Joseph Roth: Die Legende vom heiligen Trinker

16. April 2017

Es begegnen sich zwei Männer, im Frühling 1934, in Paris, an der Seine. Beide schlafen unter den Brücken, aber der eine, Andreas Kartak, der sich seines Namens kaum noch erinnert, ist abgerissen, schmutzig und betrunken, obwohl er nicht wankt. Der andere Mann dagegen ist gut gekleidet. Dieser spricht den Abgerissenen an, er könne sehen, daß jener Geld bräuchte, nein, die zwanzig Francs, die dieser nennt, seien zu wenig, er hätte Geld und er gäbe ihm gerne zweihundert Francs. Andreas ist ehrlich, trotz seiner Umstände ein Mann von Ehre, macht darauf aufmerksam, er könne dies kaum zurückzahlen, die Schuld nicht begleichen, hätte auch keine Adresse, unter der er erreichbar sei. Das mache nichts, so lautet die Antwort des anderen, er selbst sei ein bekehrter Christ und der Heiligen Therese von Lisieux [2] sei er viel schuldig und wenn jener den Betrag zurückgeben wolle, dann solle er dies in einer bestimmten Kirche nach der Messe tun, in dem er es dem Priester gäbe.

Mit dieser Episode fängt (ohne daß dies die Hauptfigur natürlich weiß) Das finale furioso eines erfüllten Lebens an. Das Geld, die zweihundert Francs, ändern für Andreas vieles. Daß er es bekommen hat aus heiterem Abendhimmel, ist ein Wunder für ihn. Sofort fühlt er sich anders, das Bedürfnis sogar entsteht in ihm, sich zu waschen, auch wenn diese Tat selbst letztendlich zur nur symbolischen Handlung gerinnt. Er kann sich jetzt ein besseres Lokal leisten, sieht sich dort im Spiegel, abgerissen, unrasiert, als verwahrlost. Kann jetzt ein neues Leben für ihn beginnen? Eins, in der er eine Brieftasche benötigt? Die junge Verkäuferin erinnert ihn an die Zeit vor dem Gefängnis, in dem er saß…..

Ein dicker Mann spricht ihn an in diesem Lokal und bietet ihm eine Arbeit an, Grund genug, etwas zu trinken und in ein ihm bekanntes Etablissment zu gehen und sich eine der Frauen dort auszusuchen… aber er ist pünktlich, arbeitet gut und vertrinkt am nächsten Abend das verdiente Geld nur in Maßen.

Niemand kann sagen, er hätte nicht gewollt, hätte das Geld einfach behalten wollen.. nein, er ging zur Kirche Ste-Marie de Batignolles, leider etwas zu spät, die Messe war schon aus und so wartete er im Lokal gegenüber und trank einen Pernod… ja, einen nach dem anderen, seien wir ehrlich. Und als er ging, wurde er angesprochen, von einer Frau, und er erkannte die Frau, es war Karoline, wegen der er einst ins Gefängnis kam….

So sollten sich in der Folge der kommenden Tage die guten und die weniger guten Ereignisse im Leben von Andreas abwechseln. Immer wieder geschehen ihm kleine ‚Wunder‘, die es ihm ermöglicht hätten, seine Schulden zurückzuzahlen, aber immer wieder stelle sich ihm Hindernisse in den Weg, die es ihm dies unmöglich machen, weil er zu schwach ist, weil er allzu schnell aufgibt.

So gelingt es ihm ein ums andere Mal nicht, die Heilige Therese in ihrer Kirche zu besuchen und die Schulden zurück zu zahlen. Es gelingt ihm so sehr nicht, daß an einem weiteren Sonntag schließlich die Heilige Therese sich – so scheint es ihm – selbst aufgemacht hat, ihn zu besuchen, in der Bar, in der er mit seinem Kumpel Pernod trinkt und auf das Ende der Messe wartet, einem Zeitpunkt, an dem er die zweihundert Francs schon wieder nicht mehr hätte. Im Gegenteil erschreckt er die kleine Therese, die er in Fleisch und Blut sieht, die aber nicht als junges Kind erkennt, so sehr, daß sie ihm Geld anbietet, um ihn zu besänftigen.. und in dem Glauben, der Heiligen Therese begegnet zu sein, fällt er urplötzlich mitten im Lokal wie ein Sack um. Ratlos sind die Menschen um ihn herum und erschrocken, und da sich der Priester mit Toten auskennt, tragen sie ihn in ihre Kirche, die Kirche der Heiligen Therese von Lisieux, wo unser Andreas seinen letzten Seufzer tut und stirbt.


Gebe Gott uns allen,
uns Trinkern,
einen so leichten und
so schönen
Tod!


Joseph Roth wurde 1894 in Brody, einem Schtetl in Galizien, als Sohn jüdischer Eltern geboren. Im späteren Leben sollte er sich, ohne daß ein Übertritt bzw. eine Taufe nachweisbar wäre, jedoch teilweise auch als Katholik bezeichnen [1]. Dies ist insofern interessant, als im Heiligen Trinker…. der anfangs auftretende gut gekleidete Herr, der Andreas die zweihundert Francs gibt, von sich sagt: Ich bin nämlich ein Christ geworden, was man in diesem Kontext als selbstbezüglich interpretieren kann. Damit wäre dieser Herr ein weiteres autobiographisches Element in dieser kleinen Novelle, denn der Trinker selbst stellt einen wesentlichen Aspekt des Lebens von Joseph Roth, der selbst unter schwerer Alkoholsucht litt, dar. Joseph Roth starb wenige Wochen nach Beendigung seiner Legende vom Heiligen Trinker in Paris.

.. in Paris. Denn wie viele andere Literaten und Künstler hatte sich auch Joseph Roth nach 1933 eine neues Lokal suchen müssen – um es zynisch zu formulieren. Die bekannten Berliner Künstlerlokale, in denen er verkehrte wie das Romanische Cafè oder das Restaurant Schlichter [3] leerten sich nach der Machtergreifung, viele der Stammgäste waren zur Flucht gezwungen, um ihr Leben zu retten. Ihre Werke zu retten war schwieriger, diese (und dazu gehören auch die von Roth) brannten im Mai 1933 und wurden aus deutschen Landen verbannt. Im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern blieb Roth jedoch auch im Exil produktiv.

Zwar hielt sich Joseph Roth auch häufig in Frankreich, u.a. in Sanary-sur-Mer, auf, er publizierte jedoch in niederländischen Exilverlagen wie Querido [5] und de Lange, in letzterem erschien 1939 die Originalausgabe des Heiligen Trinkers…, deren Text die vorliegende Buchversion folgt.


Die Hauptperson des Stückes ist Andreas, ein obdachloser Trinker. Das Leben bietet ihm noch einmal alles Möglichkeiten, und tatsächlich verspürt er, wie sich ihm die Welt, da er jetzt über finanzielle Möglichkeiten verfügt, öffnet. Aber der Trinker (und sicherlich weiß Joseph Roth dies auch aus eigenem Erleben [6]) ist nicht in der Lage, diese Chance wahrzunehmen. Ja, selbst als sich die Möglichkeiten mehr-, ja vielfach für ihn auftun, scheitert er jedesmal an sich selbst, jede Ausrede ist willkommen, jede ‚aufwärts‘ zeigende Handlung seinerseits eine Belohnung, sprich: einen Pernod, wert. Und da die Selbstkontrolle versagt, werden aus einem schnell zwei und drei usw usf…. auf der anderen Seite allerdings gewöhnt er sich an die wunderbaren Dinge, die ihm geschehen, sie werden ihm normal, er rechnet zunehmend fest damit, daß sie ihm wieder geschehen und aus der Klemme helfen…

Er ist nicht unliebenswürdig, dieser Andreas, beileibe nicht. Man leidet mit ihm mit, man erkennt das Unglück, das ihn auf diese Bahn gesetzt – und das ihn jetzt wieder heimsucht z.B. in Person der Frau, der er damals, vor dem ‚Kriminal‘, schon seine Liebe schenkte, und die ihn jetzt schamlos ausnutzt. Andererseits – auch dies muss man festhalten – ist Andreas nicht ganz schuldlos an dem, wie die Geschichte jetzt verläuft: warum nur sagt er nicht die Wahrheit, sagt, daß die Therese, mit der er ‚verabredet‘ ist, keine Frau ist, sondern eine Heilige, warum läßt er die Menschen in ihrem Irrglauben über sich, bestätigt ihn sogar?

Liegt auch eine religiöse Botschaft in der Geschichte? Ein bekehrter Christ (man darf wohl davon ausgehen also ein vormaliger Jude) erweist die erste Wohltat und erwartet als Gegenleistung den Besuch einer Kirche, etwas, was Andreas nicht zustande bringt. Erst im Sterben liegend wird er zur Kirche gebracht….

Roth hat seinem Stück den Untertitel Das finale furioso eines erfüllten Lebens gegeben, ein Titel, der seltsam anrührt. Ein erfülltes Leben? Worin könnte diese Erfüllung liegen bei einem Leben, das von außen gesehen mehrfach gescheitert war? Einen Menschen getötet, im Gefängnis gesessen, danach obdachlos unter Brücken gehaust und am Ende die ausgestreckte Hand des Lebens nicht ergreifen und halten könnend? Auch bei dieser Frage ist eine religiöse oder spirituelle Antwort möglich, eine andere fällt mir nicht ein: er glaubt fest daran, der Heiligen persönlich ansichtig geworden zu sein, er stirbt mit ihrem Namen auf den Lippen und dieser Friede, der ihn erfüllt, dieser leichte und so schöne Tod, der ihm gewährt wird, läßt alles Misslungene seines Lebens nichtig werden.


Marcel Reich-Ranicki hat Roths Geschichte als „eine der schönsten Legenden, die im 20. Jahrhundert gedichtet wurden“, charakterisiert. Ich kenne zuwenig Geschichten, um dies in dieser Form zu bestätigen, aber in jedem Fall ist diese Legende….. ein wunderbares Stückchen Literatur. Sie ist nicht umfangreich, ist schnell gelesen in einem Stück, weil sie auch so geschrieben ist, als würde uns einer dieser Erzähler, die es früher gab, eine Geschichte erzählen aus einem Guss. Sie führt uns diesen Trinker in seiner Tragik vor als wäre ein alter Bekannter von uns, wir freuen uns mit seinem Glück und an den Wundern, die ihm geschehen und möchten ihm so gerne helfen, wenn wir ahnen, sehen, wie er wieder am Leben scheitert…. und daß hinter allem der Schatten des Autoren liegt, der aus eigenem Leid solches Trinkerschicksal kennt und der wenige Wochen nach Andreas sterben sollte, einen Trinkertod, der wohl nicht so schön war wie der seiner Figur, macht traurig, sehr traurig.

Links und Anmerkungen:

[1] der ausführliche Beitrag zu Joseph Roth in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Roth oder auch hier: http://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Personen/roth-joseph.html
zur Webpräsenz von Joseph Roth (erstellt von nicht näher bezeichneten ‚Freunden Joseph Roths‘: http://www.josephroth.de/index.htm
[2] Infos zu Heiliger und Kirche – wen es interessiert:  http://www.theresevonlisieux.de und  https://de.wikipedia.org/wiki/Ste-Marie_des_Batignolles. Für diese Geschichte hat sich Roth mit der Hlg. Therese eine passende Heilige ausgesucht: Thérèse sah ihren Lebensweg als einen Weg der Hingabe an Gott und die Mitmenschen, die sich gerade in den kleinen Gesten des Alltags äußere (ihr sogenannter „kleiner Weg“ der Liebe). (nach Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Therese_von_Lisieux)
[3] Jürgen Schebera: Damals im Romanischen Café; Besprechung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com…cafe/
[4] Manfred Flügge: Das flüchtige Paradies, Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com…paradies/
[5] vgl. hier die schöne Arbeit von Baltschev über den Querido-Verlag: Bettina Baltschev: Hölle und Paradies; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com….paradies/
[6] Joseph Roth wie er leibt und trinkt, Bil Spira, Paris 1939; vgl. hier: https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Objekte/spira-zeichnung-roth-glas.html?single=1

Von Joseph Roth habe ich in meinem Blog ferner den Hiob vorgestellt: https://radiergummi.wordpress.com/2016/11/02/joseph-roth-hiob/

Joseph Roth
Die Legende vom heiligen Trinker
Das finale furioso eines erfüllten Lebens
mit einer Liebeserklärung an den Autoren von Ludwig Marcuse
Originalausgabe: Allert de Lange, Amsterdam, 1939
diese Ausgabe: Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, HC, ca. 92 S.

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