Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders

20. April 2014

Uwe Timm, Frankfurter Buchmesse 2013 Bildquelle [1, Wiki]

Uwe Timm, Frankfurter Buchmesse 2013
Bildquelle [1, Wiki]

Der Schriftsteller Uwe Timm wurde 1940 geboren, er war der Nachzügler der Familie, bezeichnet sich selbst in seiner kurzen Schrift mit diesem Begriff. Sein Bruder Karl-Heinz war sechzehn Jahre älter, noch drei Jahre früher als dieser war die Schwester Hanne Lore geboren worden. Über den Bruder zu schreiben, heißt auch, über ihn zu schreiben, den Vater…. Sich ihnen schreibend anzunähern, ist der Versuch, das bloß Behaltene in Erinnerung aufzulösen, sich neu zu finden. Beide, der Vater wie der Bruder sind in ihm, Uwe Timm, noch auf andere Weise gegenwärtig: Uwe Timm, mit vollständigem Namen „Uwe Hans Heinz“.

75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG.

Es ist dieser Satz, der immer wieder auftaucht in den Gedanken Timms, er ist dem Tagebuch seines Bruders entnommen. Das Tagebuch des Bruders, von diesem verbotenerweise geführt, wurde den Eltern mit einigen wenigen Habseligkeiten zugestellt, nachdem Karl-Heinz, der sich selbst „Kurdel“ nannte und Briefe an den Vater mit „Dein Kamerad“ unterschrieb, in der Ukraine nach einer schweren Verwundung 1943 starb. Nach einer Schussverletzung mussten ihm beide Beine amputiert werden, im Lazarett überlebte er nicht. Die genaue Todesursache ist nicht bekannt.

timm bruder

Karl-Heinz Timm war mit 18 Jahren, 1,85 m groß, blond, blauäugig als Panzerpionier in die SS-Totenkopf-Division [2] eingetreten. Wenig Materielles ist von ihm erhalten, er ist jedoch der ältere Bruder, der immer als Vorbild, als Schatten, als Über-Bruder über dem jungen Uwe Timm schwebte, der Bruder, der so viel mehr auf den Vater kam als der Nachzügler, der, in einer „neuen“ Zeit aufwachsend, Widerworte gab, Widerstand probte, eigene Vorstellungen entwickelte.

Warum so spät die Beschäftigung mit der Vergangenheit, warum so lange die Verdrängung? Erst, so Timm, mussten alle gestorben sein, vor allem auch die Mutter und die Schwester, bevor er sich wagte, zurück zu schauen, die Fragen zu stellen, nach dem „Warum?“ Warum ging der Bruder freiwillig und wartete nicht, daß er eingezogen wurde? Warum zur SS? Und was an persönlicher Schuld hat er auf sich geladen … ein Fressen für mein MG… gab es mehr als dieses Füttern des MGs? Sah er, der die Bombardierung der deutschen Städte durch die „Sachsen“ in seinen Briefen als inhuman bezeichnete, das Inhumane, das Bestialische, welches die Deutschen im Osten verschuldeten?

Und mit welchen Geschichten hielt man, hielt der Vater, in der Nachkriegszeit die Fassade vom Nicht-Wissen, vom Nicht-Wissen-Können, aufrecht? Die Mär von der guten, der unbefleckten Wehrmacht, daß es waren die anderen waren, die da oben, die Schuld hatten….

Derart breitet Uwe Timm eine Familiengeschichte vor uns Lesern aus, seine Familiengeschichte. Das Militärische hatte Tradition in der Familie Timm, der Vater kämpfte im Ersten Weltkrieg als Artillerist, später dann als Mitglied eines Freikorps auf dem Baltikum gegen die Bolschewiken, im Zweiten Weltkrieg war er bei der Luftwaffe. Das Militärische lag ihm, Zucht und Ordnung, ein stringentes Regelwerk, nach dem man sich zu richten hatte, das die Richtung vorgab für Pflichterfüllung und Gehorsam. Einige Jugendjahre hatte er in Coburg verbracht, auch hier die hierarchische Atmosphäre noch des Adels, der die Stadt beherrscht hatte. In Coburg erwarb er erste Kenntnisse was Tierpräparationen betraf, hierin brachte Hans Timm es zur Meisterschaft, zu einem eigenen Geschäft in Hamburg. Ein Angebot aus den USA, dort an einem Museen zu arbeiten, lehnte er ab, er wollte sein Deutschland nicht verlassen.

Wie erlebte man den Aufstieg der Nazis? Diese Frage bleibt offen. Den Krieg jedenfalls, der wieder angezettelt wird, machen die Männer mit, der Vater bei der Luftwaffe, der Älteste, auf dem die Hoffnungen ruhen, meldet sich zur SS. Von dort Briefe an den Vater und die Mutter, die Männer waren überein gekommen, der Mutter nichts davon zu sagen, daß der Sohn in Schlachten zog. Für sie wartete er auf die Einsätze, die er in Wirklichkeit durchkämpfte.

Die Familie Timm wird ausgebombt in den furchtbaren Nächten, in denen der Feuersturm durch Hamburg tobt, der Vater war zufällig auf Fronturlaub. Es folgt die Evakuierung nach Coburg. Nur weniges kann gerettet werden, fast alles Dokumente und Unterlagen sind vernichtet worden. In einer Kiste werden versehentlich Weihnachtskugeln gerettet, vermutet war wertvolleres als Inhalt…

Nach dem Krieg kommt der Vater aus Gefangenschaft zurück und findet in den Trümmern eine Pelznähmaschine. Er setzt sie instand und baut eine Kürschnerei auf, die die ersten Jahre gut geht. Es reicht zu einem der ersten Autos, in denen sich der Vater vom Chauffeur durch die Stadt fahren läßt. Es sind die guten Jahre für die Familie, zumindest finanziell. Sie sollten bald zu Ende sein, in den Jahren des Wirtschaftswunders waren Pelze aus dem Hause Timm nicht mehr gefragt, die Kürschner des Hauses konnten die neuen Moden mit ihren ausgefalleneren Schnitten nicht mitmachen. Der Nachzügler, der selbst auch eine Kürschnerlehre sehr erfolgreich absolviert hat, sieht die Mängel im heimischen Betrieb, es kommt zu Spannungen mit dem Vater, immer wieder gibt es Streit.

Der Vater, der charmant war, reden konnte, etwas darstellte, der die Frauen mit seiner Art beeindruckte und ins Geschäft lockte, ließ sich gehen, peu a peu…. fing an zu trinken, schon in der Früh, saß in Kneipen, die Pfefferminzbonbons immer greifbar, lag eines Nachts leblos im Geschäft … in den letzten Jahren, nach dem Tod des Vaters, führt die Mutter das Geschäft, erst mit 82 Jahren gab sie es auf.

Die Schwester, die Wert legte auf das Hanne Lore, ihr Leben war nicht wirklich glücklich. Der Vater nahm sie kaum zur Kenntnis, ihr erster Verlobter fiel, der zweite wurde in Russland vermisst, bis nach Jahren die Todesnachricht kam. Spätere Verhältnisse zu Männern haben eine tragische Note, führen zu Streit und Zerwürfnissen oder blieben im Ungefähren. Erst im Alter erfüllte sich unerwartet der Wunsch nach einem Mann, einem Liebesverhältnis…. auch in ihrem Schicksal schwebt die Frage nach der Schuld des Vaters mit…

„Das jüdisch-bolschewistische System muß ein für allemal ausgerottet werden.“
(Generalfeldmarschall von Manstein,
nachmals Berater der deutschen Bundesregierung
beim Aufbau der Bundeswehr, in einem Armeebefehl vom 20.11.1941)

Niemand hatte etwas gewusst, niemand hatte etwas gesehen. „Eine Generation war politisch, militärisch, mentalitätsmäßig entmachtet worden, und sie reagierte beleidigt, mit Trotz, Verstocktheit. Später, mit dem Beginn des Kalten Krieges, stärkten sich wieder die restaurativen Kräfte, aber zunächst, die ersten Jahre nach dem verlorenen Krieg überlebte der Herrschaftsanspruch nur noch zu Hause, im Privaten. Und er richtete sich gegen die Kultur der Sieger.“ Im kleinen Kreis, unter Kameraden, zu Hause wurden die verlorenen Schlachten noch einmal geschlagen, die Feldzüge noch einmal geplant, diejenigen identifiziert, die wirklich Schuld hatten an der Niederlage. Von Einsicht keine Spur. Die Bösen, das waren die anderen gewesen, nicht man selbst… und warum haben die Alliierten nicht die Eisenbahnen zu den KL bombardiert und damit das Morden verhindert? Als ob damit die eigentliche Schuld hätte abgewälzt werden können…

75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG.

Und der Bruder? Was hat er gesehen? Er ist durch eine verbranntes Land gezogen, hat er selbst gezündelt? Oder war die Propaganda vom minderwertigen Untermenschen so tief in ihm verankert, daß es normal war für ihn, diesen auszumerzen? „Der Soldat ist im Ostraum …. Träger einer unerbittlichen völkischen Idee und der Rächer für alle Bestialitäten, die dem deutschen oder artsverwandten Volkstum zugefügt wurde.“ (Generalfeldmarschall von Reichenau, 10.10.1941). Nur sehr, sehr wenige verweigerten den Gehorsam bei Schießbefehlen zur Liquidierung von Juden: „…die, die geblieben waren , wurden Babij Jar zusammengetrieben…. “ [3] Babij Jar, die Schlucht bei Kiew, die mit Menschenleichen gefüllt worden war: „In Zusammenarbeit mit dem Gruppenstabe und 2 Kommandos des Polizei-Regiments Süd hat das Sonderkommando 4a am 29. und 30.9. 33771 Juden exekutiert. …“ (Ereignismeldung UdSSR Nr. 106, 7.10.1941), die später wieder enterdet wurden, um verbrannt zu werden: Verwischen von Spuren…. Die, die sich verweigerten, hatten keine Nachteile und trotzdem schossen fast alle, töteten fast alle, mordeten fast alle. Es war das Normale, es war deutsch, zu gehorchen, der Mut, das Selbstbewusstsein, sich ausserhalb zu stellen, „Nein“ zu sagen, das war nicht die Art von Mut, die vom Deutschen gefordert und erwartet wurde. Es waren keine Monster, die schossen, es waren normale Menschen.

Stichwortartig oft nur die Anmerkungen im Tagebuch des Bruders. Man sieht ihnen an, sie sind im fahrenden Wagen geschrieben, oft eilig, unter Zeitdruck. Aber gerade in der Kürze wird das Hin und Her der Schlachten, der Kämpfe sichtbar, drückt es sich aus. Keine Hinweise auf Greuel, weder gesehene noch selbst angerichtete, doch was bedeutet das? Sah der Bruder keine oder waren sie so normal, daß sie einer Erwähnung nicht wert waren, auch, weil sie nicht als Greuel empfunden wurden? Es sind stakkatoartig festgehaltene Fakten, Gefühle, Empfindungen sind nicht dokumentiert, selbst wenn er von verwundeten Kameraden redet, von gefallenen…

Der letzte Eintrag im Tagebuch:

Hiermit schließe ich mein Tagebuch, da ich für unsinnig halte,
über so grausame Dinge, wie sie manchmal geschehen, Buch zu führen.

Ein Satz, eine Aussage, ohne Erläuterung, ohne Erklärung. Sah er Grausames, geschah im Grausames, und wenn, was geschah? Bei all den Fragen, die dieser singuläre Satz, dieser Satz vom Nicht-Normalen i.e. dem Grausamen, aufwirft, sieht Timm in ihm auch die Hoffnung, der Bruder habe damit den ersten Schritt getan zur Aufkündigung von Gehorsam, zum Nein, zum non servo.

Am Beispiel meines Bruders“ ist ein kleines, sehr empfindsames, einfühlsames Stück Vergangenheitsbewältigung. Es arbeitet das Geschehene nicht chronologisch auf, eher sind es Erinnerungsstücke, Momente, die aneinandergefügt werden und die in der Summe das Bild ergeben einer Familie, wie sie es für Deutschland wohl typisch war: den Sekundärtugenden verpflichtet, eine Familie, ein Vater besonders, der den individuellen Mut, zu widerstehen, „Nein“ zu sagen, nicht hatte. Eine normale Familie, normale Menschen also.

Links und Anmerkungen:

[1] Biographisches zu Uwe Timm:  http://www.literaturportal-bayern.de/autorenlexikon?task=lpbauthor.default&pnd=118839276
Wiki-Artikel zu Uwe Timm:  http://de.wikipedia.org/wiki/Uwe_Timm
Bild: By Lesekreis (Own work) [CC0], via Wikimedia Commons
[2] Wiki-Artikel zur SS-Totenkopf-Division: http://de.wikipedia.org/wiki/SS-Division_Totenkopf
ein kurzer videoclip (youtube): SS 3rd Totenkopf(Death’s Head) Division on the Eastern Front
[3] Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther;  https://radiergummi.wordpress.com/2014/03/26/katja-petrowskaja-vielleicht-esther/

Uwe Timm
Am Beispiel meines Bruders
diese Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch, HC, ca. 160 S., 2003

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3 Responses to “Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders”


  1. Eine schöne und fundierte Rezension! Wir haben „Am Beispiel meines Bruders“ vor einiger Zeit im Rahmen unseres Lesekreises gelesen und mich hat v.a. diese ganz spezielle Verquickung zwischen persönlichem Schicksal und gesellschaftlicher Vergangenheitsbewältigung fasziniert.

    Viele Grüße
    Claudia

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    • flattersatz Says:

      bei uns ist der titel nächsten monat im lesekreis dran. ein erster kommentar dazu lautete: „ein fürchterliches buch!“ es wird eine interessante diskussion werden, endlich mal unterschiedliche meinungen!
      liebe grüße
      fs

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      • Bei uns kommt es tatsächlich auch relativ selten vor, dass wir komplett konträre Meinungen zu einem Buch haben – wobei daraus ja in der Tat die interessantesten Diskussionen entstehen… Euch in jedem Fall viele Spaß beim Diskutieren!

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