Leïla Slimani: Dann schlaf auch du

Die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani wurde 1981 in Rabat geboren und ging mit achtzehn Jahren, 1999, nach Paris, um dort zu studieren. 2014 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, auch dieser schon (in ihrem Geburtsland) mit einem Literaturpreis ausgezeichnet, bevor sie zwei Jahre später mit Chanson douce einen großen Erfolg in Frankreich erzielte. Die deutsche Übersetzung mit dem für mich auch nach dem Lesen immer noch rätselhaften Titel Dann schlaf auch du steht diesem Erfolg nicht nach, die Kritiken überschlagen sich auch hierzulande mit Lob und Ehre für Autorin und Buch.

Dann schlaf auch du von Leila Slimani

Das Baby ist tot.

In der Tat, schon dieser erste Satz des Buches hat es in sich, läßt kaum noch einen Zweifel aufkommen, was uns wohl erwartet: eine Tragödie offensichtlich antiken Ausmasses. Die Kleine dagegen war noch am Leben … wobei die Betonung – auch dies wird sehr schnell deutlich – eindeutig auf dem ’noch‘ liegt… blutend und ohnmächtig findet man zudem das Kindermädchen auf dem Boden liegend. In den Zimmern herrscht großes Durcheinander, das kleine Mädchen, Mila, hat sich heftig gewehrt. Die Mutter, die früher nach Hause gekommen war und das Verbrechen entdeckte, steht unter Schock, alles Leid der Welt tobt in dieser dem Wahnsinn nahen Frau, deren Schrei dem eines im Tiefsten verwundeten Tieres glich.

Wie hat alles angefangen, wie konnte es zu dieser Tragödie kommen: dies zu schildern hat sich die Autorin als Aufgabe gesetzt. Ausgangspunkt ist eine Familiensituation, wie man sie heutzutage häufig findet… Das junge Ehepaar, er, Paul, Tontechniker, sie, Myriam, Juristin, bekam ein Kind und über die Wiege gebeugt, vergaß Myriam den Rest der Welt und sie stellte es so an, daß sie nach anderthalb Jahren wieder ein Kind erwartete. Die Belastung durch zwei Kinder jedoch hatte sie unterschätzt, außerdem lockte das Angebot eines ehemaligen Kommilitonen, der sie gerne als Mitarbeiterin in seine Kanzlei geholt hätte. Schweren Herzens entschließen sich Myriam und Paul also, ihre Kinder tagsüber, wenn sie auf der Arbeit sind, einem Kindermädchen, einer Nanny, einer Nounou, anzuvertrauen. Unter allen Bewerberinnen macht Louise den besten Eindruck, eine Mittvierzigerin mit ausgezeichneter Referenz. Außerdem war es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick: die Kinder schlossen diese Frau sofort in ihr Herz. Das eigene Kind von Louise, Stéphanie, war schon aus dem Haus.

Schon bald merken die Massés, daß sie eine Perle an Land gezogen haben: Louise kann nicht nur wunderbar mit den Kindern umgehen, die sie bald vergöttern, sie schafft auch Ordnung im Haus, putzt, wäscht, kocht… Sie wird eine kleine Legende in ihrer Bekanntschaft, die Massés zeigen sie herum wie ein Schmuckstück, auf das sie stolz sind. Manchmal zwar empfinden die beiden eine gewisse Übergriffigkeit, haben das Gefühl, daß es ein wenig zuviel des Guten ist, aber sie sind unsicher, sind in der Rolle des Arbeitgebers unerfahren und wollen schlussendlich auch keinen Ärger mit Louise riskieren – sie könnte ja sie ja verlassen. Man war also abhängig geworden oder – von Louises Seite aus gesehen – hatte diese es geschafft, das heimliche Kommando in der Wohnung zu übernehmen mit der für Paul und Myriam angenehmen Folge, sozusagen nur die Sonnenseiten eines Familienlebens (gemachtes Essen, geputzte Wohung, frisch gebadete, zufriedene und liebe Kinder) genießen zu können.

Spätestens mit dem gemeinsamen Urlaub auf einer griechischen Insel verschwimmt in Louises innerer Welt die Abgrenzung gegen die Familie immer mehr. Denn Louise ist – was aber niemand merkt, da am Mensch ‚Louise‘ niemand Interesse zeigt – eine grundeinsame Frau, deren bisheriges Leben im Wesentlichen dadurch gekennzeichnet ist, daß es zu erdulden war. Der ungeliebte Mann war tot, die renitente Tochter weggelaufen, sie selbst ‚wohnte‘ in einem heruntergekommenen Zimmer, in dem sie ihre Frustration und ihre Einsamkeit durch Putzen abreagiert.

Daß Louise auch andere Seite hat, kommt in kleinen, hingetupften Szenen zum Ausdruck. Ihren Mann beispielsweise, der Blut hustete, beruhigte sie damals: Es ist nichts Ernstes, obwohl ihr erster Gedanke war: Es ist Ernst. Drei Monate später starb er – und hinterließ Louise einen Haufen Schulden. Selbst den Kindern der Massés gegenüber, Mila im besonderen, gibt es Situtionen, in denen sie Gewalt anwendet, es ist eine stille, unauffällige Gewalt, ein sehr fester Griff, eine sehr feste Umarmung, die die Luft abschnürt beispielsweise…

So wie ihr eigenes Leben immer mehr zusammenbricht – sie hat kaum Bekannte, der Vermieter kündigt ihr, das Finanzamt verliert die Geduld, weil sie ihre Post nie öffnet, das Geld reicht nicht – so wird die Familie Massé immer mehr zu ihrem Anker. Der Plan, sich ein Nest in dieser Familie zu bauen, wird zur Obsession bis hin zu dem Manipulationsversuch, Paul und Myriam Zeit und Gelegenheit zu geben, ein neues Baby zu machen (sozusagen als Arbeitsplatzgarantie für sich selbst), indem sie mit den Adam und Mila ausgeht…


Der Roman Slimanis ist schmal, der Text in ca. vierzig kurze Abschnitte unterteilt, die jeweils einer Episode gewidmet sind. So wie sich bei den Pointillisten das gemalte Bild aus den einzelnen auf die Leinwand getupften Farbenflecken ergibt, fügen sich Slimanis Textabschnitte zu einem (grob skizzierten) Gesellschaftsportraits zusammen, das über das Einzelschicksal der Familie und Louises hinausgeht.

Eingebettet ist dies in die Welt der jungen Paare, die beide ihrem Beruf nachgehen und Karriere machen wollen und dies mit ihrem Privatleben irgendwie unter einen Hut bringen müssen. Auf der Strecke bleibt dabei das Häusliche: da sie nicht mehr in der Lage sind, für Ordnung zu sorgen, geschweige denn, ihre Kinder zu betreuen, brauchen sie Hilfe. So fließt ein großer Teil des Geldes, das durch den zweiten Verdienst in die Familie kommt, gleich wieder ab so wie in Slimanis Roman zu Louise, dem Kindermädchen. Diese lebt in einer völlig anderen sozialen Schicht, es ist eine Art Nebenkosmos: die Kindermädchen des Viertels begegnen sich nachmittags im Park, beim Spazierengehen, in den Geschäften, es herrscht Klatsch und Tratsch über die jeweiligen Arbeitgeber, nicht immer ist die volle Aufmerksamkeit den Kindern gewidmet. Louise trifft ihre Kolleginnen zwar auch, hält sich jedoch abseits, knüpft keine Kontakte – mit einer Ausnahme: Wafa läßt sich einfach nicht abschütteln… über Wafa sollte Louise später dann sogar einen Mann kennenlernen, aber auch diese Bekanntschaft hilft ihr nicht weiter…

Die Angestellten entstammen meist der Migrantenszene, leben und arbeiten teils legal, teils illegal. Den Massés war es wichtig, daß ihr Kindermädchen legal arbeitet, da sie andernfalls  im Notfall möglicherweise zögern würde, Polizei oder Krankenwagen zu benachrichtigen… Louise ist eine Ausnahme, sie gehört zu der ins Prekariat abgeruschten  Schicht des weißen Bürgertums an, die in den Vorstädten, den Banlieues, lebt. Hier schafft Slimani schon einen fast ironischen Gegensatz zum Üblichen, denn ihre Arbeitgeberin Myriam hat nordafrikanische Wurzeln. Die aktuelle soziale Schichtung jedenfalls bestimmt das Verhältnis, als Mensch interessiert Louise die Massés nicht, von ihren erbärmlichen Lebensverhältnis erfahren sie nichts, sie erkundigen sich nicht danach. Daß sie Louise mit in ihren Urlaub nach Griechenland nehmen (und damit evtl. selbst den Keim der späteren Katastrophe säen) ist eher einem schlechten Gewissen der Angestellten gegenüber als wirklichem menschlichem Interesse geschuldet.

Louise andererseits ist unfähig, ihr eigenes Leben in die Hand zu bekommen. Die vom Mann hinterlassenen Schulden erdrücken sie, ihre versuchte Flucht vor dem Finanzamt via Umzug und Adressenänderung wirkt fast schon rührend naiv. Die einzige Struktur, die ihr hilft, ist die Aufrechterhaltung äußerer Ordnung mit Sauberkeit und Ordentlichkeit. Bei den Massés hat sie schnell gemerkt, welche heimliche Macht ihr zukommt, die Unsicherheit von Paul und Myriam als Arbeitgeber kommt ihr da sehr gelegen. Nur ist Kindermädchen ein Job mit Verfallsdatum, ihr irrwitziger Plan, ihre Arbeitsstelle (und damit ihr eigenes ‚Nest‘) zu sichern, zeigt, wie kurzfristig und naiv sie denkt und wie falsch sie ihre Situation einschätzt.

In Rückblicken erzählt Slimani das trostlose Schicksal ihrer Protagonistin. Die ärmliche Kindheit, die Ehe mit den ungeliebten Mann, die Tochter, mit der sie nicht fertig wird; einmal war sie wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung, daß sie sich ihren Kolleginnen gegenüber nicht öffnet, mag damit zu tun haben. Immer wieder auch sind Szenen eingeflochten, die Louises als Kindermädchen bei früheren Anstellungen beschreiben, der Unterschied, zwischen ihrer Fähigkeit, mit fremden Kindern umzugehen und bei der eigenen Tochter zu ‚versagen‘, ist frappant. Immer wieder aber auch ganz kurze Blicke darauf, daß unter der Oberfläche Louises ein hohen aggressives Potential lauert.


Dann schlaf auch du erzählt diese zweifache Geschichte in distanziertem Ton, wirkt fast wie eine um Objektivität und Neutralität bemühte Reportage, die Sprache des Romans stellt keine besonderen Ansprüche. An keiner Stelle urteilt Slimani, schon gar nicht verurteilt sie, da der erste Satz des Romans dessen Ende vorwegnimmt, erlebt man als Leser das intensive Gefühl, wie hier ein Leben direkt auf einen Abgrund zuläuft, an der es zerschellen wird. Sie zeigt konsequent und unerbittlich auf, wie sich die miteinander verbundenen Schicksale auf Kollisionskurs bewegen, schildert Schlüsselstellen aus Louises Leben, stellt auch dar, wie die Unentschiedenheit Paul und Myriams, die einerseits Arbeitgeber sind, andererseits aber auch willkürlich hin und wieder eine Nähe schaffen, die Lousie verwirrt, Voraussetzungen zu dieser Katastrophe schaffen, wie aus Liebe zu den Kindern Hass wird. So wissen wir zwar am Ende des Buches, was und wie alles passiert ist, aber ähnlich der ermittelnden Kommissarin im letzten Abschnitt des Textes, bleiben wir doch rat- und fassungslos.

Leïla Slimani ist mit ihrem Roman ein Text gelungen, der nachwirkt.

Links und Anmerkungen: 

[1] zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Leïla_Slimani
[2] die Geschichte der Namensgeberin für Louise: https://en.wikipedia.org/wiki/Louise_Woodward_case

 

Leïla Slimani
Dann schlaf auch du
Übersetzt aus dem Französischen von Amelie Thoma 
Originalausgabe: Chanson douce, Paris, 2016
diese Ausgabe: Luchterhand, HC, ca. 220 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Lasha Bugadze: LUCRECIA515

So, jetzt sitz ich ein wenig ratlos vor der Tastatur, habe ich mir zu dem vorliegenden Roman des Georgiers Lasha Bugadze doch praktisch keinerlei Notizen gemacht, geschweige denn Zitatstellen herausgeschrieben. Das ist nicht notwendigerweise ein schlechtes Zeichen, deutet es doch daraufhin, daß ich den Roman in einem Rutsch durchgelesen habe. Nur jetzt, beim Schreiben, wird es etwas schwieriger. Fang ich also ganz konventionell an, mit dem Autoren und dem Inhalt.


Lasha Bugadze (ლაშა ბუღაძე, ist das nicht eine wunderschöne Schrift?) ist ein junger, 1977 geborener georgischer Theaterautor, Schriftsteller und Cartoonist [1]. Er zählt jedoch – nach Klappentext – schon zu den wichtigsten Autoren Georgiens, der durch Übersetzungen auch international bekannt ist. An der Übersetzung von LUCRETIA515 ins Deutsche hat die ebenfalls bekannte georgische Schriftstellerin Nino Haratschiwili mitgewirkt.

Georgien, um das noch einmal in Erinnerung zu rufen, ist ein kleiner Staat auf der Nordseite des Kaukasus, der an den östlichen Zipfel des Schwarzen Meeres reicht, eine politsch nicht einfache Region. Aber keine Angst, um Politik geht es in diesem Roman nicht. Im Gegenteil, in LUCRECIA515 ist das Thema der brodelnde Hormonhaushalt der lächerlich-tragischen Heldenfigur von Sandro, dem mittdreißigjährigen Saucenkönig. Der zwar seit einigen Jahren mit Keti verheiratet ist und auch Vater ist eines Jungen, der aber diese Ehe (bzw. die Einrichtung der Ehe im Allgemeinen) nur als notwendigen Kompromiss mit gesellschaftlichen Konventionen betrachtet, der ihn keineswegs hindert, einer Motte gleich, die auf jedes Licht zusteuert, jede Frau (mit Betonung auf ‚jede‘) mit der eindeutigen Absicht – wie es zu späterer Stelle im Roman ausgedrückt wird – seinen Pimmel in sie hinein zu stecken, zum Tee einzuladen. Mit irgendwas musste man ja anfangen. Und fast jede nahm die Einladung an, denn es war unmöglich, Sandro nicht zu vertrauen. Seine Kleidung, sein Teint, seine etwas überlangen Koteletten, die rosig-gesunden Wangen – all das schloss ein Nein in jeder Hinsicht aus.

Auch Ana wurde mit ihm bekannt, jedoch war hier etwas anders als sonst. Denn Ana war als Fernsehmoderatorin selbstbewusst und taff, eine gescheiterte Ehe mit einer männlichen Niete hat sie davon überzeugt, daß Liebe nicht unbedingt sein muss, Sex allein auch schon ausreicht. Was für Sandro eine etwas ungewohnte Situation darstellte, denn im Normalfall war (i) er es, der die Regeln aufstellte und (ii) dachte Ana nicht im Traum wie die anderen an ein zukünftiges, gemeinsames Leben mit Sandro. Widerstände reizen und so fixiert sich Sandro immer stärker (sieht man mal von einer skype-gestützten gemeinsamen Masturbationsbeziehung zu einer in der Ferne weilenden Bekanntschaft ab) auf Ana.

Sandro hatte im Lauf der Jahre eine gewisse Routine entwickelt, seine ganzen außerehelichen Verhältnisse (es waren hin und wieder durchaus mehrere zur gleichen Zeit) mit Beruf und Ehe zu einem Konglomerat zu verknüpfen, das aus Lügen, Vertuschungen und Heimlichkeiten im Stundentakt bestand. Dieses Lügengebäude hielt, auch weil die beteiligten Frauen, vor allem also Keti, willfährig ihre Augen schlossen.

Interessant und turbulent wird die Geschichte in dem Augenblick, als bei Keti durch die Ana-Affäre eine Grenze überschritten wird und sie sich wildentschlossen das Passwort zu Sandros Accounts besorgt. Es dauert nicht lange, und Sandro gerät zwischen zwei Mühlsteine, die ihn langsam, aber sicher zermalmen. Denn zum einen fängt Keti an, unter Sandros Account als Sandro mit Ana zu chatten, zum anderen verrät Sandro Ana sozusagen als Vertrauensbeweis ebenfalls sein Passwort, so daß beide Frauen jetzt direkt miteinander kommunizieren können und sie sich bald darauf gegenseitig die immer verzweifelter werdenden Nachrichten von Sandro weiterleiten… fast bekommt man Mitleid mit Sandro, dessen Lügengeschichten mit immer kürzere Beine durch die bzw. seine Welt geistern.


Die Frage, die sich mir gestellt hat, ist die nach der Aussage, die Bugadze in diesen Roman eingebunden hat. Mit seinen vierzig Jahren ist er ja in dem Alter Sandros, sollte also die Charakteristika dieser Alterskohorte kennen. Es ist ja nicht nur die geradezu animalische Sucht nach Sex, die Sandro auszeichnet, und damit verbunden die nahezu biblische Einstellung, sich die Frau untertan zu machen und sie nur noch hinsichtlich ihrer Betteignung einzustufen. Eine Neigung zum Alkohol ist ebenfalls vorhanden und wenn sich Sandro für seine Fernbeziehung vor der Cam positioniert, muss er den sichtbaren Bauchansatz verstecken, damit das temporär Wesentliche überhaupt ins Bild kommt. Die Frauen dagegen haben sich erst einmal ebenfalls in ihre Rolle ergeben, daß Sandro ja genug Opfer, die sich von ihm beschlafen lassen, findet, spricht jedenfalls dafür . Und Keti macht lieber die Augen zu und redet sich ein, Sandro würde sie nie verlassen. Was durchaus möglich ist, denn der äußere Schein sollte ja gewahrt bleiben.

So zeigt sich in Sandro (die anderen Männerfiguren des Romans spielen keine große Rolle) überspitzt ein archaisches Männerbild des Jägers und Sammlers, der seinen Samen weiträumig verbreiten muss und in Keti die duldsame Frau, die brav am Herd wartet und auf die Brosamen hofft, die noch für sie abtropfen könnten.

Ana ist der Störfaktor dieses eingespielten Arrangements. Sie ist selbstbewusst, denn sie hat mit ihrer gescheiterten Ehe eine Erfahrung gemacht, aus der sie ihre Lehren gezogen hat. Zum unverbindlichen Sex ist sie bereit, sie findet diesen Sandro auch durchaus attraktiv, analysiert aber aufkeimende Gefühle sorgfältig und ist dadurch vor weiteren Verwicklungen geschützt – auch wenn sie in ihren Handlungen (Vertreibung von Sandro aus ihrem Paradies) inkonsequent ist. Wie übrigens in viel größerem Ausmaß Sandros Frau Keti ebenfalls, die ihre Koffer immer wieder ein- und dann auch wieder auspackt.

Letztlich aber besinnen sich beide Frauen ihres eigenen Wertes und es entsteht so etwas wie eine Komplizenschaft zwischen den beiden Frauen, gegen die Sandro mit seine beschränkten Mitteln von Lüge und Heimlichkeit keine Chance mehr hat. Gut so.


Das alles und noch einiges mehr hat Bugadze sehr lesefreudig, flott und unterhaltsam, mit viel Situationskomik und Ironie in Sprache gebracht. Er bedient sich dabei verschiedener Mittel. Der Großteil des Romans wird von einem ungenannten Erzähler erzählt, dazwischen sind immer wieder Einschübe, in denen Sandro seine Überlegungen und Gedanken ausbreitet. Die Kommunikation zwischen Ana und Keti ist teilweise wie ein Brief- bzw. Mailroman aufgebaut und als letztes – man soll ja immer was dazu lernen – gibt es in der Art eines Ratgebers hin und wieder Aufzählungen, was und wie man in entsprechenden Situationen, die gerade in der Handlung aufgetaucht sind, vorzugsweise zu agieren hat, um sein Ziel zu erreichen.

In der Summe ist LUCRECIA515 als Roman so bunt wie das Bild auf dem Schutzumschlag. Und obwohl im ganzen Roman im Grunde keine sympathische Figur findet, hat die Handlung so viel Tempo, ist so abwechslungsreich, daß man das Buch nicht aus der Hand legen will.

P.S.: jetzt hätte ich es fast vergessen, ein Punkt sollte noch nachgereicht werden, ein Hinweis nämlich auf die Art der Sexszenen, die diese erotische Gesellschaftssatire natürlich auch aufweist. Kurz und knapp: … sie haben die Erotik einer Darmspiegelung [3]. Mehr braucht man dazu allerdings auch nicht zu sagen, sie fügen sich damit völlig harmonisch in das Lebensbild des traurigen Harlekins Sandro ein.

Links und Anmerkungen:

[1] das sagt die Wiki zum Autoren https://de.wikipedia.org/wiki/Lascha_Bugadse oder auch so: https://ka.wikipedia.org/wiki/ლაშა_ბუღაძე
[2] zu Georgien die Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Georgien
[3] liebe Renie, habe danke für diese Formulierung! in: https://whatchareadin.de/community/threads/rezension-5-5-zu-lucrecia515-von-lasha-bugadze.12776/

Lasha Bugadze
LUCRECIA515
Übersetzt aus dem Georgischen von Nino Haratischwili und Martin Büttner
Originalausgabe: LUCRECIA515, Tiflis, 2013 
diese Ausgabe: FVA, HC, ca. 312 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Evelyn Waugh: Wiedersehen mit Brideshead

Des 1966 verstorbenen englischen Autoren Evelyn Waughs [1] bekanntester Roman Wiedersehen mit Brideshead, der vor wenigen Jahren in einer gelobten Neuübersetzung bei Diogenes wieder erschienen ist, stand seit Jahren ungelesen bei mir in einer/der alten Übersetzung von Franz Fein im Regal. Mit zunehmendem Lesealter jedoch gewinnen diese englischen Gesellschaftsromane für mich immer mehr Reiz, ich habe weiter unten aufgelistet [3], welche ich davon – und alle mit Begeisterung – bis jetzt gelesen und hier vorgestellt habe. Jetzt also Brideshead, mir noch im Gedächtnis als (damals, Anfang der 80er Jahre) unvorstellbar dröge Fernsehserie [2], die ich mir konsequenterweise auch nicht angetan hatte. Vielleicht lag es die ganzen Jahre an dem dieser Serie entnommenen Umschlagbild der einfachen Taschenbuchausgabe, die ich mein eigen nenne:  es zeigt u.a. Jeremy Irons in der Figur des Erzählers Charles Ryder, dessen, den Niedergang einer aristokratischen Familie nachzeichnenden Erinnerungen der Roman wiedergibt.


Es ist eine Szene gleich vom Beginn des Buches. Verliebt betrachtet Charles Ryder den mit geschlossenen Augen an seinem Wein kostenden Sebastian Flyte. Beide sind neunzehn Jahre alt, in ihrem ersten Jahr als Studenten in Oxford, zum ersten Mal aus der Obhut der Familien in die eigene Verantwortlichkeit entlassen – und diese Freiheit ausnutzend. Sie genießen ihr Studentenleben, und dieser Genuss ist nicht der Zuwachs an Wissen….. Geld spielt bei beiden keine große Rolle, obwohl der Sproß des alten Adels der Marchmains, Sebastian, noch bedeutend besser gestellt ist als Charles… Es ist eine Sommerpartie, die die beiden mit einem Auto unternommen haben, sie liegen unter einem Baum, genießen sich und den Wein und das Essen, die Sonne, die laue Luft, das Leben, das vor ihnen liegt und so viele Möglichkeiten offenhält….

Wiedersehen mit Brideshead schildert die Geschichte der auf Brideshead residierenden Marchmains in den Jahren von 1923 bis 1939. Die Marchmains, das sind die Kinder ‚Bridey‘, Sebastian, Julia und Cordelia sowie die getrennt lebenden Eltern: die ihren Glauben lebende Mama Teresa und Edward Marchmain, der damals, 1918, nach dem Ende des Krieges, nicht mehr nach England zurück gegangen ist, sondern in Italien blieb, wo er mit Cara in Venedig lebt. Unnötig zu sagen, daß sein katholischer Impetus bei Null liegt.

Sebastian und Charles haben sich in Oxford kennen- und lieben gelernt, obwohl die homoerotische Komponente von Waugh nie ausgeschmückt wird und sich nur in Andeutungen wiederspiegelt. Obwohl Sebastian es am liebsten ganz vermieden hätte, lernt Charles die Familie der Marchmains kennen und wird als Freund von Sebastian, aber auch als eigene Persönlichkeit dort geschätzt. Das Verhältnis von Sebastian zur Familie ist gestört, ist neigt eher zu einer Art Nicht-Verhältnis. Es ist vor allem die subtile Art der Mutter, von der er sich unter Druck gesetzt fühlt, der Mutter, die mit ihrem Katholizismus – und sie versteht es prächtig, Gespräche mit ihr in diesem Sinne zu lenken – wie ein Bollwerk steht. Daß Charles sich als Agnostiker versteht, tut der gegenseitigen Sympathie keinen Abbruch, aber je mehr sich diese Sympathie zeigt, desto mehr fürchtet Sebastian, Charles an seine Mutter zu verlieren.

Die Geschichte, die Waugh erzählt, ist eine Rahmenhandlung eingebunden. 1944 liegt die Einheit des Hauptmanns Ryder in einem Bereitstellungsraum, von dem aus sie in einen anderen wechseln muss. Dort wird die Brigade in einem riesigen alten Herrenhaus untergebracht, das Ryder als das Haus wieder erkennt, das er so gut kennt und in dem er einmal heimisch geworden war, bevor sein Lebenstraum dann innerhalb kürzester Zeit zusammengebrochen war. Dieses Wiedersehen weckt die Erinnerungen an damals, sie brechen auf in ihm und werden lebendig, die Freunde von damals, seine große Liebe von damals, all das erscheint wieder in seinem Gedächtnis, in dem das Geschehen wie ein Film abläuft….

… ein Film, der wie schon gesagt, 1923 einsetzt mit der ersten Zeit als Student in Oxford, die dem Genuss gewidmet ist, dem Trinken vor allem. Aber schon hier zeigt sich, daß Charles und Sebastian auf getrennten Wegen wandeln. Cara sollte es später, als die beiden den alten Marchmain und seine Geliebte in Venedig besuchen, ausformulieren: Charles trinkt, weil es schön ist, hilft, den Augenblick zu genießen, Sebastian trinkt, um dem Augenblick zu entfliehen…

Ist das erste Semester der ungebundenen Lebensfreude gewidmet, schleicht sich ins zweite Semester Melancholie und Traurigkeit, ins dritte gar Finsternis. Während Charles ernstlich anfängt, zu studieren, ergibt sich Sebastian immer mehr dem Alkohol, seine Eskapaden führen letztlich dazu, daß er nur noch unter Aufsicht in Oxford bleiben darf, eine Bedingung, die er nicht akzeptieren kann.

Charles seinerseits fällt in Brideshead in Ungnade: er hat Sebastian mit Geld ausgeholfen, das dieser in Alkohol umgesetzt hat…. beide verlassen Brideshead: Sebastian flieht der Kontrolle durch die Familie und landet letztlich in Marokko, Charles verläßt Brideshead für immer, so wie er glaubt, gibt auch das Studium auf und geht nach Paris, um Maler zu werden.

1926 herrscht in England ein Generalstreik, in Paris gewinnt man aufgrund der Zeitungsberichte das Gefühl, eine Revolution fände statt. Mit Gesinnungsgenossen kehrt Charles aus Patriotismus nach England zurück, das jedoch keineswegs im Chaos versunken ist. Bei den Marchmains steht ein Trauerfall an: die Mutter liegt im Sterben und die Familie, die von seiner Rückkehr nach England erfahren hat, bittet Charles, Sebastian zu finden. Den er dann in Marokko auftreibt, jedoch nicht nach England schaffen kann. Mit dem Tod der Mutter und ihrem Requiem wird die Hauskapelle der Marchmains geschlossen….

Ein Zeitsprung von vielen Jahren…. Charles ist mittlerweile ein renommierter Maler geworden, er ist mit Celia verheiratet, die er in seinen Erinnerungen nur als ‚meine Frau‘ bezeichnet, nie mit Namen nennt. Zwei Jahre ist seiner Familie und vor der englischen Gesellschaft nach Südamerika ausgewichen, kehrt jetzt mit Skizzen und Entwürfen von dort zurück, erinnert sich kaum noch daran, daß seine Frau bei seiner Abfahrt erneut schwanger war – ihre Briefe hat er nur unregelmäßig erhalten, ob er sie überhaupt gelesen hat, ist ungewiss.

Auf der Rückreise über den Atlantik findet Charles Julia, ebenso verheiratet wie er, als Passagier an Bord eingeloggt. Die auf dem Schiff Versammelten vergnügen sich zusammen, geben Gesellschaften, die Charles anöden und vertreiben sich die Zeit. Was ansonsten in der Literatur häufig die Flut symbolisiert, dafür steht hier der auftretende Sturm, der das Schiff durchschüttelt, Celia praktischerweise zwei Tage seekrank ans Bett fesselt und der derart die Leidenschaft und die Liebe zwischen den von der Seekrankheit verschonten Julia und Charles ausbrechen läßt.

Beide lassen sich scheiden, wollen einander heiraten. Daß es letztlich nicht dazu kommt, woran liegt das…. letztlich läßt es sich wohl an der völlig unerwarteten Rückkehr des alten, mittlerweile siechen Lords auf seinen Sitz zurückführen, der das zwischen den Kindern ausgeklüngelte Arrangements wer wo wohnen und leben soll (auch der hölzerne Bridey wandelt zu dieser Zeit auf Freiersfüßen) durcheinander wirbelt… und am Horizont wütet auf dem Kontinent dieser kleine Mann mit seinen wahnsinnigen Ideen, die – so erkennt man mittlerweile – auf einen Notfall, vulgo: Krieg, hinauslaufen werden…..


Wiedersehen mit Brideshead ist ein Gesellschaftsbild mit einer katholisch gebliebenen Adelsfamilie in England, eine der wenigen. Das ist ein Problem für die Familie, besonders für die jungen Frauen, die eine standesgemäße Ehe eingehen wollen: die Auswahl möglicher Partner ist klein und die Frauen können nicht einfach nur warten, bis sie erwählt werden, sondern müssen selbst auf die Jagd gehen. An Julia, deren erste Ehe mit Rex Mottram (der seinerseits auf einen gesellschaftlichen Aufstieg spekuliert) auf diese Art zustande kommt, zeigt Waugh dies. Am Ende der Ehe ist Julia für Rex nur noch zwei Gemälde wert, für die er in die Scheidung einwilligt…

Der Roman zeigt jedoch in der Hauptsache den Zerfall einer Familie, verursacht (zumindest mitverursacht) durch die Religiosität, die besonders von der Mutter gelebt wird. Insbesondere der Sohn Sebastian ist diesem von der Mutter ausgehenden Druck nicht gewachsen, Cara (die Geliebte des Vaters) hat mit ihrer Beobachtung, der Trunk Sebastians sei Flucht, völlig recht. Sein relatives Lebensglück soll Sebastian, der nach der Abschied aus Oxford niemals mehr von sich aus mit der Familie Kontakt hat (die ihn ihrerseits jedoch finanziell unterstützt), tatsächlich erst in Marokko finden, gegen Ende des Romans schildert Cordelia, wie Sebastian (in ihrer Vorstellung) sein Leben halbwegs geordnet als Faktotum eines Klosters beschließen wird….

Das Netz, das die katholische Kirche auswirft, ist eng, keiner entkommt ihm… gegen Ende des Romans sind alle gefangen, Sebastians Schicksal habe ich schon erwähnt, Lord Marchmain, jahrelang im Konkubinat lebend, akzeptiert in der Sterbeminute noch die Sakramente, die die Familie ihm – gegen den Rat von Charles – geben läßt, Cordelia, ebenso wie Bridey nie am Glauben zweifelnd, empfindet zwar nicht den Ruf in sich, Nonne zu werden, widmet sich jedoch der Nächstenliebe als Krankenschwester im Krieg. Und Julia…. schreckt auf einmal vor der letzten Sünde zurück, will sich dieser nicht ergeben, dieser nicht… ist mit Sebastian schon der verlorene Sohn in gewissem Sinn heimgekehrt, kehrt mit Julia sozusagen die verlorene Schwester ebenfalls ‚heim‘: später, als Hauptmann, sollte Charles erfahren, daß Lady Julia Flyte zusammen mit ihrer jüngeren Schwester nachPalästina ist, dorthin also, wo Christus wirkte – eine auch geographische Heimkehr. Und Charles, der selbsternannte Agnostiker? Hauptmann Ryder, dem die Kirche letztlich sein Lebensglück im letzten Moment aus den Händen gerissen hatte, ging – und damit endet der Roman -im neuen Quartier in die alte Kapelle von Brideshead und sprach ein Gebet, eine alte, neuerlernte Wortfolge.

Wiedersehen mit Brideshead ist ein atmosphärisch sehr dichte Geschichte, über die jederzeit ein nie reißenden Schleier melancholischer Elegie geworfen ist. Eine willkürlich herausgegriffene Textstelle gegen Ende des Romans soll dies verdeutlichen. Am Abend sitzen Julia und Charles in Brideshead zusammen, er betrachtet sie: … es war ein Gewand, dessen Gewicht und steife Falten die Ruhe ihrer Haltung betonten; ihr Hals stieg köstlich schön aus dem einfachen Goldkreis oben auf; ihre Hände lagen still zwischen den Drachen [i.e. ein Muster im Kleid] in ihrem Schoß. … es fiel mir ein, daß sie so auf dem Schiff gesessen war, vor dem Sturm; daß sie so ausgesehen hatte und ich bemerkte, daß sie wieder besaß, was sie mir für immer verloren zu haben schien: die magische Traurigkeit, die mich angezogen hatte, das entbehrungsvolle, verkümmerte Aussehen, das zu sagen schien: Sicherlich bin ich doch für etwas anderes als das da gemacht worden? Es wäre interessant, den Stil der Neuübersetzung mit diese hier zu vergleichen.

Die Aristokratie ist wie in anderen Romanen dieser Zeit auch in Waughs Roman im Niedergang begriffen: sie lebt über ihre finanziellen Verhältnisse, hat sich den nach dem Ende des Ersten Weltkrieges geänderten gesellschaftlichen Bedingungen nicht angepasst. Aber der normativen Kraft des Faktischen kann auch sie sich kaum wiedersetzen: auflaufende Schulden müssen bezahlt, die Ausgaben den Einnahmen angepasst werden; es werden keine Einführungsbälle mehr für die Debütantinnen ausgerichtet. Die Phänomene werden im Roman nicht ausgewalzt, sondern Waugh stellt sie in wenigen Passagen, als z.B. Inhalt eines Monologes dar.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, daß das Buch in zwei Teil gegliedert ist: Es beginnt mit der Freundschaft zwischen Sebastian und Charles, wendet sich dann jedoch von Sebastian, der hin und wieder noch erwähnt wird, ab und konzentriert sich auf die Charles und Julia sowie deren Beziehung.

Ich habe mich beim Lesen dem Zauber, den das Buch ausströmt, hingegeben. Wie gesagt, eine stete Melancholie, elegische Passagen, tragische Schicksale: ein Sitten- und Gesellschaftsbild, das mich – obwohl es meine Lebensumwelt so fern ist – in seinen Bann gezogen hat. Daß der Roman in England in der Phalanx der besten eingeordnet ist, kann ich gut verstehen.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag (engl.) zum Autoren: https://en.wikipedia.org/wiki/Evelyn_Waugh
[2] dto zur TV-Umsetzung des Buches: https://de.wikipedia.org/wiki/Wiedersehen_mit_Brideshead
natürlich auch bei youtube zu finden: https://www.youtube.com/watch?v=_ZtPGYLEzpw
[3] weitere englische (Gesellschafts)Romane, die ich hier auf dem Blog schon vorgestellt habe:

Pat Barker
– Niemandsland
– Das Auge in der Tür
– Die Straße der Geister
Nancy Mitford: Englische Liebschaften
D.H. Lawrence: John Thomas & Lady Jane (Lady Chatterley)
Thomas Hardy: Im Dunkeln
Sarah Waters: Die Muschelöffnerin

Evelyn Waugh
Wiedersehen mit Brideshead
Die heiligen und profanen Erinnerungen des Hauptmanns Charles Ryder
Übersetzt aus dem Englischen von Franz Fein
Originalausgabe: Brideshead Revisited, 1945
diese Ausgabe: Ullstein, TB, ca. 320 S., 1982

Nancy Mitford: Englische Liebschaften

Dies ist Lindas Geschichte, nicht meine.

… und wenn es Lindas Geschichte ist, ist es nur recht und billig, mir ihr anzufangen, dieses Buch vorzustellen…

Linda ist eines von insgesamt sieben Kindern eines kinderhassenden englischen Landadligen, der zusammen mit Sadie, seiner Frau, in einem Zustand fortwährenden Staunens angesichts der zahlreichen Wiegen, die sie gefüllt hatten, in ihrem Landsitz Alconleigh leben. Sadie ist im Buch Tante Sadie, denn erzählt wird die Geschichte Lindas von Fanny, ihrer Cousine, der Tochter von „Hopse“, die so hieß, weil sie sich als zu jung und lebenslustig ansah, um sich schon im Alter von neunzehn Jahren mit einem Kind zu belasten. Auch den Vater Fannys verließ sie schnell und lief danach so oft und mit so vielen verschiedenen Leuten davon, daß die Familie und Freunde sie nur noch Hopse nannten. So kam Fanny zu Tante Emily, der dritten der Schwestern, die sie wie ein eigenes Kind annahm und zu Tante Sadie kam Fanny meist über die Feiertage, an denen Tante Emily für sich selbst eine kleine Auszeit nahm.

Beherrscht wird der Landsitz der Radletts von Onkel Matthew, einem exzentrischen Mann, der England über alles liebt und alles hasst, was ausländisch ist, vor allem die Hunnen… Gullis liebt er natürlich auch nicht, dieses niedere Volk kann ihm gestohlen bleiben. Onkel Matthew wird schon auf der ersten Seite des Buches treffend charakterisiert, Mitford läßt ihre Fanny ein Bild der Familie Radlett beschreiben, auf dem sie um den großen Teetisch sitzen: Über dem Kaminsims hängt … ein Schanzspaten, mit dem Onkel Matthew 1915 acht Deutsche totgeschlagen hat, einen nach dem anderen, wie sie aus irgendeinem Unterstand hervorgekrochen kamen. Noch immer kleben Blut und Haare an diesem Werkzeug, das wir Kinder stets nur mit fasziniertem Schauder betrachteten. mm

Nancy Mitford weiß, wovon sie schreibt. Sie ist selbst als älteste der sechs Mitford-Schwestern (und einem Bruder) auf so einem Landsitz aufgewachsen, das Buch enthält eine Menge autobiografischer Bezüge. Mag sein, daß sogar der dieser Buchvorstellung vorangestellte Satz, es sei Lindas Geschichte, insofern zutreffend ist, daß sich in Lindas Schicksal einiges von auch von dem der Autorin selbst wiederfindet, während in der Erzählerin Fanny einen Gegenpart geschaffen wurde, der ein Schicksal erfährt, das auch Mitford möglicherweise vorgezogen hätte. Aber das ist meine rein persönliche Spekulation….

Linda ist 1911 geboren worden, ihre Lebensgeschichte, soweit wir sie erfahren, spielt zwischen den Weltkriegen bis hin zum Anfang des 2. Weltkriegs. Es sind zwei Englands, in dem Linda aufwächst, es ist das des heimischen Herdes und – etwas später dann – des England der  „Bright Young People“, die in London ihr Leben genießen. Größere Gegensätze lassen sich kaum vorstellen. Das von Onkel Matthew dominierte Haus, in dem die Jagd eine große Rolle spielt, das alt ist und sich im Winter nicht heizen läßt, so daß die Kinder sich im wärmsten Ort des Hauses verkriechen, einem großen Wandschrank. Dort hocken sie stundenlang und leben in einer Fantasiewelt, die sie sich in kindlicher Unschuld zusammenträumen. Über die große Liebe, über die Männer, die einmal um sie werben werden…. Mädchenträume, Märchenträume… Da Onkel Matthew der Ansicht ist, Bildung sei für Mädchen unnötiger Luxus, besuchen die Radlett-Kinder keine Schule, Hauslehrer verlassen das Anwesen meist nach wenigen Tagen wieder im Zustand nervlicher Zerrüttung und so beschränkt sich die Bildung der Kinder auf ein Französisch, das ihnen das Kindermädchen Lucille beibringt und das zu regelmäßigen Ohrfeigen durch Onkel Matthew führt, wenn er es aus dem Mund der Kinder hört. Der Wortschatz entspricht anscheinend nicht dem von „Hons“ den Honorablen… ferner geniessen sie ein wenig Musikunterricht.

Fanny dagegen erhält bei Tante Emily eine solide Schulbildung, Tante Emily macht dies zu ihrem persönlichen Anliegen. Für Fanny ist Tante Emily die Mutter, ihr Verhältnis zur leiblichen Mutter wird immer distanzierter, wie zu einer Fremden bzw. zu einer Person, die eben zur Familie gehört.

Substrahiert man den ironischen, leicht spöttischen Ton, mit dem Mitford ihre Beschreibungen des Lebens in Alconleigh überzieht, bleibt eine recht traurige Szenerie für das Aufwachsen von Kindern übrig: ein strenger, übellauniger, wenig liebender, impulsiver Vater, mit einem immer antiquierter werdenden Wertesystem, ein im Winter eiskaltes Haus, keine Spielkameraden, keine Schulbildung für die Mädchen, was nicht nur eine Zementierung von Unwissen bedeutet, sondern auch ein Mangel an Fähigkeiten: sich Wissen zu erarbeiten beispielsweise oder sich zu strukturieren. So werden die Mädchen fast notgedrungen in eine Fantasiewelt abgedrängt, in der sie sich ihr Leben schön denken, und sich eine Zukunft mach ihren Vorstellungen zurecht planen. Oder sie sparen wie die junge Jassy schon im zarten Alter von sieben Jahren jeden Penny als Fluchtgeld an und rechnen anhand der Mietpreise für möblierte Zimmer in Zeitungsinseraten um, für wieviel Tage das Ersparte reichen würde….

Ein Mangel an Liebe, gezeigter, tätiger Liebe herrscht im Haus. Kein Wunder, daß Linda ihr Liebesbedürfnis auf Tiere fokussiert, daß sie viel in der Natur ist, die den Landsitz so wuchernd umgibt. Wobei sie die Tierliebe keineswegs hindert, eine begeisterte Jägerin zu sein….

In die Pubertät, bzw. in das Alter gekommen, müssen die Mädchen in die Gesellschaft eingeführt werden. Es werden Bälle gegeben, man mietet sich in London ein, um sich vorzubereiten. Da der Ungeselligkeit des Vaters geschuldet der eigene Bekanntenkreis recht dürftig ist (insbesondere was junge Männer angeht) lädt Tante Sadie nach einer längeren Auseinandersetzung mit Onkel Matthew den Nachbarn und dessen Bekannte, Lord Merlin ein. Dieser Lord Merlin ist genau das Gegenteil von Onkel Matthew: sein Haus ist modern und warm, er ist gebildet, kultiviert, kann sich über Literatur, Kunst, Musik, Politik unterhalten und seine Gesellschaft, die er mit auf den Ball zu den Radletts bringt, wirkt dort wie eine Ansammlung von Paradiesvögeln…. kein Wunder, daß Onkel Matthew Merlin nicht ausstehen kann.

Wundert es, daß die Mädchen, bzw. jungen Damen davon fasziniert sind? Und so bildet sich Linda sehr schnell ein, es wäre Liebe, was sie Tony gegenüber verspürt, der Interesse an ihr zeigt, mit dem sie sich amüsiert und wohl fühlt. Sie sieht Tony so, wie sie ihn sehen will und so kommt es schließlich dazu, daß Linda den Nachkommen eines Hunnen heiratet, denn daß die deutschstämmigen Kroesigs schon seit Generationen auf der Insel leben, ist egal: Einmal Hunne, immer Hunne.

Die Ehe mit dem Bankersohn dauert ein paar Jahre, es kommt sogar eine von Linda ungeliebte Tochter auf die Welt, aber Linda erfüllt weder die Erwartungen der Kroesigs an ihre Schwiegertochter noch die ihres Mannes an seine Frau. Die Scheidung erstaunt niemanden.

Der nächste Ehemann ist das ziemliche Gegenteil von Tony: Christian ist Anarchist, zumindest aber Kommunist. Das sind nach Linda im Allgemeinen süße Menschen, schrecklich komisch und auch rührend, aber nicht besonders lustig. Sie haben insbesondere einen Fehler: sie plaudern nicht, sondern halten nur große Reden… Daß Linda hier als Hausfrau völlig versagt (bei einem Treffen klagt sie Fanny gegenüber, daß die Hausarbeit viel anstrengender ist und viel mehr Angst macht als das Jagen – kein Vergleich – und doch gab es nach der Jagd immer Eier zum Tee um wir mußten uns stundenlang ausruhen, aber nach der Hausarbeit erwarten die Leute, daß man einfach weitermacht, als sei nichts gewesen. … ), stört Christian kaum, er entzündet sich nur an den großen Aufgaben, die die Welt bietet und der Haushalt und auch Linda gehören definitiv nicht dazu. Wohl aber die Versorgung von Flüchtlingen aus dem Spanischen Bürgerkrieg in Südfrankreich…

Linda und Christian fahren auf den Kontinent. Ins Ausland, für Linda ist dies eine wahre Schreckensreise, was könnte ihr im Ausland nicht alles zustoßen…. In Südfrankreich geht es eine Weile gut, Linda, die sonst wenig zur Hilfe beitragen kann, fährt Transporte hin und her. Aber irgendwann merkt sie, daß Christian und eine andere Engländerin, die im Team mitarbeitet, auf einer Wellenlänge funken: sie verläßt ihren Mann Hals über Kopf, melodramatisch mit einem Brief, den sie ihm auf das Kopfkissen legt.

Ohne Geld und gültigen Fahrkarte landet sie auf dem Gare du Nord in Paris, heulend auf dem Bahnsteig. Da wird sie von einem Mann angesprochen und trotz der Möglichkeit, daß sie derart nach Brasilien in ein Bordell entführt werden könnte, kommt sie seiner Aufforderung, mit ihm zu kommen nach… was jetzt folgt, ist das wohl schönste (knappe) Jahr im Leben Lindas. Der Mann, ein reicher, bekannter Frauenversteher, bringt sie in einer wunderschönen Wohnung unter und von abends über die Nacht bis zum Morgen verbringen die beiden zusammen. Tagsüber… Linda weiß es nicht, es interessiert sie auch nicht wirklich.

Lord Merlin, der sie mit dem Mann Tante Emilys ausfindig gemacht hat, besucht sie, sieht ihr Glück und schwindelt in England etwas über ihren Aufenthalt und ihr Tun vor. Doch der nächste große Krieg wirft seine Schatten voraus. Fabrice, so heißt der Mann, ist beim Geheimdienst, er kündigt Linda an, daß sie ohne Wenn und Aber nach England reisen müsse, wenn er es ihr sage. Und eines Tages sagt er es ihr….

In England wartet Linda auf ihn, auf einen Anruf von ihm, eine Nachricht. Sie weiß, daß sie schwanger ist von Fabrice, obwohl die Ärzte ihr nach der ersten Geburt gesagt haben, daß sie nicht mehr schwanger werden dürfe, es ist ihr egal. Als sie ausgebombt wird, zieht sie wieder zu den Eltern nach Alconleigh. Sie treffen sich dort wieder, mit dicken Bäuchen sitzen Linda, Fanny und Louisa (Lindas ältere Schwester) im eiskalten Haus herum. Dort ist mittlerweile auch „Hopse“ eingetroffen, in Begleitung eines jungen, bemitleidenswert ausschauenden Spaniers, der sich zur Freude aller kurz vor seinem Rausschmiss durch Onkel Matthew als begnadeter Koch erweisen sollte… und Jäger dazu.

Einmal hatten sie sich noch gesehen, Fabrice und Linda. Eines Tages stand Fabrice vor der Tür ihres Hauses, ein kurzer Aufenthalt nur, aber er reichte ihm, um Linda seine Liebe zu ihr zu gestehen.

Linda starb bei der Geburt ihres Sohnes, der von Fanny adoptiert wurde, ihre Geschichte war kurz, nur ungefähr dreissig Jahre lang…


Englische Liebschaften von Nancy Mitford ist wunderschöner Familien- und Gesellschaftsroman mit autobiografischen Elementen. Ihre Erfahrungen mit Männern wird  folgendermaßen beschrieben: Nancy Mitford glorified romantic love in her books but had rotten luck with men. The three she fell for didn’t return her feelings. Her first fiancé, Hamish St Clair Erskine, was „gay as gay“ and dumped her in 1932 with a brisk telephone call after an engagement that had lasted five years. She married Peter Rodd on the rebound. „Prod“ proved a feckless drunk, happy to live off her money. Her greatest love, Palewski, was chronically unfaithful and „operated,“ in the words of British historian Lisa Hilton, „on a principle of maximum returns, making passes at practically every woman he met.“ [3]

Die große Kunst Mitfords ist dir Art und Weise, wie es ihr gelingt, die an sich recht trübsinnigen Verhältnisse der Kindheit und Jugend so zu schildern, daß sie mit der Patina leichten Spotts und Ironie überzogen ihren Schrecken verlieren. Es ist witzig zu lesen und es gibt einige Stellen, an denen man spontan auflacht. Genauso wie es Passagen gibt, in denen man Linda zurufen möchte: Lass es sein! Sie tappt unvorbereitet in die Welt hinein als sei diese ein großer Wandschrank, in dem man träumen und sich eine eigene Welt erschaffen kann – und so scheitert sie ein ums andere Mal an der Realität.

Mich hat der Roman sehr gefesselt, unterhaltsam, witzig, ehrlich, flüssig und flott geschrieben: genau das richtige für die kommenden Herbstabende…

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Nancy_Mitford bzw. https://en.wikipedia.org/wiki/Nancy_Mitford
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/nancy-mitford-englische-liebschaften-liebling-wir-muessen-plaudern-11974521.html
[2] vgl. z.B. hier: http://www.vogue.com/873266/love-of-a-lifetime-a-new-book-looks-at-the-object-of-nancy-mitfords-affection/
[3] Moira Hodgson: The Horror of Love – Pursuer Become The Pursued, in: http://lisa-hilton.com/the-horror-of-love-reviews/

Nancy Mitford
Englische Liebschaften
mit: David Pryce-Jones: Die Mitfords, Ein Familenroman aus der englischen Aristokratie

Übersetzt aus dem Englischen von Reinhard Kaiser
Originalausgabe: The Pursuit of Love, London, 1945

diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek Bd. 39), HC, ca. 342 S., 1988