Antje Wagner: Hyde

Antje Wagner gehört zu den Autorinnen, die ich auf meinem Blog schon des öfteren mit ihren für ältere Jugendliche geschriebenen Titel vorgestellt habe ( Unland,  Schattengesicht und Vakuum) und die sich auch in diesem Genre einen guten Namen gemacht hat, Auszeichnungen, die sie für ihre Romane erhalten hat, zeigen dies. Daneben schreibt Wagner unter (offenen) Pseudonymen auch in anderen Themembereichden. Mit Hyde (https://www.hyde-das-buch.de) stellt sie jedoch wieder einen Roman vor, für den der Verlag eine Altersempfehlung ab 15 Jahren gibt, das Buch ist aber auch durchaus für Erwachsene spannend, sofern man ein paar Abstriche an der Logik der Geschichte macht… Wagner selbst ordnet ihr Buch sogar als eher ein Erwachsenenroman ein: „In meinen Augen ist es „crossover“, also ein Buch für Erwachsene, das aber auch Jugendliche lesen können.“ (persönliche Mitteilung).


Der Autorin Bücher spielen oft mit dem Unheimlichen, mit einem subtilen Grauen, so auch hier. Hyde wie Dr. Jekyll, Hyde wie Park (wenn man ihn für Natur ansehen mag), Hyde wie to hide, verstecken, verbergen, verborgen halten, verheimlichen…. schon in den ersten Absätzen merkt man auch sofort, daß in der Geschichte unter der Oberfläche des Erzählten weitere Geschichten lauern und zwar keine schönen…

Die Protagonisten Katrina, eine achtzehnjährige junge Frau, begegnet uns als Tischlergesellin auf der Walz, Begriffe wie „Kriegskasse“, „Gefangenschaft“, „mich kriegt niemand klein“ deuten darauf ebenso auf diese verborgene Dimension der Geschichte hin wie die Sprachbehinderung und vor allem die Tatsache, daß Katrina (aus deren Sicht wir die Geschichte erzählt bekommen) nie das Tuch vor ihrem Gesicht herunternimmt, außerdem noch hinkt sie. So steht sie im Schneegestöber an der Straße und hält den Daumen raus und tatsächlich hält irgendwann ein Wagen, ein vollgemülltes Auto mit einer extravagant gekleideten Frau am Steuer, Josefine, die sie zur Mitfahrt einlädt. Von ihr erhält Katrina letztendlich den Tip, es beim „Kartoffelparadies“ zu versuchen, ein Motel/Restaurant, bei dem es immer Arbeit gab. Josefine, die beim Radio eine Sendung als „Hellseherin“ hat, hatte Recht, es gab Arbeit, aber was für eine Scheißarbeit. Roland, der Besitzer mit leicht sadistischer Ader, delektierte sich daran, Katrina als eine die Gäste animierende Bedienung einzustellen. Katrina biss die Zähne zusammen und fügte sich … nicht allzulange, bis es nicht mehr erträglich war und sie mit Rolands Auto floh.

Sie hielt sich abseits der Straßen, Rolands Auto war auffällig, Schnee und Kälte nahmen zu und irgendwann stand sie vor einem Hinweisschild, das zu einer Pension leiten sollte und einen Job in Aussicht stellte: Verwalter gesucht. Doch das Haus machte einen unbewohnten Eindruck, bis auf eine räudige Katze gab es kein Leben, die Fensterläden waren zugenagelt. Da der Tank des Autos leerer wie leer war, blieb Katrina jedoch nichts anderes übrig, als in das seltsame Haus einzudringen, wenn sie in der klirrenden Kälte überleben wollte…

Katrina bleibt fürs Erste in diesem Haus und richtet sich dort ein, der Bürgermeister des Ortes ist offensichtlich heilfroh, daß sich überhaupt jemand für den Posten des Verwalters interessiert, er gibt Katrina weitgehend freie Hand bis auf die Einschränkung, daß aufgrund einer obskuren testamentarischen Bestimmung ein bestimmtes Zimmer im Haus geöffnet werden darf. Es dürfte kein Spoiler sein, wenn ich hier schreibe, daß sich in diesem Zimmer das Geheimnis des seltsamen Hauses, dessen verfallende Schönheit Katrin, die Tischlerin und Naturliebhaberin schnell erkennt, und in dem sie jetzt zusammen mit der Katze lebt und sich einzurichten versucht, verbirgt. Mit diesem kurzen Einstieg in die Geschichte ist das Eingangszenario grob umrissen und dabei möchte ich es auch belassen, um dem Buch die Spannung nicht zu nehmen.


Der zweite Teil des Romans hat – im Gegensatz zum ersten – sogar einen eigenen Titel: Das weiße Zimmer, die Zählung der Kapitel ist an dieser Stelle etwas unkonventionell, aber das tut der tatsächlich immer weiter steigenden Spannung keinen Abbruch. Schnell wird klar, daß wir hier mit zwei Geschichten konfrontiert werden: der Katrinas, die immer wieder in Rückblenden in ihr vorheriges Leben, das offensichtlich durch eine große Katastophe aus der Bahn geworfen worden ist, zurückschaut. Und dann hat auch dieses Haus eine eigene Geschichte, die sich langsam mit der Katrinas verbindet, im Grunde sogar notwendigerweise, denn sie lebt und arbeitet in diesem Haus, in dem hin und wieder Sachen geschehen, die sie sich nicht erklären kann, ja, die bedrohlich wirken. Und stetig lockt das Geheimnis um das bewusste, verbotene Zimmer… [ein fast biblisches Motiv wie das des verbotenen Baums im Paradies….]

Wagner versteht es, ihre Story (die übrigens fast tagesaktuell im Winter 2018 in der Region um Heidelberg spielt), langsam aufzubauen. Sie greift dabei auf bewährte Stilmittel zurück, indem sie beispielsweise einfach erst einmal beschreibt, ohne zu erkären und damit bei uns Lesern Fragen hervorruft, was dahinter steckt. Mit den Hypothesen, die man sich selbst macht, liegt man schnell falsch, soviel will ich verraten. Da Wagner ihre Protagonist als Ich-Erzählerin führt, die natürlich mehr – wenngleich auch nicht alles – weiß als wir Leser, die jedoch erst einmal kein Interesse daran hat, zu erklären, ist weniges in der Geschichte so, wie es auf den ersten Blick scheint, Insbesondere im zweiten Abschnitt des Romans, in dem sich die Schicksale von Katrina und dem Haus vermengen, führt dies zu einem rasant steigendem Spannungsbogen, zu dem auch der häufige Wechsel zwischen den Zeitebenen, sprich der Kindheit und frühen Jugend Katrinas und der Jetztzeit, beiträgt.

Auf Fragen gibt es Antworten, auf Rätsel Lösungen und bei Mysterien den Glauben….Wagner geht mit dem Ende ihrer Geschichte ein kleines Risiko ein: sie löst sie und damit Mysterium des verbotenen Zimmers tatsächlich auf. Die Auflösung der Geschichte des Hauses ist für ältere Leser (so wie ich einer bin) selbst ein neues Mysterium und da wir als Erwachsene ja doch eher mit der Ratio lesen und daher vllt bereit sind, eine unwahrscheinliche, jedoch mögliche Erklärung zu akzeptieren; die Auflösung, wie sie Wagner uns in Hyde anbietet, hat mich – ich gebe es zu – verwirrt… aber wie Wagner bis sie an diesen letzten Abschnitt kommt, ihre komplexe Geschichte immer schneller und atemloser werden läßt, ist beeindruckend, da habe ich das Buch auch nicht mehr aus der Hand gelegt.

Ja, es findet sich natürlich auch Moral in der Geschichte: beurteile  einen Menschen nie nach seinem Äußeren, Rachegefühle mögen verständlich sein, bringen dich jedoch nicht weiter… sie sind unaufdringlich eingebaut in die Geschichte um Katrina, die selbst ja eine Figur ist mit Ecken und Kanten, die aber im Verlauf der Ereignisse reift. Auch wenn man glaubt, das Ende der Geschichte zu erahnen, so überrascht Wagner dann doch, denn in ihrer Story ist (fast) nichts so, wie es scheint. Sicherlich läßt sich auch dies zu einem moralischen Leitfaden spinnen: sei nicht vorschnell in deinem Urteil!

Hyde ist also, kurz und schmerzlos festgehalten, ein sehr empfehlenswertes, weil unterhaltsames, intelligentes, mit vielen Wendungen in der Story bestücktes, mit interessanten Figuren bevölkertes Buch für Jugendliche und (wenn man ein paar kleine Abstriche macht,) ist es auch für jung Gebliebene sehr spannend lesend. Well done!

Antje Wagner
Hyde
diese Ausgabe: BELTZ & Gelberg, HC, ca. 406 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

 

 

 

 

 

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Wolfgang Herrndorf: tschick

tschick ist sicher einer der erfolgreichsten Romane der letzten Jahre in Deutschland. Dafür lassen sich zumindest zwei Gründe finden. Der eine ist naheliegend: die Geschichte der beiden Jungs aus Berlins Osten ist schlicht und einfach schön, sie ist gut in Szene gesetzt, sie ist einfühlsam und voller Liebe für die Figuren. Der zweite Grund des Erfolgs ist das tragische Schicksal seines Autoren: Wolfgang Herrndorf hat sich 2013 suizidiert, bevor das in seinem Hirn wuchernde Glioblastom ihm endgültig Würde und Persönlichkeit nehmen konnte. In einem Blog bzw. später auch als Buch [2] hat Herrndorf seine Krankengeschichte in selten eindringlicher und bewegender Weise festgehalten.

Der Pressestimmen und Besprechungen zu tschick (ich verwende in meinem Beitrag, sofern ich mich auf das Buch beziehe, die Schreibweise, wie sie auf dem Cover verwendet wird) gibt es viele, sehr viele. In dieser Taschenbuchausgabe musste man sogar das ansonsten leere erste Blatt mit Zitaten füllen, das war wohl der einzig freie Platz im Buch. Auf die sonst üblichen leeren Seiten am Anfang und am Ende des Buches hat man wohl aus Sparsamkeitsgründen verzichtet. Was etwas ungewohnt und auch nicht wirklich schön ist.

Aber nun zur Vorstellung des Buches, dessen Inhalt ich hier nur grob skizzieren will, er dürfte mittlerweile bekannt sein, kann auch im Beitrag zur Wiki [3] noch einmal rekapituliert werden.


Hauptperson und Erzähler ist der vierzehnjährige Gymnasiast Maik Klingenberg. Er leidet unter einem typisch pubertären Problem: er ist schüchtern, fühlt sich als Langweiler und sieht sich selbst als Aussenseiter. So sehr Aussenseiter, daß er noch nicht einmal einen Spitznamen hat. Bis auf das eine Jahr, das man ihn ‚Psycho‘ nannte, weil er in einem Schulaufsatz voller Naivität etwas über seine Mutter schrieb. Was an sich nicht schlimm gewesen wäre, nur, seine Mutter ist Alkoholikerin, daher war es dann doch irgendwie schlimm. Jedenfalls war er danach Psycho, solange, bis der Neue in die Klasse kam. Denn der mischte die Klasse irgendwie auf, indem er – nichts tat. Er ignorierte alles und jeden, wohin er mit seinen Schlitzaugen sah, ob in die Ferne oder nur an die Wand, war nicht unmittelbar zu erkennen, daß da jedoch Alkohol im Spiel war, fiel allerdings spätestens dann auf, wenn er vom Stuhl rutschte. Andrej Tschichatschow. Seit vier Jahren in Deutschland und irgendwie beginnend bei der Förderstufe bis hin ins Gymnasium gelangt. Und sofern er nüchtern war, waren seine Noten auch gar nicht mal so schlecht.

Noch einmal kurz zurück zu Maik, denn der hatte ein weiteres Problem. Wie alle anderen Jungen in der Klasse war er verknallt. In Tatjana. Nur, daß Tatjana ihn mit dem ***** nicht anschaute. Und erst recht nicht auf ihre große Geburtstagsfete einlud. Obwohl er doch ein megageiles Geschenk für sie gemacht hat. Wahrscheinlich als Einzigen auf der ganzen Schule nicht eingeladen hat.

Der Start in die Sommerferien konnte also kaum vielversprechender sein. Wenigstens war er allein, die Mutter im Trockendock, der Vater mit der Sekretärin auf … egal. Die junge Frau sah jedenfalls nicht nach Arbeit aus, als sie Vater Klingenberg abholte. Etwas schwindlig schien ihr jedoch zu sein, immerhin legte Vater den Arm und sie, um sie zu führen. Ne, war jetzt `n Witz von mir, Maik wusste schon, was Sache war und das mit dem ‚in-den-Arm-nehmen‘ noch auf dem Grundstück fand er ziemlich daneben.

Und just in dieser Situation tauchst Tschick bei ihm auf. Tschick, der das hat, was ihm fehlt: Selbstbehauptungswille, Selbstbewusstsein  – und Mut zur Lücke. Und außerdem kutschierte Tschick mit einen Lada durch die Gegend. Ausgeliehen natürlich…. Selbstverständlich war auch der ‚Mongole‘ bei Tatjana nicht eingeladen, was ihn jedoch nicht hinderte, hinzufahren. Mit Maik, der sich mit Händen und Füßen sträubte. Und Maiks Geschenk. Sie hinterließen, nicht zuletzt wegen der 180-Grad-Drehung, die Tschick mit ’seinem‘ Lada gekonnt hinlegte, einen Rieseneindruck… Adrenalin und Euphorie pur!

Nach dieser Aktion wartete die Welt auf Tschick und Maik und die beiden waren gewillt, dem Ruf der Welt zu folgen. Sie packten den Lada mit allem möglichen voll und starteten still und heimlich ihre Reise ins Irgendwo, denn wo die Walachei nun wirklich lag, wussten die beiden nicht genauer als daß es südlich war. Sie mieden die großen Straßen, nahmen schon mal ein Weizenfeld durch Durchpflügen in Kauf, erlebten Gewitter, die alles durchnässten, schliefen irgendwo im Wald und mussten feststellen, daß aufgetaute Tiefkühlpizzas eher als zum Diskuswurf denn als geniessbare Nahrung geeignet waren. Essen musste her, bloß fanden sie den blöden Supermarkt nicht. Dafür aber den ‚Kleinen Herrn Friedemann‘ (Spontanassoziation bei mir –> [4]), einen aus der Schar der Kinder einer leicht abgedrehten, aber liebenswerten Ökofamilie….

Selbst im beschaulichen Brandenburg (waren sie überhaupt noch in Brandenburg, aus Berlin jedenfalls waren sie draußen) oder wo immer sie waren, fielen zwei Vierzehnjährige, die einen schrottreifen Lada fuhren, irgendwann der Polizei auf… aber auch das Abenteuer überstanden sie unbeschadet, nur war dann plötzlich der Tank vom Auto leer…. Tankstelle, schön und gut, aber das gleich Problem wie gegenüber der Polizei und außerdem: wie tankt man eigentlich? War es vielleicht doch einfacher, das Benzin aus anderer Leute Tank abzuzapfen, weil, mit kommunalen Röhren sollte man das können…. also musste ein Schlauch her und den fanden sie mit Isas Hilfe. Isa, die erstens ohne Pause redete und zweitens stank, das jeder Iltis neidisch und den Jungs schlecht wurde. Denn ganz offensichtlich lebte Isa auf einer Müllkippe. Also schmissen die beiden dieses stinkenden Wesen kurzerhand in einen See und das Duschgel gleich hinterher. Und als sich Isa dann wusch, merkte Maik, der gar nicht wusste, wie er seine Augen nicht auf Isa richten sollte, daß Tatjana beileibe nicht das einzige Mädchen auf dieser Welt war…. und in der Nacht sind die Sterne zum Greifen nah…

Es konnte nicht für ewig gut gehen, dieser Trip der beiden Aussenseiter, der letztlich in einem großen Crash endete und da beide strafmündig waren, auch noch vor Gericht kam. Womit wir wieder beim Anfang der Geschichte wären, denn die beginnt mit Maik, der mit vollgeschifften Hosen und blutend auf der Polizeiwache sitzt und der uns dann erzählt, wie es dazu gekommen ist. Aber das habe ich ja auch schon getan…..

Quasi als kleinen Nachspann erfahren wir noch vom Ende der Familienidylle Klingenberg. Die Eltern trennen sich endgültig, die Mutter befördert im Rausch alle Einrichtungsgegenstände der Wohnung in den Pool und Maik hilft ihr. Vor der alarmierten Polizei ‚fliehen‘ die beiden auf den Grund des Pools und lassen von dort Luftblasen nach oben steigen, wo die ratlosen Polizisten stehen und ins Wasser starren….


So mit vierzehn ändert sich die Welt oder vielleicht auch nicht, möglicherweise hat man nur diesen Eindruck, weil man selbst sich ändert, man aber keine Ahung hat, was da mit einem geschieht. Man merkt, daß die Welt dort draußen auf einen wartet, auf einmal werden Mädchen interessant, aber warum zum Teufel sollten die sich für einen selbst interessieren. So jedenfalls geht es den schüchterneren unter den Pubertieren und Maik ist so einer. Da ist der Tschick schon anders, mit vielen Wassern gewaschen, hat schon so manchen Strauß mit der Welt ausgefochten, ist in gewissen Sinn komplementär zum introvertierten, langweiligen Maik.

Die Fahrt, diese Woche, die sie unterwegs sind: eine wichtige Etappe auf ihrem Weg ins Erwachsensein. Maik baut Selbstbewusstsein auf, lernt, sich zurecht zu finden, lernt auch, sich selbst auszuhalten und zu akzeptieren. Die beiden merken, daß die Welt da draußen allen Warnungen zum Trotz gar nicht so böse ist, wie man ihnen erzählt hat. Die meisten Menschen, die sie treffen, sind gut zu ihnen, wollen ihnen helfen, sind freundlich. Die Episode, die Herrndorf bei der Friedemann-Familie ansiedelt – ein wunderschönes Beispiel dafür. Auch für die Tatsache, daß den beiden vorgeführt wird, wie sehr man sich in Menschen täuschen kann, wenn man nur den ersten Blick gelten läßt…

Das Ende hat Herrndorf offen gelassen, denn selbstverständlich können Maik und seine Mutter nur begrenzte Zeit unter Wasser auf dem Poolboden hocken bleiben. Danach müssen sie sich wieder der Realität stellen. Genauso wie Tschick, den sie für ein paar Wochen in eine Heim eingewiesen haben…. für beide also ein Neustart, für den sie auch auf Grund ihrer Erfahrungen jetzt gut gerüstet sind.

Herrndorf hat diese Geschichte dem vierzehnjährigen Maik in den Mund gelegt. Die Sprache ist daher jugendgerecht und ähnelt mehr der gesprochenen Sprache als einer literarischen. Viele Dialoge und häufige Szenenwechsel halten das Lesetempo der mit vielen Spannungsspitzen gespickten Geschichte hoch: ehe man sich versieht, hat man den Roman durchgelesen. Es gibt viel Humor in der Geschichte, Maik ist ein guter Erzähler, dem Selbstironie nicht fehlt. Es gibt aber auch die leisen, melancholischen Momente, die anrühren und bewegen. Und auch wenn ich jetzt selbst schon älter bin, habe ich mich durch tschick an manches längst Vergessene wieder erinnern können (wobei mir damals eher die Rolle des Maik entsprach)…..

tschick: Ein Jugendroman auch und für Erwachsene. Der mich mit einer Frage sitzen läßt: warum nur habe ich den nicht schon längst gelesen gehabt?

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Wolfgang Herrndorf:  https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Herrndorf
[2] Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, https://radiergummi.wordpress.com/2014/02/04/wolfgang-herrndorf-arbeit-und-struktur/
[3] Wiki-Beitrag zum Roman: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschick_(Roman)
[4] Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann; https://radiergummi.wordpress.com/2014/10/12/thomas-mann-der-kleine-herr-friedemann/

2016 kam tschick dann auch als Film in die Kinos:  Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschick_(Film) und Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=Ph5NOf-di18

Wolfgang Herrndorf
tschick
Erstausgabe: 2010
diese Ausgabe: rororo, TB, ca. 255 S., 2016 (57. Aufl.)

Diana Hillebrand: Hannah lüftet Friedhofsgeheimnisse

hannah

Hannah ist ein aufgewecktes, selbstbewusstes Mädchen von zehn Jahren. Sie liebt Worte wie ‚Hannah‘, ‚Uhu‘, ‚Reittier‘ oder ‚Retter Lego Vogel‘. Palindrome nennt man solche Worte (oder Zahlen) und das Wort ‚tot‚ gehört dazu und es gefällt Hannah sehr gut, weil es auch so schön aussieht: die zwei Kreuze am Anfang und am Ende und das unendliche O in der Mitte. Andererseits: ‚der Tod‘ wird mit ‚d‘ am Ende geschrieben und was ist das überhaupt, der Tod? Seit Hannah zurückdenken kann, ist sie lebendig….. und ‚mausetot‘: auch so ein seltsamer Begriff. Es wird Zeit, daß sich jemand ernsthaft mit dem Tod befasst. Jemand wie Hannah, der Nachfragerin.

So ungefähr läßt Diana Hillebrand ihr wunderschönes Jugendbuch über das Sterben, den Tod und den Friedhof beginnen. Zusammen mit Hannah, ihrer Mutter und einem Dritten, dem Friedhofsgärtner Florian Tod, begegnen wir vielen Fragen, auf die altersgerechte Antworten gegeben werden.

Zuerst jedenfalls überredet Hannah ihre Mutter, die wie auch der Opa über das plötzliche Interesse des Kindes am ‚Tod‘ etwas erstaunt und irritiert sind, mit ihr auf einen Friedhof zu gehen. Es ist dies schon die erste Lektion Hillebrands für uns: Kinder gehen mit dem Tod erst einmal unbefangen um, er ist für sie ein Rätsel, eine offene Frage, die es zu beantworten gilt, wenn sie zum Beispiel seltsame Formulierungen lesen wie ‚ist heimgegangen‘ oder ‚ist entschlafen‘.

Hannah empfindet den Friedhof zu ihrer Überraschung als einen schönen Ort voller Leben. So viele Tiere, die sie hier sieht und hört! Und so schöne Grabsteine, zum Teil so wild überwachsen vom Efeu. Und dann dieser seltsame Mensch, der auf sie und ihre Mutter drauf zu läuft, die Mutter, die gar nicht weiß, was ihr geschieht, in den Arm nimmt und feste drückt. Aber dann erkennt sie ihn, es ist ihr früherer bester Schulfreund, der damals so schnell verschwand und den sie nie wieder getroffen hat – bis jetzt. Hannah sollte sich schnell mit dem langen Lulatsch, der auch noch Florian Tod hieß, der zudem noch auf dem Friedhof wohnt, anfreunden.

Sie besucht ihn die nächsten Tage häufig, läßt sich die Trauerhalle von ihm zeigen, erklären, wie eine Bestattung abläuft, wie auch andere Kulturen ihre Verstorbenen beerdigen. Hannah ist ganz erstaunt, wie unterschiedlich das doch ist, mal traurig, mal ernst, mal mit Musik und dann auch wieder ganz anders. So wie auch die Vorstellungen, was nach dem Tod geschieht, ob man in einen Himmel kommt, ob man dort arbeiten muss oder immer Freizeit hat…. und das ein Sarg nicht immer nur so aussehen muss wie eine Holzkiste, sondern ganz, ganz anders sein kann, bunt und wie Elefant aussehen, das erzählt Florian seiner kleinen Freundin auch.

Natürlich hat Hannah auch einen Papa, und durch diesen Papa lernt sie die Angst kennen. Der ist nämlich Kriegsberichterstatter und im Moment in Nahen Osten. Und da ist er immer in Gefahr und einmal müssen Hannah und ihre Mutter sogar ganz große Angst ausstehen. Ja, sterben hat auch was mit Angst zu tun!

Gegen die Angst vorm eigenen Sterben oder als Vorbereitung darauf hilft vielleicht die Löffelliste, von der die Mama erzählt. Uiii… alles aufschreiben, was man noch vorhat und machen will im Leben.. das macht auch Spaß! Zusammen mit Leni, ihrer Freundin, machen die beiden Mädchen so eine Liste für sich und tragen die Idee auch in die Schule. Denn trotz aller Gedanken über Sterben und Tod ist Hannah ein lebenslustige Mädchen, das ihr Leben leben will, voller Freude und Optimismus!


Die Frage von Kindern nach dem Tod hat mit der Frage, wo die Babys herkommen, zumindest eins gemeinsam: die Probleme, sie zu beantworten, liegen nicht bei den Kindern, sondern bei den Erwachsenen. Wie sag ich´s meinem Kinde…..

Hillebrands Buch zu lesen hat mir sehr viel Freude gemacht, ich halte es für einen wunderbaren Führer durch alle mit diesen Thema verbundenen Fragen. Das Buch kombiniert eine kleine, unterhaltsame Familiengeschichte mit einer kindgerechter Aufarbeitung der verschiedenen Aspekte rund um´s Sterben. Die Illustrationen von Duckstein sind bunt, fröhlich und lebendig und auf diversen Thementafeln werden Informationen aufbereitet: welche Symbole beispielsweise gibt es für den Tod, welche Arten von Bestattungen kennt man oder wie sehen rund um die Welt Grabmäler aus? Schön ist, daß in diesen Schaubildern (wie auch im Text) immer wieder auch Riten und Traditionen anderer Kulturkreise bzw Religionen erläutert werden.

Was soll ich zum Schluss sagen? Hannah lüftet Friedhofsgeheimnisse ist für mein Dafürhalten ein Buch, daß vielleicht sogar nicht nur für Kinder absolut empfehlenswert ist. Nicht nur deshalb ist es ratsam, es gemeinsam mit den Kindern zu lesen.
Ich freue mich, daß ich durch madameflamusse [1] auf das Buch aufmerksam geworden bin.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Besprechung des Buches von madameflamusse:  https://reingelesen.wordpress.com/2016/11/30/friedhofsgeheimnisse-erklaert/

zum Buch gibt es einen Video-Trailer bei youtube

Weitere Buchvorstellung vom mir zum Themenkreis: Krankheit, Sterben, Tod und Trauer sind über dieses Autorenverzeichnis zugänglich: https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Diana Hillebrand
Hannah lüftet Friedhofsgeheimnisse
Eine Geschichte über den Tod und was danach kommt
Mit Illustrationen von Stefanie Duckstein
diese Ausgabe: Kösel, HC, ca. 160 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Frances Hodgson Burnett: Der kleine Lord

lord

So berühmt, wie der gleichnamige Film mit Alec Guinness und Ricky Schroder aus dem Jahr 1980 ist [2], brauche ich eigentlich den Inhalt des Buches hier gar nicht wiedergeben, er gehört wohl zum Allgemeingut: so wie steter Tropfen den Stein höhlt, so weicht naive Unschuld und der Glaube an das Gute im Menschen auch noch das verhärteste Herz eines Misanthropen auf. Nun denn..

Verfasst wurde dieser Jugendbuchklassiker von der 1849 in England geborenen und 1865 nach dem Tod des Vaters mit ihrer Familie in die USA ausgewanderten Frances Hodgson Burnett [1], die insgesamt drei solcher Jugendbücher verfasst hat. Um jetzt doch noch einmal auf den Film zurückzukommen: im Film schließt die Handlung mit einem großen Fest, dem Weihnachtsfest nämlich. Dies entspricht nicht der Buchvorlage, auch wenn die dem Roman inhärente Botschaft durch das Weihnachtsfest gut wiedergegeben wird: Nächstenliebe, der Glaube an das Gute im Menschen, Versöhnung und auch Erlösung, des alten Grafen nämlich von seiner Menschenfeindlichkeit. Im Buch von Burnett ist das abschließende Fest profaner: es ist schlicht und einfach der achte Geburtstag des kleinen Lords, der im Kreise aller gefeiert wird. Aber zugegeben, ein Weihnachtsfest vermarktet sich besser und verwandelt die Handlung des Buch nolens volens in ein feiertagstaugliches Erlebnis.


Um das Nachschlagen zu ersparen, mach ich´s jetzt doch und fasse den Inhalt kurz zusammen:

Cedric Errol ist ein siebenjähriger Junge in New York. Vom Aussehen her muss er einem Engel gleichen, vom Wesen her ebenfalls. Er lebt zusammen mit seiner Mutter und dem Kindermädchen Mary in bescheidenen Verhältnissen. Der Vater des Jungen ist an einer schweren Krankheit gestorben, daher sieht Cedric seine Aufgabe jetzt darin, die Mutter zu trösten. Cedric ist bei aller Vollkommenheit dann doch ein normaler Junge, der mit anderen Jungs tobt, der aber Freunde unter den Erwachsenen hat, zum Beispiel den Kolonialwarenhändler Mr. Hobbs, mit dem er die Nachrichten aus den Zeitungen diskutiert und dem er seine streng republikanische Gesinnung zu verdanken hat.

Daß Cedric und seine Mutter unter bescheidenen Bedingungen leben müssen, hat einen Grund, denn Cedrics Vater, der dritte Sohn eines reichen englischen Adligen, dem  Earl of Dorincourt, wurde der Heirat mit einer Amerikanerin wegen verstoßen. Man ahnt es: der alte Earl hat den Bewohnern der abtrünnigen Kolonie gegenüber eine prinzipiell negative Einstellung. Da aber seine zwei älteren Söhne zum einen rechte Taugenichtse waren und zum anderen sowieso früh verstorben und damit tot sind, fällt der gesamte Besitz des alternden Großvaters der Erbfolge nach an seinen Enkel Cedric. Um diesen wenigstens halbwegs zu erziehen schickt er seinen Notar, einen gewissen Mr. Havisham los, Cedric, den ab jetzigen Lord Fauntleroy mitsamt seiner verachteten Mutter nach England auf sein Schloss zu holen, bzw. die Mutter wird, weil ihr das Betreten des Schlosses verwehrt wird, in einem anderen Gebäude auf dem riesigen Anwesen einquartiert.

Als Cedric auf dem Schloss eintrifft, quält den alten Großvater wieder einmal die Gicht, die sowieso schon Nullpunktslaune sinkt dadurch noch tiefer. Und dann die Sorge, dieser amerikanische Bastard könne auch äußerlich ein Scheusal sein….. daß seine Erziehung nichts tauge, stand für den Alten von vornherein fest. Die Bediensteten des Grafen, die um dessen Laune wussten, bedauerten den kleinen Lord, der sich jedoch, von der Mutter ermuntert, darauf freute, den Großvater kennen zu lernen und der völlig unbefangen in seiner offenherzigen Art auf den alten Mann zugeht…

Es kommt so, wie es kommen muss… der alte Graf findet Gefallen an dem munteren Bürschchen, will sich´s selbst gar nicht so recht eingestehen, er spielt mit ihm lustige Brettspiele und geht mit grimmiger Miene sogar auf die menschenfreundlichen Anregungen des Jungen ein, mit denen dieser Bitten der Untergebenen des Grafen nachkommt. Die Menschen können´s kaum fassen, wie sich der gefürchtete Graf auf einmal benimmt, zumal Cedric nicht müde wird, den Leuten gegenüber die Güte des von ihm bewunderten Großvaters zu loben….

Es sollte noch eine Krise geben in diesem kleinen Rührstück, eine Krise allerdings, aus der wiederum Gutes entsteht. Es taucht nämlich plötzlich eine Person weiblichen Geschlechts auf, die behauptet, für kurze Zeit mit einem der Söhne verheiratet gewesen zu sein und die ihrerseits eine Frucht dieser Ehe, vulgo: einen Sohn, präsentieren kann. Porca miseria, wie der Italiener jetzt rufen würde, miseria ladra! Um diese vertrackte Situation, die den alten Grafen brutalstmöglich erzürnt und in Wut bringt, während der kleine Lord sie mit rechtem Gleichmut angeht, aufzulösen, müssen die alten republikanischen Freunde Cedrics aus Amerika eingreifen…. und das Gute dieser Komplikation ist, daß der Graf jetzt endlich erkennt, welches Goldstück seine Schwiegertochter doch ist….

Ende gut, alles gut! Und wenn sie nicht gestorben sind, so feiern so noch heute Weihnachten oder auch Geburtstag….


So rührselig das Stück auch ist, so kann man doch ebenfalls einiges an Zeitgeschichte herauslesen. Bei der Erstveröffentlichung des Buches lag der Unabhängigkeitskrieg der USA gut ein Jahrhundert zurück, die Ressentiments, die Vorurteile gegen die jeweils andere Seite kommen deutlich heraus. Der Engländer, der die Bewohner der abtrünnigen Kolonie für ungebildet, roh, hinterwälderisch und aufrüherisch hält, während er (bzw. genauer, die aristokratische Schichte) selbst als dekadent und wahrer Menschenunterdrücker gilt. Da die Autorin beide Seite kannte (in England geboren, in die USA ausgewandert), dürfte diese Bündelung von Vorurteilen wohl den damaligen Tatsachen entsprechen. Sie löst diese jedoch im Lauf der Geschichte auf, Mr. Hobbs, der eingefleischte Republikaner und Verächter der Aristokratie modifiziert seine Meinung genauso wie auf der anderen Seite der Earl. Beide werden nicht gerade Herzensfreunde, aber kommen doch, nachdem sie sich erst einmal kennen gelernt haben, gut mit- und nebeneinander aus.

Mich hat die Geschichte in gewisser Weise an The Chrismas Carol von Dickens [3] erinnert. Hie wie dort ein hartherziger Mensch, einsam und von den anderen verachtet und gefürchtet. Während bei Dickens eine Art schwarzer Pädagogik zu Wandelung führt, indem Mr Scrooge die schlimmen Konsequenzen seines verbitterten Herzens vor Augen geführt werden, wird hier die Wandlung durch pure Liebe vollzogen: die unerschütterliche Zuneigung des Enkels zu seinem Großvater verhindert einerseits, daß dieser seinen Enkel genauso schlecht behandelt wie die anderen Menschen und sie weicht sein Herz langsam, aber sicher auf…. und beide, Ebenezar und der Earl sind über dieses neue, unbekannte Gefühl, das sie in sich spüren, dieses Gefühl der Menschenliebe, einfach nur glücklich. schnief.

Die 'Schlussszene', in der der Earl die bis dato ignorierte Mutter besucht und sich entschuldigt Beispiel für die Illustrationen im Buch Bildquelle: [B]
Die ‚Schlussszene‘, in der der Earl die bis dato ignorierte Mutter besucht und sich entschuldigt
Beispiel für die Illustrationen im Buch
Bildquelle: [B]

Eigentlich ist ein Titel wie Der kleine Lord keine typische Lektüre für mich, ich habe mich da (ich kenne den Film nicht…) in die Irre führen lassen. Habe ich ein Buch erwartet im Stile von Mitford oder Waugh? Vielleicht…. nun, dann habe ich mich getäuscht, denn natürlich ist Der kleine Lord eher ein Rührstück für die Tränendrüse. Andererseits: warum nicht? Warum nicht einfach mal eine Art modernes Märchen lesen, sich in diese Geschichte hineinfallen lassen, mitverfolgen, wie ein Mensch sich wandeln kann und mit der Autorin die Unschuld eines engelgleichen Jungen feiern. Und warum sollte man dies nicht gerade auch zu Weihnachten tun, die Welt ist realistisch genug, so daß man sich ruhig einmal eine kleine Flucht gönnen sollte. So habe auch ich mich nach einigen Seiten ‚in mein Schicksal ergeben‘ und die Geschichte mit zunehmenden Gefallen gelesen. Zumal sie in dieser schönen Ausgabe des homunculus-Verlages, stilecht in der Bodoni-Antiqua gedruckt und mit den Illustrationen der Originalausgabe (siehe Abbildung) versehen, dargeboten wird. Es handelt sich um den leicht überarbeiteter Text der deutschen Erstübersetzung, wenngleich ich hier einfach einen Kritikpunkt anbringen muss, der mich bis zum Schluss des Buches (sehr) irritiert hat: im Bemühen, die traurige Mutter nach dem Tod ihres Mannes wieder glücklich zu machen, orientiert sich der Knabe am Wesen und Verhalten seiner verstorbenen Vaters. Unter anderem also nennt er seine Mutter ‚Liebste’… vielleicht bin ich zu empfindlich, aber mit dieser Anrede eines Siebenjährigen an seine Mutter habe ich das ganze Buch hindurch gehadert ….

Trotz dieser kleinen Eintrübung des Lesevergnügens ist jedoch festzuhalten, daß dem Verlag hier ein wunderschönes Buch gelungen ist, das wohl nicht zufällig kurz vor Weihnachten herausgegeben worden ist. Möge ihm Erfolg beschieden sein!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Frances_Hodgson_Burnett
[2] Wiki-Beitrag zum Film:  https://de.wikipedia.org/wiki/Der_kleine_Lord_(1980)
[3] Charles Dickens: Der Weihnachtsabend; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2012/11/30/charles-dickens-der-weihnachtsabend/

Bildquelle [B]: By Reginald Bathurst Birch (1856-1943) (scanned book (archive.org)) [Public domain], via Wikimedia Commons

Frances Hodgson Burnett
Der kleine Lord
Übersetzt aus dem Englischen von Emmy Becher
behutsam bearbeitet von Laura Jabobi
Originalausgabe: Little Lord Fauntleroy, 1886
diese Ausgabe: homunculus-Verlag, HC, 288 S., 2016
(Verlagsangabe: Die Ausgabe enthält alle 26 Abbildungen der Illustrationen von Reginald Bathurst Birch (1856–1943) aus der englischen Originalausgabe sowie mehrere Schmuckinitialen. Die deutsche Erstübersetzung wurde behutsam überarbeitet; es handelt sich um eine ungekürzte Fassung.)

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Jules Verne: Reise um die Erde in 80 Tagen

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Im Jahr 1869 wurde der Suezkanal eröffnet, der den Seeweg von Europa nach Indien und weiter nach Südostasien erheblich verkürzte, um bis zu 40 %. Ein Jahr später schon durchquerte George Francis Train [4] den Kanal auf seiner Weltreise von New York durch Amerika über den Pazifik, über Asien nach Europa und wieder zurück nach New York. Für diese Reise brauchte der 1839 in Boston geborende Amerikaner genau 80 Tage, der Trip war Vorbild für den vorliegenden Abenteuerroman von Verne, der wiederum drei Jahre später, 1873, erschien. Train (welch passender Name…) war über diesen Roman not amused, es wird als Reaktion von ihm der Ausspruch „Ich bin Phileas Fogg!“ kolportiert.

Phileas Fogg also. Ein insofern exzentrischer Engländer, als daß er eher als ein menschliches Metronom lebt: sein gesamter Tagesablauf ist penibelst auf die Minute durchgetaktet und dieser Zeitplan wird strengstens durchgehalten. Fogg ist nicht arm, er kann es sich leisten, in einem der vornehmnsten Clubs Londons, dem Reform-Club, zu residieren, wie er privat lebt, weiß ausser seinem Diener niemand und den hat er heute entlassen, da dieser das Rasierwasser um 2 Grad Fahrenheit zu kalt bereit gestellt hatte. Als Ersatz hatte sich ein Franzose namens Jean Passepartout beworben, der sich am 2. Oktober bei Fogg vorstellte, eingewiesen wurde und seinen Dienst antrat.

Just an diesem Tag geschahen zwei Dinge im Club: zum einen diskutierte man über einen frechen Bankräuber, der bei der Bank of England 55.000 Pfund erbeutet hatte und zum anderen las man eine Zeitungsmeldung, daß es mittlerweile durch die Verbesserung der Verkehrsmittel möglich sei, in nur 80 Tagen eine Reise um die Welt vorzunehmen.

Zwischen Zweifel und Überzeugung unter den Herren gab sich ein Wort auf´s andere und schließlich bot Fogg den übrigen Herren die Wette an, diese Behauptung höchstselbst zu beweisen und dazu die Summe von 20.000 Pfund in die Wette einzubringen. Man nahm die Wette an und Phileas Fogg durchbrach seine Lebensgewohnheiten, verließ den Club vorzeitig, hieß seinen völlig überraschten neuen Diener das Notdürftigste einzupacken und mit ihm sofort abzureisen…

Was nun folgt, ist in vielen handlichen kleinen Abschnitten eine Beschreibung der Reise. Ich will diese nicht in allen Einzelheiten wiedergeben (unter [1] findet man einen reichen Schatz an Infos, was den Roman angeht), die wichtigsten Stationen sind nach dem Start um 08:45 Uhr in London Brindisi, Suez, Aden, Bombay, Allahabad, Kalkutta, Singapur, Hongkong, Shanghei, Yokohama, San Francisco, New York, Dublin, Liverpool und am 21. Dezember, 08:50 Uhr wieder London.

Es geht, schließlich ist es ein Abenteuerroman, nicht ohne Komplikationen ab. Die erste ist schon, daß es einen unerkannten Verfolger gibt. Unglückseligerweise nämlich trifft die Beschreibung eines Verdächtigen, der bei diesem ominösen Bankrauf aufgefallen war, haargenau auf Mr Fogg zu, so daß einer der Polizeiagenten von der Idee besessen ist, Fogg sein der Bankräuber und ihm hinterher reist. Dieser Mr Fix schleicht sich in das Vertrauen Passepartouts ein, tätig werden, i.e. Mr Fogg verhaften, kann er jedoch nicht, da der Haftbefehl aus London nie rechtzeitig an der jeweiligen Station eintrifft. So reist er notgedrungen weiter mit den beiden bzw. fährt diesen hinterher.

Die Zeitungen melden viel, wenn der Tag lang ist. So ist auch zur Überraschung aller Reisenden die als fertig gemeldete Bahnstrecke durch Indien durchaus noch nicht fertig, einige -zig Meilen liegen zwischen den beiden Endstücken. Aber Fogg hat ein fast unschlagbares Argument auf seiner Seite: Geld. Er führt praktisch seine gesamten Ersparnisse mit sich und kann sich so großzügig aus (fast) allen Schwierigkeiten herauskaufen. Auf diesem etwas abenteuerlichen Teilstück ihrer Reise befreien die zwei Weltumfahrer kurzerhand auch noch eine wunderschöne junge Frau, die von fanatischen Hindus als Witwe eines Radschas mit dessen Leichnam verbrannt werden soll…. Dies kann ein Gentleman selbstverständlich nicht dulden und fortan begleitet Aouda die zwei, durch die Umstände des Schicksals verfügt, auf dem Rest der Reise…

So gab es der Hemmnisse viele. In Kalkutta erreichte Mr Fix, daß sich die beiden Reisenden vor Gericht verantworten mussten, da sie einen Tempel mit Schuhen betreten hatten. Die hohe Kaution, die zu zahlen war, hinderte Fogg keineswegs, stande pede mit Passepartout nach Singapur abzufahren.

Durch eine weitere Schlechtigkeit gelingt es Fix (er macht Passepartout mit Opium berauscht, so daß Fogg und Auoda ihn suchen und darob ihr Schiff verpassen) Herrn und Diener zu trennen. Doch Fogg wäre nicht der kühle Rechner, gelänge es ihm nicht, mit seinem Geld ein kleines Boot zu chartern, das zwar einen Taifun stand halten muss, aber mit dem er dann sein Schiff  in Japan wieder erreicht. Dort trifft er auf abenteuerlicher Weise auch auf wieder auf seinen Diener.

In Amerika angekommen sollten die Probleme eigentlich überwunden sein und eine geruhsame Restreise angetreten werden können. Weit gefehlt! Man gerät in eine üble Massenschlägerei (bei der Wahl eines Friedensrichters), muss mit dem Zug über eine zusammenbrechende Brücke rasen, wird von Indianern überfallen, die zu allem Überfluss Passepartout entführen. Durch die Befreiungsaktion verlieren die Drei sehr viel Zeit und im Hafen von New York liegt nur noch ein Schiff, das in Frage kommt für eine Überfahrt, leider weigert sich der Eigentümer hartnäckigst, seine Fahrt nach England umzuleiten… Kurzerhand kapert Fogg das Schiff, besticht die Besatzung und setzt den Kapitän fest…. die Überfahrt selbst ist alles andere als gemütlich und Fogg beweist eine enorme Improvisationsgabe, um überhaupt in England anzukommen….

.. dort geht die Hatz weiter, aber hier erreicht Mr. Fix sein Ziel: englischer Boden, englischer Haftbefehl: Fogg wird verhaftet. Bis Fix dann feststellt, daß der wahre Dieb schon vor einigen Tagen ins Gefängnis geworfen worden ist, vergeht viel Zeit, zuviel: auch brutalstmöglichst rasend erreicht Fogg erst um 08:50 Uhr sein Ziel, 5 Minuten zu spät….

Reiseroute von Ph. Fogg und seinem Team Bildquelle: [B]
Reiseroute von Ph. Fogg und seinem Team
Bildquelle: [B]
In der Saville Road, im Hause Fogg, herrscht tiefe Trauer, Fogg ist ein armer Mann, der all seine Mittel ausgegeben hat und den Rest jetzt als Wettschuld verlor. Doch das stört Auoda nicht, sie hält um seine Hand an, hat sie sich doch im Lauf der letzten Wochen immer mehr diesem Mann im Herzen genähert…. Fogg schickt daraufhin Passepartout, das Aufgebot zu bestellen, doch bald ist der Diener aufs höchste aufgeregt wieder zurück und schleift seinen Herrn eiligst in den Club, den dieser schließlich unter lautem Jubel der Anwesenden um 08:44:55 Uhr betritt…. „Ich bin da, meine Herren.

Was war geschehen? Da es überall steht, verrate ich es hier auch: durch die Reise nach… ach, ich verrate es doch nicht. Ich wusste beim Lesen selbst nicht, wo der Trick lag, und es war ein zum Schluss schönes Aha-Erlebnis: „Ja, klar, da hättest du auch drauf kommen können!“


Ein Abenteuerroman – natürlich. Aber auf den zweiten Blick dann aber noch mehr. Ein Loblied auf das Geld, den Materialismus. Denn „Money makes the world go around„, Phileas Fogg mit seiner prall gefüllten Tasche, aus der er nach Bedarf frei- und großzügig die Pfundnoten verteilt, um das, was er gerade braucht, wenn notwendig, zu kaufen: Elefanten ebenso wie Schiffe, Menschen so wie Tiere…. je mehr Geld, desto höher der Anreiz, selbst hartnäckige Widerstände werden letztendlich unter dem Ansturm des Pfundes bröselig. Und der Gegenüber läßt sich gerne kaufen, nimmt das angebotene Geld und geht dafür auch Risiken ein, die er normalerweise nicht eingehen würde…. So wird im Roman Geld das Medium, das alle Widerstände bricht, das alles möglich macht: alles ist käuflich, es ist nur eine Sache des Preises.

Die Zeit um 1870 war noch die Zeit, in der das Britische Empire in großer Blüte stand. Obwohl Verne ja Franzose war, klingt dies in seiner Geschichte durchaus durch, wir reisen mit Fogg und Passepartout, später auch mit Auoda, durch viele Kolonien, die oftmals noch mit wilden Eingeborenen, die blutrünstigen Riten anhängen, bevölkert sind. Andererseits achten die Briten, um die Eingeborenen Inder nicht zu Widerstand zu reizen, viele religiöse Riten, die beiden Protagonisten lernen dies schmerzlich kennen. Aber auch die Amerikaner werden als „wildes“Volk beschrieben, hart, aber herzlich: ausgerechnet bei der Wahl des Friedensrichters brechen die beiden konkurrierenden Parteien eine Massenkeilerei vom Zaun. Und immer halsbrecherisch mit Mut zur Lücke. Würde man diese Passagen (speziell die, die in Asien angesiedelt sind) intensiver studieren, ergäbe sich unter Umständen sogar ein Vorstellung über das Bild, das man sich zur damaligen Zeit über die britischen Kolonien bzw. Asien machte….

An einer Stelle jedoch geht Verne auf Distanz zu den Briten, nämlich in Hongkong. Dort wird – wir erinnern uns – Passepartout von Fix mit Opium ausser Gefecht gesetzt, dieses Opium wird von den Briten an die Chinesen verkauft mit dem Ergebnis, das ein ganzes Volk in einen kollektiven Dämmerzustand gerät und der Niedergang Chinas als asiatische Macht eingeleitet wird.

Der Roman liest sich, Grundvoraussetzung für einen Abenteuerroman, sehr gut und spannend, auch wenn Verne einzelne Etappen zum Teil sehr minutiös beschreibt. Aber die Handlung hat hohes Tempo und läßt wenig Raum für Abschweifungen, auch entwickelt Verne eine gehörige Portion Fantasie (bzw. schenkt sie seinem Protagonisten), mit der er aus ausweglos erscheinenden Situationen noch ein Schlupfloch findet. Warum aber ausgerechnet seine Hauptperson eine dermaßen (nach aussen hin) gefühlsarmen und einem Uhrwerk gleichenden Charakter hat, das ist mir ein Rätsel geblieben. Exzentrik hin, Exzentrik her: ich befürchte, wenn Auoda kein Wunder vollbrachte, wird sie nicht glücklich geworden sein….

„Reise in 80 Tagen um die Welt“: ein immer noch mit großem Spaß lesbarer Roman. Auch für Erwachsene!

Links und Anmerkungen:

[1] Jules Vernes „Voyages extraordinaires“: http://www.j-verne.de/verne14.html
[2] Wiki-Beitrag zum Buch: http://de.wikipedia.org/wiki/Reise_um_die_Erde_in_80_Tagen
[3] Jules Verne: In 79 Tagen um die Welt (Übersetzt von Volker Dehs) in: http://www.zeit.de/2003/08/Verne-Vortrag vgl. dazu auch: Christoph Drösser: Der geografische Verlauf der Zeit, in: http://www.zeit.de/2003/08/N_Datumsgrenze
[4] Wiki-Beitrag zu George Francis Train: http://de.wikipedia.org/wiki/George_Francis_Train

[B]ildquelle: Karte: [1], von Roke (Self-published work by Roke) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D, via Wikimedia Commons

Jules Verne
Reise um die Erde in 80 Tagen
mit Scherenschnitten von Sarah Schiffer
Übersetzt aus dem Französischen von Gisela Geisler
Originalausgabe: Le tour de monde en 80 jours, Paris, 1873
diese Ausgabe: Büchergilde Gutenberg, HC, ca 310 S., 2004

Ein Nachtrag, den ich Harald Sack von Biblionomicon (http://biblionomicon.blogspot.com) verdanke: Schon 1889 versuchte sich die Journalistin Nelly Bly an dieser Weltumrundung, die sie auch in deutlich kürzeren 72 Tagen bewältigte! Link: z.B. hier: http://www.nellieblyonline.com/bio#what