Es begegnen sich zwei Männer, im Frühling 1934, in Paris, an der Seine. Beide schlafen unter den Brücken, aber der eine, Andreas Kartak, der sich seines Namens kaum noch erinnert, ist abgerissen, schmutzig und betrunken, obwohl er nicht wankt. Der andere Mann dagegen ist gut gekleidet. Dieser spricht den Abgerissenen an, er könne sehen, daß jener Geld bräuchte, nein, die zwanzig Francs, die dieser nennt, seien zu wenig, er hätte Geld und er gäbe ihm gerne zweihundert Francs. Andreas ist ehrlich, trotz seiner Umstände ein Mann von Ehre, macht darauf aufmerksam, er könne dies kaum zurückzahlen, die Schuld nicht begleichen, hätte auch keine Adresse, unter der er erreichbar sei. Das mache nichts, so lautet die Antwort des anderen, er selbst sei ein bekehrter Christ und der Heiligen Therese von Lisieux [2] sei er viel schuldig und wenn jener den Betrag zurückgeben wolle, dann solle er dies in einer bestimmten Kirche nach der Messe tun, in dem er es dem Priester gäbe.

Mit dieser Episode fängt (ohne daß dies die Hauptfigur natürlich weiß) Das finale furioso eines erfüllten Lebens an. Das Geld, die zweihundert Francs, ändern für Andreas vieles. Daß er es bekommen hat aus heiterem Abendhimmel, ist ein Wunder für ihn. Sofort fühlt er sich anders, das Bedürfnis sogar entsteht in ihm, sich zu waschen, auch wenn diese Tat selbst letztendlich zur nur symbolischen Handlung gerinnt. Er kann sich jetzt ein besseres Lokal leisten, sieht sich dort im Spiegel, abgerissen, unrasiert, als verwahrlost. Kann jetzt ein neues Leben für ihn beginnen? Eins, in der er eine Brieftasche benötigt? Die junge Verkäuferin erinnert ihn an die Zeit vor dem Gefängnis, in dem er saß…..

Ein dicker Mann spricht ihn an in diesem Lokal und bietet ihm eine Arbeit an, Grund genug, etwas zu trinken und in ein ihm bekanntes Etablissment zu gehen und sich eine der Frauen dort auszusuchen… aber er ist pünktlich, arbeitet gut und vertrinkt am nächsten Abend das verdiente Geld nur in Maßen.

Niemand kann sagen, er hätte nicht gewollt, hätte das Geld einfach behalten wollen.. nein, er ging zur Kirche Ste-Marie de Batignolles, leider etwas zu spät, die Messe war schon aus und so wartete er im Lokal gegenüber und trank einen Pernod… ja, einen nach dem anderen, seien wir ehrlich. Und als er ging, wurde er angesprochen, von einer Frau, und er erkannte die Frau, es war Karoline, wegen der er einst ins Gefängnis kam….

So sollten sich in der Folge der kommenden Tage die guten und die weniger guten Ereignisse im Leben von Andreas abwechseln. Immer wieder geschehen ihm kleine ‚Wunder‘, die es ihm ermöglicht hätten, seine Schulden zurückzuzahlen, aber immer wieder stelle sich ihm Hindernisse in den Weg, die es ihm dies unmöglich machen, weil er zu schwach ist, weil er allzu schnell aufgibt.

So gelingt es ihm ein ums andere Mal nicht, die Heilige Therese in ihrer Kirche zu besuchen und die Schulden zurück zu zahlen. Es gelingt ihm so sehr nicht, daß an einem weiteren Sonntag schließlich die Heilige Therese sich – so scheint es ihm – selbst aufgemacht hat, ihn zu besuchen, in der Bar, in der er mit seinem Kumpel Pernod trinkt und auf das Ende der Messe wartet, einem Zeitpunkt, an dem er die zweihundert Francs schon wieder nicht mehr hätte. Im Gegenteil erschreckt er die kleine Therese, die er in Fleisch und Blut sieht, die aber nicht als junges Kind erkennt, so sehr, daß sie ihm Geld anbietet, um ihn zu besänftigen.. und in dem Glauben, der Heiligen Therese begegnet zu sein, fällt er urplötzlich mitten im Lokal wie ein Sack um. Ratlos sind die Menschen um ihn herum und erschrocken, und da sich der Priester mit Toten auskennt, tragen sie ihn in ihre Kirche, die Kirche der Heiligen Therese von Lisieux, wo unser Andreas seinen letzten Seufzer tut und stirbt.


Gebe Gott uns allen,
uns Trinkern,
einen so leichten und
so schönen
Tod!


Joseph Roth wurde 1894 in Brody, einem Schtetl in Galizien, als Sohn jüdischer Eltern geboren. Im späteren Leben sollte er sich, ohne daß ein Übertritt bzw. eine Taufe nachweisbar wäre, jedoch teilweise auch als Katholik bezeichnen [1]. Dies ist insofern interessant, als im Heiligen Trinker…. der anfangs auftretende gut gekleidete Herr, der Andreas die zweihundert Francs gibt, von sich sagt: Ich bin nämlich ein Christ geworden, was man in diesem Kontext als selbstbezüglich interpretieren kann. Damit wäre dieser Herr ein weiteres autobiographisches Element in dieser kleinen Novelle, denn der Trinker selbst stellt einen wesentlichen Aspekt des Lebens von Joseph Roth, der selbst unter schwerer Alkoholsucht litt, dar. Joseph Roth starb wenige Wochen nach Beendigung seiner Legende vom Heiligen Trinker in Paris.

.. in Paris. Denn wie viele andere Literaten und Künstler hatte sich auch Joseph Roth nach 1933 eine neues Lokal suchen müssen – um es zynisch zu formulieren. Die bekannten Berliner Künstlerlokale, in denen er verkehrte wie das Romanische Cafè oder das Restaurant Schlichter [3] leerten sich nach der Machtergreifung, viele der Stammgäste waren zur Flucht gezwungen, um ihr Leben zu retten. Ihre Werke zu retten war schwieriger, diese (und dazu gehören auch die von Roth) brannten im Mai 1933 und wurden aus deutschen Landen verbannt. Im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern blieb Roth jedoch auch im Exil produktiv.

Zwar hielt sich Joseph Roth auch häufig in Frankreich, u.a. in Sanary-sur-Mer, auf, er publizierte jedoch in niederländischen Exilverlagen wie Querido [5] und de Lange, in letzterem erschien 1939 die Originalausgabe des Heiligen Trinkers…, deren Text die vorliegende Buchversion folgt.


Die Hauptperson des Stückes ist Andreas, ein obdachloser Trinker. Das Leben bietet ihm noch einmal alles Möglichkeiten, und tatsächlich verspürt er, wie sich ihm die Welt, da er jetzt über finanzielle Möglichkeiten verfügt, öffnet. Aber der Trinker (und sicherlich weiß Joseph Roth dies auch aus eigenem Erleben [6]) ist nicht in der Lage, diese Chance wahrzunehmen. Ja, selbst als sich die Möglichkeiten mehr-, ja vielfach für ihn auftun, scheitert er jedesmal an sich selbst, jede Ausrede ist willkommen, jede ‚aufwärts‘ zeigende Handlung seinerseits eine Belohnung, sprich: einen Pernod, wert. Und da die Selbstkontrolle versagt, werden aus einem schnell zwei und drei usw usf…. auf der anderen Seite allerdings gewöhnt er sich an die wunderbaren Dinge, die ihm geschehen, sie werden ihm normal, er rechnet zunehmend fest damit, daß sie ihm wieder geschehen und aus der Klemme helfen…

Er ist nicht unliebenswürdig, dieser Andreas, beileibe nicht. Man leidet mit ihm mit, man erkennt das Unglück, das ihn auf diese Bahn gesetzt – und das ihn jetzt wieder heimsucht z.B. in Person der Frau, der er damals, vor dem ‚Kriminal‘, schon seine Liebe schenkte, und die ihn jetzt schamlos ausnutzt. Andererseits – auch dies muss man festhalten – ist Andreas nicht ganz schuldlos an dem, wie die Geschichte jetzt verläuft: warum nur sagt er nicht die Wahrheit, sagt, daß die Therese, mit der er ‚verabredet‘ ist, keine Frau ist, sondern eine Heilige, warum läßt er die Menschen in ihrem Irrglauben über sich, bestätigt ihn sogar?

Liegt auch eine religiöse Botschaft in der Geschichte? Ein bekehrter Christ (man darf wohl davon ausgehen also ein vormaliger Jude) erweist die erste Wohltat und erwartet als Gegenleistung den Besuch einer Kirche, etwas, was Andreas nicht zustande bringt. Erst im Sterben liegend wird er zur Kirche gebracht….

Roth hat seinem Stück den Untertitel Das finale furioso eines erfüllten Lebens gegeben, ein Titel, der seltsam anrührt. Ein erfülltes Leben? Worin könnte diese Erfüllung liegen bei einem Leben, das von außen gesehen mehrfach gescheitert war? Einen Menschen getötet, im Gefängnis gesessen, danach obdachlos unter Brücken gehaust und am Ende die ausgestreckte Hand des Lebens nicht ergreifen und halten könnend? Auch bei dieser Frage ist eine religiöse oder spirituelle Antwort möglich, eine andere fällt mir nicht ein: er glaubt fest daran, der Heiligen persönlich ansichtig geworden zu sein, er stirbt mit ihrem Namen auf den Lippen und dieser Friede, der ihn erfüllt, dieser leichte und so schöne Tod, der ihm gewährt wird, läßt alles Misslungene seines Lebens nichtig werden.


Marcel Reich-Ranicki hat Roths Geschichte als „eine der schönsten Legenden, die im 20. Jahrhundert gedichtet wurden“, charakterisiert. Ich kenne zuwenig Geschichten, um dies in dieser Form zu bestätigen, aber in jedem Fall ist diese Legende….. ein wunderbares Stückchen Literatur. Sie ist nicht umfangreich, ist schnell gelesen in einem Stück, weil sie auch so geschrieben ist, als würde uns einer dieser Erzähler, die es früher gab, eine Geschichte erzählen aus einem Guss. Sie führt uns diesen Trinker in seiner Tragik vor als wäre ein alter Bekannter von uns, wir freuen uns mit seinem Glück und an den Wundern, die ihm geschehen und möchten ihm so gerne helfen, wenn wir ahnen, sehen, wie er wieder am Leben scheitert…. und daß hinter allem der Schatten des Autoren liegt, der aus eigenem Leid solches Trinkerschicksal kennt und der wenige Wochen nach Andreas sterben sollte, einen Trinkertod, der wohl nicht so schön war wie der seiner Figur, macht traurig, sehr traurig.

Links und Anmerkungen:

[1] der ausführliche Beitrag zu Joseph Roth in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Roth oder auch hier: http://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Personen/roth-joseph.html
zur Webpräsenz von Joseph Roth (erstellt von nicht näher bezeichneten ‚Freunden Joseph Roths‘: http://www.josephroth.de/index.htm
[2] Infos zu Heiliger und Kirche – wen es interessiert:  http://www.theresevonlisieux.de und  https://de.wikipedia.org/wiki/Ste-Marie_des_Batignolles. Für diese Geschichte hat sich Roth mit der Hlg. Therese eine passende Heilige ausgesucht: Thérèse sah ihren Lebensweg als einen Weg der Hingabe an Gott und die Mitmenschen, die sich gerade in den kleinen Gesten des Alltags äußere (ihr sogenannter „kleiner Weg“ der Liebe). (nach Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Therese_von_Lisieux)
[3] Jürgen Schebera: Damals im Romanischen Café; Besprechung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com…cafe/
[4] Manfred Flügge: Das flüchtige Paradies, Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com…paradies/
[5] vgl. hier die schöne Arbeit von Baltschev über den Querido-Verlag: Bettina Baltschev: Hölle und Paradies; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com….paradies/
[6] Joseph Roth wie er leibt und trinkt, Bil Spira, Paris 1939; vgl. hier: https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Objekte/spira-zeichnung-roth-glas.html?single=1

Von Joseph Roth habe ich in meinem Blog ferner den Hiob vorgestellt: https://radiergummi.wordpress.com/2016/11/02/joseph-roth-hiob/

Joseph Roth
Die Legende vom heiligen Trinker
Das finale furioso eines erfüllten Lebens
mit einer Liebeserklärung an den Autoren von Ludwig Marcuse
Originalausgabe: Allert de Lange, Amsterdam, 1939
diese Ausgabe: Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, HC, ca. 92 S.

Joseph Roth: Hiob

2. November 2016

Joseph Roths Hiob ist ein bekanntes Buch, man kann es nicht anders sagen, der Suchergebnisse sind es viele. Auch Reich-Ranicki empfahl seinerzeit die Lektüre [2], leicht gäbe sich die Weisheit Joseph Roths, gelassen und heiter, wenngleich er dem Werk Roths das Bahnbrechende absprach. Aber gerade in dieser Absage auf alles Gewaltige und Monumentale, die Konzentration auf das Alltägliche also und seine Menschen macht die Dauerhaftigkeit seines Werkes aus.

Den Hiob zu lesen hatte ich mir schon lange vorgenommen, den letzten Anstoß gab mir Baltschevs Geschichte des Amsterdamer Exilverlags Querido [3], in der Roth einigermaßen prominent erwähnt wird. Wobei der vorliegende Roman eines einfachen Menschen, so der Untertitel schon im Jahr 1930, also vor dem Exil Roths, publiziert worden ist.


hiob

Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Derselbe war schlecht und recht, gottesfürchtig und mied das Böse.

Mit diesen Worten [4] fängt das biblische Buch Hiob (Hiob 1,1) an, auch beginnt Roth seinen Hiob mit ähnlicher Formulierung: Vor vielen Jahren lebt in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer. Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude. … Ein deutlicher Bezug auf das Buch der Bibel also, der den Grundtenor der Geschichte vorgibt, ist die Figur des Hiob doch Symbol geworden für einen Menschen, den das Schicksal unverschuldet und gegen all sein Bemühen schlägt und straft. Und ist nicht sogar das ganze Volk Israel ein Hiob unter den Stämmen, ein vom Schicksal verfolgtes und geschlagenes Volk seit jener Zeit von vor Tausenden von Jahren, in denen ihr Gott noch Wunder tat, große Wunder, um es zu leiten, in denen der Hiob, den Gott seinerzeit dem Satan zur Willkür und einer Wette wegen überließ, noch reich war – im Gegensatz zu Roths Hiob mit Namen Mendel Singer, der ein Armer war unter Armen, arm trotz seiner Gottesfurcht, dem Befolgen der Gebote und Verbote, dem Lehren und Anleiten der Kinder, denn Roths Mendel Singer war ein Lehrer, der den jungen Kindern die Bibel vermittelte, aber arm war er wie fast alle seine Glaubensbrüder.

Dieser Mendel Singer hatte drei Kinder, zwei Söhne, die unterschiedlicher untereinander nicht hätten sein können: Jonas, große und stark wie ein Bär und Schemarjah, schlank und zart wie ein Fuchs. Die Tochter hieß Mirjam, ihre Glieder waren zart, die Gelenke zerbrechlich und ihr Wesen das einer jungen Gazelle war. Deborah, das Weib Mendels, trug zu der Zeit, in der der Roman einsetzt, ein viertes Leben unter ihrem Herzen, denn Mendel liebte sein Weib und ergötzte sich an ihrem Fleisch. Doch mit Menuchim, wie sie den ihnen Geborenen nannten, ward ein Krüppel geboren, ein Behinderter, ein Menschlein, das nur ein Wort zu sprechen lernen sollte, ein Wort „Mama“, ein letztes Kind auch dieser Ehe, denn Deborahs Schoß blieb fortan trocken und unfruchtbar und Mendel Singer fing an, seine Frau mit anderen Augen zu sehen, Augen, in denen keine Liebe mehr war und ihrer beider Leben fing an, mehr dem von Geschwistern zu gleichen denn dem von Eheleuten.

Die Jahre vergingen…. ein Wunderrabbi (zu dem das Weib gegen den Willen ihres Mannes ging, denn Mendel vertraute auf Gott, nicht auf Wunder) prophezeite Deborah, daß ihr Menuchim gesund werden würde – in vielen Jahren und nie dürfe sie ihn verlassen. Die anderen beiden Söhne dagegen waren gesund, obwohl ihnen in den Augen der Eltern ein wenig Schaden gut getan hätte, denn dann wären sie möglicherweise verschont worden, aber so kräftig, wie sie waren, wollte sie der Zar haben für sein Heer. Nur einen der Söhne konnten Deborah retten, in dem sie ihm über einen bezahlten Mittelsmann zur Flucht verhalf, dem zweiten dagegen, Jonas, gefiel das Leben, das die Bauern und Soldaten lebten, ein Leben mit Pferden, mit Schnaps und auch mit Frauen, Jonas ging gern und freiwillig zu den Kosaken. Aber nicht nur ging der eine Sohn zu den Kosaken, diese kamen auch von sich Mendels Haus in aus in diesen Tagen, denn in Mirjam fing ein Feuer an zu brennen, das nur von Männern zu löschen war und Mirjam ließ sie es löschen, Tag für Tag und Nacht für Nacht….

Ein Bote brachte eines Tages eine Nachricht vom geflohenen Schemarjah, der sich jetzt Sam nannte und in Amerika lebte. Er wollte seine Eltern zu sich holen und sie entschlossen sich schwersten Herzens zur Reise. Menuchim, den geliebten Krüppel, mussten sie zurücklassen um Mirjam zu retten, sie von den Kosaken zu trennen und nach Amerika mitzunehmen.

Mendel blieb auch in New York ein russischer Jude, aber er war dort einer unter vielen. Er fremdelte, aber er lebte sich ein. Sein Sohn Sam machte gute Geschäfte, er war verheiratet und hatte ein Kind. Mirjam arbeitete in seinem Geschäft und freundete sich mit Mac, seinem Kompagnon, an. Diesen guten Entwicklungen stand das ungewisse Schicksal von Jonas und von Menuchim entgegen, die Ungewissheit nagte am Herzen von Mendel und Deborah, auch die Reue, Menuchim zurückgelassen zu haben, wog schwer auf ihrer Seele, die Schuldgefühle quälten sie, gar oft stand Mendel am Fenster, um gedankenverloren an die alte Heimat hinaus zu blicken….

Gerade war der Entschluss gefasst, zurück zu fahren zu Menuchim, als der Krieg ausbrach, es war 1914, eine Reise nach Russland war unmöglich geworden. Und dann zog Sam, dem Amerika ein neues Vaterland geworden war, für dieses Land in den Krieg…

Noch betete Mendel Singer seine Gebete, noch wiegte er seinen Körper im Takt des Gesangs, noch befolgte er die Gebote des Herrn ohne Zögern, doch dieser kannte kein Erbarmen mit seinem treuen Diener. Ob der Nachricht vom Tod Sams, die ihnen überbracht wurde, brach Deborah vor Verzweiflung tot zusammen und Mirjam, die Schwester verfiel dem Irrsinn. Nur Mendel, ihm geschah nichts außer diesem Unglück und der Verzweiflung, die seine Familie traf…

Voller Zorn war nun der Mendel Singer, voller Verzweiflung, voller Verbitterung. Trauer erfüllte sein Herz und unsäglicher Schmerz wohnte in ihm. Geschlagen wurde er von seinem Gott, Unglück bringe er über die Seinen, so dachte er und sagte sich los von ihnen und lebte fortan allein, in einem Hinterzimmer bei einem der jüdischen Freunde in der Straße. Er sagte sich los auch von seinem Gott, wütete gegen ihn in seinem Zorn und seiner Hilflosigkeit und fast hätte er es geschafft, seine Gebetsriemen zu verbrennen, sein Gebetbuch… Denn das brauchte er jetzt nicht mehr, er betete nicht mehr noch sang er die Psalmen oder wiegte sich in derem Takt. Vergeblich kamen die Freunde und versuchten, ihn wieder zu ihrem Gott zurück zu führen…

Alt war er geworden, der Mendel Singer, alt und gebeugt, gebeugt und schwach, schwach und ohne Freude. So war er, als er – der Krieg war mittlerweile zu Ende – durch Zufall eine Schallplatte fand, die er auf dem Grammophon des Freundes abspielte, und das Lied, es hieß ‚Menuchims Lied‘ packte ihn, rührte sein verhärtetes, vergrämtes Herz an, immer wieder spielte er das Lied, bis er es mitsingen konnte und endlich ein leichtes Lächeln um seine Lippen zu spielen begann.

Mendel feierte als Geringster der Anwesenden mit seinen Gastgebers das Osterfest, als ein fremder, gut gekleideter Mann an die Tür anklopfte, gerade als die Stelle gelesen wurde, an der der Prophet Eliahu in die Stube einzulassen wäre. Es war der Komponist von Menuchims Lied, der da Einlaß begehrte, ein berühmter Musiker: es war der Mann, der schon seit Jahren nach einem gewissen Mendel Singer aus Zuchnow suchte, es war – so offenbarte er sich – Menuchim. Und Mendel Singer ward von diesem Augenblick an ob des geschehenen Wunders wieder versöhnt mit seinem Gott, haderte nicht mehr mit diesem, fing wieder an zu singen und zu beten und er blieb bei seinem Sohn, der sich von nun an um seinen alten Vater kümmerte.


Von der Ausgangssituation her hat mich der 1930 von Roth veröffentlichte Hiob an einen anderen berühmten Roman erinnert, den ich vor ein paar Monaten hier vorgestellt habe: Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem [6]. Beide Geschichten spielen grob um die gleiche Zeit im osteuropäischen Judentum auf dem Gebiet der heutigen Ukraine, beide schildern dieses Judentum, keiner der Autoren konnte ahnen, daß es nur wenige Jahre später ausgelöscht sein würde. Hie wie dort ist eine Zeit des Umbruchs, auf der Ebene der Menschen, aber auch der der Politik. Die Kinder beider Elternpaare fügen sich nicht mehr klaglos ein in die überlieferten Traditionen, haben ihre eigenen Vorstellungen. Weder die Autorität der Eltern noch die der Religion reichen aus, die Widerstrebenden zu zähmen. So geht bei Roth der Sohn Jonas zum Militär und benimmt sich wie jeder andere ‚Kosak‘ auch, Mirjam ist offensichtlich nymphoman, gibt sich mit den Soldaten ab, …. traf sie sich mit einem von ihnen, oder auch mit zweien. Manchmal kamen drei. Sie empfindet dabei keine Scham. Weil du einen Mendel Singer geheiratet hast, muss ich nicht auch einen heiraten. Hast du einen besseren Mann für mich, was? Hast du eine Mitgift für deine Tochter? Vernichtende Worte, in denen auch die fehlenden Aussichten für die Zukunft der jungen Juden formuliert sind. Mirjam richtet diese Worte ohne Emotionen an ihre Mutter, die ihrerseits dachte, Hilf, guter Gott, sie hat Recht ….

Während bei Tewje jedoch die Progrome, die in Russland ab 1905, nach dem Ende des russisch-japanischen Krieges (vgl [5]) angesprochen werden und Tewje auch unter ihnen zu leiden hat, spielen sie bei Roth überraschenderweise keine Rolle. Ein einziges Mal wird der Begriff im Zusammenhang mit einer ‚Progromstimmung‘ verwendet, von Progromen oder anderen Nachstellungen ist jedoch nichts zu lesen. Wird Tewje zum Ende des Romans zum Vertriebenen, der in der alten Heimat nicht mehr gewollt wird, so reisen die Mendels bei Roth aus persönlichen Motiven aus, politisch motivierte Vertreibung ist es nicht. Roth hat seinen Hiob in etwa gleichem Umfang aufgeteilt: das Schicksal der Singers, die der Rettung Mirjams wegen nach Amerika zum zweiten Sohn auswandern, wird in etwa gleichem Umfang geschildert wie ihr Leben in Zuchnow. Dies ein weiterer Unterschied zu Alechjems Roman, der ausschließlich in der alten Heimat seines Helden spielt.

So erweitert Roth im Gegensatz zu Alechjem seine Geschichte um eine zusätzliche Perspektive: den der Migration in ein fremdes Land. Ein Land, das mit Licht und Schatten geschildert wird, hinter dessen leuchtender Fassade oft der Schmutz und der Dreck verborgen liegt. Exemplarisch gelingt es Deborah in Amerika nicht, die Dielen ihrer Behausung so sauber, so gelb-glänzend zu schrubben wie in ihrer alten Heimat…. und das zahllose Ungeziefer, das in den Spalten und Löchern, die es allerorten gibt, lebt, läßt sich nicht vertreiben.

Erst mit Menuchim lernt Mendel Singer das glänzende Amerika kennen, das große, saubere, leuchtende, vornehme Hotel Astor, die Blick von oben auf die Leuchtreklamen und Lichter der Stadt, das Meer auch, den gelben Strand, an dem der frühlingshafte Wind durch die schütteren Haare des alten Mannes, der zum ersten Mal in seinem Leben freiwillig seinen Kopf entblößt…  Mendel vertraut sich seinem Sohn an, wohin du fährst, ist es gut….


Der Hiob Roths ist ein von Gott Geschlagener, der von Gott abfällt. Nach dem Tod seines Sohnes, dem Tod seiner Frau, dem Irrsinn seiner Tochter rechnet er ab mit ihm, mit ihm, dem er sechzig Jahre lang in Verblendung gedient hatte. Gott ist grausam, und je mehr man ihm gehorcht, desto strenger geht er mit uns um. Er ist mächtiger als die Mächtigen, mit dem Nagel seines kleinen Fingers kann er ihnen den Garaus machen, aber er tut es nicht. Nur die Schwachen vernichtet er gerne. Die Schwäche eines Menschen reizt seine Stärke, und der Gehorsam weckt seinen Zorn. …. schleudert er seinen Freunden, die ihn in seiner Trauer besuchen, entgegen – und natürlich seinem Gott. Es ist dies die Szene, in der der Bezug zum Buch Hiob vielleicht am deutlichsten durchkommt: seine vier besten Freunde aus dem Viertel, in dem er lebt, besuchen ihn so der biblische Hiob von drei Freunden besucht wird, die sich jeweils seiner Rede entgegenstehen. In dieser Passage nimmt Roth auch direkten Bezug auf das Buch Hiob: ‚Erinnere dich, Mendel‘, begann Rottenberg, ‚erinnere dich an Hiob. Ihm ist Ähnliches geschenen wie dir. … Auch er lästerte Gott. Und doch war es nur eine Prüfung gewesen. … ‚ Es wäre interessant, jetzt die jeweiligen Reden und Gegenreden miteinander in Bezug zu setzen, das würde wohl den Rahmen dieser einfachen Buchbeschreibung sprengen.

Der biblische Hiob wird am Ende von Gott rehabilitiert und in den früheren Stand eingesetzt, noch mehr sogar erhielt er von Gott als er verloren, die Toten freilich blieben tot. Dieser Hiob schließlich starb alt und des Lebens satt, auch Mendel findet am Ende sein Glück, den Glauben daran, daß sich Jonas wieder einfinden würde und daß Miriam gesunde und dann schöner als alle Frauen der Welt zurückkehre – auch dies noch einmal ein Bezug auf Hiob 42. Und doch ist es nicht der alte, unbedingt Gehorsame, dieser Hiob jetzt, denn er fühlt ein merkwürdiges und auch verbotenes Verlangen in sich und gibt ihm nach: er entblößt … aus freiem Willen sein Haupt und läßt den Wind mit den schütteren Haare spielen.


Joseph Roth war ein deutschsprachiger Autor, sein Geburtsort Brody in Galizien gehörte damals zu Österreich-Ungarn, liegt jetzt in der Ukraine, Scholem Alechjem, der Dichter des Tewje, dagegen war ein jiddischer Schriftsteller. Das Jiddische, und dies ein großer Unterschied und auf den ersten Blick seltsam anmutend, kommt im Hiob dagegen nicht vor, der Begriff wird einmal einziges mal angeführt, als auf dem Auswandererschiff die Durchsagen in diversen Sprachen, u.a. dem Jiddischen, aufgezählt werden. Roths Vermeidung jiddischer Begriffe geht so weit, daß er sogar das jüdische Pessachfest als Osterfest bezeichnet. Damit ist Hiob zwar eine Beschreibung des osteuropäischen Judentums (als Nachhall einer Galizienreise Roths von 1926 und unter dem Einfluss der gläubigen Schwiegereltern verfasst), aber eine aus der Ferne, aus der Sicht, dem Blickwinkel des aufgeklärten Europäers, eines säkularen Juden, der für aufgeklärte Europäer geschrieben hat.

Ein weiterer Grund dafür ist einfach zu benennen, Roth schrieb keine Heimatgeschichte für jüdische Leser, sondern er richtete sich an ein großes Publikum, denn er brauchte schlicht und einfach Geld. Martin Lowsky geht in seinem ausführlichen Nachwort auf die damalige persönliche Situation Roths ein. Dieser hatte 1928 mit seiner Arbeit am Hiob begonnen, es sollte ein packender Roman werden, der möglichst viele Leute begeistert. Denn Roth ersehnte den finanziellen Erfolg. Und zwar aus einem tragischen Grund: seine Frau Friedl war an Schizophrenie erkrankt und die notwendige ständige Betreuung war teuer. Im Hiob taucht Friedl Schicksal in der Person Mirjams auf, deren beider Prognosen durch die behandelnden Ärzte negativ waren. Vor diesem Hintergrund wird Roth selbst zu einem Schicksalsverwandten seines Hiobs, wie dieser am Schluss des Buches von Mirjam wird auch Roth davon geträumt haben, seine Friedl wieder gesund in die Arme nehmen zu können….

Zur Sprache Roths ist noch etwas anzumerken. Sie hat etwas märchenhaftes, suggestives: Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow…. oder … Hinter ihm leuchtete ein gelber Schal auf, ein gelber Schal, ein gelber Schal. …. oder  Sein Schlaf war traumlos. Sein Gewissen war rein. Seine Seele war keusch. und als letztes Beispielzitat für die oftmals gebrauchte Voranstellung des Objekts im Satzbau: Eine Frau und drei Kinder musste er kleiden bzw. Den Mund verdeckte der Bart. Durch solche stilistischen Feinheiten wird der Text abwechslungreich, beim Lesen ist man aufmerksam und gibt sich dem Sog der Geschichte hin. Trotz dieses oft poetischen Zungenschlages sind die Schilderungen des jüdischen Alltags sowohl in Russland als auch in Amerika realistisch: der Dreck, die Armut, die demütigende Behandlung auf den Amtsstuben, das ebenso demütigende Betteln und Feilschen, wenn das Geld für das Gewünschte nicht reicht….

Hiob ist ein zutiefst menschlicher Roman, der eins der Grundthemen der menschlichen Existenz thematisiert: das Ausgeliefertsein. Der Mensch mag nicht glauben, daß nur der Zufall das Leben und das Geschehen beherrscht: dem Zufall ist man wirklich ausgeliefert, eine Macht, die lenkt (oder die Dinge einfach laufen lässt) kann man möglicherweise beeinflussen, durch Gehorsam, durch Anrufung, durch Opfer. Um so tiefer die Enttäuschung, wenn dies wirkungslos ist, wenn sich der Mensch zum Spielball gemacht sieht von dem, dem er in seiner Seele die Macht über sich zugeschrieben hat.

So hat Roth mit seinem Hiob ein bleibendes Buch geschrieben, keins, das – nach Reich-Ranicki – literarische Spuren hinterlassen hat, aber eins, das immer aktuell sein wird und dies verbindet mit hohem ‚Lesegenuss‘, so nennt es Lowsky. Ihm ist zuzustimmen.

Mehr durch Zufall (sic!) als durch Absicht bin ich an die preiswerte Ausgabe der Reihe der ‚Hamburger Lesehefte‘ gelangt, sie kostet (ohne daß man dies dem durchaus vorzeigbaren und schönem Büchlein ansieht) weniger als der Verdauungsschnaps im Lokal nach einen guten Essen… und enthält ausser der Geschichte noch das schon erwähnte Nachwort sowie zahlreiche erklärende Anmerkungen und noch ein paar wenige Materialien. Der Text selbst richtet sich nach der Erstausgabe. Ein Büchlein für den schmalen Geldbeutel und die weit geöffnete Seele!

Links und Anmerkungen:

[1] http://www.ursulahomann.de/RomanEinesEinfachenMannesDieHiobDeutungJosephRoths/komplett.html
[2] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/fragen-sie-reich-ranicki/fragen-sie-reich-ranicki-die-besten-romane-von-joseph-roth-1259324.html
[3] Bettina Baltschev: Hölle und Paradies, Buchbesprechung hier im Blgo
[4] z.B. hier: http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/hiob/1/
Der in Hiob 1,1 auftauchende Begriff ’schlecht‘ ist kein Irrtum, er ist ein schönes Beispiel für den Bedeutungswandel, den Worte im Lauf der Zeiten erleben können, wie es z.B. hier beschrieben wird: Guy Deutscher: Du Jane, ich Goethe (Buchvorstellung hier im Blog)
[5] Vladimir Jabotinsky: Die Fünf, Buchbesprechung hier im Blog
[6] Scholem Alejchem: Tewje, der Milchmann, Buchbesprechung hier im Blog

Joseph Roth
Hiob
Roman eines einfachen Mannes
mit einem Nachwort von Martin Lowsky
Erstausgabe: Kiepenheuer, Berlin, 1930
diese Ausgabe
:Hamburger Leseheft Nr. 225, broschiert, 160 Seiten

roth makel cover

Zu Philip Roth muss man nicht allzuviel mehr sagen. Auch wenn ihm der höchste der Literaturpreise versagt blieb (zumindest bis dato), ist er doch einer der bedeutendsten Romanciers der USA und man kann es getrost so sagen, einer der wichtigsten wohl überhaupt. Was ihn ferner auszeichnet, ist die Tatsache, daß er sozusagen benediktartig 2012 seinen Rückzug vom Literaturbetrieb verkündet hat, „…er empfinde nicht mehr den Fanatismus, den er zum Schreiben braucht…“ wird kolportiert [3]. Am Ende des vergangenen Jahrtausends hat er aber noch geschrieben und dieser Roman Der menschliche Makel, 2000 veröffentlicht, ist das Ergebnis.

In diesem Roman erzählt uns Nathan Zuckerman, diese in vielen Werken auftauchende Figur Roths, die Lebensgeschichte von Coleman Silk.

Coleman Silk ist bzw. war als Professor für klassische Literatur Dekan einer Universität in Neuengland. Er war es lange Jahre und er war so etwas wie ein Rausschmeisser, ein Erneuerer, ein Revolutionär, der im Auftrag und mit Billigung des Rektors die alten Zöpfe, die sich über Jahrzehnte geflochten hatten, abschnitt und entsorgte. … und dies nicht nur im übertragenen Sinn.. wenn altgediente Professoren im Eingangsgespräch gesagt bekamen: „Dann haben Sie ja die letzten dreißig Jahre nichts gemacht!“, verließen sie meist bald darauf ihre „Wirkungs“stätte. Für sie stellte Dekan Silk junge Leute mit Biss ein, die fachlich gut waren, die neuen Schwung brachten, auch der erste Professor mit dunklen Pigmenten in der Epidermis, der nach Athena geholt wurde, war dem Wirken Dekan Silks zu verdanken.

Mitte der 90er Jahre jedoch kippte die Stimmung gegen Silk. Ein neuer Rektor stand nicht mehr vorgehaltlos hinter ihm und dann geschah das, was im Grunde so unendlich nichtig war und in der Folge jedoch aufgebläht und zur Vernichtung Silks instrumentalisiert wurde. In einem der Seminare Silks fiel diesem auf, daß er zwei der eingeschriebenen Studenten noch nie im Seminar gesehen habe: „Kennt jemand diese Leute… oder sind es dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen?“ [4]. Da die beiden fehlenden Studenten Afroamerikaner sind, konstruieren seine Gegner aus dieser irrelevanten Bemerkung einen Rassismus-Vorwurf , den sie Keule gegen Silk einsetzen. Da sich niemand für den alten Dekan einsetzt, die Hetze immer größer wird, seine Frau sogar an einem Schlaganfall stirbt, was er direkt und voller Hass und Wut auf „die“ zurückführt, legt er seine Ämter an der Universität nieder, verläßt diese und zieht sich verbittert zurück.

Mit dieser Wut kommt er zu seinem Nachbarn, dem Schriftsteller Nathan Zuckerman, gestürmt, dieser solle die Geschichte und den „Mord“ an seiner Frau zu einem Buch verarbeiten. Zuckerman macht dies nicht, aber die beiden Männer (auch Zuckerman lebt sehr zurückgezogen) freunden sich ein wenig an. In einer ganz bezaubernden Szene läßt Roth die beiden älteren Männer (Silk ist einundsiebzig Jahre alt, Zuckerman Mitte sechzig) zusammen tanzen und gönnt ihnen einen Augenblick tiefer Zufriedenheit (auch Zuckerman hat so seine Probleme, von denen viele auf die Nachwirkungen seiner Prostataoperation zurück geführt werden können…).

Jedenfalls erzählt Coleman seinem Nachbarn von seiner Geliebten, einer Frau, die knapp halb so alt ist wie der jetzt 71jährige, die in der Universität als Putzfrau arbeitet und die eine Menge der Kelche, die das Leben für eine Frau bereithalten kann, bis zur bitteren Neige gekostet hat: sexuelle Übergriffe im Kindesalter, eine Ehe mit einem Mann, der durch zwei Stationierungen in Vietnam traumatisiert und extrem brutal geworden war, der Tod zweier Kinder, die in der Wohnung verbrannten, die Scheidung, Nachstellungen und Bedrohungen durch ihren Exmann… ob sie früher auch zeitweise als Prostituierte gearbeitet hatte, wird nicht ganz klar. Außerdem ist sie Analphabetin. In Athena putzt sie in der Universität und in der Poststelle, ferner arbeitet sie auf einem Biohof und melkt dort die Kühe.

Die beiden geben sich Mühe, ihre Beziehung geheim zu halten. Aber egal wie abgeschieden man wohnt, wie vorsichtig man ist, ein solches Verhältnis läßt sich nicht geheim halten und kaum gerät der Rassismus-Vorwurf ein wenig in Vergessenheit, erfahren einige Leute von Colemans Verhältnis und die Hexenjagd geht von vorne los….

Es ist eine berührende Liebesgeschichte zweier verwundeter Menschen, die beide strikt leugnen, daß es sich um Liebe handeln könnte. „Mach es nicht kaputt, Coleman!“ so bescheidet sie ihn, wenn sie das Gefühl hat, er würde diese Grenze überschreiten. Sie haben Sex miteinander, viel und ohne Hemmungen, es ist ihre gemeinsame Flucht aus einem Leben, das ihnen böse mitspielt. Faunia ist keine Schönheit im landläufigen Sinn, sie ist eher herb und knochig, in ihren Äußerungen unverblümt und direkt, diese Eigenschaften sind es, die Coleman zugleich liebt und die ihn verwirren. Sie dagegen liebt sein Alter, daß sie sich auf keine Überraschungen mehr einstellen muss und sie fühlt sich geschätzt und gleichberechtigt..

Die Gerüchteküche kocht und die Doppelmoral feiert Triumphe. Alles, was in die Welt gesetzt wird, wird auch geglaubt: z.B. habe Coleman Faunia zu einer Abtreibung gezwungen, danach hätte Faunia einen Suizid versucht, bei einem Unfall sei Colemann von der Straße abgekommen, weil Faunia ihn während der Fahrt oral befriedigt hätte und er abgelenkt gewesen sei, er habe in ein Büro einer Ex-Kollegin eingebrochen und in ihrem Namen diskriminierende Mails verschickt.. nichts ist zu absurd, als daß es die ehemaligen Kollegen, die Studenten, die Menschen nicht glauben würden…

Dies sind so in etwa die Dinge, die Nathan von Coleman selbst erfährt oder die er von dessen Leben mitbekommt, wenn sie zusammen hocken, was trinken und den alten Big-Bands lauschen…

Die Lebensstationen, die vor seiner Zeit in Athena liegen, erfährt Nathan dagegen von Ernestine, Colemans Schwester. Colemann als bester Schüler der Schule, der Vater, der seinen Kindern die Bedeutung des Wortes bzw. der Wörter lehrt und der für alle Gelegenheiten ein Shakespearezitat bereit hat, die Leidenschaft Colemans für´s Boxen und seine kurze Karriere als Profiboxer, seine Zeit in der Army, die Frauen, die er liebte, bis er schließlich dann Iris  heiratete, das Zerwürfnis mit der Mutter nach dem Tod des Vaters, die er verstieß, woraufhin ihm sein älterer Bruder strikt verbot, jemals wieder Kontakt mit der Familie aufzunehmen… Nathan lernt die Schwester Colemans auf einer Beerdigung kennen und ihm fällt die Ähnlichkeit der beiden auf, die auf ein Geheimnis weist, daß Colemann ein halbes Jahrhundert gewahrt hat…

Ausser dieser bemerkenswerten Lebensgeschichte von Coleman Silk und der Geschichte seiner letzten Liebe setzt sich Roth in teilweise etwas ausufernd langen Passagen auch mit (damals) aktuellen politischen Themen in den USA auseinander. Auf die Clinton/Lewinsky-Affäre geht er häufig ein, ferner auf das Schicksal der Vietnam-Veteranen, die in den USA nach ihrer Rückkehr ein schweres Schicksal zu stemmen hatten: hochtraumatisiert waren sie kaum noch zu normalen Sozialkontakten fähig, sie verachteten die Regierung mit Slick Willie im Weißen Haus und ihr Hass konnte jederzeit in einem Gewaltausbruch enden.

„Die Berührung durch uns Menschen hinterlässt einen Makel,
ein Zeichen, einen Abdruck.
Unreinheit, Grausamkeit, Missbrauch, Irrtum, Ausscheidung, Samen –
der Makel ist untrennbar mit dem Dasein verbunden.“


Ich kannte diesen Roman vor dem Lesen nicht und war an einigen Stellen überrascht, ja, verwirrt, da es ein paar Volten in der Geschichte gibt, die unerwartet kamen und nur langsam aufgelöst wurden. Eine davon, die überraschendste, war, daß, nachdem Roth sein Schicksal nach den unglückseligen „dunklen Gestalten“ und sein Zusammentreffen mit Zuckerman schilderte, im zweiten Abschnitt des Buches seine Jugend beschrieben wurde und dabei, ohne es extra zu erwähnen, en passant sozusagen, es sich für mich herausstellte, daß Coleman (der Name klingt ja fast wie „Coalman“) selbst ein Afroamerikaner war, der eine so helle Hautfarbe hatte, daß er, ohne dies ausdrücklich von sich selbst zu behaupten, als Weißer (müsste man hier jetzt konsequenterweise sagen: Kaukaso-Amerikaner?) angesehen wurde. Er befolgte nur den Rat seines Boxtrainers: „Wenn dich keiner fragt, erwähne es von dir aus nicht!“. So dient er im Zweiten Weltkrieg als Weißer und zieht knapp zwanzigjährig (wie schon erwähnt) den Schlussstrich unter sein bisheriges Leben: Er bricht seiner Mutter das Herz mit der Ankündigung, sie und seine Herkunft in Zukunft zu verleugnen.

Es ist eine Flucht in ein besseres Leben, in ein weißes Leben, in dem ihm, den hochintelligenten jungen Mann alle Türen aufstehen. Bis auf eine einzige Ausnahme, einer Prostituierten noch während seiner Zeit in der Armee, erkennt ihn niemand als Afro-Amerikaner, niemand stellt seine Zugehörigkeit als „Weißer“ in Frage, er macht Karriere an einer „weißen“ Universität in einem der klassischen „weißen“ Fächer, er ist, wie es sein Bruder verbittert konstatiert, „weißer als die Weißen“.

Eine Flucht, die sich selbst im Lauf der Jahrzehnte überholt hat. Kurz nach dem Krieg brachte sie Coleman ein besseres, einfacheres Leben, heutzutage, so konstatiert seine Schwester, würde kein Neger (ja, sie verwendet diesen Ausdruck, ein Zeichen der Zeit, aus der sie stammt) seine Hautfarbe mehr verleugnen…

Seine Herkunft war für Silk ein Geheimnis, ein Lebensgeheimnis – den Menschen, die ihm nahestanden, seiner Frau zum Beispiel und den Kindern, gegenüber  war die Wahrung dieses Geheimnisses eine Lebenslüge. Wäre es offenbar geworden, wäre sein Leben zerstört gewesen. Mit wieviel Risiken hat er gelebt, mit jedem seiner vier Kinder hätte seine Abstammung herauskommen können. Was, so Ernestine, würde geschehen, wenn seine Tochter, die von nichts weiß, ein dunkles, kraushaariges Kind bekäme? Was würde ihr Mann vermuten (müssen)? Wie geht ein Mensch damit um, sein Leben auf so dünnem Eis gebaut zu haben?

Angesichts seiner eigenen Herkunft wirkt der Rassismus-Vorwurf, mit dem man Silk an seiner Uni diskriminierte, noch absurder… Absurd genug wäre er schon als solcher, man mag kaum glauben, daß er in der Tat realiter der Ausgangspunkt für den Roth´schen Roman darstellt: ein Freund Roths, Melvin Tumin, seinerzeit Soziologieprofessor in Princeton, hat ihn 1985 getätigt und musste nach heftigen Attacken Abbitte leisten (es lohnt sich, die in diesem Zusammenhang erfolgte Diskussion Roths mit der Wikipedia zumindest zu überfliegen: es fällt dort von Seiten der Wiki ein wunderbares Statement über die Rolle eines Autoren hinsichtlich seines Werkes [5]). Natürlich ist dieser Vorgang auch ein herausragendes Beispiel für den politischen Stil des amerikanischen Alltags, der in den letzten Jahren – soweit man das von hier aus beurteilen kann – sicher nicht besser geworden ist.

Die Hexenjagd auf Silk: sicherlich ist es kein Zufall, daß Roth seiner Figur dieses Verhältnis angedichtet hat. Zum einen kann er hier wunderbar die Doppelmoral und die Bigotterie der Gesellschaft aufzeigen, die sich scheinheilig nur allzu gerne in Sachen einmischt, die sie nun wirklich nichts angehen – womöglich mit eigenen „Leichen“ im Keller. So wie der Rassismusvorwurf ein Instrument war, den Einfluss und die Stellung von Silk am College zu schmälern, wurde die vorgebliche Ungeheuerlichkeit seiner Beziehung zu Faunia Farley als sexuelle Ausnutzung einer ungebildeten, auf der sozialen Stufenleiter weit unten rangierenden Stufenleiter Frau definiert und als weitere Keule genutzt, um Silks Ruf zu zerstören. Niemand scheute sich, dem Verhältnis weitere Lügen anzudichten, die allesamt, so unsinnig sie auch waren, Glauben fanden… niemand schien sich des einst so geachteten Dekans Silk zu erinnern, Silk war zum lüsternen, alten, eine abhängige, ungebildete, arme Analphabetin unterdrückenden Rassisten mutiert.

Verdichtet und in Person gebracht hat Roth diese Hexenjagd in der Figur der Delphine Roux, einer jungen, intelligenen, karrierebewussten Französin, die Silk selbst ans College geholt hatte. Sie ist diejenige, die Silk in einer spontanen Unüberlegtheit einen anonymen Brief schickt, sie ist diejenigen, die den letzten Rufmord an Silk begehen sollte, um ihre eigene Reputation aufrecht zu halten, die sie selbst leichtfertig und dumm auf´s Spiel gesetzt hatte. Die Figur der Roux bleibt im Roman unvollständig; seine anderen Protagonisten entwickelt Roth zu einem – wie auch immer gearteten – Abschluss, Roux´ Schicksal nach der letzten Intrige bleibt unbeschrieben, wahrscheinlich ist, daß niemand Interesse hat, den offensichtlichen Widersprüchen der Lügen nachzugehen, so daß sie ungeschoren davon kommen wird…

Ferner ist in der Beziehung Silk/Farley die Parallelität zum Fall Clinton/Lewinsky kaum zu übersehen: auch dies ein Verhältnis zweier sehr unterschiedlicher Menschen, das im Grunde zwar privat war und nur Clinton, seine Frau und Monica Lewinsky was angegangen wäre, das aber in eine beschämende und entwürdigende und würdelose (teilweise sogar gesetzesbrechende) Hexenjagd mündete – unabhängig davon, wie geschickt oder ungeschickt sich Clinton selbst in dieser Affäre verhalten hat und wie diese moralisch zu beurteilen gewesen war. Ebenso wie die Romanfigur Silk mutierte Clinton seinerzeit in der Öffentlichkeit zu einer peinlichen, zigarrerauchenden, geilen Witzfigur, die nur noch lächerich wirkte. Auf Clinton/Lewinsky kommt Roth mehrmals im Roman zurück, in einer bemerkenswerten Passage läßt er drei Unbekannte sich in recht vulgärer Art und Weise dazu äußern…

Bill Clinton alias Slick Willie ist eine gute Überleitung zu einem weiteren Aspekt des Romans. Der Ex-Mann Faunias, Les Farley war, wie schon erwähnt, Vietnam-Veteran. Da er sich nach seiner ersten Dienstzeit in den USA nicht mehr richtig einlebte und sich nicht willkommen fühlte, ging er wieder zurück nach Vietnam. Diese zweiten Dienstzeiten in diesem Krieg müssen aus den sowieso schon psychisch angeschlagenen Soldaten endgültig gefühllose Killer gemacht haben, die wahllos alles, was „Schlitzaugen“ hatte, niedermähten… bis hin zum Kellner im Chinarestaurant. Zwar war „schon“ 1980 wurde die Diagnose Posttraumatic Stress Disorder (PTSD) in das amerikanische Diagnose-Manual aufgenommen [6], dies verhinderte jedoch nicht, daß viele der Veteranen seelisch und körperlich verkrüppelt ein Leben als Ausgestoßene führen mussten. Für die Regierung, ja, das ganze Land hatten sie oft nur Verachtung übrig, sie fühlten sich verheizt, im Stich gelassen, unwillkommen, der Mann im Weißen Haus, der noch nicht einmal inhaliert hatte, war für sie ein rotes Tuch.


So spielt der Roman „Der menschliche Makel“ auf drei Ebenen: zum einen auf der persönlichen Ebene des Lebens von Coleman Silk und auch von Faunia Farley, auf der der Öffentlichkeit im Umkreis der beiden Figuren und schließlich dreht er auch am großen Rad, der Kritik an diversen Erscheinungen in den USA Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Dies alles wird uns von einem Erzähler, Nathan Zuckerman, berichtet, der dies zum Teil aus eigenem Erleben weiß (in diesen Passagen ist er daher auch Akteur des Romans), dem andere Passagen aber auch selbst berichtet worden sind. Demzufolge besteht ein erheblicher Teil des Textes aus Rückblenden. Ergänzt werden diese Darstellungen durch Spekulationen des Erzählers, über ein „Könnte es so gewesen sein?“ oder auch ein „Ich stelle mir vor“. Teilweise etwas ermüdend sind trotz des Könnens von Roth lange Textpassagen, in denen er recht belehrend daher kommt und es den Eindruck macht, er wolle dem Leser hier seine Meinung bzw. die des Erzählers regelrecht eintrichtern. Wie meist bei Texten, die aktuelle Bezüge auf Vorgänge in fremden Ländern enthalten, kann man als Leser das meiste von Gesagten nicht beurteilen oder einordnen, aber das ist schließlich nicht die Schuld der Autoren, das man daraus lernen kann, bleibt unbestritten.

„Der menschliche Makel“ ist trotz des kleinen Einwandes ein wunderschöner Roman, sehr intelligent, sehr gut lesbar und unterhaltend geschrieben – und ein Zeitzeugnis ist er obendrein. Daher kann ich nur empfehlen: wer noch nicht hat, sollte!

 

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Philip Roth
[2] zur freien Verfügung
[3] Philip Roth will nicht mehr schreiben; in: ZEIT online vom 11. November 2012; http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-11/philip-roth-ruhestand
[
4] Es muss ein Alptraum für einen Übersetzer sein, wenn/daß es für das zentrale Wort eines solche mächtigen Romans, hier: spook, keine deutsche Entsprechung gibt. van Gunsteren erläutert sein Problem damit in einer vorgeschalteten Anmerkung, übersetzt den Ausdruck letztlich mit „dunkle Gestalten (die das Seminarlicht scheuen)“
[5] Offener Brief Philip Roths an den „New Yorker“: http://www.newyorker.com/books/page-turner/an-open-letter-to-wikipedia bzw. in der „Wel“t: http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article109112546/Philip-Roth-und-sein-bizarrer-Streit-mit-Wikipedia.html
[6] vgl. hier:  https://gestalttherapieluebeck.wordpress.com/2012/04/21/psychotraumatologie-geschichte/

Weitere Besprechungen von Büchern Philip Roths hier im Blog:

Mein Leben als Sohn
– Jedermann – Everyman

Philip Roth:
Der menschliche Makel
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsterem
Originalausgabe: The Human Stain, NY, 2000
diese Ausgabe: Rowohlt, TB, ca. 400 S., 2004

Roths „Jedermann“ ist ein schmales Büchlein, kein umfangreicher Roman, der – man sollte sich darüber im Klaren sein, bevor man es aufschlägt – kein Lachen kennt. Es ist eine traurige Geschichte, eine deprimierende, entillusionierende Demaskierung des menschlichen Daseins als ein im Grunde von vornherein dem Verfall gewidmetes. So beginnt der Text folgerichtig mit einer Beerdigung, nämlich der des namenlos bleibenden Protagonisten, der „jedermann“ sein könnte (und später erfahren wir, daß sein Vater, ein jüdischer Schmuck- und Uhrenhändler, sein Geschäft so nannte, um eben genau dies zu erreichen: die möglichst einfache Identifikation, jeder Mann und jede Frau sollte sich angesprochen fühlen) auf einem verfallenen jüdischen Friedhof, begleitet von wenigen ihm verbliebenen Menschen, deren Gefühle das gesamte Spektrum von Abneigung (wenn nicht sogar Hass) über die normale Traurigkeit, die man empfindet, wenn ein Bekannter zu Grabe getragen wird bis hin zu echten Trauer, die aber nur von zwei Personen empfunden wird, überstreicht. Der Kosmos des Verblichenen ist klein geworden in seinen letzten Jahren…. Der Friedhof, ein Bild für den Dahingeschiedenen, ein Bild für uns Menschen im Alter allgemein: dem Verfall preisgegeben, dem Zerfall ausgeliefert, den Angriffen von aussen immer schutzloser begegnend werden wir unansehnlich, bröckeln wir wir zu Staub und kehren in den Erde zurück.

Vor einigen Wochen las ich (ich glaube, es war irgendwo auf facebook) die Meinung, das Sterben würde eigentlich schon mit der Geburt eines Wesens anfangen. Ich teile diese Meinung nicht, schon allein der Vergleich eines/r Neugeborenen mit einem/r Achtzehnjährigen zeigt die Unsinnigkeit dieser Behauptung, aber irgendwann im Leben haben wir unseren Zenit körperlicher, sexueller, intellektueller Leistungsfähigkeit überschritten (oder, was angenehmer klingen mag, verlassen wir das Plateau eines gewissen individuellen Niveaus, das wir eine zeitlang, vllt Jahre, halten konnten) und der Abstieg beginnt. Wir verlassen die Welt gewindelt, so wie wir sie  in Windeln betreten haben…

Diesen körperlichen Verfall spürt der Protagonist des Roth´schen Romans deutlich und er wird nicht fertig mit ihm. Zwar war natürlich sein Leben nicht von vornherein mit Krankheit und Tod gepflastert, auch wenn er als 9jähriger eine Bruchoperation hatte und die Ärzte am Bett des zweiten Jungen im Zimmer sah, dem diese aber nicht helfen konnten. Die folgenden Jahre jedoch lebte er sein Leben erfolgreich, auch wenn er seinem Herzenswunsch, Maler zu werden, nicht nachkam, sondern in die Werbebranche ging. Er heiratete, bekam zwei Söhne, lernte Phoebe kennen und trennte sich von Camilla. Phoebe war, und das erkannte er viel zu spät, der Diamant in seinem Leben, das Beste, was ihm passierte, Phoebe, mit der er Nancy in die Welt setzte, seine wunderbare Tochter. Phoebe schmiss ihn raus. Nicht in allererster Linie, weil er sie betrog (natürlich hatte sie das gemerkt, Merete war ja kein Einzelfall, aber sie hatte geschwiegen), sondern weil er sie belog, alles abstritt und verneinte. Das war es, was ihre Würde verletzte, sie demütigte. Alles kann man verzeihen, aber wie soll man jemandem wieder vertrauen, der einen anlügt, sozusagen blind und hilflos durch die Welt schickt und zuschaut, womöglich noch in der irrigen, wahnwitzigen Überzeugung, diese Lüge wäre nötig und gut für den Angelogenen. Hat sich immer noch nicht herumgesprochen, daß solche Lügen einzig und allein den Lügner selbst schützen sollen, vor den Konsequenzen seiner Handlung nämlich?

Um dieses Verhalten vor sich selbst zu rechtfertigen, daß es den Preis der Trennung wert ist, heiratet er Merete nach der Scheidung von Phoebe. Aber ausser  ihren Körperöffnungen hat  die Dänin nichts zu bieten, zu anderem als Sex ist sie nicht fähig, sie versagt im Alltag hoffnungslos, auch und gerade als sie ihrem Mann wegen seines kranken Herzens beistehen müsste. Und wieder eine Scheidung… 65 Jahre ist er alt und dreimal geschieden. Seine zwei Söhne sehen nur seine Schwächen und haben ihm nie verziehen, daß er die Familie verließ, einzig Nancy mit ihrem großen Herzen und sein großer Bruder Howie sind ihm geblieben… es wird einsam um ihn herum.

Krankheit und Tod kommen immer näher, der Frieden und die Ruhe, die er in einer Seniorenwohnanlage sucht, findet er dort nicht. Im Gegenteil, die jeweiligen Gebrechen machen einen Großteil der Kommunikation aus. Er selbst muss auch immer wieder ins Krankenhaus, sein Körper wird immer maroder, unzuverlässiger… je siecher er sich fühlt, umso neidischer wird er auf Howie, der gesund ist trotz seiner höheren Alters, der sein Leben meistert und glücklich scheint. Er wird so neidisch, daß der Neid in Hass übergeht und er den Kontakt zu dem Bruder, den er zeit seines Lebens bewunderte, abbricht. Auch ehemalige Arbeitskollegen sterben oder werden krank… eine Schülerin des Malkurses, den er in der Seniorenanlage gibt, hält die Schmerzen, die ihre Krankheit ihr verursacht, nicht mehr aus und nimmt Tabletten….

Das Alter grenzt aus, im Alter wird man anders, man gehört nicht mehr dazu. Träume und Pläne erweisen sich als Trugbilder, der „fröhliche Stümper“, so nennen seine Söhne ihn, seit er wieder malt, verliert die Lust am Malen, es reizt ihn nicht mehr, er hat kein Thema mehr….. ein hoffnungsloser Versuch, noch einmal eine junge Frau für ihn zu interessieren, misslingt…. Leere breitet sich in ihm aus, das Leben, das in früheren Jahren Aufgaben stellte und Herausforderungen bereit hielt, ist selbstbezüglich geworden, aber das Selbst ist ihm abhanden gekommen… was geblieben sind, sind Erinnerungen. Nicht frei von Selbstmitleid erkennt er sein eigentliches Leiden: sein Wesen verzerrt sich, ändert sich in der Grausamkeit des Alters. Und doch beherrscht ihn andererseits die Angst vor dem Tod, vor dem Nichts, einen Suizid wie Millicent kann er sich nicht vorstellen.

Vor der erneuten Operation, vor der er steht, besucht er noch einmal das Grab seiner Eltern auf dem zerfallenden Friedhof, den sein Opa mitgegründet hatte. Lange redet er mit dem Totengräber, läßt sich seine Arbeit erklären und hört interessiert zu. Er weiß es nicht, niemand weiß es, aber bald wird der Mann auch für ihn graben.. und der Kreis des Buches schließt sich damit und es gut, jetzt die ersten wenigen Absätze noch einmal zu lesen, in einem anderen Licht, in der Kenntnis des Mannes, der dort in die Erde hinab gelassen wurde…

Diese für mein Empfinden äußerst düstere Geschichte erzählt Roth auf seine intellektuelle und distanzierte Art. Beim Lesen entwickelt sich kaum emotionale Nähe zu einer der Figuren. Am ehesten ist dies noch zu Phoebe möglich, deren verbaler und emotionaler Ausbruch gegen die Hauptperson, der der Trennung vorausging, eine Ausnahme darstellt im Text. Vielleicht berührt der Roman gerade wegen dieser Distanz nicht wirklich, es gibt auch einige recht pathetische Szenen, die mir etwas übertrieben scheinen wie die Tränenflut am Grab der schon vor vielen Jahren verstorbenen Eltern…

Roth führt uns das Alter in seiner unattraktivsten Lesart vor: als immerwährenden und unaufhaltsamen Verfall, der nicht nur den Körper vernichtet, sondern auch den Menschen, indem er ihm den Antrieb raubt, die Freude am Leben nimmt und nur innere Leere zurückläßt. Das gibt es, ja, sicher, es hängt immer auch vom Grundcharakter der jeweiligen Person ab, aber es muss nicht so sein. Das größte Problem scheint mir, daß das Lebensziel abhanden gekommen ist, wofür soll ich noch…? und damit die Frage nach dem Sinn des Lebens im Raum steht. Eine große Herausforderung, die Roths Protagonist nicht meistert.

Philip Roth
Jedermann – Everyman
übersetzt von Werner Schmitz
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 158 S., 2008
Erstveröffentlichung: 2006, NY

Der Vater Philip Roths war – abgesehen von seinem fast blinden rechten Auge – mit 86 Jahren noch ein recht rüstiger Mann, als bei ihm unvermittelt eine halbseitige Gesichtslähmung auftrat. Nach einer ersten Fehldiagnose als Virusinfektion bringt eine eingehendere Untersuchung das Ergebnis, daß ein Tumor im Kopf wächst und anfängt, Nerven zu schädigen.

Herman Roth lebt allein in seiner Wohnung, nachdem seine Frau einige Jahre vorher gestorben war. Die Roths stammen aus Europa und sind von dort Anfang des 20. Jhdts nach Amerika eingewandert. Herman R. machte in einer Versichung eine vorzeigbare Karriere, die ihm einen auskömmlichen Ruhestand sicherte, diesen Aufstieg erkämpfte er sich durch seinen Willen, seine Durchhaltekraft und seine Selbstdisziplin, mit denen er seine Handicaps wie eine einfache Bildung und seine jüdische Abstammung ausglich.

Das Zusammenleben mit Herman R. muss schwierig gewesen sein. Er bezeichnete sich selbst als „Kümmerer“, als ein Mensch, der nicht zögert, anderern, wenn diese etwas machen, was er für falsch oder ungünstig hielt oder was er einfach anders machen würde, dies auch mitzuteilen. Dies führte sogar dazu, daß seine Frau in hohem Alter nach seiner Pensionierung, als er ihr dann endlich zeigen konnte, wie ein Haushalt geführt wird, noch an Trennung dachte. Eine Tatsache übrigens, die er nach dem Tod der Frau offenbar vollständig verdrängt hat.

Die vielen Verlustsituationen, in denen Herman R. nach dem Ausbrechen seiner Erkrankung stand (den noch nicht beendeten Trauerprozess um den Verlust seiner Frau, das Einbüßen der körperlichen Leistungsfähigkeit, der Selbstständigkeit, die wachsende Notwendigkeit, Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen, die vermehrt auftretenden „peinlichen“ Situationen aufgrund der körperlichen Einschränkungen) riefen in ihm zusätzlich ein permanentes Gefühl der Unzufriedenheit und Einsamkeit hervor und machten es nicht einfacher für Philip Roth, der sich in dieser Zeit sehr um seinen Vater kümmerte.

Dies ist in etwa die Ausgangssituation, in der die Beschreibung der letzten Lebensjahre des Vaters von Philip Roth einsetzt. Es ist eine unaufgeregte, sehr reflektierende, von Achtung und auch Liebe für seinen Vater geprägte Geschichte, die er erzählt. Es ist eine Geschichte der großen Entscheidungen: wie soll man mit der Erkrankung umgehen, soll operiert werden oder nicht, kann man das einem so alten Menschen zumuten? Ärzte werden befragt, natürlich. Zwei Ärzte, zwei differierende Meinungen …. wenn, dann wäre es eine schwierige Operation mit einer langwierigen, beschwerlichen Rehabilitationsphase und erheblichen Risiken. Wer kann sich um den Vater kümmern, wie versorgt man ihn, der nicht mehr für sich selbst sorgen kann? Fragen, vor denen jedes „Kind“ steht, eines Tages stehen kann, wenn…. und die schwierigste aller Fragen hebt sich das Leben bis zum Ende auf….

Herman Roth weilt oft in seiner Vergangenheit. Er erinnert sich genau an das, was damals war, an Personen, Vorkommnisse, Verwandschaftsverhältnisse, er weiß noch, wie die jetzt verfallenen Viertel, durch die sie auf ihren Fahrten zu den Ärzten und Hospitälern kommen, damals aussahen, als sie noch jüdisch dominiert waren, weiß noch, wo welches Geschäft stand und wer es betrieb…. es ist eine kleine Exkursion in das jüdische Leben im der ersten Hälfte des 20. Jhdts im urbanen Bereich NYs.

Der Sohn kümmert sich intensiv um seinen Vater, sein Beruf als Schriftsteller gibt ihm den nötigen zeitlichen Freiraum dazu. Sie kommen sich sehr nahe, es entsteht diese besondere Art von Intimität zwischen einen Pflegenden und einem, der gepflegt werden muss. Grenzen des privaten, die es ein Leben lang gegeben hat, verschwinden, wenn körperliche Hygiene nicht mehr selbstständig verwirklicht werden kann. Auch vor der Beschreibung solch drastischer Ereignisse macht Roth keinen Halt, sie gehören dazu und er versteht sie so zu schildern, daß man sie als das wahrnimmt, was sie sind: unabänderliche und zu beherrschende Begleitumstände des Älterwerdens, der Krankheit.

Das Verhältnis zwischen Sohn und Vater ist ein Leben lang von der Autorität des Vaters bestimmt. Noch jetzt, seinem siechen Vater gegenüber, fühlt sich Roth eher als Sohn denn als gleichberechtigter Partner. Es fällt ihm schwer, seinem Vater mit Bestimmtheit gegenüber zu treten, obwohl dieser darauf ohne Aufbrausen reagiert und den Vorschlägen seines Sohnes folgt. Die bangen Fragen bzglt der Patientenverfügung, die sich der Sohn stellte, alle unnötig: die lakonische Reaktion des Vaters nach dem Vorlesen der Verfügung: Ok, machen wir. Offensichtlich hat sich Philip Roth nie wirklich lösen können, selbst dann nicht, nachdem er seinen Vater in den Tod losgelassen hat.„Der Traum sagt mit, daß ich … ewig als sein kleiner Sohn leben würde…“ und er sieht seinen Vater als „..den Vater, der zu Gericht sitzt über alles, was ich tue.

Facit: Das Büchlein ist eine intensive Auseinandersetzung des Sohnes mit seinem Verhältnis zum Vater, es ist eine berührende Krankengeschichte auch über Versuch, das „Richtige“, zumindest aber das „Angemessene“ am Ende des Lebens zu tun.

Philip Roth
Mein Leben als Sohn
Eine wahre Geschichte
übersetzt von Jörg Trobitius
dtv, 1995, 224 S.

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