Leïla Slimani: Dann schlaf auch du

Die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani wurde 1981 in Rabat geboren und ging mit achtzehn Jahren, 1999, nach Paris, um dort zu studieren. 2014 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, auch dieser schon (in ihrem Geburtsland) mit einem Literaturpreis ausgezeichnet, bevor sie zwei Jahre später mit Chanson douce einen großen Erfolg in Frankreich erzielte. Die deutsche Übersetzung mit dem für mich auch nach dem Lesen immer noch rätselhaften Titel Dann schlaf auch du steht diesem Erfolg nicht nach, die Kritiken überschlagen sich auch hierzulande mit Lob und Ehre für Autorin und Buch.

Dann schlaf auch du von Leila Slimani

Das Baby ist tot.

In der Tat, schon dieser erste Satz des Buches hat es in sich, läßt kaum noch einen Zweifel aufkommen, was uns wohl erwartet: eine Tragödie offensichtlich antiken Ausmasses. Die Kleine dagegen war noch am Leben … wobei die Betonung – auch dies wird sehr schnell deutlich – eindeutig auf dem ’noch‘ liegt… blutend und ohnmächtig findet man zudem das Kindermädchen auf dem Boden liegend. In den Zimmern herrscht großes Durcheinander, das kleine Mädchen, Mila, hat sich heftig gewehrt. Die Mutter, die früher nach Hause gekommen war und das Verbrechen entdeckte, steht unter Schock, alles Leid der Welt tobt in dieser dem Wahnsinn nahen Frau, deren Schrei dem eines im Tiefsten verwundeten Tieres glich.

Wie hat alles angefangen, wie konnte es zu dieser Tragödie kommen: dies zu schildern hat sich die Autorin als Aufgabe gesetzt. Ausgangspunkt ist eine Familiensituation, wie man sie heutzutage häufig findet… Das junge Ehepaar, er, Paul, Tontechniker, sie, Myriam, Juristin, bekam ein Kind und über die Wiege gebeugt, vergaß Myriam den Rest der Welt und sie stellte es so an, daß sie nach anderthalb Jahren wieder ein Kind erwartete. Die Belastung durch zwei Kinder jedoch hatte sie unterschätzt, außerdem lockte das Angebot eines ehemaligen Kommilitonen, der sie gerne als Mitarbeiterin in seine Kanzlei geholt hätte. Schweren Herzens entschließen sich Myriam und Paul also, ihre Kinder tagsüber, wenn sie auf der Arbeit sind, einem Kindermädchen, einer Nanny, einer Nounou, anzuvertrauen. Unter allen Bewerberinnen macht Louise den besten Eindruck, eine Mittvierzigerin mit ausgezeichneter Referenz. Außerdem war es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick: die Kinder schlossen diese Frau sofort in ihr Herz. Das eigene Kind von Louise, Stéphanie, war schon aus dem Haus.

Schon bald merken die Massés, daß sie eine Perle an Land gezogen haben: Louise kann nicht nur wunderbar mit den Kindern umgehen, die sie bald vergöttern, sie schafft auch Ordnung im Haus, putzt, wäscht, kocht… Sie wird eine kleine Legende in ihrer Bekanntschaft, die Massés zeigen sie herum wie ein Schmuckstück, auf das sie stolz sind. Manchmal zwar empfinden die beiden eine gewisse Übergriffigkeit, haben das Gefühl, daß es ein wenig zuviel des Guten ist, aber sie sind unsicher, sind in der Rolle des Arbeitgebers unerfahren und wollen schlussendlich auch keinen Ärger mit Louise riskieren – sie könnte ja sie ja verlassen. Man war also abhängig geworden oder – von Louises Seite aus gesehen – hatte diese es geschafft, das heimliche Kommando in der Wohnung zu übernehmen mit der für Paul und Myriam angenehmen Folge, sozusagen nur die Sonnenseiten eines Familienlebens (gemachtes Essen, geputzte Wohung, frisch gebadete, zufriedene und liebe Kinder) genießen zu können.

Spätestens mit dem gemeinsamen Urlaub auf einer griechischen Insel verschwimmt in Louises innerer Welt die Abgrenzung gegen die Familie immer mehr. Denn Louise ist – was aber niemand merkt, da am Mensch ‚Louise‘ niemand Interesse zeigt – eine grundeinsame Frau, deren bisheriges Leben im Wesentlichen dadurch gekennzeichnet ist, daß es zu erdulden war. Der ungeliebte Mann war tot, die renitente Tochter weggelaufen, sie selbst ‚wohnte‘ in einem heruntergekommenen Zimmer, in dem sie ihre Frustration und ihre Einsamkeit durch Putzen abreagiert.

Daß Louise auch andere Seite hat, kommt in kleinen, hingetupften Szenen zum Ausdruck. Ihren Mann beispielsweise, der Blut hustete, beruhigte sie damals: Es ist nichts Ernstes, obwohl ihr erster Gedanke war: Es ist Ernst. Drei Monate später starb er – und hinterließ Louise einen Haufen Schulden. Selbst den Kindern der Massés gegenüber, Mila im besonderen, gibt es Situtionen, in denen sie Gewalt anwendet, es ist eine stille, unauffällige Gewalt, ein sehr fester Griff, eine sehr feste Umarmung, die die Luft abschnürt beispielsweise…

So wie ihr eigenes Leben immer mehr zusammenbricht – sie hat kaum Bekannte, der Vermieter kündigt ihr, das Finanzamt verliert die Geduld, weil sie ihre Post nie öffnet, das Geld reicht nicht – so wird die Familie Massé immer mehr zu ihrem Anker. Der Plan, sich ein Nest in dieser Familie zu bauen, wird zur Obsession bis hin zu dem Manipulationsversuch, Paul und Myriam Zeit und Gelegenheit zu geben, ein neues Baby zu machen (sozusagen als Arbeitsplatzgarantie für sich selbst), indem sie mit den Adam und Mila ausgeht…


Der Roman Slimanis ist schmal, der Text in ca. vierzig kurze Abschnitte unterteilt, die jeweils einer Episode gewidmet sind. So wie sich bei den Pointillisten das gemalte Bild aus den einzelnen auf die Leinwand getupften Farbenflecken ergibt, fügen sich Slimanis Textabschnitte zu einem (grob skizzierten) Gesellschaftsportraits zusammen, das über das Einzelschicksal der Familie und Louises hinausgeht.

Eingebettet ist dies in die Welt der jungen Paare, die beide ihrem Beruf nachgehen und Karriere machen wollen und dies mit ihrem Privatleben irgendwie unter einen Hut bringen müssen. Auf der Strecke bleibt dabei das Häusliche: da sie nicht mehr in der Lage sind, für Ordnung zu sorgen, geschweige denn, ihre Kinder zu betreuen, brauchen sie Hilfe. So fließt ein großer Teil des Geldes, das durch den zweiten Verdienst in die Familie kommt, gleich wieder ab so wie in Slimanis Roman zu Louise, dem Kindermädchen. Diese lebt in einer völlig anderen sozialen Schicht, es ist eine Art Nebenkosmos: die Kindermädchen des Viertels begegnen sich nachmittags im Park, beim Spazierengehen, in den Geschäften, es herrscht Klatsch und Tratsch über die jeweiligen Arbeitgeber, nicht immer ist die volle Aufmerksamkeit den Kindern gewidmet. Louise trifft ihre Kolleginnen zwar auch, hält sich jedoch abseits, knüpft keine Kontakte – mit einer Ausnahme: Wafa läßt sich einfach nicht abschütteln… über Wafa sollte Louise später dann sogar einen Mann kennenlernen, aber auch diese Bekanntschaft hilft ihr nicht weiter…

Die Angestellten entstammen meist der Migrantenszene, leben und arbeiten teils legal, teils illegal. Den Massés war es wichtig, daß ihr Kindermädchen legal arbeitet, da sie andernfalls  im Notfall möglicherweise zögern würde, Polizei oder Krankenwagen zu benachrichtigen… Louise ist eine Ausnahme, sie gehört zu der ins Prekariat abgeruschten  Schicht des weißen Bürgertums an, die in den Vorstädten, den Banlieues, lebt. Hier schafft Slimani schon einen fast ironischen Gegensatz zum Üblichen, denn ihre Arbeitgeberin Myriam hat nordafrikanische Wurzeln. Die aktuelle soziale Schichtung jedenfalls bestimmt das Verhältnis, als Mensch interessiert Louise die Massés nicht, von ihren erbärmlichen Lebensverhältnis erfahren sie nichts, sie erkundigen sich nicht danach. Daß sie Louise mit in ihren Urlaub nach Griechenland nehmen (und damit evtl. selbst den Keim der späteren Katastrophe säen) ist eher einem schlechten Gewissen der Angestellten gegenüber als wirklichem menschlichem Interesse geschuldet.

Louise andererseits ist unfähig, ihr eigenes Leben in die Hand zu bekommen. Die vom Mann hinterlassenen Schulden erdrücken sie, ihre versuchte Flucht vor dem Finanzamt via Umzug und Adressenänderung wirkt fast schon rührend naiv. Die einzige Struktur, die ihr hilft, ist die Aufrechterhaltung äußerer Ordnung mit Sauberkeit und Ordentlichkeit. Bei den Massés hat sie schnell gemerkt, welche heimliche Macht ihr zukommt, die Unsicherheit von Paul und Myriam als Arbeitgeber kommt ihr da sehr gelegen. Nur ist Kindermädchen ein Job mit Verfallsdatum, ihr irrwitziger Plan, ihre Arbeitsstelle (und damit ihr eigenes ‚Nest‘) zu sichern, zeigt, wie kurzfristig und naiv sie denkt und wie falsch sie ihre Situation einschätzt.

In Rückblicken erzählt Slimani das trostlose Schicksal ihrer Protagonistin. Die ärmliche Kindheit, die Ehe mit den ungeliebten Mann, die Tochter, mit der sie nicht fertig wird; einmal war sie wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung, daß sie sich ihren Kolleginnen gegenüber nicht öffnet, mag damit zu tun haben. Immer wieder auch sind Szenen eingeflochten, die Louises als Kindermädchen bei früheren Anstellungen beschreiben, der Unterschied, zwischen ihrer Fähigkeit, mit fremden Kindern umzugehen und bei der eigenen Tochter zu ‚versagen‘, ist frappant. Immer wieder aber auch ganz kurze Blicke darauf, daß unter der Oberfläche Louises ein hohen aggressives Potential lauert.


Dann schlaf auch du erzählt diese zweifache Geschichte in distanziertem Ton, wirkt fast wie eine um Objektivität und Neutralität bemühte Reportage, die Sprache des Romans stellt keine besonderen Ansprüche. An keiner Stelle urteilt Slimani, schon gar nicht verurteilt sie, da der erste Satz des Romans dessen Ende vorwegnimmt, erlebt man als Leser das intensive Gefühl, wie hier ein Leben direkt auf einen Abgrund zuläuft, an der es zerschellen wird. Sie zeigt konsequent und unerbittlich auf, wie sich die miteinander verbundenen Schicksale auf Kollisionskurs bewegen, schildert Schlüsselstellen aus Louises Leben, stellt auch dar, wie die Unentschiedenheit Paul und Myriams, die einerseits Arbeitgeber sind, andererseits aber auch willkürlich hin und wieder eine Nähe schaffen, die Lousie verwirrt, Voraussetzungen zu dieser Katastrophe schaffen, wie aus Liebe zu den Kindern Hass wird. So wissen wir zwar am Ende des Buches, was und wie alles passiert ist, aber ähnlich der ermittelnden Kommissarin im letzten Abschnitt des Textes, bleiben wir doch rat- und fassungslos.

Leïla Slimani ist mit ihrem Roman ein Text gelungen, der nachwirkt.

Links und Anmerkungen: 

[1] zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Leïla_Slimani
[2] die Geschichte der Namensgeberin für Louise: https://en.wikipedia.org/wiki/Louise_Woodward_case

 

Leïla Slimani
Dann schlaf auch du
Übersetzt aus dem Französischen von Amelie Thoma 
Originalausgabe: Chanson douce, Paris, 2016
diese Ausgabe: Luchterhand, HC, ca. 220 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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2 Kommentare zu „Leïla Slimani: Dann schlaf auch du

  1. Hättest Du das Buch bis zu Ende gelesen, wenn nicht am Anfang schon klar gewesen wäre, dass die Kinder sterben werden? Mich hätte die nüchterne Beschreibung der jungen Familie mit Doppelbelastung, Arbeit und Kinder, Anstellung einer Nanny, nicht lange fesseln können. Da wir aber wussten, wie es enden wird, wollten wir alles genau wissen. Ein guter Trick der Autorin.
    Was mich über den Fall hinaus beschäftigt, ist die Realität, in der unsere jungen Familien gesellschaftlich geradezu gezwungen sind, ihre Kinder schon in kleinstem Babyalter in Kitas oder zu Tagesmüttern zu geben.

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    1. liebe erika, herzlichen dank für deinen kommentar. nun, man kennt dieses prinzip ja aus den krimi-genre, es geht nicht darum, wer ein verbrechen begangen hat (whodunit), auch nicht darum, den/die täter/in zu fassen (howcatchem), sondern – fast schon soziologisch ausgerichtet – zu schildern, welche psychische situation vorlag, daß jemand (in diesem fall die nanny,) so ein fürchterliches verbrechen verübte. damit wird ein wenig die starre verteilung der opfer/täter-rollen aufgeweicht: man entwickelt vllt keine sympathie für die täterin, aber man kann möglicherweise die psychische zwangslage, in der sie stand, erkennen – ohne damit das verbrechen jedoch zu rechtfertigen oder gar zu entschuldigen. umgekehrt – du hast dies ja angedeutet – wird man auch auf die gesamtgesellschaftliche situation aufmerksam, die solche konstellationen überhaupt erst notwendig macht. und das hat slimani in ihrem roman gut umgesetzt.
      herzliche grüße

      p.s.: deine eingangsfrage kann ich nicht beantworten, ich weiß es nicht…

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