Stefan Zweig: Der Amokläufer

14. Mai 2014

Die Rahmenhandlung zu dieser kurzen Novelle Zweigs spielt sich auf einem Schiff ab, das von Indonesien aus nach Europa fährt. Am Abend der Anlandung in Genua geschieht auf dem Schiff ein nicht näher bezeichnetes Unglück: Der unbekannte Erzähler, seinerseits Passagier auf der Überfahrt, nimmt dies zum Anlass, die Geschichte zu erzählen, die ihm auf dieser Überfahrt passiert ist, steht sie doch allem Anschein nach in einem direkten Zusammenhang mit dem Unglück. Womit wir der eigentlichen Geschichte näher kommen…

Jener Erzähler hat nur mit Glück noch eine Kabine auf diesem Schiff, das wohl von Indonesien über Singapur nach Indien mit Destination Genua unterwegs war, bekommen. Es ist eine schlechte Kabine, neben dem Diesel, unter dem Deck. Die Luft ist ölig, verbraucht, heiß und stickig, es ist laut und duster in diesem Loch. Der Ventilator wälzt die klebrige Luftmasse von unten nach oben, von oben nach unten…. auch das Deck bietet kaum Erfrischung, der Erzähler wird schnell der ewig gleichen Gesichter müde.. Er stellt daraufhin seinen Lebensrhythmus um, geht früh in die Kabine um dann in der der Nacht auf das einsame Deck zu gehen und sich dort an der kühleren Nachtluft zu erfrischen.

Kreuz des Südens, Fotograf: NASA Quelle: [1]

Kreuz des Südens,
Fotograf: NASA
Quelle: [1]

In der ersten Nacht berauscht er sich an dem Licht des südlichen Sternenhimmels, das hernieder fließt und ihn umhüllt, das ihn euphorisiert und glücklich macht. Weibisch dünkt es ihm, sich hinzulegen und in der Lichtdusche zu baden…. so tastet er sich nach vorne an den Bug des Schiffes, schaut hypnotisiert, wie dieser einem Pflug gleich die Fluten teilt. Ein Räuspern weckt ihn auf, macht ihn darauf aufmerksam, daß ein weiterer Mensch, ein Pfeife rauchender Mann, auf den Tauen sitzt. Aufgestört will unser Erzähler gehen, aber der Unbekannte redet ihn an, bittet ihn eindringlich, auf dem Schiff nichts von dieser Begegnung, von seiner Existenz zu erzählen.

Der Erzähler ist irritiert, aber natürlich ist seine Neugier geweckt und er ist sich in der darauf folgenden Nacht sicher, diesen Unbekannten wieder dort zu treffen, am Bug des Schiffes, verborgen in der Dunkelheit, auf den Tauen sitzend und in einer aussergewöhnlichen seelischen Aufregung…

.. und er täuscht sich nicht, er trifft diesen Mann, der gequält scheint von seinen Erinnerungen, der ihm berichtet, daß er seit Tagen mit keinem Menschen mehr gesprochen habe, der Verzweiflung nahe sei und der ihm, dem Erzähler, jetzt seine Geschichte erzählen will, nein muss, weil er sonst daran verrückt würde…

Die Geschichte des Unbekannten beginnt einige Jahre zuvor in Deutschland. Der Mann, ein Arzt mit guten beruflichen Aussichten, fühlt sich zu Frauen hingezogen, die herrisch sind in ihrer Art, die dominieren. Unter dem Bann einer solchef Bekanntschaft macht er eine Dummheit in seinem Krankenhaus, muss dieses verlassen und verdingt sich über Rotterdam für einige Jahre als Arzt in den Kolonien. Die Prämie für diese Verpflichtung, auch diese landet offensichtlich noch vor der Abreise bei einer Dame…. so kommt er mittellos auf Java an, ihm wird eine Station abseits der großen Stadt in einem Provinznest zugewiesen. Dort versucht er zwar, seine europäische Lebensart beizubehalten, doch irgendwann hat die tropische Schwüle allen Ehrgeiz, allen Schwung eines Europäers aufgefressen und absorbiert, Trägheit, Müßiggang, Ablenkung bestimmen den Tag – und die Sehnsucht auf Rückkehr.

Aus dieser seiner Lethargie wird er eines Tages durch den Besuch einer weißen Frau in seiner Praxis gerissen. Diese wirkt unnahbar, selbstsicher, beherrscht und beherrschend – alles in ihm drängt zu ihr, die so anders ist als die demütigen einheimischen Frauen, die ihm nichts geben können. Die Frau, eine Engländerin, weiß, was sie will: sie will eine Abtreibung und daß der Arzt danach aus dem Land verschwindet. Seine finanziellen Verluste durch Aberkennung seiner Pension kann und will sie mühelos ausgleichen. Doch irgendetwas in dieser kurzen Beziehung zwischen den beiden reizt den Mann, ist störend und negativ: fühlt er sich zu sehr benutzt, ausgenutzt, erkannt durch die Frau, irritiert ihn die fehlende Demut und Reue, die er sonst in solchen Fällen beobachtet? Jedenfalls schlägt er das Angebot aus und nennt seinen Preis: er will die Frau besitzen so wie es der Erzeuger des Kindes getan hat, das er jetzt abtreiben soll.

Die Frau lacht ihn aus und geht wieder zu ihrem Auto, das irgendwo an der Straße auf sie wartet.

Dies ist der Moment, in dem der Stolz, der Widerstand, der ihn zu dieser masslosen Forderung trieb, in dem Mann wie eine hohle Fassade zusammen: Panik ergreift ihn, er will die Frau um Verzeihung bitten, sich vor ihr in den Staub werfen, alles tun, um ihr zu gefallen. Wie ein Amokläufer, der auf nichts mehr Rücksicht nimmt, der durch nichts zu bremsen ist, läuft (!) er, rennt er hinter der Frau her, sieht sie gerade noch ins Auto steigen, läßt sich auch durch ihren Diener, dem sie befiehlt, den Rasenden auf jeden Fall aufzuhalten, nicht bremsen: er schlägt ihn zusammen…. zwar erreicht er die Frau trotzdem nicht mehr, doch ist es ihm im kleinen Kreis der Europäer ein leichtes zu erfahren, wer diese Frau ist, wo sie wohnt, wie sie lebt….

Engländerin ist sie, Frau eines steinreichen Holländers, der für viele Monate auf Geschäftsreise war und am Ende dieser Woche, in wenigen Tagen also, wieder zurückerwartet wird und der keinesfalls, unter keinen Umständen seine Frau wiedersehen darf, die ein viel jüngeres Kind unter dem Herzen trägt….

Er reist ihr nach in die Stadt, lauert ihr dort auf und jagt ihr gerade dadurch Angst ein. Einem vernünftigen Verhalten ist er nicht mehr zugänglich, jede Chance, die Frau doch zu treffen, ihr Abbitte zu tun, ihr zu sagen, daß er ihr helfen will, macht er durch sein auffälliges Verhalten zunichte… übermorgen schon wird der Gatte heimkommen, er verzweifelt… da klopft es zaghaft an die Tür in der billigen Absteige, in der er haust, der Diener der Frau mit einem Zettel.. er führt den Mann eilig in die Stadt, die Straßen werden immer enger und dunkler, man ist ist Chinesenviertel und hinter eine knarzenden Tür sieht er seine Angebetete in ihrem Blut liegen, das aus ihr strömt und ihre Lebenskraft mitnimmt… in dieser Situation wird er wieder Arzt, die Panik, der Amoklauf, sein Amoklauf, hören auf. Und als Arzt sieht er, daß er die Frau in ein Krankenhaus bringen muss, in dieser chinesischen, schmutzstarrenden Bude kann er sie nicht sterben lassen…

Noch einmal wacht die Frau kurz auf, sie erblickt und erkennt ihn und sie nimmt ihm ein Versprechen ab: Nie, nie darf jemand etwas davon erfahren! Ein Versprechen, das er ihr nur zu bereitwillig gibt.

Tatsächlich gelingt es ihm, den Arzt, der den Totenschein ausstellen muss, zu überreden, die wahre Todesursache zu verschleiern. Als Gegenleistung musste er versprechen, das Land sofort zu verlassen und so ist er auf dieses Schiff gekommen… zusammen mit dem Sarg, in dem der misstrauische Holländer seine tote Frau nach Europa bringen will, sie dort auch noch einmal untersuchen lassen will, denn er glaubt nicht an die Geschichte vom plötzlichen Herzversagen.

… und immer noch fühlt sich der Unbekannte an sein Versprechen gebunden und nur mit einer allerletzten Verzweiflungstat kann er es schließlich halten, womit das anfänglich erwähnte Unglück auf dem Schiff eine Erklärung findet.

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Stefan Zweig  (1882 - 1942, Aufnahme ca. 1912) Bildquelle [1]

Stefan Zweig
(1882 – 1942, Aufnahme ca. 1912)
Bildquelle [1]

Der Amokläufer ist eine kurze Novelle von wenigen -zig Seiten, in denen Zweig es versteht, sehr plastisch darzustellen, wie ein Mensch, der seine sexuelle/erotische Präferenz auf (vllt gesellschaftlich bedingt) unglückselige Art und Weise auslebt bzw. nicht ausleben kann, in sein Unglück läuft. Um sich die Gunst der Erwählten zu erhalten, vollbringt er (noch in der Heimat) eine kriminelle Handlung, auf dem Weg in die Quasi-Verbannung verprasst er sein Geld mit einem ebensolchem Weib und in der Verbannung, im schwül-tropischen Südostasien ist er mit den dortigen, devoten und fügsamen Frauen unglücklich. Die (offensichtlich nach langer Zeit) erste Gelegenheit, eine Frau kennenzulernen, die seinem Geschmack entspricht, scheitert an den Umständen und an seinem unglücklichen Verhalten.

Im plötzlichen Bewusstsein dessen, daß hier eine, vllt sogar die Chance für ihn vorbei sein könnte, vorbei ist, der Frau, die er begehrt, zu dienen, gerät er in Panik, läuft er Amok. Zur Entstehungszeit der Novelle war dieser Begriff noch nicht allgemein bekannt, auch das damit bezeichnete Phänomen hat sich im Lauf der Jahrzehnte gewandelt. Geblieben ist das Charakteristikum, daß ein Amokläufer keine Rücksicht auf sich selbst nimmt, er agiert, wütet und mordet wahllos, solange, bis er erschöpft zusammenbricht, oder er mit Gewalt gestoppt werden kann, was oft heißt: er selbst getötet wird.

Der unbenannte Mann auf dem Schiff ist aus seinem mehrtägigen „Amoklauf“ erwacht, der blutende Leib „seiner“ Begehrten hat ihn zur Besinnung gebracht. Er ist in der Schilderung der Ereignisse, die er unserem Erzähler gibt, wieder in der Lage zu reflektieren, auch sein eigenes Handeln zu werten. Die Erkenntnis, selber schuld zu sein an dem ganzen Unglück, daß die Frau und damit auch ihn getroffen hat, läßt ihn zutiefst verzweifeln, einzig der Gedanke in der Pflicht zu stehen, den wahren Grund ihres Todes zu verdecken, hält ihn noch am Leben. Dies zu schildern und darzustellen gelingt Zweig sehr packend und einfühlsam, als Leser fühlt man die Zwänge unter denen der Protagonisten handelt und gleichzeitig weiß man stets, wie unglücklich dieser wieder und wieder agiert.

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Vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle die berühmtere Novelle Zweigs vom Schach vorgestellt [2]. Beide Texte, Schachnovelle und Amokläufer, sind in einem Band des marixverlages abgedruckt, so daß ich sie sehr zeitnah gelesen hatte. Dabei fallen einige Parallelen zwischen beiden Novellen auf:
– beide spielen auf einem Schiff
– in beiden gibt es verschiedene Handlungsebenen
– die Helden stehen jeweils unter einem inneren Bedürfnis, ihr Schicksal einem Dritten, der jeweils der Erzähler in der Novelle ist, darzulegen
– für beide Protagonisten sind Zustände höchster innerer Erregung und Verwirrung prägend und kennzeichnend
– beide Figuren leben lange Zeit in der Isolation bzw. einer Art Isolation beim „Amokläufer“, der von seiner gesellschaftlichen Gruppe getrennt unter Fremden lebt (die Zweig des öfteren mit dem Attribut „gelb“ abwertet: so z.B. die „gelben Weiber„, die so demütig sind und den „weißen Herren“ gehorchen…)

Es mögen noch mehr Analogien oder Parallelen vorhanden sein, diese jedenfalls sind mir beim Lesen aufgefallen…

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Es ist die Meisterschaft Zweigs, die Verzweiflung seines Protagonisten quasi mit den Händen greifbar zu schildern, so plastisch und eindringlich, so einfühlsam auch. Die Novelle liest sich schnell, die Handlung wird schnell vorangetrieben, mit hohem Tempo erzählt. Ist es Zufall, daß der Protagonist zum Schluss stirbt, aus selbstauferlegter Pflichterfüllung (über die Pflicht zur Pflichterfüllung räsoniert der Unbekannte zu Beginn seiner Beichte, offensichtlich setzt er sie sehr hoch), so wie auch Zweig Jahre später durch eigene Hand sterben wird? Spekulation…. wie dem auch sei, die Geschichte dieses unglücklichen Menschen zu lesen, kann nur angeraten werden.

Links und Anmerkungen:

[1] Bilder:
– „Kreuz des Südens: By Don Pettit, ISS Expedition 6 Science Officer, NASA (NASA, modified by Kookaburra) [Public domain], via Wikimedia Commons
– Stefan Zweig: By s/a [Public domain, GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/), via Wikimedia Commons
[2] Stefan Zweig: Schachnovelle; https://radiergummi.wordpress.com/2014/04/13/stefan-zweig-schachnovelle/

Stefan Zweig
Der Amokläufer
Schachnovelle – Brief einer Unbekannten

Originalausgabe: Neue Freie Presse, 1922
diese Ausgabe: marixverlag, HC, ca. 192 S., 2014

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One Response to “Stefan Zweig: Der Amokläufer”


  1. […] und perfekt informierter Weise hat sich aus.gelesen eines bekannten Werks angenommen: “Der Amoklöufer” von Stefan Zweig. Eine temporeiche Novelle, deren Stärke darin liegt, “die Verzweiflung seines Protagonisten […]

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