Die Autorin Anna Kim und mich verbindet etwas (von dem sie natürlich nichts ahnt, ahnen kann): wir haben, so schreibt es zumindest die Wiki, zur gleichen Zeit in der gleichen Stadt gelebt: Anfang der 80er Jahre in Gießen [1]. Geboren wurde Anna Kim jedoch 1977 in Südkorea, sie kam aber schon im Jahr darauf mit ihren Eltern nach Deutschland und zog 1984 nach Wien um, wo sie dann später Philosophie und Theaterwissenschaft studierte; vor Kurzem ist sie nach Berlin umgesiedelt [2].

In der Rahmenhandlung zu ihrem vorliegenden Roman Die grosse Heimkehr spiegelt sich dieses eigene Schicksal in der Figur der Hanna wieder, denn die Ich-Erzählerin dieser Rahmenhandlung kam mit vier Jahren aus Korea  in eine deutsche Pflegefamilie. Die junge Frau treffen wir in Korea an, auf der Suche nach ihrem einstigen koreanischen Kindermädchen, von dem sie sich Auskunft erhofft über ihre Eltern. Ein älterer Mann in Seoul fragt bei ihr an, ob sie ihm einen Brief übersetzen kann, den er aus den USA erhalten hat. Dieser Brief enthält die Nachricht, daß eine gewisse Eve Lewis in einem amerikanischen Altersheim gestorben ist und die Anschrift von Yunho Kang, dieses Mannes nämlich, die einzige Adresse ist, die man in ihrem Nachlass gefunden hat und die man benachrichtigen konnte.

Eve Lewis…. ja, Yunho Kang kannte diese Frau, auch wenn es lange her ist und ihr Name – einer unter vielen – damals Eve Moon war. Es war eine kurze Zeit, aber sie war intensiv, diese wenigen Monate 1959/1960 waren prägend für sein ganzes Leben. So konzentriert sich die eigentlichen Handlung des Romans auf diese Zeitraum, sie spielt an zwei Orten, in Seoul und im zweiten Teil des Buches im japanischen Osaka. Im Mittelpunkt stehen Yunho Kang, sein Freund aus Kindertagen ‚Johnny‘ Kim, mit dem zusammen er in einer kleinen Siedlung im Westen Südkoreas aufwuchs und eben nämliche ‚Eve‘ Moon, deren koreanischer Name Yunmee war so wie der von Johnny Mino lautete…

Yunho lernt Eve 1959 als Freundin von Johnny kennen, in Seoul, wo er diesen, den er Jahre nicht gesehen hat, aufsucht. Yunho braucht Hilfe, einen Platz zum Schlafen, etwas Geld, vielleicht auch Arbeit… Johnny hilft ihm, greift ihm unter die Arme und so verknüpft sich das Leben dieser drei Figuren  für die nächsten Monate, deren Verlauf man nicht vorhersehen kann in diesen für Korea so unruhigen Zeiten…


Was wusste ich vor diesem Roman von der Geschichte Koreas? Nun, im zweiten Weltkrieg war es von den Japanern besetzt, viele koreanische Frauen wurden verschleppt, zur Zwangsarbeit, jedoch auch zur (sexuellen) Betreuung japanischer Truppen gezwungen. Nach dem Krieg wurden die Interessensphären der Siegermächte durch den 38. Breitengrad getrennt und der Norden kam unter der Herrschaft Kim Il-Sungs erst einmal in den russischen Einflussbereich, während im Süden der von den Amerikanern unterstützte Syngman Rhee erster Präsident Südkoreas wurde. Das Jahr 1953 verbinde ich mit dem Korea-Krieg (der jedoch schon drei Jahre vorher ausgebrochen war), der die Welt damals an den Rand einer erneuten Katastrophe brachte. Danach war die Teilung Koreas in einen kommunistischen Norden und einen – sagen wir mal – nicht-kommunistischen Süden fixiert. Wirtschaftlich und auch politisch entwickelten sich die beiden Landesteile in den nächsten Jahrzehnten sehr auseinander. Während der Norden unter einer Art kommunistischer Dynastie der Kims [3] politisch immer extremer wurde und die wirtschaftliche Entwicklung des vor der Teilung industrialisierter und mit mehr Bodenschätzen gesegneten Landesteiles immer mehr ins Stocken geriet, bis die Versorgungslage heutzutage – zumindest für die Masse der Bevölkerung – zum reinen Elend verkommen zu sein scheint, entwickelte sich der Süden zu einem wirtschaftlich starken Land mit weltweit operierenden Konzernen. Politisch war die Lage aber auch im Süden nie einfach, auch hier gab es unter Rhee Unterdrückung und Verfolgung Andersdenkender, die erst im Lauf der Jahrzehnte nachließ.


Beim Lesen von Kims Roman habe ich gemerkt, wie dürftig dieses Wissen ist. Denn Die grosse Heimkehr ist erzählte koreanische Geschichte, eine überaus gelungen erzählte Geschichte. Sie nimmt ihre drei Protagonisten und konzentriert auf deren Schicksal die Zerrissenheit, die Unsicherheit, die Lüge und die Bedrohung, unter der ein ganzes Volk lebte, leben musste und stellt dies in den Zusammenhang mit der gesamten jüngeren Historie des Landes, die vor allem auch durch die japanische Besetzung geprägt war.

Auch im Südteil des Landes, der nicht-kommunistisch ist, herrschte nach dem Krieg Verfolgung und Terror. Wer Verwandte im Norden hatte oder gar selbst aus dem Norden stammte, war automatisch im Verdacht, ein kommunistischer Spion zu sein. Paramilitärische Schlägertrupps wie die ‚Nord-West-Jugend‘ machten Jagd auf sie und waren in ihren Methoden nicht zimperlich. Johnny gerät in eine Auseinandersetzung mit einem Mitglied dieser Nord-West-Jugend, ein Streit, der tödlich endet und so muss Johnny fliehen und mit ihm Eve und auch Yunho, der den Kampf durch einen Zufall miterlebt hat. Eve, die als Tänzerin und Bardame Beziehungen hat, kann eine illegale Überfahrt nach Japan organisieren, wo in Osaka eine größere, kommunistisch orientierte koreanische Kolonie lebt.

Aber auch in Japan sind die Verhältnisse unter den Koreanern alles andere als einfach und übersichtlich, es toben hier ebenfalls Auseinandersetzungen und ideologische Grabenkämpfe, die sich nochmals zuspitzen, als Kim Il-Sung Die große Heimkehr ausruft: Er verspricht jedem Koreaner, der aus Japan nach Nordkorea kommt, sozusagen das Blaue vom Himmel: Essen, Arbeit, Ausbildung, Wohnung…. Viele lassen sich auf dieses Angebot ein, manche werden überredet, manche gezwungen… andere wiederum sind skeptisch, schon Monate haben sie nichts mehr von Verwandten gehört, die zurück gefahren sind und zu schreiben versprochen hatten… oder sie haben schlicht und einfach das komfortable Leben in Japan zu schätzen gelernt.

Für die drei Protagonisten des Romans ändert sich in Japan alles. Sie treten dort als Geschwister auf, die Liebesbeziehungen zu Eve, die es in Korea gab, schlafen offensichtlich ein, zumindest die von Yunho, der als Erzähler im Mittelpunkt des Geschehens steht und die Ereignisse aus seiner Sicht schildert. Auch Eve wird immer rätselhafter, war sie in Korea dominant und selbstbewusst, hat sie in Osaka, wo sie in einem Frisiersalon Arbeit gefunden hat, ihr Verhalten völlig geändert, fast schon unterwürfig: die drei sind als Fremde unter Japanern, aber auch als Fremde unter den schon lange dort lebenden Koreanern zu erkennen. Für Yunho wird diese Frau immer rätselhafter, er erkennt, daß er im Grunde nichts von ihr weiß. Später, im Gespräch mit Hanna, sollte er sich erinnern: Eve gehörte zu den Menschen, die ihre Lebensgeschichte verdeckt halten, weil sie glauben, sich dadurch zu schützen. Da sie keine Biografie anbieten konnte, die ohne Weiteres von der Gesellschaft akzeptiert wurde, bestand ihr Werdegang aus Leerstellen, Lücken; Geheimnisse waren für sie keine Heimlichkeiten, sondern wesentlicher Bestandteil ihres Versuchs, normal zu sein. Ein Schutzverhalten in einem Staat, in dem jede Biographie einem Schaden konnte….

In dieser Zeit der ‚Grossen Heimkehr‘ scheint ein Verbrechen geschehen zu sein, die sowieso schon aufgeregten Menschen wühlt das Verschwinden eines Mädchens zusätzlich auf und Johnny wird beschuldigt, etwas damit zu tun zu haben. Er müsse sich entweder der Polizei als ihr Mörder stellen oder das Schiff nach Nordkorea besteigen, lautet das Ultimatum, das ihm gestellt wird…


Im Lauf der fast 560 Seiten entfaltet Kim ein Geschichtspanorama dieses so oft fremdbestimmten Landes, dessen Nordteil heute wie aus der Welt gefallen scheint. Die Entwicklung dieser beiden Teilstaaten (zumindest bis zum Jahr 1960) mitsamt einiger historischer Wurzeln in dieser souveränen erzählerischen Art geschildert zu bekommen, ist hochinteressant. Es wird deutlich, daß der Norden bei relativ günstigen Voraussetzungen (Bodenschätze, Industrieanlagen) nach dem Weltkrieg im Grunde mit einer positiven Motivation an die Gestaltung seines Staates ging, die erst im Lauf der Jahre entartete. Der Süden hingegen scheint sich anfänglich einfach durch den Gegensatz zum Norden definiert zu haben, missbraucht von einer Siegermacht, die ihn als einen Pufferstaat installiert und das diktatorische Treiben in weiten Grenzen duldete, wahrscheinlich sogar einen eigenen Anteil daran hatte. Brutalität und Willkür waren die Folge für die Bevölkerung.

Der ‚Grossen Heimkehr‘ steht im Roman die ‚Kleine‘ gegenüber: die der seinerzeit in eine Pflegefamilie nach Deutschland gegebene Hanna, die ihre biologischen Eltern zu finden versucht, aber einsehen muss, daß dies wohl nicht möglich ist. Über Yunhos Lebensgeschichte lernt sie aber das Land kennen, in dem sie geboren wurde und in dem sie von ihrer Mutter weggegeben wurde….


Die Grosse Heimkehr ist ein großartiger Roman mit Lebensläufen, die zu keiner Zeit Sicherheit und Gewissheit bieten. Alles kann in Frage gestellt werden und sich als Vorspiegelung oder Lüge erweisen. Schuld beruht nicht unbedingt auf schuldhaftem Handeln, sondern kann von aussen definiert werden: du warst mal in Nordkorea, also bist du ein Spion. Dein Bruder ist in Nordkorea, also bist du ein Spion…. Was nach 1960 mit den drei Hauptfiguren geschah, bleibt weitgehend ungesagt. Nordkorea wurde immer mehr zu einer Art Schwarzem Loch, das Menschen und so auch Johnny verschlang, aber keine Nachrichten mehr nach aussen ließ. Eve und Yunho trafen sich noch einmal, Jahre später, Eves Nachname war jetzt Lewis…. und Yunho selbst? Er konnte irgendwann nach Südkorea zurückkehren, aber wurde dort sofort vom Geheimdienst observiert, letztlich fand er sein Auskommen auf einer Hühnerfarm….

… und das alles schildert Kim in einer wunderbaren Sprache, mit Rückblenden, Schleifen und Exkursionen in die Geschichte des Landes. Das liest sich fesselnd und ist raffiniert konstruiert, trotz des erheblichen Umfangs, den Kims Roman aufweist, hat es mir leid getan, als ich die letzte Seite gelesen hatte….

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel über die Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Kim
[2] … wovon ich in diesem Interview, das die ZEIT mit Kim geführt hat (http://www.zeit.de/2017/12/anna-kim-die-grosse-heimkehr-roman), erfahren habe. Interessanterweise lebt die Autorin selbst nach dem Klappentext ihres erst vor wenigen Wochen erschienenen Romans allerdings immer noch in Wien….
[3] bei den asiatischen Namen ist es immer etwas schwierig zu entscheiden, welcher der Vor- und welcher der Nachname ist. Ich hoffe, ich habe mit ‚Kim‘ als Familiennamen die richtige Entscheidung getroffen….

Anna Kim
Die große Heimkehr
Originalausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 560 S., 2017

Wer hätte sie nicht selbst, diese ungeschriebenen Bücher [2], diese Ideen fantastischer Plots, die dann aber doch nie in Buchstaben gegossen werden, worden sind? Jeder von uns Leser und Bücherfreunden kennt dies wohl, dieses aufblitzende Gefühl: das wäre mal eine Geschichte, wert erzählt zu werden. Annette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger haben sich der Mühe unterzogen, genau diese Bücher, die möglicherweise für immer ‚pränatal‘ bleiben werden, ein Blitzen in den Augen ihrer Mütter und Väter, in ihrer Idee zumindest an das Licht der Welt zu holen. Befragt haben sie Schriftsteller, die.. doch halt! Kommando zurück, so ist es ja gar nicht.. also, es ist schon so, nur im vorliegenden Buch führt der Titel in die Irre, teilweise zumindest, denn es geht im Grunde um die verworfenen Titel möglicher Bücher oder auch realer, die später dann unter einem anderen Titel erschienen sind: Tote Hunde im Titel gehen auf gar keinen Fall. Nicht in Deutschland. Punktum. Nach diesem verlegerischen Machtwort beispielsweise wurde aus dem handfesten Hundesterben in Byzanz (so wie es sich der Autor Christoph Peters vorgestellt hatte) ein eher mystisches Das Tuch aus Nacht. (Anmerkung: grün werden Zitate wiedergegeben, purpur sind reale oder verworfene Titel)

Aber bevor es inhaltlich losgeht, noch ein paar Informationen zum Projekt. Über zweihundert Schriftsteller wurden angeschrieben und um Beiträge gebeten. Es waren mehr oder weniger bekannte Autoren/-innen darunter, beispielsweise Ilija Trojanow, Terézia Moria, Juli Zeh, Arno Geiger u.a.m. als (zumindest mir) bekanntere. Insgesamt antworteten 71 Schriftsteller, der Rücklauf lag also bei knapp über einem Drittel, diese 71 Antworten bilden den textlichen Inhalt des Buches. Neben diesem textlichen Inhalt gibt es noch den grafischen, denn ein Titel braucht einen Platz, an dem er steht und dem potentiellen Käufer und Leser ins Auge fällt: das Umschlagbild des Buches. So hat jeder der nie gedruckten Titel durch angehende junge Grafiker und Designer (aus Karlsruhe und Bielefeld) einen Umschlag gestaltet bekommen, mit dem das vorliegende Buch illustriert ist.

Eingeleitet wird die Textsammlung durch ein Vorwort, welches das Projekt erläutert und die Bedeutung und Rolle eines Titels für ein Buch, wobei die Titelgebung ja nichts anderes ist als das Vergeben eines Namens – und das will und muss gut überlegt sein.

Nicht immer, unter Umständen vielleicht sogar seltener, ist der spätere Buchtitel mit dem Arbeitstitel, unter dem der Autor bzw. die Autorin geschrieben hat, identisch. Verlag und Vertrieb haben ein gewichtiges Wort mitzureden bei der Titelvergabe. Die Problematik von Hunden im Titel habe ich vorstehend mit einem Beispiel ja schon erläutert, auch andere Autoren können über ähnliche Erfahrungen berichten: Zu viel Hund wies z.B. der Titel: Musik in den Träumen von Hunden von Rolf Lappert auf. Man muss, so der Vertrieb, bei der Titelauswahl darauf Rücksicht nehmen, daß es eine Menge Menschen gibt, die Hunde nicht mögen. Auseinandersetzungen mit den Verlagen und dem Vertrieb gehören wohl zur Tagesordnung des Geschäfts, nur selten wird festgehalten, daß die Arbeitstitel klaglos übernommen wurden. Es gibt jedoch auch Autoren mit hoher Standfestigkeit, die ihre Titelvorstellung durchsetzen können, Markus Orth konstatiert daher: der Autor hat immer das letzte Wort. Und ohne diese Standfestigkeit gäbe es einen so herrlichen Titel wie: Wer geht wo hinterm Sarg? (dem ich natürlich sofort nachgespürt habe) nicht. 

Das Inverse zum Problem: ‚Text sucht optimalen Titel‘ ist der Komplex: Titel sucht Text. Auch der ist häufig vertreten, die Überschrift, ein prägender Satz, eine gelungene Wortkombination (Seilschläfer bei Terézia Mora, Erneuerung der Fransen bei Kathrin Passig, Hüten fremder Hunde bei Tilman Rammstedt – um nur einige zu nennen) setzen sich im Hirn fest – allein, es fehlt das Fleisch am Gerüst des Titels. Lutz Seiler schildert in seinem Beitrag ein weiteres Phänomen: der Titel Sonntags dachte ich an Gott stand fest und sogar schon in den Verlagsankündigungen – allein, diese Überschrift mutierte für ihn bald zum Sinnbild einer qualvollen Pflicht. Es brauchte eine Entwicklung, eine innere Erkenntnis, bis das Projekt von der Hand ging und der titelgebende Beitrag ist heute sein Lieblingstext in diesem Band.

Annett Gröschner berichtet von Erfahrungen anderer Art. Ihr Werk Eingefrorene Guthaben, bei dem es um einen in einer Kältetruhe sterbenden Kälteingenieur ging, verlor seinen Namen, als gleichzeitig die Spendenaffäre der CDU aufkam: hier hätte der Ursprungstitel eine missverständliche Spur gelegt. Heute heißt das Werk Moskauer Eis, ist direkter und eindeutiger, Gröschner hat jedoch ihren Frieden damit geschlossen…. Noch einmal Gröschner, weil es so witzig ist: Vom Schlachthof zum Kanzler. Damit würde, so der Verlag seinerzeit, der Kanzler beleidigt., wobei man festhalten muss, daß Kohl zu dieser Zeit schon einige Jahre nicht mehr im Amt war. Aber zugegeben, ich dachte tatsächlich spontan an ihn. Es geht übrigens auch nicht um die Karriere eines Metzgers, sondern.. ach das verrät am besten der Titel(wurm) selbst, unter dem das Buch dann 2002 erschien: Hier beginnt die Zukunft, hier steigen wir aus – Unterwegs in der Berliner Verkehrsgesellschaft.

Diese Beispiele sollen genügen, die Zusammenstellung der Herausgeber (die im Buch selbst von sich sagen, sie hätten alles ‚zusammengetragen‘, aber Zusammenträger ist jetzt als Begriff wenig elegant, deswegen habe ich sie kurzerhand zu Herausgebern gemacht) zu charakterisieren, schade, daß ich hier keine Abbildungen wiedergeben kann. Einige wenige Umschlagentwürfe sind jedoch in dieser Besprechung des Buches zu sehen [1], sehenswert sind alle der 71 Entwürfe.

Ergänzt wird der Textteil noch durch biografische Angaben zu den Autoren/-innen sowie durch eine Liste der beteiligten Grafiker/-innen und Designer/-innen.


Ich weiß nicht mehr, wie ich an diese Bibliothek der… gekommen bin, aber ich bin froh, daß sie in meinem Bücherschrank steht. Ein wunderschönes Buch, ein Schmuckstück, eine Perle in der Sammlung: Bücher über Bücher.

…. und dann sind da noch ein paar Anmerkungen meinerseits, die zum Thema passen, aber mit dem Buch selbst nix zu tun haben ;-) (die Links führen alle zu Beiträgen innerhalb dieses Blogs):

Es würde mich beispielsweise interessieren (falsch: es interessiert mich), wie zum Beispiel Joachim Meyerhoff seine beiden Titel (Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war und – Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke) durchgesetzt hat (ich gehe mal davon aus, daß die Vorschläge von ihm kamen), oder auch – um bei ‚M‘ zu bleiben, der Thomas Meyer mit Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse. Aber es gibt ja schließlich Menschen, die gerade auf ausgefallenere Titel zugreifen, weil schlicht und einfach die Neugier angeregt wird, ich gehöre sicherlich in diese Kategorie Leser.

Dazu passt folgende Erfahrung: als ich noch meinen eigenen Lesekreis hatte, schlug ich seinerzeit Who the Fuck is Kafka? von Lizzy Doron vor und erntete entgeisterte Blicke aus der Runde. Nun ja, wir haben es gelesen, das ‚Urteil‘ war am Ende auch positiv, zumindest hat jeder dem Buch zugestanden, daß es sehr interessant war und viele neue Einblicke beschert hat. Aber gekauft, so die einhellige Meinung damals, hätte man das Buch ohne den Zwang des Lesekreises freiwillig nie. Nicht bei diesem Titel.

Links und Anmerkungen:

[1] Annette Pehnt, Friedemann Holder, Michael Staiger (Hrsg) – „Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher“; in:  https://zuerilitteraire.wordpress.com/2014/11/22/…ungeschriebenen-bucher-piper/

[2] ich natürlich auch, das versteht sich – denke ich – von selbst. Das unermessliche Glück beim Einnehmen der Embryonalhaltung, so wird mein Werk heißen, bzw. nach den geschilderten Erfahrungen in diesem Buch, in die Auseinandersetzung mit den Verlagen gehen. Leider fällt das Projekt noch unter die Kategorie: Titel sucht Text. Bislang stehen allerdings schon Grundzüge der Danksagung (an meine Eltern, Groß- und Urgroßeltern, deren hemmungsloses Treiben meine Existenz und damit die des Romans erst möglich machte…), aber was nicht ist, wird noch werden. Ich bin Optimist voller Iden. Auch außerhalb des März.

Weitere von mir unter ‚Bücher über Bücher‘ vorgestellte Titel:

Annette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger (Hrsg):
Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher
Originalausgabe: Piper, HC, ca. 224 S., 2014

Vorbemerkung: Dieser Beitrag von mir über das Buch John Thomas & Lady Jane (übrigens eine umgangssprachliche Bezeichnung für die jeweiligen Geschlechtsteile von Männlein und Weiblein), eine der drei Versionen, die D.H. Lawrence von seinem Lady Chatterley-Stoff geschrieben hat (und zwar die umfangreichste), ist vor einigen Wochen bei der hochgeschätzen Bloggerkollegin Birgit in ihrer ‚Sätze & Schätze‘-Reihe Mein Klassiker veröffentlicht worden [4].


Vor einigen Wochen las ich eine recht positive Rezension über den Roman Lady Chatterley von D.H. Lawrence, die mich daran erinnerte, daß ich noch diese ‚Langversion‘, die zweite Bearbeitung des Stoffes durch Lawrence, im Regal stehen hatte [Anmerkung: die grünen Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Roman, die violett markierten Passagen habe ich der Lady Chatterely-Ausgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft von 1967 entnommen]. Zudem passte dieser Roman in gewisser Weise zu meiner gerade beendeten Lektüre von Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg [3], hängt die Geschichte, die uns Lawrence erzählt, doch ursächlich mit diesem Krieg zusammen.


1917 nämlich heirateten der 29jährige Clifford Chatterley und die 23jährige Constance Reid. Die beiden verlebten vier (Flitter)wochen zusammen, bevor Clifford wieder in den Krieg nach Flandern ziehen musste. Von dort kam er in Einzelteilen, die sich erstaunlicherweise noch einmal flicken ließen, zurück. Der Unterkörper Cliffords jedoch blieb gelähmt, die von beiden nicht sonderlich hoch geschätzten leiblichen Freuden der Ehe waren damit perdu, Constance war von der Ehefrau zur Pflegerin eines Kriegsversehrten geworden. Das gemeinsame Eheleben erschöpfte sich fortan in Lesen, Vorlesen und in Diskussionen.

Sie wurden in der ersten Zeit erstaunlich gut mit dieser Situation fertig. Clifford wohnte ein großer Lebenswille inne, für Constance war es nicht in Frage gestellte Pflicht. Doch im Lauf der Monate und Jahre trat schleichende Verbitterung ein, die Kontakte nach außen wurden selten(er), vor allem jedoch Constance funktionierte mehr und mehr wie ein Automat. Ihr Vater, der zu Besuch kommt, sieht seiner Tochter das Unglück an, rät ihr dringend, unter Menschen zu gehen, ihr Leben zu leben. Aber erst als der Zustand der jungen Frau so ernst wird, daß ihre Schwester sie zum Arzt bringt und der ihr sehr eindringlich ins Gewissen redet, gibt sie nach. In Mrs. Bolton findet sie eine verwitwete Frau, die Erfahrung in der Betreuung von Kranken hat und die die Pflege von Clifford Chatterley übernimmt.

Clifford Chatterley seinerseits hat sich die Vorwürfe seines Schwiegervaters – trotz der auf Gegenseitigkeit beruhenden Abneigung der beiden Männer – zu Herzen genommen, in einer Schlüsselszene des Romans reden die beiden Eheleute miteinander über dieses Thema. Ist zuerst der Mann in der Offensive, indem er seine Frau Constance ermuntert und auffordert, unter Leute zugehen und sich zu öffnen, dreht Constance, die anfänglich unangenehm von dem Gesprach berührt ist, den Spiess um und drängt ihren Mann in die Defensive. Denn dieser hat die Konsequenzen seinen Vorschlag offenkundig nicht zu Ende gedacht: Was, wenn sie einen Mann kennenlernt, was, wenn sie mit diesem Mann schläft – oder gar ein Kind bekommt?

Letztlich gesteht Clifford ihr das Recht auf diese sexuelle Freiheit zu. Auch ein eventuelles Kind wäre für ihn kein Problem, denn letztlich ist für ihn nicht entscheidend, wer das Kind gezeugt hat, sondern, wer es erzieht. Trotzdem stellt er seiner Frau die Bedingung, daß der Liebhaber, dem sie sich hingibt, gleichrangig sein sollte.

Gleichrangig, denn Clifford vertritt eine sehr klassenbewusste Einstellung: es gibt die, die oben sind, die denken, handeln, Verantwortung tragen und so den Lauf der Welt bestimmen und es gibt die unten, die kaum Menschen zu nennen sind, weil sie Massen sind, die geführt werden müssen und zu arbeiten haben.

Was Constance angeht, ist es mit dieser einschränkenden Bedingung schon zu spät – was Clifford natürlich nicht ahnt. Was ihm nur auffällt ist, daß seine Frau von manchem ihrer Waldspaziergänge mit voll erblühter Schönheit, mit einem inneren Strahlen wieder zurück nach Wragby kommt. Denn im Wald lauern auf Constance nicht die Räuber, sondern es wartet in seiner Hütte der Wildhüter, Oliver Parkin, auf sie. Ihrer Ladyship kam der Wildhüter in der täglichen Begegnung anfänglich zwar eher grob vor, doch eines Tages hatte sie ihn bei einem ihrer Spaziergänge an seiner Hütte überrascht, als er sich wusch. Der heimliche Anblick dieses weißen, seiner Kleidung entledigten männlichen Oberkörpers rührte in seiner Vollkommenheit tief in ihr ein Begehren auf, das sie so noch nicht gekannt und das sie bei ihrem Mann nie erlebt hatte.

However, die beiden überspringen eines Tages die Schranke der gesellschaftlichen Trennung und aus diesen ersten, verstohlenen Begegnungen, die Constances Körper förmlich erwecken und sie selbst in eine anderen – man kann es nicht anders sagen – Bewusstseinszustand einführen, entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die sich im wesentlichen auf die körperlichen Aspekte gründet.

Es setzt nun in ‚Connie‘ ein langsamer Erosionprozess ein. Ist ihr Mann Clifford ein strikter Vertreter der englischen Klassengesellschaft und ihr Liebhaber Oliver ein Angehöriger der Arbeiterklasse, so steht sie jetzt zwischen ihnen. Dieses ‚Dazwischen‘ bezieht sich sowohl auf das Körperliche, aber auch auf das Gesellschaftliche, denn im Gegensatz zu ihrem Mann sieht sie die Angehörigen der Arbeiterklasse nicht per definitionem als minderwertig an, sondern billigt ihnen all das zu, was Clifford ihnen an Werten abspricht.

Wird die Bindung zwischen Constance und ihrem Liebhaber trotz gelegentlicher kurzer Eintrübungen immer enger (und im gleichen Maß die zu ihrem Mann immer brüchiger), so entwickelt sich auf der anderen Seite nach anfänglicher Abneigung Cliffords gegen seine Pflegerin Mrs. Bolton auch hier eine besondere Beziehung mit ihrer eigenen, subtilen Intimität, eine Beziehung, die jedoch nie die Klassenschranke überschreitet.

Im Sommer fährt Constance wie im Winter verabredet mit ihrer älteren Schwester Hilda und dem Vater nach Frankreich, in die Sommerfrische. Anfänglich geniesst Constance diese Fahrt, aber bald erträgt sie die gesellschaftliche Atmosphäre in der Villa, in der sie unterkommen, nicht mehr. Dazu kommt, daß sie von zuhause beunruhigende Nachrichten erhält: des Wildhüters wildes Weib, von dem er schon lange getrennt lebt, aber (noch) nicht geschieden ist, ist von ihrem Liebhaber vor die Tür gesetzt worden und wieder bei Parkin aufgetaucht. Im Naturzustand soll sie in seinem Bett gelegen und ihn zur Begattung aufgefordert, ja, gedrängt haben. Parkin sei, so bekommt sie in Briefen berichtet, da er dieses Weib nicht loswerden konnte, zurück zu seiner Mutter gegangen, doch jetzt verbreite Bertha Coutts unsägliche und unsagbare Einzelheiten über Intimitäten aus der Zeit der Ehe in den Dörfern, die das Ansehen Parkins schwer beschädigen würden…. Constance war ob der Nachrichten not amused, es war ein harter Kampf für sie, sich über ihre Eifersucht auf Bertha Coutts zu erheben und ihren Haß gegen ihn, weil er mit Bertha Coutts in Verbindung gewesen war, zu überwinden. Es drängte sie nach Hause.

In den wenigen Wochen der Sommerfrische hat sich vieles geändert, grundlegend geändert. Constance ist trotz der Einwürfe ihrer Schwester, solche Männer seien allenfalls für einen temporären Lustgewinn akzeptabel, entschlossen, ihren Mann zu verlassen und Parkin zu heiraten. Clifford seinerseits überrascht sie mit der Tatsache, daß er unter dem Einfluss und der Ermunterung von Mrs Bolton gelernt hat, sich auf Krücken fortzubewegen. Parkin dagegen hat mittlerweile seine Stellung als Wildhüter bei Clifford gekündigt und will in Sheffield im Stahlwerk arbeiten.

Constance besucht ihn dort, er lebt bei einer ihm bekannten Familie. Es ist der erste ‚wirkliche‘ Kontakt, den sie mit einer Arbeiterfamilie hat, er ist ernüchternd. Vor allem aber ist sie schockiert darüber, daß Parkin all die Ausstrahlung, die er im Wald, in Wragby auf sie ausübte, unter diesen Verhältnissen verloren hat. Sie kann ihm jedoch jetzt das Versprechen abnehmen, mit dieser schweren Arbeit, für die er einfach nicht geeignet ist, aufzuhören und eine kleine Farm zu bewirtschaften, die Constance von ihrem Geld kaufen will. Mit dieser Überwindung seines Stolzes (ein Mann läßt sich schließlich von einer Frau nichts schenken oder kaufen) gewinnt Parkin wieder ein wenig von seinem alten Wesen zurück.. und wie ein ganz normales Liebespaar aus der Arbeiterschicht verabreden die beiden sich und gehen in ein Waldstück, um sich hinter Büschen versteckt zu lieben… wobei sie jedoch vom örtlichen Wildhüter ertappt werden….


John Thomas und Lady Jane bzw. in der ‚endgültigen‘ Version ‚Lady Chatterleys Lover (bzw. kürzer einfach nur Lady Chatterley) ist einer der großen Ehebruchsromane des letzten Jahrhunderts. In seinem Nachwort zu der von mir gelesenen Ausgabe gibt Roland Gart (seinerzeit Cheflektor des Heinemann-Verlags, London, in dem die erste englische Ausgabe erschien) eine kurze Darstellung der Veröffentlichungsgeschichte dieses Romans, von dem Lawrence insgesamt drei Versionen verfasst hat. Die vorliegende ist die umfangreichste, die 1954 das erste Mal in Italien publiziert worden ist. Die erste englischsprachigen Ausgaben erfolgten erst 1972 in London und New York.

Das Buch – und damit ist jetzt im wesentlichen Lady Chatterley gemeint – war zu seiner Zeit ein Skandal. Die Darstellung einer echten Liebesbeziehung zwischen einem einfachen Mann aus der Arbeiterklasse mit einer jungen, verheirateten Frau der Oberklasse war an sich schon skandalös, sie ging weit über ein möglicherweise still duldbares Verhältnis dieser Art, das sich auf Sex beschränkte, hinaus. Daß der Autor diesen Sex für seine Zeit deutlich schildert, daß (in der deutschen Übersetzung) der Begriff ‚ficken‘ (im englischen Original die unprintable (four-letter) words) häufig auftaucht, daß die Befriedigung der durchaus aktiv auf Sex drängenden Frau durch den Mann eine so große Rolle spielt, weil diese nicht nur zum Höhepunkt kommt, sondern sich auch das Bewusstsein und die Wahrnehmung ihres Selbst durch dieses sexuelle Erlebnis wandelt, hat noch bis in die 60er Jahre hinein zu Problemen bei der Publikation des Romans geführt.

Trotzdem wäre (und ist) die Einordnung von Lady Chatterley als (nur) erotischen Roman irreführend. Die Erotik und der Sex sind für Lawrence Mittel zum Zweck. Welch anderen Weg hätte er gehabt, eine Verbindung zwischen zwei Angehörigen der Unter- bzw. Oberschicht zu schaffen als über diese ‚unkontrolliert‘ über ein heimlich duldbares erotisches Verhältnis hinaus wachsende Liebesbeziehung. Denn in Wirklichkeit ist Lady Chatterley als Gesellschaftsroman zu lesen.

England hat im Ersten Weltkrieg enorme Verluste erlitten, über 700.000 Soldaten fielen auf dem Kontinent, in England selbst waren die Opferzahlen geringer, aber auf der Insel herrschte Not und Elend. Dies konnte nicht ohne Rückwirkungen auf die Gesellschaftsstruktur bleiben – und blieb es nicht [3]. Die Oberschicht sah sich durch aufmüpfige Arbeiter, die beispielsweise bolschewistisches Gedankengut verinnerlicht hatten, bedrängt und bedroht. Mein Gott, wenn wir hier in England eine Revolution bekommen, wie gern würde ich mit Maschinengewehren gegen den Mob vorgehen …  Diese verdammten Sozialisten und Bolschewisten.. muss sich Constance Weihnachten von ihren Gästen anhören. Auch ihr Mann Clifford ist Mustervertreter einer Einstellung, daß die von altersher gegebene Teilung der Gesellschaft in ‚unten‘ und ‚oben‘ einer natürlichen Ordnung entspricht, Lawrence macht seine Einstellung stellvertretend für seine gesellschaftliche Schicht in vielen Diskussionen, die Clifford und Constance führen, deutlich. In anderer, i.e. erotischer Hinsicht ist Hilda, die Schwester Constances, Vertreterin dieser überkommenen Einstellung, sie will der Schwester deutlich machen, daß Männern der unteren Klasse allenfalls fürs Bett in Frage kommen, aber man ansonsten nichts mit ihnen zu tun haben sollte. Ein Gedanke wie ‚Heirat‘ sei geradezu abwegig.

Lawrence macht damit Constance, die selbst der Oberschicht angehört, zur Verteidigerin der ‚Interessen‘ der unter Klasse. Der Wildhüter, Oliver Parkin, wäre schwerlich selbst in der Lage gewesen, mit Clifford Chatterley zu diskutieren. In der endgültigen Version der Lady Chatterley ist Lawrence von dieser konsequenten Trennung der Klassen dann aber abgewichen: die Rolle des Wildhüters Parkin nimmt dort der Mellors ein, der fast ein Gentleman sein könnte…, der Offizier war, Sprachen beherrschte…

Es gibt einige sehr symbolträchtige Szenen im Buch. Schon die ganze Konstellation der Figuren ist ein Bild: Der Angehörige der Oberklasse, Clifford Chatterley, ist gelähmt, so daß er sich ohne fremde Hilfe nicht fortbewegen kann. Das Sexuelle sprich: Vitale galt ihm schon vor seiner Verwundung nicht viel, so daß ihm danach nur noch das Denken, Reden und Planen blieb. In einer Szene beschreibt Lawrence, wie auf einem Waldspaziergang, bei dem Clifford Constance begleitet, der Motor des Rollstuhls seinen Dienst versagt. Mit kaum zu bändigender Wut muss Clifford erdulden, daß ein Vertreter der Arbeiterklasse, nämlich der Wildhüter, ihn nach Hause schiebt. Ein schönes Bild dafür, daß die Oberklasse ohne die Arbeiter aufgeschmissen wäre….

[Clifford] war noch ohne Liebeserfahrung, als er heiratete, und das Sexuelle galt ihm nicht viel. … Und Connie schwelgte in dieser Intimität jendseits alles Geschlechtlichen, …. beschreibt es Lawrence in der endgültigen Version der Lady Chatterley. Parkin dagegen, obwohl aus schlechter Erfahrung heraus was Frauen angeht, sehr zurückgezogen, gelingt es sehr schnell, Connies dazu zu bringen, unbewusst spitze, helle Schreie auszustoßen. Ein Naturtalent.

Überhaupt – und dies las sich für mich jetzt unfreiwillig komisch – konstruiert Lawrence um das Zeugungsorgan des Wildhüters einen förmlichen Kult. Spürt Constance schon beim Anblick des bloßen Oberkörpers, daß es eine Welt gab, die rein und machtvoll leuchtete, daß sie einen Körper sah, der das Dunkel durchdrang wie eine Offenbarung, so deutlich wurde ihr, daß es Gott auf Erden gab; oder Götter. Im Verlauf ihrer Affäre sollte sie realisieren, was ein Phallus wirklich war: Es war ein primitiver, grotesker Gott – aber lebendig und unaussprechlich lebensvoll, … die Auferstehung des Fleisches. .. bei einem wirklichen Mann (wie dem Wildhüter) hat der Penis ein eigenes Leben und ist der zweite Mann im Mann. …. der Phallus im alten Sinne hat Wurzeln, die tiefsten aller Wurzeln in der Seele, … und durch die phallischen Wurzeln gelangt die Inspiration in die Seele. Oder kurz gesagt: Er hat etwas Sternengleiches an sich … wie ein kleiner Gott. … und so konnte es für Parkin nicht einfach  ’nur ficken‘ geben, da bei ihm ‚ficken‘ immer bis zu den phallischen Wurzeln der Seele reichte. … Männer wie Clifford dagegen haben einen garstigen Penis, mit dem sie schmutzige Spiele treiben wie kleine Jungs. … Diese Passagen wirken auf uns heutige Leser etwas … nun ja.. lächerlich, sie müssten allerdings, um sie wirklich einordnen zu können, im zeitgeschichtlichen Kontext gesehen werden, der möglicherweise im Kreise der englischen Intellektuellen Strömungen mit solchen Einstellungen aufweist. Das habe ich zugegebenermaßen nicht gemacht…. Zu berücksichtigen ist jedenfalls, daß Lawrence zur Bloomsbury-Group um Virginia Woolf und ihre Schwester Vanessa Bell gezählt wird, der ’sich aus den moralischen Fesseln ihrer Erziehung zu befreien‘ trachtete [2].

Und ebenso Constance selbst war in den phallischen Kreis des Fleisches eingeschlossen, so sehr, daß sie den Wildhüter meist ohne Unterwäsche unter dem Kleid zu tragen, besuchte… Mit dieser letzten Bemerkung werde ich jetzt den erotischen Aspekt des Romans weitestgehend ad acta legen.

Aber selbst Parkin mit seinem ’sternengleichen‘ Körper und dem kleinen Gott zwischen den Beinen ist zwar Angehöriger der Unterschicht, aber kein wirklicher Arbeiter: als er gegen Ende des Romans Wragby verläßt und in Sheffield in einer Stahlfabrik arbeitet, verliert er allen Glanz und geht fast unter.

Kommen wir noch kurz auf Constance zu sprechen. Auch ihr Körper steht für etwas, ist Symbol für die dem Untergang geweihte Dekadenz der Oberschicht: Ihr Körper wurde nichtssagend, wurde schwer und trüb – so viel nutzlose Substanz! … Das geistige Leben! Eine jähe Welle wütenden Hasses überspülte sie – dieser Schwindel! Diese sehr negative Selbstwahrnehmung Connies ließe sich jetzt noch einige Absätze lang zitieren. Erst die Bekanntschaft und Erweckung durch den Wildhüter ließ sie wieder erblühen…


Die große Krise für die beiden Liebenden kommt, als Connie im Urlaub ist. Der vierzig(sic!)jährige Parkin wird vom Teufel versucht, dem Teufel in Gestalt seiner Frau. Von der lebte er zwar schon seit Jahren getrennt, aber jetzt taucht sie wieder auf und will ihn um jeden Preis verführen. Und was könnte normalerweise verführerischer sein als der bloße Frauenkörper, mit dem sie sich ihm anbietet? Doch Parkin widersteht der Versuchung, zwar gelingt es ihm nicht, den Teufel/seine Frau zu vertreiben, aber er selbst flieht ihn/sie. Die Nachricht von diesen Vorkomnissen, die Connie in ihrem Urlaub erhält, stürzt sie in tiefer Verzweiflung, hilft aber auch, in sich Klarheit zu schaffen über das, was sie wirklich will.

Denn das ist die große Unsicherheit, die beiden innewohnt: für ihn ist die Frage, ob sie tatsächlich die Klassenschranke überspringen wird und alles für ihn aufgibt, denn die gesellschaftliche Ächtung ihrer ehemaligen Klasse dürfte ihr sicher sein. Und für sie ist die große Frage natürlich, was kommt, wenn sie alles hinter sich lassen wird. Denn auch Parkin muss noch an sich arbeiten, seinen Stolz überwinden und akzeptieren, daß es in dieser Beziehung nicht so sein wird, daß der Mann seine Frau versorgt. Apropos: eine Heirat – auch dies dürfte damals ein Skandalon gewesen sein – planen die beiden nicht, im Gegenteil sieht Connie die Ehe als Tod einer Beziehung, weil man sich im Lauf der Jahre gegenseitig nur noch auf die Nerven geht.

John Thomas & Lady Jane und Lady Chatterley sind Romane, die sich doch durch mehr als Kürzungen oder Ergänzungen unterscheiden. Die Figur des Wildhüters ist anders angelegt, Parkin ist urtümlicher, während Mellors (wie er in Lady Chatterley heißt) mit viel gutem Willen fast akzeptabel sein könnte, auch der Schluss ist anders. In Lady Chatterley bittet Connie ihren Mann, sie freizugeben, den Abschluß bildet ein langer Brief Mellors an seine Geliebte, in dem unter anderen dieser bemerkenswerte Satz steht: So liebe ich denn jetzt die Keuschheit, weil sie der Friede ist, der dem Ficken entspringt. In John Thomas & Lady Jane dagegen bildet die schon erwähnte deprimierende Szene, in der die beiden Liebenden im Park vom Wildhüter aufgescheucht werden, nachdem sie die alte, schäbige Kirche, in der Byrons Herz bestattet worden war, besucht hatten, das Ende des Buches mit einem abschließenden Blick vom Hügel auf die tote Landschaft, unter der die Kohle und das Eisen liegen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Als Erotikon ist Lady Chatterley heutzutage kaum noch auf- oder erregend, die Passagen um den im Urgrund wurzelnden Phallus wirklicher Männer wirken im Gegenteil eher skurril. Lesenwert dagegen ist das Buch immer noch wegen der Beschreibung der Verhältnisse im England nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Folgen die althergebrachte Gesellschaftsstruktur aufzubrechen droht. Sozialismus, Bolschewismus, die rapide Fortschreitende Industrialisierung – all das sind Herausforderungen, der die Klassengesellschaft in England in ihrem überkommenen Strukturen kaum erfolgreich entgegentreten konnte. Möglicherweise liegen hier sogar (zwar keine phallischen, aber immerhin) gesellschaftliche Wurzeln für die momentanen politischen Wirren der Insel, sprich, die Einstellung zur EU. Für die Schwierigkeiten, diese Klassenschranken zu durchbrechen, stehen Constance und Parkin, ihr (gemeinsames) Schicksal läßt Lawrence jedoch offen.

Ob sich Lady Chatterley bzw. John Thomas & Lady Jane (mit dieser Selbstbezeichnung übrigens beendet Mellors in Lady Chatterley seinen abschließenden Brief an seine Geliebte), die ja durchaus ihren Umfang – und damit ihre Längen – haben, heute noch zu lesen lohnt? Das ist die Frage, die ich hier auch nicht beantworten kann…. ;-)

Abschließen möchte ich jedoch noch einen der ’schönen‘ Sätze, die Lawrence verfasst hat und die schätzungsweise damals die Gemüter angeheizt haben, zitieren:

Wir haben eine Flamme ins Sein gefickt.
Sogar die Blumen sind ins Sein gefickt
von der Sonne und der Erde. 

Nun denn….

Links und Anmerkungen:

[1] zu D.H. Lawrence und seinem Werk: Michael Schmitt:
Der zwiespältige Prophet; in:  https://www.nzz.ch/der-zwiespaeltige-prophet-1.653784
[2] vgl. im Wikibeitrag zur V. Woolf:  https://de.wikipedia.org/wiki/Virginia_Woolf#Bloomsbury_Group
[3] vgl die Trilogie von Pat Barker, die sich mit diesem Thema auseinandersetzt: https://radiergummi.wordpress.com/tag/pat-barker/
[4] hier geht´s zu Birgits Blog und meinem Beitrag: https://saetzeundschaetze.com/2017/03/31/meinklassiker-35-lady-chatterly/

D.H. Lawrence
John Thomas & Lady Jane
Übersetzt aus dem Englischen von Susanna Rademacher
mit einem Nachwort von Roland Gart
Italienische Erstausgabe: Mailand, 1954
Englische Erstausgabe: London, 1972
Amerikanische Erstausgabe: NY. 1972
diese Ausgabe: diogenes, TB, ca. 500 S., 1978

D.H. Lawrence
Lady Chatterley
diverse, teils ‚bereinigte‘ Ausgaben von ‚Lady Chatterley`s Lover‘ erschienen ab 1932 in verschiedenen Verlagen
Der/Die Übersetzer/in dieser Ausgabe ist nicht angegeben
Deutsche Buch-Gemeinschaft, HC, ca. 380 S., 1967

Liebe Frau Heidenreich,

gestern abend habe ich, davon gehe ich aus, wieder mal gegen Gesetz und Ordnung verstoßen, es ist nicht einfach in Deutschland, sich darüber wirklich klar zu werden. An dieser Stelle lobe ich mir immer wieder die Zehn Gebote. Das Urheberrecht hat so seine Tücken. Jedenfalls habe ich gestern im Kreise persönlicher Freunde und Bekannter vorgelesen (ich mache das hin und wieder), unter anderen ihren Text Die Liebe.

Es war ein schwieriger Text für mich zu lesen, sie werden, falls Sie diesen Brief zu Ende lesen, wissen, warum. Ihre Geschichte um den ‚Backfisch‘ Sonja herum (damals kannte man die jungen Menschen ja noch nicht als ‚teenager‘) spielt zu der Zeit, in der ich noch Windeln trug, aber doch schon Halbwaise war. Ich musste daran denken, da Sonjas größter Wunsch zu Beginn ihrer Geschichte ja ‚Waisenkind‘ zu werden war. Verständlicherweise kann ich mich an meine Halbwaisenzeit nicht mehr erinnern, möglicherweise könnte ein Psychologe einige meiner Eigenschaften auf Folgen dieses frühen Tod eines Elternteils zurückführen, aber das ist hier ja nicht das Thema. Sicher bin ich jedoch, daß ich nicht ohne Liebe aufgewachsen bin, auch nicht ohne mütterliche Liebe. Nicht verzärtelt, nicht überbehütet, aber innig geliebt. Und damit bin ich wieder bei der Geschichte um Sonja, denn Sonja sucht die Liebe. Nicht unbedingt die Liebe, auf die man mit vierzehn, fünfzehn Jahren mit wachsendem Hormonspiegel so ganz langsam neugierig wird, sondern auch die Liebe, die man zu Hause, bei und von den Eltern spüren will.

An einer Stelle lassen Sie Ihre Sonja sagen, die Mutter sei der Feind für sie. Sie lassen Sonja in Fantasien schwelgen, in denen ihre Mutter tot ist oder stirbt. Dramatisch stirbt, durch einen Sturz vom Kölner Dom. Körperkontakt hat Sonja nur durch Schläge und den Spuckefinger (den ich auch noch kenne), sie verhärtet, keine Schmerz mehr, keine Tränen. Die Liebe zwischen Vater und Mutter, längst vergangen, so sie denn Anfang des Krieges mal bestand – schließlich gibt es ja eine Tochter. Jetzt jedenfalls ist die Lieben dem Hass gewichen. Selbst die zaghafte Annäherung der Tochter an den Vater wird durch die Mutter roh unterbunden.

So sucht Sonja die Liebe ausserhalb ihrer Familie. Sie küsst wild alle Jungs und jungen Männer, die bei drei nicht auf den Bäumen sitzen, führt Listen darüber. Später, so schreiben Sie, geht sie sogar nur für eine Nacht mit Männern mit, zu einer Zeit, in der diese ONS – nach allem, was man so weiß – noch nicht allgemein üblich waren. So, wie ihr Tagebuch von der Mutter gelesen wird, so liest sie die Liebesbriefe der Untermieterin, auch in diesen auf der Suche nach dem, was die Liebe ausmacht….

In Irma findet sie schließlich eine Freundin, mit der sie über alles reden kann, nur nicht über die Mutter, denn Irma ist ohne Vater, vermisst diesen Vater unendlich. Die Mutter dagegen ist so ganz anders als die von Sonja: Können Sie mich nicht adoptieren? Lebenslust, Freude, sie vermittelt das Gefühl, das die Welt nur darauf wartet, umarmt zu werden.

Der Wendepunkt im Leben der Mädchen: sie gehen mit Irmas Mutter ins Kino, Jenseits von Eden. Und sie sehen James Dean, der sofort alle Gefühle bei ihnen besetzt. Projektionen, Schwärmereien… bei Irma ist jedoch noch es mehr als das, sie verknüpft ihr Leben förmlich mit dem ihre Idols, zumal ihre Mutter bekennt, daß der Vater so ein wenig war wie James Dean. Doch am 30. September 1955 verunglückt James Dean tödlich und für die Mädchen bricht eine Welt zusammen – und für Irma noch mehr als für Sonja.


Liebe Frau Heidenreich, wenn ich mit meiner Leserei fertig bin, so entsteht üblicherweise Leben unter meine Gästen. Ich kann dies meinen Freunden nicht verdenken, immerhin haben sie anderthalb Stunden dort still gesessen und einem Menschen zugehört, der nichts anderes machte also Vorzulesen. Sie stehen auf, lachen, rufen was, fragen was, vereinzelt treten sogar Verhaltensanomalien wie zaghaftes Applaudieren auf… Gestern dagegen, nach Ihrem Text, blieb es still, stiller hätte es nicht sein können, wenn niemand da gewesen wäre. Ein angegriffener Vorleser mühte sich, die Fassung wieder zu gewinnen (immerhin bin ich bis auf ein Zittern in der Stimme und etwas längere Sprechpausen hin und wieder ganz gut durch den Text gekommen) und die Zuhörer waren sichtlich ergriffen. Da hast du uns ja ganz schön einen vorgesetzt. Das muss ich erst einmal verdauen. Und: Normalerweise…. aber das muss sich jetzt erstmal setzen…. Und: Als ich fünfzehn war, war ich in Michael Grzimek verliebt, ich wollte ihn heiraten, war ganz sicher. Und dann stürzte er mit seinem Flugzeug ab…..

Sie verstehen es vorzüglich, aus einer unterhaltsamen, möglicherweise etwas melancholischen Stimmung, aus einem ‚ja, damals.. da erinner‘ ich mich auch dran… o gott, ja natürlich, das war bei mir ähnlich…. genau, sowieso…‘ innerhalb weniger Seiten eine emotionale Achterbahn zu machen, die …. ja, wie soll ich sagen, die die Verzweiflung, die sich ihrer Figuren in der Geschichte bemächtigt haben muss, körperlich werden läßt, jeglicher Abstand zu ihnen ist verschwunden, man hört ihrer Geschichte nicht mehr zu, man fühlt sie mit….

Mag sein, daß ich eine besondere Neigung dazu habe, mich derart berühren zu lassen, aber wie gesagt, auch meine Freunde waren durch die Bank hinweg aufgewühlt. Wenn Literatur die Axt sein soll für das gefrorene Meer in uns, so hat ihr Buch diese Aufgabe gut erfüllt: es hat das Meer geschmolzen, uns Leben, Gefühle, Anteilnahme, Verzweiflung, Trauer aber auch Freude und Erinnerung geschenkt: für all das möchte ich Ihnen danken!

Zum Büchlein selbst wäre noch zu erwähnen, daß es ein schmales ist, vorgelesen in einer knappen halben Stunde, angereichert und verschönert mit zeitgenössischen Fotografien, mit Wänden in Zimmern, die mit James-Dean-Fotos tapeziert sind, mit Kinoplakaten, die vom Wind noch nicht verweht sind, mit Straßenszenen aus Zechensiedlungen, auf denen eine Messerschmitt rollt (noch so eine Erinnerung…), mit jungen Menschen, die einem Tansistorradio lauschen, mit heimlich sich küssenden Paaren….

… ein kleiner, feiner Buchschatz…

Anmerkung:

ferner von Elke Heidenreich hier im Blog: (zusammen mit Bernd Schroeder): Alte Liebe

Elke Heidenreich
Die Liebe
diese Ausgabe
: Rowohlt, HC, ca. 62 S., mit vielen Abbildungen, 2008

Während der vierzig Jahre hatte ich oft an dieses bewundernswürdige und reine Mädchen gedacht, das ohne jeden Zweifel zu der Kategorie der nicht eben zahlreichen Gerechten in der modernen Welt gehört.

(Marthe Pècher, 1981, in deren kleinem Hotel Charlotte die zwei Jahre lebte, in der sie ihr Werk schuf.)

      üü

Die Künstlerin Charlotte Salomon lebte vom April 1917 bis zum Oktober 1943. Sie war Jüdin, das reichte einer wahnwitzigen, damals staatstragenden Idee, sie zu ermorden, ihren Leichnam zu verbrennen. Ihre Asche, die aus den Schornstein Auschwitz` ausgespuckt worden ist, hat die Wälder der Umgebung gedüngt; ich schreibe dies, weil ich gerade in einem anderen Zusammenhang mit einer Freundin geredet habe, die aus nämlich Grunde die Wälder um Hadamar, einer Anstalt, in der ‚lebensunwertes Leben‘ vernichtet wurde, nicht anschauen kann. An diesen Aspekt denkt man selten.

Charlotte Salomon wurde als einziges Kind in eine zur Berliner Gesellschaft gehörende Familie geboren. Ihre Mutter, Franziska Grunwald, und ihr Vater Albert Salomon hatten sich im Krieg kennengelernt. Albert war Chirurg und Franziska hatte sich gegen den erklärten Willen der Eltern als Hilfskrankenschwester gemeldet.

Als Albert um die Hand Franziskas anhielt, waren die Eltern nicht sonderlich begeistert, sie hatten sich etwas ‚besseres‘ für ihre Tochter gewünscht, aber schließlich willigten sie in die Hochzeit ein. Zu diesem Zeitpunkt war Albert die tragische Suizidserie in der mütterlichen Linie der Familie nicht bekannt, er wusste nur von der Selbsttötung der Schwester Franziskas, nach der sie später ihre Tochter Charlotte benannten.

Franziska hatte nach der Hochzeit mit ihrer Arbeit im Hospital aufgehört, ihre Aufgabe war jetzt das Führen des Haushalts und die Pflege gesellschaftlicher Pflichten. Albert Salomon machte im Lauf der nächsten Jahre eine Karriere als Arzt und Professor.

Die Tochter Charlotte wurde 1917 geboren. Die erste Zeit, der Mann war noch im Krieg und arbeitete, ohne daß Franziska dies ahnte, in einem Feldlazarett an der Front, war sicherlich trotz Kindermädchen nicht einfach, Charlotte war ein Schreikind, niemand hatte sie gefragt, ob es ihr recht sei, auf diese Welt zu kommen, und der grundsätzliche Protest dagegen weitete sich schon in ihrer Kindheit auf alle Versuche anderer Menschen aus, über ihr Leben zu verfügen.

Aber selbstverständlich gedieh das Kind, nahm zu an Alter und Vorwitz, war hinreißend altklug und eigensinnig verbockt. Ließ sich die Energie des Mädchens im Vorschulalter noch durch sportliche Aktivitäten lenken, kam es nach der Einschulung zu Schwierigkeiten. Die Lehrer beschwerten sich und beschrieben die Sechsjährige als widerspenstig, ungehorsam und trotzköpfig. Auch zu Hause wurde das Mädchen den Erwartungen, die insbesondere die Großeltern an ein Kind ihrer Gesellschaftsschicht stellen, nur selten gerecht.

Um diese Zeit muss es auch begonnen haben, daß Franziskas Leben sich verdunkelte. Nicht in der Öffentlichkeit oder Gästen gegenüber, dort nahm sie ihre Pflichten war, aber in den stillen Stunden zu Hause fühlte sie sich immer öfter wie von einer ’schwarzen Walze‘ überrollt, die sie mit einem düsteren Trauerkleid zu umhüllen begann, welches schließlich als tiefschwarze Trauergarderobe jede Farbe und alles Licht in sich aufgesogen hatte.

Auf Betreiben der Großmtter  sagten sie dem Kind Charlotte, die Mutter sei sehr plötzlich an Grippe erkrankt und gestorben, erst viele Jahre später sollte sie als erwachsene Frau die Wahrheit erfahren. Das Kind trauerte um die geliebte Mutter, zog sich zurück, wurde schwierig, einzelgängerisch, vergrätzte ein Kindermädchen nach dem anderen, die Schulleistungen waren nicht besonders. Der Vater hatte wenig Zeit bei seinem Beruf, war ratlos, was aus dem Mädchen mal werden sollte, er ahnte aber, daß sie von der Mutter eine künstlerische Begabung mitbekommen hatte. Die Großeltern Marianne und Ludwig Grunwald wollten in die Erziehung des problematischen Kindes eingreifen, sie nahmen sie mit in einen Urlaub in das Engadin. Auch dort fiel das sich langweilende Kind durch Streiche eher unangenehm auf, bis sie zufällig eine junge Frau traf, an die sie sich wie eine Klette hängte. Zwar konnte diese Marie den Regen auch nicht stoppen, aber gegen die Langeweile hatte sie ein Rezept: zeichnen und malen… hier, in der Stube des Aussiedlerhofs, mit Blick über die verregneten Wiesen in die grauen Berge hinein, hier machte Charlotte Salomen ihre allerersten Schritte hin zu ihrer Berufung….

Es dauerte ungefähr vier Jahre, bis Albert Salomon auf einer Abendgesellschaft (Veranstaltungen, zu denen er nur selten und eher ungern geht) eine Frau traf, die er näher kennen lernen wollte. Paula Lindberg war eine bekannte und gefragte Sängerin, die auf sein Werben einging. Ob dies eine Heirat (1930) aus Liebe oder von Paulas Seite aus aus einer gewissen, nicht bösartigen Berechnung, geworden war, läßt Greiner ein wenig im Dunkeln: Albert Salomon hatte einen bekannten Nebenbuhler, Kurt Singer, ein vielbeschäftiger Mann aus der Kulturszene, der spätere Gründer des Jüdischen Kulturbundes [3]. Paula Lindberg jedenfalls hatte die Befürchtung, von diesem nur für seine Zwecke ausgenutzt zu werden, falls sie ihn erhören würde. Paula und Charlotte dagegen… Paula gewann dieses Mädchen schnell lieb und Charlotte vergötterte Paula, ihre Stiefmutter. So normalisierten sich in der Folgezeit die Verhältnisse im Hause Salomon.

Was sich nicht normalisierte, sondern im Gegenteil aus dem Ruder lief, waren die politischen Verhältnisse. Charlotte war zehn Jahre alt, als sie das erste Mal den Begriff ‚Judenbengel‘ hört und ihren Vater fragte, was denn damit gemeint sei. Albert Salomon aus dieser voll assimilierten Familie sah sich gezwungen, seiner Tochter zu sagen, daß sie selbst Jüdin ist und was das überhaupt heißt, Jude zu sein…

1933, drei Jahre nach der Hochzeit, wurden öffentliche Auftritte von Juden, also auch von Paula Lindberg, geb. Levi, verboten. Im gleichen Jahr wurde dem Professor Albert Salomon die Lehrbefähigung entzogen, der schon genannte Kurt Singer gründete den ‚Kulturbund Deutscher Juden‘, hier konnte auch Paula Lindberg noch ein Weile auftreten. Charlotte Salomon verließ das Gymnasium, weil sie, die Jüdin, dort diskrimiert wurde. Zur gleichen Zeit emigrierten die Großeltern, für kurze Zeit gingen sie nach Rom; als dort die Faschisten an die Macht kamen, zogen sie 1934 weiter nach Südfrankreich.

Charlottes Besuch einer Modezeichnerschule war nicht erfolgreich, sie nahm jedoch privaten Zeichenunterricht. Im Herbst 1935 wurde sie auf Probe an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst angenommen, doch schon zwei Jahre später verließ sie die Schule wieder, weil sie als Jüdin den ersten Platz eines Wettbewerbs, den sie gewonnen hatte, nicht annehmen durfte.

Bestimmend für das weitere, kurzes Leben Charlottes sollte die Bekanntschaft mit Albert Wolfsohn werden, der als Gesangspädagoge in das Haus Salomon kam. Charlotte verliebte sich in diesen exaltierten, durch Weltkriegserlebnisse traumatisierten Mann, der zu keiner Sekunde merkte, wie sehr sich Charlotte in ihn verliebt hat und der sich ihr meist mit schmerzender Gleichgültigkeit näherte – oder eben auch nicht….

Die Lagerhaft Albert Salomons in Sachsenhausen (1938), aus der ihn Paula mit Hilfe vieler Bekannter befreien konnte, raubte die letzten Illusionen. Charlotte wurde nach Südfrankreich zu den Großeltern geschickt, dort wähnten sie die Eltern in Sicherheit. Paula und Albert wollten in die USA emigrieren und Charlotte dann nachholen, ein Plan, der nicht umgesetzt werden konnte.


In Villefranche bei Nizza sind die Großeltern bei einer Amerikanerin, Ottilie Moore, untergekommen, die auf einem großzügigen, naturnahen Grundstück lebt und dort elternlos gewordene Kinder aufnimmt. Die Großeltern haben sich sehr verändert, die Großmutter ist ängstlich geworden, hat sich in sich zurückgezogen, der Großvater grantelt und ist mit allem unzufrieden. Beide bestehen darauf, die Verhältnisse, die sie aus Berlin gewohnt waren, möglichst auch in ihrem Exil beizubehalten. Dies führt zu häufigen Spannungen und als der Großvater dabei ertappt wird, mit völliger Selbstverständlichkeit Lebensmittel aus dem Vorratsraum zu stehlen, werden die Großeltern von Ottilie Moore rausgeschmissen. Die stille, das Licht, das Meer, den Garten malende Charlotte, „die Stumme“, wie sie manchmal genannt wird, sie hätte selbstverständlich bleiben dürfen…

Als sich auch die Großmutter im März 1940 vor den Augen Charlottes das Leben nimmt, erfährt die junge Frau von ihrem Großvater das ganze Ausmass des Familienunglücks, er schleudert es ihr in einem Anfall von Furor förmlich entgegen [6]. Charlotte ist am Boden zerschmettert, bitte lass mich nicht wahnsinnig werden fleht sie Gott an. Und obendrein grummelt der Alte, auch sie solle sich doch umbringen, damit dies Geklöne endlich aufhört.

Die Stimmung der Franzosen ihren ungebetenen Gästen gegenüber wird immer negativer [2], im Sommer 1940 werden Charlotte und ihr Großvater als ‚feindliche Ausländer‘ in Gurs, einem fürchterlichen Internierungslager in den Pyrenäen, eingesperrt. Wegen der Gebrechlichkeit des alten Mannes können sie beide das Lager im Juli wieder verlassen, die Aufenthaltsgenehmigung Charlottes ist fortan jedoch an das Leben ihres Großvaters gekoppelt. Charlotte fällt in ein tiefes, tiefes Loch, auch bei ihr treten suizidale Gedanken auf. Sie greift jedoch den Rat ihres Arztes, Dr. Moridis, der eine Art väterlicher Freund für sie ist, auf und fängt das Malen wieder an, das Malen ihres Lebens… für zwei Jahre mietet sie sich in einem kleinen Hotel ein, der Belle Aurora bei Marthe Pèncher und ihrem Mann… in dieser Zeit entstehen die vielen Hunderte von Bildern, die ihr Leben beschreiben und die ihr Erbe werden sollten für die Welt, in der ihr nur sechsundzwanzig Jahre vergönnt waren.

Nachdem sie ihr Werk vollendet hat, geht Charlotte wieder zurück zu ihrem Großvater, der Anfang 1943 jedoch an einem Schlaganfall stirbt. Den Packen Bilder übergibt sie Dr. Moridis: Dies ist mein Leben. Auf dem Gelände der Villa (Ottilie Moore war 1941 in die Staaten zurückgekehrt) betreut deren ehemaliger Liebhaber Alexander Nagler, ein österreichischer Jude, letzte Kinder, zu ihm zieht Charlotte jetzt. Und ihn heiratet sie auch, er ist bei all seinen vielen Schwächen der einzige Mensch, den sie noch hat… Werden dei beiden verraten oder haben sie sich selbst ans Messer geliefert? Greiner läßt diese letzte Möglichkeit offen, jedenfalls werden die mittlerweile schwangere Charlotte und ihr Mann am 21. September 1943 von der Gestapo abgeholt, nach Drancy überführt und von dort nach Auschwitz deportiert. Charlotte wird noch am Tag der Ankunft ermordet, Alexander stirbt wenige Wochen später an Entkräftung.


Charlotte Salomon hat als Künstlerin ’nur‘ ein Werk, ein allerdings einzigartiges, hinterlassen: eine aus einem therapeutischen Malen heraus entstandene Autobiographie, die mit kurzen, in die Bilder gemalten Texten und Ausrufen ergänzt und mit Musikanweisungen versehen ist. Es sind eine Unzahl von Bildern, viele Hundert hat Charlotte zu diesem von ihr Leben? oder Theater? getauften Kunstwerk arrangiert. Sonst ist wenig/nichts (?) von ihr erhalten geblieben, die vielen Bilder, die sie im Garten der Villa Ottilies gemalt hat – verschollen. Im Eingangskapitel schildert Greiner die Begegnung der Eltern Charlottes, die den Krieg überlebten (eine bitterste Ironie, daß ausgerechnet Charlotte, die in Sicherheit gebracht worden war, von den Nazis ins Gas geschickt wurde) mit Ottilie Moore. 1947 fuhren die Eltern auf den Spuren ihrer Tochter, von deren Tod sie durch das Rote Kreuz erfahren hatten, nach Südfrankreich. Sie trafen dort auf eine alkoholsüchtige, derangierte Ottilie Moore, die vor ihren Augen Bilder Charlottes zerriss und nur bereit war, den Eltern irgendwelche Kartons, die Charlotte ihr zugewidmet hatte und die im Keller standen, zu überlassen. Nur weil Ottilie Moore den Wert dieser Bilder nicht erkannte, ist Leben? oder Theater? der Welt erhalten geblieben.

Der Name Charlottes war (und ist) sicherlich kein Bestandteil der Allgemeinbildung. Ein wenig hat sich das nach 2014 geändert, in diesem Jahr erschien der Roman Charlotte von David Foenkino [4], der von der Kritik und den Lesern größtenteils mit Lob überschüttet worden ist. Ich habe damals zu diesem Buch keinen Zugang gefunden; Foenkinos Versuch, die Art, wie Charlotte ihre Bilder mit kurzen Textzeilen kommentiert hat, auf ein ganzes Buch auszudehnen, wirkte auf mich im Endeffekt sehr holprig. Das vorliegende Buch Charlotte Salomon – Es ist mein ganzes Leben von Margret Greiner zeigt dagegen eine deutlich angemessenere, sensiblere Ausdrucksform.

Im Gegensatz zu Foenkinos Titel, der vom Verlag als Roman etikettiert worden ist, hat der Verlag Greiners auf eine Kategorisierung verzichtet, lediglich bei der Kurz-Bio der Autorin wird auf deren Spezialität der ‚erzählten Biographie‘ verwiesen. Da auch kein Nach- oder Vorwort beigegeben ist, in dem die Autorin ihr Arbeitsweise und die Grundlagen ihrer Aussagen beschreibt, steht der Leser vor der praktisch nicht lösbaren Aufgabe, zu unterscheiden, was von den Aussagen Greiners belegt ist und was sie im Gegensatz dazu ‚erfunden‘ hat. Beispielhaft möchte ich hier nur die Episode herausgreifen, in der Charlotte mit dem von ihr so geliebten Alfred Wolfsohn (im Singspiel: Amadeus Daberlohn) eine Bootsfahrt auf dem Wannsee unternimmt. Greiner läßt in ihrer Schilderung des Tages Intimes geschehen, nicht unbedingt aber Schönes, Foenkino ist sehr viel nüchterner bei der Schilderung dieses Ausflugs, aber niemand wird wohl wissen, wie der Ausflug wirklich verlaufen ist.

Amadeus Daberlohn: in ihrem Singspiel, das ihr Leben beschreibt mit den Menschen, die darin vorkommen, bekommen diese andere Namen, die teilweise charakterisierend, teilweise ein wenig lächerlich sind. Paula Lindberg, die Sängerin, wird zu Paulinka Bimbam, Kurt Singer zu Doktor Singsang, der Dirigent Siegfried Ochs (ein Gesangslehrer ihrer Stiefmutter) zu Professor Klingklang, sie selbst wurde zu Charlotte Kann, die Tochter des Arztes Dr. Kann. Den von ihr verehrten Vater wollte sie nicht mit einer frivolen Benennung ins Lächerliche ziehen. Für sie war und blieb er die Verkörperung eines Menschen, der das Gute in die Welt bringen wollte und auch im Scheitern Würde bewahrte.

Der Aufbau des Textes ist, wie bei einer Biographie sinnvoll, weitestgehend chronologisch. Weitestgehend, weil Greiner ihre Schilderung mit zwei späteren Ereignissen beginnen läßt, zum einen bezieht sich das auf die Reise von Paula und Albert Salomon 1947 nach Südfrankreich, bei der Charlottes Werk gerettet wird und zum zweiten zieht die Autorin das Gespräch zwischen der verzweifelten Charlotte und ihrem Arzt Dr. Moridis, in dem dieser ihr rät, zu Malen und sich durch´s Malen auszudrücken – und damit die Entstehungsgeschichte des Zyklus – vor.


Es gibt in der Biographie Charlottes Fragen, die offen sind, die wohl auch der Autorin, Margret Greiner, rätselhaft geblieben sind. Sie betreffen das Verhalten der jungen Frau, das an manchen Stellen ihrer so sehr gefährlichen Lage als Jüdin so gar nicht entspricht. So kommt sie eines Tages außer Atem und erschöpft in ihr Hotel zu Marthe Pècher zurück, die sie nach dem Grund fragt. Charlotte antwortet ihr, es hätte eine Aufforderung an alle Juden gegeben, sich registrieren zu lassen und so sei nach Nizza gelaufen. Marthe Pècher konnte diese Auskunft kaum fassen: zum einen erfuhr sie erst durch diese Antwort, daß ihr liebgewonnener Gast, der in allem, dem Aussehen, der Kleidung, dem perfekten Französisch einer jungen Frau vom Land glich, die in der Stadt als Dienst- oder Hausmädchen arbeitete, Jüdin war und dann diese Dummheit, die Naivität, diese…. und gleichzeitig dieses unfassbare Glück: sie saß schon im Bus, als ein Polizist sie wieder rausjagte, er hielt sie wohl für eine fälschlicherweise zur Deportation vorgesehene Französin…. und das alles geschah, nachdem sie schon in Gurs gewesen war…

Auszug aus der Deportationsliste des Transport No. 60 (Drancy – Auschwitz)
Bildquelle: [B]

Besonders rätselhaft scheint Greiner jedoch die Hochzeit Charlottes gewesen zu sein. Sie legt dem Arzt Dr. Moridis, der Trauzeuge war [5] ihre Fragen und den Zorn in den Mund: warum in aller Welt haben die beiden überhaupt geheiratet und dann auf dem Standesamt auch noch ihre richtige Adresse angegeben? Wusste man auf dem Amt bei Charlotte, daß sie Jüdin war und eine Hochzeit mit einem Nicht-Juden verboten war, so rief in diesem Moment Alexander Nagler dem Standesbeamten aus freiem Willen zu: Wir sind doch beide Juden! 

Man geht davon aus, daß die beiden (um eines Judaslohnes wegen?) denunziert worden sind, angeblich hätten die Menschen im Dorf noch nach Jahrzehnten gewusst, durch wen, aber mit dieser Eintragung in den offiziellen Dokumenten wären sie wohl auf jeden Fall verloren gewesen. Für Brunners Leute wäre es damit ein leichtes gewesen, sie zu finden…


C´ET TOUTE MA VIE [1]

Die Bilder Charlottes, insgesamt schuf sie in den zwei Jahren über 1300 Blätter, sind farbkräftig und ausdrucksstark, kombiniert mit Texten und Musik. Sie beginnen 1913 mit dem Tod der Tante, deren Namen sie trägt: 1. Aufzug, 1913. An einem Novembertage verließ Charlotte Knarre das elterliche Haus und stürzte sich ins Wasser [4156, diese vierstelligen Nummern beziehen jeweils auf die Bilder im online zugänglichen Werk, das vom Jüdischen Museum in Amsterdam bewahrt wird: http://www.charlotte-salomon.nl/collectie/thema’s/charlotte-salomon/leben-oder-theater ] und endet im Epilog mit den Jahren 1939 bis 1942 in Südfrankreich. C´ET TOUTE MA VIE. Es umfasst Charlottes gesamtes Leben, das Singspiel ist autobiographisch und es ist therapeutisch. In einigen der Blätter sind Hinweise darauf zu finden, daß auch Charlotte der Gedanke daran, alles hinter sich zu lassen, nicht fremd war. In Greiners Text sind ein paar der Guachen abgebildet, es ist jedoch sehr empfehlenswert, den Text parallel zur oben verlinkten online gestellten Bildersammlung zu lesen, da die Autorin des öfteren Bildbeschreibungen und -interpretationen in ihre Arbeit eingefügt hat, die man natürlich sehr viel besser versteht, wenn man die Bilder parallel sieht.

Bei den vierundzwanzig dem Buch beigegebenen Abbildungen sind es vor allen drei, die mich besonders erschüttern. Es sind die Verzweiflung, die Einsamkeit, die Hoffnungslosigkeit, dieses Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins und der ebensolchen Hilflosigkeit, das in Abbildung 19 [4808] zum Ausdruck kommt: Charlotte auf dem Bett sitzend, auf den leeren Koffer starrend, den sie für ihre Flucht nach Frankreich zu packen hat…. Lieber Gott, lass mich bloss nicht wahnsinnig werden als sie den Suizid der Großmutter miterlebt [4907]. Lautlos windet sich dieser verzweifelte Aufschrei unüberhörbar aus dem Bild in die Seele des Betrachters…. aber auch der naive Traum des jungen Kindes vom Tod der Mutter, die als Engel in den Himmel schwebt, läßt einen beim Betrachten nicht unberührt [4175].

Ich habe gestern noch bei einer Blogkollegin, die mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hatte, einen Kommentar gepostet [7] und in diesem Kommentar die Formulierung gefunden, die mir gefehlt hat: ‚es ist, als ob die Bilder eine Brücke schlagen von Seele zu Seele, als ob sie einen besonders tiefen, intimen Blick in ein Geheimnis offenbaren…‘: schaue ich die Bilder an, so spüre ich tatsächlich diesen darin verborgenen Schmerz und die Verzweiflung der jungen Frau zerrt auch an mir….

Dagegen (dieser ‚Widerspruch‘ bezieht sich selbstverständlich nicht auf die Qualität der Bilder, sondern auf meine Reaktion darauf….) ist die Darstellung Der Tod und das Mädchen (nicht im Bilderzyklus enthalten) eine der schönsten zum Thema, die ich kenne und auch das etwas düstere Portraits ihres Ehemannes, Alexander Nagler, beeindruckt mich sehr….

Es gibt Bücher, die sind mehr als Texte. Für mich gehört Greiners erzählte Biographie der Charlotte Nagler/Salomon dazu. In ihrem Schicksal manifestiert sich alles Unglück, alles Unheil dieser Welt auf zwiefache Weise: diese ungeheuerliche familiäre Belastung durch die tragische Suiziddisposition in der mütterlichen Linie und den hier auf eine Person heruntergebrochenen Wahnsinn der Nazis. Das zu dokumentieren hat Greiner angemessene und einfühlsame Worte gefunden, das ist ein großes Verdienst….

…..ich selbst möchte an dieser Stelle aufhören mit Schreiben, obwohl ich noch so viel schreiben könnte, weil mein Herz voll ist von weiteren Worten, aber es ist eh lang geworden und ‚es‘ geht auch ziemlich an mich….

Ich müßte es wohl nicht noch einmal extra sagen, aber ich lege dieses besondere Schicksal jedem ans Herz und dieses Buch dazu, das – der Vollständigkeit halber sei es erwähnt – noch ein Literaturverzeichnis, eine Zeittafel und kurze Angaben über die Lebensläufe der wichtigsten Personen enthält…..


Links und Anmerkungen:

[1] siehe die online-Präsentation des Joods Kultureel Kwartier: http://www.charlotte-salomon.nl/collectie/thema’s/charlotte-salomon/leben-oder-theater

[2] Lion Feuchtwanger hat dies in seinem Buch Der Teufel in Frankreich sehr anschaulich beschrieben, Feuchtwanger selbst hat die Lager durchlebt und ist der Deportation nur knapp entkommen (Der Link führt zu meiner Beschreibung des Buches)

[3] Die Gründung dieses ‚Kulturbundes deutscher Juden‘, der später von den Nazis in ‚Kulturbund der Juden in Deutschland‘ umbenannt wurde, war dem Regime sehr recht: zum einen war es schlicht und einfach die Einrichtung eines kulturellen Ghettos, denn im Kulturbund dürften nur jüdische Stoffe von Juden für Juden adaptiert werden. Dem Ausland gegenüber konnte der Kulturbund andererseits als wohlfeiles Feigenblatt dienen. Zum zweiten galt schlicht und einfach Heydrichs Aussage (1935), daß damit sämtliche jüdischen kulturellen Aktivitäten leichter erfasst und zentral überwacht werden konnten [aus: Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden 1933 – 1939, München, 1998)

[4] David Foenkinos: Charlotte. Hier finden sich auch noch einige weiterführende Links, die ich hier nicht aufgenommen habe. Die dort noch angegebene Verlinkung zum Amsterdamer Museum hat sich leider geändert, man kommt (nur) mit den URL, die hier in dieser Besprechung angegeben sind, direkt zu den Bildern.

[5] Die Eintragung beim Standeamt ist im weiter unten aufgeführen Buch von Pollock und Silvermann abgebildet.

[6] die Texte dazu hatte ich in [4] zitiert, wer mag…..

[7] Marina Büttner: Margret Greiner: Charlotte Salomon „Es ist mein ganzes Leben“ Knaus Verlag; in:  https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/04/16/margret-greiner-charlotte-…/

Auch interessant:

Charlottes Leben als Oper, hier aufgeführt am Theater Bielefeld:  https://theater-bielefeld.de/veranstaltung/charlotte-salomon.html

Selbstportrait und Foto von Charlotte Salomon aus der Kunstsammlung in Yad Vashem: http://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/art/salomon.asp

Bildersammlung, auch mit Fotos von Charlotte und ihren Großeltern in Villefranche:  https://www.pinterest.de/pin/541909767641981714/

Bildquelle:

Margret Greiner
Charlotte Salomon
„Es ist mein ganzes Leben“
Originalausgabe: Knaus, HC, ca. 320 S., 2017

Ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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