Anni E. Lindner: Die Wahrheit schmeckt nach Marzipan

Die Wahrheit schmeckt nach Marzipan ist ein Buch der 1980 geborenen Autorin Anni E. Lindner (z.B. hier), die im Privatleben mit ihrer Familie ein, so heißt es (beispielsweise hier), ‚fröhliches Nomandenleben‘ als Offizierin der Heilsarmee führt. Dieses christlich angehauchte, missionarische Element findet sich dann auch im vorliegenden Roman wieder, zumindest in der zweiten Hälfte der Handlung, in deren Mittelpunkt der sechszehnjährige Rotschopf Thalita, genannt Tally, steht. In erster Linie aber ist der Roman ein Buch über die Trauer und den Weg der Hauptfigur zurück ins Leben.

Tallys Welt ist zerbrochen, für sie völlig unerwartet ist der Vater, selbst ein Arzt, ins Krankenhaus gekommen und dort sehr schnell gestorben. Der Tod des Vaters, zu dem ihre Beziehung viel intensiver war als die zu der etwas unterkühlten Mutter, hat ihr Leben völlig aus der Bahn geworfen. Der Roman setzt mit der Beerdigung des Vaters ein, das Unbegreifliche wird noch einmal übermächtig, die ganze Zeremonie erscheint Tally wie ein „schräger“ Traum, aus dem sie gleich erwachen wird und erst als ihre Blumen mit einem kurzen Plopp auf den Sarg in der Grube fallen, weiß sie, daß dies die Realität ist. Eine Realität, die sie zu zerreissen droht, zumal sie und ihre Mutter nicht in der Lage sind, sich gegenseitig zu stützen. Die Mutter vereinbart für Tally kurz darauf einen Termin bei einer Therapeutin, zu der Tally zwar geht, aber voller Widerwillen und auch Aggression. Und deren blödsinnigen Rat, ein Tagebuch zu führen, wischt sie voller Unwillen beiseite. Einzig ihre Schulfreundin Sanna, ein immer fröhliches, optimistisches Mädchen, scheint sie zu verstehen und intuitiv richtig zu reagieren und zu handeln.

Eines Tages trifft Tally auf der Straße eine alte Frau, die sich mit Einkäufen beladen mit ihrem Rollator quält, um nach Hause zu kommen. Klar, es fällt etwas runter, das Glas mit den sauren Gurken zerschellt. Tally hilft dieser Frau nach Hause und fühlt sich in dieser altmodisch eingerichteten Wohnung, in der Gregor, ein Papagei, den Alleinunterhalter gibt, sofort heimelig. Sie trinken Tee zusammen und hier gibt es dann auch das titelgebende Marzipan, von Tally allerdings verschmäht.

Bei Frau Möller, so der Name dieser alten Dame, fühlt sie sich wohl, sie spürt keinen Druck, keine Ansprüche, wird akzeptiert, wie sie sich gibt und wie sie sich fühlt. Selbst wenn sie teilweise spontan unverständlich handelt, ist Frau Möller ihr nicht böse, sondern freut sich immer, wenn Tally sie besucht. Auf einem dieser Besuche „stiehlt“ Tally ihr das Bild eines jungen Mannes, von dem sie fasziniert ist. Es ist ein Bild aus der Jugend der alten Dame, auf einem großen Gut im jetzigen Polen aufgenommen, ein gut aussehender Mann, von dem Tally fasziniert ist. Und sie fasst den Plan, diesem Mann ein Leben anzudichten und eine Geschichte über ihn zu schreiben. Wie gut, daß sie jetzt ein Tagebuch hat!

Tage und Wochen vergehen, manchmal fühlt sich das Mädchen ganz gut, um dann im nächsten Augenblick wieder völlig in Traurigkeit zu versinken. Auch fehlt ihr der Mut, diesen geheimnisvollen Brief ihres Vaters an sie zu öffnen, den sie in seinem Schreibtisch gefunden hat… und dann ist da auch noch Timo, dieser Junge, dem sie immer wieder begegnet, nur um ihm dann schnell auszuweichen….


Der Roman hat im Grunde zwei Teile. Im ersten Teil wird sehr ergreifend und auch anschaulich die Trauer Tallys geschildert in all den Facetten, in denen sie auftreten kann. Verdrängung, Wut, Zorn, Verzweiflung findet sich, das Klammern an Rituale wie die häufigen Besuche auf dem Friedhof oder auch das archaisch anmutende Abscheren ihrer Haare, die dann im Verlauf der Handlung langsam wieder nachwachsen, ein schönes Symbol auch für das langsame Zurücktasten des Mädchens ins Leben. Der Wunsch, gehalten und umarmt zu werden, die Unbeständigkeit der Stimmung, die in Sekundenschnelle von der Trauer angesprungen werden und momentan umschlagen kann. Aber auch die unterschiedlichen Arten zu trauern, was teilweise wehtun kann, muss Tally aushalten, wenn sie beispielsweise miterlebt, wie ihre Mutter mit der Trauer umgeht. Frau Möller wird einer der Anker in dieser Phase ihres Lebens, denn Tally sieht an ihr, die durch den Krieg ihre Heimat verloren hat, die auf der Flucht unsägliches erdulden musste und die jetzt seit einigen jahren selbst verwitwet ist, daß das Leben weitergeht und man mit all diesen Erlebnissen leben kann. Interesssant ist auch der Versuch Tallys, ‚ihrem“ Eugen‘ ein heiles Leben anzudichten, denn die Geschichte, die sie schreibt, macht sich immer selbstständig und entwickelt sich, wie das wahre Leben, während des Schreibens immer anders, als sie eigentlich wollte…

Der Gegenpol zu Tally ist die erwähnte Sanna, die zu einer christlichen Gruppe gehört – wie auch besagter Timo. So gut Tally Sanna als ihre beste Freundin auch leiden kann, mit diesem ganzen Glaubenskram jedoch kann sie rein gar nichts anfangen. Trotzdem läßt sie sich ein- oder zweimal überreden, zu einem Grillfest oder zu einer Bibelstunde mitzukommen. Zwar fühlt sie sich auch hier schnell unwohl und reagiert von aussen gesehen unverständlich heftig, aber eins der Lieder, die dort gesungen wurden, beisst sich fest in ihr, kommt in den nächsten Tagen und Wochen immer wieder hoch. Es korrespondiert mit dem Bild, das sich in dieser zu durchtrauerenden Zeit in ihr herausgebildet hat, eine Insel, auf der sie lebt, vom weiten Meer umspült und weit weg vom festen Land mit dem Versuch, hier Fuss zu fassen und ein festes Haus für sich zu bauen. Und dieses Lied fordert sie nun auf, Vertrauen zu haben, und ihren Fuss auf dieses unsichere Wasser zu setzen…

Wie sich Tally mit dieser Aufforderung, die immer drängender in ihr wach wird, auseinander setzt, ist Inhalt der zweiten Hälfte des Romans. Tally ist langsam gefasster, findet mit Hilfe der Therapeutin, die sie jetzt doch besucht, einen Weg zum besseren Verständnis ihrer Mutter und auch ihre Fantasie über das Leben von Eugen, die sie in ihrem Tagebuch festhält, wendet sich jetzt zum Guten.

Zum Schluss des Romans drückt die Autorin dann noch einmal mächtig auf die Happy-End-Drüse. Na klar, Tally gesteht sich ein, daß Timo trotz seines religiösen Hintergrund ziemlich interessant ist und es gibt auch noch mal eine kleine Road-Novel-Einlage mit Frau Möller… mehr will ich aber nicht verraten, ist eh schon viel gesagt, aber nicht allzuviel verrraten….


Als Facit kann ich festhalten, daß die von mir so bezeichnete ‚erste‘ Hälfte des Romans das Phänomen „Trauer“ in seiner ganzen Vielfältigkeit, in der es sich äußern kann, sehr anschaulich, ergreifend und plastisch darstellt. Trauer ist eine Fähigkeit, die wir Menschen haben, um mit (großen) Verlusten umzugehen, sie zu akzeptieren und in unser Leben einzubauen. Trauer setzt auch Kreativität frei, so wie sich Tally Rituale schafft oder die Geschichte von Eugen schreibt. In der Trauer muss Tally lernen, daß das Leben nie wieder so wird wie es einmal war, der Tod ist endgültig und nach dem Tod hier ihres Vaters fängt für sie ein Leben an, daß sich ohne den von ihr so geliebten Vater gelebt werden muss. Das zu schaffen ist ein möglicherweise langer Prozess, den die Autorin in ihrer Geschichte von Tally sehr schön darstellt.

Im zweiten Teil flacht die Geschichte leider etwas ab, sie wird vorhersehbarer und birgt keine großen Überraschungen mehr. Das Leben Tallys normalisiert sich nicht nur wieder, auch ihre Distanz zum Religiösen nimmt ab. Und was Frau Möller angeht, drückt die Autorin am Ende mächtig auf die Tränendrüse, wenn diese in einer Art Road-Novel-Einlage noch einmal die Stätten ihrer (und des realen Eugens) Kindheit besuchen kann….

In toto also ist Die Wahrheit schmeckt nach Marzipan mit dieser eben angedeuteten kleinen Einschränkung eine unterhaltsame und auch lehrreiche Lektüre.

Anni E. Lindner
Die Wahrheit schmeckt nach Marzipan
Originalausgabe: Paperback, Francke-Buch GmbH, ca. 360 S., 2021

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars.

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