Joseph Roth: Die Legende vom heiligen Trinker

Es begegnen sich zwei Männer, im Frühling 1934, in Paris, an der Seine. Beide schlafen unter den Brücken, aber der eine, Andreas Kartak, der sich seines Namens kaum noch erinnert, ist abgerissen, schmutzig und betrunken, obwohl er nicht wankt. Der andere Mann dagegen ist gut gekleidet. Dieser spricht den Abgerissenen an, er könne sehen, daß jener Geld bräuchte, nein, die zwanzig Francs, die dieser nennt, seien zu wenig, er hätte Geld und er gäbe ihm gerne zweihundert Francs. Andreas ist ehrlich, trotz seiner Umstände ein Mann von Ehre, macht darauf aufmerksam, er könne dies kaum zurückzahlen, die Schuld nicht begleichen, hätte auch keine Adresse, unter der er erreichbar sei. Das mache nichts, so lautet die Antwort des anderen, er selbst sei ein bekehrter Christ und der Heiligen Therese von Lisieux [2] sei er viel schuldig und wenn jener den Betrag zurückgeben wolle, dann solle er dies in einer bestimmten Kirche nach der Messe tun, in dem er es dem Priester gäbe.

Mit dieser Episode fängt (ohne daß dies die Hauptfigur natürlich weiß) Das finale furioso eines erfüllten Lebens an. Das Geld, die zweihundert Francs, ändern für Andreas vieles. Daß er es bekommen hat aus heiterem Abendhimmel, ist ein Wunder für ihn. Sofort fühlt er sich anders, das Bedürfnis sogar entsteht in ihm, sich zu waschen, auch wenn diese Tat selbst letztendlich zur nur symbolischen Handlung gerinnt. Er kann sich jetzt ein besseres Lokal leisten, sieht sich dort im Spiegel, abgerissen, unrasiert, als verwahrlost. Kann jetzt ein neues Leben für ihn beginnen? Eins, in der er eine Brieftasche benötigt? Die junge Verkäuferin erinnert ihn an die Zeit vor dem Gefängnis, in dem er saß…..

Ein dicker Mann spricht ihn an in diesem Lokal und bietet ihm eine Arbeit an, Grund genug, etwas zu trinken und in ein ihm bekanntes Etablissment zu gehen und sich eine der Frauen dort auszusuchen… aber er ist pünktlich, arbeitet gut und vertrinkt am nächsten Abend das verdiente Geld nur in Maßen.

Niemand kann sagen, er hätte nicht gewollt, hätte das Geld einfach behalten wollen.. nein, er ging zur Kirche Ste-Marie de Batignolles, leider etwas zu spät, die Messe war schon aus und so wartete er im Lokal gegenüber und trank einen Pernod… ja, einen nach dem anderen, seien wir ehrlich. Und als er ging, wurde er angesprochen, von einer Frau, und er erkannte die Frau, es war Karoline, wegen der er einst ins Gefängnis kam….

So sollten sich in der Folge der kommenden Tage die guten und die weniger guten Ereignisse im Leben von Andreas abwechseln. Immer wieder geschehen ihm kleine ‚Wunder‘, die es ihm ermöglicht hätten, seine Schulden zurückzuzahlen, aber immer wieder stelle sich ihm Hindernisse in den Weg, die es ihm dies unmöglich machen, weil er zu schwach ist, weil er allzu schnell aufgibt.

So gelingt es ihm ein ums andere Mal nicht, die Heilige Therese in ihrer Kirche zu besuchen und die Schulden zurück zu zahlen. Es gelingt ihm so sehr nicht, daß an einem weiteren Sonntag schließlich die Heilige Therese sich – so scheint es ihm – selbst aufgemacht hat, ihn zu besuchen, in der Bar, in der er mit seinem Kumpel Pernod trinkt und auf das Ende der Messe wartet, einem Zeitpunkt, an dem er die zweihundert Francs schon wieder nicht mehr hätte. Im Gegenteil erschreckt er die kleine Therese, die er in Fleisch und Blut sieht, die aber nicht als junges Kind erkennt, so sehr, daß sie ihm Geld anbietet, um ihn zu besänftigen.. und in dem Glauben, der Heiligen Therese begegnet zu sein, fällt er urplötzlich mitten im Lokal wie ein Sack um. Ratlos sind die Menschen um ihn herum und erschrocken, und da sich der Priester mit Toten auskennt, tragen sie ihn in ihre Kirche, die Kirche der Heiligen Therese von Lisieux, wo unser Andreas seinen letzten Seufzer tut und stirbt.


Gebe Gott uns allen,
uns Trinkern,
einen so leichten und
so schönen
Tod!


Joseph Roth wurde 1894 in Brody, einem Schtetl in Galizien, als Sohn jüdischer Eltern geboren. Im späteren Leben sollte er sich, ohne daß ein Übertritt bzw. eine Taufe nachweisbar wäre, jedoch teilweise auch als Katholik bezeichnen [1]. Dies ist insofern interessant, als im Heiligen Trinker…. der anfangs auftretende gut gekleidete Herr, der Andreas die zweihundert Francs gibt, von sich sagt: Ich bin nämlich ein Christ geworden, was man in diesem Kontext als selbstbezüglich interpretieren kann. Damit wäre dieser Herr ein weiteres autobiographisches Element in dieser kleinen Novelle, denn der Trinker selbst stellt einen wesentlichen Aspekt des Lebens von Joseph Roth, der selbst unter schwerer Alkoholsucht litt, dar. Joseph Roth starb wenige Wochen nach Beendigung seiner Legende vom Heiligen Trinker in Paris.

.. in Paris. Denn wie viele andere Literaten und Künstler hatte sich auch Joseph Roth nach 1933 eine neues Lokal suchen müssen – um es zynisch zu formulieren. Die bekannten Berliner Künstlerlokale, in denen er verkehrte wie das Romanische Cafè oder das Restaurant Schlichter [3] leerten sich nach der Machtergreifung, viele der Stammgäste waren zur Flucht gezwungen, um ihr Leben zu retten. Ihre Werke zu retten war schwieriger, diese (und dazu gehören auch die von Roth) brannten im Mai 1933 und wurden aus deutschen Landen verbannt. Im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern blieb Roth jedoch auch im Exil produktiv.

Zwar hielt sich Joseph Roth auch häufig in Frankreich, u.a. in Sanary-sur-Mer, auf, er publizierte jedoch in niederländischen Exilverlagen wie Querido [5] und de Lange, in letzterem erschien 1939 die Originalausgabe des Heiligen Trinkers…, deren Text die vorliegende Buchversion folgt.


Die Hauptperson des Stückes ist Andreas, ein obdachloser Trinker. Das Leben bietet ihm noch einmal alles Möglichkeiten, und tatsächlich verspürt er, wie sich ihm die Welt, da er jetzt über finanzielle Möglichkeiten verfügt, öffnet. Aber der Trinker (und sicherlich weiß Joseph Roth dies auch aus eigenem Erleben [6]) ist nicht in der Lage, diese Chance wahrzunehmen. Ja, selbst als sich die Möglichkeiten mehr-, ja vielfach für ihn auftun, scheitert er jedesmal an sich selbst, jede Ausrede ist willkommen, jede ‚aufwärts‘ zeigende Handlung seinerseits eine Belohnung, sprich: einen Pernod, wert. Und da die Selbstkontrolle versagt, werden aus einem schnell zwei und drei usw usf…. auf der anderen Seite allerdings gewöhnt er sich an die wunderbaren Dinge, die ihm geschehen, sie werden ihm normal, er rechnet zunehmend fest damit, daß sie ihm wieder geschehen und aus der Klemme helfen…

Er ist nicht unliebenswürdig, dieser Andreas, beileibe nicht. Man leidet mit ihm mit, man erkennt das Unglück, das ihn auf diese Bahn gesetzt – und das ihn jetzt wieder heimsucht z.B. in Person der Frau, der er damals, vor dem ‚Kriminal‘, schon seine Liebe schenkte, und die ihn jetzt schamlos ausnutzt. Andererseits – auch dies muss man festhalten – ist Andreas nicht ganz schuldlos an dem, wie die Geschichte jetzt verläuft: warum nur sagt er nicht die Wahrheit, sagt, daß die Therese, mit der er ‚verabredet‘ ist, keine Frau ist, sondern eine Heilige, warum läßt er die Menschen in ihrem Irrglauben über sich, bestätigt ihn sogar?

Liegt auch eine religiöse Botschaft in der Geschichte? Ein bekehrter Christ (man darf wohl davon ausgehen also ein vormaliger Jude) erweist die erste Wohltat und erwartet als Gegenleistung den Besuch einer Kirche, etwas, was Andreas nicht zustande bringt. Erst im Sterben liegend wird er zur Kirche gebracht….

Roth hat seinem Stück den Untertitel Das finale furioso eines erfüllten Lebens gegeben, ein Titel, der seltsam anrührt. Ein erfülltes Leben? Worin könnte diese Erfüllung liegen bei einem Leben, das von außen gesehen mehrfach gescheitert war? Einen Menschen getötet, im Gefängnis gesessen, danach obdachlos unter Brücken gehaust und am Ende die ausgestreckte Hand des Lebens nicht ergreifen und halten könnend? Auch bei dieser Frage ist eine religiöse oder spirituelle Antwort möglich, eine andere fällt mir nicht ein: er glaubt fest daran, der Heiligen persönlich ansichtig geworden zu sein, er stirbt mit ihrem Namen auf den Lippen und dieser Friede, der ihn erfüllt, dieser leichte und so schöne Tod, der ihm gewährt wird, läßt alles Misslungene seines Lebens nichtig werden.


Marcel Reich-Ranicki hat Roths Geschichte als „eine der schönsten Legenden, die im 20. Jahrhundert gedichtet wurden“, charakterisiert. Ich kenne zuwenig Geschichten, um dies in dieser Form zu bestätigen, aber in jedem Fall ist diese Legende….. ein wunderbares Stückchen Literatur. Sie ist nicht umfangreich, ist schnell gelesen in einem Stück, weil sie auch so geschrieben ist, als würde uns einer dieser Erzähler, die es früher gab, eine Geschichte erzählen aus einem Guss. Sie führt uns diesen Trinker in seiner Tragik vor als wäre ein alter Bekannter von uns, wir freuen uns mit seinem Glück und an den Wundern, die ihm geschehen und möchten ihm so gerne helfen, wenn wir ahnen, sehen, wie er wieder am Leben scheitert…. und daß hinter allem der Schatten des Autoren liegt, der aus eigenem Leid solches Trinkerschicksal kennt und der wenige Wochen nach Andreas sterben sollte, einen Trinkertod, der wohl nicht so schön war wie der seiner Figur, macht traurig, sehr traurig.

Links und Anmerkungen:

[1] der ausführliche Beitrag zu Joseph Roth in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Roth oder auch hier: http://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Personen/roth-joseph.html
zur Webpräsenz von Joseph Roth (erstellt von nicht näher bezeichneten ‚Freunden Joseph Roths‘: http://www.josephroth.de/index.htm
[2] Infos zu Heiliger und Kirche – wen es interessiert:  http://www.theresevonlisieux.de und  https://de.wikipedia.org/wiki/Ste-Marie_des_Batignolles. Für diese Geschichte hat sich Roth mit der Hlg. Therese eine passende Heilige ausgesucht: Thérèse sah ihren Lebensweg als einen Weg der Hingabe an Gott und die Mitmenschen, die sich gerade in den kleinen Gesten des Alltags äußere (ihr sogenannter „kleiner Weg“ der Liebe). (nach Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Therese_von_Lisieux)
[3] Jürgen Schebera: Damals im Romanischen Café; Besprechung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com…cafe/
[4] Manfred Flügge: Das flüchtige Paradies, Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com…paradies/
[5] vgl. hier die schöne Arbeit von Baltschev über den Querido-Verlag: Bettina Baltschev: Hölle und Paradies; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com….paradies/
[6] Joseph Roth wie er leibt und trinkt, Bil Spira, Paris 1939; vgl. hier: https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Objekte/spira-zeichnung-roth-glas.html?single=1

Von Joseph Roth habe ich in meinem Blog ferner den Hiob vorgestellt: https://radiergummi.wordpress.com/2016/11/02/joseph-roth-hiob/

Joseph Roth
Die Legende vom heiligen Trinker
Das finale furioso eines erfüllten Lebens
mit einer Liebeserklärung an den Autoren von Ludwig Marcuse
Originalausgabe: Allert de Lange, Amsterdam, 1939
diese Ausgabe: Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, HC, ca. 92 S.

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Joseph Roth: Hiob

Joseph Roths Hiob ist ein bekanntes Buch, man kann es nicht anders sagen, der Suchergebnisse sind es viele. Auch Reich-Ranicki empfahl seinerzeit die Lektüre [2], leicht gäbe sich die Weisheit Joseph Roths, gelassen und heiter, wenngleich er dem Werk Roths das Bahnbrechende absprach. Aber gerade in dieser Absage auf alles Gewaltige und Monumentale, die Konzentration auf das Alltägliche also und seine Menschen macht die Dauerhaftigkeit seines Werkes aus.

Den Hiob zu lesen hatte ich mir schon lange vorgenommen, den letzten Anstoß gab mir Baltschevs Geschichte des Amsterdamer Exilverlags Querido [3], in der Roth einigermaßen prominent erwähnt wird. Wobei der vorliegende Roman eines einfachen Menschen, so der Untertitel schon im Jahr 1930, also vor dem Exil Roths, publiziert worden ist.


hiob

Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Derselbe war schlecht und recht, gottesfürchtig und mied das Böse.

Mit diesen Worten [4] fängt das biblische Buch Hiob (Hiob 1,1) an, auch beginnt Roth seinen Hiob mit ähnlicher Formulierung: Vor vielen Jahren lebt in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer. Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude. … Ein deutlicher Bezug auf das Buch der Bibel also, der den Grundtenor der Geschichte vorgibt, ist die Figur des Hiob doch Symbol geworden für einen Menschen, den das Schicksal unverschuldet und gegen all sein Bemühen schlägt und straft. Und ist nicht sogar das ganze Volk Israel ein Hiob unter den Stämmen, ein vom Schicksal verfolgtes und geschlagenes Volk seit jener Zeit von vor Tausenden von Jahren, in denen ihr Gott noch Wunder tat, große Wunder, um es zu leiten, in denen der Hiob, den Gott seinerzeit dem Satan zur Willkür und einer Wette wegen überließ, noch reich war – im Gegensatz zu Roths Hiob mit Namen Mendel Singer, der ein Armer war unter Armen, arm trotz seiner Gottesfurcht, dem Befolgen der Gebote und Verbote, dem Lehren und Anleiten der Kinder, denn Roths Mendel Singer war ein Lehrer, der den jungen Kindern die Bibel vermittelte, aber arm war er wie fast alle seine Glaubensbrüder.

Dieser Mendel Singer hatte drei Kinder, zwei Söhne, die unterschiedlicher untereinander nicht hätten sein können: Jonas, große und stark wie ein Bär und Schemarjah, schlank und zart wie ein Fuchs. Die Tochter hieß Mirjam, ihre Glieder waren zart, die Gelenke zerbrechlich und ihr Wesen das einer jungen Gazelle war. Deborah, das Weib Mendels, trug zu der Zeit, in der der Roman einsetzt, ein viertes Leben unter ihrem Herzen, denn Mendel liebte sein Weib und ergötzte sich an ihrem Fleisch. Doch mit Menuchim, wie sie den ihnen Geborenen nannten, ward ein Krüppel geboren, ein Behinderter, ein Menschlein, das nur ein Wort zu sprechen lernen sollte, ein Wort „Mama“, ein letztes Kind auch dieser Ehe, denn Deborahs Schoß blieb fortan trocken und unfruchtbar und Mendel Singer fing an, seine Frau mit anderen Augen zu sehen, Augen, in denen keine Liebe mehr war und ihrer beider Leben fing an, mehr dem von Geschwistern zu gleichen denn dem von Eheleuten.

Die Jahre vergingen…. ein Wunderrabbi (zu dem das Weib gegen den Willen ihres Mannes ging, denn Mendel vertraute auf Gott, nicht auf Wunder) prophezeite Deborah, daß ihr Menuchim gesund werden würde – in vielen Jahren und nie dürfe sie ihn verlassen. Die anderen beiden Söhne dagegen waren gesund, obwohl ihnen in den Augen der Eltern ein wenig Schaden gut getan hätte, denn dann wären sie möglicherweise verschont worden, aber so kräftig, wie sie waren, wollte sie der Zar haben für sein Heer. Nur einen der Söhne konnten Deborah retten, in dem sie ihm über einen bezahlten Mittelsmann zur Flucht verhalf, dem zweiten dagegen, Jonas, gefiel das Leben, das die Bauern und Soldaten lebten, ein Leben mit Pferden, mit Schnaps und auch mit Frauen, Jonas ging gern und freiwillig zu den Kosaken. Aber nicht nur ging der eine Sohn zu den Kosaken, diese kamen auch von sich Mendels Haus in aus in diesen Tagen, denn in Mirjam fing ein Feuer an zu brennen, das nur von Männern zu löschen war und Mirjam ließ sie es löschen, Tag für Tag und Nacht für Nacht….

Ein Bote brachte eines Tages eine Nachricht vom geflohenen Schemarjah, der sich jetzt Sam nannte und in Amerika lebte. Er wollte seine Eltern zu sich holen und sie entschlossen sich schwersten Herzens zur Reise. Menuchim, den geliebten Krüppel, mussten sie zurücklassen um Mirjam zu retten, sie von den Kosaken zu trennen und nach Amerika mitzunehmen.

Mendel blieb auch in New York ein russischer Jude, aber er war dort einer unter vielen. Er fremdelte, aber er lebte sich ein. Sein Sohn Sam machte gute Geschäfte, er war verheiratet und hatte ein Kind. Mirjam arbeitete in seinem Geschäft und freundete sich mit Mac, seinem Kompagnon, an. Diesen guten Entwicklungen stand das ungewisse Schicksal von Jonas und von Menuchim entgegen, die Ungewissheit nagte am Herzen von Mendel und Deborah, auch die Reue, Menuchim zurückgelassen zu haben, wog schwer auf ihrer Seele, die Schuldgefühle quälten sie, gar oft stand Mendel am Fenster, um gedankenverloren an die alte Heimat hinaus zu blicken….

Gerade war der Entschluss gefasst, zurück zu fahren zu Menuchim, als der Krieg ausbrach, es war 1914, eine Reise nach Russland war unmöglich geworden. Und dann zog Sam, dem Amerika ein neues Vaterland geworden war, für dieses Land in den Krieg…

Noch betete Mendel Singer seine Gebete, noch wiegte er seinen Körper im Takt des Gesangs, noch befolgte er die Gebote des Herrn ohne Zögern, doch dieser kannte kein Erbarmen mit seinem treuen Diener. Ob der Nachricht vom Tod Sams, die ihnen überbracht wurde, brach Deborah vor Verzweiflung tot zusammen und Mirjam, die Schwester verfiel dem Irrsinn. Nur Mendel, ihm geschah nichts außer diesem Unglück und der Verzweiflung, die seine Familie traf…

Voller Zorn war nun der Mendel Singer, voller Verzweiflung, voller Verbitterung. Trauer erfüllte sein Herz und unsäglicher Schmerz wohnte in ihm. Geschlagen wurde er von seinem Gott, Unglück bringe er über die Seinen, so dachte er und sagte sich los von ihnen und lebte fortan allein, in einem Hinterzimmer bei einem der jüdischen Freunde in der Straße. Er sagte sich los auch von seinem Gott, wütete gegen ihn in seinem Zorn und seiner Hilflosigkeit und fast hätte er es geschafft, seine Gebetsriemen zu verbrennen, sein Gebetbuch… Denn das brauchte er jetzt nicht mehr, er betete nicht mehr noch sang er die Psalmen oder wiegte sich in derem Takt. Vergeblich kamen die Freunde und versuchten, ihn wieder zu ihrem Gott zurück zu führen…

Alt war er geworden, der Mendel Singer, alt und gebeugt, gebeugt und schwach, schwach und ohne Freude. So war er, als er – der Krieg war mittlerweile zu Ende – durch Zufall eine Schallplatte fand, die er auf dem Grammophon des Freundes abspielte, und das Lied, es hieß ‚Menuchims Lied‘ packte ihn, rührte sein verhärtetes, vergrämtes Herz an, immer wieder spielte er das Lied, bis er es mitsingen konnte und endlich ein leichtes Lächeln um seine Lippen zu spielen begann.

Mendel feierte als Geringster der Anwesenden mit seinen Gastgebers das Osterfest, als ein fremder, gut gekleideter Mann an die Tür anklopfte, gerade als die Stelle gelesen wurde, an der der Prophet Eliahu in die Stube einzulassen wäre. Es war der Komponist von Menuchims Lied, der da Einlaß begehrte, ein berühmter Musiker: es war der Mann, der schon seit Jahren nach einem gewissen Mendel Singer aus Zuchnow suchte, es war – so offenbarte er sich – Menuchim. Und Mendel Singer ward von diesem Augenblick an ob des geschehenen Wunders wieder versöhnt mit seinem Gott, haderte nicht mehr mit diesem, fing wieder an zu singen und zu beten und er blieb bei seinem Sohn, der sich von nun an um seinen alten Vater kümmerte.


Von der Ausgangssituation her hat mich der 1930 von Roth veröffentlichte Hiob an einen anderen berühmten Roman erinnert, den ich vor ein paar Monaten hier vorgestellt habe: Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem [6]. Beide Geschichten spielen grob um die gleiche Zeit im osteuropäischen Judentum auf dem Gebiet der heutigen Ukraine, beide schildern dieses Judentum, keiner der Autoren konnte ahnen, daß es nur wenige Jahre später ausgelöscht sein würde. Hie wie dort ist eine Zeit des Umbruchs, auf der Ebene der Menschen, aber auch der der Politik. Die Kinder beider Elternpaare fügen sich nicht mehr klaglos ein in die überlieferten Traditionen, haben ihre eigenen Vorstellungen. Weder die Autorität der Eltern noch die der Religion reichen aus, die Widerstrebenden zu zähmen. So geht bei Roth der Sohn Jonas zum Militär und benimmt sich wie jeder andere ‚Kosak‘ auch, Mirjam ist offensichtlich nymphoman, gibt sich mit den Soldaten ab, …. traf sie sich mit einem von ihnen, oder auch mit zweien. Manchmal kamen drei. Sie empfindet dabei keine Scham. Weil du einen Mendel Singer geheiratet hast, muss ich nicht auch einen heiraten. Hast du einen besseren Mann für mich, was? Hast du eine Mitgift für deine Tochter? Vernichtende Worte, in denen auch die fehlenden Aussichten für die Zukunft der jungen Juden formuliert sind. Mirjam richtet diese Worte ohne Emotionen an ihre Mutter, die ihrerseits dachte, Hilf, guter Gott, sie hat Recht ….

Während bei Tewje jedoch die Progrome, die in Russland ab 1905, nach dem Ende des russisch-japanischen Krieges (vgl [5]) angesprochen werden und Tewje auch unter ihnen zu leiden hat, spielen sie bei Roth überraschenderweise keine Rolle. Ein einziges Mal wird der Begriff im Zusammenhang mit einer ‚Progromstimmung‘ verwendet, von Progromen oder anderen Nachstellungen ist jedoch nichts zu lesen. Wird Tewje zum Ende des Romans zum Vertriebenen, der in der alten Heimat nicht mehr gewollt wird, so reisen die Mendels bei Roth aus persönlichen Motiven aus, politisch motivierte Vertreibung ist es nicht. Roth hat seinen Hiob in etwa gleichem Umfang aufgeteilt: das Schicksal der Singers, die der Rettung Mirjams wegen nach Amerika zum zweiten Sohn auswandern, wird in etwa gleichem Umfang geschildert wie ihr Leben in Zuchnow. Dies ein weiterer Unterschied zu Alechjems Roman, der ausschließlich in der alten Heimat seines Helden spielt.

So erweitert Roth im Gegensatz zu Alechjem seine Geschichte um eine zusätzliche Perspektive: den der Migration in ein fremdes Land. Ein Land, das mit Licht und Schatten geschildert wird, hinter dessen leuchtender Fassade oft der Schmutz und der Dreck verborgen liegt. Exemplarisch gelingt es Deborah in Amerika nicht, die Dielen ihrer Behausung so sauber, so gelb-glänzend zu schrubben wie in ihrer alten Heimat…. und das zahllose Ungeziefer, das in den Spalten und Löchern, die es allerorten gibt, lebt, läßt sich nicht vertreiben.

Erst mit Menuchim lernt Mendel Singer das glänzende Amerika kennen, das große, saubere, leuchtende, vornehme Hotel Astor, die Blick von oben auf die Leuchtreklamen und Lichter der Stadt, das Meer auch, den gelben Strand, an dem der frühlingshafte Wind durch die schütteren Haare des alten Mannes, der zum ersten Mal in seinem Leben freiwillig seinen Kopf entblößt…  Mendel vertraut sich seinem Sohn an, wohin du fährst, ist es gut….


Der Hiob Roths ist ein von Gott Geschlagener, der von Gott abfällt. Nach dem Tod seines Sohnes, dem Tod seiner Frau, dem Irrsinn seiner Tochter rechnet er ab mit ihm, mit ihm, dem er sechzig Jahre lang in Verblendung gedient hatte. Gott ist grausam, und je mehr man ihm gehorcht, desto strenger geht er mit uns um. Er ist mächtiger als die Mächtigen, mit dem Nagel seines kleinen Fingers kann er ihnen den Garaus machen, aber er tut es nicht. Nur die Schwachen vernichtet er gerne. Die Schwäche eines Menschen reizt seine Stärke, und der Gehorsam weckt seinen Zorn. …. schleudert er seinen Freunden, die ihn in seiner Trauer besuchen, entgegen – und natürlich seinem Gott. Es ist dies die Szene, in der der Bezug zum Buch Hiob vielleicht am deutlichsten durchkommt: seine vier besten Freunde aus dem Viertel, in dem er lebt, besuchen ihn so der biblische Hiob von drei Freunden besucht wird, die sich jeweils seiner Rede entgegenstehen. In dieser Passage nimmt Roth auch direkten Bezug auf das Buch Hiob: ‚Erinnere dich, Mendel‘, begann Rottenberg, ‚erinnere dich an Hiob. Ihm ist Ähnliches geschenen wie dir. … Auch er lästerte Gott. Und doch war es nur eine Prüfung gewesen. … ‚ Es wäre interessant, jetzt die jeweiligen Reden und Gegenreden miteinander in Bezug zu setzen, das würde wohl den Rahmen dieser einfachen Buchbeschreibung sprengen.

Der biblische Hiob wird am Ende von Gott rehabilitiert und in den früheren Stand eingesetzt, noch mehr sogar erhielt er von Gott als er verloren, die Toten freilich blieben tot. Dieser Hiob schließlich starb alt und des Lebens satt, auch Mendel findet am Ende sein Glück, den Glauben daran, daß sich Jonas wieder einfinden würde und daß Miriam gesunde und dann schöner als alle Frauen der Welt zurückkehre – auch dies noch einmal ein Bezug auf Hiob 42. Und doch ist es nicht der alte, unbedingt Gehorsame, dieser Hiob jetzt, denn er fühlt ein merkwürdiges und auch verbotenes Verlangen in sich und gibt ihm nach: er entblößt … aus freiem Willen sein Haupt und läßt den Wind mit den schütteren Haare spielen.


Joseph Roth war ein deutschsprachiger Autor, sein Geburtsort Brody in Galizien gehörte damals zu Österreich-Ungarn, liegt jetzt in der Ukraine, Scholem Alechjem, der Dichter des Tewje, dagegen war ein jiddischer Schriftsteller. Das Jiddische, und dies ein großer Unterschied und auf den ersten Blick seltsam anmutend, kommt im Hiob dagegen nicht vor, der Begriff wird einmal einziges mal angeführt, als auf dem Auswandererschiff die Durchsagen in diversen Sprachen, u.a. dem Jiddischen, aufgezählt werden. Roths Vermeidung jiddischer Begriffe geht so weit, daß er sogar das jüdische Pessachfest als Osterfest bezeichnet. Damit ist Hiob zwar eine Beschreibung des osteuropäischen Judentums (als Nachhall einer Galizienreise Roths von 1926 und unter dem Einfluss der gläubigen Schwiegereltern verfasst), aber eine aus der Ferne, aus der Sicht, dem Blickwinkel des aufgeklärten Europäers, eines säkularen Juden, der für aufgeklärte Europäer geschrieben hat.

Ein weiterer Grund dafür ist einfach zu benennen, Roth schrieb keine Heimatgeschichte für jüdische Leser, sondern er richtete sich an ein großes Publikum, denn er brauchte schlicht und einfach Geld. Martin Lowsky geht in seinem ausführlichen Nachwort auf die damalige persönliche Situation Roths ein. Dieser hatte 1928 mit seiner Arbeit am Hiob begonnen, es sollte ein packender Roman werden, der möglichst viele Leute begeistert. Denn Roth ersehnte den finanziellen Erfolg. Und zwar aus einem tragischen Grund: seine Frau Friedl war an Schizophrenie erkrankt und die notwendige ständige Betreuung war teuer. Im Hiob taucht Friedl Schicksal in der Person Mirjams auf, deren beider Prognosen durch die behandelnden Ärzte negativ waren. Vor diesem Hintergrund wird Roth selbst zu einem Schicksalsverwandten seines Hiobs, wie dieser am Schluss des Buches von Mirjam wird auch Roth davon geträumt haben, seine Friedl wieder gesund in die Arme nehmen zu können….

Zur Sprache Roths ist noch etwas anzumerken. Sie hat etwas märchenhaftes, suggestives: Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow…. oder … Hinter ihm leuchtete ein gelber Schal auf, ein gelber Schal, ein gelber Schal. …. oder  Sein Schlaf war traumlos. Sein Gewissen war rein. Seine Seele war keusch. und als letztes Beispielzitat für die oftmals gebrauchte Voranstellung des Objekts im Satzbau: Eine Frau und drei Kinder musste er kleiden bzw. Den Mund verdeckte der Bart. Durch solche stilistischen Feinheiten wird der Text abwechslungreich, beim Lesen ist man aufmerksam und gibt sich dem Sog der Geschichte hin. Trotz dieses oft poetischen Zungenschlages sind die Schilderungen des jüdischen Alltags sowohl in Russland als auch in Amerika realistisch: der Dreck, die Armut, die demütigende Behandlung auf den Amtsstuben, das ebenso demütigende Betteln und Feilschen, wenn das Geld für das Gewünschte nicht reicht….

Hiob ist ein zutiefst menschlicher Roman, der eins der Grundthemen der menschlichen Existenz thematisiert: das Ausgeliefertsein. Der Mensch mag nicht glauben, daß nur der Zufall das Leben und das Geschehen beherrscht: dem Zufall ist man wirklich ausgeliefert, eine Macht, die lenkt (oder die Dinge einfach laufen lässt) kann man möglicherweise beeinflussen, durch Gehorsam, durch Anrufung, durch Opfer. Um so tiefer die Enttäuschung, wenn dies wirkungslos ist, wenn sich der Mensch zum Spielball gemacht sieht von dem, dem er in seiner Seele die Macht über sich zugeschrieben hat.

So hat Roth mit seinem Hiob ein bleibendes Buch geschrieben, keins, das – nach Reich-Ranicki – literarische Spuren hinterlassen hat, aber eins, das immer aktuell sein wird und dies verbindet mit hohem ‚Lesegenuss‘, so nennt es Lowsky. Ihm ist zuzustimmen.

Mehr durch Zufall (sic!) als durch Absicht bin ich an die preiswerte Ausgabe der Reihe der ‚Hamburger Lesehefte‘ gelangt, sie kostet (ohne daß man dies dem durchaus vorzeigbaren und schönem Büchlein ansieht) weniger als der Verdauungsschnaps im Lokal nach einen guten Essen… und enthält ausser der Geschichte noch das schon erwähnte Nachwort sowie zahlreiche erklärende Anmerkungen und noch ein paar wenige Materialien. Der Text selbst richtet sich nach der Erstausgabe. Ein Büchlein für den schmalen Geldbeutel und die weit geöffnete Seele!

Links und Anmerkungen:

[1] http://www.ursulahomann.de/RomanEinesEinfachenMannesDieHiobDeutungJosephRoths/komplett.html
[2] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/fragen-sie-reich-ranicki/fragen-sie-reich-ranicki-die-besten-romane-von-joseph-roth-1259324.html
[3] Bettina Baltschev: Hölle und Paradies, Buchbesprechung hier im Blgo
[4] z.B. hier: http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/hiob/1/
Der in Hiob 1,1 auftauchende Begriff ’schlecht‘ ist kein Irrtum, er ist ein schönes Beispiel für den Bedeutungswandel, den Worte im Lauf der Zeiten erleben können, wie es z.B. hier beschrieben wird: Guy Deutscher: Du Jane, ich Goethe (Buchvorstellung hier im Blog)
[5] Vladimir Jabotinsky: Die Fünf, Buchbesprechung hier im Blog
[6] Scholem Alejchem: Tewje, der Milchmann, Buchbesprechung hier im Blog

Joseph Roth
Hiob
Roman eines einfachen Mannes
mit einem Nachwort von Martin Lowsky
Erstausgabe: Kiepenheuer, Berlin, 1930
diese Ausgabe
:Hamburger Leseheft Nr. 225, broschiert, 160 Seiten

Manfred Flügge: Das flüchtige Paradies

Wer meinen Blog öfter besucht, wird sich vielleicht daran erinnern, daß ich letztes Jahr hier einige Bücher über Lion Feuchtwanger [1] vorgestellt habe, das ganze angeregt durch meinen Lesekreis, in dem wir ein Buch von Klaus Modick [1c] besprochen hatten, das sich mit der deutschen (Literatur)Exilantenszene befasst. In diesem Zusammenhang taucht häufig der Name einer kleinen Stadt an der Côte d’Azur auf, Sanary-sur-Mer. Deswegen war es keine Frage, daß ich neulich sofort zugegriffen habe, als ich ein Taschenbuch von Manfred Flügge fand (jener, der auch die Biografie Marta Feuchtwangers [1b] verfasst hat), in dem er die Geschichte dieses Ortes Sanary-sur-Mer [2] nachzeichnet.

Diese beginnt natürlich (auch im Hinblick auf den Besuch von „Fremden“) nicht erst mit den durch die Nationalsozialisten vertriebenen deutschsprachigen Schriftstellern [3], sondern deutlich früher. In einem einleitenden Kapitel beschreibt Flügge die touristische Entdeckung der französischen Mittelmeerküste durch die Engländer im späteren 18. Jahrhundert (im Jahr 1800 lebten 110 englische Familien dauerhaft in Nizza, einen anglikanischen Friedhof gab es zu dieser Zeit schon längst), denen dann im drauffolgenden Centennium die Russen folgten. Wer diese Küste kennt, kann dies nachvollziehen: das Licht, die Wärme, die Sonne, das Meer, die ganze Landschaft, auch der für Nordmänner kaum existierende Winter – all dies verzaubert und umschmeichelt den Menschen (insbesondere, wenn er nicht mit der Hände harter Arbeit sein Brot verdienen muss….).

So ist der erste Teil dieser „künstlerischen“ Historie des Ortes im wesentlichen durch Engländer geprägt. AutorInnen wie Kathreen Mansfield, D.H. Lawrence, Aldous Huxley und William Somerset Maugham werden im Buch ausführlicher vorgestellt und ihr Bezug zu Sanary (und anderen Orten in der Nähe dieses Ortes). Aber es sind natürlich nicht nur Schriftsteller, die diese Küste lieben lernen, auch und gerade Maler werden hier des Lichtes, der Farben wegen heimisch, „den deutschen Malern war Sanary seit Mitte der zwanziger Jahre ein Montparnasse am Meer…. Als Entdecker dieses Treffpunkts der deutschen, aber auch der skandinavischen und russischen Maler galt der deutsche Maler Rudolf Levy (1875-1944)“ [4]. Ein weiterer (unter vielen) Malern war Erich Klossowski (1875-1949) [5], der um 1930 in der Region um Sanary arbeitete.

In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts fing sich in Deutschland die braune Brut an zu regen. Wie von vielen anderen auch, wurde sie ebenso von Intellektuellen wie Schriftstellern unterschätzt. Spätestens mit der organisierten Bücherverbrennung im Mai 1933 [6] und der Veröffentlichung der ersten (von sehr vielen) Ausbürgerungliste [7] im August 1933 war klar geworden, wie konsequent das neue deutsche Regime seine Ziele verfolgen würde. Neben Politikern finden sich Lion Feuchtwanger auf dieser Liste, Heinrich Mann, Alfred Kerr, Ernst Toller, Kurt Tucholsky u.a.m. Viele dieser Namen tauchen auch im Zusammenhang mit Sanary auf.

Thomas Mann in Sanary-sur-Mer 1933 Bildquelle [B]
Thomas Mann in Sanary-sur-Mer 1933
Bildquelle [B]
Sanary-sur-Mer war vom bukolischen Sehnsuchtsort der Künstler, an dem sie im mediterranem Licht badeten und sich elysischen Gesängen hingaben, vom heiteren Ort kreativen Schaffens zum Zufluchtsort geworden, der ein Paradies war so wie ein Gefängnis, der von Existenzängsten und Zukunftssorgen durchwabert wurde. Zwar traf man sich in den Straßen und Cafés, flanierte, diskutierte, philosphierte, arbeitete auch, es wurden Einladungen ausgesprochen und Parties gefeiert, aber dies alles konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß diesen Schriftstellern, Journalisten, Autoren ihre Leser abhanden gekommen waren, ihre Verleger und ihr Publikum. Es gab zwar Exilverlage wie Querido in Amsterdam [10], aber deren Abnehmer waren begrenzt auf die Auslandsdeutschen, eine Existenz konnte man darauf nicht aufbauen..

Man war durchaus nicht einer Meinung in allen Angelegenheiten. Manche der Exilanten schienen sich zu sehr dem Kommunismus zuzuwenden, Feuchtwanger z.B. wurde seine Reise in die UdSSR mitsamt Empfang durch Stalin heftig angekreidet. Alma Mahler-Werfel auf der anderen Seite war völlig skrupellos, in Gesellschaft auch derb antisemitische Äußerungen loszulassen, eine Situation für ihren jüdischen Mann Franz Werfel, sich fremd zu schämen, was Alma wiederum kaum anfechtete [10].

Gedenktafel an deutsche u. österreichische Schriftsteller, die sich in Sanary-sur-mer im Exil vor den Nazis befanden Bildquelle: [B]
Gedenktafel an deutsche u. österreichische Schriftsteller, die sich in Sanary-sur-mer im Exil vor den Nazis befanden
Bildquelle: [B]
 Es würde zuweit führen, jetzt auf Einzelheiten einzugehen. Flügge schildert in der Folge knapp und bündig das Schicksal einiger herausragender dieser Emigranten, an erster Stelle sind wohl die Familie Mann zu nennen, auch Heinrich Mann, der Bruder von Thomas, ferner selbstverständlich Lion Feuchtwanger, der sich von allen Emigranten wahrscheinlich am wohlsten in Sanary gefühlt hat (im Gegensatz zu Thomas Mann, der lange brauchte, seine neue Lebenssituation zu akzeptieren). Sieben Jahre verbrachte Feuchtwanger mit seiner Frau Marta [vgl. auch 1b] dort und verpasste dabei den rechtzeitigen Absprung, denn 1940, mit der Niederlage gegen das Dritte Reich änderte sich die Stimmung in Frankreich. Die Jahr zuvor herzlich empfangenen deutschen Emigranten wurden auf einmal zu Spionen, zu Kommunisten und auch Juden. Schikanen wie häufige Ausweiskontrollen nahmen zu, Internierungen wurden vorgenommen… Feuchtwanger, dem letztlich eine halsbrecherische Flucht gelang, schrieb sich seinen Zorn, kaum in den USA angekommen, von der Seele [8]. Andere, wie die Manns, waren zu dieser Zeit schon, zum Teil auf abenteuerlichen Wegen, in die USA weitergezogen.

Werfels zum Beispiel wurden die notwendigen Ausreisevisa verweigert. Sie wurden Teil der „…Millionen dieser seltsamen Völkerwanderung…“ [9], kamen nach diversen Stationen endlich in Lourdes unter, wo sie sich mehrere Wochen verbargen, bis ihnen die Flucht in die USA endlich gelang.

So wurde die Exilantenszene in dem Mittelmeerstädtchen durch die politische-militärischen Entwicklungen schnell aufgelöst und fügte sich in das allgemeine Chaos des Flüchtlingsstroms im Süden Frankreichs ein….

Viele der Orte von damals sind noch existent, die gemieteten Häuser, die Hotels, in denen logiert wurde, die Cafés… sie gehören zur Geschichte von Sanary und dies wird jetzt auch gerne akzeptiert. Den (oder vielen davon) Exilanten, die hier, am Mittelmeer, Zuflucht gefunden hatten, bevor sie auch von hier vertrieben wurden, wurde mit der obigen Tafel ein Gedenken gesetzt….


Manfred Flügge hat mit seinem Das flüchtige Paradies einen interessanten Ansatz gewählt, diesen Aspekt der neueren deutschen Literaturgeschichte zu beleuchten. Dadurch, daß er einen Ort, an dem sich viele Lebenswege in einer dramatischen Zeit kreuzen oder zumindest berühren, in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellt, treten viele Querverbindungen zu Tage, die ansonsten verborgen bleiben. Freundschaften und Animositäten, Zusammenarbeit und Konkurrenz, auch Liebeleien und Liebesverhältnisse – die Emigrantenszene war trotz allem klein und man lief sich stets über den Weg, musste sich oftmals arrangieren. Nicht selten lauteten die Tagebucheinträge anders als der Ton am hellichten Tage, wenn man sich begegnete… Wem die Gelegenheit gegeben ist, Zugriff auf dieses Büchlein zu bekommen (das (Stand Ende Juli 2014) im „Gebrauchtbuchhandel“ mit z.T. über 40,– (!) Euro angeboten wird), sollte sie beim Schopfe packen, es lohnt sich! Das umfangreiche Register macht das Büchlein zusätzlich auch zu einem informativen Nachschlagewerk.

Links und Anmerkungen:

[1a] zu den Buchbesprechungen über Feuchtwanger im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/tag/lion-feuchtwanger/
[1b] Manfred Flügge: Die vier Leben der Marta Feuchtwanger; https://radiergummi.wordpress.com/2013/05/18/…
[1c] Klaus Modick: Sunset; https://radiergummi.wordpress.com/2013/03/11/klaus-modick-sunset/
[2] Wiki-Beitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Sanary-sur-Mer
[3] deutschsprachig, weil ausser deutschen „natürlich“ auch österreichische Autoren ins Exil getrieben worden sind….
[4] einige Infos zum R. Levy sind auf http://www.rudolf-levy.info
[
5] Erich Klossowski war auch Autor, hier der Wiki-Artikel zur Person:  http://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Klossowski, er verstarb sogar in Sanary
[6] dazu hier im blog u.a.: https://radiergummi.wordpress.com/2008/05/10/10-mai-1933/
[7] Wiki-Beitrag mit den Namen der Ausgebürgerten: http://de.wikipedia.org/wiki/….
[8] Lion Feuchtwanger: Der Teufel in Frankreich; hier im blog: https://radiergummi.wordpress.com/2013/04/27/..
[9] Franz Werfel: Das Lied von der Bernadette, Bermann-Fischer-Verlag, 1948, Vorwort. Dieser Roman über die Geschichte der Bernadette in Lourdes entstand aufgrund eines Gelübdes Franz Werfels, daß er in dieser Pyrenäenstadt ablegte: Wenn es mir gelingt, „die rettende Küste Amerikas zu ereichen, dann will ich …“ . Es ist witzig, diesen Roman habe ich eine Woche später in derselben Grabbelkiste gefunden wie Flügges … Paradies. Es ist zwar nicht mein Thema, aber Ehrensache, daß ich ihn mitgenommen habe….
– was das besondere an der Beziehung Franz Werfels mit Alma Mahler-Werfel angeht, hat Michael Lentz dies in seinem Roman Pazifik  Exil sehr schön dargestellt. Auch lesenswert. (Michael Lentz, Pazifik Exil, S. Fischer, 2007)
[10] Wiki-Beitrag zum Querido: http://de.wikipedia.org/wiki/Querido_Verlag

[B]ildquellen:
– Gedenktafel: Wiki-Beitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Golo_Mann; By –Anima 21:00, 28 September 2007 (UTC) (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
– Thomas Mann in Sanary: By anonymous (the author did not disclose his/her identity) [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons (http://commons.wikimedia.org/….)

Weitere lesenswerte Fundstellen zum Thema:

Manfred Flügge
Das flüchtige Paradies
Künstler an der Côte d’Azur
diese Ausgabe: Aufbau Taschenbuch, ca. 280 S., 2008