Hisham Matar: Die Rückkehr

Ein Mann geht durch die Straßen New Yorks und quert dabei einen Gitterrost im Bürgersteig. Darunter war ein Raum, kaum noch genug, um darin stehen zu können, und ganz sicher nicht breit genug, um sich hinzulegen. Ein tiefer, grauer Kasten im Boden. … Ich hatte keine Ahnung, wozu er diente. Ohne zu wissen, wie es geschah, fand ich mich auf den Knien wieder und spähte hinein, …. Es überkam mich unversehens. Ich weinte und konnte mich dabei hören. 


Mit dieser sehr persönlichen Erinnerung endet das erste Kapitel von Hisham Matars [1] ergreifender Erinnerung an seinen Vater Jaballa Matar [2], einer führenden Persönlichkeit des libyschen Widerstands, der 1990 an seinem Exilort Kairo vom ägyptischem Geheimdienst zusammen mit anderen Exillibyern verhaftet/entführt/mitgenommen worden war. Er wurde dann den libyschen Behörden übergeben und dort in dem berüchtigten Gefängnis Abu Salim bei Tripolis [3] eingekerkert. Von dort konnte Jaballa Matar im Laufe der Jahre drei Briefe an seine Familie herausschmuggeln. Sein Tod ist sehr wahrscheinlich, aber bis zum heutigen Tage nicht bestätigt [2]. Möglicherweise ist er schon 1996 bei dem Massaker in Abu Salim [3] eines der über 1200 Opfer gewesen, es gab/gibt niemanden, der ihn nach diesem Zeitpunkt noch gesehen oder auf andere Weise von ihm gehört hat. Appelle an die libyschen Behörden um Aufklärung blieben bislang ohne Ergebnis [2].


Eckdaten zur neueren Geschichte Libyens:

  • Libyen ist als eigenständiger Staat ein junges Gebilde. Ab ca. 1911 hatte Italien das Sagen, später wurde die Region italienische Kolonie. Von 1943 bis 1949 war sie von Frankreich und Großbritannien besetzt. Nach dem Beschluss UN, Libyen in die Unabhängigkeit zu entlassen, wurde der Staat 1951 als Königreich gegründet.
  • 1969 stürzte ein bis dahin unbekannter Hauptmann Muammar al-Gaddafi den König, vertrieb ihn ins Exil nach Kairo und übernahm die Macht.
  • Im Bürgerkrieg von 2011 wurden die regulären Regierungstruppen von den Aufständischen besiegt. Es gelang jedoch nicht, eine stabile Regierung und Verwaltung aufzubauen, so daß ….
  • … 2014 erneut ein Bürgerkrieg ausbrach. [4]

Oberst Jaballa Matar war 1969 nach dem Putsch Gadaffis für einige Monate ins Gefängnis gekommen und musste aus dem Militär ausscheiden. Er übernahm eine Stellung bei der libyschen UN-Vertretung in New York, wo 1970 auch sein Sohn Hisham geboren wurde. Ab 1973 arbeitete Jaballa Matar als Geschäftsmann, er war aus politischen Gründen aus dem Regierungsdienst ausgeschieden. 1979 schließlich emigrierte die Familie, lebte kurze Zeit in Nairobi, ließ sich dann aber in Kairo nieder. Von dort aus betrieb Jaballa Matar seine Oppositionsarbeit, bis er elf Jahre später zusammen mit anderen Oppositionellen gefangen genommen wurde. Hisham Matar war schon früh, 1985, nach London gegangen (und hat dort über neunundzwanzig Jahre hartnäckig versucht, [sich] ein Leben aufzubauen…) und studierte zur Zeit der Gefangennahme in London Architektur, er ist auch englischer Staatsbürger.

Das vorliegende Buch Die Rückkehr handelt auf verschiedenen Ebenen. Die kurze Zeitspanne zwischen den Bürgerkriegen von 2011 und 2014 ermöglichte dem Autoren, seiner Mutter und seiner Frau eine Reise nach Libyen, um dort nach den vielen Jahren der Trennung die Verwandten wieder zu sehen und nach dem Vater zu forschen. Bei diesen Begegnungen werden viele Erinnerungen wach bzw. ausgetauscht, aus denen sich sowohl ein Bild des Familienschicksal herausschält, aber auch ein Eindruck von der Geschichtes des Landes Libyen, das beispielsweise unter der italienischen Besetzung mit äußerster Brutalität regiert worden war. Außer diesen ‚externen‘ Fakten schildert der Autor sehr intensiv sein persönliches Empfinden, das nach all den Jahrzehnten den Verlust des Vater immer noch als tiefe Wunde in der Seele wahrnimmt. Es kommt deutlich heraus, daß vor allem das Unentschiedene, das Nicht-Wissen, was geschehen, daß die Frage, ob der Vater wirklich tot ist und unter welchen Bedingungen und wo er möglicherweise gestorben und begraben ist oder ob noch irgendwo lebt, vielleicht sein Gedächtnis verloren hat, eine riesige Belastung für Hisham Matar ist. Sein Wille, herauszufinden, was geschehen war, [war] zu einer Obsession geworden.. heißt es an einer Stelle des Textes.

Nach Jahrzehnten betritt Hisham Matar also wieder den Boden seines Heimatlandes, denn als solches sieht der in New York Geborene Libyen an. Seine Verwandten, es sind -zig Cousinen und Cousins, Onkel und Tanten, hat er zu letztem Mal gesehen, als sie noch Jahrzehnte jünger waren. Diese Zeit der Trennung fehlt ihm mental, er hat die Veränderungen nicht miterlebt, in seinen Cousinen und Cousins  meint er noch die Kinder zu erkennen, die sie einmal waren. Wie ein abgetrenntes Glied versuchte sich die Vergangenheit an den Körper der Gegenwart zu heften. Und an anderer Stelle: Im Auto unterwegs von Adschdabiya [dem Heimatort des Vaters] nach Bengasi und seiner Küste begriff ich, dass ich all die Jahre das Kind, das ich einmal war, in mir getragen hatte, seine Sprache und Eigenschaften …… als ob er dadurch den Anschluss, die Kontinuität hätte bewahren können. Mitunter kam es mir vor, als litte ich an einer Art Entfernungskrankheit, die, anders als die Seekrankheit, nicht nur den Grund, auf dem ich stand, unsicher mache, sondern auch Zeit und Raum.

Was immer in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten geschehen war, seit ich meinen Vater verloren habe, … die Bemühungen, meinen Vater zu finden, gingen weiter. 2009, also neunzehn Jahre nach dessen Gefangennahme, erhielten sie sogar einen starken, neuen Impuls: ein kürzlich freigelassener Häftling rief bei ihm an, er habe seinen Vater noch 2002 im ‚Schlund der Hölle‘ (Bezeichnung für ein Foltergefängnis) gesehen. Daraufhin setzt Hisham Matar alles in Bewegung, um die libysche Regierung unter Druck zu setzen. Über Bekannte bringt er sogar die englische Regierung dazu, über diplomatische Kanäle hartnäckig in Libyen nachzufragen. Er kontaktiert sogar Saif al-Islam, den verhassten Sohn Gaddafis, der ihm über Monate hinweg viel verspricht, aber nur wenig hält. Einzig zwei andere Verwandte, die schon seit Jahrzehnten einsitzen, obwohl ein Gericht mittlerweile die Entlassung angeordnet hat, kommen endlich in die Freiheit. All diese Aktionen erweisen sich dann jedoch plötzlich auf brüchigem Grund gebaut: bei einem persönlichen Treffen mit dem entlassenen Häftling, der Jaballe gesehen zu haben meint, stellt sich heraus, daß dieser sich geirrt hat.

2012 trifft Matar eine gedämpft optimistische Atmosphäre in Libyen an. Der Diktator ist gestürzt, überall ist Aufbruch zu spüren. Zeitungen und Journale werden zu Hunderten gegründet, Matar spielt sogar mit dem Gedanken, sich eventuell in Bengasi niederzulassen….


Die Rückkehr beschreibt – eingebettet in die äußeren Umstände – den Kampf und die Trauer eines Mannes. Schon als Kind musste Hisham Matar mit den Eltern ins Ausland fliehen, als Jugendlicher ist er nach England gegangen, kurzzeitig lebte er in dieser Zeitspanne auch in Paris, wo er mit Suizidgedanken zu kämpfen hatte. In England ist er nie richtig warm geworden, dieses dunkle, neblige Land konnte ihm die Heimat nicht ersetzen. Nicht zu wissen, wann mein Vater zu existieren aufhörte, hat die Grenze zwischen Leben und Tod weiter kompliziert. Matar ist, um den Buchtitel von Grossman aufzugreifen [5] sowohl aus dem Raum als auch aus der Zeit gefallen, er lebt  mental in einem Zwischenreich des Unentschiedenen, die Höchstwahrscheinlichkeit, daß sein Vater tot ist, kann ihm das Wissen darum nicht ersetzen und so auch nicht die Ruhe vermitteln, die der endgültige Abschied von einem Toten ermöglichen würde.

Es wird ihm beim Wiedersehen mit seiner Familie in Libyen schmerzlich bewusst, wie sehr er ‚abwesend‘ war, es fehlt ihm eine Zeitspanne von Jahrzehnten, die die Familie in Libyen selbst miteinander erlebt hat, sie sich hat erwachsen werden sehen, sie gesehen hat, wie die nächst Generation auf die Welt gekommen ist. All das ist ihm fremd, in seine Erinnerung hat er noch die Kinder vor sich, wo jetzt Erwachsene sind. Und den damals Erwachsenen, jahrzehntelang Eingekerkerten gegenüber herrscht bei ihm ein Schuldgefühl: Ja, ich hatte ein freies Leben gefühlt… 

In Matars Beschreibungen ist diese Qual, diese Bedrängung deutlich zu spüren, Die Rückkehr an den Ort der Kindheit ist auch eine Aufarbeitung, eine Innenschau des Autoren, die Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit, durch die er ’nur‘ mit dem Verschwinden des Vaters und seiner Abwesenheit verbunden ist. Das alles (und mehr…) schildert Matar in ruhigen, nachdenklichen Passagen, die Emotionen liegen nicht so sehr in dem wie er sagt, sondern mehr in dem was er sagt. Auch die Passagen, in denen er die Berichte Eingekerkerter wiedergibt, sind ruhig und unaufgeregt, in ihnen vermittelt er Fakten, die für sich sprechen. Hass oder Rachegefühle sind an keiner Stelle zu spüren.

Libyen, ein unbekanntes Land, dessen Name mit einigen negativen Ereignissen verbunden ist. Durch Matars Buch haben wir die Chance, es besser kennen zu lernen. Nutzen wir sie!

Links und Anmerkungen:
[1] Beitrag zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Hisham_Matar
[2] Trial international: Enforced disappearance of Jaballa Hamed Matar in 1990; in: https://trialinternational.org/latest-post/enforced-disappearance-of-jaballa-hamed-matar-in-1990/
[3] Wiki-Artikel zu diesem Kerker: https://de.wikipedia.org/wiki/Abu-Salim-Gefängnis
[4] das ist eine wirklich sehr verkürzte, vereinfachende Aufzählung, sie hilft aber, die von Matar geschilderten Geschehnisse etwas besser in den zeitlichen Rahmen, der einem normalerweise nicht präsent ist, einzuordnen. Ausführlicher ist eine Darstellung der libyschen Geschichte z.B. in der Wiki zu finden:  https://de.wikipedia.org/wiki/Libyen
[5] David Grossman: Aus der Zeit fallen (Besprechung hier im Blog)

Hisham Matar
Die Rückkehr
Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Originaltitel: The Return – Fathers, Sons and the Land in Between, 2016, UK
diese Ausgabe: Luchterhand, HC, ca. 288 S., 2017

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