Hilde Schmölzer: A schöne Leich

Hilde Schmölzer ist hier auf dem Blog schon vertreten, mit ihrem Buch zur Pest in Wien [https://radiergummi.wordpress.com/2015/11/19/hilde-schmoelzer-die-pest-in-wien/], als Autorin widmet sie sich nicht nur diesen Wiener Themen, ein anderer Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Themen zur Frauenemanzipation [http://www.hilde-schmoelzer.com]. Hier aber führt sie uns nach Wien, nach dessen dunkler Seite, die der Maler Kurt Regschek in seinem Bild „Zentrum Wien“ [http://www.oktogon.at/Kurt%20Regschek%20Werke/slides/1961%20Zentrum%20Wien.html] durch die unter der Postkartenidylle stalaktitenartig wuchernden Gänge und Katakomben darstellt. Für Schmölzer ein treffendes Bild, sowohl symbolisch als auch tatsächlich, ist Wien doch im Untergrund durchzogen von Gängen, Grüften, Kellerräumen und Katakomben. Aber der Reihe nach…

In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts fassten die Wiener Stadtväter den nicht überall willkommen geheißenen Entschluss, die örtlichen Friedhöfe aufzulösen zugunsten eines großen Zentralfriedhofs, für den damals ein riesiges Gelände, seinerzeit noch außerhalb der Stadt gelegen, angekauft und ein Frankfurter Architketenpaar mit der Planung beauftragt wurde. Eine Zäsur, die nicht ohne Streit abging (z.B. wegen der Grabfelder für die einzelnen Konfessionen und Religionen…) und die die gesamte Bestattungskultur der Stadt änderte. Allein die Entfernung… der skurril wirkende Gedanke, die Leichen mit einer Art Rohrpost zum Zentralfriedhof zu schießen, soll hier nicht verschwiegen werden – diese Idee wurde jedoch nie umgesetzt… jedenfalls fand die Einweihung des Zentralfriedhofs am 1. November 1874 statt, im Monat wurden ca. 10.000 ‚Personen‘ zum Friedhof befördert (wobei nicht ganz klar ist, ob Schmölzer mit Personen nur die Leichname meint…, aber jedenfalls fürchteten die Außenbezirke, durch die die Anfahrt führte, um ihre Existenz.)

Bestattungen boten Gelegenheiten, sozialen Status zu demonstrieren – bzw. wurden nach dem sozialen Status durchgeführt, darin liegt nach Schmölzer einer der Gründe für die Tatsache, wie ‚lieblos‘ Mozart bestattet worden ist: die Beisetzung in einem Schacht(Massen)grab entsprach seinem Stand und seinen finanziellen Verhältnissen. Je nach Geldbeutel, Stand, Prestige etc pp fielen Bestattungen jedoch auch geradezu abartig aufwändig aus, von den Bestattung des hohen Adels und des Kaiserhauses ganz zu schweigen. Schmölzer schildert dies sehr plastisch und auch recht ausführlich, solche Bestattungen waren immer auch eine Spektakel für die Bewohner, deren eigene Toten aufgrund der Kosten oft/meist nur auf sehr einfache Art und Weise unter die Erde kamen. Schnell etablierte sich eine Bestattungsbranche, die – man kann es nicht anders sagen – wie die Geier agierten: wurde ein Krankheitsfall bekannt, stationierte man Mitarbeiter in nahegelegenen Lokalen, um nach dem Tod des Erkrankten möglichst als Erster vor Ort zu sein und sein Angebot zu unterbreiten, Informanten wurden mit Prämien bedacht. Nicht selten führten Bestattungen zu argen finanziellen Problemen in den Familien. Die Stadt Wien ging gegen solche Auswüchse vor, in dem sie Unternehmen aufkaufte und ein eigenes städtisches Bestattungsinstitut ins Leben rief.

Nicht alle toten Wiener liegen auf dem Friedhof, es wird geschätzt, daß einige -zigtausend in Grüften bestattet worden sind, die sich unter Wien ausgebreitet hatten. Die ältesten dürften die Augustinergruft und die Franziskanergruft sein, die beide schon auf das 14. Jahrhundert zurückgehen, die größte und traditionsreichste dürfte die unter dem Stephansdom sein. Sind heutzutage manche dieser Grüfte zu besichtigen (bis hin zu speziellen Muttertags-Führungen, wie sie hier aktuell beworben werden: http://kapuzinergruft.com/site/de/home/sonderfuehrungen/article/259.html), wurde der Betrieb der Grüfte 1784 durch Kaiser Joseph II verboten: die aus den Grüften austretenden Dünste waren unterträglich geworden, im Stephansdom z.B. wurden die Messen durch den Verwesungsgeruch … nun ja. Die bestatteten Überreste der Habsburger verteilen sich sogar auf mehrere dieser Grüfte: Ähnlich wie im alten Ägypten die Eingeweide in Kanopen liegen die der Habsburger unterm Stephansdom, die Körper in der Kapuziner- und die Herzen in der Augustinergruft.

Die Zweiteilung Wiens, der Tod, der unter der bonbonfarbenen Postkartenstadt der Festlichkeiten und der Feiertagsromantik droht, hat auch im Wiener selbst seine Heimstatt gefunden. Viele ihrer berühmten Einwohner spürten ihn, den von Freud erkannten Todestrieb, aber auch bei Grillparzer, Nestroy, dem Stückeschreiber Raimund, dem Walzerkönig Johann Strauß mitsamt seinem Walzer und nicht zuletzt bei Mozart verortet Schmölzer diese dunkle Beziehung zum Tod (ach, und die Liste der Namen ist hier bei weitem nicht vollständig…). Der Wiener und sein Tod halt… der sich auch in den Liedern widerspiegelt und auch in der Kultur des Heurigen: Wann i amal stirb, stirb, stirb, müaß’n mi d’Fiaker tragn und dabei die Zither schlagn…“ Und so beschließe ich diese Vorstellung eines kurzweiligen, informationsreichen, trotz des düsteren Themas auch unterhaltsamen und ein wenig auch auf sich selbst zurückwerfenden Büchleins über ein Thema, das weit genug weg von uns ist (Wien halt…), uns aber doch selbst höchstpersönlich angeht (der Tod eben und man damit umgeht…) mit der bloßen Erwähung (ohne geht’s halt nicht) des Namen vom lieben Augustin, der die Pest besang und den schwarzen Tod und einfach dazu gehört zum dunklen Teil der Seele dieser Stadt.

Hilde Schmölzer
A schöne Leich
Der Wiener und sein Tod
diese Ausgabe: Verlag Kremayr & Scheriau, Wien, HC, ca. 160 S., 1980
(der Titel ist in neuerer Auflage im Haymon-Verlag erschienen)

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