Antje Wagner: Die Gärten bist du

3. Dezember 2012

Antje Wagner [1] gehört zu den jungen deutschen Autorinnen, von denen man vllt in Zukunft mehr lesen wird. Immerhin wird sie schon vom Feuilleton wahrgenommen (falls das ein Wert an sich sein sollte) und erscheint in Listen, die die zukunftsträchtigen unter den Schreiberling/-innen aufführen – auch wenn man sich bekanntlicherweise über solche Listen, die ja immer auch Bewertungen und Auswahl sind, streiten kann und soll.. Vom ihrem Verlag Bloomsbury wird sie anscheinend als Jugendbuchautorin aufgebaut, ihre letzten Romane, die ich auch hier schon im Blog vorgestellt habe [2], sind auf diese Zielgruppe hin ausgerichtet. Andererseits ist es unwahrscheinlich, daß damit Ehrgeiz und Vermögen Wagners ausgeschöpft sind, es bleibt also abzuwarten, womit sie uns in Zukunft überraschen wird.

Ich habe mir hier einen ihrer älteren Erzählbände herausgegriffen, der schon 2003 im Berliner Querverlag erschienen ist. Er enthält 15 kleine Geschichten, auf die ich jetzt nicht im Einzelnen eingehen will. Fast allen sind gewisse Elemente eigen, sie handeln von der Liebe zweier Menschen (fast immer der zwischen Frauen), die jedoch immer unerfüllt bleibt. Kennzeichnend für diese Beziehungen ist der Abstand zwischen den Frauen, den sie nicht aus eigener Kraft überwinden können. Wagners Figuren haben Sehnsucht nach Wärme, nach Geborgenheit, auch nach Berührung – sie wird nicht erfüllt, die Gegenüber scheint eher verschreckt, zieht sich zurück, läßt die Suchende allein.. dabei gelingen Wagner melancholisch-anrührende Sätze wie „.. Hauchzarte Fäden im Raum, an denen Seufzer pendeln. …“, „Ich hatte nicht gewusst, daß zarte Blüten nur hinter geschlossenen Lippen aufgehen. … Und meine Worte fielen und zersprangen in zausend Stücke. ..“ oder auch (als letztes Beispiel): „Nachdem du gegangen warst, rankte sich das Schweigen die Wände empor. Die Stille wuchs in mir. Sie schlug Wurzeln in den nicht gefallenen Worten. ..“. Das Buch ist voll von solchen Bildern, immer wieder herrscht lautes Schweigen und Stille zwischen ihren Protagonisten, das nicht aufgelöst wird. Solche Sätze, die hier im Zitat vllt kitschig klingen, muss man im Zusammenhang der Geschichte lesen, dort passen sie und erzeugen sofort die Atmosphäre des geheimnisvoll Zerbrechlichen einer Seele. Da dieses Stilelement jedoch häufig auftritt, verliert es in den „hinteren“ Erzählungen ein wenig von seinem Zauber, wirkt routiniert, eben als Mittel der Autorin, eine bestimmte Stimmung zu erzeugen. Um diesem Gewöhungseffekt zu entgehgen ist es daher ratsam, dieses Büchlein nicht auf einmal durchzulesen.

Was in den „späteren“ Jugendromanen Wagners konstituierendes Element ist, deutet sich auch hier schon an. Die Geschichten schweben im Irgendwo, sie sind nicht verortet in Zeit und Raum, im Gegenteil enthalten sie fast immer ein mystisches, geheimnisvolles Element, das in den Ablauf der Geschichte eingreift. Dabei scheut sich Wagner nicht, solches Unerklärliches einfach unerklärt stehen zu lassen. Dadurch regt sie die Fantasie beim Lesen an und vermeidet, daß sie durch gekünstelte Erklärungen eventuell den Fluss der Geschichte beim Leser unterbricht.

Schon die erste der Erzählungen reißt den Leser derart aus seinen gewohnten Denkbahnen: eine junge Frau ist auf der Flucht, schreckliches muss sie getan haben, schuldlos, wie sie sich beteuert. Verliebt war sie sowohl in Antonia als auch in Isabelle, mit beiden teilte sie ihre Woche. Doch als sie diesen Rhythmus mal durchbrach, konnte sie vom Garten aus Antonia im Gespräch mit einer anderen Frau beobachten und diese andere Frau kannte sie – sie war es selbst, dort in der Stube und sie war es hier im Garten, die sich selbst zusah….

Überhaupt ist es das „Haus“, das als Motiv immer wieder auftaucht („Auf der Flucht“, „Der Riss“ oder „Hol´ mich“, um drei Beispiel zu nennen), das Haus, das immer ja auch ein Bild ist für das Selbst, in dem die Seele wohnt. Das Unbekannte nähert sich ihm von außen, langsam, oft im Verborgenen, bedroht die Bewohner, ihren Frieden… ist Gefahr für Leib und Seele… bekämpft man das Unbekannte oder öffnet man sich ihm?

Noch eine zweite Geschichte will ich exemplarisch anführen, weil sie ein klein wenig ein anderes Element mit einbringt, nämlich: wie gut kenn ich einen anderen Menschen, wie gut kann ich ihn kennen…. und wie reagiere ich, wenn ich merke, daß er anders geworden ist, als ich ihn kannte. So geschieht es Jacki nach der angenehm erschöpfenden Hochzeitsnacht mit Forentine, als sie unter die Dusche hüpfen will und einen blauen Drachen im Bad findet, der sich begeistert nach ihr umdreht und sie liebevoll anschaut…. „Ein Reptil! Ein Reptil!“ Schon ein etwas seltsamer Gedanke, die Transformation einer Geliebten in einen blauen, sanften (wenngleich auch etwas tapsigen), liebenden Drachen, der immer noch ein Mädchen ist, auch wenn er die besondere Form aschigen Mundgeruchs nicht verbergen kann…. aber auch eine schöne Geschichte, in der wir erfahren, daß Drache garnicht so schlecht ist, manche werden ja auch zum schüchternen Reh oder zum häßlichen Nacktmull… Recht hat Wagner, jeder ist auf seine Art und Weise eine „Wundertüte“, man kann nie sicher sein, was alles drin verborgen ist…

„Die Gärten bist du“ ist eine Sammlung teilweise skurriler, seltsamer, auch verstörender Geschichten, die mit dem Unbekannten spielen, mit der Gefahr, mit der Sehnsucht, mit der Einsamkeit der Menschen und ihrem Unvermögen, auch in und mit der Liebe die Distanz zum anderen wirklich zu überwinden: ein Rest Fremdheit bleibt… es sind kleine Geschichten, zum Vorlesen, zum Nachsinnieren, Geschichten, die nachdenklich machen oder auch märchenhaft verzaubern („Der Riss“)….

Links und Anmerkungen:

[1] hier eine Übersicht bei buzzaldrin
[2] Antje Wagner hier im blog:
Unland
Schattengesicht
Vakuum

Antje Wagner
Die Gärten bist du
Querverlag GmbH, Berlin, brosch., 183 S., 2003

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