Es begegnen sich zwei Männer, im Frühling 1934, in Paris, an der Seine. Beide schlafen unter den Brücken, aber der eine, Andreas Kartak, der sich seines Namens kaum noch erinnert, ist abgerissen, schmutzig und betrunken, obwohl er nicht wankt. Der andere Mann dagegen ist gut gekleidet. Dieser spricht den Abgerissenen an, er könne sehen, daß jener Geld bräuchte, nein, die zwanzig Francs, die dieser nennt, seien zu wenig, er hätte Geld und er gäbe ihm gerne zweihundert Francs. Andreas ist ehrlich, trotz seiner Umstände ein Mann von Ehre, macht darauf aufmerksam, er könne dies kaum zurückzahlen, die Schuld nicht begleichen, hätte auch keine Adresse, unter der er erreichbar sei. Das mache nichts, so lautet die Antwort des anderen, er selbst sei ein bekehrter Christ und der Heiligen Therese von Lisieux [2] sei er viel schuldig und wenn jener den Betrag zurückgeben wolle, dann solle er dies in einer bestimmten Kirche nach der Messe tun, in dem er es dem Priester gäbe.

Mit dieser Episode fängt (ohne daß dies die Hauptfigur natürlich weiß) Das finale furioso eines erfüllten Lebens an. Das Geld, die zweihundert Francs, ändern für Andreas vieles. Daß er es bekommen hat aus heiterem Abendhimmel, ist ein Wunder für ihn. Sofort fühlt er sich anders, das Bedürfnis sogar entsteht in ihm, sich zu waschen, auch wenn diese Tat selbst letztendlich zur nur symbolischen Handlung gerinnt. Er kann sich jetzt ein besseres Lokal leisten, sieht sich dort im Spiegel, abgerissen, unrasiert, als verwahrlost. Kann jetzt ein neues Leben für ihn beginnen? Eins, in der er eine Brieftasche benötigt? Die junge Verkäuferin erinnert ihn an die Zeit vor dem Gefängnis, in dem er saß…..

Ein dicker Mann spricht ihn an in diesem Lokal und bietet ihm eine Arbeit an, Grund genug, etwas zu trinken und in ein ihm bekanntes Etablissment zu gehen und sich eine der Frauen dort auszusuchen… aber er ist pünktlich, arbeitet gut und vertrinkt am nächsten Abend das verdiente Geld nur in Maßen.

Niemand kann sagen, er hätte nicht gewollt, hätte das Geld einfach behalten wollen.. nein, er ging zur Kirche Ste-Marie de Batignolles, leider etwas zu spät, die Messe war schon aus und so wartete er im Lokal gegenüber und trank einen Pernod… ja, einen nach dem anderen, seien wir ehrlich. Und als er ging, wurde er angesprochen, von einer Frau, und er erkannte die Frau, es war Karoline, wegen der er einst ins Gefängnis kam….

So sollten sich in der Folge der kommenden Tage die guten und die weniger guten Ereignisse im Leben von Andreas abwechseln. Immer wieder geschehen ihm kleine ‚Wunder‘, die es ihm ermöglicht hätten, seine Schulden zurückzuzahlen, aber immer wieder stelle sich ihm Hindernisse in den Weg, die es ihm dies unmöglich machen, weil er zu schwach ist, weil er allzu schnell aufgibt.

So gelingt es ihm ein ums andere Mal nicht, die Heilige Therese in ihrer Kirche zu besuchen und die Schulden zurück zu zahlen. Es gelingt ihm so sehr nicht, daß an einem weiteren Sonntag schließlich die Heilige Therese sich – so scheint es ihm – selbst aufgemacht hat, ihn zu besuchen, in der Bar, in der er mit seinem Kumpel Pernod trinkt und auf das Ende der Messe wartet, einem Zeitpunkt, an dem er die zweihundert Francs schon wieder nicht mehr hätte. Im Gegenteil erschreckt er die kleine Therese, die er in Fleisch und Blut sieht, die aber nicht als junges Kind erkennt, so sehr, daß sie ihm Geld anbietet, um ihn zu besänftigen.. und in dem Glauben, der Heiligen Therese begegnet zu sein, fällt er urplötzlich mitten im Lokal wie ein Sack um. Ratlos sind die Menschen um ihn herum und erschrocken, und da sich der Priester mit Toten auskennt, tragen sie ihn in ihre Kirche, die Kirche der Heiligen Therese von Lisieux, wo unser Andreas seinen letzten Seufzer tut und stirbt.


Gebe Gott uns allen,
uns Trinkern,
einen so leichten und
so schönen
Tod!


Joseph Roth wurde 1894 in Brody, einem Schtetl in Galizien, als Sohn jüdischer Eltern geboren. Im späteren Leben sollte er sich, ohne daß ein Übertritt bzw. eine Taufe nachweisbar wäre, jedoch teilweise auch als Katholik bezeichnen [1]. Dies ist insofern interessant, als im Heiligen Trinker…. der anfangs auftretende gut gekleidete Herr, der Andreas die zweihundert Francs gibt, von sich sagt: Ich bin nämlich ein Christ geworden, was man in diesem Kontext als selbstbezüglich interpretieren kann. Damit wäre dieser Herr ein weiteres autobiographisches Element in dieser kleinen Novelle, denn der Trinker selbst stellt einen wesentlichen Aspekt des Lebens von Joseph Roth, der selbst unter schwerer Alkoholsucht litt, dar. Joseph Roth starb wenige Wochen nach Beendigung seiner Legende vom Heiligen Trinker in Paris.

.. in Paris. Denn wie viele andere Literaten und Künstler hatte sich auch Joseph Roth nach 1933 eine neues Lokal suchen müssen – um es zynisch zu formulieren. Die bekannten Berliner Künstlerlokale, in denen er verkehrte wie das Romanische Cafè oder das Restaurant Schlichter [3] leerten sich nach der Machtergreifung, viele der Stammgäste waren zur Flucht gezwungen, um ihr Leben zu retten. Ihre Werke zu retten war schwieriger, diese (und dazu gehören auch die von Roth) brannten im Mai 1933 und wurden aus deutschen Landen verbannt. Im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern blieb Roth jedoch auch im Exil produktiv.

Zwar hielt sich Joseph Roth auch häufig in Frankreich, u.a. in Sanary-sur-Mer, auf, er publizierte jedoch in niederländischen Exilverlagen wie Querido [5] und de Lange, in letzterem erschien 1939 die Originalausgabe des Heiligen Trinkers…, deren Text die vorliegende Buchversion folgt.


Die Hauptperson des Stückes ist Andreas, ein obdachloser Trinker. Das Leben bietet ihm noch einmal alles Möglichkeiten, und tatsächlich verspürt er, wie sich ihm die Welt, da er jetzt über finanzielle Möglichkeiten verfügt, öffnet. Aber der Trinker (und sicherlich weiß Joseph Roth dies auch aus eigenem Erleben [6]) ist nicht in der Lage, diese Chance wahrzunehmen. Ja, selbst als sich die Möglichkeiten mehr-, ja vielfach für ihn auftun, scheitert er jedesmal an sich selbst, jede Ausrede ist willkommen, jede ‚aufwärts‘ zeigende Handlung seinerseits eine Belohnung, sprich: einen Pernod, wert. Und da die Selbstkontrolle versagt, werden aus einem schnell zwei und drei usw usf…. auf der anderen Seite allerdings gewöhnt er sich an die wunderbaren Dinge, die ihm geschehen, sie werden ihm normal, er rechnet zunehmend fest damit, daß sie ihm wieder geschehen und aus der Klemme helfen…

Er ist nicht unliebenswürdig, dieser Andreas, beileibe nicht. Man leidet mit ihm mit, man erkennt das Unglück, das ihn auf diese Bahn gesetzt – und das ihn jetzt wieder heimsucht z.B. in Person der Frau, der er damals, vor dem ‚Kriminal‘, schon seine Liebe schenkte, und die ihn jetzt schamlos ausnutzt. Andererseits – auch dies muss man festhalten – ist Andreas nicht ganz schuldlos an dem, wie die Geschichte jetzt verläuft: warum nur sagt er nicht die Wahrheit, sagt, daß die Therese, mit der er ‚verabredet‘ ist, keine Frau ist, sondern eine Heilige, warum läßt er die Menschen in ihrem Irrglauben über sich, bestätigt ihn sogar?

Liegt auch eine religiöse Botschaft in der Geschichte? Ein bekehrter Christ (man darf wohl davon ausgehen also ein vormaliger Jude) erweist die erste Wohltat und erwartet als Gegenleistung den Besuch einer Kirche, etwas, was Andreas nicht zustande bringt. Erst im Sterben liegend wird er zur Kirche gebracht….

Roth hat seinem Stück den Untertitel Das finale furioso eines erfüllten Lebens gegeben, ein Titel, der seltsam anrührt. Ein erfülltes Leben? Worin könnte diese Erfüllung liegen bei einem Leben, das von außen gesehen mehrfach gescheitert war? Einen Menschen getötet, im Gefängnis gesessen, danach obdachlos unter Brücken gehaust und am Ende die ausgestreckte Hand des Lebens nicht ergreifen und halten könnend? Auch bei dieser Frage ist eine religiöse oder spirituelle Antwort möglich, eine andere fällt mir nicht ein: er glaubt fest daran, der Heiligen persönlich ansichtig geworden zu sein, er stirbt mit ihrem Namen auf den Lippen und dieser Friede, der ihn erfüllt, dieser leichte und so schöne Tod, der ihm gewährt wird, läßt alles Misslungene seines Lebens nichtig werden.


Marcel Reich-Ranicki hat Roths Geschichte als „eine der schönsten Legenden, die im 20. Jahrhundert gedichtet wurden“, charakterisiert. Ich kenne zuwenig Geschichten, um dies in dieser Form zu bestätigen, aber in jedem Fall ist diese Legende….. ein wunderbares Stückchen Literatur. Sie ist nicht umfangreich, ist schnell gelesen in einem Stück, weil sie auch so geschrieben ist, als würde uns einer dieser Erzähler, die es früher gab, eine Geschichte erzählen aus einem Guss. Sie führt uns diesen Trinker in seiner Tragik vor als wäre ein alter Bekannter von uns, wir freuen uns mit seinem Glück und an den Wundern, die ihm geschehen und möchten ihm so gerne helfen, wenn wir ahnen, sehen, wie er wieder am Leben scheitert…. und daß hinter allem der Schatten des Autoren liegt, der aus eigenem Leid solches Trinkerschicksal kennt und der wenige Wochen nach Andreas sterben sollte, einen Trinkertod, der wohl nicht so schön war wie der seiner Figur, macht traurig, sehr traurig.

Links und Anmerkungen:

[1] der ausführliche Beitrag zu Joseph Roth in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Roth oder auch hier: http://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Personen/roth-joseph.html
zur Webpräsenz von Joseph Roth (erstellt von nicht näher bezeichneten ‚Freunden Joseph Roths‘: http://www.josephroth.de/index.htm
[2] Infos zu Heiliger und Kirche – wen es interessiert:  http://www.theresevonlisieux.de und  https://de.wikipedia.org/wiki/Ste-Marie_des_Batignolles. Für diese Geschichte hat sich Roth mit der Hlg. Therese eine passende Heilige ausgesucht: Thérèse sah ihren Lebensweg als einen Weg der Hingabe an Gott und die Mitmenschen, die sich gerade in den kleinen Gesten des Alltags äußere (ihr sogenannter „kleiner Weg“ der Liebe). (nach Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Therese_von_Lisieux)
[3] Jürgen Schebera: Damals im Romanischen Café; Besprechung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com…cafe/
[4] Manfred Flügge: Das flüchtige Paradies, Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com…paradies/
[5] vgl. hier die schöne Arbeit von Baltschev über den Querido-Verlag: Bettina Baltschev: Hölle und Paradies; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com….paradies/
[6] Joseph Roth wie er leibt und trinkt, Bil Spira, Paris 1939; vgl. hier: https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Objekte/spira-zeichnung-roth-glas.html?single=1

Von Joseph Roth habe ich in meinem Blog ferner den Hiob vorgestellt: https://radiergummi.wordpress.com/2016/11/02/joseph-roth-hiob/

Joseph Roth
Die Legende vom heiligen Trinker
Das finale furioso eines erfüllten Lebens
mit einer Liebeserklärung an den Autoren von Ludwig Marcuse
Originalausgabe: Allert de Lange, Amsterdam, 1939
diese Ausgabe: Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, HC, ca. 92 S.

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baltschev

Zwei Männer auf einem Balkon, offenbar guter Laune. Im Hintergrund ist zu erkennen, daß es sich wohl um ein großes Haus aus Backstein handelt, am Horizont die glatte Linie, das Meer wohl. Einer der Männer in ein weißes Jackett gekleidet, der andere hat über das Hemd einen Pullover gezogen, obwohl die Sonne zu scheinen scheint, weht möglicherweise ein kühler Wind, ein Seewind. Der Aufnahme selbst sieht man an, daß sie älter ist, ein Papierfoto, von der Zeit gebleicht und in einen leichten Sepiaton gehüllt.

Sie ist älter, diese Aufnahme, sie stammt aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Das Gebäude gibt es nicht mehr, die uneingeladen erschienenen Deutschen haben das Grand-Hotel in Zandvoort später (wie andere Gebäude dort auch) abgerissen, um freien Blick auf das Meer zu haben, man hielt es für möglich, daß die Invasion hier stattfände. Auf dem Balkon die beiden Männer sind Freunde, es sind Klaus Mann im Jackett und Fritz Landshoff an seiner Seite. Während man Klaus Mann sowohl als Sohn von Thomas und Katia Mann kennt, aber auch aus eigenem Verdienst, man denke nur an Mephisto, ist Fritz Landshoff unbekannter und es ist – das sei schon hier am Anfang meiner Buchvorstellung festgehalten – das große Verdienst von Bettina Baltschev, dies mit diesem Buch (hoffentlich) zu ändern.

Wer sich abseits der Gegenwartsliteratur zumindest hin und wieder auch mit der deutschen Literatur in dieser Zeit, den dreißiger Jahren beschäftigt, wird ab 1933 (‚Der Kegelverein ändert seinen Vorstand.‘ kommentierte der Schriftsteller Georg Kaiser die entsprechende Meldung in der BZ vom 30.1.1933) vermehrt auf Schriftsteller stoßen, die gezwungen waren, Deutschland zu verlassen: die politische Einstellung passte nicht mehr in die Machtverhältnisse, vor allem aber war es das Jüdische, das es nach damaliger deutscher Gesinnung auszurotten galt. So leerten sich die Berliner Künstlercafés [3] und an anderer Stelle füllten sie sich – unter anderem mit deutschen Schriftstellern und Autoren wie den schon genannten Klaus Mann [4].


»Das Exil war eine Hölle«
(Hermann Kesten)

Amsterdam wurde zu so einem Fluchtpunkt. Nicht, weil die ins Exil gezwungenen Schriftsteller diese Stadt im kleinen Nachbarland auf dem Schirm gehabt hätten: ‚Keiner von uns hatte an Holland gedacht‘ hielt Fritz Landshoff 1983 in einem Interview fest, nein, die Initiative ging im Grunde von einem Mann aus und dessen Name wird jedem, der sich ein wenig in der Exilliteratur herumliest, früher oder später unterkommen: Emanuel Querido, von der Abstammung her ein sephardischer Jude, Amsterdamer Verleger und Besitzer des Verlags Em. Querido’s Uitgeverij-MIJ N.V.

Diesem trugen Freunde die Idee an, einen Exilverlag zu gründen, in dem vertriebene deutsche Autoren ihre Werke veröffentlichen konnten. Das war wirtschaftlich durchaus ein Risiko, denn der Hauptmarkt für deutsche Bücher, i.e. natürlich Deutschland, fiel als Absatzmarkt aus, deutsche Flüchtlinge im Ausland hatten meist andere Sorgen, als sich mit Büchern einzudecken und nach dem ‚Anschluss‘ 1938 fiel dann auch noch Österreich als Abnehmer aus, dort bei Händlern eingelagerte Bücher wurden konfisziert, ein nicht unerheblicher Verlust für den Verlag.

Aber zurück zu den Anfängen. Hier kommt der oben genannte Fritz Landshoff ins Spiel. Dieser war Mit-Verleger bei Kiepenheuer in Berlin, einem Verlag, der aufgrund seiner politischen Grundausrichtung ebenfalls reichlich Reibungsfläche mit dem neuen Machthaber bot und nach der ‚Machtergreifung‘ geschlossen wurde. Querido kam auf Landshoff, weil man ihn von Kiepenheuer kannte und schon gut mit ihm zusammengearbeitet hatte. Ein beiden bekannter Journalist und Kritiker, Nico Rost, wurde eingeschaltet und sprach Landshoff in Berlin an. Dem deutschen Juden muss dieser Vorschlag als Geschenk des Himmels erschienen sein, im April 1933 nahm er den Nachtzug nach Amsterdam, um mit Emanuel Querido die Gründung dieses neuen Verlages für Exilliteratur zu besprechen.

Man einigte sich auf eine gleichberechtigte Partnerschaft mit klar umrissenen Verantwortlichkeiten, Gottseidank konnte Landshoff seine finanzielle Einlage an dem neuen Verlag aufbringen. Durch seine Arbeit bei Kiepenheur konnte den Kontakt zu einigen Schriftstellern, die sich zur Ausreise gezwungen sahen, herstellen, schon bald hatte er Verträge mit bekannten Autoren abgeschlossen. So wurden schon im ersten Jahr 1933 acht Titel verlegt, und zwar von Feuchtwanger (2), Heinrich Mann, Anna Seghers, Ernst Toller, Arnold Zweig, Gustav Regler und Alfred Döblin, für das Jahr 1935 listet Baltschev 26 Titel auf, danach nahm die Zahl der Bücher kontinuierlich wieder ab, bis der Verlag wenig überraschend durch die faschistischen Besatzer 1940 geschlossen wurde.

Exilliteratur ist nicht automatisch gute bzw. wichtige Literatur, schon gar nicht automatisch auch politische Literatur. Baltschev widmet dem damaligen Literaturredakteur der linksliberalen Tageszeitung Het Vaderland, Menno ter Brak, einige Seiten. Gelungene Literatur solle im besten Fall gesellschaftlich relevante Themen behandeln, ein Anspruch, dem natürlich nicht jedes Buch gerecht wird. Ihm [i.e. Manno ter Brak] wird jedenfalls regelrecht übel vom Weihrauch, mit dem sich die Exilschriftsteller gegenseitig zunebeln und …. [er] arbeitet sich an Klaus Manns 1934 erschienenem Roman Flucht in den Norden ab, …. der für ihn vor allem eins [ist]: überflüssig. So ist die Entfremdung der beiden Literaten ein Beispiel dafür, daß man zwar an das gleiche glauben kann (die Macht des Wortes), sich aber trotzdem in jeweils fremden Welten bewegt.

Landshoff hatte den Krieg in Amerika überlebt, er war von der Okkupation der Niederlande auf einer Dientsreise nach London überrascht worden und gelangte von dort aus nach Amerika. Nach Kriegsende kehrte er zurück. Die Überlebenden müssen weitermachen, was bleibt ihnen schon übrig? Irgendeinen Sinn muss es schließlich haben, dass sie der Hölle entronnen sind. …. so nahm der Verlag seine Tätigkeit noch einmal auf, 1946 erschien Anna Seghers bekannter Roman Das siebte Kreuz und 1950 dann als letzte Veröffentlichung Klaus Mann zum Gedächtnis  von Erika Mann als Herausgeberin.


Lange hielten sich die Niederländer viel auf ihre Liberalität und Toleranz zugute. Doch wurden im Verlauf des Krieges, vor allem, nachdem die Wehrmacht über das Land, das seine Neutralität erklärt hatte, einfach überrollt und besetzt hatte, immer mehr fremden-/juden-/emigrantenfeindliche Stimmen laut. Es fanden sich willfährige Helfer der Okkupanten, insbesondere Juden anzuzeigen, zu verraten, auf deren Kopf war ein Kopfgeld ausgesetzt, das sich so mancher gerne mitnahm. Was Drancy in Frankreich, ist Westerbrok in den Niederlanden: ein Schandmal, ein Mahnmal der moralischen Unterwerfung unter ein mörderisches System. In Westerbrok wurde interniert und aus Westerbrok wurde deportiert. Zug um Zug mit Hunderten Viehwaggons, vollgestopft mit Menschen, die ihrer Ermordung entgegen in die deutschen Todeslager gefahren worden sind [5]. Hier und auf diese Art und Weise fanden auch Emanuel Querido und seine Frau ihr erbarmungswürdiges Ende in Sobibor [6]. Auch davon erzählt uns Baltschev, von der Stimmung, die in den Niederlanden kippte, von einem Amsterdam, das vorgeblich durch die vielen Fremden zu einer deutschen Stadt geworden wäre, von den Autoren, die sich beklagen, daß sie ihren Roman so weit herummildern [müssen], dass er in Holland eben noch, knapp und knappert, publikabel erscheint. Damit Landshoff nicht wegen Beleidigung eines befreundeten ‚Staatsoberhauptes‘ in´s Chachot kommt. …, so Bruno Franck (schon !) 1937 an Thomas Mann.

Exil – die Schriftsteller legten Wert auf diesen Begriff, sie sahen sich nicht als Emigranten, die ihre Heimat verlassen hatten, um woanders ihr Glück zu versuchen. Exil war kein Abenteuerurlaub. Ich habe an ein, zwei Stellen mal die Augen geschlossen und mir vorgestellt, ich müsste sagen wir innerhalb von drei Stunden fliehen, alles zurücklassen, die Wurzeln zu meinem Leben kappen, nicht wissen, wo ich hinkomme, wie ich aufgenommen werde bzw. ob ich überhaupt aufgenommen werde. Ein furchterregender Gedanke. Exil war reisen, war warten, war ankommen, sich einfinden, war wieder weiterfahren, innerhalb Europas oft mit der Bahn. Irmgard Keun, einer der bei Querido verlegten Autorinnen, hat einen Roman geschrieben, der dies thematisiert, D-Zug dritter Klasse, ihn greift Baltschev heraus und zitiert einige Stellen aus ihm. Nur die wenigstens konnten wie Lion Feuchtwanger [7] oder Thomas Mann auch im Ausland ein ’normales‘ Leben führen. Nicht alle hielten dieses Leben aus, Stefan Zweig beispielsweise schrieb in seinem Abschiedsbrief 1942: …. Und die meinen [i.e. Kräfte] sind durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschließen, …

Amsterdam ist, so formuliert es Baltschev, vor allem Durchgangsstation, ein Ort, an dem die deutsche Exilgemeinschaft der Dichter und Schriftsteller in wechselnder Besetzung zusammenkommt, sich gegenseitig ermutigt und sich von Fritz Landshoff versichern läßt, daß sie und ihr Werk immer noch von Bedeutung sind.

Bettina Baltschev erzählt im besten Sinne des Wortes die Geschichte dieser Frauen und Männer und des nicht einzigen, aber sicherlich einem der bedeutenden Exilverlage,  in Amsterdam selbst gab es z.B. noch den Exilverlag von Allert de Lange. Das erste publizierte Werk bei Querido jedenfalls war von Heinrich Mann Der Hass, Klaus Mann gab knapp zwei Jahre lang die literarische Zeitschrift Die Sammlung bei Querido heraus und engagierte sich sehr für den Verlag. Eine Liste der bei Querido verlegten Autoren (eine illustre Sammlung von Namen….) findet sich hier [8]. Den Umkehrschluss, den man aus diesem Aderlaß für die deutsche Literatur ziehen musste, formulierte Heinrich Mann in seinem Der Hass trefflich: Seinen literarischen Nachwuchs bezieht das System hauptsächlich aus den Reihen der Altern, Halbvergessenen, dei sich über die frühere große Presse zu beschweren hatten. Da sind arme Nichtskönner mit Augen gelb vom Ärger. So lange hatten sie ertragen müssen, daß auch wir noch da waren. Sie zitterten danach , ranzukommen, verzweifelt hofften sie auf ihre Stunde. Jetzt ist sie da. 

Baltschev kennt sich in Amsterdam aus, sie nimmt uns mit an die Schauplätze dieses Exilortes deutscher Schriftsteller. In der Keizersgracht 333 beispielsweise residierten die beiden Verlage Queridos, im Café Américain kam so etwas wie Bohème-Stimmung auf. Ein Ort des Grauens dagegen an der Hollandsche Schouwenburg an der Plantage Middenlaan. Einst ein Theater im Amsterdam wurde es unter der deutschen Besatzung ein Theater im Ghetto und in Joodsche Schouwenburg umbenannt, 1942 muss es den Theaterbetrieb einstellen und wird zum Sammelzentrum für Juden aus dem Großraum Amsterdam, auch für Emanuel Querido und seine Frau Jane war dieser Ort eine Etappe ihres Leidensweges.

Hölle und Paradies von Bettina Baltschev, die Kulturwissenschaften, Journalistik und Philosophie in Leipzig und Groningen studiert hat und jetzt als Redakteurin und Autorin arbeitet, ist ein sehr gelungener Versuch, ein bislang zumindest in der Öffentlichkeit wohl eher unbekannteres Kapitel der deutschen Literaturgeschichte auszuleuchten, verknüpft man den Begriff der Exilliteratur doch eher mit Südfrankreich oder den USA. Doch war Querido und seine Mitstreiter hier in den Niederlanden geschaffen haben, war mutig und ehrenhaft: sie gaben mundtot gemachten Schriftstellern ein Forum, weiterzuarbeiten, in der Hoffnung, gehört zu werden, zumindest aber, nicht vergessen zu werden. In diesem Sinne ist dem Werk ein Verzeichnis der publizierten Bücher beigegeben, in einer weiteren Auflage des Buches kommt möglicherweise ebenso noch eine kurze und wünschenswerte Aufstellung über die von Querido verlegten Autoren hinzu.

Hölle und Paradies von Bettina Baltschev ist nicht nur inhaltlich sehr interessant, sondern liest sich auch sehr gut, gerade weil die Autorin auch ihre persönlichen Eindrücke bei der Arbeit zum Buch mit einbringt, ferner ist Hölle und Paradies ebenso als Buch einfach schön. Dies sollte zusätzlichen Anreiz bieten, sich Baltschevs Buch anzuschaffen, es ist ein Steinchen, ein wichtiges, im Mosaik ‚Wider das Vergessen‘

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Beiträge zu
– Emanuel Querido: https://en.wikipedia.org/wiki/Emanuel_Querido
– Fritz Landshoff: https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Helmut_Landshoff
– Querido-Verlag: https://de.wikipedia.org/wiki/Querido_Verlag
[2] und [3] entfallen….
[4] vgl. z.B. auch: Manfred Flügge: Das flüchtige Paradies (https://radiergummi.wordpress.com…paradies/), in dem die Verhältnisse im südfranzösischen Sanary-sur-Mer geschildert werden
[5] – In den Aufzeichnungen von Etty Hillesum beispielsweise findet man eine aufrüttelnde Beschreibung des Lagers Westerbrok: Ein denkendes Herz; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2014/07/16/etty-hillesum-ein-denkendes-herz/
– Aus den Unterlagen des Niederländischen Roten Kreuzes zu Transporten nach Sobibor: http://resources21.kb.nl/gvn/EVDO02/pdf/EVDO02_NIOD05_7880.pdf
[6] Was das Datum angeht, tritt eine kleine Unstimmigkeit auf: die Autorin schreibt: Am 20. Juli 1943 treffen Emanuel und Jane Querido im Vernichtungslager Sobibor ein. …., die Transportlisten weisen dagegen für den 20. Juli nur einen nach Sobibor abgehenden Zug auf, der dort drei Tage später, am 23. Juli eintrifft:  http://www.tenhumbergreinhard.de/transportliste-der-deportierten/bericht-transport/transport-20071943-westerbork.html (Zur Übersicht der Transport aus Westerbrok siehe hier: http://www.tenhumbergreinhard.de/transportliste-der-deportierten/index.html). Eine andere Aufstellung weist für diesen Transport einen Querido, Korper V auf, ob dieser mit den Queridos verwandt ist, kann ich nicht sagen (http://resources21.kb.nl/gvn/EVDO02/pdf/EVDO02_NIOD05_7880.pdf, S. 13)
[7] wobei Lion Feuchtwanger vorher die Drangsal von Internierung und Flucht zu durchleiden hatte: Lion Feuchtwanger: Der Teufel in Frankreichhttps://radiergummi.wordpress.com/2013/04/27/lion-feuchtwanger-der-teufel-in-frankreich/
[8] Wiki-Beitrag zum Querido-Verlag: https://de.wikipedia.org/wiki/Querido_Verlag

Bettina Baltschev:
Hölle und Paradies
Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur
diese Ausgabe: Berenberg-Verlag, Halbleinen, ca. 168 S., 2016

Wer meinen Blog öfter besucht, wird sich vielleicht daran erinnern, daß ich letztes Jahr hier einige Bücher über Lion Feuchtwanger [1] vorgestellt habe, das ganze angeregt durch meinen Lesekreis, in dem wir ein Buch von Klaus Modick [1c] besprochen hatten, das sich mit der deutschen (Literatur)Exilantenszene befasst. In diesem Zusammenhang taucht häufig der Name einer kleinen Stadt an der Côte d’Azur auf, Sanary-sur-Mer. Deswegen war es keine Frage, daß ich neulich sofort zugegriffen habe, als ich ein Taschenbuch von Manfred Flügge fand (jener, der auch die Biografie Marta Feuchtwangers [1b] verfasst hat), in dem er die Geschichte dieses Ortes Sanary-sur-Mer [2] nachzeichnet.

Diese beginnt natürlich (auch im Hinblick auf den Besuch von „Fremden“) nicht erst mit den durch die Nationalsozialisten vertriebenen deutschsprachigen Schriftstellern [3], sondern deutlich früher. In einem einleitenden Kapitel beschreibt Flügge die touristische Entdeckung der französischen Mittelmeerküste durch die Engländer im späteren 18. Jahrhundert (im Jahr 1800 lebten 110 englische Familien dauerhaft in Nizza, einen anglikanischen Friedhof gab es zu dieser Zeit schon längst), denen dann im drauffolgenden Centennium die Russen folgten. Wer diese Küste kennt, kann dies nachvollziehen: das Licht, die Wärme, die Sonne, das Meer, die ganze Landschaft, auch der für Nordmänner kaum existierende Winter – all dies verzaubert und umschmeichelt den Menschen (insbesondere, wenn er nicht mit der Hände harter Arbeit sein Brot verdienen muss….).

So ist der erste Teil dieser „künstlerischen“ Historie des Ortes im wesentlichen durch Engländer geprägt. AutorInnen wie Kathreen Mansfield, D.H. Lawrence, Aldous Huxley und William Somerset Maugham werden im Buch ausführlicher vorgestellt und ihr Bezug zu Sanary (und anderen Orten in der Nähe dieses Ortes). Aber es sind natürlich nicht nur Schriftsteller, die diese Küste lieben lernen, auch und gerade Maler werden hier des Lichtes, der Farben wegen heimisch, „den deutschen Malern war Sanary seit Mitte der zwanziger Jahre ein Montparnasse am Meer…. Als Entdecker dieses Treffpunkts der deutschen, aber auch der skandinavischen und russischen Maler galt der deutsche Maler Rudolf Levy (1875-1944)“ [4]. Ein weiterer (unter vielen) Malern war Erich Klossowski (1875-1949) [5], der um 1930 in der Region um Sanary arbeitete.

In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts fing sich in Deutschland die braune Brut an zu regen. Wie von vielen anderen auch, wurde sie ebenso von Intellektuellen wie Schriftstellern unterschätzt. Spätestens mit der organisierten Bücherverbrennung im Mai 1933 [6] und der Veröffentlichung der ersten (von sehr vielen) Ausbürgerungliste [7] im August 1933 war klar geworden, wie konsequent das neue deutsche Regime seine Ziele verfolgen würde. Neben Politikern finden sich Lion Feuchtwanger auf dieser Liste, Heinrich Mann, Alfred Kerr, Ernst Toller, Kurt Tucholsky u.a.m. Viele dieser Namen tauchen auch im Zusammenhang mit Sanary auf.

Thomas Mann in Sanary-sur-Mer 1933 Bildquelle [B]

Thomas Mann in Sanary-sur-Mer 1933
Bildquelle [B]

Sanary-sur-Mer war vom bukolischen Sehnsuchtsort der Künstler, an dem sie im mediterranem Licht badeten und sich elysischen Gesängen hingaben, vom heiteren Ort kreativen Schaffens zum Zufluchtsort geworden, der ein Paradies war so wie ein Gefängnis, der von Existenzängsten und Zukunftssorgen durchwabert wurde. Zwar traf man sich in den Straßen und Cafés, flanierte, diskutierte, philosphierte, arbeitete auch, es wurden Einladungen ausgesprochen und Parties gefeiert, aber dies alles konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß diesen Schriftstellern, Journalisten, Autoren ihre Leser abhanden gekommen waren, ihre Verleger und ihr Publikum. Es gab zwar Exilverlage wie Querido in Amsterdam [10], aber deren Abnehmer waren begrenzt auf die Auslandsdeutschen, eine Existenz konnte man darauf nicht aufbauen..

Man war durchaus nicht einer Meinung in allen Angelegenheiten. Manche der Exilanten schienen sich zu sehr dem Kommunismus zuzuwenden, Feuchtwanger z.B. wurde seine Reise in die UdSSR mitsamt Empfang durch Stalin heftig angekreidet. Alma Mahler-Werfel auf der anderen Seite war völlig skrupellos, in Gesellschaft auch derb antisemitische Äußerungen loszulassen, eine Situation für ihren jüdischen Mann Franz Werfel, sich fremd zu schämen, was Alma wiederum kaum anfechtete [10].

Gedenktafel an deutsche u. österreichische Schriftsteller, die sich in Sanary-sur-mer im Exil vor den Nazis befanden Bildquelle: [B]

Gedenktafel an deutsche u. österreichische Schriftsteller, die sich in Sanary-sur-mer im Exil vor den Nazis befanden
Bildquelle: [B]

 Es würde zuweit führen, jetzt auf Einzelheiten einzugehen. Flügge schildert in der Folge knapp und bündig das Schicksal einiger herausragender dieser Emigranten, an erster Stelle sind wohl die Familie Mann zu nennen, auch Heinrich Mann, der Bruder von Thomas, ferner selbstverständlich Lion Feuchtwanger, der sich von allen Emigranten wahrscheinlich am wohlsten in Sanary gefühlt hat (im Gegensatz zu Thomas Mann, der lange brauchte, seine neue Lebenssituation zu akzeptieren). Sieben Jahre verbrachte Feuchtwanger mit seiner Frau Marta [vgl. auch 1b] dort und verpasste dabei den rechtzeitigen Absprung, denn 1940, mit der Niederlage gegen das Dritte Reich änderte sich die Stimmung in Frankreich. Die Jahr zuvor herzlich empfangenen deutschen Emigranten wurden auf einmal zu Spionen, zu Kommunisten und auch Juden. Schikanen wie häufige Ausweiskontrollen nahmen zu, Internierungen wurden vorgenommen… Feuchtwanger, dem letztlich eine halsbrecherische Flucht gelang, schrieb sich seinen Zorn, kaum in den USA angekommen, von der Seele [8]. Andere, wie die Manns, waren zu dieser Zeit schon, zum Teil auf abenteuerlichen Wegen, in die USA weitergezogen.

Werfels zum Beispiel wurden die notwendigen Ausreisevisa verweigert. Sie wurden Teil der „…Millionen dieser seltsamen Völkerwanderung…“ [9], kamen nach diversen Stationen endlich in Lourdes unter, wo sie sich mehrere Wochen verbargen, bis ihnen die Flucht in die USA endlich gelang.

So wurde die Exilantenszene in dem Mittelmeerstädtchen durch die politische-militärischen Entwicklungen schnell aufgelöst und fügte sich in das allgemeine Chaos des Flüchtlingsstroms im Süden Frankreichs ein….

Viele der Orte von damals sind noch existent, die gemieteten Häuser, die Hotels, in denen logiert wurde, die Cafés… sie gehören zur Geschichte von Sanary und dies wird jetzt auch gerne akzeptiert. Den (oder vielen davon) Exilanten, die hier, am Mittelmeer, Zuflucht gefunden hatten, bevor sie auch von hier vertrieben wurden, wurde mit der obigen Tafel ein Gedenken gesetzt….


Manfred Flügge hat mit seinem Das flüchtige Paradies einen interessanten Ansatz gewählt, diesen Aspekt der neueren deutschen Literaturgeschichte zu beleuchten. Dadurch, daß er einen Ort, an dem sich viele Lebenswege in einer dramatischen Zeit kreuzen oder zumindest berühren, in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellt, treten viele Querverbindungen zu Tage, die ansonsten verborgen bleiben. Freundschaften und Animositäten, Zusammenarbeit und Konkurrenz, auch Liebeleien und Liebesverhältnisse – die Emigrantenszene war trotz allem klein und man lief sich stets über den Weg, musste sich oftmals arrangieren. Nicht selten lauteten die Tagebucheinträge anders als der Ton am hellichten Tage, wenn man sich begegnete… Wem die Gelegenheit gegeben ist, Zugriff auf dieses Büchlein zu bekommen (das (Stand Ende Juli 2014) im „Gebrauchtbuchhandel“ mit z.T. über 40,– (!) Euro angeboten wird), sollte sie beim Schopfe packen, es lohnt sich! Das umfangreiche Register macht das Büchlein zusätzlich auch zu einem informativen Nachschlagewerk.

Links und Anmerkungen:

[1a] zu den Buchbesprechungen über Feuchtwanger im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/tag/lion-feuchtwanger/
[1b] Manfred Flügge: Die vier Leben der Marta Feuchtwanger; https://radiergummi.wordpress.com/2013/05/18/…
[1c] Klaus Modick: Sunset; https://radiergummi.wordpress.com/2013/03/11/klaus-modick-sunset/
[2] Wiki-Beitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Sanary-sur-Mer
[3] deutschsprachig, weil ausser deutschen „natürlich“ auch österreichische Autoren ins Exil getrieben worden sind….
[4] einige Infos zum R. Levy sind auf http://www.rudolf-levy.info
[
5] Erich Klossowski war auch Autor, hier der Wiki-Artikel zur Person:  http://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Klossowski, er verstarb sogar in Sanary
[6] dazu hier im blog u.a.: https://radiergummi.wordpress.com/2008/05/10/10-mai-1933/
[7] Wiki-Beitrag mit den Namen der Ausgebürgerten: http://de.wikipedia.org/wiki/….
[8] Lion Feuchtwanger: Der Teufel in Frankreich; hier im blog: https://radiergummi.wordpress.com/2013/04/27/..
[9] Franz Werfel: Das Lied von der Bernadette, Bermann-Fischer-Verlag, 1948, Vorwort. Dieser Roman über die Geschichte der Bernadette in Lourdes entstand aufgrund eines Gelübdes Franz Werfels, daß er in dieser Pyrenäenstadt ablegte: Wenn es mir gelingt, „die rettende Küste Amerikas zu ereichen, dann will ich …“ . Es ist witzig, diesen Roman habe ich eine Woche später in derselben Grabbelkiste gefunden wie Flügges … Paradies. Es ist zwar nicht mein Thema, aber Ehrensache, daß ich ihn mitgenommen habe….
– was das besondere an der Beziehung Franz Werfels mit Alma Mahler-Werfel angeht, hat Michael Lentz dies in seinem Roman Pazifik  Exil sehr schön dargestellt. Auch lesenswert. (Michael Lentz, Pazifik Exil, S. Fischer, 2007)
[10] Wiki-Beitrag zum Querido: http://de.wikipedia.org/wiki/Querido_Verlag

[B]ildquellen:
– Gedenktafel: Wiki-Beitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Golo_Mann; By –Anima 21:00, 28 September 2007 (UTC) (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
– Thomas Mann in Sanary: By anonymous (the author did not disclose his/her identity) [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons (http://commons.wikimedia.org/….)

Weitere lesenswerte Fundstellen zum Thema:

Manfred Flügge
Das flüchtige Paradies
Künstler an der Côte d’Azur
diese Ausgabe: Aufbau Taschenbuch, ca. 280 S., 2008

Alicia Kozameh, 2006 Bildquelle [2]

Alicia Kozameh, 2006
Bildquelle [2]

„Schritte unter Wasser“ ist der Rückblick auf und die Aufarbeitung von Erfahrungen einer jungen argentinischen Frau, gesammelt während eines über dreijährigen Kerkeraufenthaltes. Südamerika (analoge Erlebnisse wie die hier zugrunde liegenden ließen sich aus vielen Staaten dieses Teilkontinents erzählen) hatte in den 70er und 80er Jahren eine politisch sehr repressive Phase, Juntas, Militärdiktaturen, unter den Militärs agierende, aber schwache Zivilregierungen, die von „linken“ Aufständischen und Rebellen aus dem Untergrund bekämpft wurden. Der „Kampf“ der Obrigkeit gegen diese Untergrundkämpfer wurde erbarmungslos geführt, Mindeststandards dessen, was wir als Bürgerrechte kennen, völlig ignoriert: Entführungen, Durchsuchungen, Gefängnisaufenthalte, Kinderraub, Folter, Mord waren gängige Methoden der jeweils Herrschenden. In meiner Besprechung des Buches von Laura Alcoba: „Das Kaninchenhaus“ [1] habe ich versucht, dies etwas ausführlicher darzustellen, deswegen verzichte ich hier auf weitere Anmerkungen und verweise auf diese Besprechung [1] und auch auf andere Titel, die ich in diesem Themenumkreis hier schon vorgestellt habe [4].

Alicia Kozameh selbst wurde im September 1975 zeitgleich mit ihrem Lebensgefährten Hugo eingesperrt. Die psychische Folter fing schon damit an, daß man ihr sagte, er sei tot, liege irgendwo erschossen herum… und dann wieder, er sei nicht tot…. physische Folter: sie wird geprügelt, in den Magen geboxt, solle sagen, wo die Sachen versteckt sind… die Wohnung der beiden wird auseinandergenommen, vandalisiert.

Sie kommt in ein Gefängnis zu anderen Companeras. Die Frauen hocken eng aufeinander, man muss sich mit dem wenigen arrangieren, was man hat bzw. bekommt. Es entstehen Freundschaften, aber es herrschen auch Antipathien.

„Schritte unter Wasser“ ist kein Protokoll dieser mehr als drei Jahre Kerker, kein Tagebuch oder Bericht. Kozameh ist es gelungen, zwei Heft mit Notizen und Gedanken über die Zeit zu retten und nach der „Entlassung“ mit nach draußen zu schmuggeln, dies ist neben ihrer Erinnerung Grundlage des Textes. In der Art erinnert er mich an den Grossmann-Text „Aus der Zeit gefallen“, ein Reflektieren über die Zeit, die Veränderungen, die Kozameh in dieser Zeit erfahren hat, ein Text auf einer Meta-Ebene. Episoden, die in ihrer Gesamtheit ein Bild staatlichen Terrors und seiner Wirkungen auf den Betroffenen ergeben.

So erfahren wir vom Alltag der Gefangenen nur am Rande, es wird nichts über Verhöre erzählt, auch physische Gewalt, die den Frauen angetan wird, wird selten erwähnt. Wenige Bemerkungen schildern direkt die Zustünde, in den Strafzellen wird den Frauen z.B. kein Wasser gegeben, sie schreien vor Durst, im Lazarett verweigern Ärztinnen die Behandlung einer Companera, sie stirbt daraufhin. Die Gewalt, die Gefahr ist subtiler: Frauen, die Kinder bekommen haben, werden diese nach drei Monaten weggenommen, um an Gefolgsleute weitergereicht zu werden. Man muss es sich als Leser erschließen aus dem Zusammenhang des Textes, hier aus einer Unterhaltung zweier Frauen, die Wache halten des Nachts…

Nach der Entlassung ist die Welt keineswegs in Ordnung. Mütter müssen um die Zuneigung ihrer Kinder kämpfen, denen sie entfremdet sind. Beziehungen gehen in die Brüche, Sara, das Alter Ego der Autorin, verliebt sich in den Freund einer befreundeten Genossin, mit der sie im Gefängnis war. Wie dieses moralische Dilemma auflösen? Das Leben, das Atmen muss erst wieder gelernt werden…

Dinge des Alltag erhalten ungeahnte Symbolkraft: für Sara ist dies Hugos Lieblingsjacke, die einer der Schergen an sich nimmt und fortan trägt. Als wüsste er, was das für sie bedeutet, zeigt er sich ihr immer wieder in dieser Jacke, bis er sie ihr nach ihrer „Entlassung unter Beobachtung“ irgendwann zu wirft….

Es ist die Angst, die Unsicherheit, das Beobachtetwerden, der Kampf mit den Behörden, die zermürben. Viele Südamerikaner gehen ins Exil, nach Mexiko, in die USA oder nach Europa. Sara z.B. hält Kontakt zu einer Genossin, die nach Frankreich gegangen ist… wie schwer die Erinnung fällt, merkt man daran, wie die Autorin zwischen der Ich-Form des Erzählens und dem Schildern in der entfernteren Dritten Person, ihrem Alter Ego Sara, wechselt.

„Schritte unter Wasser“ ist kein Roman im üblichen Sinn, kein Bericht über eine dunkle Zeit. Es ist mehr eine Reflektion, einer Erinnerung, Momentaufnahmen aus Jahren der Haft, eine „Hommage an das Überleben“ wie es Saul Sosnowski in seinem Nachwort bezeichnet. Es verbreitet keinen Horror, aber Schrecken, es ist eindringlich und einfühlsam, weniger spektakulär als vielmehr unter die Haut gehend. Es ist ein anzuratendes Buch.

Links und Anmerkungen:

[1] Laura Alcoba: Das Kaninchenhaus
[2] Wiki-Artikel zu Alicia Kozameh: http://de.wikipedia.org/wiki/Alicia_Kozameh
Bild: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported
[3] als Hintergrund zum Werk der Autorin sind diese beidem Aufsätze/Besprechungen hilfreich:
Erna Pfeiffer: Dem Unsagbaren Form geben: Alicia Kozameh (*1953) verbindet experimentelle Formen und politisches Engagement; http://www.ila-bonn.de/artikel/ila335/argentinien_alicia_kozameh.htm sowie
Gaby Küppers: Ent-Deckungen – Drei Bücher lateinamerikanischer Autorinnen; http://www.ila-web.de/buchbesprechungen/buecher238.htm
[4] weitere Bücher zum Thema Südamerika und Repression:
– Laura Alcoba: Das Kaninchenhaus
– Inés Garland: Wie ein unsichtbares Band
– Bernardo Kucinski: K.
– Elsa Osorio: Mein Name ist Luz
– Gustavo Germano und andere: Verschwunden
– Klester Cavalcanti: Der PISTOLERO

Alicia Kozameh
Schritte unter Wasser
Aus dem argentinischen Spanisch von Erna Pfeiffer
Originalausgabe: Pasos bajo el agua; Contrapunto, 1999
diese Ausgabe: Milena-Verlag, HC, ca. 178 S.,

 Irina Ratushinskaya, Bildquelle [1], Fotograph: Mikhail Evstafiev

Irina Ratushinskaya, Bildquelle [1], Fotograph: Mikhail Evstafiev

„Die Frauen von Odessa“ oder (im Original nur „Odessa“) umfasst die Geschichte dreier Familien über einen Zeitraum von ca. 35 Jahren hinweg. In den Schicksalen dieser Familien spiegelt sich die ganze tragische, brutale, menschenverachtende Geschichte Russlands und der Ukraine dieser Periode wieder.

Ratuschinskaja setzt mit ihrer Geschichte im Jahr 1905 ein, unter dem Zeitaspekt schließt sie nahtlos an den wunderbaren Odessa-Roman von Vladimir Jabotinsky: „Die Fünf“ an. Die Stadt steht unter dem Bann des Panzerkreuzers Potemkin, der vor dem Hafen ankert, von meuternden Matrosen in seine Gewalt gebracht. Die Hafenanlagen, die Molen sind voll von Schaulustigen, die das Spektakel mit südländischer Leichtigkeit betrachten. Zwei Granaten werden auf die Stadt abgefeuert und treffen sie, aber die Unruhen, die die Stadt kurzfristig aufrühren, sollen nur der schwache Beginn einer Epoche sein, in der kein Stein mehr auf dem anderen bleiben wird. 1905: auch das Jahr, in dem Russland den Krieg mit Japan verliert, die Flotte bei Tsushima vernichtend geschlagen wird. Das Regime des Zaren hat keine Kraft mehr

Die Petrows, adlig, Hauseigentümer, sind nicht mehr so reich wie sie mal waren, jedoch sie leben immer noch gut. Wir begegnen ihnen bei Maxims fünftem Geburtstag, der gebührend gefeiert wird mit den älteren Geschwistern Pawel, Sina und Marina. Man hat Bekannte, mit denen man die Ereignisse diskutiert, Sergei, der Onkel der Kinder, war auf einem der Schiffe vor Tsushima, aber er ist unversehrt wieder in die Heimat gekommen, unversehrt, aber mit großer Skepsis.

Wladek ist ein Schulkamerad Pawels, sie sind befreundet. Der ukrainische Vater ist Eisenbahningenieur, die Mutter eine katholische Polin. Daher können sie nie zusammen in die Kirche gehen. Sie sind einfachere Leute als die Petrows, gehen aber herzlicher und ungezwungener miteinander um. Wladeks Schwester ist Anna, und bei dieser Gelegenheit erst erfährt Pawel, daß Anna und Sina in eine Klasse gehen. Wie soll der Junge jetzt mit Anna reden, ohne sich dem Spott der Schwester auszusetzen? Wegen der Unruhe in der Stadt und der unsicheren Zeiten bekommen die beiden Jungen aber den Auftrag, auf ihre Schwestern aufzupassen, so daß sie den Schulweg daraufhin gemeinsam machen. Immerhin.

In die Klasse von Sina und Anna kommt eines Tages ein fremdes Mädchen, Rimma, die sich aber sofort Respekt verschaffen kann, sie ist nicht auf den Mund gefallen. Rimma ist Jüdin, mit ihrer Mutter und dem Bruder Jakow aus Nikolajew geflohen, nachdem dort bei Progromen jüdische Geschäfte geplündert worden waren und der Vater dem Wahn verfiel und starb. In Odessa würde so etwas nie vorkommen (dachte Rahel, die Mutter), so flohen sie in diese Stadt. Mit Not und Mühe konnte die Mutter ihre Kinder über Wasser halten, bis eines Tages ein reich aussehender Christ vor der Tür stand: der zum anderen Glauben übergetretene Bruder, verstoßen und für Tod erklärt von der Familie. Er kann helfen, besorgt den Geibers auch eine ordentliche Bleibe, im Haus der Petrows…

Das Schicksal dieser drei Familien verfolgt Ratuschinskaja über die nächsten Jahrzehnte. Die ersten Jahre nach 1905, diesem anfänglichen Beben, verlaufen noch relativ normal und ruhig. Die Kinder wachsen heran, machen ihre Ausbildung, ihre Schule fertig, gehen auf die Universität und haben Pläne für die Zukunft. Man verbringt der Lunge wegen einen Sommer auf Jalta, man besucht das Theater, hört Konzerte, amüsiert sich auf der Kirmes. Die Jungen planen, mit einem Boot nach Amerika zu rudern, die Mädchen schwärmen für Schauspieler und Sänger. Einen Sommer lang sind die Kinder zur Abhärtung bei Onkel Sergei auf dem Land, sie lernen reiten, sind an der Luft, eine schöne Zeit….

Das Riesenreich Russland ist unruhig, Stolypin, Ministerpräsident seit 1906, wird 1911 ermordet. Drei Jahre später bricht der Krieg aus, der dann der 1. Weltkrieg genannt werden wird. An dieser Stelle des Buches wurde mir deutlich, wie wenig ich über diesen Krieg im Osten weiß…. die jungen Menschen aus Odessa jedenfalls waren begeistert, sie wollten kämpfen, sie wollten in den Krieg ziehen, auch wenn sie keine Soldaten waren, sondern nur Studenten. So ging Wladek, der Medizinstudent als Sanitäter in den Krieg, Sina und Anna als Hilfskrankenschwestern, Pawel ging zur Artillerie.

Dieser zweite Teil des Romans ist geprägt von der Grausamkeit des Krieges, von Blut, von Tod und Krankheit, von Hunger und Elend, vom Abschlachten und Töten. Durch den Krieg auseinander gerissen begegnen sich die jungen Leute durch Zufall wieder. Wladik und Sina erkennen sich kaum noch, so haben sie sich verändert. Aber sie nutzen die Gunst der Stunde, sie heiraten, in Polen, der Heimat von Wladiks Mutter. Sina stirbt bald, der grassierende Typhus verschont sie nicht und Wladik bleibt in Polen, kehrt nicht nach Russland zurück…

In Odessa hat unterdessen Jakov angefangen, Kurierdienste für die im Untergrund agierenden Revolutionäre zu übernehmen, Anna ist bei den Kämpfen im Kaukasus, fast fällt sie Kurden in die Hände, die Rettung erfolgt in letzter Sekunde. Pawel dagegen ist durch Tapferkeit zum Offizier in der Armee des Zaren befördert worden. Rimma lebt in Moskau, sie ist Sängerin geworden. In Moskau treffen sich auch Anna und Rimma wieder, zwei Welten prallen aufeinander. Doch Rimma wird krank, verliert ihre Stimme und kehrt nach Odessa zurück, wo sie über Jakov ebenfalls Kontakt zum Untergrund bekommt.

Mittlerweile hat sich die Atmosphäre des Krieges geändert. Hat man in den ersten Monaten gegen gegnerischen Soldaten gekämpft, überwiegt jetzt immer mehr der Hass auf den Feind, die Stimmung wird dumpf und mörderisch.

Pawel trifft in Petrograd auf Anna, auch die beiden heiraten in einer Stadt, in der die revolutionäre Stimmung immer größer wird. Noch ist die Stimmung unter den verschiedenen Parteien brüderlich, doch das schlägt bald in offene Feinschaft um. Auch Anna mit ihrem Neugeborenen bekommt das zu spüren, die Bolschewiken durchsuchen die Wohnung in der sie eingemietet ist, rauben sie aus… nur mit großem Glück und viel Mut zum Risiko schafft sie es, aus Petrograd wegzukommen und sich mit der Bahn nach Odessa durchzuschlagen….

Die fruchtbare und kohlenreiche Ukraine war immer ein begehrte Beute für fremde Armeen, so auch im ersten Weltkrieg. Die Deutschen waren hier, auf dem Meer kreuzten Schiffe der Briten und Franzosen…. in den Städten wogte es hin und her, mal wurden die Bewohner durch die Bolschewiken terrorisiert, dann wieder durch die Weißen, die sich anfänglich Eroberungen der Roten zurückholen konnten. Für die einfachen Menschen war es im Grunde egal: es gab nichts mehr zu essen, zu heizen und ausgeraubt wurden sie sowieso….

Anna überlebt mir ihrem Sohn, Jakov wendet sich innerlich von der Revolution ab, wahrt aber nach aussen den Schein, während Rimma Karriere in der Partei macht. Die alten Petrows sterben eines natürlichen Todes, während die Teslenkos, die Eltern von Wladik und Anna, mit Steinen beschwert (um Munition zu sparen) ins Meer geworfen werden.

Pawel war im Exil, in Paris, kehrt aber zu seiner Frau zurück. Nicht lange, und er sitzt in einem Lager, dem Tod dort näher als je….

Der dritte Teil des Buches überspringt ein paar Jahre und setzt dann 1933 wieder ein. Pawel hat das Lager überlebt, die stalinschen Agrarreformen liefern Millionen Menschen dem Hungertod aus. Jakov ist mittlerweile verheiratet und Vater, er arbeitet an einer Schule als Lehrer, zerstreitet sich mit Rimma, aber beide werden denunziert und die ehemalige Parteisekretärein Rimma fällt als angebliche Trotzkistin der Säuberung zum Opfer: sie verreckt in Kolyma…

Mit dem Überfalls Hitlers auf Russland endet das Buch, in einer fast beschaulichen Szene, in der Anna und Musja am Übergang zwischen Nacht und Tag in der Wohnung sitzen und Tee trinken. Pawel wurde erneut in einem Lager interniert und Jakov, Musjas Mann, sitzt mit Schülern in Moskau fest…. „Herrgott, was wird aus uns allen werden? .. Aber lohnte es sich, die Antwort zu kennen?

*********************

Irina Ratuschinskajas „Die Frauen von Odessa“ ist das Gemälde einer dunklen Zeit. Bis auf wenige Jahre relativer Normalität beschreibt sie Jahrzehnte, in denen die Repression, die nackte Gewalt, die Willkür, der Krieg jederzeit in jedes Leben eingreifen konnte, um es zu zerstören. Es gab keinen Plan dafür, die bloße Existenz genügte, um Opfer zu werden, und der Täter von jetzt konnte am nächsten Morgen schon selbst am Pranger stehen. Ratuschinskaja erzählt, sie klagt nicht an. Das, was sie erzählt, ist Anklage genug, vermittelt ein in trüben Farben gemaltes Bild. Sicherlich sind große Zeitsprünge in der Geschichte ihrer Familien, sie konzentriert sich auf die ganz großen Katastrophen, aber es darf davon ausgegangen werden, daß auch die Zeiten relativer Ruhe schwer waren und kaum belastbare Sicherheit für ein morgen boten. Ein falsches Wort, eine unbedachte Kritik konnte zu jeder Zeit das eigene Leben und das der Seinen zunichte richten.

Der Mittelteil des Romans rückt eine Region in den Focus, die (zumindest mir) nicht sonderlich präsent ist: der 1. Weltkrieg im Osten [3]. Er wird nicht an möglicherweise entscheidenden Schlachten festgemacht, sondern Ratuschinskaja konzentriert sich an dem alltäglichen Sterben, dem omnipräsenten Tod auf dem Schlachtfeld, beim Rückzug, in den Lazarettzügen… Dieses Jahr jährt sich der Kriegsbeginn zum 100. Mal… Das russische Zarenreich war an vielen Fronten gefordert, im äußeren Kampf gegen Deutsche, Briten, Franzosen und nach Innen in der Auseinandersetzung mit der sich abzeichnenden Revolution, die 1917 dann offen ausbrach und zur Machtergreifung der Bolschewiken führte.

Odessa war für die Figuren der Autorin immer ein Lichtblick. In Odessa war vielleicht aus alles schlecht, aber doch nicht so trüb und grau und feindselig wie in anderen Städten, wie in Kiew oder Moskau. Odessa, die Stadt am Meer, am Wasser, auch immer ein Fluchtpunkt und Anker, eine Heimat für die Menschen. Hier führt Ratuschinskaja ihre Personen auch wieder zusammen, läßt sie die Familien, die viele Tote zu beklagen haben, sich wieder treffen, auch sich wieder versöhnen.

Die Frauen von Odessa ist ein wunderbares Buch, ein Roman, wie ich sie zu Zeiten liebe: man kann sich hineinfallen lassen in den Erzählstrom und mit den Figuren leben, lieben und hier eben auch leiden… das Buch ist kein fröhliches, die schlimmen Seiten des Lebens (für die der Mensch selbst verantwortlich ist!) bestimmen den Inhalt. Humor kommt kurz, einzig die absurde Heimfahrt mit der Bahn, die Anna mit ihrem Säugling im Arm im Schosse er obskuren Schauspieltruppe unternimmt birgt einen Anflug äußerst makabrer Situationkomik, makaber, weil die Alternative zum „Lachen“ immer das „Sterben“ ist, das Erschossen werden, das Eingesperrt werden, das Hingerichtet werden. Wenige Glücksmomente nur vergönnt die Autorin ihren Protagonisten, fragil und kurz, ohnmächtig äußerer Willkür ausgeliefert erinnern sie an die Gestalten antiker Tragödien…

Die Region ist bis heute nicht wirklich zur Ruhe gekommen. Formal mittlerweile nach dem Zusammenbruch der UdSSR selbstständig ist die Ukraine aber immer noch durch die russischen Machthaber erpressbar, auch die Unterschiede und ideologischen Differenzen im Inneren machen es nicht einfacher für das Land. Aber das ist ein anderes Thema, jedoch gibt uns Ratuschinskajas Roman eine Ahnung davon, wo die aktuellen Probleme des Landes ihre Wurzeln haben….

Wer also Gelegenheit hat, sich dieses Buch zu besorgen, sollte sich ruhig die Zeit dazu nehmen. Er/Sie wird es nicht bereuen…

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Irina Ratuschinskaya
[2] ZEIT-online: Sowjetische Intellektuelle in Haft: Kein Lichtblick; http://www.zeit.de/1986/09/kein-lichtblick
[3] Russland im 1. Weltkrieg: Armee der Bauernsöhne, Bildserie mit Erläuterungen auf Spiegel online: http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackgroundXXL/a29833/l0/l0/F.html

Irina Ratuschinskaja
Die Frauen von Odessa
Aus dem Russischen übersetzt von Bernd Rullkötter
Originalausgabe: ?, 1996
diese Ausgabe: editionLübbe, Gustav Lübbe Verlag, HC, ca. 507 S, 1999

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