar an, erläuterte die Modalitäten, die gelten sollen bezüglich des Kaufes und des Objektes, verweigerte weitere Auskünfte über sich und den Zweck des Kaufes und kündigte den Bau einer Mauer an, recht hoch, die den Park umgrenzen soll. Kurz, will mich vergraben – unsichtbar., wobei das Vergraben, so erwiderte der Unbekannte auf Nachfrage, seine Sache sei: werde niemanden um Erlaubnis anflehen.

Der Rat der Stadt beriet, Meinungen wallten hin und her, Argumente pro und contra wurden ausgetauscht. Das stärkste Argument jedoch lag letztlich bei dem, der sich auf Nachfrage als Hciebel Solneman vorstellte, er verdoppelte die Summe, ach was: er rundete auf. Hundertfünfzig Millionen wischten auch den letzten Zweifel hinweg, der Park, beliebt bei Jung und Alt, beim Manne so wie beim Weibe, ob der Büsche für Liebende ein gerne bewandertes Ziel, ward zum Eigentum Solnemans, über den niemand mehr wusste als das wenige, was er selbst über sich gesagt hatte, fürderhin also quasi nichts.

Eines wenn ich bitten darf, ist strikte zu beachten: Verlange noch eine Leistung, von der gesamten Bevölkerung geleistet.. Die ist: Ruhe, Abgeschiedenheit. Bin für die Stadt nicht vorhanden, für niemanden und niemand ist für mich vorhanden. … vorzüglich das Recht, ich selbst und allein und ungestört und einsam zu sein. Niemandes Bruder bin ich, bin niemandes Neugier, niemandes Fürsorge, niemandes Betulichkeit. Dies vor allem.

Nimmt es wunder, daß darob Gerüchte sprossen über seine Herkunft, seinen Reichtum und sein Metier, die im einzelnen wiederzugeben ich hier unterlasse… Möge das der interessierte Leser selbst durch Studium des Textes eruieren….

Jedenfalls, der Kauf, der Verkauf, galt.  Es ward eine Mauer gebaut von Solneman, der gut vorbereitet schien für sein Vorhaben, und was für eine Mauer! Dreißig Meter in die Höhe umspann sie die den einst die Bürger der Stadt erfreuenden Park auf fünf Kilometer Länge, oben, an der Brüstung, die sämtliche angrenzenden Häuser überragte, noch elf Meter breit! Keine Tür, kein Tor war zu sehen, die Aussenwand, vom Bau her kahl und häßlich, wurde mit Pflanzen berankt und mit seltsam anmutenden Figuren und phantastischen Bildern bemalt. Und im Park selbst? Solneman lebte dort drinnen, das wusste man und eine riesige Frau mit Melaninhintergrund in der Epidermis (die ich im folgenden der Verständlichkeit halber und sozusagen als ein dem Roman entnommenes Zitat politisch unkorrekt als Negerin benennen werde) – aber was sich sonst dort tat? Man frug es sich allenthalben… Möbelwagen unbekannten Inhalts kamen zuhauf und wurden von der Negerin durch geheimnisvoll sich in der Mauer öffnende Tore ins Innere gelotst, ebenso Tiere aller Art, Gnus, Tiger, Elefanten – um nur einige zu nennen.

Eine Frage lag in der Luft und schrie förmlich nach Antwort: War die öffentliche Ordnung in Gefahr? Was des Einschreitens Notwendigkeit gegeben? Handeln vonnöten? Indes: breit machte sich eine gewisse Ratlosigkeit bei denjenigen, die in der Verantwortung standen, man hatte schließlich einen Vertag geschlossen und zugesichert, daß…

Bei den Menschen jedoch obsiegte die Neugier und die aufkeimende Abneigung gegen denjenigen, der sich so absonderte, der so sonderbar sich abgrenzte, den niemanden sah, den niemanden erkennen konnte. Jeder konnte Solneman sein und wie oft wurde irgendein armer Wurm „erkannt“ und gejagt von den Menschen, welches froh war, einen jagen zu können, bis dieser zitternd eingeholt und nur beteuern konnte, jener nicht zu sein…. und ward er tatsächlich einmal gestellt, dieser Solneman, und eingekreist, so entpupte sich der mühsam gefangene als Strohmann, dem eine Maske aufgesetzt und Locken. Solneman blieb ein Rätsel und somit ging Gefahr von ihm aus. Zu allem konnte er fähig sein, bis hin zum Lustmord, den man ihm zutraute. Sollte der Täter nach Zeugenberichten zwar  groß und breit sein – Solneman war klein und schmal – aber war es nicht auch so: Diese Leute reden das ungereimtestes Zeug zusammen, wenn es sich um das Ausmaß handelt. Wichiger ist die Aussage, daß der Täter seine Züge zu verhüllen strebte. Wie sieht das doch diesem Scheusal im Parke ähnlich!

Mit seltsamen Unternehmungen verblieb Solneman stets im Gespräch der Bürger: mit automobilen Rennen entlang der Brüstung, die er anfänglich solo, dann aber in selten korrekter Choreographie gegen die riesige Negerin fuhr…. später, nachdem er die Brüstung geflutet, entsprechendes Treiben mit Booten… Bleich und unheimlich zeigt er sich nächtens hin und wieder auf der Brüstung, hinabschauend auf die unter ihm liegende und schlafende Stadt….

Was unternahm man nicht alles im Laufe der ins Land ziehenden Wochen, hinter das Geheimnis im Park zu kommen… einzelne fassten Mut und irwitzige Pläne, den Park zu überfliegen, die Mauer zu untertunneln, den durch den Park fließenden Bach zu durchtauchen, die Steinwall an den Ranken zu erklettern, mit einem fahrbaren Turm die Mauer zu übertreffen… allein: all diese kühn geplanten Unternehmungen scheiterten daran, daß Solneman rechtzeitig probate Gegenmittel fand und die anscheinend auf der Innenseite der Mauer herum freilaufenden Tiger taten ihr übriges….

Mit List versuchte man Solneman hinaus zu locken in die Stadt. Der Kaiser auf seinem Besuch wünschte den Geheimnisvollen, dessen Existenz ihm kund und zu Wissen getan worden war, zu sehen – auch dieser Plan scheiterte, denn obschon der Gesuchte der amtlichen Aufforderung, sich zu diesen Termin im Amt einzufinden, gehorsam nachzukommen sich anschickte, wurde er angesichts des überreichlichen Schmuckes, welcher zu Ehren seiner Majestät angebracht (im übrigen, was er sich vielleicht denken konnten, von „seinem“ Gelde) worden war, misstrauisch und kehrte folgerichtig um…

… und auch das Versprechen körperlicher und herzlicher Zuneigung, die einem gewiss doch sehr einsamen Mann hinter der Mauer durch ein junges Weib (ausgerechnet der Tochter des Oberbürgermeisters) in Aussicht gestellt worden war, prallte letztendlich an Solneman ab.

Immer rabiater wurden die Bürger diesem Verbrecher gegenüber (als solchen nämlich hatten sie ihn mittlerweile erkannt), man verübte ein Attentat, herausgehoben aus feindlichem Geist und geduldet von der Stadt…. irgendwann schoss man ihm eine Rakete in die Mauer, das Wasser, das in der Brüstung schwappte, fand durch das Loch einen Weg nach draußen und überschwemmte die Stadt, die so zu einem temporären Venedig wurde….

Nun scheute man vor keinen Mitteln mehr zurück. Das Militär wurde zur Unterstützung herangezogen, schien doch des Morgens auf der Brüstung am Galgen, den Solneman schon beim Einzug zur Abschreckung montierte, Lt. Eckern-Beckenbruch zu hängen. Man erstürmte den Park, der entgegen aller Erwartung, nein: Befürchtung den Invasierenden gleichwohl einen Anblick bot, wie er ihn auch vor der Zeit Solnemans innehatte. Abgesehen von den grasenden Tieren hatte sich nur wenig verändert…. einzig einige Götzenbilder waren aufgestellt, abscheulicher Natur übrigens…. und da war er dann: Solneman, inmitten der Möbelwagen, die zu einem Kreis formiert geparkt hinter seinem Haus standen… Lt. Eckern-Beckenbruch im übrigen wurde, um den werten Leser nicht mit einem falschen Verdacht gehen zu lassen, nackt zwar aber unbeschädigt im Kreise mehrerer Affen in einem der Häuser des Parks aufgefunden, frohen Mutes und damit beschäftigt, den neugierigen und an ihm interessierten Affen keinen Vorwand zu liefern, ihn genauer zu untersuchen.

Einen Brief fand man noch zum Abschied des Ungeliebten, des so lästig Gewordenen: … Eure heiligen Gesetze haben es nicht vermocht, mich zu schützen. Eure Versprechungen sind nicht gehalten worden. .. stand dort. Und weiter: Ich gehe. Und er endete mit: Ich schaue gelegentlich nach dem Rechten. Behaltet mich lieb. Hciebel Solneman.


Im einem Nachwort (“Namenlos lebe ich oder die Verurteilung zur Utopie”) referiert Friedemann Berger über den heute kaum noch bekannten Autoren Alexander Moritz Frey (*1881 in München bis 1957 in Zürich) und sein Werk [1]. 1909 las dieser unbekannte Dichter in München (zu dieser Stadt ist auch mancher Bezug aus dem Text) aus dem Manuskript seiner noch unveröffentlichten Erstlings vor Publikum, aus dem Thomas Mann aufstand und ihn, als er enden wollte, zum Weiterlesen aufforderte. Zwischen den beiden entwickelte sich eine Freundschaft. Nur kurz noch weitere Lebensstationen Freys: er war Sanitäter im 1. Weltkrieg und Regimentskamerad von Hitler, später lehnte er ein Angebot zur Mitarbeit im „Völkischen Beobachter“ ab, 1933 emigrierte er, im Mai dieses Jahres gehörten Bücher von ihm zu denjenigen, die in die Flammen geworfen wurden [1] – wo nicht nur Bücher verbrannten, sondern auch die Autoren in die Vergessenheit gestoßen wurden.

Solneman der Unsichtbare jedenfalls wurde 1914 veröffentlich und ist in seiner Art und zu diesem Zeitpunkt natürlich auch eine Persiflage auf das deutsche (Kaiser)Reich und seine bürgerliche Gesellschaft. Jenem Kaiser widmet Frey ja eine eigene Episode seines Buches, in der er als Besucher der Stadt, die für ihn feierlichst geschmückt wurde, den Unbekannten, gleichwohl Berühmten zu sehen wünscht (.. auch Majestät leiden an dieser fressenden Neugier…) oder wie es Frey mit einem wunderschönen Ausdruck formliert: Majestät wollten Solneman beaugenscheinigen.

Aber stärker als der Kaiser ist die bürgerliche Gesellschaft Gegenstand des Romans. Eine Gesellschaft, die sich für viel Geld ihr Liebstes abkaufen läßt, die bereit ist, auf alle Bedingungen, die damit verbunden sind, einzugehen, die mit dem vielen Geld dann Tand und Talmi finanziert, Schmuck für den Kaiser, Denkmäler etc pp – und die dann doch nicht willens ist, das Fremde zu akzeptieren und in seiner Eigenart in seiner Mitte zu dulden. Sukzessive wird das Fremde, Unbekannte über das Ungeheuer zum Verbrecher, den man mit feindlichem Geist begegnet. Es ist eine Spießergesellschaft, die Großzügigkeit nicht kennt, die sich nur mit der Verhängung von Ordnungswidrigkeitsstrafen und dem Ignorieren der eigenen heiligen Gesetze (so Solneman) zu wehren weiß und die kleingeistig buchstäblich gegen die Mauer der eigenen Beschränktheit anrennt.

Solneman dagegen ist Individualist, er will allein sein und kann sich finanziell erlauben, sich einen entsprechenden Freiraum zu kaufen – und ihn gegen die Gesellschaft abzugrenzen. Er will fremd bleiben – nicht primär um Fremder zu bleiben, sondern um nichts von sich abgeben zu müssen, keine Kompromisse eingehen zu müssen und sein Leben so leben zu können, wie er es will. Daß er damit zum Fremdkörper wird in dieser Gesellschaft, die Fremdes nicht akzeptiert, ist vorprogrammiert. Es stoßen an dieser Stelle zwei fundamentale Bestrebungen aufeinander: die des Individuums, nach seinen eigenen Regeln leben zu können und die einer Gesellschaft, die davon ausgeht, daß jeder gewisse grundlegende und allgemein anerkannte Regeln zu befolgen hat, ohne die eine Gemeinschaft nicht (zumindest nicht als Gemeinschaft) funktioniert – ein Konflikt mit Ewigkeitscharakter, der sehr aktuell ist….

Im seinen Roman selbst formuliert Frey seine Handlung und seine Geschichte mir überbordender Phantasie, die gelegenlich die Gesetze der Logik und Natur überwindet. Immer weiter treibt er sein Spiel mit uns Lesern, immer noch grotesker, immer noch skurriler werden seine Ideen, Langeweile kommt beim Lesen sicher nicht auf. Immer wieder auch spielen Episoden mit Solneman im Bereich von Künstlern und Schaustellern (München war eine ausgesprochene Kunst- und Künstlerstadt), Artisten, die sich lebend begraben lassen, eine Springtaucherin tritt auf (und geht dann unter…), Verkleidungen, Masken, Perücken: Frey spielt die gesamte Klaviatur fantastischer Einfälle durch – in der von mir besprochenen Ausgabe im übrigen wunderschön illustriert von Ulrich Tarlatt ([2], siehe Cover). Wenn sich jemand den Roman besorgen will, sollte er schauen, daß er vielleicht diese, noch in der DDR erschienene Ausgabe bekommt.

Wer letzten Satz als Empfehlung ansieht, diesem Roman ein paar Stunden Lesezeit zu widmen, liegt richtig: der Unsichtbare und Namenlose Hchebel Solneman ist es allemal wert, zur Kenntnis genommen zu werden.

Vielleicht sollte ich aber zum Ende hin doch noch ein paar Worte über die Sprache, der sich Frey bedient, verlieren. Der Satzbau ist oft ungewöhnlich und zwingt zur Aufmerksamkeit, die Wortwahl ist zwar präzise und klar, verharrt aber mit vielen Fragen in einem Raum der Spekulation, der wortmächtig mit Bildern ausgeschmückt ist. Als Beispiel zitiere ich hier einen willkürlich ausgewählten Abschnitt aus einer Episode, in der von aussen im Park Feuerschein und Licht zu beobachten ist: Manchmal des Nachts hörte man auch Schreie, Pfiffe, ein gellendes Lachen aus dem Park über die Mauer dringen. Die Laute begleiteten schauerlich den feurigen Wirrwarrr, der bald in mächtigen Springquellen himmelan loderte, bald kurz aufschießend die gemarterten Wolken durchzuckte. …. die entsetzten Horcher waren sich nicht einig, ob sie Tierstimmen oder Menschenlaute vernahmen, die so fürchterlich zusamt dem Feuer in die Nacht und in die Straßen quollen.

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Beitrag zu Alexander Moritz Frey:  https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Moritz_Frey und ebenfalls sehr lesenswert (Frey war im Ersten Weltkrieg Regimentskamerad von Hitler): Tomas Fitzel: „Ich sagte: nein – und machte mir Feinde“ in: http://www.deutschlandradiokultur.de/ich-sagte-nein-und-machte-mir-feinde.1013.de.html?dram:article_id=246074
[2] Ullrich Tarlatt sorgt dafür, wie man hier sehen kann, daß der gute Solneman nicht vergessen wird…  http://www.pulz.de/galerie/tarlatt/ulrich/index.html

Alexander Moritz Frey
Solneman der Unsichtbare
Mit 29 Zeichnungen von Ulrich Tarlatt
und einem Nachwort von Friedemann Berger
Erstausgabe: München, 1914
diese Ausgabe: Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig und Weimar, HC, ca. 305 S., 1987

Diese Buchvorstellung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern erschienen.


Alfred Leopold Isidor Kubin (1877 – 1959), Aufnahme 1904 von Nicola Perscheid, Bild gemeinfrei, Quelle: Wiki

Alfred Leopold Isidor Kubin (1877 – 1959), Aufnahme 1904 von Nicola Perscheid, Bild gemeinfrei, Quelle: Wiki

Alfred Kubin (1877 – 1959) ist vor allem als graphischer Künstler und Buchillustrator bekannt, er illustrierte unter anderen Werke von E.T.A. Hofmann, Edgar Allen Poe, Elias Canetti und Voltaire. Von daher stach mir in der Grabbelkiste diese ansonsten unscheinbar aufgemachte Ausgabe seines einzigen Romans Die andere Seite sofort ins Auge. Die andere Seite ist ein phantastischer Roman, was jetzt noch keine Bewertung darstellt, sondern sich auf seine Einordnung in ein Genre bezieht. Glaubt man der Literaturkritik – und warum sollte man das nicht tun – stellt es sogar einen viel zu wenig geachteten Schlüsselroman dar, der nicht nur Schriftsteller wie Kafka oder Meyrink beeinflusste. Und tatsächlich gibt es Passagen zuhauf im Text, bei denen man unwillkürlich an bekannte Schriftsteller erinnert fühlt.

Alfred Kubin – Die andere Seite, Verlagseinband der Erstausgabe von 1909; Bildquelle: [B]

Alfred Kubin – Die andere Seite, Verlagseinband der Erstausgabe von 1909;
Bildquelle: [B]

Der Roman wurde 1909 erstmalig veröffentlicht. Ich will mich hier mit Angelesenem zur Werksgeschichte aufhalten, wer da mehr erfahren möchte, sei auf die Ausführungen von Ruthner in [4a] verwiesen.

Der im gesamten Buch namenlos bleibende Ich-Erzähler, wie Kubin ein Graphiker, Zeichner und Illustrator, lebt mit seiner jungen Frau in München. Er bekommt eines Tages Besuch von einem ihm Unbekannten, der sich als Franz Gautsch vorstellt und ihm eine Botschaft eines ehemaligen Mitschülers, Claus Patera, überbringt. Obschon die beiden sich aus den Augen verloren haben, kann sich unser Protagonist noch gut an diesen Schulkameraden erinnern. Die überbrachte Botschaft ist einigermaßen seltsam: Patera, anscheinend ein erklärter Feind alles Fortschrittlichem, durch eine Erbschaft im fernen China, in das ihn ein bemerkenswertes Schicksal verschlagen hatte, unermeßlich reich geworden, habe dort viel, sehr viel Land erworben, auf dem er durch eine große Mauer gegen die Umwelt abgegrenzt, ein eigenes Reich gegründet, das Traumreich. In dieses zu kommen und dort zu leben sei der Protagonist eingeladen – selbstverständlich zusammen mit seiner Frau: Claus Patera, absoluter Herrscher des Traumreichs, beauftragt mich als Agenten, Ihnen die Einladung zu Übersiedelung in sein Land zu überreichen. 

Ist es verwunderlich, daß der Erzähler dies mit Unglauben vernimmt, an einen Scherz glaubt? Doch scheint der Bote keinen Schabernack zu berichten, kann seine Ausführungen glaubhaft machen und die hunderttausend Taler, die er übergibt, um Unkosten der Reise etc pp zu begleichen tragen beim Erzähler dazu bei, den Entschluss zu fassen, die Einladung anzunehmen, den Hausstand aufzulösen und mit Frau, Sack und Pack der empfohlenen Reiseroute folgend ins Traumreich zu fahren.

Es ist eine anstrengende Reise nach Osten, das Ziel liegt weit entfernt, wir werden im Verlauf des Geschehens erfahren, daß man von dort die Gletscher des Tienschan erblicken kann [5]… Nach einer mehrtätigen, anstrengenden und ermüdenden Reise erreicht das Paar endlich das Ziel: das in eine nie enden wollende Düsternis gehüllte, weil ewig von einem wolkenverhangenen Himmel ohne Sonne und ohne Sterne bedeckte Traumland, das geheimnisvolle, ummauerte Land mit seiner Hauptstadt „Perle“, von dessen Existenz niemand ausserhalb etwas ahnt….

Die Übersiedlung nach Perle war nicht nur geographisch eine lange Reise, nein, auch die Zeit, in der man in Perle lebt, ist schon lange vorbei. Mit einiger Verwunderung und auch Verärgerung erfahren die beiden Ankömmlinge, daß in Perle keine „modernen“ Dinge geduldet werden bis hin zu modischer Kleidung. Alle Menschen wanden sich derart, wie es in vergangenen Zeiten Mode war, mit Wämsern, Fräcken und Röcken aus alten Zeiten. Überhaupt ist viel Merkwürdiges zu sehen: viele Menschen mit Gebrechen und Malen, die Häuser und Gebäude scheinen alle alt zu sein, windschief und gebeugt. Sie wurden von Patera aus aller Welt zusammengetragen, sorgfältig am ursprünglichen Ort ab- und im Traumland wieder aufgebaut. Viele Monate später erst soll der Protagonist erfahren, nach welchem Gusto Patera die Häuser aussuchte…. Aber die Gebäude, das Aussehen und die Art der Menschen – es ist nicht das einzige Seltsame, an das der Protagonist sich gewöhnen muss, auch das Verhalten der Leute, ihre Ansichten, ihr Wirtschaften – ja, ihr gesamtes Leben gestaltete sich grundverschieden vom Gewohnten. … die besseren waren Menschen von übertrieben feiner Empfindlichkeit. Noch nicht überhandnehmende fixe Ideen, wie Sammelwut, Lesefieber, Spielteufel, Hyperreligiosität und all die tausend Formen, welche die feiner Neurasthenie ausmachen, waren für den Traumstaat wie geschaffen, bei den Frauen zeige sich die Hysterie als häufigster Erscheinung. Die Massen waren ebenfalls nach dem Gesichtspunkt des Abnormen oder einseitig Entwickelten ausgewählt…..

Es gab durchaus hier auch Unterschiede, was den Besitz und das Vermögen anging, aber Geld spielte nicht wirklich eine Rolle in Perle, auch die Taler, die der Protagonist aus der Heimat mitbrachte, waren eines Tages nicht mehr zu finden… Es gab bessere Viertel in der Stadt, es gab auch das französische Viertel, in dem die Sitten lockerer waren und mit Häusern, in denen mann selbige und andere Behandlungen ordern konnte – nicht ganz ungefährlich war es dort, keineswegs war die Stadt frei von kleinen Gaunern und Ganoven. Seltsame Riten waren zu beobachten, denen man sich – und der Erzähler spürte dies am eigenen Körper – nicht entziehen konnte, ein innerer Zwang trieb einen unentrinnbar zur Teilnahme, eine dämonische Macht, die kein Entrinnen kannte… des weiteren erwähnenswert sind die die vor der eigentlichen Stadt Perle wohnenden Einheimischen, asketische, in sich ruhende Menschen, die sich anscheinend völlig der inneren Versenkung hingaben.

Einzig Patera, der Herr, trat nicht in Erscheinung. Zwar hatte er den Protagonisten durch seinen Boten eingeladen, doch war es schier unmöglich, ihn zu besuchen. Dazu wäre eine Audienzkarte notwendig gewesen, aber um eine Audienzkarte zu erhalten – so beschied man dem Erzähler –  brauchen Sie außer dem Geburts-, Tauf- und Trauschein das Schulaustrittszeugnis Ihres Vaters, die Impfbestätigung Ihrer Mutter. Im Korridor links, Amtszimmer Nummer sechzehn, machen sie ihre Angaben über Vermögen, Bildungsgang und Besitz von Orden. ein Leumundszeugnis Ihres Schwiegervater ist erwünscht, aber nicht unbedingt erforderlich. Könnte dieses Beispiel für eine Komödienobrigkeit nicht auch von Kafka stammen? Zumal der Erzähler später dann feststellt, daß am Palasttor ein Schild hängt mit den Zeiten für die täglichen öffentlichen Sprechstunden Pateras, die unser Traumstaatler verwundert zur Kenntnis und natürlich wahrnimmt… im Palast sind nicht enden wollende Zimmerfluchten zu durchqueren bis das letzte Zimmer nicht weiterführt und tatsächlich trifft er den Geheimnisvollen, den Herrn: Patera.. doch dieser ist viele, Patera ist jeder, das Gesicht des Herrn ist das Gesicht aller, alle Gesichter spiegeln sich in ihm wieder…

Ist die erste Zeit in Perle für den Erzähler durchaus interessant und ihn inspirierend, so wächst im Lauf der Zeit doch ein ungutes Gefühl in ihm heran. Seine Frau verläßt die Wohnung, die sie sich genommen haben, kaum noch, sie leidet vielmehr unter Angstzuständen, unterliegt Halluzinationen, z.B. soll sich etwas im Brunnen auf dem Hofe bewegt haben. Sie zu beruhigen geht der Mann diesem nach und gerät wieder in eine Situation, die klaustrophobisch und beängstigend ist: in einem unterirdischen Labyrinth aus dusteren Gängen irrt der Mann orientierungslos daher, wird von einem dem Wahn nahen Pferd verfolgt und überholt und findet sich schließlich im Caféhaus wieder….

Schließlich erkrankt die Frau fiebrig, eine Reise in die Berge, um dort Linderung und Besserung in der frischen Bergluft zu erreichen, wird abgebrochen: je weiter Perle hinter ihnen liegt, desto schlechter fühlt sich die Frau; bald nach der Rückkehr jedoch stirbt sie trotz aller Bemühungen. Aber noch am Abend ihrer Bestattung überfällt den Erzähler ein kristallklarer Wahn und er paart sich mit Melitta, der Frau des Arztes, wobei man nicht erkennt, wer von beiden nun wen — nun ja, animiert…

Die ersten beiden der drei Abschnitte, aus denen der Roman besteht sind „Der Ruf“ und „Perle“, letzter enthält eine Beschreibung des täglichen Lebens im Traumstaat, der Menschen und der Besonderheiten. Der letzte Abschnitt nimmt fast den halben Umfang des Buches ein, er heißt „Der Untergang des Traumreiches“ und beschreibt minutiös das apokalyptische Ende dieses seltsamen Staates.

Eingeläutet wird dies durch den „Amerikaner“, den ebenfalls unermesslich reichen Herkules Bell. Dieser hatte sich lange Jahre bemüht, das Traumreich zu finden und die Erlaubnis, dort hinzuziehen, zu bekommen. Als ihm dies endlich gelungen ist, ist er um so enttäuschter ob der Verhältnisse, die er vorfindet und vor allem ob der Rückständigkeit. Bell (schon sein Name sticht von den eher umständlichen und romantischen Namen der Traumreichbewohner ab) wird zum Gegenspieler Pateras, ist ähnlich dämonisch, obgleich mehr der Welt zugewandt als der Herr. Er wehrt sich gegen die Umstände, ihm gelingt es, sich dem „Bann“ zu entziehen und Getreue um sich zu versasmmeln. Eine Proklamation, in der er den Bewohnern Perles erklärt, welchem mysteriösen und dämonischen Herrn sie ergeben sind und wie dieser seine Herrschaft ausübt, und die ferner den Aufruf enthält, dieses Joch abzuwerfen, spaltet die Menschen in zwei Lager: die Anhänger Pateras und der herrschenden Ordnung und die von Bell, die sich in dem von ihm gegründeten politischen Verein „Lucifer“ sammeln…

Wie schon erwähnt, ahnt man ausserhalb des Traumstaates nichts von seiner Existenz, wenngleich in der letzten Zeit das spurlose und auch rätselhafte Verschwinden auch einiger Prominenter, zu nennen wäre hier an erste Stelle die Prinzessin von X, Fragen aufgeworfen hat. Bell gelingt es nun, einen Boten aus dem Traumreich zu schleusen, der die Proklamation in den Staaten der Welt bekannt macht, die sich daraufhin zum Handeln genötigt sehen und zum Krieg gegen Pateras Staat rüsten.

Dies ist aber eine eher marginale Rahmenhandlung, denn das Traumreich Pateras scheint sich selber von innen heraus aufzulösen und förmlich zu verdauen: alles Metallische fängt an zu rosten, Steine und damit die Gebäude zerfallen zu Staub, Holz wurde wurmstichig und morsch, die Kleidung wurde mürbe, zerfaserte und fiel stückweise von den Leibern. Stadt und das Land werden von Tieren überrannt, Krokodile im Fluss, Schlangen und Ratten, Pferde und Leoparden scheinen die Herrschaft über das Geschehen zu übernehmen…

Doch nirgends spiegelte sich der unerhörte Zerfall des Traumreiches deutlicher als in den Sitten, deren Schauplatz Mme. Adriennes beliebtes Institut in französischen Viertel war, …. die Sittlichkeit war tief unter ihr Normalniveau gesunken, Pornographika mit Titeln wie „Die wollüstige Orchidee schwängert den Embryo“ finden reißenden Absatz… diese erotische Komponente in den Schilderungen des Zerfalls ist stark ausgeprägt, Kubin beschreibt Szenen, die später eines Batailles würdig gewesen wären: , … Wie bei einem Hexensabbat humpelte und kroch die widerliche Meute immer näher an die Bedrängten [Klosterschwestern]. Ein noch ganz junges, schönes Mädchen setzte sich zur Wehr und schlug einem Kerl mit einem Doppelkropf ein Auge aus. Zur Strafe wurde sie auf eine eiserne Bettstelle gebunden. Kreaturen, strotzend von Ungeziefer, mit abgefressenen Nasen, eiterigen Augen, faustgroßen Geschwüren, Krätzeschorf, beugten sich über die Gefesselte, die während dieser Schändung erst wahnsinnig wurde und dann starb. ….

Heftige Kämpfe fanden zwischen den Aufständlern und der Armee statt, das Militär besiegte die Aufständischen, die Schwachen wurden von den Stärkeren niedergetrampelt, es fielen Hufschläge, daß die Gedärme spritzten und übler Dampf sich verbreitete. …. Manchmal blitzt auch eine Art unfreiwilligen Humors, skurril und makaber, durch Kubins Phantasmagorie. Das Schicksal des Arztes Lampenbogen beispielsweise wollte es, daß er von seinen rebellierenden Patienten mit Hilfe eines Gasrohres gepfählt und danach angezündet wurde: So endete Lampenbogen seine  Existenz als Spießbraten, und zwar als schlechter; der obere Teil war größtenteils roh, kaum gebräunt, die Bauchteile dagegen gänzlich verkohlt. Nur an den Seiten war er richtig knusprig.

Es kommt zu einem finalen Kampf zwischen Patera und Bell, eine wahrhaft gigantische Auseinandersetzung, Patera wächst zu einer Größe heran, bei der Gebirge wie Schlamm zur Seite spritzen, wenn er mit seinen Füßen auf sie tritt… und doch kann er Bell nicht besiegen…. über dem Traumstaat verziehen sich zum ersten Mal die Wolken und die Düsternis verschwindet, Sonnenstrahlen überstreichen das Land und des Nachts sieht man Sterne funkeln.

Der Demiurg ist ein Zwitter.

Das Phänomen Patera läßt Kubin ungelöst. Vielleicht, so deutet er an, war Patera selbst nur eine Marionette, eine Figur in einem Spiel, das die Blauäugigen spielten, die seit ewigen Zeiten in diesem Land leben und unter Patera in der Vorstadt wohnten und dort in aller Versunkenheit der Meditation nachgingen. Der Erzähler selbst hatte schwere innere Kämpfe auszufechten, seine eigenen Träume wollten seinen Geist überwuchern, seine Identität auslöschen, ihn in andere Zeiten und Gegenden entführen. Es waren Abgründe, denen er sich willenlos preisgegeben sah…. einzig der Gedanke an den Tod erquickte ihn, an das eigene Sterben dachte ich wie an die größten, himmlischen Freuden, die ewige Hochzeitsnacht wäre dann angebrochen. Schließlich erkannte er, daß die Welt Dualität, Polarität ist, abstoßende und anziehende Kräfte herrschen, Tag und Nacht, schwarz und weiß – das sind Kämpfe. 
Die wirkliche Hölle liegt darin, daß sich dies widersprechende Doppelspiel in uns fortsetzt. Die Liebe selbst hat einen Schwerpunkt zwischen „Kloaken und Latrinen“.


Die andere Seite: von Kubin geschrieben einer persönlichen Schaffenskrise [2] stellt den Traum in den Mittelpunkt. Die „Traumdeutung“ ist ja nicht erst mit Freud [6] ins Leben gerufen worden, Träumen wurde schon seit alters her eine Bedeutung zugebilligt, die es zu deuten galt [6], denn nichts in ihnen ist klar und deutlich zu erkennen, der ewig verdeckte Himmel über dem Traumstaat ist ein Bild dafür. Träume haben ihre eigene Logik, sie sind voll von Bildern und Symbolen. So auch der Roman, der insofern in vielfältiger Weise interpretierbar und auch auf heutige Verhältnisse anwendbar ist. Der Traumstaat selbst beispielsweise, der sich von der Aussenwelt abschottet, ja, der gar kein Interesse mehr an dieser hat, die jedoch ihrerseits ebenfalls kein Wissen über dieses Gebilde hat – kann man dies nicht als Bild nehmen auch für Sekten oder andere Organisationen, die sich durch eine gemeinsame Überzeugung definieren?

Das zweite Thema der Geschichte ist die die Welt beherrschende Polarität und Dualität, wie es Kubin seinem Erzähler in dessen Epilog in den Mund legt. Zum Leben gehört der Tod, zur reinen Liebe auch die dunkle Seite des Unrats und der Verderbnis – ein Thema, das sich dann bei den Surrealisten ja auch wiederfindet [7]. Folgerichtig läßt Kubin die Frau des Protagonisten, von der man annehmen kann, daß zu ihr die Liebe „rein“ war, sterben und ihren Mann, bzw. Witwer, noch in der Begräbnisnacht eine andere Frau begatten, die ihrerseits immer tiefer in den Sumpf erotischen Zwangs gerät, bis sie letztlich an diesem ausgelebten Trieb stirbt.

Weite Passagen des Romans sind von erotischem geprägt. Angefangen von den rätselhaft zerfallenen Kleidern der Menschen, die diese natürlich unbekleidet zurücklassen, über das französische Viertel bis hin zu den Szenen des Gesellschaftsschlafs, bei dem unter dem Deckmantel des sich gegenseitig Wärmens der zerstörerische Entfesselung der Triebe unter der gemeinsamen Decke, mit der man sich in der Not im Zelt bedeckte frönte. Nichts wurde verschont, weder Familienbande noch Krankheit und Jugend. Kein menschliches Wesen konnte sich dem elementaren Trieb entziehen, man suchte gierig vorgequollenenen Auges eine Körper, um sich an ihn anzuklammern. .. Stöhnen und Ächzen war ringsumher….. ein Meer von nacktem Fleisch wallte und zitterte…. konvulsivischem Schauspiel.. versuchten die Betrunkenen, sich kolonnenweise zu paaren…  auch hier ist es nicht nur der pure Fleischtaumel, den Kubin beschwört, dieser ist wieder mit exzessiver Gewalt verbunden: … zu meinem Entsetzen gewahrte ich, daß eine gelbhaarige Dirne einen Betrunkenen mit den Zähnen entmannt hatte… Der Blutdurst erwachte…

Der Traumstaat ist ein dunkles Gebilde, ein Reich des Abnormen, des Kranken, vorwiegend nervlicher Natur (wobei nicht klar ist, ob und wenn ja, an welchem Gebrechen der Erzähler leidet), ja, auch des Bösen: weggesperrt, isoliert und sich selbst überlassen, bleiben die Bewohner unter sich: eine riesige autarke Verwahranstalt.


Die andere Seite ist vieles: ein fantastischer Roman, ein Abenteuerroman, eine Dystopie, möglicherweise auch eine Kritik an der seinerzeit herrschenden Gesellschaft. Was der Roman aber auf jeden Fall ist: er ist unbedingt lesenswert und empfehlenswert, nicht zuletzt weil man als Leser hier Vorgaben findet, die von anderen Schriftstellern aufgegriffen und weiterentwickelt worden sind und die sich in deren Werk wiederfinden. Zudem ist er spannend und unterhaltsam, überbordend an phantastischen Einfällen – auch wenn man beim Lesen einiger Passagen mit einem etwas robusterem Wesen gut bedient ist…

Wenn man sich den Roman anschaffen möchte, sollte man auf jeden Fall darauf achten, eine illustrierte Ausgabe [3] zu bekommen – notfalls antiquarisch.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Person Alfred Kubins:  http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Kubin
[2] Wiki-Seite zum Buch:  http://de.wikipedia.org/wiki/Die_andere_Seite
[3] Sammlung der zum Buch gehörigen Zeichnungen:  https://www.flickr.com/photos/
[4] Texte zum Roman:
a)  Clemens Ruthner: TRAUMREICH Die fantastische Allegorie der Habsburger Monarchie in Alfred Kubins Roman Die andere Seite (1908/09)http://www.kakanien-revisited.at/beitr/fallstudie/cruthner4.pdf
b) Anlässlich der Neuausgabe von Alfred Kubin: »Die Andere Seite« (mit Link-Service);  http://molochronik.antville.org/stories/1910201/
[5] bei dieser Reisebeschreibung gelingt Kubin ein wunderbarer Satz, der ihn – er selbst konnte dies natürlich noch nicht erahnen – in die Höhen eines Bruce Lee („Ich mach´ sie mit Karate fertig“) oder Sylvester Stallone („Was macht das blaue Licht dort?“ -„Es leuchtet blau.“) heben wird: Wie orientalische Städte aussehen, setze ich als bekannt voraus. Es ist genauso wie bei uns, nur orientalisch.
[6] Sigmund Freud: Über den Traum, Die Traumdeutung, 1900
Zedler, Universal-Lexicon (1731-54), Artikel Traum-Deuterey:  http://www.zedler-lexikon.de/...
[7] z.B. Georges Bataille: Das obszöne Werk; Buchvorstellung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/..werk/

[B]ildquelle:  Cover der Erstausgabe:  http://de.wikipedia.org/../DieandereSeite..Kubin; Urheber: Dipl.-Kfm. Thomas Bernhard Jutzas (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
Portraits: [1], Werk gemeinfrei (Schutzdauer abgelaufen)

Diese Buchvorstellung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern erschienen.

Alfred Kubin
Die andere Seite
Erstausgabe: Verlag G. Müller, München und Leipzig, 1909
diese Ausgabe: Nymphenburger Verlagshandlung München, HC, 277 S., Mit 51 s/w Zeichnungen und einem Plan, 1968

George Orwell: 1984

30. Januar 2015

1984 cover

George Orwells düstere Zukunftsvision eines totalitären Staates gehört sicherlich zu den bekanntesten Romanen des letzten Jahrhunderts. Der Titel, 1984, und vor allem aber der Leitspruch: „Big Brother (is watching you!)“ sind in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen, selbst die Nichtleser des Romans wissen, was damit gemeint ist. Und da Big Brother ja nun (Stichworte wie NSA, Snowdon bürgen dafür) tatsächlich immer umfassender am „watchen“ ist, hat dieser jetzt bald siebzig Jahre alte Roman noch nicht einmal an Aktualität verloren: noch nie waren wir so gut beobachtet wie heute.

Orwell schrieb den Roman Ende der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts, die Erstveröffentlichung war 1949. Geboren worden war Orwell 1903 in Indien, er war Eton-Schüler, diente in der indischen Militärpolizei, verließ diese aber schon nach fünf Jahren wieder, da er die Unmenschlichkeit der indischen Kolonialverwaltung nicht mittragen wollte. Danach nahm Orwell viele Gelegenheitsarbeiten an und engagierte sich für die sozial Schwachen, politisch gesehen wurde er Kommunist. Daß er auf Seiten der Republikaner im spanischen Bürgerkrieg kämpfte, dürfte bekannt sein. Die Erlebnisse in diesem Bürgerkrieg prägten ihn stark, viel davon – denke ich – floß in seinen Roman mit ein. Aufgrund seiner suspekten politischen Ansichten konnte er seinerzeit nicht in den Internationalen Brigaden kämpfen, sondern schloß sich einer kleinen anti-stalinistischen kommunistischen Miliz, der POUM an, überhaupt waren die republikanische Seite sehr zersplittert und militärische zum Teil geradezu lächerlich unbedarft, kommunistische und anarchistische Gruppierungen bekämpften sich auch noch gegenseitig. Im Verlauf der Auseinandersetzungen konnte Orwell gerade noch fliehen, der Führer der POUM, Andres Nin, wurde von stalinistischen „Inquisitoren“ zu Tode gefoltert, ihm wurde die Haut abgezogen, die Muskeln zerrissen, körperliches Leid bis an die Grenzen des menschlichen Durchhaltevermögens getrieben. Nin widerstand dem grausamen Schmerz …. innerhalb weniger Tage wurde sein Gesicht zu einer formlosen Masse aus Fleisch [3], eine menschenverachtende Brutalität, von der Orwell sicherlich Kenntnis bekommen hatte und die ihn zusammen mit den stalinschen Schauprozessen desillusioniert haben dürfte.

Die Enttäuschung Orwells über das stalinistische Regime findet direkten Niederschlag in seinem Roman… 1984 ist zweierlei: zum einen eine Beschreibung der Jetzt-Zeit, in der der Roman entstand. Kurz nach dem Krieg (gemäß der Richtlinien von Doppeldenk (Eine Tatsache ist genauso wahr wie ihr Gegenteil) wurde das Entstehungjahr ´48 durch Umdrehen der Ziffern zum Titel des Buches) herrschte großer Mangel und große Not, ein atomare Auseinandersetzung zwischen den Blöcken lag im Bereich des Möglichen und das stalinistische Regime in der UdSSR zeigte, wozu ein totalitäres System fähig ist. Diese Regime der Unterdrückung denkt Orwell in seinem Roman konsequent zu Ende.


Der Inhalt des Romans ist schnell erzählt. Die Hauptperson ist Winston Smith, ein neununddreißigjähriger Angehöriger der Äußeren Partei (die Partei gliedert sich in einen Inneren und eine Äußeren Zirkel von Mitgliedern) arbeitet im Ministerium für Wahrheit, das im Wesentlichen damit befasst ist, die Realität der Propaganda anzupassen. Diese Anpassung geschieht durch Veränderung der Vergangenheit, wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Gegenwart. Da der Besitz von Büchern etc nicht mehr erlaubt ist, hat die Partei den alleinigen Zugriff auf alle Medien, deren Inhalt jeweils systematisch den Vorgaben der Partei gemäß angepasst werden, wenn die Fakten dagegen sprechen, dann müssen sie geändert werden. Nach einer solchen Änderung existiert kein Nachweis mehr, daß zu irgendeinem Zeitpunkt etwas anders (vllt sogar konträr) war als es jetzt dort geschrieben steht. Mag der Großteil der Menschen auch barfuss laufen aus Mangel an Schuhen, der Plan für die Herstellung von Stiefeln wurde um 90% übertroffen. Wahrscheinlich, so dachte sich Winston insgeheim, wurde dagegen nicht ein einziger Stiefel wirklich produziert….

Denn Winston, dessen Eltern einer der großen Säuberungsaktionen nach dem Atomkrieg zum Opfer fielen, war ein Abweichler, ein Mensch, der noch eigene Gedanken hatte, der Zweifel hatte, der sich ein Tagebuch gekauft hatte, in das er solche Gedanken schrieb. Ganz diffus gab es da noch Erinnerungen an früher, nichts klares, definiertes, aber doch so viel, um sagen zu können, es war anders, es war – besser? Es war nicht einfach mit dem Tagebuchschreiben, denn der Große Bruder, der Mann an der Spitze, beobachtete ihn so wie jeden anderen Menschen: Teleschirme überwachen die Wohnungen, die Straßen, die Plätze, die Verkehrmittel, die Arbeitsstellen, sogar in der Natur sind geheime Mikrofone an Bäumen montiert, um geheime Gespräche belauschen zu können. Ausführendes Organ, das solche Gedankendelikte ahndet, ist die Gedankenpolizei. Niemand entgeht ihr, selbst Träume äußern sich irgendwann einmal als unbedachtes Wort und dann….

Die zwischenmenschlichen Beziehung sind durch Misstrauen geprägt, Kinder werden indoktriniert und spionieren ihre Eltern aus, Vertrauen, Freundschaft oder gar Liebe zwischen Menschen ist unerwünscht: alles hat sich auf die Parteiarbeit zu konzentrieren. Um so heftiger trifft es Winston, als er in der Hand diesen zusammen geknäulten Zettel findet, den ihm wohl die Frau hineingedrückt haben muss, als er ihr, die durch einen Verband gehandicapt war, nach einem Sturz wieder aufhalf: Ich liebe dich. Etwas Unmögliches, etwas Verbotenes, etwas Tödliches – etwas Wunderbares.

Julia ist pragmatisch, nicht so sehr intellektuell wie Winston, sie ist es, die die Treffen der beiden organisieren kann, bis sie sich in einem Wohnviertel der Proles einen geheimen, kuscheligen Ort geschaffen haben, an dem sie ihre Gefühle ausleben können…. Die Proles, Menschen, von der Partei mit Tieren auf eine Stufe gestellt, notwendig, um Arbeit zu verrichten, in Fabriken zu schuften, Krieg zu führen, den allgegenwärtigen Krieg mit einem der zwei anderen Machtblöcke. So hat der Hauptteil der Bevölkerung praktisch keine Rechte, aber unterliegt auch kaum der Beobachtung und Überwachung. So können sie ein zwar armes und entbehrungsreiches, aber doch ein Leben führen, das ihnen emotionale Freiheiten läßt – im Gegensatz zum Leben der Parteimitglieder.

Drei Machtblöcke haben sich nach dem Atomkrieg herausgebildet, die sich zwar nicht besiegen oder erobern können, die aber wechselseitig miteinander verbündet bzw. im Krieg stehen. Krieg und Frieden wechseln sehr schnell, ein Hauptteil von Winstons Arbeit ist es, die Geschichtsbücher entsprechend den neuen Verhältnissen umzuschreiben, denn selbstverständlich – die Partei hat immer Recht – kann der noch gestern verteufelte Kriegsgegner nicht heute der Verbündete gegen den Aliierten von gestern sein, würde dies doch bedeuten, daß die Partei einer Fehleinschätzung erlägen wäre….

Unwissenheit ist Stärke Screenshot aus der Verfilmung des Romans aus dem Jahr 1954 (Bild ist mit youtube verlinkt)

Unwissenheit ist Stärke
Screenshot aus der Verfilmung des Romans aus dem Jahr 1954
(Bild ist mit youtube verlinkt)

Zudem hat der Krieg, dies erfahren wir aus dem Buch von Goldstein, dem Renegaten, dem Gesicht des inneren Feindes, des Abtrünnigen, des Hassobjekts, daß der Krieg mit dem äußeren Feind (sofern er überhaupt stattfindet und nicht auch nur eine Progagandaerfindung der Partei ist, aber da er in den Geschichtsbüchern beschrieben wird, ist er per def. und Parteilogik Realität) in Bezug auf Ozeanien (und in den anderen Machtblöcken ist es analog) den Sinn hat, Produktionsüberschüsse zu vernichten, um somit den Lebensstandard niedrig zu halten. Dadurch sind die Menschen gezwungen, einen großer Teil ihrer Energie und Zeit darauf zu verwenden, sich Sachen des Alltags sowie Nahrungsmittel zu besorgen. Zeit, um Nachzudenken oder zu revoltieren, bleibt nicht mehr….

Woher hat Winston das Buch von Goldstein? Er hat sich zusammen mit Julia dem Angehörigen der Inneren Partei O`Brien anvertraut, bei dem er sich sicher war, daß auch dieser seine eigenen Zweifel und Bedenken teilt, vllt sogar ein Angehöriger der ominösen Bruderschaft sei, in der die Gegner des Regimes organisiert sind und die in vielen Schauprozessen eine große Rolle spielt. Winston liest Goldsteins Ausführungen mit großer Zustimmung, findet er doch darin seine eigenen, diffusen Gedanken formuliert, Julia hingegen hat für diesen theoretischen Kram weniger Interesse.. doch langsam zieht sich die Schlinge um die Liebenden zu: sie müssen schreckerfüllt feststellen, daß sie schon sein Jahren von der Gedankenpolizei beobachtet werden, daß diese über alles Bescheid wusste und sie jetzt festnimmt und sie ins Ministerium der Liebe bringt….

Hier konzentriert sich Orwell wieder auf Winston Smith, Julia werden wir nur noch einmal ganz kurz zum Schluss des Romans begegnen. Weiße Räume, permanente Beleuchtung, ein feiner Summton: schnell verliert Winston die zeitliche Orientierung, auch seinen Aufenthaltsort ahnt er mehr als daß er ihn weiß. Endloses Warten, Hunger, er trifft auf Arbeitskollegen und Wohnungsnachbarn, die ebenfalls festgenommen worden sind und sich selbst beschuldigen, froh sind, daß ihre Kinder sie angezeigt haben, bevor sich noch Schlimmeres denken konnten…. Zimmer 101, noch weiß Winston nicht, was das bedeutet.. verstopfte Toiletten, die unerträglichen Gestank verbreiten, Schläge. Blut, gebrochene Knochen – noch nicht bei Winston, aber bei Mitgefangenen…

Das Ziel der Verfolgung ist die Verfolgung.
Das Ziel der Folter ist die Folter.
Das Ziel der Macht ist die Macht.

Das Verhör Winstons wird von O´Brien durchgeführt – hochnotpeinlich im mittelalterlichen Sinn mit Schlägen, Nahrungsentzug und Elektroschocks. Es ist eine Gedankenwäsche, eine Hirnwäsche, die Winston durchleiden muss, eine Prozedur, in der ihm (und uns als Leser) O´Brien die ideologischen Grundlagen der Partei erklärt und nahebringt. Wie lange die Foltersitzungen dauern, kann Winston nicht sagen, wie lang die Pausen zwischen ihnen, auch nicht. Es gibt in den Sitzungen Momente fast intimer Nähe zu O`Brien, Momente, in denen Winston von Liebe zu diesem Mann mit dem müden Gesicht, der alles, was die Partei lehrt, so fehlerlos repräsentiert… Später sollte man solche Entwicklungen unter „Stockholm-Syndrom“ zusammenfassen. Letztlich „lernt“ Winston und verrät alles, was ihm heilig ist – bis auf die Liebe zu Julia.

Zimmer 101

ist der ultimative Schrecken im Ministerium für Liebe, es ist der Raum, in dem jeder gebrochen wird. Liest man diese Zimmernummer binär, so entpuppt sie sich als das Ergebnis der absurden Prüfung Big Brothers auf Linientreue: 2 +2 = 5. In diesem Zimmer wird der letzte Stein aus der Mauer des Widerstands, so verborgen er auch sein mag, herausgebrochen. Jeder Mensch hat diesen Punkt, an dem er völlig zusammenbricht, ohne jedes Wenn und Aber, diesen Punkt, der ihn dazu bringt, jeden und alles zu verraten…. Zimmer 101 konfrontiert den Abtrünnigen mit seiner Achillesferse, und wie weiland der Peleiade stirbt er daran. Vielleicht noch nicht gleich, vielleicht noch nicht einmal körperlich, aber geistig, seelisch und moralisch. Wer Zimmer 101 wieder verläßt, sagt es nicht nur, glaubt es nicht nur, weiß es nicht nur: nein, der ist überzeugt davon: 2 +2 = 5.

Wenn Sie ein Bild von der Zukunft haben wollen,
dann stellen sie sich einen Stiefel vor,
der auf ein Gesicht tritt – unaufhörlich.


So wird es unaufhörlich sein, das Gesicht, auf das man treten kann, wird es immer geben. Es ist eine erschreckende Vision, die Orwell uns präsentiert, erschrecken auch deshalb, weil so viele Analogien zu realen Gegebenheiten finden sind. Es ist eine Ideologie, die sich auf den Hass gründet, die Schrecken verbreitet und kein Lachen kennt. Es wird keine Literatur, keine Kunst, keine Wissenschaft geben. Wenn wir allmächtig sind, werden wir die Wissenschaft nicht mehr nötig haben. Es wird keinen Unterschied zwischen schön und häßlich mehr geben. Es wird keine Neugier, keinen Lebensgenuss geben. Alle konkurrierenden Freuden werden vernichtet sein. Aber immer … wird es den Rausch der Macht geben.

Worauf beruht diese Macht, welches sind ihre Pfeiler?

  • Die stete Überwachung, der nicht zu entkommen ist. Bei Orwell durch den allgegenwärtigen Teleschirm verwirklicht, denkt man unwillkürlich z.B. an die Kameraüberwachung in Großbritannien. Auch wenn sie sich letztlich wohl nicht bewährt haben, waren/sind wohl um die 4,5 Millionen Kameras installiert [4]. Was die Überwachung des internationalen und auch nationalen Mailverkehrs angeht, brauch ich hier nichts zu schreiben, NSA und Snowdon reichen als Stichworte.
  • Der Krieg vernichtet Überschüsse und führt dazu, daß die Bevölkerung durch die Notwendigkeit, den herrschenden Mangel auszugleichen, beschäftigt ist. Gleichzeitig fokussiert er den Hass auf einen Gegner, an dem er ausgelebt werden kann. Die öffentlichen Hinrichtungen von Kriegsgefangenen sind in 1984 ein kindertaugliches Massenspektakel. Im wirklichen Leben werden die Enthauptungen per youtube verbreitet….
  • Hassfokussierung: mit dem Renegaten Goldstein, von dem niemand wirklich weiß, ob er noch lebt, wenn ja, wo, ist ein Hassobjekt vorhanden, auf das – neben dem äußeren Feind – alles abgeladen werden kann und in dessen Namen bzw. zu dessen Bekämpfung alles zu rechtfertigen ist. In täglichen Hassminuten und in Aktionen wie Hasswochen wird diese Entladung aufgestauter Emotionen ritualisiert.
  • Das große Objekt der Liebe ist der Große Bruder [6], von dem – ebenso wie von Goldstein – niemand weiß, ob er überhaupt (noch) existiert. Was auf jeden Fall existiert, ist sein allgegenwärtiges Konterfei, von dem aus er auf die Menschen herablächelt und ihnen das Gefühl gibt, sie ständig im Auge zu haben. Der Hinweis auf die extremen Personenkulte totalitärer Staaten ist in diesem Zusammenhang wohl unnötig.
  • Wer die Sprache beherrscht, beherrscht das Denken. Daher wird die „alte“ Sprache abgeschafft und durch eine neue Sprache, Neusprech ersetzt. Diese Sprache enthält signifikant weniger Begriffe, die zudem alle eindeutig sind, Doppeldeutigkeiten gibt es nicht mehr. In Neusprech lassen sich daher viele „alte“ Gedankengänge gar nicht mehr ausdrücken und formulieren, mithin gibt es sie nicht mehr. Abweichendes auch nur zu denken, ist in Neusprech unmöglich… Schädliche Begriffe wie z.B. „Freiheit“ gibt es nicht mehr.
    in diesem Zusammenhang ist auch das Prinzip des Doppeldenk zu sehen: Von einer Aussage ist gleichzeitig auch ihr Gegenteil wahr: Das Ministerium für Liebe zum Beispiel befasst sich mit Unterdrückung und Folter, das Verteidigungsministerium beteiligt sich an Kriegen im Hindukusch, das Ministerium für Wahrheit schreibt permanent die Geschichtsbücher um, daß sie mit der jeweils geltenden Parteidoktrin übereinstimmen etc pp.. Sehr plakativ zeigt sich Doppeldenk in den drei allgegenwärtigen Losungen der Partei: Krieg ist Frieden etc, Freiheit ist Sklaverei und Unwissenheit ist Stärke.
    Doppeldenk ist so exotisch gar nicht: die Kreationisten in den USA beispielsweise greifen im täglichen Leben auf die Errungenschaften moderner Naturwissenschaften und der Technik zurück, glauben aber im Widerspruch dazu an die Erschaffung der Welt durch einen Gott vor einigen Tausend Jahren…
  • Die Vergangenheit wird durch die Arbeit des Ministeriums für Wahrheit stetig an die Realitäten angepasst, d.h. umgeschrieben. Dies bedeutet auch, daß der Besitz von Büchern oder Zeitungen verboten ist, denn auf diese hätte das Ministerium keinen Zugriff… Mit diesem permanenten Umschreiben verliert sich auch die Erinnerung: sie ist nicht mehr festzumachen, man kann nirgends mehr nachschlagen und sich informieren. Alles, was ein paar Jahre zurückliegt, verschwindet in einem diffusen Erinnerungsnebel, es macht sich auch niemand mehr die Mühe, sich was zu merken… das mag absurd erscheinen, aber auch in modernen Zeiten ist Geschichtsschreibung immer die, die vom Sieger geschrieben wird und damit gerät die Sicht des Verlierers in Vergessenheit…..
  • Angst und Unterdrückung sind ein wesentliches Machtmerkmal. Foltern, um Geständnisse zu erlangen (die oft frei erfunden sind), foltern, um zu foltern, um Macht zu zeigen, auszuüben, zu demoraliseren: Foltern bzw. die Angst davor ist mit der Unterdrückung und der Fehlinformation das machtkonstituierende Mittel eines totalitären Regimes. Zwar zeigt die Praxis, daß es auch in nicht-totalitären Staaten zu solchen Ereignissen kommt (Stichworte: CIA, Guantanamo) aber im Gegensatz zu totalitären Regime sind sie hier Verstöße gegen den Geist des Staates und nicht Teil des Systems.

Orwell hat in seinem Roman viele Erfahrungen, die er zum Teil am eigenen Leib gemacht hat, eingearbeitet: er kannte die faschistischen Systeme der Nazis und in Italien sowie das Francos in Spanien, der Terror Stalins in der UdSSR hat ihn bitter enttäuscht. Hinzu kam vllt noch eine prinzipielle Niedergeschlagenheit aufgrund seiner fortschreitenden Erkrankung, Orwell hatte seit Kindertagen Tuberkulose. In 1984 fasste er die Prinzipien eines Überwachungsstaates zusammen und schrieb sie konsequent fort unter der Prämisse, daß für Tyrannen der einzige Lustgewinn der ist, der aus der Ausübung von Macht über andere entsteht. In Ozeanien, dem Staat des Großen Bruders, hat keiner mehr Angst vor einem Aufstand der Massen: man hat effektive Mechanismen entwickelt, die Massen ruhig zu halten und kann so in aller Ruhe die Stiefel anziehen, den anderen damit ins Gesicht zu treten.

Krieg ist Frieden
Freiheit ist Sklaverei
Unwissenheit ist Stärke

Das Erschreckende an dem Buch ist die Tatsache, daß vieles von dem, was Orwell beschreibt, tatsächlich existiert. Nicht so natürlich, wie dargestellt, aber prinzipiell. Mit Nordkorea hat man vllt sogar einen Staat, der weitgehend nach den Prinzipien aus Ozeanien organisiert ist, aber auch in anderen Staaten finden sich mehr oder weniger stark ausgeprägt diese Tendenzen zur lückenlosen Überwachung, zur Vergangenheitskorrektur und Geschichtsfälschung – und dies beileibe nicht nur in totalitären Regimes.. Aus diesem Grund lohnt der Roman 1984 auch nach Jahrzehnten das Lesen in jedem Fall noch, er sensibilisiert und rüttel wach – zumal es Orwell gelungen ist, auch die längeren „theoretischen“ Passagen spannend zu schreiben.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seite zum Roman:  http://de.wikipedia.org/wiki/1984_(Roman)
[2] Wiki-Seite zum Autoren:  http://de.wikipedia.org/wiki/George_Orwell
[3] Webster hat die Erlebnisse Orwells in Barcelona in seinem Buch ¡Guerra! sehr schön beschrieben, vgl. die Besprechung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress……guerra/
[4] http://www.sueddeutsche.de/digital/ueberwachungskameras-in-grossbritannien-die-toten-augen-von-london-1.199517
[5] —-
[6] wen Orwell mit dem Großen Bruder meinte, läßt sich am Bild in diesem aktuelle Beitrag aus Ägypten gut erkennen: http://www.egyptindependent.com/news/was-2014-beginning-crackdown-novels

George Orwell
1984
Übersetzt aus dem Englischen von Michael Walter
mit einem Nachwort von Herbert W. Franke
Originalausgabe: Nineteen Eighty-four, 1949
diese Ausgabe: Ullstein, TB, ca. 320 S., 1984 (Ozeanische Bibliothek 1984)

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