Saphia Azzeddine: Zorngebete

Von der Autorin, die 1979 in Agadir geboren wurde und mit neun Jahren mit ihren Eltern nach Frankreich kam, habe ich kaum mehr im Internet erfahren als diese kurze Autorenbeschreibung [https://www.wagenbach.de/autoren/autor/379-saphia-azzeddine.html ] an Angaben enthält. Zorngebete, 2008 im Original erschienen, scheint sich aber in ein großes Thema einzuordnen: das Leben in Nordafrika, dessen koloniale Vergangenheit und damit die Beziehung zu Frankreich.

Zorngebete führt uns in den Süden Marokkos, den Maghreb. Dort begegnen wir Jbara, eine halbwüchsigen jungen Frau, die mit ihren Eltern und Geschwistern in einem Kaff namens Tafafilt wohnt, ein armseliger Ort, den sie selbst als Tod bezeichnet, als Arsch der Welt. Die Familie haust in einem Zelt aus Ziegenleder, die Mutter verdeckt ihr stetes Weinen über das Elend ihres Lebens unter Zwiebelschälen und der Vater ist dem örtlichen Geistlichen hörig, der seinerseits die Weisheit auch nicht mit Löffeln gefressen hat. Daß sie stinkt, weiß Jbara nicht, denn hier stinken alle, daß sie schön ist, weiß sie auch nicht (sie sollte es später lernen), Schönheit ist kein Kriterium in ihrer Welt, denn Schönheit in der Sprache der Reichen. Bei den Armen dagegen wird gevögelt, was das Zeug hält, weil das gratis ist. 

Auch Miloud, der meist von hinten in Jbara eindringt, stinkt, aber auch das fällt nicht auf, denn ganz allgemein, das Elend stinkt nach Arsch. Während Miloud wie ein Kolben hin und herschwingt, tröstet das Mädchen sich mit dem Gedanken an den Fruchtjoghurt, den sie nachher dafür bekommen wird. Da die Mutter Jbara, die zwar weder erzogen noch ausgebildet, sondern nur herumgeschubst worden ist, eingebleut hat, das wichtigste für ein Mädchen sei die Jungfernschaft, beruhigt Miloud Jbara: solange ihre Haar dort unten nicht ausfallen, ist sie Jungfrau. Erst als dann die Kotzerei einsetzt und der Bauch rund wird, fliegt dieser Betrug auf. Und Jbara wird verstoßen.

Jetzt wird es Zeit, auf den rosa Koffer zu sprechen zu kommen. Tafafilt nämlich ist durch eine Art Nabelschnur mit der Welt verbunden: zweimal in der Woche kommt ein Bus, der in die Stadt fährt. Und eines Tages war von diesem Bus ein Koffer gefallen, rosa, mit Sachen drin, wie sie Jbara nicht kannte: strassbesetzte Jeans, Strings mit Perlen und ähnlich faszinierendem Zeugs. Dieser Koffer begleitet sie, die jetzt allein mit dickem Bauch den Bus besteigt… das Geld reicht nicht ganz für das Ticket, aber sie schön und sie kann dem Busfahrer anbieten, auf andere Art zu bezahlen… und das macht sie auch weiterhin, das Leben bietet ihr keine andere Chance als diese, um zu überleben.

Der Roman ist schmal, ich will hier nicht die ganze Geschichte Jbaras, die sich später Sheherzade nennen wird und noch später dann Khadija erzählen. Sie wird Geld haben und es wieder verlieren, sie bleibt der Fußabtreter für die Männer, die für sie bezahlen, mag sie sich auch einbilden, mehr Bedeutung zu haben weil sie schön ist und keine Grenzen zieht. Manchmal ist das Leben so, daß es einen Moment gibt, dem Schicksal eine Wendung zu verschaffen… Jbara/Scheherzade versäumt diesen Moment, an dem das Leben / Gott (?) ihr die Chance gibt, einen anderen Weg einzuschlagen und fällt tief… und selbst das späte Glück, das sie nach Jahren finden sollte, ist von kurzer Dauer und Azzeddine läßt offen, wie es mit ihrer Heldin weitergeht.


Zorngebete ist ein harter, brutaler, schonungsloser Roman. Er ist eine Anklage gegen Rückständigkeit, gegen die Unterdrückung der Frauen, gegen die Tatsache, daß man sie dumm hält, so dumm, daß sie ihren eigenen Körper nicht kennen. „haram“ ist das entscheidende Wort im Leben der Frauen in dieser Gesellschaft, alles ist verboten und unrein, alles außer schweigen und erdulden. Sie haben die Männer und deren Dummheit zu erdulden, das Eingesperrtsein ins Haus, das Schweigenmüssen, das Befriedigen deren Bedürfnisse und die Unterdrückung der eigenen… haram eben… So akzeptiert Jbara es für sich, sich, um zu überleben, zu prostituieren, erst, als ein Mann, ohne sie zu fragen und ohne ihr etwas dafür zu geben, in sie eindringt, fühlt sie sich schmutzig und vergewaltigt. Es ist letztlich ein entwürdigender Weg, den sie geht, gehen muss, nach einem kurzen Abschnitt, in dem es ihr materiell gut geht, folgt ein brutaler Absturz, an dessen Ende sie zu der Erkenntnis gekommen ist, meinem Körper sind ein wenig die Argumente ausgegangen. Zukünftig wird sie dem Elend mit ihrer Intelligenz, mit dem Denken Widerstand bieten… keine einfache Sache in diesem Land.

Jbara hat im Gegensatz zu den meisten Frauen ihr selbstständiges Denken nicht eingestellt, das Wahrnehmen der eigenen Situation, das Wütendwerden darüber, das Zornigsein und auch die Bereitschaft zu haben, mit dem, was sie hat, dagegen anzugehen. Da ihr ein Gesprächspartner fehlt, sie niemanden hat, dem sie sich anvertrauen könnte, hadert sie mit dem, der Verantwortung trägt für ihr Leben und ihr Schicksal, mit ihrem Gott. Sie schleudert ihm ihren Zorn entgegen, ihre Wut, sie klagt ihn an – und sie fordert seine Hilfe. Denn schließlich weiß und sieht Gott alles, er weiß, muss wissen, daß sie keine andere Chance hatte, als ihren Körper dafür zu geben, ein Dach über den Kopf zu bekommen und nicht zu verhungern.

Der schmale Roman ist eine Anklage gegen die Rückständigkeit dieser Welt, in der er spielt. Jbara ist nur eine Figur, in ihr kulminiert sich das Schicksal von Millionen Frauen. Ihrer Sprache beraubt, ihres Körpers bemächtigt, vom Wissen ferngehalten, in Küche und Schlafzimmer eingesperrt leben sie in einer engen Welt, der sie kaum entkommen können. Das Abgleiten in die Prostitution ist nur ein Scheinentkommen, Jbara muss dies leidvoll erfahren, ausgerechnet als Frau eines Imans sollte sie später eine (angeheiratete) Aufwertung erfahren, aber trotzdem bleibt sie mit dem Elend in Berührung. Es gibt keine Hoffnung in unseren Straßen ohne Gehsteige. Es gibt nur Ratten in diesem Labyrinth ohne Ausgang… Jbaras Gedankengang ist länger, es ist ein deprimierender Absatz, denn Azzeddine ihrer Heldin in den Mund legt und der die Hoffnungslosigkeit auf den Punkt bringt: die Existenz als ein lebenslanges Warten auf Besserung wie auf einen Bus, der nie kommen wird.

Zorngebete ist ein Roman, dem man in seiner schonungslosen Direktheit nicht entkommt und der sich in den eigenen Gedanken festbeißt. Der auch gerade in der aktuellen Diskussion um Flüchtlinge einen kleinen Beitrag zum Verständnis liefern kann: offensichtlich ist alles besser als dort zu bleiben.

Saphia Azzeddine
Zorngebete
Übersetzt aus dem Französischen von Sabine Heymann
Originalausgabe: Confidences à Allah, Paris, 2008
diese Ausgabe: Wagenbach, HC, ca. 128 S., 2013

3 Kommentare zu „Saphia Azzeddine: Zorngebete

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