Katharina Winkler: Blauschmuck

Diese Buchvorstellung ist auch als podcast im literaturRADIObayern zu hören.


Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns, so hat Kafka seinerzeit an seinen Freund Oskar Pollak geschrieben. Nimmt man diesen Ausspruch „wörtlich“, dieses Buch erfüllt ihn: mit der Wucht einer weit über den Kopf geschwungenen Axt zerschlägt es beim Lesen jegliche Illusion darüber, daß der Mensch vom Wesen her gut sei.


Die Ehre steht über allem.
Die Ehre entsteigt der Sonne.
Die Ehre läßt uns ruhig schlafen.
Wir atmen sie. Ein und aus.
Nachts und während des Tages.
Die Ehre muss auf unseren Feldern gedeihen.
Wir essen sie und die Frauen säugen ihre Kinder damit.
Die Ehre steht über allem.

winkler cover


Blauschmuck ist eine Geschichte – und zwar eine wahre Geschichte [5] – schier unerträglicher häuslicher Gewalt. Sie nimmt ihren Ausgang in einem kleinen kurdischen Dorf namens Tekbaş [1] im Osten der Türkei. Dort wird, die Zeit ist etwas unbestimmt, ca. Mitte/Ende der 70er Jahre ein Mädchen geboren, eins von vielen Kindern, das der Mutter im Lauf der Jahre während der Feldarbeit aus dem Schoß rutscht. Der Vater geht nicht wegen jedes Kindes zum Amt, meist meldet er nur die Jungs an und dann auch die Mädels vom Vorjahr. Das Alter von Filiz, so heißt die Erzählerin, ist damit unsicher; zu einem späteren Zeitpunkt ihrer Geschichte kommt zur Sprache, daß sie mit dreizehn Jahren geheiratet hätte (was verboten ist) – aber auch diese Angabe ist mit Vorsicht zu genießen, auch dieses Dokument, der Pass, war unzuverlässig in seinen Daten. Im Klappentext wird ihr Heiratsalter mit fünfzehn Jahren angegeben.

Filiz jedenfalls wird in einer Schar von Kindern groß, in einer traditionellen kurdischen Familie, in der der Vater die Funktion des Allmächtigen innehat. Sein Wort ist Gesetz, sein Wohlfühlen oberstes Ziel aller Familienmitglieder, seiner Wut kommt nichts gleich, sie gehört zum Leben dazu und ist zu ertragen. Wut, Zorn und Ärger des Vaters sind die Steigerung zärtlicher Berührung ins Perverse: geprügelt wird mit dem, was zur Hand ist, bis der Arm erlahmt oder die Ohnmacht das Opfer für eine Weile gnädig aus der Welt trägt…. Die Männer sind die Wölfe, die in die Herde die Lämmer reißen.


Oft spricht Mutter von dem Spaß, den sie einmal in einer lange vergangenen Winternacht hatte. […]
Es war in einer Nacht im ersten Winter. Mein frisch vermählter Vater erwachte, er tastete nach seiner Frau, aber das Bett war leer. […] Er stand auf, ging durchs Haus, als er sie plötzlich lachen hörte. […] Sie saß auf einen Leinensack [auf dem Gipfel eines Schneeberges hinter dem Haus], fuhr jauchzend den Schneeberg hinunter, jauchzte noch im Sturz, fiel über sich selbst, rutschte, blieb lachend im Schnee liegen.

Mein Vater zerrte sie an den Haaren in den Stall, schlug ihren Kopf gegen die Wand, bis ihr das Blut in die offenen Haare rann und über den Nacken und über die vollen Lippen in den Mund.
Dann nahm er seine Frau mit zurück ins Bett.


Alpträume des Kindes, das gerne in die Schule geht, in der die Kinder zur Begrüßung die Hände ausstrecken, damit der Lehrer mit dem Rohrstock die Begrüßung erwidern kann.

Ein Schlag auf die letzten Glieder der Finger.
Ein Schlag auf die handnahen Glieder.
Ein Schlag auf die Knöchel.
Ein Schlag auf den Handrücken.
Ein Schlag auf das Handgelenk.

Eine Symphonie der Gewalt, erfüllt vom Rauschen der Hölzer, die durch die Luft geschwungen werden, eine Kommunikation, den beiden Seiten so natürlich erscheint wir das Atmen, die zum Leben gehört wie Essen und Trinken und Ausscheiden. Herr Barzan, der Lehrer mit dem Rohrstock beispielsweise merkt durchaus, daß Filiz gut lernt und intelligent ist, er versucht sogar beim Vater zu erreichen, daß sie in der Stadt weiter zur Schule gehen kann, will die Verantwortung und alle Kosten übernehmen. Nein! Vaters Nein dringt durch alle Wände. Es ist hart wie Stein. […] Seine Familie muss von niemanden unterstützt werden. […] Das ist eine Frage der Ehre.

Du gehörst mir. Schön ist Yunus, mit grünen Augen wie der Bach, dreizehn Jahre alt, als er Filiz, die ihn und die anderen Jungs beim Baden, das den Mädchen verboten ist, beobachtet hat, bei der Hand nimmt und leeren Stall einsperrt, denn sie gehört jetzt ihm. Ich habe einen Mann, Filiz, die zwölf(?)jährige ist stolz, kichert in sich hinein, schaut dem Jungen mit seinem schönen Körper durch den Türspalt nach, Ich bin sein.

Es ist der Beginn eines Martyriums, das sich Filiz noch nicht ausdenken kann. Es beginnt – mittlerweile sind ca. drei Jahre vergangen, Yunus war zwischenzeitlich bei seinem Onkel in Deutschland – in den traditionellen Strukturen der dörflichen Gesellschaft, bevor es sukzessive entartet – selbst nach den dortigen Massstäben dürfte das, was Filiz in den nächsten Jahren erwartet, aus der Norm gefallen sein. Tragisch ist, daß ausgerechnet in dem Punkt, in dem der Vater mit seiner strikten Ablehnung ein schlimmes Schicksal für seine Tochter verhindert hätte, sich diese gegen ihn auflehnt: sie flieht mitten im Winter aus dem Elternhaus, um mit Yunus zu gehen, den zu heiraten der Vater verboten hatte.

Ich werde seine Ehefrau. Seine Frau. […] Filiz und Yunus Şahin. Was für ein schönes Paar!

Die Hochzeit findet statt, Filiz ist allein unter all den Verwandten und Bekannten von Yunus, mit dem sie zusammen im Haus seiner Mutter leben wird. Sie ist jetzt sein Fohlen, seiner Mutter bescheidet er auf ihre Klage und bevor er sie an den Haaren über den Hof zerrt: Was willst du noch? Ich habe dir eine Sklavin gebracht!  Die Stiefmutter wird für Filiz zur „Spinne“, in deren Netz sie sitzt, von deren Geld sie sich ernährt (kaum, daß sie einen Bissen herunterbringt…) und für die sie arbeitet. Im Gegensatz zu Yunus, der sich bis hin zum Waschen der Füße und An- und Ausziehen bedienten läßt.

Aber es ist ihr Platz, so unglücklich Filiz auch ist, so sehr das Heimweh (und die Reue?) auch in ihr leben, es ist ihr Platz und wenn schon nicht Liebe, dann wenigstens Teppich sein, die Hände an der Eisenstange. Hinter ihr steht Yunus, die Heugabel in der Hand. Er schlägt sie mit den hölzernen Stiel. Die Schläge sind dumpf. Das Holz klingt dumpf. In mir. Er schlägt immer fester. Als ihm die Kraft ausgeht, schlägt er mit den Zinken der eisernen Gabel. 
[…]
Ich liebe dich, Filiz! Verzeih mir!
Yunus´ Augen sind grün vom Bach. Er ist mein Mann.
Alles wird gut, Yunus. Ich werde heilen.

Filiz existiert nicht mehr. Sie wird zum Blinden Fleck, den niemand mehr sieht, den niemand mehr beachtet, mit dem niemand mehr redet. Über Monate richtet niemand mehr einen Ton an die junge Frau, wird sie nicht mehr angesprochen, gibt niemand mehr Antwort. Nachts geht sie verzweifelt an das Bett ihres Mannes, legt ihre Brüste in seine offene Hand, presst seine Hand an ihren Schoß. Yunus bleibt ohne Reaktion.

Deutschland war einst der große Traum, das Land, in dem es Jeans gibt. Tatsächlich gelingt es Yunus in Österreich Arbeit zu bekommen und später Visa für seine Familie, Filiz und die Kinder, die sie mittlerweile unter unsäglichen Bedingungen geboren hat, zu erhalten. Österreich, das war wie Deutschland. Und Deutschland wie Amerika….

Für Filiz wird es in Österreich nicht wirklich besser, sie und die Kinder werden teilweise wie Gefangene gehalten, völlig verunsichert. Nach einem Monat trauen sie sich zum ersten Mal aus dem Zimmer heraus auf die Wiese hinter dem Haus. Und doch… das andere, neue, fremde Land sollte etwas verändern….

… es sind nicht die Schläge ihres Mannes, die sich ändern oder gar sein Verhalten, aber ganz, ganz langsam wächst in Filiz die Ahnung heran, daß das Leben auch anders sein kann. Noch immer ist sie seine Sklavin, ist sie ihm absoluten Gehorsam schuldig, muss die Beine spreizen für ihn, sobald er sie nehmen will. Warum nur, so fragt sie sich, will er immer noch in sie, die alt aussieht, verschrumpelt, unansehnlich ist, warum will er immer noch in sie hineinstoßen, wo er doch andere hat, deren blonde Haare sie beim Reinigen des Autos findet und die sie entsorgt wie auch die gebrauchten Kondome.

Sie fängt an, Yunus zu belügen, legt Geld beiseite, das ihr die Nachbarin heimlich zusteckt. Filiz nennt es nun für sich als das, was es ist: Vergewaltigung. Filiz kalkuliert, stellt eine Punkteskala auf, deren kleinste Einheit der Schlag ist. Die Schläge auf Rücken und Hüfte, auf Arme und Beine zählen je einen Punkt, die Schläge in den Bauch und auf die Finger je zwei Punkte, die Schläge auf den Kopf und ins Gesicht je vier, wenn sie mit dem Holz geschehen, verdoppelt sie die Punkte, wenn mit Metall, rechnet sie mal vier, eine Vergewaltigung zählt acht. […] Wieviel kostet das Verhindern eines Schlages, reicht ihr Geld dafür, zum Beispiel, den herunter gefallenen Wecker zu ersetzen, rechtzeitig ersetzen zu lassen durch die Nachbarin, denn selbstverständlich darf sie nicht allein einkaufen gehen….

Die Kinder.. sie wachsen in zwei Kulturen auf: der Angst- und Gewaltkultur ihres Vaters und der offenen, freundlichen Kultur ihres Gastlandes. Wieviel Unbekanntes begegnet ihnen: Nikolaus und Weihnachten.. Yunus erlaubt es, die Nachbarn machen Bescherung und zum ersten Mal im Leben bekommen die Kinder Geschenke, ihre Augen glänzen und wollen nicht aufhören. Wir lachen. Ganz deutlich. Mehrere Male. Die Kinder. Yunus. Und ich. Ansonsten…

Yunus hat Würmer, die Filiz aus häßlichen Furunkeln am Bein zieht und mit denen sie zum Arzt geht. Beim Greifen nach dem Rezept schiebt sich der Ärmel über das Handgelenk, die Sprechstundenhilfe starrt auf ihren Blauschmuck. Ich bin gestürzt…. ich bin dankbar, daß sie mir nicht glaubt.  Filiz wird zum Arzt ins Sprechzimmer geschoben, ich bin verpflichtet, ihren Mann anzuzeigen, sagt der Arzt.

Filiz weiß um die Gefahr, in der sie und die Kinder jetzt schweben, sie plant die Flucht mit ihren Kindern, zurück zur eigenen Familie, zu ihren Eltern. Die Frau des Arztes hilft ihnen, besorgt die Flugtickets… aber ausgerechnet am Tag der Flucht geht Yunus nicht zur Arbeit. Er läßt Filiz die Alternative, sich selbst umzubringen, andernfalls hängt er sie selbst vor den Augen der Kindern auf. Was nicht das erste Mal gewesen wäre.

Sie wird im Krankenhaus wieder wach, der Lebenswille ist ihr abhanden gekommen. Die Kinder besuchen sie, mit Blauschmuck versehen, sie wendet sich ab, bleibt stumm. Yunus kommt mit Blumen, an seine Brust lehnt sie sich – immer noch- , er trägt sie, die noch viel zu schwach ist, nach Hause. Aber Filiz hat abgeschlossen mit ihrer Welt, und als Yunus sieht, daß er mit Bitten nicht zu ihr durchdringt, vergewaltigt und prügelt er sie erneut auf übelste Weise… die Nachbarn holen die Polizei und den Notarzt, ein Vierteljahr braucht Filiz im Krankenhaus, bis sie entlassen werden kann.

Im Nachspann berichtet Winkler vom weiteren Schicksal Filiz´, die von Yunus geschieden wird. Diesem wird jeder Kontakt verboten, später muss er Österreich verlassen, der Grund dafür wird nicht angeführt. In der Türkei heiratet er erneut, die drei Kinder aus dieser Ehe heißen wie die aus der mit Filiz: Halil, Selin und Seda.

Filiz macht eine Ausbildung zur Köchin und nach einigen Jahren eine Weiterbildung, sie arbeitet jetzt als akademische Fachkraft für Sozialpsychiatrie. Alle drei Kinder sind beruflich ebenfalls (sehr) erfolgreich.


Blauschmuck ist ein erschütterndes, ein anstrengendes Buch. Wahrscheinlich geht es fast jedem Leser so wie mir, daß er die Geschichte zwischendurch einfach weglegen muss, um das Gelesene zu verdauen. Dabei beschränkt sich Winkler auf eine fast spröde, karge Darstellung, in seltsam distanzierter Weise beschreibt sie die Misshandlungen, die Filiz erduldet [2]. Da sie Filiz als Ich-Erzählerin eingesetzt hat, wirken diese Passagen, als ob sich die junge Frau sich und das Geschehen von aussen beobachtet, in der Folter also eine Art Dissoziation erleidet.


Was mich persönlich aber fast noch mehr erschrocken hat, kommt ganz am Anfang des Buches, auf Seite 19. Es ist die Beschreibung des Blauschmuck, den die cirka hundert Frauen des Ortes tragen. Den Blauschmuck als Medaillon, als Armband, als Halsreif oder -kette, als Diadem auf der Stirn, manche um ihre Fesseln. Er ist nicht einfarbig blau, er kann blau-rot sein oder blau-schwarz, hellblau oder dunkelblau… Die blauen Frauen tragen die Farbe des Himmels. Wolkendurchzogender Sommerhimmel, eisiger Winterhimmel, unsteter Frühlingshimmel, grauer Herbsthimmel, Dämmerung, Regenbogen. Nur eine Frau trägt diesen Schmuck nicht, es ist die Aussenseiterin, die Ausgestoßene, sie ist himmellos und ohne Blau. Wo sie auftaucht, verstummt das Gespräch. Wie soll man reden mit der Himmellosen. […] Solche gibt´s auch, […] leider. Und Filiz, das Mädchen, denkt: Wenn ich groß bin, werde ich eine blaue Frau.
Ich hoffe auf einen Blauton, hell wie der Winterhimmel.

Es ist erschreckend, daß nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer diese Gewalt als Bestandteil ihres Lebens auffassen, ja, sich sogar dadurch in gewisser Weise definieren, denn ohne diesen Blauschmuck gehört man nicht dazu. Zwei Arten des körperlichen Kontakts gibt es zwischen den Geschlechtern: Schläge und Geschlechtsverkehr – im Extremfall wie bei Filiz als Vergewaltigung. Zumindest für völlig unerfahrene, nicht aufgeklärte Filiz, aber sicher nicht nur für sie, war die Hochzeitsnacht nichts anderes als eine institutionalisierte Vergewaltigung, der im Lauf der nächsten Wochen, Monate und Jahre eine sich immer steigernde Spirale psychischer und physischer Gewalt folgte. Eine Gewalt und Brutalität, die, wenn sie ausblieb, von ihr als Zeichen dafür, daß sie für ihren Mann überhaupt existierte, vermisst wurde: lieber misshandelt und missbraucht als nichtexistent.

Die Schilderung des Lebens von Filiz erfolgen im Buch einzig aus ihrer Sicht. Es wäre sehr interessant, die Welt aus der Sicht von Yunus, ihrem Mann, kennen zu lernen. Bei ihm scheinen die Traditionen einer streng patriarchalischen Gesellschaft mit eigenen, charakterlichen Schwächen eine ungute Allianz eingegangen zu sein, möglicherweise war er auch als Sohn nach dem Tod des Vaters (es wird zumindest nirgends von seinem Vater geschrieben) in seiner Rolle überfordert und er kompensierte dies früh durch Aggressivität. Seine Art mit Frauen zu kommunizieren (Mutter und später die Schwiegermutter wurden von ihm ebenfalls geschlagen) war jedenfalls die Gewalt. Ausgesprochen sadistisch dagegen agiert Yunus meiner Meinung nach nur an einer Stelle des Buches, und das ausgerechnet auch noch seinen Kindern gegenüber.

Nach aussen hin verstand Yunus es, den fürsorglichen und besorgten Ehemann zu spielen: im Krankenhaus erschien er mit Blumen und Pralinen, beeindruckte damit die Krankenschwestern, die Filiz zu so einem Mann gratulierten. Aber auch Filiz war lange Zeit durch die Zerknirschung, die Yunus teilweise nach Gewaltexzessen zeigte, beeindruckt und bereit, diese vorgebliche (?) Reue zu akzeptieren. Im ganzen Buch gibt es im Leben der verheirateten Filiz nur eine einzige Stelle, in der so etwas wie Fröhlichkeit in der Familie herrscht. Es ist bezeichnenderweise das Ereignis, an dem Yunus die Initiative abgegeben hat, nicht gefordert, nicht in der Verantwortung ist: die weihnachtliche Bescherung der Familie durch ihre österreichischen Nachbarn.


Die Tatsache, daß es sich bei Filiz und Yunus um ein kurdisches Ehepaar handelt, könnte darüber hinwegtäuschen, daß häusliche Gewalt unabhängig ist von Religion und Kultur. Sie ist selbstverständlich/leider auch bei uns in Deutschland anzutreffen [3], dieses traurige Faktum sollte man im Hinterkopf behalten, um gerade in der aktuellen Situation falsche Vorstellungen von „anderen Kulturkreisen“ zu vermeiden. Selbstverständlich gibt es kulturelle und andere Unterschiede, gerade hinsichtlich der sozialen Stellung der Frau, häusliche Gewalt an sich aber kommt in allen Kulturkreisen vor.


Winklers [4] literarisches Debüt wird vom Verlag als Roman kategorisiert, gleichzeitig stellt es jedoch eine konkrete Lebensgeschichte dar. So taucht die Frage auf, was in diesem Roman Fiktion ist und was Fakten sind, eine Frage, die sich vom Leser nicht beantworten läßt. Der Eindruck jedenfalls, den das Buch hinterläßt, ist der der Authentizität des Geschilderten. Dazu trägt auch die spezielle Struktur des Textes bei, der nicht als fortlaufender Fließtext geschrieben ist, sondern episodenartig, meist nur auf einer oder zwei Seiten, Erinnerungen der Ich-Erzählerin wiedergibt, die in der Summe chronologisch die Leidensgeschichte der jungen Frau schildern.

Der Stil Winklers ist, wie schon erwähnt, karg, ohne große Emotionen, seltsam nüchtern und distanziert. Die Sätze sind kurz und einfach aufgebaut, das Vokabular kann man nicht als ausgefallen bezeichnen. Trotzdem – oder gerade deshalb – erzielt der Text in manchen Passagen, die sich beispielsweise den Träumen der jungen Frau widmen, fast schon poetische Kraft, zu der auch die verwendeten Bilder beitragen: Mit wehender Mähne galoppiert meine Mutter über die Hügel hinter unserem Haus. Ihre Nüstern sind gebläht, ihre Ohren gespitzt…. oder: Auf der anderen Seite der Berge liegen die Buchstaben und die Zahlen, wenn Filiz ihren Gang zur Schule beschreibt. Die Angst vor der Stiefmutter: …. jetzt kriecht sie auf mich zu, die Spinne, die nun meine Mutter ist, schwarz und dick kommt sie näher, umkreist mich und spinnt mich ein, sie spinnt und spinnt, und ich stehe still und stelle mich tot.

Winklers Roman ist anstrengend, aufwühlend, erschreckend und erschüttert. Er zeigt zwei Extrema auf: die durch charakterliche Schwächen, Hilflosigkeit, Unvermögen und gesellschaftliche Strukturen bedingte Grausamkeit auf der einen Seite, der auf der anderen Seite der Frau(en) eine fast bedingungslose Leidensbereitschaft gegenüber steht. Erschreckender noch: die Frauen definieren sich durch das Leid, wer kein Leidensmal, den Blauschmuck, trägt, gehört nicht dazu: Ich werde geschlagen, also bin ich. Er schmückt mich, also liebt er mich.

Blauschmuck ist kein Roman zum Sich-Wohlfühlen. Aber möglicherweise braucht man manchmal so ein Aufrütteln, um den „Komfort“ des eigenen Lebens nicht als zu selbstverständlich zu nehmen. Winklers Buch jedenfalls ist von großer Eindringlichkeit, hinterläßt Eindrücke, die so schnell nicht verblassen.

Links und Anmerkungen:

[1] zu diesem Tekbaş  gibt es sogar einen Eintrag in der Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Tekbaş
[2] diese Art der Darstellung hat mich sehr an das Buch von Julie Otsuka: Wovon wir träumten erinnert, in dem ebenfalls schwere Frauenschicksale beschrieben werden.
[3] drei von vielen Internetseiten zum Thema „Häusliche Gewalt“ in Deutschland:
– https://www.weisser-ring.de/internet/landesverbaende/berlin/landesverband-berlin/service/haeusliche-gewalt/
– http://www.polizei-beratung.de/opferinformationen/haeusliche-gewalt.html
– http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/gleichstellung,did=73010.html
[4] zur Vita der Autorin:  http://www.fuhrmannmanagement.com/fileadmin/downloads/lebenslauf/CV_Winkler.pdf
[5] „Mit 13 Jahren hat die Autorin Katharina Winkler Filiz kennengelernt. Die junge Türkin kam damals in die Landarztpraxis ihres Vaters. Unterstützt durch Katharina Winklers Mutter und die Familie konnte sie sich aus der Tyrannei der Beziehung befreien und selbständig werden.

Katharina Winkler hat Filiz nie vergessen und wollte die Geschichte dieser Frau aufbewahren. Als sie Anfang 20 war, erzählte sie voller Vertrauen und offen die Geschichte ihres Lebens. In über einer Woche kamen rund 60 Stunden Tonmaterial zusammen.

2015, rund 15 Jahre später, veröffentlichte sie die Geschichte als Roman, der auf dem damals ausgenommenen Tondokument beruhte.“

Die Zusammenfassung ist folgender Quelle entnommen: http://www.mein-literaturkreis.de/blog/buch/katharina-winkler-blauschmuck/

Diese Buchvorstellung ist auch als podcast im literaturRADIObayern zu hören.

Katharina Winkler
Blauschmuck
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 196 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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2 Kommentare zu „Katharina Winkler: Blauschmuck

  1. Ich habe Blauschmuck auch im Frühling gelesen und musste das Buch, genau wie du beschrieben hast, einige Male aus der Hand legen. Es war sehr intensiv und ist mir lange im Gedächtnis geblieben; alles, was man danach liest, scheint irgendwie belanglos zu sein. Deine Besprechung ist eine der wenigen, die ich bisher zu dem Buch gelesen habe. Es wundert mich, dass Winklers Geschichte offenbar nicht allzu viel Aufmerksamkeit bekommen hat.

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    1. hmm… ich denke schon, daß Blauschmuck gelesen und besprochen worden ist. vllt schaust du mal hier durch: https://twitter.com/search?q=Blauschmuck&src=typd oder hier: https://www.facebook.com/search/top/?init=quick&q=Blauschmuck&tas=0.9520126786016108 da sind doch ne ganze menge blogs dabei…

      aber ich gebe dir völlig recht, blauschmuck ist sicherlich einer der intensivsten lesehöhepunkte dieses jahres. ist jetzt auch in österreich für den buchpreis nominiert. ich wünsche dem buch viel erfolg bei unseren nachbarn!

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