Jürgen Schebera: Damals im Romanischen Café

28. September 2016

rom cafe

Liest man Bücher, bevorzugt biographisch angehauchte, die sowohl im Künstlermilieu als auch im Berlin zwischen den beiden Weltkriegen spielt, so ist es nicht unwahrscheinlich, das einem an irgendeiner Stelle das Romanische Café, seinerzeit in der Nähe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gelegen, begegnet.

Die Voraussetzungen für Künstler und andere Kreative waren nach dem ersten Weltkrieg in Berlin gut. Berlin war als ein Zentrum europäischer Gesittung neu, schrieb Heinrich Mann, Berlin empfing, es war zugänglich noch mehr als schöpferisch…. Bereitwillig aufgenommen wurden die avantgardischen Strömungen aus Frankreich und der jungen Sowjetunion ebenso wie die der kommerziellen Massenkultur aus Amerika. Dazu kam die rasante technische Entwicklung von Rundfunk, Schallplatte und Film.

Schebera nennt beeindruckende Zahlen für Berlin: 1927 spielten in Berlin 49 Theater, es gab 3 Opernhäuser, drei große Varietés, 75 Kabaretts, viele Kleinkunstbühnen und Lokalitäten mit Unterhaltungsprogramm. Für 1929 nennt der Autor 363 Kinos, für die 37 Filmgesellschaften jährlich ca. 250 abendfüllende Spielfilme produzierten. Ferner erschienen in der Stadt 45 Morgenzeitungen, 2 Mittagsblätter und 14 Abendzeitungen; es gab fast 200 Verlagsunternehmen in Berlin…. und das alles wollte auch mit Texten gefüttert werden, die Theater brauchten Stücke, die Verlage Manuskripte, die Zeitungen Reportagen und Kritiken, die Varietés Texte etc pp. Das was man heute Vernetzung nennt, war schon damals wichtig, sehen und gesehen werden, Kontakte knüpfen, Kontakte pflegen… und ein wichtiges Element dieser Kontaktpflege waren die Künstlercafés, von den das Romanische Cafés wohl heutzutage das bekannteste ist, es aber bei weitem nicht das einzige war.


Die letzte Augustwoche des Jahres 1911 beginnt.
Eine Frau geht nach Hause.
Sie geht ins Café, in ihr Café.
Oder sollte man sagen: Sie geht zur Arbeit? [2]

Die Cafés der Zwanziger Jahre hatten ihren Vorläufer, der ein paar Jahre (und einen Weltkrieg) früher Treffpunkt der Boheme war: das Café des Westens bzw. das Café Größenwahn. Über dieses bin ich aktuell überhaupt dazu gekommen, mich ein klein wenig mit dieser Thematik zu befassen. Die Briefe Else Lasker-Schülers nämlich an ihren (Ex-)Mann Herwarth Walden aus dem Jahre 1912, die der Insel-Verlag in diesem lesenswerten Bändchen zugänglich gemacht hat [1], haben oft das Café und das Leben in ihm zum Thema. Der Kreis um Lasker-Schüler und Walden ‚lebte‘ praktisch in diesem 1893 gegründeten Café und von Tilla Durieux hat um 1903 es so beschrieben: „Dieses Ehepaar, mit ihrem unglaublich verzogenen Sohn, konnte man nun von mittags bis spät nachts im Café des Westens unter all den wilden Kunstjüngern und Kunstfrauen antreffen. Die kleine Familie nährte sich, wie ich vermute, nur von Kaffee.“ Andere Künstler, die dort verkehrten, waren unter anderen Erich Mühsam, Alfred Döblin oder  als einer der ersten Stammgäste der Maler Edmund Edel. Während das Café Größenwahn für die Stammgäste schon längst zu einem Teil des Lebens geworden war, verhielt es sich mit dem Romanischen Café anders. Dieses hatte ab 1917/18, nachdem das Café des Westens umgezogen war und dadurch seine Charakter eingebüßt hatte, jenes in seiner Funktion als Stammlokal vieler Künstler abgelöst.

Dazwischen lag aber ein Weltkrieg, die Zeiten hatten sich geändert und die Umstände auch. War das Café des Westens tatsächlich noch so etwas wie eine erweiterte Wohnstätte für die Stammgäste, so spielte sich im Romanischen Café so etwas wie ein festgelegter Rhythmus ein, zu den die einzelnen Gruppen von Gästen kamen, ein paar Stunden blieben und dann weiterzogen.

Es gab Hierarchien und Gruppen, di einzelnen Kreise hatten ihre Stammtische und ihre Bereiche im Café, in denen sie sich niederließen. Man darf nicht vergessen, daß viele der heute bekannten Künstler damals noch am Anfang ihrer Karriere standen und unbekannt waren, viele der Gäste hatten kaum Geld. Ein strenger Verzehrzwang bestand in den Lokalitäten nicht, nur demjenigen, der exzessiv nichts verzehrte, wurde eine Verwarnung ausgesprochen. Manche der Künstler hatten auch Gönner, die ihnen spendierten.

Neben dem bekannten Romanischen Café widmet sich Schebera auch anderen Lokalen wie „Schwanneke“, einem Weinlokal, das von einem ehemaligen Schauspieler betrieben wurde und bald nach Eröffnung Stammlokal von Theaterleuten und Literaten war. Fritz Kortner und Max Reinhardt gehörten zu den Stammgästen, auch Ödön von Horwath war oft dort.

Das Lokal von Änne Maenz war eine einfache Bierstube, nichtsdestoweniger war es ein weiterer beliebter Treffpunkt von Theaterleuten, unter vielen anderen Lubitsch, Jannings und der Verleger Rowohlt. Bertolt Brecht verkehrte häufig bei ‚Schlichter‘, lernte dort auch Weill kennen, mit dem zusammen er die Dreigroschenoper schuf.

Dann gab es noch die ganz Prominenten, die, die es hoch hinaus geschafft hatten, Gerhart Hauptmann beispielsweise oder Thomas Mann, aber auch Erich Maria Remarque. Diese hielten Hof kann wohl schon sagen in den Nobellokalitäten des Adlon, des Kempinski oder des Eden….

Kästner, Erich Kästner muss noch erwähnt werden, ein Schriftsteller, der seine Werke tatsächlich in einem Lokal schrieb, in ganzen Trubel der anderen. Erich und die Detektive beispielsweise im Frühsommer 1928 am Tisch des Café Carltons, seinem literarischen Büros, das er im gleichen Jahr aber ins Café Leon im ersten Stock eines neu errichteten Kinopalastes verlegte.

Anfang der 30er Jahre verdunkelte sich der Himmel über Deutschland und besonders über viele Künstler. Wer jüdischen Glaubens war, wusste meist genau, daß ihm eine Verhaftung bevorstand, Arbeits- und Auftrittsverbote traten in Kraft, es blieb nicht bei diesen Schikanen. Viele der Stammgäste der Künstlerlokale verließen Deutschland und mussten emigrieren, mit ihnen der Geist und der Esprit, der die besondere Epoche der Zwanziger Jahre in Berlin ausgemacht hatte; es gab aber auch Künstler, die sich mit dem Regime arrangierten….


Scheberas Büchlein über die Künstlercafés im Berlin der Zwanziger Jahre ist ein kleiner Schatz. Voll mit Anekdoten aus dieser Zeit, mit Namen (die wahrscheinlich den älteren unter uns mehr sagen weren als den jüngeren) mehr oder weniger bekannter Künstler und Schriftsteller, viele davon standen am Anfang ihrer Karriere. Es muss eine besondere Zeit gewesen sein damals, eine aufgeregte, niemals zur Ruhe kommende Atmosphäre, die allenfalls zwischen fünf Uhr in der früh und mittags etwas langsamer schlug – bis auf diejenigen, die schon am frühem Morgen nach Frühstück verlangten. Es war die Zeit der Kritiken, eines Kisch, wo man nach dem Theaterabend noch ein paar Stunden im Lokal diskutierte und feierte, bis drei Stunden später die ersten Vorkitiken gedruckt waren, die man dem Zeitungshändler aus der Hand riss – um den Verriss des Stückes zu lesen oder das Hosianna…. Von der Intention und vom Umfang des Bändchens her ist ein Gesamtüberblick über die damalige Szene nicht zu leisten gewesen. Aber, diese Atmosphäre so authentisch wie möglich wiederzugeben, bestimmt[e] die Machart des vorliegenden Bandes. Und genau das ist Schebera gut gelungen, sein Büchlein voller Leben läßt die damalige Zeit für den Leser noch einmal am Horizont aufblitzen.

Ergänzt wird das Buch außerdem durch ein ausführliches Sach- und Personenverzeichnis, durch ein Verzeichnis von Literaturhinweisen zum Thema und durch Anmerkungen.

Links und Anmerkungen:

[1] Else Lasker-Schüler: Denk dir ein Wunder aus; Besprechung hier im Blog
[2] Mit diesen Sätzen beginnt Kerstin Decker ihre große Biographie von Else Lasker-Schüler: Mein Herz – Niemandem, Berlin 2009

Jürgen Schebera
Damals im Romanischen Café
Künstler und ihre Lokale im Berlin der zwanziger Jahre
Erstausgabe: Verlag Edition Leipzig, 1988
diese Ausgabe: Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH (vom Autor revidierte Neuausgabe), HC, ca. 190 S., viele Abbildungen

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6 Responses to “Jürgen Schebera: Damals im Romanischen Café”


  1. Sind Zufälle zufällig? Gestern lese ich was über das Romantische Café und heute taucht dieser Beitrag auf. Vielen Dank für diesen Ausflug in gleich zwei Epochen. Hier mein gelesenes Zitat von Joseph Roth aus dem Jahr 1927: …’Im „Romantischen Café“ saß sie sehr selten, sehr gelangweilt, unerkannt und unter Pseudonym, in der Kleidung, die einen symbolischen Kompromiss der literaturnahen Frauen mit den herrschenden Gesetzen der bürgerlichen Mode darstellt. Ihre Schlauheit war so groß wie ihr Talent. Ihre Schauspielerei so überzeugend wie ihre Taten im Bürgerkrieg.’…

    Es geht hier um die russische Journalistin Larissa Reisner und ich würde gern wissen, wie so ein Kompromiss zwischen literaturnaher Kleidung und Bürgermode um 1923 so ausgesehen hat…

    Gefällt 2 Personen

    • flattersatz Says:

      ich habe mal geschaut, die bildersuche gibt da nicht viel her. bürgerlich ja, literturnah.. das sehe ich der kleidung nicht an. möglicherweise sind irgendwo buchstaben eingewebt… ;-)

      … ja, ja, die dublizität der ereignisse. ist mir die tage auch wieder passiert. lese ich ein buch über deutsche exilliteratur und bekomme am gleichen tag eine schöne ausgabe von zwei novellen stefan zweigs…. als ob´s einen plan gäbe….

      herzlichen dank für deinen kommentar!

      Gefällt 2 Personen


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