Rosamund Young: Das geheime Leben der Kühe

Rosamund Young gehört zu den Pionierinnen der britischen Ökoszene, schon seit Jahrzehnten betreibt sie in den Cotswolds im Herzen Englands eine Farm, viel Zeit und Erfahrung also für den Umgang mit Nutztieren. Die da sind ihre Rinder, Schafe, Schweine und auch Kühe. In diesem Buch hält Young ihre Beobachtungen fest und erzählt uns davon.

Young ist eine gute Beobachterin, die ihre Tiere von Herzen liebt. Diese sind für sie keine biologischen Maschinen, die Grün- und anderes Futter in Milch, Fleisch oder Eier umwandeln, sondern Individuen mit Charakteren, die sich sehr unterscheiden können. Das alles kann man als Tierhalter (ich habe selbst seit vielen Jahrzehnten Schafe, auch Hühner zählen zur Familie) bestätigen, allein der ausufernde Anthropomorphismus, den die Autorin an den Tag legt, scheint mir des Guten doch zuviel. Natürlich haben Tiere ihre Individualität wie Menschen auch, sie können stur sein oder zugänglich, sie können vertrauensvoll, zurückhaltend, anhänglich oder misstrauisch sein – wie Menschen eben auch. Sie pflegen Freundschaften und Familienbande, erkennen sich und suchen die Nähe der anderen, kurz gesagt: sie sind Persönlichkeiten. Das alles ist richtig, wichtig und gut. Und sie sind keineswegs dumm, Kühe (Schafe, Hühner etc pp…) wissen genau das, was sie als Kühe wissen müssen, so wie Schafe (oder Hühner oder Schweine) das können und wissen, was sie als Schafe können und wissen müssen – solange oder sobald man ihnen dazu die Gelegenheit gibt.

So weit, so gut. Aber bei Young geht es noch einen Schritt weiter, einen großen sogar: sie vermenschlicht ihre Tiere, spricht ihnen menschliche Eigenschaften zu. Ein oder zwei Beispiele, die ich spontan im Buch finde: Traurigerweise wollte Olivia Stephanies 
Dienste nicht. … Am vierten Tag platzte Stephanie der Kragen. Verletzt und irritiert wandte sie sich ab, sprang über den nächsten Zaun auf eine andere Weide und graste mit ihren früheren Freundinnen. Soweit ich weiß, haben die beiden [i.e. Olivia und Stephanie] nie wieder miteinander gesprochen. Als weiteres Beispiel auf der gleichen Seite [S. 48/9]: Dolly putzte ihre Kälber jeden Tag, beschützte und förderte sie und erklärte ihnen, Menschen gegenüber wachsam zu sein. „Sie sind nicht wie wir“, sagte sie ihnen, „Mitunter sind sie nützlich, besonders, was die Versorgung mit Heu im Winter angeht, aber es besteht absolut keine Verpflichtung, sich mit ihnen zu verbrüdern.“ Und ihre Kinder beherzigen diesen Rat. Zwar lassen sich solche Verhaltensweisen durchaus beobachten, sie jedoch als Ergebnis eines quasi intellektuellen, durch Verstand gesteuerten Vorgangs darzustellen, halte ich jedoch für übertrieben, wenn nicht gar unzutreffend.

Trotzdem ist der Text Youngs eine herzerwärmende Lektüre. In jeder Zeile spürt man die Liebe der Autorin zu ihren Tieren, die sie (vergleiche oben) vor unseren Augen zu charaktervollen, liebenswerten Persönlichkeiten werden läßt, deren Leben – genau wie das unsere – nicht nur den Stoffwechsel, sondern auch und gerade durch Beziehungen geprägt wird. Im Kosmos von Young behält jedes Tier seine Würde, keins wird – obwohl auch sie natürlich als Farmerin von ihren Tieren lebt – erniedrigt oder als biologische Umwandlungsmaschine missbraucht. Hätte jeder diese Einstellung zu Tieren, wären die verabscheuungswürdigen Extrema einer industriellen Fleischerzeugung Vergangenheit, nicht nur den Tieren, auch uns und der Umwelt wäre damit gedient.

Vielleicht ist das ein Verdienst von Young: uns die Tiere wieder näher zu bringen, uns zu zeigen: hey, das ist Rosalie, die mag dies und das und jenes nicht. Und pass auf Jack auf, der ist stolz und mutig, das solltest du respektieren! Tiere sind unserer Partner und die wenigen Zufälle der Evolution, die uns in unsere herausgehobene Position gebracht haben, haben uns auch die Verantwortung für unser Handeln mitgegeben. Tiere ihre Würde zu belassen, wie dies Young erzählt, wäre schon mal ein guter Anfang.

Aber zurück zum Buch der Autorin: Das geheime Leben der Kühe ist – mit den Abstrichen einer zu weit gehenden Vermenschlichung – ein gefühlvolles Buch für die ganze Familie, das dem Leser ein Tor öffnet in die „Seele“ unserer Mitgeschöpfe, den Tieren.

Rosamund Young
Das geheime Leben der Kühe
Übersetzt aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence

Originalausgabe: The Secret Life of Cows, London, überarbeitete Neuausgabe 2017, Erstausgabe 2003
diese Ausgabe: btb, HC, ca. 170 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Milena Agus: Die Flügel meines Vaters

Der Roman der sardischen Autorin beginnt mit einer genauen Positionsangabe, die uns in den Süden der Insel, an dessen Ostküste führt (https://goo.gl/maps/yrS8Y76NRfk). Die in der Bildmitte zu sehende längliche Insel spielt eine kleine Rolle im Roman, der Hauptschauplatz der Handlung liegt dieser Insel namens Serpentara gegenüber. Es ist eine unwirtliche Gegend, von Macchia überwuchert, von der Sonne ausgedörrt, eine arme Landschaft, aber eine Landschaft voller Reiz, voller karger Anmut, voller Licht und Wind, voller herber Schönheit, mit einem wunderbaren Strand, an den ein Meer anklopft, dessen Blau von Augenblick zu Augenblick wechseln kann, auf seinem Weg zum Horizont das ganze Spektrum möglicher Blauheiten durchlebt. Eine Landschaft wie geschaffen für ein Touristenzentrum.

agus

Daß es das nicht gibt; ist Madame zu verdanken, einer, nein der Hauptfigur des Romans Die Flügel meines Vaters der italienisch- (weil in Genua geboren) sardischen (die Eltern sind Sarden, so wie Milena Agus auch in Cagliari lebt) Autorin. Madame, die jeder so nennt, da sie das Französische so liebt, ist ein wenig eine Aussenseiterin. Als einzige weigert sie sich, ihr Land an die potentiellen Bauherren zu verkaufen. Ihr ist ihr Land mehr als ein Spekulationsobjekt, es ist ihr Leben, denn hier steht ihr kleines Hotel, in dem sie ihre Gäste, die auf den normalen Komfort eines Hotels verzichten müssen, die für diesen Verzicht aber mit Einfachheit und Schönheit reich entschädigt werden, beherbergt.

Um uns die Geschichte von Madame zu erzählen, führt Agus eine Erzählerin ein, die vierzehnjährige Tochter der Nachbarn. Als Chronistin, das muss man berücksichtigen, ist dieses namenlos bleibende Mädchen, das noch auf ihr Frauwerden wartet, recht unzuverlässig, Agus berichtet uns gleich am Anfang, daß sie die Realität eher als eine Art Inspiration für die von ihr wiedergegebenen Ereignisse ansieht. In tagebuchartigen, teilweise recht kurzen Abschnitten erfahren wir jedoch derart peu a peu vom Leben Madames und ebenso vom Schicksal der Familie der Erzählerin wie dem einer weiteren Nachbarsfamilie, die alle auf die eine oder andere Art und Weise miteinander verknüpft sind.

Kapernstrauch mit Blüten
(Klaus Reger [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D)
Es geht in diesem Buch um Gefühle, Gefühle verschiedenster Art. Um Ängste wie die der Madame, die sich schon als Kind am liebsten vor allem versteckte, die schmutzigen, unansehnlichen Ecken als Versteck nicht mied. Eine Angst, die sich in der Erzählerin wieder findet: auch diese leidet darunter, wenn beispielsweise ein Familienmitglied das Haus verläßt und sie angstvoll auf die Rückkehr wartet. Es ist ein Buch über das gute Gefühl, arm zu sein, und natürlich – wie könnte es anders sein – ist es ein Buch über die Liebe. Die Liebe Madames zu ihren Mitmenschen, eine Liebe, die auch tätig ist, in der sie sich auch körperlich verschenkt, ohne daß dies erwidert wird. Im Gegenteil, ihre Liebhaber, von denen wir mehrere kennenlernen, nutzen dieses Angebot Madames, aber erwidern es ist: Madame liebt, wird aber nicht wieder geliebt… Dabei wäre es doch eine Art Erlösung für sie und spät erst im Buch erwartet sie diese Erlösung, erhält sie sogar einen Namen – und taucht die andere Angst auf, die vor dem Verlust des Geliebtwerdens, die vor dem Vergleich mit anderen Frauen, die so viel mehr Lieben können…

Es ist ein Buch über die Verzweiflung am Leben, die fast bis hin zum Tod führt, über die Schuld, über das Verlangen, Schmerz zu erleiden, zugefügt zu bekommen, Opfer zu sein, gedemütigt zu werden… letzteres ist verstörend für uns Leser, die deutlich geschilderten Szenen, von denen nicht ganz klar wird, ob sie real oder nur in der Fantasie der Erzählerin spielen, sind ein deutlicher Bruch im ansonsten ruhig fließenden Strom der Erzählung.

In meinem Lesekreis, in dem wir den Roman diskutierten (Herzlichen Dank an alle für diese Diskussion!) wurde die These aufgestellt, Die Flügel meines Vaters sei ein Buch, das sich in einer zweiten Ebene mit unserem Umgang mit der Natur, die sich auch in der Figur der Madame darstellt, befasst: wir nutzen sie aus, missachten sie, zerstören sie, exemplarisch gezeigt am Bestreben der Investoren, hier, an diesem wunderbaren Fleckchen Erde ein Touristendorf zu errichten. Madame dagegen schützt die Natur, sie verhindert dieses Projekt, sie ist Bild für die Mütterlichkeit der Natur, die reif ist, die hervorbringt, die verschenkt, die uns ernährt… und der wir eben keine Liebe entgegenbringen….

Es ist eine Interpretation, die mir gefällt, auch wenn ich denke, daß man sie nicht zu weit treiben sollte. Die Demütigung Madames als Bild der Demütigung der Natur durch uns – sicher so deutbar, jedoch verlangt Madame im Buch ausdrücklich nach Schmerz, nach Strafe… der Bruch, auf den ich schon anspielte, bleibt für mich bestehen.

Die Flügel meines Vaters, von dem die Erzählerin ausgeht, daß er tot ist, ist ein schmaler Roman mit einer einfachen, ja teilweise fast naiven Sprache. Er ist so wie die Landschaft, in der er spielt, er beschreibt das, was man sieht, doch bietet er gleichzeitig ein Fenster in die Seele seiner Figuren und damit ebenso in die Besonderheit der Insel. Man könnte sich an dieser Stelle beispielsweise über die Rolle der Magie in diesem Roman auslassen, über die der Religion oder über die von Leibnitz, dem alten deutschen Philosophen… all diese Themen werden angeschnitten und spielen eine Rolle, ohne daß die Diskussion darüber aber in die Tiefe geht.

Neben der Landschaft spielen natürlich die Menschen eine Hauptrolle, und sind ihrer viele, denen Agus ein Podium gibt; über sie alle hier zu schreiben, würde zu weit führen. Lasst euch also überraschen und genießt den Roman, der für den Sommer wie geschaffen scheint und der eine Botschaft enthält, der wir uns nicht verschließen sollten.

Milena Agus
Die Flügel meines Vaters
Übersetzt aus dem Italienischen von Monika Köpfer

Originalausgabe: Ali di babbo, Rom, 2008
diese Ausgabe: Hoffmann und Campe, HC, ca. 156 S., 2008

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit

Der Mensch ist überfordert. Seit in Urzeiten eine Affenmutter Zwillingstöchter geworfen hatte, aus denen eine zur Stammmutter der Schimpansen wurde und die andere zu der der Menschen (so ein plakatives Bild in Hararis Text) hat dieser Zweig der Hominiden (Gattung Homo) eine erstaunliche Entwicklung hingelegt. Millionen Jahre lang ein Tier unter Tieren, ein Jäger und Gejagter im Mittelbau der Nahrungskette, nicht sonderlich zahlreich Steppen und Savannen durchstreifend, testete die Evolution an ihm einige Neuerungen aus, die ihn dann fast explosionsartig an die Spitze der Nahrungskette beförderten wie das zunehmend größere und potentere Gehirn, der aufrechte Gang, der die Hände freisetzte, der opponierende Daumen, die Fähigkeit zur komplexen Sprachentwicklung und sicherlich trug noch anderes mehr dazu bei. Doch eins lernte er nie: diese Fähigkeiten behutsam einzusetzen. Gab es normalerweise ein Gleichgewicht zwischen Beutegreifer und Beute, das langfristig das Überleben sowohl der Jagenden als auch der Gejagten sicherte, so kümmerte sich der Mensch als Beutegreifer um ein solches Gleichgewicht nie: wo er auf seinen Wanderungen hinkam, verarmte die Fauna drastisch, insbesondere die Großsäuger (worunter in der Vergangenheit auch die anderen Menschenrassen, in der Gegenwart ebenso die anderen Gattungen der Hominiden (Menschenaffen) zählen). Aber auch die großen, flugunfähigen Vögel, die ihrerseits mit einer derart aggressiven Tierart wie dem Sapiens keine Erfahrung hatten, mussten dran glauben, ob in Australien, Amerika oder auf einsamen Inseln. Ein Schaf, so formuliert es Harari, mit einer Waffe ist viel gefährlicher als ein Wolf mit einer Waffe, weil das Schaf nie gelernt hat, verantwortungsvoll damit umzugehen.


Der Autor des vorliegenden Buches Eine kurze Geschichte der Menschheit, Yuval Noah Harari (https://www.ynharari.com/de/) ist ein israelischer Historiker, der schon in erstaunlich jungem Alter von 29 Jahren an der Universität Jerusalum anfing, zu lehren. Er ist, was die Zukunft der Menschheit angeht – und dies macht das Buch ziemlich deutlich – pessimistisch bis hin zum plakativen In 200 Jahren gibt es keine Menschen mehr (https://www.ynharari.com/de/200-jahren-gibt-es-keine-menschen-mehr/). Nun ja, etwas reisserisch, aber wer wollte ihm angesichts der politischen Entwicklung der letzten Jahre mit voller Überzeugung schon widersprechen. Jedenfalls befasst er sich mit Fragen, die man üblicherweise im wisschenschaftlichen Diskurs seltener auffindet: „In welchem Vehältnis stehen Geschichte und Biologie zueinander? Was ist der entscheidende Unterschied zwischen Homo sapiens und anderen Tieren? Gibt es Gerechtigkeit in der Geschichte? Hat Geschichte eine Richtung? Sind die Menschen im Verlauf der Geschichte glücklicher geworden?“ (https://www.ynharari.com/de/autor/). In der Wiki wird erwähnt, daß Harari vegan lebt, eine Lebensweise, deren Ansatz sich im vorliegenden Buch ebenfalls niederschlägt. In der Summe also läßt schon diese Biografie interessantes erwarten


Der Sapiens, beileibe war er nicht die einzige Menschenart, es gab mindesten noch fünf andere Arten der Gattung Homo, die zum Teil zeitgleich gelebt haben. Noch heute sind z.B. Neandertalergene im Erbgut des Sapiens nachweisbar, der Denisova-Mensch ist ein Begriff und auch vom Homo floresiensis haben die meisten wohl schon gehört. Aber auch diese Menschenarten sind ausgestorben, nur der Sapiens (der an diesem Aussterben wohl nicht ganz unbeteiligt war) überlebte auch dank seiner überragenden Anpassungsfähigkeit an die unterschiedlichsten Umweltbedingungen.

Der Autor setzt den Beginn der „Menschheit“ ca 70 Jahrtausende zurück in die Vergangenheit. Ausgehend von dieser Zeitspanne identifiziert er vier große Epochen bzw. in seiner Terminologie „Revolutionen“, in denen sich die Grundlage menschlichen (Zusammen)Lebens jeweils dramatisch änderten:

  1. die kognitive Revolution (ab ca. 70.000 Jahren v. Chr.) mit der Ausbildung von Sprache(n), die die Schaffung von Mythen ermöglichte, die wiederum für den Zusammenhalt größerer Gruppen wichtig waren. Geographische Ausdehnung und Eroberung neuer Lebensräume. Leben als „Wildbeuter“, d.h. als Jäger und Sammler
  2. die landwirtschaftliche Revolution (ab ca. 10.000 Jahren v. Chr.) veränderte die gesamte Lebensweise, aus dem herumstreifenden Wildbeuter wurde der sesshafte Bauer, der sich von einem unscheinbaren Gras am Wegesrand, dem zukünftigen Weizen, unterjochen und ins Haus einsprerren (i.e. domestizieren) ließ. Ausbildung von Siedlungen und Städten mit gesellschaftlichen Hierarchien. Schrift und Zahlensysteme entstehen.
  3. die Vereinigung der Menschheit (ab ca. 800 Jahren v. Chr.). Nach Harari wachsen die Menschen durch den Handel, durch Eroberungen und durch Religionen zusammen, die Idee des „Geldes“ wird entwickelt.
  4. die wissenschaftliche Revolution (ca. ab dem Jahr 1.500 n. Chr.) wird vor allem durch die nicht enden wollende Neugier des Europäers vorangetrieben, der vor ca. 500 Jahren merkte, daß es in der Welt Dinge gab, die nicht in der Bibel beschrieben waren und der mit Hilfe dieser neuen Erkenntnisse zu vermehrter Macht und Reichtum gelangen konnte. Imperialismus und Kapitalismus entstanden und wurden, waren und sind die treibenden Kräfte dieser Revolution.

Das ist natürlich nur eine sehr, sehr grobe Verkürzung dessen, was Harari ausführlich und anschaulich darstellt und mit vielen Beispielen untermauert. Den Abschluss des Buches bildet ein spekulativer Ausblick auf die weitere Entwicklung der Menschheit, die nach Harari im Wesentlichen dadurch geprägt sein dürfte, daß der Mensch dabei ist, Methoden zu entwickeln, sein eigenes Erbgut zu verändern bzw. er eine beginnt, seine körperlichen und/oder funktionalen Beschränkungen durch Implantation technischer/elektronischer Hilfsmittel zu überwinden (Stichwort: Cyborg).

Harari ist Universalhistoriker, beansprucht damit den großen Blick fürs Ganze. Sympathischerweise scheut er sich aber nicht, an manchen Stellen zuzugeben, daß auch er keine Antworten weiß bzw. man keine Antworten oder Erklärungen hat. Denn in der Rückschau von heute in die Vergangenheit (und so ist Hararis Text aufgebaut) erscheint die Entwicklung der Menschheit zum heutigen Status, nachdem die biologischen Voraussetzungen (Hirnkapazität, aufrechter Gang, opponierender Daumen u.a.m.) sich erst einmal herausgebildet hatten, fast zwangsläufig. Oder gab es Epochen, Phasen, in denen andere Entwicklungswege hätten gegangen werden können? Dies erinnert ein wenig an die spekulative Frage, wie sich Europa wohl entwickelt hätte, wenn es nicht christlich, sonder buddhistisch missioniert worden wäre. Denn, auch darauf geht der Autor ein, spätestens in der wissenschaftlichen Revolution driftet die Entwicklung einzelner Regionen der Erde auseinander: während in Europa Wissenschaft und Macht Hand in Hand arbeiteten und sich langsam aber sicher den Erdball eroberten, hätten z.B. die asiatischen Völker wie China zwar das Potential gehabt, ebenfalls aggressiv auf Eroberungszüge zu gehen – allein, sie hatten kein Interesse daran, ihnen fehlte eine der treibenden Kräfte des Europäers: das Vertrauen in die Zukunft, der Glaube an die Zukunft.

An manchen Stellen bricht Harari die alteingesessenen Sehgewohnheiten auf. Am verblüffendsten geschieht dies am Übergang zur landwirtschaftlichen Revolution, die er auch aus der Sicht des Weizens schildert. Denn dieser, ursprünglich ein Gras am Wegesrand, schafft es, aus dem Wildbeuter, der üblicherweise drei bis sechs Stunden täglich an der frischen Luft bei angepasster Bewegung auf Jagd ging, danach im Kreise seiner Lieben anderen Beschäftigungen frönte, der eine gesunde, abwechslungsreiche Nahrung hatte, der Feinden ausweichen konnte, der nicht durch Besitz gefessel war einen Bauer zu machen, der in einer meist dunklen Hütte leben musste, der schwere Arbeit in gebückter Haltung zu verrichten hatte (Steine vom Acker klauben, bewässern, Unkraut jäten, ernten etc pp), der Feinden nicht ausweichen konnte, sondern der gezwungen war, seinen Besitz zu verteidigen. Und das alles bei zunehmend einseitiger und damit schlechter werdenden Ernährung… Einzig, daß er nicht mehr vom Jagdglück abhängig war, sondern daß er die Ernte einlagern konnte für schlechte Zeiten…

In Hararis Buch findet man einen Aspekt, der sonst eher selten behandelt wird, die Frage nämlich nach dem Glück, dem Glücklichsein. Ist der Mensch durch all diese Entwicklungen hindurch glücklicher geworden? Und er findet eine (vielleicht gar nicht mal so) erstaunliche Antwort, nämlich: nein.

Glück oder besser gesagt, Glücksgefühle nämlich, und hier greift der Autor auf biologische/physiologische Erkenntnisse zurück, sind das Ergebnis biochemischer Vorgänge, hervorgerufen durch „Glückshormone“ wie Serotonin, Oxytocin oder Dopamin. Durch welche Ereignisse diese ausgeschüttet werden, ist egal, ob der Wildbeuter eine gute Jagd hatte, der mittelalterliche Landwirt im festen Glauben an das Paradies zufrieden vor sich hin ackerte – sie waren unter Umständen glücklicher wie der moderne Mensch, der sich in der Hektik des modernen Alltags aufreibt.

Die Menscheit an sich hat sich in erster Näherung weiterentwickelt, die Menschen werden älter und bleiben länger gesund, das Leben bietet ihnen viele Möglichkeiten, selbst das Ausmaß der Gewalt, ob privater Natur oder staatlicher wie Kriege, hat abgenommen. So übersteigt die Zahl der weltweiten Suizide (zumindest in dem vom Autoren ausgesuchten Beispieljahr 2002) die Zahl der Kriegstoten um ein Vielfaches. Das vorstehend schon erwähnte Epoche des Übergangs zur Sesshaftigkeit illustriert dieses Phämomen: die Menschheit entwickelte im Rahmen ihrer Sesshaftwerdung die Entstehung von Gemeinwesen mit sich herausbildenden Hierarchien, es entstanden Rechtsprechung, Handel und die Aufsplittung in einzelne Berufe, letztlich entstanden Staaten und mit Staaten auch die Auseindersetzungen zwischen ihnen, vulgo: Kriege.

Harari betrachtet weiter einen anderen, oft vermissten Aspekt: der Mensch ist der erfolgreichste Großsäuger im Tierreich, er hat sich quasi über die gesamte Erde ausgebreitet. Dabei hat er jedoch unter überall dort, wo er hinkam, die Tierwelt drastisch dezimiert, sei es in Amerika, sei es in Australien oder in Ozeanien. (Und er ist fleißig dabei, diese Ausrottung von Mitgeschöpfen fortzusetzen, die Rede ist von einem erneuten Massenaussterben in der Fauna unseres Planeten.) Auf der anderen Seite hat er Milliarden von Tieren, die er als Nutztiere hält, zu biologische Umwandlungsmaschinen degradiert: pflanzlichen Nahrung, die zu Milch, Fleisch oder Eiern umgesetzt wird, wodurch er milliardenfaches Leid erzeugt (vom Ende dieser Tiere wollen wir gar nicht erst sprechen). Rechnet man diese beiden Aspekte (Ausrottung, Ausnutzung) mit ein, kann man aus ganzheitlicher Sicht kaum behaupten, der Glückszustand auf der Erde hätte sich in den letzten siebzigtausend Jahren verbessert.


Harari hat mit seinem Buch nicht enttäuscht: auch wenn das Buch über fünfhundert Seiten stark ist, es ist eine kurze Geschichte der Menschheit. Kürze bedingt notwendigerweise Beschränkung und auch Vereinfachung, führt zu einem geradlinig erscheinenden Ablauf einer Entwicklung, die möglicherweise dann doch komplizierter war und Sackgassen, Schleifen oder Umweg auf dem Weg zum gegenwärtigen Zustand umfasst. Darüber muss man sich im Klaren sein. Das Verdienst Hararis liegt in jedem Fall darin, daß er den ‚Menschen‘ in seiner Einordnung im Rahmen der Natur sozusagen geerdet hat: der Mensch ist ein Tier unter Tieren, eins mit besonderen Eigenschaften (die damit verbundene Verantwortung übernimmt er freilich nicht), aber eben ein Affe der Gattung Homo. Er steht nicht über der Natur, er ist Teil dieser. Er kann die Natur nicht zerstören, aber spätestens mit dem Einsatz des Feuers zur Brandrodung verändert er sie, greift er in ihre Entwicklung ein. Ob dies zu seinem Vor- oder Nachteil ist, man wird sehen…. die Mitgeschöpfe dieser Erde jedenfalls leiden unter ihm.

Die Entwicklung der Menschheit (ob erratisch oder zu einem bestimmten Zustand hin) bedeutet nicht zwangsläufig auch, daß der/die Einzelne glücklicher wird – im Gegenteil. Die Frage, mit der Harari seinen Text abschließt, ist die nach einer möglicherweise zu erwartenden Weiterentwicklung der Menschheit, eine Frage mit höchst spekulativem Charakter. Dazu muss man einfach nur ein paar Jahrzehnte zurück gehen und sich die Zukunftsprognosen aus dieser Zeit anschauen: die friedliche Nutzung der Kernenergie konnte nicht hoch genug eingestuft werden, vom Internet redete noch niemand… So ist alles möglich, beispielsweise (das diskutiert Harari) daß der Mensch zur ‚Gottheit‘ wird, die durch Eingriffe in den genetischen Code das Leben selbst verändert oder daß sie sich in Richtung Cyborg bewegt: möglich, aber nicht notwendig, denn erstens kommt es oft anders und zweitens als man denkt….

In der Summe jedenfalls ist Hararis Buch sehr empfehlenswert: es durchbricht gewohnte Denkmuster, knüpft neue Kausalverbindungen zwischen Ereignissen, stellt den Menschen in den größeren Zusammenhang der Natur zurück und betrachtet auch die eher weichen Faktoren wie Glück und Zufriedenheit des Einzelnen. Und das Ganze noch spannend und lesbar ausformuliert. Mehr kann man von einem Sachbuch kaum erwarten. Eine Frage an den Verlag bleibt offen: warum ist das Buch aus dem Englischen und nicht aus dem Original übersetzt worden?

Yuval Noah Harari
Eine kurze Geschichte der Menschheit
Übersetzt aus dem Englischen von Jürgen Neubauer
Originalausgabe: A Brief History of Mankind / יצור תולדות האנושות
Or Yehuda (Israel), 2011
diese Ausgabe: Pantheon, Paperback, ca. 525 S., 2015

 

 

 

 

Julien Green: Leviathan

Es ist interessant, googelt man nach diesem Titel des französischen Autoren Julien Green, so findet man kaum Besprechungen, obwohl der Roman zu denjenigen gezählt wird, die bleiben werden bzw. denen die Chance zugesprochen wird, „… vor der Ewigkeit Bestand …“ zu haben [Iris Radisch, https://www.zeit.de/1998/35/Kind_Gottes ]. Dieser Leviathan, um den es geht, ist ein düsterer Roman des 1900 in Paris “ … als Sohn eines amerikanischen Geschäftsmannes … “ [ein Klappentext, der die Frage nach der Mutter (die früh verstarb [https://de.wikipedia.org/wiki/Julien_Green]) elegant ignoriert] geborenen Autoren, der zwischen den Religionen wanderte, bis er sich endgültig zum Katholizismus bekannte.

Es ist jedoch nicht die Freude, die Erwartung auf Erlösung, der Eingang in ein wie auch immer geartetes Paradies, die Greens Roman beherrscht, im Gegenteil ist es die Sünde, der kaum beherrschbare Trieb, sind es die dunklen Seiten der Seele, die Green uns vorführt. Die mythische Figur des Leviathan (der im Buch nie erwähnt wird) schließlich ist das Symbol gottesfeindlicher Mächte, eine dunkle, zerstörerische Kraft, die in praktisch allen Figuren des Romans zum Tragen kommt.


Die Handlung führt uns in die französische Provinz, wenngleich in der Nähe von Paris gelegen. In der Kleinstadt bewirtet die Mittfünfzigerin Madame Londe in ihrem Gasthaus eine Runde von ausschließlich Männern. Ihr Regiment ist streng, sie hat zwei Knuten, mit denen sie die Männer beherrscht: ihr Wissen um deren Schwächen, denn Madame Londe selbst wird von unerträglicher Neugier gequält, eine Qual, die umso schlimmer ist, als sie zwar in der Lage ist, zu erfühlen, daß irgendwo und irgendwie sich hinter allem, was sie wahnimmt, ein Geheimnis verbirgt, ihr dieses Geheimnis, oder gar eine Ahnung davon, jedoch absolut verborgen bleibt. So bezieht sie ihr Wissen von Angèle, einer jungen, schönen Frau, die sie seinerzeit als Waisenkind aufgenommen hat und die jetzt in der gegenüber dem Wirtshaus liegenden Wäscherei arbeitet. Die Männer können sich – gegen ein Entgelt, das Madame Londe einbehält – mit Angèle treffen, wobei Madame Augen und Ohren davor verschließt, zu welcher Art von Dienstleistungen Angele bei diesem Arragenments aufgefordert wird – ihr ist die Hauptsache, daß die junge Frau die Männer aushorcht.

Eines Tages taucht der schüchtern und linkisch wirkende Hauslehrer Guéret in ihrem Gasthaus auf und erweckt ihre Neugier. Guéret ist bei der wohlhabenden Familie Grosgeorge als Lehrer des Sohnes angestellt, er ist er vor kurzem mit seiner Frau, die er schon lange nicht mehr liebt, ja, eher verabscheut, aus Paris in diese kleine Stadt gezogen. Jedenfalls sieht Guéret Angèle und verliebt sich in sie, die junge Frau jedoch will anscheinend nichts von ihm wissen, er ist ihr seltsam unheimlich in seiner linkisch-verdrucksten Art, sie ist von den Männern ein anderes Benehmen gewohnt. Guéret, der von Madame Londe in die Runde ihres Mittagstisches aufgenommen wird, erfährt bald von den Männern, daß man sich über Madame mit Angele verabreden kann und daß diese dann die Bedürfnissen zu befriedigen zur Verfügung steht….

Die Tatsache, daß Angèle , die er liebt, ihn als Einzigen abweist, bringt alles, was in Guéret an Zorn, Wut, Enttäuschung und Hass aufgestaut ist, zum Ausbruch: er tut ihr Gewalt an und fügt ihr durch heftige Schläge mit einem Ast eine bleibende Entstellung im Gesicht zu, Angeles Schönheit, ihre Ausstrahlung ist daraufhin für immer zerstört.

Mit dieser Untat Guérets (der eine weitere folgt) ist das sorgsam austarierte Gleichgewicht der Laster in der Gesellschaft zerstört. Da Madame Londe nichts mehr über die Geheimnisse der Männer erfährt und Angèle als Lockmittel ausgefallen ist (vergeblich versucht sie, in Fernande, die erst dreizehn Jahre alt ist, einen Ersatz für Angèle zu finden), verliert sie ihre Macht über diese. Die Neugier, die sie nicht mehr befriedigen kann, ihr Nichtwissen über die Anderen bringt sie langsam in einen Zustand völliger Verzweiflung, die brüchige Basis ihres Lebens offenbart sich.

Wochen gehen ins Land.. Guéret  ist nach seinen Untaten auf der Flucht, bleibt aber in der Nähe, denn seine Liebe zu Angèle wird immer verzweifelter. Diese ihrerseits geht kaum noch aus ihrem Zimmer bei Madame Londe, die Wunden sind zwar verheilt, die Narben jedoch entstellen sie auf immer. Beide, Guéret als auch Angele suchen Hilfe und gelangen, wenn auch nicht freiwillig, an Madame Grosgeorge, eine weitere Hauptfigur des Romans.

Eva Grosgeorge ist eine hartherzige Frau, die ihren Mann verachtet und ihren Sohn, den ihr ihr Mann mit Gewalt gemacht hat, hasst. Sie kann dem Leben nichts abgewinnen, leidet unter dem Leiden der Wohlhabenden, der Langeweile. Welchen Sinn hat es, am Leben zu sein, dieser immerwährenden Abfolge immer gleicher Ereignisse, an deren Ende unausweichlich der Tod steht?

Während Angèle , die eigentlich zu ihrem Gönner, Herrn Grosgeorge wollte, letztlich Madame Grosgeorge um Geld anfleht, mit dem sie die Stadt verlassen kann, um woanders zu leben, ist es Eva Grosgeorge selbst, die auf Guéret trifft, ihm Geld verspricht, ihn in ihr Haus lockt, dort einsperrt und die Macht über ihn geniesst. Träume und Fantasien suchen sie heim, bis sie sich letztendlich ein tief verstecktes Gefühl eingestehen muss…

Guéret hat die Begegnung von Madame Grosgeorge und Angèle belauscht, so daß er Angèle , als diese wieder nach Hause eilt, hinterher rufen kann. Er gesteht ihr seine immer noch währende Liebe und daß er mit ihr zusammen fliehen will. Ferner verspricht er ihr, Geld zu besorgen und sie verabreden sich für den nächsten Abend.

So kommt es zu einem regelrechten Showdown zwischen den Protagonisten, in dem auch noch die Eifersucht eine große Rolle spielt, ein weitere der dunklen Leidenschaften, die den Menschen beherrschen können.

Der Roman, wen wunderts, hat kein Happyend. Das Schicksal Guérets bleibt offen, Angèle , die an starken Fieber erkrankt, holt sich den Tod bei dem Versuch, zum vereinbarten Treffpunkt zu kommen und Madame Grosgeorge überlebt ihren Versuch, sich selbst zu töten.


Leviathan ist die schonungslose Sektion menschlicher Schwächen und seelischer Abgründe. Keine der Figuren des Romans erweckt Sympathien beim Lesen (schon die Beschreibung seiner Hauptfigur auf der ersten Seite zeichnet einen Menschen voll im Grunde abstoßender Gewöhnlichkeit: … er war noch jung, hatte aber etwas Welkes und Verbittertes an sich… Sein Gesicht war füllig, aber farblos, und das Fleisch so schlaff, daß man schon die späteren Hängebacken voraussah, … Die große fleischige Nase, die dicken Lippen deuteten auf einen Menschen von wenig Willenskraft hin, …), einzig mit Angèle, die von ihrer „Tante“ so skrupellos ausgenutzt wird, rührt sich hin und wieder Mitleid, obwohl sie sich gegen die Treffen mit den Männern auch nicht zu sträuben scheint. Die Männer ihrerseits ordnen sich widerstandslos dem strengen Kuratel einer älteren Frau unter, weil eben genau diese ihnen den Zugang zur Befriedigung ihrer sexueller Wünsche bietet. Madame Londe andererseits ist getrieben von ihrer inhärenten Unsicherheit, die sich als unbändige Neugier äußert, die sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu befriedigen sucht. Dafür prostituiert sie Angèle, ist sie später in ihrer Verzweiflung sogar bereit, das Kind Fernande zu opfern. Angèle dagegen nutzt die Macht, die Madame Londe ihr durch die Abhängigkeit von ihren Informationen quasi in die Hand legt, nicht zu ihrem Gunsten, sondern ergibt sich in ihr Schicksal, so sehr sogar, daß sie Guéret, der ihr aufgrund seiner Linkigkeit und Verdruckstheit seltsam vorkommt, obwohl er der einzige der Männer ist, der ein wirkliches Gefühl für sie zu haben scheint, ablehnt und zurückweist, zumindest aber hinhält. Er erkennt nicht, kann nicht erkennen, daß diese Situation auch für Angèle fremd ist. Sie kommt nur mit Männern zusammen, die sie stundenweise wollen, daß sich hier jemand um sie als Mensch bemüht, verunsichert sie und läßt sie zurückweichen, zumal Guéret in seiner äußeren Erscheinung nicht sonderlich sympathisch auf sie wirkt.

In Guéret hat sich über Jahre hinweg nur mühsam kontrollierte Frust und Aggression angesammelt. Beruflich wenig erfolgreich, mit einer Frau verheiratet, deren Reiz nach der Hochzeit (für ihn zumindest) verloren gegangen ist, ist er vom Leben enttäuscht, die Aussicht auf die Zukunft, die ihn erwartet, stürzt ihn in Verzweiflung. Und dann erscheint ihm die junge Angèle, die ihm ein Licht in dieser seelischen Düsternis wird – doch sie lehnt ihn, der sich ihr gegenüber nicht richtig artikulieren kann, offensichtlich  ab, ja, nachdem Guéret die Tatsache, daß sie zu mieten ist, akzeptiert hat, weist sie ihn sogar als zahlenden Kunden zurück. Diese Erniedrigung erträgt der Mann nicht, was er nicht mieten kann, will er sich mit Gewalt holen. Ein völliger Kontrollverlust ist die Folge, in dem Guéret blind und besinnungslos zuschlägt.

Fast die interessanteste Figur im Leviathan ist jedoch die erst spät in die Handlung eingreifende Frau Grosgeorge [es ist weit hergeholt, ich weiß, aber ich muss bei diesem Namen immer an George Grosz denken, diesen in Berlin geborenen Künstler, dessen „…typische Sujets … die Großstadt, ihre Abseitigkeiten (Mord, Perversion, Gewalt) …“ sind. Bei den Beschreibungen der Männer in der Runde Madame Londes sind mir immer seine Zeichnungen und Malereien vor Augen gekommen, ebenso könnte der Herr Grosgeorge dieses Romans seinem Werk entsprungen sein. Entstehungszeit des Leviathan und die Berliner Zeit von Grosz fallen übrigens zsuammen. (https://de.wikipedia.org/wiki/George_Grosz)]. Sie und Guéret sind Seelenverwandte, vom Leben enttäuscht, nichts mehr vom Leben erwartend, sind sie innerlich leer, mit verkrusteter Seele sucht sich diese Leere ein Ventil in der Gewalt. Ist es bei Guéret ein eruptiver Ausbruch, so äußert sich bei Eva Grosgeorge diese Gewalt als Gewalt gegen ihr eigenes Kind, das sie unbarmherzig abstraft, sobald es in ihren Augen versagt – und das tut es oft. Der Junge ist für sie Fleisch gewordenes Symbol ihrer in der Ehe erfolgte Vergewaltigung durch ihren Mann, der sie als ausdrucksloser, saturierter Mensch schamlos betrügt – unter anderem mit Angèle.

Erkennt sie intuitiv die Seelenverwandtschaft mit Guéret, der schnell als Täter erkannt und gesucht wird? Sucht sie ihn gar auf ihren Spaziergängen? Jedenfalls verrät sie ihn nicht, als sie auf ihn trifft, ihn erkennt und anspricht. Sie sagt ihm sogar, sie wolle sich am nächsten Tag mit ihm treffen… tatsächlich findet ein Treffen der beiden statt, auch wenn nicht so, wie Eva Grosgeorge es geplant hat. Daß es sogar auf die Verabredung von Guéret mit Angèle beruht, ahnt sie nicht, im Gegenteil, in ihrer nächtlichen Fantasie dringen langsam Bedürfnisse und unterdrückte Lüste (so darf man annehmen) an die Oberfläche, die sie auf den Mann, der von ihrer finanziellen Unterstützung abhängig ist und den sie in einem Zimmer ihres Hauses eingesperrt hat, projiziert.

Der Roman spielt im Winter, es ist düster draußen, Kälte herrscht und kaum ein Holzscheit im Ofen verbreitet den Anschein von Wärme. Die Ausnahme ist „Mon Ideé“, die geschmacklos eingerichtete Villa der Grosgeorges, die genügend Geld haben, um zumindest die Räume, in denen sie sich aufhalten, zu heizen. Das Düstere, Pessimistische findet sich auch in der Handlung außerhalb der direkten Verbrechen: Angèle, deren Namen Botin oder Engel bedeutet, wird entstellt und stirbt, Eva, ebenfalls mit biblischem Bezug im Namen, ist keineswegs geeignet, ihrer Namensgeberin zu entsprechen.

Greens Roman erschien 1929, er ist vom Inhalt jedoch zeitlos. Meisterhaft stellt der Autor die seelischen Verwerfungen seiner Protagonisten dar, zeichnet die Narben, die das Leben in die Psyche geschnitzt hat, nach. Diese sind durchweg den dunklen Seiten ihrer Süchte ausgeliefert: dem Hass, der Neugier, der Langeweile, der sexuellen Trieb. Entsprechend düster und dunkel ist die Atmosphäre, in der die Handlung spielt, nur an ganz wenigen Stellen kommt etwas Licht in die Szenerie, deutet der Autor an, wie das Leben wohl hätte verlaufen können, wenn sich seine Figuren der Liebe geöffnet hätten, dem Positiven. Aber sie hatten alle keine Wahl, waren Gezwungene der Umstände, die das Leben ihnen bot.

Man muss sich in das Buch einlesen, Green hat sich die Zeit genommen, seine Figuren zu durchleuchten, uns als Leser dabei mitzunehmen in die Tiefen ihrer Psyche, eine wahrhaft intensive Exkursion, die nicht zur Erheiterung beiträgt – das sei gesagt. Bei mir im Lesekreis (herzlichen Dank für die Diskussion!) sorgte es für lebhafte Gespräche: auf der einen Seite war es den meisten zu düster, zu dunkel, zu negativ, auf der anderen Seite hat niemand dagegen gesprochen, daß die Umsetzung des Themas, die literarische Darstellung ein Glanzpunkt ist. Ich möchte mich dem Ergebnis unserer Diskussion in diesem Kreis weitgehend anschließen: Leviathan ist ein düsteres Werk (aber genau das wollte der Autor: das Wüten des Leviathan in der Seele des Menschen zeigen), aber es lohnt sich auch heute noch, dieser aussergewöhnlichen Text zu lesen.

Julien Green
Leviathan
Übersetzt aus dem Französischen von Eva Rechel-Mertens
Originalausgabe: Leviathan, Paris, 1929
diese Ausgabe: Süddeutsche Zeitung (Bibliothek Bd. 43), HC, ca. 306 S., 2004

Irmgard Keun: Kind aller Länder

Es ist ein wenig schade um diesen 1938 erschienen Roman der deutschen Schriftstellerin Irmgard Keun (1905 – 1982). Diese gehörte zu den vielen, die nach 1933 aus Deutschland vertrieben wurden, sie gehörte zu den wenigen, die nach Holland ins Exil gingen. Ich selbst bin durch das sehr empfehlenswerte Buch  von Bettina Baltschev über diesen Exilort: Hölle und Paradies auf Keun aufmerksam geworden. Keun hatte zu dieser Zeit eine intensive Beziehung zu Joseph Roth (hier im Blog mit Die Legende vom heiligen Trinker und Hiob vertreten), der bekanntermaßen dem Alkohol verfallen war, ein Schicksal, das in späteren Jahren auch der Autorin widerfahren sollte. Die Beziehung hielt nicht allzulange, Roth war viel unterwegs, hielt sich auch oft in Frankreich auf, publizierte aber bei Querido in Amsterdam.


Im vorliegenden Roman ist diese Beziehung der beiden Künstler Hintergrund der Handlung, die aus der Sicht der zehnjährigen Tochternamen Kully geschildert wird. Der Mann, ein Autor, ist leichtsinnig, ein Verschwender des wenigen Geldes, das er besitzt. In Deutschland mit Schreibverbot überzogen, kann er nur vereinzelt Zeitungsartikel veröffentlichen und – wenn überhaupt – nur im Ausland Verträge für neue Bücher abschließen. Auf diese erhält er dann Vorschüsse, von denen die drei sich dann wieder eine Zeitlang über Wasser halten können. Nicht immer oder eher selten erfüllt der Vater seine Verpflichtung und kann Manuskripte liefern, dann muss die Mutter um Aufschub betteln, um weiteres Geld, um Mitleid… daß der Mann dem Alkohol zugeneigt ist und auch Vergnügen nicht aus dem Weg geht, vereinfacht die Situation nicht.

Man wohnt in Hotels, drückt sich in Restaurants herum mit möglichst wenig Verzehr. Aus den Hotels kann man kaum ausziehen, man müsste in diesem Fall an der Rezeption zahlen – was nicht möglich ist… Meist sind es Mutter und Kind, die in dieser Zwangslage stecken, der Vater ist auf Reisen, neues Geld zu besorgen und es möglicherweise auch gleich wieder zu verspielen und/oder zu vertrinken. Ein Leben ohne Hoffnung auf Besserung, ein Leben von einem Tag zum nächsten, ein Leben voller Hunger und Angst, entdeckt zu werden. Ein Leben, das immer in Gefahr war.

Es gelingt Keun, diese Anspannung, diese Unruhe und auch die Angst, in der Mutter und Tochter leben, spürbar zu machen. Durch den kindlichen Ton, in dem der Text gehalten ist, wird der Angst zum einen die Schärfe genommen, zu anderen  jedoch kann ein Kind vieles aussprechen, über was ein Erwachsener meist schweigen würde. Trotzdem ist mir dieser durchgänge Kinderduktus der Sprache irgendwann auf die Nerven gegangen, ich gebe es zu.

So interessant der Roman also als Schicksalsroman eines Emigrantenpärchens ist (zumal er ja ein reales Pärchen als Hintergrund hat), so hat er mir doch nicht so gefallen wie Keuns „Kunstseidenes Mädchen„. Das wäre sicher anders gewesen, wenn die Autorin ihrer Erzählerin nicht die Bürde aufgehalst hätte, den gesamten Text zu erzählen, sondern ihre Sprache auf einzelne Passagen beschränkt hätte. Aber Kind aller Länder liest nun mal so, wie er verfasst worden ist und leid getan hat mir die Lektüre letztlich auch nicht.

Irmgard Keun
Kind aller Länder
Originalausgabe: 1938, Amsterdam (Querido)
diese Ausgabe: KiWi, HC, ca. 220 S., 2016