Charles Dickens: Der Weihnachtsabend

30. November 2012

„Die Wege der Menschen deuten ein bestimmtes Ende voraus, auf das sie hinführen, wenn man auf ihnen beharrt. Aber wenn man von den Wegen abweicht, ändert sich auch das Ende.“

In der Erzählung „Der Weihnachtsabend“ [1]  begegnet uns eine Wandlung der besonderen Art: der geizige und mitleidslose, nur auf sein Geld fixierte Geschäftsmann Ebenezar Scrooge wird am Heilig Abend mit seinem Schicksal konfrontiert. Bevor dies geschieht, führt ihn uns Dickens jedoch in seiner ganzen seelischen Verhärtung vor, beschreibt ihn uns und schildert uns seinen Charakter. Seinen armen Schreiber Cratchit läßt er trotz eisiger Kälte bei einem kaum noch selbst von der Fantasie erkennbaren Glimmen der Kohle in der Feuerstelle arbeiten, seinen Neffen, der ihm einen fröhlichen Weihnachtsgruß geben will, wirft er mit dem Wort „Possen“ hinaus und dem Sammler milder Gaben für die Bedürftigen erwidert er nur: „Gibt es denn keine Gefängnisse mehr?“

Diesem Menschenverächter, der schließlich sein armseliges Kontor verriegelt und durch die kalte Nacht in seine ebenso kalte und armselige Unterkunft geht, erscheint dort der Geist seines vor sieben Jahren verstorbenen Partners Marley. Er hat es nicht einfach, dieser Geist Marley, sein Schicksal, das er sich zeit seines Lebens strickte hängt an ihm wie eine Kette und zwingt ihn zum ruhelosen Umherwandern. Er warnt Scrooge und kündigt ihm den Besuch dreier weiter Geister an..

.. und so geschieht es. Dem angsterfüllten Scrooge erscheinen zur jeweils angekündigten Stunde Geister: der der vergangenen, der gegenwärtigen Weihnacht und als letzter der zukünftigen Weihnacht. Sie führen ihn zurück in die Zeit seiner Kindheit, in der Scrooge ein normaler, aufgeweckter Knabe war, ein Schüler, ein Lehrling in einem Geschäft, er schaut auf seine erste Liebe zurück, die sich von ihm dem das Geld immer wichtiger wurde, weinend trennt …. sie zeigen ihm das Leben seines armen Schreibers zu Hause, führen in an die Tafel seines Neffen, an der er so manche Wahrheit über sich hört und vor allem zeigen sie ihm seine eigene Zukunft, in der er allein sein wird, ausgeraubt noch in der Sterbestunde von menschlichen Geiern, verscharrt in der Erde mit einem Grabstein, vor dem er weinend kniet und seinen Namen liest…

Am nächsten Morgen ist Ebenezar Scrooge geläutert. Fröhlichen Herzens geht er durch die kalten, weihnachtlichen Straßen der Stadt, entbietet den Entgegenkommenden seinen Gruß und besucht schließlich seinen Neffen, dessen Einladung er am Vorabend noch so unwirsch ablehnte. Natürlich ist er hier willkommen und der gewandelte Scrooge feiert voll Freude Weihnachten im Kreis seiner Angehörigen, mit der Aussicht, das er es in der Hand hat, sein Leben zu ändern und damit auch sein Ende.

Das ist natürlich eine sentimentale Geschichte mit einer fast schon brachial dargebotenen Moral, aber sie passt, sie ist stimmig, voller Atmosphäre und es ist die Meisterschaft Dickens, den Leser schnurstracks mitzunehmen, zurückzuführen in diese Zeit vor über 150 Jahren, eine Zeit der Kälte, der Armut auch sowie des Reichtums, ungleich verteilt beide, kaum abgemildert durch die Gesellschaft, der eine moralische Verpflichtung den sozial Schwachen gegenüber noch fremd war. Einzelne kümmern sich zwar, aber sie sind auf die Unterstützung der Reichen angewiesen, Menschen wie dem „alten“ Scrooge, die sich in der Börse mehr zu Hause fühlen wie in ihrer Stube. Es ist die (immer noch sehr aktuelle) Frage, was mir das Geld nutzt, wenn um mich herum Kälte ist und Einsamkeit, wenn ich mir zwar dies und das kaufen könnte, es aber aus Geiz nicht mache…

Man, jeder hat sein Leben, sein Schicksal in der Hand, so die Moral dieser Erzählung [2]. Wenn man sein Ende bedenkt, sich vorstellt, wie man zukünftig leben will und vor allem auch sterben, so gibt einem dies die Richtschnur dafür sein Handeln. Eine durchaus „moderne“ Lehre, die uns heutzutage in anderer Formulierung begegnet: Der Wunsch nach einem „guten“ Tod führt automatisch zu einem „guten“ Leben, denn (sehr verkürzt gesagt) nur mit einem solchen lade ich keine/wenig Schuld auf mich, die mich im Sterben belasten könnte.

Aber unabhängig davon ist „Der Weihnachtsabend“ eine schöne, sentimentale Geschichte, die einfach passt in einen langen Winterabend, in eine warme Stube, wenn Wind und Wetter draußen toben, wenn Schnee fällt und Eis klirrt, Glühwein und Kakao die Hände wärmen… ein schönes Büchlein auch zum Vorlesen, zum Zuhören, zum Träumen.. und nicht zuletzt auch zum Verschenken!

Links und Anmerkungen:

[1]  Die 1843 veröffentlichte Erzählung „The Chrismas Carol“ wird oft auch als „Die Weihnachtsgeschichte“ bezeichnet. Mehr dazu im Wiki-Artikel
[2]Ich habe gerade die Besprechung eines anderen Romans („Fast genial“ von B. Wells) geschrieben, in der der Protagonist trotz aller Bemühungen sein Schicksal nicht ändern konnte und es in Las Vegas dem Roulettetisch anvertraute, als letzte Chance… sozusagen der moralische Antagonist zu diesem Weihnachtsabend….

Charles Dickens
Der Weihnachtsabend
Aus dem Englischen übersetzt von Leo Feld
mit Illustrationen von John Leech
diese Ausgabe: Insel-Verlag

Advertisements

6 Responses to “Charles Dickens: Der Weihnachtsabend”


  1. Übrigens war Dickens der kommerzielle Aspekt von Weihnachtsgeschichten sehr wohl bewusst. Wahrscheinlich hat er sie unter sehr viel weniger sentimentalen und oder moralischen Gesichtspunkten geschrieben, als wir heute annehmen.
    Viele Grüße von Mila

    Gefällt mir

    • flattersatz Says:

      da hast du völlig recht, Mila, so weit ich mich erinnere, hat er die ganze geschichte sowieso geschrieben, um dringend benötigte einnahmen zu kassieren. hatte er nicht sogar probleme, einen verleger zu finden und schließlich alles selbst produziert?
      liebe grüße
      fs

      Gefällt mir


      • Zumindest hat er sich mit sämtlichen Verlegern ständig überworfen. Er war zwar irre produktiv, aber nicht gerade umgänglich.
        Meine Lieblingsweihnachtsgeschichte ist übrigens “Von einem Knaben und einem Mädchen, die nicht erfroren sind“. Maxim Gorki hat sie als Persiflage auf die vielen Schwefelhölzermädchen-Geschichten geschrieben.

        Gefällt mir


  2. Lieber Flattersatz,

    Sie halten mich auf Trab-:))) denn bisher habe ich die Weihnachtsbücherschmökerecke noch nicht bestückt und der 1. Advent naht und natürlich gehört Dickens Geschichte dazu, diverse Anthologien aus dem Insel-Verlag, die Christuslegenden der Selma Lagerlöf (wer liest sie heute noch), Vorleseklassiker: Es war eine dunkle und stürmische Nacht von Jutta Bauer und Arnhild Kantelhardt, der wunderschöne Bildband Wintermärchen, war eine Ausstellung in Zürich mit Bildern von Bruegel bis Beuys, usw.usf…
    da kann der hoffentlich auch eintrudelnde Schnee gern kommen, dem Lesevergnügen steht nichts im Wege…
    das Kind in mir liest alles das immer wieder gern…
    Dickens hat seiner Zeit den Spiegel vorgehalten und in seinen Aussagen gelten diese Geschichten heute immer noch…..
    die sozialen Unterschiede nehmen ja eher wieder zu als ab.

    schön …diese Rezension…zum 1. Advent

    mit bücherstaubaufwirbelnden Grüßen

    Karin

    Gefällt mir

    • flattersatz Says:

      ach wie schön, daß sie mich an die christuslegenden erinnern, such ich doch nach vorlesestoff für diverse adventsveranstaltungen!! heureka, wie der archimede sagt… und im projekt gutenberg sind sie auch noch: Lagerlöf: Christuslegenden .. wenn ich mir ihre weihnachtsbücherschmökerecek anschaue, reichen vier adventssonntage aber nicht… ;-)
      vorlesestoffgefundene grüße
      fs

      Gefällt mir


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: