Antje Wagner: Vakuum

Das Ausgangskonstellation in diesem neuesten Roman von Antje Wagner, Vakuum, ist nicht ganz unbekannt. Schon in ihrem „Unland“, den ich vor einigen Wochen hier vorgestellt habe, begegnet sie uns: eine Gruppe von Jugendlichen mit jeweils problematischen Punkten in ihrer bisherigen Biographie sind durch ein gemeinsames Schicksal verknüpft. Noch befinden sie sich an unterschiedlichen Wohnorten, weit auseinander, aber durch diverse Botschaften werden sie zusammengeführt und ihre Gemeinsamkeit begegnet ihnen dann in Form eines nicht fassbaren Feindes, mystisch, unerklärbar und alles verschlingend…

….aber der Reihe nach.

Der Roman beginnt mit der 16jährigen Kora, die eine Jugendstrafe in einer Jugenstrafanstalt verbüsst, weswegen bleibt unklar. Wagner schildert ihren Alltag, die tödliche Routine des langweiligen Tagesablaufs, das Nervende der Zellengenossin, die fehlende Privatsphäre und der Druck, der sich in dem Mädchen, das sich von ihren Schicksalsgenossinnen abseits hält, dadurch aufbaut. Ein Brief beschäftigt sie im Moment, eine mysteriöse, verschlüsselte Botschaft warnt sie vor dem Nebel und fordert sie auf, auf eine Tamara zu warten.

Hannes, ebenfalls 16 Jahre alt, schleppt an einer schweren Last, deren Ursache ein paar Monate zurückliegt. Sie ist so schwer, daß er sich sogar von seiner Freundin Emma trennt…

Alissa, 18jährig, und der jüngere Leon sind Geschwister. Aber während Leon seiner Schwester jeden Wunsch von den Lippen abliest, weist diese ihn unnahbar und schroff zurück. Ihr, beiden, geht Nina nicht aus dem Sinn..

Und Tamara, mit 13 die jüngste, bekommt endlich die Nachricht von Adoptionsbüro, wer ihr Auskunft über ihre biologischen Eltern geben könne. Heimlich macht sie sich mit dem Zug auf den Weg an die angegebene Adresse, wo eine gewisse Kora wohnen soll….

Die Geschichte spielt an wenigen Tagen eines heißen Augusts in einem bis dahin verregneten Sommer, ja, man kann sogar die genaue Uhrzeit nennen, zu der sie spielt, denn zu dieser Zeit bleiben alle Uhren stehen. Bis auf Kora, die ja in der Jugendstrafanstalt sitzt, befinden sich alle unsere Hauptpersonen zu dieser Zeit in Mannheim oder in der Nähe, durch die schon erwähnten Botschaften werden sie schließlich in der von einer Sekunde auf die andere menschenleer gewordenen Stadt zusammengeführt. Sie sind die einzigen Menschen, die es in dieser rätselhaften Welt, in der die Sonne nicht mehr untergeht, noch gibt… Vor allem Alissa behält den Überblick, sie beschließen, zu der Adresse zu fahren, zu der Tamara unterwegs war. Dort treffen sie im letzten Moment ein und finden eine schwerverletzte, blutüberströmte Kora in einem menschenleeren, völlig verlassenen Gefängnis.

Sie sind jetzt zu fünft, eine weitere Spur führt sie nun in den Osten Deutschlands, in den Ort, in dem Alissas und Leon mit ihren Eltern wohnten, bevor das mit Nina geschah…

Es ist keine Spazierfahrt durch dieses Land, in dem es keine Menschen mehr gibt, in dem die Autos auf den Straßen stehen, die Geschäfte offen sind wie die Wohnungen in den Städten… ihr Feind verfolgt sie und er ist bösartig und voller Tücke. Es ist der Nebel, der sie einhüllt und zu verschlingen droht, der ihnen den Atem nimmt und sie zerdrückt… Sie treffen auf ihn, bzw er findet sie und sie entkommen ihm nur sehr, sehr knapp…. endlich erreichen sie ihr Ziel…

Wagner beginnt ihren Roman mit einer recht ausführlichen Schilderung des Lebens ihrer Protagonisten. In diesen Lebensgeschichten deutet sie nur an, sie gibt Hinweise, legt Spuren, Fragen läßt sie offen im Raum stehen. Derart baut sie langsam, aber sicher einen Spannungsbogen auf, der dann in der zweiten Romanhälfte steil ansteigt. Auch hier eine ganze Menge Unerklärliches, Übernatürliches, Mystisches, aber sie gibt uns als Leser auch Hilfen („Du bist Ellens Angst„), die wir vllt im ersten Augenblick gar nicht verstehen…

Lassen wir die Unmöglichkeit der Phänomene, die Wagner schildert, dem Verschwinden aller Menschen, der immer scheinenden Sonne, dem unheimlichen und gefährlichen Nebel, mal beiseite und nehmen sie als Bild. Wofür könnte es stehen? Spiegeln wir dafür die Warnung, die Kora bekam: „Meide den Nebel!“ wird dann zu „Suche das Leben!“ [Leben ist gleich Nebel rückwärts gelesen]…

Alle unsere Helden haben ihre Probleme, Krankheiten, ihre Herkunft, schlimme Erlebnisse oder Taten… dies lastet auf ihren Seelen und bedrückt sie, erdrückt sie, erstickt sie, hüllt sie ein, isoliert sie von einem „normalen“ Leben. Nie haben sie bisher über diese Seelenlast, an der sie so schwer tragen, geredet… wie unter einer Glocke sitzen sie mit ihrem Schicksal alleine da. So ist der Nebel, der sie in der von Wagner geschaffenen seltsamen Welt verfolgt und zu vernichten droht, ein Bild für ihre Last, ihre Bedrückung, ihre jeweiligen Ängste, die sie zu überrollen drohen, die drohen, ihnen das Leben zu nehmen. Um wieder ins Leben zurückzukommen, müssen sie sich diesem Nebel stellen, man kann das „Meide den Nebel!“ also lesen als „Vermeide den Nebel!“ im Sinne von „Vermeide, daß es ihn überhaupt gibt!“. Und tatsächlich, im Verlauf dieser Horrorfahrt zum alten Wohnort Alissas und Leons fangen die fünf an zu reden, sich ihr Schicksal zu erzählen, Vertrauen zueinander zu fassen… und sie merken, daß die Last dadurch nicht weggenommen wird, aber leichter zu tragen ist….

So bleiben zwei Botschaften der Geschichte. Die eine ist die, daß man seinen Problemen, seinen Ängsten, seiner Trauer nicht davon laufen kann, weil man sie auf der Flucht unweigerlich mitnimmt, sie sitzt ja ganz innen drin und vergeht nicht, wenn  man wegläuft. Im Gegenteil, sie kann jederzeit auftauchen, einem auflaueren, über einen herfallen und einen ersticken. Um gesund zu bleiben, am Leben zu bleiben, muss man sich dem allem stellen, sich auseinandersetzen und lernen, damit zu leben. Die zweite Botschaft ist, daß dies nicht allein gelingen kann oder zumindest sehr schwer ist. Man schafft es jedoch, wenn man sich anderen anvertraut, wenn man andere Menschen sucht, die einen begleiten und einem beistehen….

Zum Schluss, als die fünf am Ziel ihrer Reise angekommen sind, klären sich für sie die Vorgänge. Ob die Erklärung, die Wagner für alles gibt, wirklich eine Erklärung ist oder das mystische Geschehen nur in eine andere Dimension schiebt, mag dahin gestellt sein lassen, Raum für weitere oder andere Interpretationen der Geschichte läßt sie allemal. So ist der Autorin mit ihrem bewährten Rezept erneut ein Buch gelungen, daß Untiefen der menschlichen Innenwelt in mystische Bilder und Vorgänge überträgt und den Leser fesselt. Geschrieben ist das Buch natürlich nicht in erster Linie für meine Altersgruppe, sondern für Jugendliche. Insofern ist es für mich schwierig, zu beurteilen, ob dieser Roman auch für junge Leute spannend ist und gut geschrieben. Vorstellen kann ich es mir, denn Wagner bevorzugt eine geradlinige und klare Formulierungsweise, meidet komplizierte Satzkonstruktionen und geschraubte Formulierungen, sie schreibt szenisch, dadurch gewinnt die Geschichte ein hohes Tempo, das sie auch den gesamten Roman über durchhält, so daß man ihn gar nicht aus der Hand legen will, bis man ihn endlich ausgelesen hat.

Weitere Bücher von Antje Wagner bei aus.gelesen sind Unland und Schattengesicht

Antje Wagner
Vakuum
Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher, HC, 364 S., 2012

Ich bedanke mich beim Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.

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3 Kommentare zu „Antje Wagner: Vakuum

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