Anthony McCarten: Licht

Um 1890 tobte in den USA ein Krieg, der sogenannte war of currents, der Stromkrieg (https://de.wikipedia.org/wiki/Stromkrieg). Kontrahenten dieses Krieges waren auf der einen Seite der Erfinder Thomas Alva Edison, dessen Einfluss auf die technische Entwicklung der modernen Industriegesellschaft, die damals am Anfang stand, kaum zu überschätzen ist und auf der anderen Seite Nicola Tesla, ein genialer Techniker mit, sagen wir einmal, etwas exzentrischen Eigenschaften. Beide Erfinder hatten ihre Geldgeber: bei Edison war dies der Bankier J.P.Morgan, bei Tesla war es der Bankier und Industrielle Westinghouse, beides Namen die heute noch geläufig und (als Firmen) bedeutend sind. Dieser Stromkrieg, die Auseinandersetzung, ob zur Nutzung der immer noch mysteriösen Elektrizität zur Erzeugung von (elektrischem) Licht Gleichstrom – Edisons Überzeugung – oder Wechselstrom – wie Edisons Kontrahenten meinten – geeignet sei, steht im Mittelpunkt des biographischen Romans des Neuseeländers McCarten.

Die Geschichte als solche, die hinter diesem Roman steht, ist kein Geheimnis, sie ist in vielen Publikationen nachlesbar (z.B. hier: https://www.geo.de/magazine/geo-kompakt/6553-rtkl-erfinder-nikola-tesla-das-betrogene-genie oder auch im SpON: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/duell-der-erfinder-gleichstrom-gegen-wechselstrom-a-549109-2.html, andere Quellen sind leicht zu finden). Es ist die Auseinandersetzung zweier genialer Erfindert, Edison und Tesla, wobei McCarten letzteren von  nur am Rande in der Geschichte erscheinen läßt, Licht ist ein Roman, der den Berühmteren der beiden in den Mittelpunkt stellt [Im gewissermaßen Ausgleich für die geringere Popularität ist das „Tesla“ aber 1960 als SI-Einheit für die magnetische Flussdichte festgelegt worden, wird die Stärke von Magnetfeldern beschrieben, stößt man immer wieder mal auf diese Einheit]. Die Zeitumstände waren damals revolutionär: die technische Entwicklung begann mir Siebenmeilenstiefeln voran zu schreiten, der Charakter der Wirtschaft änderte sich fundamental, Morgan, der Geldgeber von Edison, steht exemplarisch für diesen Wandel: er war der Meinung, daß die weitgehend korrupte Klasse der Politiker sowie die Industriemagnaten wie Rockefeller ausgedient hätten und jetzt die Bankiers die ‚Macht‘ übernehmen sollten. Gerade Morgan, dies wird gegen Ende des Romans in einer kurzen Episode geschildert, war beim Aufbau solcher Industriekonglomerate, die er mit seinem Bankenimperium beherrschte, sehr erfolgreich, so erfolgreich, daß sie durch Gerichte zerschlagen werden mussten: er war so beherrschend, daß  Konkurrenz und Wettbewerb quasi ausgeschaltet waren [ein Zustand, der von/in bestimmten Bereichen des heutigen Wirtschaftslebens nicht ganz unbekannt sein dürfte], die beschäftigten Arbeiter wurden ausgebeutet und schlecht behandelt.



Licht spielt auf zwei Ebenen. In der Rahmenhandlung finden wir den achtzigjährigen Edison, der mit einem Sonderzug in der Begleitung seiner Frau Mina zu einer ehrenvollen Feier fährt: dem 50. Gebutstag seiner [was angezweifelt werden kann] wohl größten Erfindung, der Glühbirne. Diese Feier ist ihm keineswegs recht, am liebsten würde der eigenbrötlerisch Gewordene ihr entkommen. Und genau das setzt er auch in die Tat um: er verläßt den an einem Zwischenstopp haltenden Zug heimlich genau in dem Moment, in der er wieder zur Weiterfahrt in Bewegung setzt.

So sitzt er jetzt da auf einen sich im Prozess des Verfalls befindlichen Bahnhof, an den er sich als ein früher erinnert, als hier Menschen hin und her wuselten und Leben herrschte. Aber die Ruhe ist dem alten Mann recht, auf einer Bank sitzt er nun und die Erinnerung an sein Leben drängt nach oben… Er weiß, daß er nur wenig Zeit hat, wenn man sein Verschwinden bemerkt, wird der Zug zurückkommen, ihn abzuholen….. Was hat er aus seinem Leben gemacht, was ist aus seinen Idealen geworden, wieso hat er sie ein ums andere Mal verraten, ist schuldig geworden an den Menschen, an vielen, auch an besonderen?

Wir als Leser begleiten Edison auf dieser Erinnerungstour in die Vergangenheit, die ein Ausflug wird in die Geschichte der Elektrifizierung der Welt, in die Geschichte der Konkurrenz zweier genialer Erfinder, die unterschiedliche Systeme entwickelt haben, bei der Eifersucht und Neid eine große Rolle spielen und die in der wirklich sehr abscheulichen Geschichte der Entwicklung des elektrischen Stuhls durch Edison und sein Labor als Verleumdungskampagne gegen Tesla und Westingouse gipfelt [hier kann man sich diese Geschichte per Video ansehen: Link zu youtube], denn der Gleichstromverfechter Edison entwickelt den Stuhl mit dem Teslaschen Wechselstrom, um diesen unverkennbar mit dem Begriff „tödlich“ zu diffamieren. Und sozusagen als i-Tüpfelchen auf diesem moralischen Abgrund noch folgende Infamie: Edison schlug damals sogar vor, das Hinrichten auf dem elektrischen Stuhl „to westingouse“ zu nennen. Diese Episode zu lesen ist anstrengend, weil hier wissenschaftlich-technisches Procedere pervertiert wird. Es eine Geschichte der Heuchelei, der Amoralität und der Grausamkeit ist: die Hinrichtung mit dem elektrischen Stuhl wird unter Ignorieren aller praktischen Erfahrung mit Tieren und dem ersten Delinquenten [das Facit McCartens nach seiner quälenden Darstellung der Exekution … Sie hatten ihn geröstet; der Raum füllte sich mit dem Geruch von angebranntem Rinderbraten. …] als zivilisiert, schnell und schmerzlos per Gesetz eingeführt.

Dieses Ereignis ist ein Wendepunkt im Leben Edisons. Schon die Entwicklungsarbeiten [i.e. das Rösten von Haustieren bis hin – im Roman – zu einem Orang-Utan] führten ihn an den Rand dessen, was er eigentlich ertragen konnte, doch er brauchte unbedingt den wirtschaftlichen Erfolg seines Systems, diesem vermeintlichen Zwang ordnete er alles unter, war er auch zum absoluten Verrat an seinen Idealen bereit: Wissenschaft und Technik, die der Menschheit dienen sollten, missbrauchte er zum (grausamen) Töten. Danach entfloh Edison der Welt, verließ seine junge Frau, ging in die Berge, wo er völlig sinnfrei nach Erz grub. Nach drei Jahren konnte ein ehemaliger Mitarbeiter ihn wieder in die Zivilisation zurückholen, seine Frau nahm ihn wieder auf – jedoch zu ihren Bedingungen. Ich denke, was besseres konnte ihm nicht mehr passieren, zumindest nicht in der Konstellation, wie sie McCarten darstellt.

Sein Geldgeber J.P. Morgan hatte mittlerweile die Fronten gewechselt, das System Teslas und Westinghouse‘ war besser und Morgan schlug Westinghouse die Zusammenarbeit vor. Edison wurde ausgebootet und ausgezahlt, es war nicht mehr allzuviel Geld, das ihm gehörte, er war im Vernichten von Kapital nicht weniger gut wie im Erfinden, eine Legende blieb er dennoch für ganz Amerika.


Der deutsche Titel des Romans, der im Original Brilliance heißt, was ja eher Brillanz bedeutet, führt ein wenig in die Irre, denn es geht nur im Vordergrund um die Elektrifizierung von Stadt und Land. Die grundlegende Frage, der McCarten am Beispiel Edisons nachgeht, ist die der Ambivalenz von Wissenschaft und Technik auf der einen Seite (die altbekannte Auseinandersetzung zwischen ‚Gut‘ und ‚Böse‘, hier: Licht vs. elektrischer Stuhl) und die nach der Bereitschaft eines ehrgeizigen, eifersüchtigen Menschen, seine Ideale – gegen besseres Wissen – über Bord zu werfen und zu verkaufen.

McCarten schildert den Menschen Edison als leicht verschroben, als genial zwar, aber auch als Menschen, der sich für einige Silberlinge, sprich: das durchaus angenehme Leben im Kreise von Morgan und seinen Kumpanen, verkauft, der seine Ideale verrät, der auch privat nicht einfach war. Es gibt einiges an skurrilen Situationen. Edison war von Jugend an schwerhörig („80 Dezibel“), durch Zufall und schon damals moralisch zweifelhafte Handlungsweisen bekommt er eine Stellung beim Telegraphenamt und lernt Morsen. Dieses Morsen wird sein Kommunikationskanal, mit seiner ersten Frau verständigt er sich nur über Morsen, man legt sich Hände unterm Tisch auf die Oberschenkel und morst… seine zweite Frau Mina schließt er aus, sie sitzt auf der ersten Gesellschaft, die sie nach der Hochzeit gibt, mit den Gästen und ihrem Mann am Tisch, kein Gespräch ist zu hören, alle klopfen nur auf dem Tisch ihre Botschaften, man unterhält sich glänzend – bis auf eben Mina.

Solche biographischen Romane sind immer schwierig zu lesen: man weiß als Leser nie, was der Fantasie des Autoren entsprungen ist und was real belegbar ist. Oder, wie McCarten selbst es in einer Nachbemerkung formuliert: Wie stets, wenn ein fiktives Werk auf realen Fakten beruht, ist der Leser gefragt, diese beiden Elemente gegeneinander abzuwägen. Jedenfalls tritt der Mensch Edison in McCartens Romans deutlich stärker in den Vordergrund als in anderen Zusammenfassungen übe den Erfinder, die sich auf mehr auf seine erfinderischen und geschäftlichen Aktivitäten konzentrieren [wie z.B. dieser Wiki-Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Alva_Edison]. Zudem fand dieses Leben in einer Epoche statt, in der viele Weichen für technische und gesellschaftliche Entwicklungen gestellt wurden, deren Auswirkungen bis in die heutige Zeit reichen, auch dies macht den Roman interessant und lesenswert. 

Daß McCarten ein großartiger Erzähler ist, ist eigentlich mittlerweile ein Allgemeinplatz und muss nicht wiederholt werden. Dies gilt natürlich auch für diesen Roman, den man, hat man mal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen will: er ist eine intelligente, spannende, unterhaltende und fesselnde Lektüre über eine herausragende Persönlichkeit, die viel Licht, aber auch viel Schatten warf. 

Weitere Romane von McCarten, die ich hier im Blog schon vorgestellt habe:

– Englischer Harem
– Hand aufs Herz
– Ganz normale Helden
– funny girl
– Jack 

Anthony McCarten
Licht
Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Originalausgabe: Brilliance, London, 2012
diese Ausgabe: Diogenes, TB, ca. 360 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Philip Roth: Portnoys Beschwerden

Philip Roth, einer der wichtigsten der Nicht-Nobelpreisträger (wobei diese Auszeichnung ja im letzten Jahr heftig beschädigt worden ist…) hat viele wichtige Bücher geschrieben, ein paar sehr wenige davon habe ich im Lauf der Jahre hier im Blog vorgestellt [Mein Leben als Sohn; Jedermann – Everyman und Der menschliche Makel]. Wenngleich Roth schon 1950 den National Book Award zugesprochen bekam, wurde er einer großen Öffentlichkeit weltweit wohl durch das vorliegende Werk Portnoys Beschwerden [Portnoy’s Complaints], das im Original 1969 veröffentlicht wurde und schon ein Jahr später in deutscher Übersetzung bei Rowohlt erschienen war, bekannt. Die von mir gelesene und im nachfolgenden vorgestellte Buchclubausgabe beruht auf der ersten Übersetzung von Kai Molvin, der später dann noch eine Übersetzung von Werner Schmitz folgen sollte. Beide Übersetzung werden jedoch, so steht es geschrieben [https://de.wikipedia.org/wiki/Portnoys_Beschwerden], als …“gute und verlässliche, aber mit Notwendigkeit je unvollkommene Arbeit…“ bezeichnet.

Das der Roman so erfolgreich wurde, ist nicht verwunderlich. Oder vielleicht doch, denn im Grunde ist das ganze Buch eine einziger Monolog, den der 1933 geborene Alexander Portnoy auf der Couch seines Psychoanalytikers Dr. Spielvogel hält, der selber nur an einer einzigen Stelle im Roman, auf der letzten Seite, persönlich in Erscheinung tritt, als er nämlich vorschlägt: Dann wollen wir mal anfangen. Ansonsten gibt es wenige Stellen im Text, in denen der monologisierende Portnoy sein Gegenüber direkt anspricht.

Was soll man zu diesem Roman schreiben? Sagen wir einfach was zur Person Portnoys. Dieser wurde 1933 geboren als Sohn jüdischer Eltern, der in einem jüdischen Viertel New Yorks aufwächst. Der Vater, ähnlich wie der Vater des Autoren, ist als Versicherungsvertreter im Aufschwatzen von Versicherungen auch an Menschen, die gar nicht wissen, was das ist, so erfolgreich, daß er von diesem Posten nie wegbefördert wird. Ansonsten leidet er unter chronischer Obstipation, gegen die er mit strenger Diät vorgeht. Wie auch sein Sohn steht er im Schatten der Mutter, die wie eine Karikatur jüdischer Mütter alles vereinnahmend unumschränkt über die Familie herrscht bis hin zu Handlungen, die heutzutage als sexuell übergriffig gewertet würden, sicherlich aber auch seinerzeit schon aus dem Rahmen des Üblichen fielen. Aus dieser heiklen Konstellation entwickelt Roth köstlich-beklemmende Szenen, wenn etwa die Mutter durch tätige Mithilfe dem Sohn beibringt, wie ein Mann im Stehen zu Pinkeln…

Der Sohn, nämlicher Alexander, Bruder einer älteren Schwester, fühlt sich zunehmend bedrängt von dieser Mutter, von dem jüdischen Leben der Familie, von den Einschränkungen und Massregelungen – und von seiner erwachenden Sexualität. Sein Protest gegen diese Zwänge ist ein von ihm proklamierter Atheismus, der sich an kommunistischen Idealen orientiert und die exzessive Extremmasturbation, nachdem er das entsprechende Alter erreicht hat. Auch bei letzterem weiß Roth dem Akt die peinliche Note weitgehend zu nehmen und ihn in ein groteske Slapstickstück zu wandeln: beispielsweise läßt er Alex während des gemeinsamen Mittagsessens der Familie unter der fadenscheinigen Entschuldigung eines diarrhörischen Anfalls aufspringen und aufs Klo rennen. Dort, mit einer über den Kopf gezogenen getragenen Unterhose seiner Schwester, deren BH er zwischen Türklinke und einem Haken aufgespannt hat, befriedigt er sich. Im Rubbelwahn sieht er sogar deren Brüste wackeln, doch es ist nur die Mutter, die an der Klinke rüttelt, nach dem kranken Sohn (hat er unkoscher gegessen? Schweinefleisch?) zu sehen. Während sie also diesen auffordert, seine Hinterlassenschaft nicht in die Kanalisation zu spülen, sie wolle sie kontrollieren, murrt im Hintergrund lautstark der Vater, der gerade jetzt auf die vom onanierenden Sohn blockierte Toilette könnte und wollte…. von solchen absurden Szenen gönnt uns Roth eine ganze Menge.

WEIL IHR VERDAMMTEN JÜDISCHEN MÜTTER EINFACH NICHT ZU ERTRAGEN SEID.

Alexander Portnoy ist sehr intelligent, weit über MENSA-Eingangsniveau. So ist er beruflich (biografisch überspringe ich jetzt viel) durchaus erfolgreich, jedoch weit davon entfernt, mit seinem Leben zufrieden zu sein. Ein jüdischer Mann, dessen Eltern noch leben, ist immer so hilflos wie ein Säugling. Wobei es in Portnoys Fall nicht wirklich um die Eltern geht, sondern um die Mutter, die ihren Sohn wie ein Dibbuk in den Klauen hält und der alle dessen Versuche, ihr zu entkommen, nichts anhaben können. Der Versuche sind es viele, der Unglaube ist einer davon, das Masturbieren ein anderer, der sich mit zunehmendem Alter immer stärker entwickelnde Drang, Schicksen an die Brüste und unter die Unterwäsche zu gehen, ein anderer. Auch dies schildert Roth in einer Art und Weise, daß man beim Lesen nicht weiß, ob man Lachen oder Weinen soll, daß sich bei Portnoy eine ausgewachsene Beziehungsunfähigkeit aufgebaut hat, muss wohl kaum betont werden… Wie auch immer, letztlich landet Alex beim „Äffchen“, einem Unterwäschemodel, das weniger durch intellektuelle Leistungen als mehr durch eine hemmungslose Sexualität auffällt. Aber selbst diese so lang von Alex erträumte Konstellation endet nicht glücklich, sondern mit einer Suiziddrohnung.

In Israel schließlich, einem Land voller Juden, einem Land, in dem eigentlich glücklich sein sollte, nein, auch dort klappt es nicht. Die hysterische Angst vor einem Schanker, den er sich beim flotten Dreier in Rom mit Äffchen und einer Prostituierten zugezogen haben könnte, lähmt den Hauptdarsteller seiner Fantasien, der einfach weiter abhängt und seinen Dienstantritt bei der Leutnantin der israelischen Armee verweigert….


Roth zeichnet Portnoy als tragische Figur, die sich nie von dem Unglück, eine jüdische Mutter zu haben, lösen kann. Hat diese ihn als Jüngling und jungen Mann in eine Art Sexsucht getrieben, führt sie später zu seiner Impotenz. Denn nie kommt Portnoy gegen das Gefühl der Scham auf, gegen Schuldgefühle und auch gegen die Angst, für seine exzessive Lust bestraft zu werden, nicht zuletzt seine fast schon manische Fixierung auf Schicksen, von denen er eine sogar mal nach Hause mitbringt, um ihr jüdisches Leben zu zeigen.

Dieses jüdische Leben zeigt eine Familie, die nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges darauf bedacht ist, das Jüdische an ihre Kinder weiterzugeben. Es ist auch für uns Leser der Hintergrund der Geschichte. Als Kind noch unterwirft sich Alex diesem Ideal, später rebelliert er dagegen, fühlt sich andererseits als Jude anderen überlegen. Es ist daher für ihn selbstverständlich, daß eine Schickse, wollte sie von ihm geheiratet werden, zum jüdischen Glauben konvertiert, was diese jedoch natürlich ablehnt – dahin die Beziehung. Überhaupt ist Portnoy unfähig, Beziehungen einzugehen. Das Äffchen beispielsweise ist für ihn nur eine Spielwiese für seine erotischen Bedürfnisse, eine Ehe, die sich die Frau insgeheim wünscht, für ihn unvorstellbar. So ist es wenig verwunderlich, daß die jüdische Leutnantin ihn nach seinem verunglückten Vergewaltigungsversuch (den sie, die ihm körperlich überlegen ist, locker abwehrt) einfach nur als „Schwein“ tituliert, das sich selbst hasst.

In seinem Monolog bietet Portnoy vielfache Interpretationen seines Handelns, seiner Gedanken, seiner Süchte. Spielvogel, sein Psychiater, dagegen bleibt stumm, er läßt seinen Patienten schwadronieren, ihn gedanklich hin- und herspringen, der biographische Pfeil Portnoys weist daher kleiner Schleifen auf. Die ganze Geschichte ist witzig geschrieben, sie scheut sich nicht vor Obszönem, das jedoch nie obszön daher kommt, sondern das so skurril erzählt wird, daß es einfach nur zum Lachen reizt. Bei aller Unterhaltsamkeit, die Roth uns mit seinem Werk gönnt, ist der Roman jedoch an keiner Stelle seicht ober oberflächlich, im Gegenteil denke ich, man kann ihn (und dies wird wohl auch geschehen sein) in extenso interpretieren und deuten.

Obwohl also schon nicht mehr ganz frisch, kann ich jedem, der sich intelligent unterhalten lassen möchte, diesen Roman nur ans Herz legen.

Philip Roth
Portnoys Beschwerden
Übersetzt ins Deutsche von Kai Molvig
Originalausgabe: Portnoy’s Complaint, NY, 1969
diese Ausgabe: Deutsche Buchgemeinschaft, HC, ca. 250 S., (nach der Ausgabe bei Rowohlt von 1970)

 

Bendict Wells: Die Wahrheit über das Lügen

Benedict Wells ist ein wunderbarer Romanautor, den ich in meinem Blog schon mit einigen seiner Werke vorgestellt habe (Becks letzter Sommerfast genialVom Ende der Einsamkeit und Spinner (New Edition)), hier aber… Vielleicht bin ich einfach nur unfair, ungerecht, dem Autoren gegenüber und dem Verlag, möglicherweise bin ich einfach kein Leser ‚kurzer Geschichten‘, die offensichtlich noch nicht einmal Erzählungen sein sollen, diese Kategorisierung jedenfalls wird vermieden, also einfach nur Geschichten. So frag ich mich beispielsweise bei diesen ‚zehn Geschichten‘  nach der Motivation, die hinter der Veröffentlichung steht. Wo ist der rote Faden, was verbindet diese Geschichten, außer der Tatsache, daß sie von Menschen handeln? Outtakes eines Romans stehen neben romantischer Fantasy, SF neben Vater/Sohnkonflikten, die einsame, alte Trauernde neben dem erfolgsverwöhnten Manager, der ungewollt auf einen Selberkundungstrip gerät. Was verbindet sie im Buch, welche Wahrheiten, welche Lügen?

Wer hätte nicht schon eine Geschichte erzählt bekommen von einem Mann, der am Abend einen Termin hat und trotzdem noch mal so eben diesen einen Gipfel, den er am Horizont sieht, gegen Vernunft und Rat besteigen will. Surprise, surprise: er hat sich verkalkuliert und verirrt sich, die äußere Wanderung wird auch zur inneren…. Oder die alte Frau, die im Park sitzt, trauert und vor Not kichernde Teenagern anspricht und von Ferdinand erzählt, der – surprise, surprise – jedoch… na, ich will jetzt nicht zuviel verraten…

Die klassische Geschichte vom Vater-/Sohnkonflikt, der sich an der früh verstorbenen Mutter gründet, über deren Tod die beiden nie ins Gespräch finden, so daß sich am Ende alles als ein riesiges Missverständnis und ein Aneinandervorbeileben erweisen wird.

Es sind, ich bin froh darüber, allerdings auch witzige, originellere Geschichten dabei. Die vom erfolglosen Drehbuchschreiber und Filmkritiker beispielsweise, der in eine Zeitmaschine gerät und vier Jahre vor dem ersten ‚Star Wars‘ Film landet. Im Gegensatz zu Lucas, der noch in der frühen Konzeption des Filmes ist und dessen Vorstellungen noch völlig konfus und ziemlich verworren sind, kennt unser Held den fertigen Film, das Highlight seiner Jugend, in und auswendig. Was liegt näher, als ihn selber zu drehen und den Erfolg einzuheimsen, noch vor Lucas?

Interessant ist das Kammerspiel zwischen den beiden Männern, die entführt und zusammen eingesperrt eine Tischtennisplatte in ihrem Kerker vorfinden. Sie fangen an, zu spielen und es setzt sich bald die Überzeugung in ihnen fest, daß ihre Entführer irgendwann einmal den Sieger eines Entscheidungsspiels freilassen werden. Zwei Männer also, die in dieser Situation, in der sie zusammen stehen sollten, in einen Wettkampf gegeneinander verstrickt sind, aus schicksalhafter Verbundenheit wird Konkurrenz, Abneigung und sogar Hass.

In einer weiteren Geschicht geht Wells der Frage nach, ob man sich als Künstler, als Schriftsteller, zwischen Kunst, beziehungsweise dem künstlerischen Erfolg und der Liebe entscheiden muss: eine bis dato recht erfolglose Autorin wird nämlich von der männlichen Muse (einem ‚Muserich‘ ?) geküsst und verliebt sich in ihn, den (nur) sie kann ihn auch sehen…

Insgesamt ist Die Wahrheit über das Lügen jedoch eher ein Potpourri von Geschichten, das ich schnell gelesen und abgehakt habe. Natürlich merkt man auch dieser Sammlung an, daß Wells schreiben kann, erzählen kann, zu formulieren weiß, bis auf wenige Ausnahmen jedoch ist leider nie ein Funke auf mich übergesprungen – was mir durchaus leid tut. Und eine Antwort auf meine Eingangsfrage, was Autoren und Verlag zur Veröffentlichung dieser auf mich etwas erratisch wirkenden Sammlung von Geschichtchen veranlasst hat, habe ich auch nicht gefunden….

Bendict Wells
Die Wahrheit über das Lügen
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 240 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

Carmen Korn: Zeiten des Aufbruchs

Carmen Korns Romantrilogie um die vier Hamburger Frauen Henny Lühr, Else Godhusen, Lina Peters und Ida Yan wird vom Verlag etwas doppeldeutig als „Jahrhundert-Trilogie“ beworben. Daß diese drei Romane ein Jahrhundert überstreichen sei unbestritten (auch wenn der dritte Band noch aussteht), ob sie aber auch eine Trilogie sind, die vom Niveau her so anspruchsvoll ist, daß sie mehr als eine Eintagsfliege sein wird, muss sich noch erweisen. Ich deute es hier an, ich habe meine Zweifel (trotz des offensichtlichen Verkaufserfolgs) daran.

Den ersten Band Töchter einer neuen Zeit (https://radiergummi.wordpress.com/2018/05/27/carmen-korn-toechter-einer-neuen-zeit/) hatte ich neulich hier vorgestellt, der hier beschriebene zweite Teil schließt nahtlos an. Korn hat den allermeisten ihrer Figuren einen ‚guten‘ Ausgang gegönnt: sie haben den Krieg mehr oder weniger unbeschadet überlebt. Selbst von der verschwundenen Käthe, die ja von Hennys Mann denunziert worden war, gibt es eine ‚Sichtung‘, auch von Rudi, ihrem Mann, der in russische Gefangenschaft gekommen ist, traf ein Lebenszeichen ein.

Zeiten des Aufbruchs umfasst einen Zeitraum von ca. 20 Jahren, von 1948 bis zu den Studentenunruhen der Jahre 1968/69. Es geht aufwärts, auch für die Protagonisten, die Zeiten werden besser, auch für Käthe und Rudi, die – niemand wird dies überraschen – schließlich wieder zurückkehren und den Kosmos um die vier Frauen komplettieren. Es ist müßig, hier in dieser Buchvorstellung auf die Handlung einzugehen, die Geschichte, die nach wie vor viele Figuren hat (möglicherweise noch mehr als der erste Band) ist eine Art Parforceritt durch die bundesrepublikanischen Anfangsjahre: Währungsreform, Bundeswehr, Wiederbewaffnung, Atomwaffen, Strauß, Adenauer, Brandt, Berlin-Blockade, Kubakrise, Kennedy-Attentat, 17. Juni, Ungarn, Sturmflut in Hamburg… um nur einige Stichworte zu nennen, die mir jetzt nach der Lektüre noch einfallen. Aber vielmehr ist bei Korn auch nicht zu lesen, sie hetzt mit ihrer Handlung durch die Jahre, als ob es kein Morgen gäbe… Dabei beschreibt sie soch die meisten ihrer Hauptfiguren als TV-Verweigerer, die gerne zusammen sitzen und Wein trinken (über dessen Provenienz wir jeweils aufgeklärt werden…) und die dabei genügend Gelegenheiten gehabt hätten, über solche Ereignisse zu diskutieren…

Wenn sich etwas wie ein roter Faden durch diesen Mittelband der Trilogie zieht, dann ist es zum einen die Liebe der Autorin (?) zum Jazz, der sie in der Figur des Klaus, dem Sohn Hennys aus zweiter Ehe, frönt. Dieser ist Radiomann geworden und moderiert dort im NWDR (bzw. später dann seinem nordischen Nachfolger) Jazzsendungen, auch privat ist er mit dem Jazzmusiker und -komponisten Alex liiert. Eine Beziehung, die sehr heimlich gelebt werden muss, denn noch gibt es den Paragraphen des 17. Mai, der männliche Homosexualität unter Strafe stellt und die Betroffenen gesellschaftlich vernichtet. Dies und die heimtückische Krankheit von Alex bilden eine Art zweiten roten Faden durch das Buch.

Was sind sie alle so gut, die Gutheit der Figuren ist manchmal kaum zu ertragen! Wenn da nicht ein Ernst Lühr wäre, der einem aber in seinem Schwulenhass fast schon wieder leid tun kann… ok, auch die Figur der Ida hat ihre Brüche, aber zum Bruch selbst läßt es Korn nicht kommen und Florentine mit ihrer exotischen Ausstrahlung, ein Erbteil ihres Vater Tian, mit dem Ida jetzt verheiratet ist, bringt als Fotomodel so ein wenig die große, weite Welt mit ihrem Glamour ins Buch…

Am Ende der Geschichte gehen die Hauptfiguren des ersten Bandes auf das Ende ihres sechsten Lebensjahrzehnts zu. Die berufliche Karrieren hat sich schon oder ist dabei, sich dem Ende zuzuneigen: das Alter steht vor der Tür, während draußen die Jugend rebelliert und in der BRD Brandt Kanzler geworden ist und der Paragraph 175 abgeschafft wurde. Was natürlich nicht verhindert, daß ein männliches Pärchen in der Öffentlichkeit Hamburgs (und nicht nur dort) immer noch schief angesehen wird…


Die Taschenbuchausgabe des Romans hat ca. 600 Seiten, von denen man beim Lesen prinzipiell hie und da beruhigt einige Seiten überschlagen könnte. Möglicherweise versäumt man dann ein paar Fakten, aber das ist für den Wiedereinstieg kaum ein Problem, da der Roman so unruhig und unstetig geschrieben ist, daß man das Fehlen überlesener Seiten nicht weiter merkt [diese Anmerkung bedeutet nicht, daß ich das Überblättern auch empfehle….] Korn gönnt ihren Figuren nämlich fast immer nur wenige Seiten, bevor sie wieder zu anderen Schauplätzen wechselt, es geht hin und her, ein Lesefluss stellt sich nur selten ein. Diese erwähnten stichwortartigen Hinweise auf politische und/oder gesellschaftliche Daten passt in diesen Rahmen. So bleibt alles sehr an der Oberfläche, und mag auch bei älteren Lesern durch die Beschränkung auf eine bloße Erwähnung doch so manche Erinnerung angetriggert werden, so können jüngerer Leser selbst davon nicht profitieren… die Hamburger, die können dem Roman wahrscheinlich mehr entnehmen, denn wie schon der erste Band ist auch Teil 2 eine kleine Hommage und Erinnerung an die vergangenen Zeiten dieser Stadt.

… und mir bleibt am Ende des Romans die Frage, ob ich aus systematischen Gründen auch noch den dritten Teil des Kornschen Werkes lesen soll oder ob ich mir sage, mein Restleben ist zu kurz, um dafür Zeit zur Verfügung zu stellen… Summa summarum, um zum Ende zu kommen, war und bin ich von diesem Mittelteil der Trilogie Korns enttäuscht worden.

Carmen Korn
Zeiten des Aufbruchs
diese Ausgabe: rororo, TB, ca. 600 S., 2018 (mit Glossar und Personenverzeichnis)

Connie Palmen: Die Sünde der Frau

Die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen ist auf meinem Blog keine Unbekannte. Mit  I. M., Ischa Meijer, In Margine, In Memoriam und dem Logbuch eines unbarmherzigen Jahres hat sie zwei autobiographische Werke vorgelegt, in denen sie ihre selbst durchlittenen existentielle Verluste jeweils eines geliebten Mannes schildert, in Du sagst es stellt sie in einem biographischen Roman das Leben des Ehepaares Sylvia Plath / Ted Hughes dar. Alle drei Bücher sind keine leichte Literatur; das letztere der erwähnten Titel leitet inhaltlich schon über auf das vorliegende schmale Bändchen mit vier Essays Die Sünde der Frau über, welches der Klappentext kurz und knapp charakterisiert: „Vier Frauen, vier Tragödien – ein Muster. / Originalität, Ruhm und Selbstzerstörung / Über Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patracia Highsmith“.

Der zitierte Klappentext suggeriert eine Art Unabwendbarketi, die sich im Schicksal dieser Frauen verbergen mag. Natürlich bin ich einem vorgefassten Gedanken gefolgt. Mit diesem Satz leitet die Autorin ihr Büchlein ein, ihr erklärtes Ziel ist es, ... in der Beschreibung ihrer Leben eine Erklärung für ihr selbstzerstörerisches Verhalten zu finden. Warum Palmen gerade diese vier Frauen in ihre Betrachtung einbezieht, bleibt leider im Dunkeln ebenso wie die Tatsache, daß sie mit Marily Monroe eine Schauspielerin unter ansonsten drei Literatinnen gewählt hat. Jane Bowles beispielsweise dürfte von nur wenigen Literaturbegeisterten wirklich gelesen worden sein, in der Blogosphäre jedenfalls habe ich keine Besprechung eines ihrer überhaupt wenigen Werke gefunden… (http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/jane-bowles/).


Die Sünde der Frau ist ein schmales, schön aufgemachtes Bändchen, das der Verlag herausgegeben hat, insgesamt kaum neunzig Textseiten, davon noch ein Abschnitt Handreichungen für die Lektüre… roundabout also zwanzig Seiten pro biographischer Notiz. Das ist nicht viel, führt das oben zitierte … in der Beschreibung ihrer Leben … etwas ad absurdum. Palmen fokussiert sich von Anfang an auf gemeinsamen Aspekte im Lebens der Frauen, in denen sie ihrem …vorgefassten Gedanken… nach die Gründe für den selbstzerstörerischen Charakter sieht. Sie seien kurz genannt (nachfolgend dem Sinne nach zitiert): macht sie ihr Talent ungeeignet für ein traditionelles Frauenleben, leiden sie unter daher unter ihrer Aussenseiterrolle, suchen sie die Freiheit der Selbstbestimmung, auch die Freiheit, sich zugrunde zu richten? Mit letzterem Aspekt berührt sie implizit den Begriff des latenten Suizids.

Daß Menschen, die (latent) suizidal sind, Gemeinsamkeiten aufweisen, kann nicht wirklich überraschen. Die wenigsten selbstzerstörerisch agierenden Menschen werden eine glückliche, behütete Kindheit gehabt haben, werden in erfüllenden Partnerschaften gelebt haben und werden durch berufliche und/oder künstlerische Erfolge in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt worden sein. So überrascht es nicht, daß dies auch auf die von Palmen ausgewählten Frauen zutrifft, die sich entweder suizidiert haben (Monroe) bzw. sich bewusst [“Ich weiß, dass ich langsam verfalle. Es ist mir völlig klar, und keiner kann mich vom Gegenteil überzeugen. Ich merke den Unterschied von einem Monat zum anderen. Erzähl mir nicht, dass es mir irgendwann besser gehen wird” Jane Bowles 1957 zu Paul. In: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/jane-bowles/] durch Alkohol und andere Drogen geschadet haben. [Leider wird im Buch noch durchgängig von ‚Selbstmord‘ geredet, (wahrscheinlich durch eine nicht ausreichend reflektierte Übersetzung des niederländischen ‚zelfmoord‘), obwohl doch mit dem Begriff ‚Suizid‘ ein neutraler Ausdruck zur Verfügung steht. In diesem Zusammenhang ist folgende Untersuchung interessant: Suizid-Prävention: Wortwahl in Nachrichten beeinflusst Wahrnehmung und Bewertung des Suizids durch die LeserInnen inhttps://www.meduniwien.ac.at/…leserinnen/, oder: Jakob Wetzel: Die Wortwahl entscheidet in: https://www.sueddeutsche.de/…entscheidet-1.3894877]

Die Vermutung, daß selbstzerstörerischem Verhalten (von Suizidanten) ein bestimmtes Muster zugrunde liegt, ist jedoch nicht neu. Schon vor Jahren formulierte Gert Raeithel  als Ergebnis seines Buches: Selbstmorde und Selbstmordversuche amerikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller: „…. ergeben sich bei der Mehrheit der Suizidanten wiederkehrende Lebensmuster. Dazu gehören eine problematische Kindheit; der frühe Verlust einer vertrauten Umgebung; der unzeitige Tod eines Elternteils oder tiefsitzende Konflikte in der engeren Familie oder im persönlichen Umfeld; ein zähes Ringen um Anerkennung, oftmals abrupter Erfolg, dann Nachlassen der Kreativität und Zweifel am Sinn des Erreichten; die Unfähigkeit, stabile Bindungen aufzubauen oder zu erhalten; Alkoholismus und Drogensucht; seelische Erkrankungen.“ Die Ausgangsfrage Palmens ist damit im Grunde schon beantwortet, zumindest liegt die Antwort nahe, aus den Niederlanden ist also in dieser Arbeit nichts wirklich Neues zu erwarten. [Gert Raeithel: Selbstmorde und Selbstmordversuche amerikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller (von Sylvia Plath bis David Foster Wallace); Aachen 2008, S. 39 / das ein im übrigen sehr deprimierendes Büchlein ist, das ähnlich wie Palmen es hier in Essayform versucht, die (auf den das Leben beendenden Suizid ausgerichteten) Lebenswege von drei Autorinnen und 8 Autoren skizziert. Hinweisen will ich in diesem Zusammenhang auch noch auf das Buch von Pilar Baumeister:  Wir schreiben Freitod… | Schriftstellersuizide in vier Jahrhunderten, in dem erschreckende 423 Namen aufgeführt werden…]

Die Namen der vier von Palmen berücksichtigten Frauen sind schon genannt: Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patracia Highsmith. Ich will hier nicht weiter auf deren Lebensläufe eingehen, Palmen schildert diese sehr knapp unter der Berücksichtigung ihrer Arbeitshypothese. Die Leben (und das Sterben) sind jeweils gekennzeichnet durch eine besondere, spezifische Tragik, die bei der Monroe im Siuzid mündet, während die Duras ein ums andere Mal durch Alkohol und Depressionen an den Rand des Abgrunds [getrieben wird], und sie wird mit Delirium, Lähmungen , Emphysemen , Leberversagen, Hirnblutungen, Psychosen ins Krankenhaus eingeliefert, Gleich drei mal kommt es vor, dass sie ins Koma fällt, … . Die gleichgeschlechtlich orientierte Jane Bowles bindet sich in Marokko an eine aggressive Frau, die ihr nach dem Leben trachtet – was sie weiß. Trotzdem kehrt sie nach einem Schlaganfall zu ihr zurück. Übermäßiger Alkoholgenuss und Rauchen bringen sie immer wieder in Kliniken, die Diagnose lautet Schizophrenie. Sie stirbt in einer Klinik in Malaga. Patricia Highsmith schließlich umgibt sich mit der glorreichen Triade Schreiben, Sex und Alkohol, und schafft sich in ihrem Mr. Ripley ihr literarisches Alter Ego. Sie bindet sich an Frauen, die schlecht für sie sind, sie ist vom Bösen fasziniert, manisch-depressiv. „Ich bin sehr unglücklich – aus reiner Unentschlossenheit. Daher trinke ich“ zitiert Palmen eine Tagebucheintrag von 1953. Sie [i.e. Highsmith] weiß schlichtweg nicht, wie sie leben soll, sterben jedenfalls tut sie viele Jahre später als misanthropischer, unausstehlicher Mensch allein und spindeldürr in einem Krankenhaus in Locarno.


Die Sünde der Frau… ich bekenne, daß ich mit dem Titel des Büchleins Probleme habe. In der „Handreichung“ geht Palmen zurück bis zu Adam und Eva und stellt Eva in die Reihe ihrer vier Frauen: sie ist die erste vaterlose Frau… und sie bricht Regeln – so wie es die Monroe Jahre später sagen sollte: „Wenn ich mich an alle Regeln gehalten hätte, hätte ich es nie zu etwas gebracht.“ Andererseits bescherte die Sache mit dem Obstteller Eva genau das, dem die anderen Frauen sich später weitgehend entziehen sollten bzw. mit dem sie sich sichtlich schwer getan haben: Kinderkriegen und Haushalt. Ansonsten taucht der Begriff „Sünde“ in den Ausführungen der Autoren nicht mehr auf… möglicherweise ist mein Blick dafür auch zu sehr aus der männlichen Warte heraus auf die Problematik gerichtet. Es ist mir beim Aufarbeiten des Textes voller Entsetzen (das sage ich nicht nur so dahin) aufgefallen, wieviele und welche bekannten Schriftsteller sich suizidiert haben, man kann das leicht ergoogeln. Ein spezifisch weibliches Phänomen scheint dieses Selbstzerstörerische daher nicht zu sein. Oder ist es bei Männern keine Sünde, weil sie keine Regeln brechen? Ratlosigkeit bei mir…

… und noch etwas möchte ich anmerken, weil ich damit meine Schwierigkeiten habe. Ebenfalls in den „Handreichungen“ fragt sich Palmen: „…suchen sie die Freiheit der Selbstbestimmung, auch die Freiheit, sich zugrunde zu richten?“ Wirklich beantwortet wird diese Frage im Text nicht, ich vermisse – wenn schon zu Beginn eine Anleitung zum Lesen an die Hand gegeben wird – sozusagen eine Art Zusammenfassung, in der Palmen die Antwort auf ihre Eingangsfragen hätte noch einmal aufarbeiten können. Mir jedenfalls fällt es schwer, bei diesen teilweise heftigen Krankheitsbildern von der Freiheit zu Entscheidungen, die die Frauen getroffen haben, auszugehen. Hier von Freiheit zu reden ist so unsinnig wie einen Suizid als Freitod zu bezeichnen. Was von außen als „freiwillig“ erscheinen mag, ist für den/die Betroffene/n die letzte aller verbliebenen Handlungsalternativen.


Puhhh.. jetzt bin ich ganz schön über das Buch hergefallen, ich bin selbst ein wenig erschrocken. Denn die Lebensskizzen, die uns Palmen von den vier Frauen als Fallbeispiele zeichnet, sind als solche sehr interessant, gerade durch die Fokussierung auf die Suche nach Gründen für das Selbstzerstörerische, das sich in ihnen zeigt. Sie sind pointiert geschrieben, mit Abstand zu den Frauen, aber doch mit Mitgefühl, sie bringen deren Tragik auf den Punkt. Die Skizzen ersetzen keine Biografie, sie schildern nicht das Leben (dazu sind sie zu kurz), sie verdeutlichen jedoch die Probleme und das Wechselspiel zwischen dem Lebensunglück der Frauen und ihre Flucht in ein Leben als Star (Monroe) bzw in das Schreiben, das ihnen Gelegenheit gab, in andere Existenzen zu wechseln. Das beides nicht geholfen hat, daß für die Monroe der Abstand zwischen der immer extremer werdenden Funktion als Projektionsfläche (feuchter) Männerträume und der inneren Leere, die sie quälte, immer größer wurde und bei den anderen nach Beendigung des Manuskripts der Schock, wieder in die Realität absteigen zu müssen, sie erneut aus der Bahn warf, ist die Tragik dieser Leben. Da Palmen bekanntermaßen eine hervorragende, intelligente und gut formulierende Autorin ist, ist die Lektüre des Buches eine Freude, die jedoch – der Kürze wegen – schnell vorbei ist.

Möglicherweise merkt man es meiner Besprechung an, Palmens Büchlein hat Widerspruch in mir erregt, hat mich andererseits und gerade dadurch zum Nachdenken, zum Nachschlagen und zum Nachlesen animiert; es sind Fragen unbeantwortet geblieben, die Palmen selbst aufgeworfen hat – all dies wahrlich nicht das Schlechteste, was man einem Buch nachsagen kann. Und da die Thematik meist ja doch nicht präsent ist (ich war – nochmals – erschrocken, über welche Autoren/-innennamen ich in diesem Zusammenhang gestoßen bin) ist die Lektüre von Palmens Essays (nicht zuletzt der literarischen Qualität wegen) trotz all meiner Anmerkungen auf jeden Fall empfehlenswert.

Connie Palmen
Die Sünde der Frau
Übersetzt aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Originalausgabe. De zoende van de vrouw, Amsterdam 2017
diese Ausgabe: diogenes, HC, ca. 90 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.