Werner Fuld: DAS BUCH DER VERBOTENEN BÜCHER

Der 1947 in Heidelberg geborene Schriftsteller und Literaturkritiker Werner Fuld ist ein Freund der dezidierten Meinung und der klaren Aussage, auch wenn sie – vielleicht sogar gerade dann – gegen vorherrschende Ansichten verstößt. Dieses im Deutschlandfunk „Kultur“ [2] veröffentlichte Interview mit ihm, das sich auf das vorliegende Buch bezieht, gibt ein wunderbares, erfrischendes Beispiel für die Vehemenz, mit der Fuld auch unpopuläre Thesen vertritt. Unpopuläre Thesen: das ist schon fast eine Überleitung zu dem vorliegenden Werk Fulds, in dem es nicht nur um unpopuläre Thesen geht, sondern um die durch alle historischen Erfahrungen widerlegte Überzeugung von Machthabern, man könne mit der Existenz von Büchern (und Autoren) auch die zugrunde liegenden missliebigen Ideen auslöschen.

Daß sich diese Ansicht durch alle Jahrtausende und alle Kulturkreise zieht und schon früh aufgekommen ist, belegt Fuld durch diverse Beispiele wie das des Kaisers Augustus, der durch Verbote der frühen Schriften Cäsars dessen „Bild in der Öffentlichkeit bestimmte“, der aber auch sich aber auch nicht scheute, missliebige Autoren zu unterdrücken und auszuschalten. Unter dem Nachfolger von Augustus wurden die entsprechenden Gesetze dann zu einer regelrechten Gesinnungsjustiz ausgeweitet.

Gut zwei Jahrhunderte vor Augustus kommt dem chinesischen Kaiser Quin Shihuangdi die zweifelhafte Ehre zu, einer der ersten Bücherverbrenner zu sein: „Schriften, die das Alte verherrlichen und das Neue herabsetzen, wurden kurzerhand vernichtet.“

Fulds Buch ist gespickt mit Informationen zu Bücher und zu Autoren, die er in insgesamt zwölf Kapiteln unter den verschiedensten Aspekten aufbereitet. Einer der Hauptdarsteller im großen Zirkus der Zensur ist naturgemäß die katholische Kirche mit ihrem Index, auf den sie über Jahrhunderte die verschiedensten Titel setzte. Die letzte Ausgabe des nach dem Zweiten Vatikanischen Konzils abgeschafften Liste enthielt immerhin ca 6000 Titel [7]. Man findet bzw. fand dort einen großen Teil der Weltliteratur wieder, für Autoren gab es kaum eine bessere Werbemöglichkeit. Vom Index entfernt zu werden, verurteilte ein Werk nicht selten zu Bedeutungslosigkeit, wie Fuld es für z.B. die Lady Chatterley konstatiert. Ja, es war zeitweise so, daß Autoren förmlich darum nachsuchten, mit ihrem Buch indiziert zu werden.

„Eine Zensur findet nicht statt.“ verspricht uns das Grundgesetz, trotzdem gibt es in Deutschland eine „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ [3], bei der jedermann auch Vorschläge machen kann. Eine Liste der indizierten/verbotenen Bücher ist nicht offen zugänglich, aus oben schon erläuterten Grund: „die ausführenden Behörden [möchten] vermeiden , daß damit erst ein Markt/eine Nachfrage entsteht.“ Einen Über- und Einblick vermittelt jedoch diese Internetseite Liste verbotener Medien in der BRD [4]. Jedenfalls lernen wir durch Fuld, daß das Grundgesetz die Vorzensur meint, die nicht stattfindet: jeder kann schreiben, was er will, eine staatliche Beurteilung findet ggf. erst nach der Veröffentlichung statt. Daß in den Anfängen der BRD sogar Tarzan-Hefte indiziert waren, sei nur des Gags wegen erwähnt und um die Absurdität einer Zensur zu zeigen.

Findet, wie in totalitären Staaten üblich, eine Vorzensur statt, muss der Autor sein Werk vor der Veröffentlichung dem Zensor vorlegen, als Ergebnis folgt daraus nach Fuld, daß die gesamte Literatur dieses Staates glatt gebügelte Einheitsliteratur im Sinne des Regimes ist [2]. Werke wie ein Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch von Alexander Issajewitsch Solschenizyn verdanken ihre Existenz kurzfristigen Perioden politischer Freiheiten.

Hört man den Begriff „Zensur“ denkt man unwillkürlich an erotisches/pornografisches Material, das jedoch mengenmäßig bei weitem nicht die größte Rolle spielt. Viel häufiger werden Werke zensiert, die gegen die herrschende politische und weltanschauliche Meinung der Machthaber verstoßen. Die Bücherverbrennung des Dritten Reiches ist dafür ein herausragendes Ereignis. Sie umfasst ja nicht nur die punktuelle öffentlichkeitswirksame Verbrennung am 10. Mai, sie bedeutet in realiter das Auslöschen einer ganzen Generation von Schriftstellern, die in der Zeit des 3. Reiches in Vergessenheit geraten sind und die Auslöschung der gesamten jüdischen Literatur in Deutschland.

Einige Jahrhunderte früher stand in Frankreich das Riesenprojekt der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences von Diderot und d’Alembert immer am Rand des Verbots, insbesondere Diderot legte sich und seiner Meinung keine Zügel an. Ausgerechnet dem Hauptzensor ist es jedoch zu verdanken, daß dieses Hauptwerk der Aufklärung letztlich erscheinen konnte – für den Normalmenschen unerschwinglich und daher in seiner ’staatsgefährdenden‘ Wirkung begrenzt.

Aber natürlich – was wäre eine Zensur schon wert, wenn der Staat nicht ebenso die Entscheidung darüber anmaßen würde, was für das moralische und ethische Empfinden seiner Bürger zuträglich ist – dem weiten Feld der erotisch-pornographischen Literatur widmet sich Fuld ebenfalls ausführlich. Hier habe ich an einer Stelle aufgemerkt: Henry Millers Opus Pistorum wurde selbstverständlich auch ein Opfer dieser staatlichen Fürsorge für seine Bürger – sage und schreibe über 700 Polizisten wurden 1985 aufgeboten, die Linzenzausgaben im Buchhandel zu konfiszieren. Die Originalausgabe aus dem Rowohl-Verlag allerdings blieb unbehelligt, der für diese zuständige Richter wog die Kunstfreiheit höher als ein vermeintliches Schutzbedürfnis der Bürger. Und exakt diese Entscheidung machte es möglich, das dieses Buch, das ich mir just zu dieser Zeit kaufte, bei mir heute noch im Regal steht. Aber auch deutsche Autoren von Romanen gibt und gab es, die geeignet sind, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl gesund empfindender Menschen in geschlechtlicher Hinsicht zu verletzen. wie es die Staatsanwaltschaft im Falle von Pocahontas formulierte [6]. Dies aber nur zwei Exemplar für viele mehr, auf die Fuld eingeht, daß ebenso die Mutzenbacher, Fanny Hill, Irene und auch O prominent vertreten sind, ist wohl selbstverständlich [8]…

Interessant ist die anfangs erwähnte These Fulds, in einem Staat, der (Vor)Zensur ausübt, wäre eine Literatur in dem Sinne, wie wir die westeuropäische Literatur  [kennen, nicht möglich] … Die Zensur, durch die diese Texte gegangen sind, bringt eine ganz bestimmte Art von Literatur hervor, und die ist nicht vergleichbar mit der Literatur, die zur gleichen Zeit in anderen westeuropäischen Ländern erschienen ist. Sie ist eindimensional und sie kann natürlich ganz bestimmte Probleme nicht behandeln, und sie kann ganz bestimmte Formen nicht annehmen. … [2]. Das ist ein sehr radikal zu Ende gebrachter Gedanke, der im Grunde davon ausgeht, daß Zensur, wenn sie existiert, sowohl direkt auf Literatur einwirkt (… bestimmte Probleme, bestimmte Formen…), aber auch indirekt, in dem das ganze künstlerische Klima, in dem Literatur geschaffen wird, durch den Geist der Zensur geprägt ist. Mir selbst – ich bin kein Literaturwissenschafter o.ä., von daher ist meine Meinung letztlich irrelevant – erscheint Fulds Rigorosität wie dem Interviewer auch etwas übertrieben, da sie sich jedoch schon im Bereich des Definitorischen befindet (ich, Fuld, definiere: in einem Staat mit Zensur gibt es keine unserer vergleichbare Literatur) und Definitionen nie falsch, allenfalls unpraktisch sind, muss man seine Meinung letztlich akzeptieren. Wie das provokante Interview mit Frank Meyer zeigt, regt sie aber zu Widerspruch und Diskussion ein.

Der Autor beschließt seinen Überblick mit einigen Gedanken und Ausblicken zum Thema „Selbstzensur“, die Schere im Kopf und der vorauseilende Gehorsam im Sinne einer ‚political correctnis‘, die beispielsweise die Darstellung rauchender und Alkohol trinkender Figuren im künstlerischen Werken ächtet [5]. Die formierte Gesellschaft wird das für selbstverständlich halten und erst eine zukünftige Geschichte der Zensur wird sich darüber wundern. Hoffentlich.

Fulds Übersicht ist faktenreich, der gute Mann kann eigentlich nichts anderes machen als lesen, lesen, lesen… DAS BUCH DER VERBOTENEN BÜCHER ist ja nicht sein einziges Werk. Uns als Lesern wird es durch umfangreiche Personen- und Werksregister sowie ein Sachregister erschlossen, dazu kommt noch ein Literaturverzeichnis. Das Buch ist voller Fakten und Informationen, pointiert geschrieben und damit auch ein im besten Sinne unterhaltsames Kompendium eines traurigen Kapitels innerhalb der Kulturgeschichte der Menschheit. Ist es doch einzig ein Zeichen der Dummheit, Bücher und Autoren (im übertragenen Sinn oder auch ganz real) zu verbrennen: die Ideen bleiben am Leben.

Links und Anmerkungen:

[2] Fuld: DDR-Literatur war nur „Lebenshilfe“: Werner Fuld im Gespräch mit Frank Meyer; in http://www.deutschlandfunkkultur.de/fuld-ddr-literatur-war-nur-lebenshilfe.954.de.html?dram:article_id=147173
[3] http://www.bundespruefstelle.de
[4] http://de.metapedia.org/wiki/Liste_verbotener_Medien_in_der_BRD
[5] wenn auch in anderem Zusammenhang, hat sich die Autorin Thea Dorn neulich über solchen ‚moralischen Totalitarismus‘ geäußert:  http://www.deutschlandfunkkultur.de/debatte-ueber-sexuelle-belaestigung-metoo-moralischer.2162.de.html?dram:article_id=400969
[6] Arno Schmidt: Pocahontas, Zitatquelle hier:  https://radiergummi.wordpress.com/2014/03/02/arno-schmidt-seelandschaft-mit-pocahontas/
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Index_Librorum_Prohibitorum
[8] zumindest über die Geschichte der O und über Irene habe ich schon etwas geschrieben:
https://erotischebuecher.wordpress.com/2014/08/07/regine-deforges-pauline-reage-die-o-hat-mir-erzahlt/ und
– https://radiergummi.wordpress.com/2015/07/27/albert-de-routisie-louis-aragon-irene/

Weitere Titel, die ich zum Themenkomplex ‚Bücher über Bücher‘ hier im Blog schon vorgestellt habe:

Weitere Bücher über Bücher, die auf diesem Blog  aus.gelesen besprochen sind:

Werner Fuld
DAS BUCH DER VERBOTENEN BÜCHER
Universalgeschichte des Verfolgten und Verfemten von der Antike bis heute
diese Ausgabe: Galiani, HC, ca. 350 S., 2012

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