Juli Zeh: Nullzeit

15. Juni 2017

Der Ironman Lanzarote [1] gehört zu den härteren der sportlichen Prüfungen, die dieser sowieso schon harte Sport bietet. Von daher ist der Spruch „Alles ist Wille“, der auf den Asphalt gepinselt die Athleten noch einmal motivieren soll, sehr angebracht. ‚Alles ist Wille‘ – so sollte auch dieser Roman Juli Zehs ursprünglich heißen [2], aber auf Anraten des Verlages („… irgendwie nach Nietzsche ….“, was für den Verlag offensichtlich negativ konnotiert war) ist Nullzeit daraus geworden, ein Fachbegriff aus dem Tauchen, der die Grundzeit, die ein Taucher in einer bestimmten Wassertiefe verbringen kann, ohne nötige Dekompressionsstops beim Auftauchen einlegen zu müssen, bezeichnet [3].

‚Alles ist Wille‘ hätte gepasst, denn vom Willen, vom Wollen handelt dieser Roman. Jola will unbedingt diese Rolle bekommen, Sven wollte sich nicht der ‚Urteilsfront‘ gegenüberstellen und ist jetzt seit fast vierzehn Jahren auf Lanzarote als Tauchlehrer … Antje will eigentlich nur Sven, den sie seit Kindertage liebt. Was der ‚alte Mann‘, die vierte Person dieses kleinen Kammerspiels, ist dagegen nicht so ganz klar, was er nicht will, schon eher, nämlich Jola zu verlieren.

Nullzeit also ein Kammerspiel mit vier Personen. Der nach der zwar recht erfolgreich, nichtsdestotrotz frustriert abgelegten Prüfung zum ersten Staatsexamen ausgestiegene Fast-Jurist Sven ging mit Antje, die er zwar nicht liebt, deren Nähe und Unterstützung aber recht bequem und angenehm ist, auf die spröde Kanareninsel. Beide sind dort in der Szene bzw. in ihrem Bekanntenkreis fest etabliert, der Tagesablauf, das Geschäft Routine. Die gehörig durcheinander geworfen wird: mit Jolanthe Augusta Sophie von der Pahlen (‚Jola‘) und Theo Hast mietet ihn ein exaltiertes Paar für eine erquickliche Summe Geldes für vierzehn Tage rund um die Uhr.

Jola, eine schöne Frau von dreißig, ist Schauspielerin in einer der beliebten Endlosserien im TV. Um sich als ernsthafte Darstellerin zu etablieren, muss sie da endlich raus und eine entsprechende Filmrolle spielen. Auf Lanzarote und mit Hilfe von Sven will sie sich auf das Casting für die Rolle der Taucherin Lotte Hass [4] vorbereiten, auf die sie alle Hoffnung setzt.

Theo Hast ist Literat ohne große Produktivität. Sein Erst- und Einling liegt schon lange Jahre zurück, er ist ein gutes Jahrzehnt älter als Jola. In Jolas Tagebuch findet sich die Bemerkung, er sei wohl absichtlich so unproduktiv, weil sie, Jola, einen erfolgreichen Mann nicht verdiene. Die Beziehung der beiden beruht auf Erniedrigung, Unterdrückung und Schmerz, Theos braucht wohl Vergewaltigungfantasien, um mit Jola verkehren zu können.

Schnell verfällt  Sven der schönen Frau, bewundert deren makellosen Körper. Als sie ihm aber nach einem der ersten Tauchgänge sofort routiniert ihr Hinterteil entgegenhält, so daß er sich wie in einem billigen Pornoset vorkommt, schreckt er zurück, ohne daß er dem Sog Jolas jedoch entkommen kann. Theo, der dies bemerkt, gibt ihm in einem Gespräch unter Männern sogar freie Bahn, er ist sich seiner Sache bei Jola sicher.

So kommt es zu kleinen Gesten zwischen den beiden, Anzüglichkeiten, die jedoch die Grenze zwischen Tauchlehrer und Kundin überschreiten und die auch in der Öffentlichkeit beobachtet werden. Der Ruf von Sven leidet, man fängt an, ihn zu meiden. Auch Antje bemerkt die sich entwickelnde Obsession, der Browserverlauf verrät ihr, daß Sven sich nächtens die Filmchen mit Jola im Rechner ansieht.

Ohne es zu merken, ist Sven Hauptdarsteller einer raffinierten Inszenierung geworden. Der Schlussakt wird auf einer Party eingeleitet: auf ihr erfährt Jola, die offen Sven als ihren Begleiter vorstellt, obwohl auch Theo mitgekommen ist, daß die Rolle der Lotte Hass schon längst vergeben ist. Theo zelebriert diese Nachricht und geniesst die Zerstörung Jolas, deren Traum sich einfach in Nichts auflöst.

Für seinen Geburtstag, am Morgen nach dieser Party, hatte sich Sven ein besonderes Projekt vorgenommen, einen lange geplanten, akribisch vorbereiteten Tauchgang zu einem in hundert Meter liegenden Wrack. Aber auch hier geht einiges schief, weil sich die Freunde, die er als Helfer braucht, plötzlich verweigern. Jola bietet ihm an, ihm zusammen mit Theo zu begleiten, sie kenne sich sehr gut auf See aus. Aus lauter Not nimmt Sven das Angebot an. Am nächsten Morgen stechen die drei also in einem Fischkutter in See und tuckern an die Stelle, an der das Sonar das Wrack geortet hat [5]. Hier überschlagen sich dann die Ereignisse und Sven, die Fliege im Netz der Spinne, verliert endgültig jede Reputation und die heile Welt, in die er sich zurückgezogen und in der er sich eingerichtet hatte, zerplatzt: Antje hat ihn schon verlassen (u.a. auch weil sie mehr Sex braucht, als sie von Sven bekommt: auch diese seine Einschätzung war falsch), der rosarote Schleier, mit dem er Jola betrachtet hat, lüftet sich langsam und gibt den Blick auf die Realität frei und seine ehemaligen Taucherkollegen kündigen ihm an, daß sie dafür sorgen werden, daß er als Taucher nirgends mehr Fuss fassen wird….


Juli Zeh, die selbst Juristin ist, hat mit Nullzeit einen düsteren, kalten Thriller geschrieben. Sie schafft mit Sven, einem unbedarften, leichtgläubigen und sympathischen Menschen, einen Protagonisten, der dem skrupellosen Paar Jola und Theo, seinen Gegenspielern, nicht gewachsen ist. Der wohl eher sporadische Blümchensex mit Antje (eine Tatsache, die sich später als für ihn fatal herausstellen sollte) reicht ihm und macht ihn gleichzeitig empfänglich für den erotischen Reiz einer schönen Frau, die ihrerseits in einer eher durch dunkle Kräfte zusammen gehaltenen Beziehung lebt, in der Gewalt an der Tagesordnung ist  und das Zudrehen der Atemluftventile unter Wasser Scherzcharakter hat. Spätestens an diesem Punkt hätte Sven die Reissleine ziehen müssen, aber das Honorar war fürstlich und er brauchte das Geld….

Zeh erzählt die Geschichte der vier sehr verwirrend, raffiniert verwirrend. Der Darstellung der Ereignisse durch Sven, dem Ich-Erzähler nämlich stellt sie die Tagebuchaufzeichnungen von Jola entgegen. Ein: Ich hätte in sie eindringen können, und wir wären nach einer Minute fertig gewesen. Doch wozu? liest sich in Jolas Tagebuch folgendermaßen: … er stand hinter mir und ging leicht in die Knie, um in mich eindringen zu können. … Die Ungeduld hatte uns fast in den Wahnsinn getrieben. … So entwickelt sich in Jolas Tagebuch langsam das Bild einer heftigen Beziehung und einer Affäre, in der auch ein mögliche Tod Theos immer wieder Thema ist….

Das ungeschickte und naive Verhalten Svens mit Jola in der Öffentlichkeit tut ein übriges und spielt der Intrige in die Hände. Das nach wenigen Tagen über ihn und Jola Kolportierte ist letztlich so wirkmächtig, daß die Realität unwichtig geworden ist und Sven den ‚Point of no Return‘ erreicht hat: Wenn es schon Gerüchte gibt, dann kann er sie auch durch Fakten untermauern, er gibt sich also keine Mühe mehr, seinen Drang zu Jola zu verbergen…


Und die Moral von der Geschicht‘? Man kann der Welt nicht entfliehen, man kann sich nicht in einer selbst gezimmerten Blase verstecken und davon ausgehen, daß man vor allem Unbill geschützt ist. Man wird hilflos, machtlos in seiner Blase, ein Stich von aussen und sie platzt und von einem Augenblick auf den anderen ist man der Welt, dem Willen der anderen, schutzlos ausgeliefert.

Die interessante Frage ist, ob Sven gegen einen so skrupellosen Gegner wie Jola überhaupt eine Chance gehabt hätte. Die Wirkmächtigkeit von Lügen und Behauptungen – es ist ja ein sehr aktuelles Thema – schafft eine eigene Realität, die unabhängig ist von Fakten, zumal, wenn sie – wie im Roman durch Svens Handeln – durch an sich recht harmlose Naivitäten, die sich leicht provozieren lassen, anscheinend gestützt wird. Wann wird Jola ihren Plan ausgeheckt haben? Irgendwann im Verlauf der ersten Tage, als sie Sven als leichte Beute entdeckt und in ihr der Wunsch, Theo loszuwerden, wach wird? Es wird nicht ganz klar, aber die Existenz des Tagebuchs deutet darauf hin, daß der Plan jedenfalls längerfristig angelegt war, keine spontane Entscheidung nach der von Theo in Szene gesetzten persönlichen Katastrophe auf der Party.

Ich habe oben festgehalten: „‚Alles ist Wille‘ hätte gepasst, denn vom Willen, vom Wollen handelt dieser Roman.“ Interessanterweise sieht Zeh selbst dieses Thema nicht als primär für ihren Roman, für sie steht eher Verantwortung oder die Frage, ob es der moralisch richtige Standpunkt sein kann, sich aus allem heraushalten zu wollen im Mittelpunkt der Geschichte [2]. Dahinter steht dann wohl die grundsätzliche Frage, ob „Aussteigen“ (und Lanzarote ist offensichtlich voll von Aussteigern) nicht eher Flucht ist, Ausweichen und Meiden von Konflikten, den vordergründig (?) leichteren Weg zu wählen. Sicherlich eine diskussionswürdige Frage, wenngleich ich selbst diesen Punkt in Zehs Roman nicht wirklich im Vordergrund stehend sehe.

Wie auch immer. Zeh ist ein spannender, den Leser immer mehr verunsichernder Roman gelungen, der mir, der ich die Insel (und damit einige Orte der Handlung von verschiedenen Aufenthalten her ganz gut kenne, gut gefallen hat. Ein intelligenter Plot, unterhaltend, ein nüchterner Schreibstil und eine subtil aufgebaute Spannung. Was will man mehr?

Links und Anmerkungen:

[1] zum Ironman Lanzarote: https://de.wikipedia.org/wiki/Ironman_Lanzarote
[2] so erzählt Juli Zeh z.B. hier https://radiergummi.wordpress.com/2017/05/24/pehnt-holder-staiger-die-bibliothek-der-ungeschriebenen-buecher/
[3] vgl hier: http://www.taucher.de/lexikoneintrag/nullzeit
[4] zu Lotte Hass: https://de.wikipedia.org/wiki/Lotte_Hass. Ich erinnere mich noch gut, das Buch 3 Jäger auf dem Meeresgrund hatte mich als junger Mensch begeistert, ich hab´s damals förmlich verschlungen…
[5] für den, den es interessiert (ich hoffe, der Link funzt):  https://www.google.de/maps/

Juli Zeh
Nullzeit
Originalausgabe: Schöffling, HC, ca. 252 S., 2012

Eine deutsche Geschichte, die 1905 beginnend erzählt wird und 1974 endet. Zu dieser Zeit nämlich liegt der Erzähler, der sich mit dieser Erzählung Rechenschaft gibt über sein Leben, mit einer Kugel im Kopf in einem Krankenhaus mit einem ebenfalls hirnverletzten ‚Hippie‘ als Bettnachbarn, der mit seiner hinduistischen (‚Swami Basti Deva‘) Art auf die Welt zu schauen, einen brutalstmöglichen Gegensatz bildet zum Erzähler. Damit wäre schon so etwas wie eine Rahmenhandlung angedeutet, zu der Kraus immer wieder zurückspringt, um seine wilde Lebensgeschichte des Koja Solm wieder zu erden.

Mit über 1200 Seiten ist der vorliegende Roman des Drehbuchautoren und Schriftstellers Chris Kraus umfangreich, auch wenn der Text relativ locker gesetzt ist. Das muss schon unterhaltend und/oder interessant sein, wenn man seine Leser an der Stange halten will, hochphilosophisches und tiefgründiges jedenfalls wird man in solchem Umfang kaum verdauen können. Und in der Tat, da bietet Kraus einiges, so viel sogar, daß er sich genötigt fühlte, in einem Vorwort festzuhalten, daß viele der Umstände, historischen Ereignisse und Katastrophen des 20. Jahrhunderts, …. als bekannt vorausgesetzt werden. Aber nicht alle. Manche mögen Staunen und Kopfschütteln hervorrufen, und sie erscheinen so siehr den Mitteln des Romans verhaftet, dass man sie womöglich für reine Erfindung hält. Obwohl auch diese vorkommen, ist nur ein kleiner Teil … gänzlich erfunden. …. Und nur wenige der auftretenden Personen (und schon gar nicht die verrücktesten) haben nie gelebt. 


Im Kern geht es – wie schon angedeutet – um die Lebensgeschichte des Erzählers, die untrennbar verknüpft ist mit der zweier anderer Personen: seines vier Jahre älteren Bruders Hub und seiner Schwester, die im Lauf der zeit zugleich Schwägerin, dann Geliebte und später dann Ehefrau sein sollte (man merkt schon, es ist kompliziert), Ev. Diese Geschichte beginnt im besagten Jahr 1905 (in dem Hub das Licht der Welt erblickte), aber nicht in Deutschland, sondern im Baltikum, genauer in Riga: die Solms gehören der Volksgruppe der Baltendeutschen [1] an.

Mütterlicherseits fließt viel blaues Blut in den Adern bis hin zur Bekanntschaft mit dem Zaren, väterlicherseits bildet die Reihe der Vorfahren schon fast eine Dynastie von Pastoren. Der Vater selbst dagegen war Künstler und Maler, ein Talent, das er auf seinen jüngeren Sohn vererbte. Die große Übergestalt der Familie war jedoch der Großvater Hubert Konstantin Solms, unschwer findet sich die Erinnerung an den ‚Märtyrer‘, der 1905 von der aufgebrachten Volksmenge seiner Standhaftigkeit und eines roten Apfels [2] wegen (der freilich weder in friedlicher Absicht noch wie weiland von Eva verlockend überreicht worden war) in einem Kartoffelsack gesteckt und bis zum Eintritt des Todes und noch danach im Teich des Anwesens versenkt worden war, in den Namen des Brüderpaars wieder. Ihm zu gedenken entwickelten sich seltsame Rituale in der Familie.

Die Zeitläufte brachten es so mit sich, daß man sich nach 1905 vom Russischen löste und sich mehr als Deutsch sah, nach dem Ersten Weltkrieg führte wiederum genau das zu gewissen Problemen, letztlich musste die Familie daher ihren gewohnten Lebensstil aufgeben und sich durchschlagen, irgendwie musste Geld ins Haus. Welches mittlerweile noch einmal Zuwachs bekommen hatte, ein Waisenmädchen voll mit verführerischer Kindlichkeit wurde erst in der Familie aufgenommen, diente dann als Modell für die Verschönerung der örtlichen Bordelle mit Bilder durch den Vater und als auch dieser ihr zuneigungsmäßig (was nicht körperlich gemeint ist) verfallen war, wurde diese Eva mit ihrem ausgeprägten Interesse auch für die sexuellen Funktionen des Körpers letztlich adoptiert und damit die Dritte im Bunde der Geschwister.

Bis hierhin ist eigentlich noch alles den Umständen entsprechend relativ normal. Die Zeiten waren damals halt unruhig und unruhige Zeiten schaffen eben auch ungewöhnliche Lebensläufe. Aus diesem Setting heraus entwickelt sich dann doch eine Geschichte, die über Gewohntes hinausreicht.

Denn der einzige Geldgeber, den die mittlerweile gescheiterten Studenten Hub und Koja auftreiben konnten, war die im Reich langsam erstarkende nationalsozialistische Bewegung. Der Führer, bzw. sein Heydrich, brauchte Adlaten in Baltikum und Hub und Koja standen ihm durch die Vermittlung eines gewissen Erhard Sneiper zur Verfügung. Während Hub aus innerer Überzeugung bewegt wurde, war es bei Koja eher ein notwendiges Mitschwimmen im stetig wachsenden Strom des Deutschtums. Erwähnter Sneiper sollte übrigens eine zeitlang Ehemann von Ev werden, aus Evs Sicht ein Opfer, das sie für die Familie brachte, um die Brüder in Lohn und Brot zu halten.

Mitschwimmen.. oder sollte man besser sagen, tauchend? Denn die Arbeit für Heydrich und seinen SD hieß ja nichts anderes als Bespitzeln, Beobachten, Melden, Agententätigkeit also. Man forschte unter geeigneten Deckmänteln seine Landsleute aus, ging daran, Strukturen zu etablieren. Der deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt von 1939 setzte jedoch einen Schlussstrich unter das Deutsche im Baltikum. Die als rassisch wertvoll eingestuften Deutschbalten mussten/durften das Land verlassen. Im Vertrag über die Umsiedlung lettischer Bürger deutscher Zugehörigkeit in das Deutsche Reich vom 30. Oktober 1939 zwischen der Reichsregierung und der Lettischen Regierung wurde deren Exodus geregelt. Es war passend, daß im Warthegau gerade Wohnungen frei wurden, die bisherigen Bewohner wurden im besten Fall vertrieben, im schlechtesten in Konzentrationslager umgesiedelt. Kaftane jedenfalls sah man nicht mehr in Posen, wo die Familie letztlich landete [3].

Zwischenzeitlich war Koja zum Hüter eines Geheimnisses geworden, eine tödlichen Geheimnisses. War doch die Wertvollheit als Deutscher vor der Ausreise durch eine entsprechende Ahnenreihe zu belegen, was sich bei Ev als schlechterdings unmöglich zeigte: nada, es gab keine Urkunden über ihr Leben und erst die letzte aller Möglichkeiten, das Register jüdischer Geburten, führt zu einem Ergebnis. Es kostete Koja einiges an Familiensilber, zumindest einige ausreichende notarielle Bescheinigungen erzeugen und verräterische Seiten aus jüdischen Registern verschwinden zu lassen…..

So waren die Solms also in Posen gelandet. Hub, mittlerweile mit seiner Schwester verheiratet (womit für die Mutter (der Vater war zwischenzeitlich verschieden) die Tochter gleichzeitig Schwiegertochter wurde, ein Zustand, an den sie sich nur schwer gewöhnte) half bei der Wohnungsbeschaffung für die einströmenden Deutschen, man kann sich denken, was das hieß. Als Ev zufällig  hinter Hubs Tätigkeit kam, flaute das bis dahin lautstark durch die dünnen Wände tönende Eheglück deutlich hörbar ab….

Damit schließt in etwa der erste Teil des Kraus’schen Romans, der die Ausgangsbedingungen für die Ereignisse der nachfolgenden fünfunddreißig Jahre legt: das Brüderpaar – wenngleich mit unterschiedlich ausgeprägter Begeisterung – ist als SS-Angehörige im Geheimdienst etabliert, die privaten Verhältnisse werden, da beide Brüder in ihre Schwester verliebt sind, auch nicht einfacher, zumal Ev versucht, die abgeflaute Leidenschaft zu Hub mit Kojas Hilfe zu substituieren. Immer wieder auch vermischen sich auch Privates und Dienstliches…

Zwar schützt Hub, der in de SS-Hierarchie schnell aufsteigt, seinen Bruder so weit es geht, davor, sich direkt an den Säuberungen zu beteiligen – aber eines Tages ergeht ein besonderer Befehl von ganz oben an die Abteilungen der SD-Dienststelle, die bislang von der blutigen ‚Arbeit‘ verschont geblieben sind. Es wird ein verhängnisvoller Tag für Koja, ein Tag, der über all die noch kommenden Jahrzehnte Schatten wirft auf sein Leben, eine Schuld dokumentieren wird, von der er nicht erlösbar ist.

Koja ist die tragische Figur des Romans. Ein Opfer, das Täter geworden ist, ein Täter, der gleichzeitig Opfer war. Nicht unbedingt ein Opfer, mit dem man Mitleid zeigen muss, aber doch ein Mensch, dessen Schicksal an ihm klebt und abgestreift werden kann, so ähnlich wie ein Klebestreifen manchmal an der Hand festhängt und hat man ihn von einem Finger gelöst, so bleibt er sofort an einem anderen hängen… Ihn läßt Kraus wie eine Kugel durch Papier durch die folgenden Jahrzehnte gehen, die ihm bei allen Ereignissen incl. eines durch ein durch Standartenführer Hub Solm einberufenen Standgericht gefällten Todesurteils gegen ihn, nichts anhaben können, zumindest nicht äußerliches. Ursache dieser brüderlichen Todfeindschaft ist von Seiten Kojas her Maja, eine Russin mit eigenem tragischen Schicksal, die zweite große Liebe Kojas nach/neben Ev und die Hub in den sicheren Tod schickt. Hub hat seinen eigenen Grund für diese Feinschaft, ein Grund in dessen Mittelpunkt Ev steht…. Rache, die neue Rache gebären sollte…

Aber nichts ist sicher in diesen Zeiten, die Vorhaben und Projekte sind wahnwitzig, in großer Ausführlichkeit werden Pläne der Deutschen geschildert, z.B. ein Attentat auf Stalin zu verüben oder durch hinter der Front abgesetzte Ukrainer ein Netz von Untergrundkämpfern aufzubauen. Beides scheitert natürlich grandios.

Der Krieg geht zu Ende, Deutschland liegt in Schutt und Asche, Koja ist russischer Gefangenschaft und während im Westen schon angefangen wird, die verbrecherische Expertise der untergegangenen Elite für eigene Zwecke einzusetzen, widersteht  Koja in Moskau allen hochnotpeinlichen (so hätte man es im Mittelalter bezeichnet) Befragungen, bis man ihn in den tiefsten Keller der Lubjanka führt…

In Pullach, auf dem Gelände eines ehemaligen Führerhauptquartiers hatte sich mittlerweile um Reinhard (‚Reini‘) Gehlen eine Organisation gebildet, die man getrost als Auffangbecken für ehemalaige SS-Größen bezeichnen kann, die ‚Organisastion Gehlen‘ [4]. Schätzungsweise hatten Ende der 1940er Jahre rund 400 meist hochrangige Mitarbeiter einen solchen Hintergrund. Noch 1970 waren zwischen 25 und 30 % der Beschäftigten des BND ehemalige Angehörige dieser Organisationen [5]. Der Namenspatrons selbst war unter Hitler ab Mai 1942 zum Chef der „Abteilung Fremde Heere Ost“ ernannt worden, obwohl er keine Erfahrung in Spionagetätigkeit aufweisen konnte. Rechtzeitig vor dem Ende des Krieges gelang es ihm, die nachrichtlichen Erkenntnisse aus seiner Dienststelle zu sichern und in den Westen zu schaffen, wo er sie in geordneter Form an das ‚KÜ‘, die Amerikaner übergeben wollte. Und genau daran hatten das ‚Kleinere Übel‘ großes Interesse, die deren eigenen Aufklärungsmöglichkeiten über und in Russland schwach waren.

So tauchen viele der Namen hochkarätiger Nazigrößen auch in Kraus‘ Roman auf mit einer Beschreibung ihrer Tätigkeit und ihrer Vergangenheit. Es wundert nicht, daß auch Hub Solm in der Organisation Gehlen, aus der dann Jahre später der Bundesnachrichtendienst werden sollte, auf- und untertauchte. Und über Hub kommt auch Koja, der nach diesem erwähnten Kellergang aus russischer Haft entlassen werden konnte, als Mitarbeiter nach Pullach. Wo er, der abgebrochene ehemalige Architekturstudent erst einmal eine Mauer um das Dienstgelände bauen soll…

Dabei bleibt es natürlich nicht. War Kraus in der Folge beschreibt, ist ein wahnwitziger Perforceritt durch west-/bundesdeutsche Nachrichtendienstgeschichte. Großen Raum nimmt die ‚Affäre John‘ ein mit dessem diesem spektakulären Auftauchen in Ostberlin. Ob Otto John, ehemaliger Widerständler des 20. Juli, ausgerechnet an der Feier zum 10. Jahrestages des missglückten Anschlags auf Hitler als Leiter des Leiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz (und damit den Pullachern ein großer Dorn im Auge) freiwillig oder mittels Entführung in Ost-Berlin auftaucht, ist nach wie vor nicht gerichtsfest geklärt, mittlerweile (und auch Kraus folgt dem in seinem Roman) ist die John’sche  Behauptung, er sei betäubt und entführt worden, jedoch offensichtlich die wahrscheinlichere Erklärung. Und wer war´s gewesen? Nein, nicht die Schweizer, sondern unser tragischer Held….. der damit die Rolle des Max Wonsig, eines KGB-Agenten, übernimmt [7], der – wenn man mal googelt, selbst ein bewegtes Leben gehabt zu haben scheint. Aber das tut jetzt nicht zur Sache…..

Koja ist ein Racheteufel geworden, ein zersetzendes Gift, das seinen Bruder ganz langsam vernichtet, beruflich und privat. Nach dem Tod Annas, der Tochter, hatte sich Ev (die ebenso wie die Mutter den Krieg überlebt haben) von Hub scheiden lassen und Koja kümmert sich um die leidende, an der Trauer um die Tochter fast vergehende Schwester, die in dieser Extremsituation das Jüdische in sich entdeckt. Sie will nach Israel und Koja machts möglich, macht es sogar möglich, selbst mit nach Israel zu kommen, als Jeremias Himmelreich, Jude, mit seiner jüdischen Frau Ev Himmelreich. Die ersten Jahre nach dem Krieg war die Beziehung zwischen Deutschland und Israel eine Nicht-Beziehung: alles deutschen, angefangen von der Sprache bis über Geschäft mit bis hin zu was weiß ich, waren verboten. Andererseits konnte man von den Deutschen Waffen bekommen, die man der Nachbarschaft wegen brauchte, dringend brauchte [6].. und genau dies fädelte der BND-Resident Jeremias Himmelreich ein…. wo Himmelreich alias Koja Erfolg hatte, fiel Hub mittlerweile bei Gehlen immer tiefer in Ungnade, dank Kojas durch Rachegedanken und Sehnsucht motiviertes Wirken.

Fünf Jahre Israel als Resident des BND und als Mossad-Agent, danach wieder Deutschland, wo Ev ihre Aufgabe findet: die Jagd nach ehemaligen SS-Größen (Eichmann hatte Himmelreich schon in Israel an den Mossad geliefert). Noch immer lebt sie mit Koja zusammen, aber es ist keine wirklich glückliche Beziehung, was auch damit zusammenhängt, daß es Männer von früher gibt, die eher auf der Seite von Hub stehen als auf Kojas.. So nimmt das Unglück ganz, ganz langsam seinen Lauf, das private, das berufliche aber auch das öffentliche: durch eine juristische Finesse, die unverständlicherweise (?) unbemerkt blieb, kam es durch ein an sich harmloses Gesetz mit einem Schlag zu einer Generalamnestie der meisten Verbrecher des Nazi-Regimes: Ihre Taten galten plötzlich als verjährt [8]. Es kommt zum Zerwürfnis zwischen Koja und Ev, die nach Israel zurückgeht (wobei man sich fragt, wieso Koja dieses vermaldeite Indiz, das Ev findet, nicht vorher schon längst vernichtet hat).

Koja ahnt nichts davon, aber die Schlinge um seinen Hals zieht sich enger und enger und so ergibt es sich schließlich, daß er mit einer Kugel im Kopf seinem daraus folgernd baldigem Ende entgegensieht und im Krankenhaus neben einem ebenfalls hirnkranken Hippie liegt. Den die Erzählung Kojas mit all den Toten, den Morden, der Schuld schier in den Wahnsinn treibt und möglicherweise sogar in den Tod.


ach, wieviel habe ich dieser Zusammenfassung nicht erwähnt. Adenauer mit der Spitzhacke, FJS in Unterhosen, Kojas Galerie, Mary-Lou und ihr Kaka-House, das wunderbar (situationskomische) Treffen Kojas mit David Grün am Teich im Park, den bemerkenswerten Isser aus Tel Aviv…. und, und, und…. es sollte also niemand denken, er kenne das Buch schon, weil ich so viel darüber erzählt hätte…

Ich musste irgendwann in der Mitte des Romans an Thomas Lieven denken (für alle, die ihn nicht kennen: der Held Simmels unterhaltsamen Roman Es muss nicht immer Kaviar sein). Auch dieser durchlebt ein turbulentes Agentenschicksal, aber auf eine irgendwie helle, lichte Art, während Koja auf der dunklen Seite agiert. Dieser eine Mittag im Wald, wo er duch hohen Befehl gezwungen war, abzuschlachten, es war die Ursünde, die Erbsünde für ihn, in dieser Minute wurde die Weiche gestellt für sein gesamtes weiteres Leben. Diese Minute gab es bei erwähntem Lieven nicht, deswegen war er im Gegensatz zu Koja nie erpressbar, denn die Schuld Kojas war so groß geworden, daß er sie nie bekennen konnte: er sah sich, er war zur Lüge gezwungen, wollte er nicht alles verlieren, was er liebte. Ev.

Und so wurde er zum Mörder, zum Attentäter, zum Fälscher, so wurde für ihn die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge immer diffuser und durchsichtiger. Im Gegensatz zu seinem Bruder Hub war er sich (im Krieg) jedoch der Schlechtigkeit seines Handelns bewusst, nie war er überzeugter Nazi, er war Nazi, um seine eigene Haut zu retten. Eine Handlungsweise, der er in der Nachkriegszeit kontinuierlich fortsetzte: er arbeitete für denjenigen, der ihm oder dem Menschen, den er liebte, am gefährlichsten werden konnte. Und alle anderen betrog, belog und verriet er. Es ging Koja immer darum, den Zipfel vom Glück, den er gepackt hielt oder den zu erhaschen er hoffte, zu halten, nie wollte er sich persönlich bereichern. Bis Isser seine Existenz endgültig tilte, lavierte sich die Flipperkugel Koja durch sein Lebenspiel zwischen Lüge, Halb- und Wahrheit, nie sah er sich in der Lage, den großen Schnitt zu machen und auszusteigen: untilgbar klebte die Ursünde an ihm und seine Feinde hätten nicht gezögert, sie gegen ihn zu verwenden. So wie es dann letztlich auch gekommen ist.

So ist Das kalte Blut auch ein Roman über Schuld und Verantwortung, über die Ausweglosigkeit und die Machtlosigkeit von Schicksalen. Wenn man der Geschichte Kojas Glauben schenken darf, denn wie gesagt, bei Koja sind die Übergänge zwischen Wahrheit und Lüge fließend….

Das Leben des Mannes jedenfalls entbehrte der Langeweile. Es ist schon erstaunlich, was Kraus ihm alles an Ereignisse in seine Vita hineingeschrieben hat, zeitweise fragte ich mich, ob unser guter Held 1963 vielleicht sogar noch einen Kurztrip nach Dallas gemacht hat…. ein Mann der immer dort war, wo es brannte…. jedenfalls ist für das, was Kraus an Ereignissen und Vorkommnissen im Umfeld der jungen deutschen Geheimdienste beschreibt schon eine (mittlerweile) unterhaltsame Geschichte, die an mehr als einer Stelle zum Kopfschütteln führt. Auch beschreibt der Autor dies alles sehr kurzweilig, die Besprechungen zum Beispiel mit Gehlen sind schon lesenswert. Man merkt, daß Kraus es als Drehbuchautor versteht, unterhaltsam und spannend zu schreiben.

Dabei geht er nicht sonderlich in die Tiefe. Abgesehen von einigen Passagen, in denen der tragische Held der Geschichte ins Grübeln kommt über die Verwerflichkeit seines Handelns, das zu ändern er sich nicht in der Lage sieht, und in denen Kraus dann das Verhältnis von Wahrheit und Unwahrheit, von Moral und Unmoral im Lichte von Kojas Schicksal darzulegen versucht, bleibt der Roman im wesentlichen auf der (oberen) Ebene der Schilderung von Ereignissen und Abläufen. Die Gliederung der chronologisch erzählten Geschichte in relativ kurze Abschnitte erleichtert das Lesen des dicken Romans erheblich und die immer wieder eingeschobenen Gegenwartsabschnitte mit Basti (den man getrost als letztes Opfer Kojas ansehen kann) im Krankenhaus unterbrechen die Erinnerungen des Erzählers und geben ihnen einen Rahmen.

Für den Autoren Chris Kraus hat dieser Roman eine weitere Seite, eine persönliche: dieser Roman ist parallel zur Erforschung der eigenen Familiengeschichte entstanden, Kraus stammt von Baltendeutschen ab, die zum Teil Angehörige der SS waren. In ein ausführlichen Danksagung führt Kraus einiges zur Quellelage seines Buches aus, dokumentiert und erhebt damit gleichzeitig einen gewissen historischen, zumindest jedoch dokumentarischen Anspruch für sein Buch. Ob er diesem gerecht wird, kann ich nicht beurteilen.

Summa summarum war Das kalte Blut für mich trotz seines Umfangs ein schnell gelesener Roman, die Schlussfolgerung daraus, daß er nämlich unterhaltsam ist und spannend geschrieben, kann man ziehen. Aber ein Roman eben, der die Übertreibung nicht scheut bis hin zu der Episode, eine Jüdin als Ärztin ins Herz der Finsternis, nach Auschwitz, zu schicken, die sich dort – nicht anders zu erwarten – in Schwierigkeiten bringt und – ebenfalls nicht anders zu erwarten – vom Hans Dampf in allen Gassen, ergo: Koja, rausgehauen wird. Gut, daß die Jüdin so schön ist, daß man ihren Widersacher problemlos mit dem Vorwurf der versuchten Vergewaltigung ruhig stellen kann.

Punkten kann Kraus vor allem mit der Darstellung der Organisation Gehlen, wenn er einige der dort untergekrochenen ehemaligen SS-Größen und deren Vita erwähnt: es ist erschreckend, wie sich die alte Elite in den Anfangsjahren wieder gesammelt und den Neuanfang der Bundesrepublik infiltriert hat und die unter anderen Vorzeichen jetzt einfach dort weitermacht, wo  sie ein paar Monate vorher aufgehört hat…. Technokraten, Bürokraten, die einfach funktionieren und ihren Job machen. So wie Kraus es Gehlen in den Mund legt: „Es gibt hier keinen Antisemitismus. Aber auch keine Juden.“ (dem Sinne nach zitiert).

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki zu den Deuschbalten:  https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-Balten
[2] Roter Herbstkalvill, eine alte Apfelsorte:  https://de.wikipedia.org/wiki/Roter_Herbstkalvill
[3] vgl dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-Balten
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_Gehlen
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Reinhard_Gehlen
[6] zur militärischen Zusammenarbeit mit Israel in den ersten Jahren der Existenz beider Staaten z.B. hier: http://www.diss.fu-berlin.de/diss/…DaliaAbuSamraII-7.pdf
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_John
[8] vgl z.B. hier: http://www.zeit.de/2011/36/Ferdinand-von-Schirach/seite-2

Chris Kraus
Das kalte Blut
Originalausgabe
: Diogenes, HC, 1200 S., 2017

Die Autorin Anna Kim und mich verbindet etwas (von dem sie natürlich nichts ahnt, ahnen kann): wir haben, so schreibt es zumindest die Wiki, zur gleichen Zeit in der gleichen Stadt gelebt: Anfang der 80er Jahre in Gießen [1]. Geboren wurde Anna Kim jedoch 1977 in Südkorea, sie kam aber schon im Jahr darauf mit ihren Eltern nach Deutschland und zog 1984 nach Wien um, wo sie dann später Philosophie und Theaterwissenschaft studierte; vor Kurzem ist sie nach Berlin umgesiedelt [2].

In der Rahmenhandlung zu ihrem vorliegenden Roman Die grosse Heimkehr spiegelt sich dieses eigene Schicksal in der Figur der Hanna wieder, denn die Ich-Erzählerin dieser Rahmenhandlung kam mit vier Jahren aus Korea  in eine deutsche Pflegefamilie. Die junge Frau treffen wir in Korea an, auf der Suche nach ihrem einstigen koreanischen Kindermädchen, von dem sie sich Auskunft erhofft über ihre Eltern. Ein älterer Mann in Seoul fragt bei ihr an, ob sie ihm einen Brief übersetzen kann, den er aus den USA erhalten hat. Dieser Brief enthält die Nachricht, daß eine gewisse Eve Lewis in einem amerikanischen Altersheim gestorben ist und die Anschrift von Yunho Kang, dieses Mannes nämlich, die einzige Adresse ist, die man in ihrem Nachlass gefunden hat und die man benachrichtigen konnte.

Eve Lewis…. ja, Yunho Kang kannte diese Frau, auch wenn es lange her ist und ihr Name – einer unter vielen – damals Eve Moon war. Es war eine kurze Zeit, aber sie war intensiv, diese wenigen Monate 1959/1960 waren prägend für sein ganzes Leben. So konzentriert sich die eigentlichen Handlung des Romans auf diese Zeitraum, sie spielt an zwei Orten, in Seoul und im zweiten Teil des Buches im japanischen Osaka. Im Mittelpunkt stehen Yunho Kang, sein Freund aus Kindertagen ‚Johnny‘ Kim, mit dem zusammen er in einer kleinen Siedlung im Westen Südkoreas aufwuchs und eben nämliche ‚Eve‘ Moon, deren koreanischer Name Yunmee war so wie der von Johnny Mino lautete…

Yunho lernt Eve 1959 als Freundin von Johnny kennen, in Seoul, wo er diesen, den er Jahre nicht gesehen hat, aufsucht. Yunho braucht Hilfe, einen Platz zum Schlafen, etwas Geld, vielleicht auch Arbeit… Johnny hilft ihm, greift ihm unter die Arme und so verknüpft sich das Leben dieser drei Figuren  für die nächsten Monate, deren Verlauf man nicht vorhersehen kann in diesen für Korea so unruhigen Zeiten…


Was wusste ich vor diesem Roman von der Geschichte Koreas? Nun, im zweiten Weltkrieg war es von den Japanern besetzt, viele koreanische Frauen wurden verschleppt, zur Zwangsarbeit, jedoch auch zur (sexuellen) Betreuung japanischer Truppen gezwungen. Nach dem Krieg wurden die Interessensphären der Siegermächte durch den 38. Breitengrad getrennt und der Norden kam unter der Herrschaft Kim Il-Sungs erst einmal in den russischen Einflussbereich, während im Süden der von den Amerikanern unterstützte Syngman Rhee erster Präsident Südkoreas wurde. Das Jahr 1953 verbinde ich mit dem Korea-Krieg (der jedoch schon drei Jahre vorher ausgebrochen war), der die Welt damals an den Rand einer erneuten Katastrophe brachte. Danach war die Teilung Koreas in einen kommunistischen Norden und einen – sagen wir mal – nicht-kommunistischen Süden fixiert. Wirtschaftlich und auch politisch entwickelten sich die beiden Landesteile in den nächsten Jahrzehnten sehr auseinander. Während der Norden unter einer Art kommunistischer Dynastie der Kims [3] politisch immer extremer wurde und die wirtschaftliche Entwicklung des vor der Teilung industrialisierter und mit mehr Bodenschätzen gesegneten Landesteiles immer mehr ins Stocken geriet, bis die Versorgungslage heutzutage – zumindest für die Masse der Bevölkerung – zum reinen Elend verkommen zu sein scheint, entwickelte sich der Süden zu einem wirtschaftlich starken Land mit weltweit operierenden Konzernen. Politisch war die Lage aber auch im Süden nie einfach, auch hier gab es unter Rhee Unterdrückung und Verfolgung Andersdenkender, die erst im Lauf der Jahrzehnte nachließ.


Beim Lesen von Kims Roman habe ich gemerkt, wie dürftig dieses Wissen ist. Denn Die grosse Heimkehr ist erzählte koreanische Geschichte, eine überaus gelungen erzählte Geschichte. Sie nimmt ihre drei Protagonisten und konzentriert auf deren Schicksal die Zerrissenheit, die Unsicherheit, die Lüge und die Bedrohung, unter der ein ganzes Volk lebte, leben musste und stellt dies in den Zusammenhang mit der gesamten jüngeren Historie des Landes, die vor allem auch durch die japanische Besetzung geprägt war.

Auch im Südteil des Landes, der nicht-kommunistisch ist, herrschte nach dem Krieg Verfolgung und Terror. Wer Verwandte im Norden hatte oder gar selbst aus dem Norden stammte, war automatisch im Verdacht, ein kommunistischer Spion zu sein. Paramilitärische Schlägertrupps wie die ‚Nord-West-Jugend‘ machten Jagd auf sie und waren in ihren Methoden nicht zimperlich. Johnny gerät in eine Auseinandersetzung mit einem Mitglied dieser Nord-West-Jugend, ein Streit, der tödlich endet und so muss Johnny fliehen und mit ihm Eve und auch Yunho, der den Kampf durch einen Zufall miterlebt hat. Eve, die als Tänzerin und Bardame Beziehungen hat, kann eine illegale Überfahrt nach Japan organisieren, wo in Osaka eine größere, kommunistisch orientierte koreanische Kolonie lebt.

Aber auch in Japan sind die Verhältnisse unter den Koreanern alles andere als einfach und übersichtlich, es toben hier ebenfalls Auseinandersetzungen und ideologische Grabenkämpfe, die sich nochmals zuspitzen, als Kim Il-Sung Die große Heimkehr ausruft: Er verspricht jedem Koreaner, der aus Japan nach Nordkorea kommt, sozusagen das Blaue vom Himmel: Essen, Arbeit, Ausbildung, Wohnung…. Viele lassen sich auf dieses Angebot ein, manche werden überredet, manche gezwungen… andere wiederum sind skeptisch, schon Monate haben sie nichts mehr von Verwandten gehört, die zurück gefahren sind und zu schreiben versprochen hatten… oder sie haben schlicht und einfach das komfortable Leben in Japan zu schätzen gelernt.

Für die drei Protagonisten des Romans ändert sich in Japan alles. Sie treten dort als Geschwister auf, die Liebesbeziehungen zu Eve, die es in Korea gab, schlafen offensichtlich ein, zumindest die von Yunho, der als Erzähler im Mittelpunkt des Geschehens steht und die Ereignisse aus seiner Sicht schildert. Auch Eve wird immer rätselhafter, war sie in Korea dominant und selbstbewusst, hat sie in Osaka, wo sie in einem Frisiersalon Arbeit gefunden hat, ihr Verhalten völlig geändert, fast schon unterwürfig: die drei sind als Fremde unter Japanern, aber auch als Fremde unter den schon lange dort lebenden Koreanern zu erkennen. Für Yunho wird diese Frau immer rätselhafter, er erkennt, daß er im Grunde nichts von ihr weiß. Später, im Gespräch mit Hanna, sollte er sich erinnern: Eve gehörte zu den Menschen, die ihre Lebensgeschichte verdeckt halten, weil sie glauben, sich dadurch zu schützen. Da sie keine Biografie anbieten konnte, die ohne Weiteres von der Gesellschaft akzeptiert wurde, bestand ihr Werdegang aus Leerstellen, Lücken; Geheimnisse waren für sie keine Heimlichkeiten, sondern wesentlicher Bestandteil ihres Versuchs, normal zu sein. Ein Schutzverhalten in einem Staat, in dem jede Biographie einem Schaden konnte….

In dieser Zeit der ‚Grossen Heimkehr‘ scheint ein Verbrechen geschehen zu sein, die sowieso schon aufgeregten Menschen wühlt das Verschwinden eines Mädchens zusätzlich auf und Johnny wird beschuldigt, etwas damit zu tun zu haben. Er müsse sich entweder der Polizei als ihr Mörder stellen oder das Schiff nach Nordkorea besteigen, lautet das Ultimatum, das ihm gestellt wird…


Im Lauf der fast 560 Seiten entfaltet Kim ein Geschichtspanorama dieses so oft fremdbestimmten Landes, dessen Nordteil heute wie aus der Welt gefallen scheint. Die Entwicklung dieser beiden Teilstaaten (zumindest bis zum Jahr 1960) mitsamt einiger historischer Wurzeln in dieser souveränen erzählerischen Art geschildert zu bekommen, ist hochinteressant. Es wird deutlich, daß der Norden bei relativ günstigen Voraussetzungen (Bodenschätze, Industrieanlagen) nach dem Weltkrieg im Grunde mit einer positiven Motivation an die Gestaltung seines Staates ging, die erst im Lauf der Jahre entartete. Der Süden hingegen scheint sich anfänglich einfach durch den Gegensatz zum Norden definiert zu haben, missbraucht von einer Siegermacht, die ihn als einen Pufferstaat installiert und das diktatorische Treiben in weiten Grenzen duldete, wahrscheinlich sogar einen eigenen Anteil daran hatte. Brutalität und Willkür waren die Folge für die Bevölkerung.

Der ‚Grossen Heimkehr‘ steht im Roman die ‚Kleine‘ gegenüber: die der seinerzeit in eine Pflegefamilie nach Deutschland gegebene Hanna, die ihre biologischen Eltern zu finden versucht, aber einsehen muss, daß dies wohl nicht möglich ist. Über Yunhos Lebensgeschichte lernt sie aber das Land kennen, in dem sie geboren wurde und in dem sie von ihrer Mutter weggegeben wurde….


Die Grosse Heimkehr ist ein großartiger Roman mit Lebensläufen, die zu keiner Zeit Sicherheit und Gewissheit bieten. Alles kann in Frage gestellt werden und sich als Vorspiegelung oder Lüge erweisen. Schuld beruht nicht unbedingt auf schuldhaftem Handeln, sondern kann von aussen definiert werden: du warst mal in Nordkorea, also bist du ein Spion. Dein Bruder ist in Nordkorea, also bist du ein Spion…. Was nach 1960 mit den drei Hauptfiguren geschah, bleibt weitgehend ungesagt. Nordkorea wurde immer mehr zu einer Art Schwarzem Loch, das Menschen und so auch Johnny verschlang, aber keine Nachrichten mehr nach aussen ließ. Eve und Yunho trafen sich noch einmal, Jahre später, Eves Nachname war jetzt Lewis…. und Yunho selbst? Er konnte irgendwann nach Südkorea zurückkehren, aber wurde dort sofort vom Geheimdienst observiert, letztlich fand er sein Auskommen auf einer Hühnerfarm….

… und das alles schildert Kim in einer wunderbaren Sprache, mit Rückblenden, Schleifen und Exkursionen in die Geschichte des Landes. Das liest sich fesselnd und ist raffiniert konstruiert, trotz des erheblichen Umfangs, den Kims Roman aufweist, hat es mir leid getan, als ich die letzte Seite gelesen hatte….

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel über die Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Kim
[2] … wovon ich in diesem Interview, das die ZEIT mit Kim geführt hat (http://www.zeit.de/2017/12/anna-kim-die-grosse-heimkehr-roman), erfahren habe. Interessanterweise lebt die Autorin selbst nach dem Klappentext ihres erst vor wenigen Wochen erschienenen Romans allerdings immer noch in Wien….
[3] bei den asiatischen Namen ist es immer etwas schwierig zu entscheiden, welcher der Vor- und welcher der Nachname ist. Ich hoffe, ich habe mit ‚Kim‘ als Familiennamen die richtige Entscheidung getroffen….

Anna Kim
Die große Heimkehr
Originalausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 560 S., 2017

Während der vierzig Jahre hatte ich oft an dieses bewundernswürdige und reine Mädchen gedacht, das ohne jeden Zweifel zu der Kategorie der nicht eben zahlreichen Gerechten in der modernen Welt gehört.

(Marthe Pècher, 1981, in deren kleinem Hotel Charlotte die zwei Jahre lebte, in der sie ihr Werk schuf.)

      üü

Die Künstlerin Charlotte Salomon lebte vom April 1917 bis zum Oktober 1943. Sie war Jüdin, das reichte einer wahnwitzigen, damals staatstragenden Idee, sie zu ermorden, ihren Leichnam zu verbrennen. Ihre Asche, die aus den Schornstein Auschwitz` ausgespuckt worden ist, hat die Wälder der Umgebung gedüngt; ich schreibe dies, weil ich gerade in einem anderen Zusammenhang mit einer Freundin geredet habe, die aus nämlich Grunde die Wälder um Hadamar, einer Anstalt, in der ‚lebensunwertes Leben‘ vernichtet wurde, nicht anschauen kann. An diesen Aspekt denkt man selten.

Charlotte Salomon wurde als einziges Kind in eine zur Berliner Gesellschaft gehörende Familie geboren. Ihre Mutter, Franziska Grunwald, und ihr Vater Albert Salomon hatten sich im Krieg kennengelernt. Albert war Chirurg und Franziska hatte sich gegen den erklärten Willen der Eltern als Hilfskrankenschwester gemeldet.

Als Albert um die Hand Franziskas anhielt, waren die Eltern nicht sonderlich begeistert, sie hatten sich etwas ‚besseres‘ für ihre Tochter gewünscht, aber schließlich willigten sie in die Hochzeit ein. Zu diesem Zeitpunkt war Albert die tragische Suizidserie in der mütterlichen Linie der Familie nicht bekannt, er wusste nur von der Selbsttötung der Schwester Franziskas, nach der sie später ihre Tochter Charlotte benannten.

Franziska hatte nach der Hochzeit mit ihrer Arbeit im Hospital aufgehört, ihre Aufgabe war jetzt das Führen des Haushalts und die Pflege gesellschaftlicher Pflichten. Albert Salomon machte im Lauf der nächsten Jahre eine Karriere als Arzt und Professor.

Die Tochter Charlotte wurde 1917 geboren. Die erste Zeit, der Mann war noch im Krieg und arbeitete, ohne daß Franziska dies ahnte, in einem Feldlazarett an der Front, war sicherlich trotz Kindermädchen nicht einfach, Charlotte war ein Schreikind, niemand hatte sie gefragt, ob es ihr recht sei, auf diese Welt zu kommen, und der grundsätzliche Protest dagegen weitete sich schon in ihrer Kindheit auf alle Versuche anderer Menschen aus, über ihr Leben zu verfügen.

Aber selbstverständlich gedieh das Kind, nahm zu an Alter und Vorwitz, war hinreißend altklug und eigensinnig verbockt. Ließ sich die Energie des Mädchens im Vorschulalter noch durch sportliche Aktivitäten lenken, kam es nach der Einschulung zu Schwierigkeiten. Die Lehrer beschwerten sich und beschrieben die Sechsjährige als widerspenstig, ungehorsam und trotzköpfig. Auch zu Hause wurde das Mädchen den Erwartungen, die insbesondere die Großeltern an ein Kind ihrer Gesellschaftsschicht stellen, nur selten gerecht.

Um diese Zeit muss es auch begonnen haben, daß Franziskas Leben sich verdunkelte. Nicht in der Öffentlichkeit oder Gästen gegenüber, dort nahm sie ihre Pflichten war, aber in den stillen Stunden zu Hause fühlte sie sich immer öfter wie von einer ’schwarzen Walze‘ überrollt, die sie mit einem düsteren Trauerkleid zu umhüllen begann, welches schließlich als tiefschwarze Trauergarderobe jede Farbe und alles Licht in sich aufgesogen hatte.

Auf Betreiben der Großmtter  sagten sie dem Kind Charlotte, die Mutter sei sehr plötzlich an Grippe erkrankt und gestorben, erst viele Jahre später sollte sie als erwachsene Frau die Wahrheit erfahren. Das Kind trauerte um die geliebte Mutter, zog sich zurück, wurde schwierig, einzelgängerisch, vergrätzte ein Kindermädchen nach dem anderen, die Schulleistungen waren nicht besonders. Der Vater hatte wenig Zeit bei seinem Beruf, war ratlos, was aus dem Mädchen mal werden sollte, er ahnte aber, daß sie von der Mutter eine künstlerische Begabung mitbekommen hatte. Die Großeltern Marianne und Ludwig Grunwald wollten in die Erziehung des problematischen Kindes eingreifen, sie nahmen sie mit in einen Urlaub in das Engadin. Auch dort fiel das sich langweilende Kind durch Streiche eher unangenehm auf, bis sie zufällig eine junge Frau traf, an die sie sich wie eine Klette hängte. Zwar konnte diese Marie den Regen auch nicht stoppen, aber gegen die Langeweile hatte sie ein Rezept: zeichnen und malen… hier, in der Stube des Aussiedlerhofs, mit Blick über die verregneten Wiesen in die grauen Berge hinein, hier machte Charlotte Salomen ihre allerersten Schritte hin zu ihrer Berufung….

Es dauerte ungefähr vier Jahre, bis Albert Salomon auf einer Abendgesellschaft (Veranstaltungen, zu denen er nur selten und eher ungern geht) eine Frau traf, die er näher kennen lernen wollte. Paula Lindberg war eine bekannte und gefragte Sängerin, die auf sein Werben einging. Ob dies eine Heirat (1930) aus Liebe oder von Paulas Seite aus aus einer gewissen, nicht bösartigen Berechnung, geworden war, läßt Greiner ein wenig im Dunkeln: Albert Salomon hatte einen bekannten Nebenbuhler, Kurt Singer, ein vielbeschäftiger Mann aus der Kulturszene, der spätere Gründer des Jüdischen Kulturbundes [3]. Paula Lindberg jedenfalls hatte die Befürchtung, von diesem nur für seine Zwecke ausgenutzt zu werden, falls sie ihn erhören würde. Paula und Charlotte dagegen… Paula gewann dieses Mädchen schnell lieb und Charlotte vergötterte Paula, ihre Stiefmutter. So normalisierten sich in der Folgezeit die Verhältnisse im Hause Salomon.

Was sich nicht normalisierte, sondern im Gegenteil aus dem Ruder lief, waren die politischen Verhältnisse. Charlotte war zehn Jahre alt, als sie das erste Mal den Begriff ‚Judenbengel‘ hört und ihren Vater fragte, was denn damit gemeint sei. Albert Salomon aus dieser voll assimilierten Familie sah sich gezwungen, seiner Tochter zu sagen, daß sie selbst Jüdin ist und was das überhaupt heißt, Jude zu sein…

1933, drei Jahre nach der Hochzeit, wurden öffentliche Auftritte von Juden, also auch von Paula Lindberg, geb. Levi, verboten. Im gleichen Jahr wurde dem Professor Albert Salomon die Lehrbefähigung entzogen, der schon genannte Kurt Singer gründete den ‚Kulturbund Deutscher Juden‘, hier konnte auch Paula Lindberg noch ein Weile auftreten. Charlotte Salomon verließ das Gymnasium, weil sie, die Jüdin, dort diskrimiert wurde. Zur gleichen Zeit emigrierten die Großeltern, für kurze Zeit gingen sie nach Rom; als dort die Faschisten an die Macht kamen, zogen sie 1934 weiter nach Südfrankreich.

Charlottes Besuch einer Modezeichnerschule war nicht erfolgreich, sie nahm jedoch privaten Zeichenunterricht. Im Herbst 1935 wurde sie auf Probe an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst angenommen, doch schon zwei Jahre später verließ sie die Schule wieder, weil sie als Jüdin den ersten Platz eines Wettbewerbs, den sie gewonnen hatte, nicht annehmen durfte.

Bestimmend für das weitere, kurzes Leben Charlottes sollte die Bekanntschaft mit Albert Wolfsohn werden, der als Gesangspädagoge in das Haus Salomon kam. Charlotte verliebte sich in diesen exaltierten, durch Weltkriegserlebnisse traumatisierten Mann, der zu keiner Sekunde merkte, wie sehr sich Charlotte in ihn verliebt hat und der sich ihr meist mit schmerzender Gleichgültigkeit näherte – oder eben auch nicht….

Die Lagerhaft Albert Salomons in Sachsenhausen (1938), aus der ihn Paula mit Hilfe vieler Bekannter befreien konnte, raubte die letzten Illusionen. Charlotte wurde nach Südfrankreich zu den Großeltern geschickt, dort wähnten sie die Eltern in Sicherheit. Paula und Albert wollten in die USA emigrieren und Charlotte dann nachholen, ein Plan, der nicht umgesetzt werden konnte.


In Villefranche bei Nizza sind die Großeltern bei einer Amerikanerin, Ottilie Moore, untergekommen, die auf einem großzügigen, naturnahen Grundstück lebt und dort elternlos gewordene Kinder aufnimmt. Die Großeltern haben sich sehr verändert, die Großmutter ist ängstlich geworden, hat sich in sich zurückgezogen, der Großvater grantelt und ist mit allem unzufrieden. Beide bestehen darauf, die Verhältnisse, die sie aus Berlin gewohnt waren, möglichst auch in ihrem Exil beizubehalten. Dies führt zu häufigen Spannungen und als der Großvater dabei ertappt wird, mit völliger Selbstverständlichkeit Lebensmittel aus dem Vorratsraum zu stehlen, werden die Großeltern von Ottilie Moore rausgeschmissen. Die stille, das Licht, das Meer, den Garten malende Charlotte, „die Stumme“, wie sie manchmal genannt wird, sie hätte selbstverständlich bleiben dürfen…

Als sich auch die Großmutter im März 1940 vor den Augen Charlottes das Leben nimmt, erfährt die junge Frau von ihrem Großvater das ganze Ausmass des Familienunglücks, er schleudert es ihr in einem Anfall von Furor förmlich entgegen [6]. Charlotte ist am Boden zerschmettert, bitte lass mich nicht wahnsinnig werden fleht sie Gott an. Und obendrein grummelt der Alte, auch sie solle sich doch umbringen, damit dies Geklöne endlich aufhört.

Die Stimmung der Franzosen ihren ungebetenen Gästen gegenüber wird immer negativer [2], im Sommer 1940 werden Charlotte und ihr Großvater als ‚feindliche Ausländer‘ in Gurs, einem fürchterlichen Internierungslager in den Pyrenäen, eingesperrt. Wegen der Gebrechlichkeit des alten Mannes können sie beide das Lager im Juli wieder verlassen, die Aufenthaltsgenehmigung Charlottes ist fortan jedoch an das Leben ihres Großvaters gekoppelt. Charlotte fällt in ein tiefes, tiefes Loch, auch bei ihr treten suizidale Gedanken auf. Sie greift jedoch den Rat ihres Arztes, Dr. Moridis, der eine Art väterlicher Freund für sie ist, auf und fängt das Malen wieder an, das Malen ihres Lebens… für zwei Jahre mietet sie sich in einem kleinen Hotel ein, der Belle Aurora bei Marthe Pèncher und ihrem Mann… in dieser Zeit entstehen die vielen Hunderte von Bildern, die ihr Leben beschreiben und die ihr Erbe werden sollten für die Welt, in der ihr nur sechsundzwanzig Jahre vergönnt waren.

Nachdem sie ihr Werk vollendet hat, geht Charlotte wieder zurück zu ihrem Großvater, der Anfang 1943 jedoch an einem Schlaganfall stirbt. Den Packen Bilder übergibt sie Dr. Moridis: Dies ist mein Leben. Auf dem Gelände der Villa (Ottilie Moore war 1941 in die Staaten zurückgekehrt) betreut deren ehemaliger Liebhaber Alexander Nagler, ein österreichischer Jude, letzte Kinder, zu ihm zieht Charlotte jetzt. Und ihn heiratet sie auch, er ist bei all seinen vielen Schwächen der einzige Mensch, den sie noch hat… Werden dei beiden verraten oder haben sie sich selbst ans Messer geliefert? Greiner läßt diese letzte Möglichkeit offen, jedenfalls werden die mittlerweile schwangere Charlotte und ihr Mann am 21. September 1943 von der Gestapo abgeholt, nach Drancy überführt und von dort nach Auschwitz deportiert. Charlotte wird noch am Tag der Ankunft ermordet, Alexander stirbt wenige Wochen später an Entkräftung.


Charlotte Salomon hat als Künstlerin ’nur‘ ein Werk, ein allerdings einzigartiges, hinterlassen: eine aus einem therapeutischen Malen heraus entstandene Autobiographie, die mit kurzen, in die Bilder gemalten Texten und Ausrufen ergänzt und mit Musikanweisungen versehen ist. Es sind eine Unzahl von Bildern, viele Hundert hat Charlotte zu diesem von ihr Leben? oder Theater? getauften Kunstwerk arrangiert. Sonst ist wenig/nichts (?) von ihr erhalten geblieben, die vielen Bilder, die sie im Garten der Villa Ottilies gemalt hat – verschollen. Im Eingangskapitel schildert Greiner die Begegnung der Eltern Charlottes, die den Krieg überlebten (eine bitterste Ironie, daß ausgerechnet Charlotte, die in Sicherheit gebracht worden war, von den Nazis ins Gas geschickt wurde) mit Ottilie Moore. 1947 fuhren die Eltern auf den Spuren ihrer Tochter, von deren Tod sie durch das Rote Kreuz erfahren hatten, nach Südfrankreich. Sie trafen dort auf eine alkoholsüchtige, derangierte Ottilie Moore, die vor ihren Augen Bilder Charlottes zerriss und nur bereit war, den Eltern irgendwelche Kartons, die Charlotte ihr zugewidmet hatte und die im Keller standen, zu überlassen. Nur weil Ottilie Moore den Wert dieser Bilder nicht erkannte, ist Leben? oder Theater? der Welt erhalten geblieben.

Der Name Charlottes war (und ist) sicherlich kein Bestandteil der Allgemeinbildung. Ein wenig hat sich das nach 2014 geändert, in diesem Jahr erschien der Roman Charlotte von David Foenkino [4], der von der Kritik und den Lesern größtenteils mit Lob überschüttet worden ist. Ich habe damals zu diesem Buch keinen Zugang gefunden; Foenkinos Versuch, die Art, wie Charlotte ihre Bilder mit kurzen Textzeilen kommentiert hat, auf ein ganzes Buch auszudehnen, wirkte auf mich im Endeffekt sehr holprig. Das vorliegende Buch Charlotte Salomon – Es ist mein ganzes Leben von Margret Greiner zeigt dagegen eine deutlich angemessenere, sensiblere Ausdrucksform.

Im Gegensatz zu Foenkinos Titel, der vom Verlag als Roman etikettiert worden ist, hat der Verlag Greiners auf eine Kategorisierung verzichtet, lediglich bei der Kurz-Bio der Autorin wird auf deren Spezialität der ‚erzählten Biographie‘ verwiesen. Da auch kein Nach- oder Vorwort beigegeben ist, in dem die Autorin ihr Arbeitsweise und die Grundlagen ihrer Aussagen beschreibt, steht der Leser vor der praktisch nicht lösbaren Aufgabe, zu unterscheiden, was von den Aussagen Greiners belegt ist und was sie im Gegensatz dazu ‚erfunden‘ hat. Beispielhaft möchte ich hier nur die Episode herausgreifen, in der Charlotte mit dem von ihr so geliebten Alfred Wolfsohn (im Singspiel: Amadeus Daberlohn) eine Bootsfahrt auf dem Wannsee unternimmt. Greiner läßt in ihrer Schilderung des Tages Intimes geschehen, nicht unbedingt aber Schönes, Foenkino ist sehr viel nüchterner bei der Schilderung dieses Ausflugs, aber niemand wird wohl wissen, wie der Ausflug wirklich verlaufen ist.

Amadeus Daberlohn: in ihrem Singspiel, das ihr Leben beschreibt mit den Menschen, die darin vorkommen, bekommen diese andere Namen, die teilweise charakterisierend, teilweise ein wenig lächerlich sind. Paula Lindberg, die Sängerin, wird zu Paulinka Bimbam, Kurt Singer zu Doktor Singsang, der Dirigent Siegfried Ochs (ein Gesangslehrer ihrer Stiefmutter) zu Professor Klingklang, sie selbst wurde zu Charlotte Kann, die Tochter des Arztes Dr. Kann. Den von ihr verehrten Vater wollte sie nicht mit einer frivolen Benennung ins Lächerliche ziehen. Für sie war und blieb er die Verkörperung eines Menschen, der das Gute in die Welt bringen wollte und auch im Scheitern Würde bewahrte.

Der Aufbau des Textes ist, wie bei einer Biographie sinnvoll, weitestgehend chronologisch. Weitestgehend, weil Greiner ihre Schilderung mit zwei späteren Ereignissen beginnen läßt, zum einen bezieht sich das auf die Reise von Paula und Albert Salomon 1947 nach Südfrankreich, bei der Charlottes Werk gerettet wird und zum zweiten zieht die Autorin das Gespräch zwischen der verzweifelten Charlotte und ihrem Arzt Dr. Moridis, in dem dieser ihr rät, zu Malen und sich durch´s Malen auszudrücken – und damit die Entstehungsgeschichte des Zyklus – vor.


Es gibt in der Biographie Charlottes Fragen, die offen sind, die wohl auch der Autorin, Margret Greiner, rätselhaft geblieben sind. Sie betreffen das Verhalten der jungen Frau, das an manchen Stellen ihrer so sehr gefährlichen Lage als Jüdin so gar nicht entspricht. So kommt sie eines Tages außer Atem und erschöpft in ihr Hotel zu Marthe Pècher zurück, die sie nach dem Grund fragt. Charlotte antwortet ihr, es hätte eine Aufforderung an alle Juden gegeben, sich registrieren zu lassen und so sei nach Nizza gelaufen. Marthe Pècher konnte diese Auskunft kaum fassen: zum einen erfuhr sie erst durch diese Antwort, daß ihr liebgewonnener Gast, der in allem, dem Aussehen, der Kleidung, dem perfekten Französisch einer jungen Frau vom Land glich, die in der Stadt als Dienst- oder Hausmädchen arbeitete, Jüdin war und dann diese Dummheit, die Naivität, diese…. und gleichzeitig dieses unfassbare Glück: sie saß schon im Bus, als ein Polizist sie wieder rausjagte, er hielt sie wohl für eine fälschlicherweise zur Deportation vorgesehene Französin…. und das alles geschah, nachdem sie schon in Gurs gewesen war…

Auszug aus der Deportationsliste des Transport No. 60 (Drancy – Auschwitz)
Bildquelle: [B]

Besonders rätselhaft scheint Greiner jedoch die Hochzeit Charlottes gewesen zu sein. Sie legt dem Arzt Dr. Moridis, der Trauzeuge war [5] ihre Fragen und den Zorn in den Mund: warum in aller Welt haben die beiden überhaupt geheiratet und dann auf dem Standesamt auch noch ihre richtige Adresse angegeben? Wusste man auf dem Amt bei Charlotte, daß sie Jüdin war und eine Hochzeit mit einem Nicht-Juden verboten war, so rief in diesem Moment Alexander Nagler dem Standesbeamten aus freiem Willen zu: Wir sind doch beide Juden! 

Man geht davon aus, daß die beiden (um eines Judaslohnes wegen?) denunziert worden sind, angeblich hätten die Menschen im Dorf noch nach Jahrzehnten gewusst, durch wen, aber mit dieser Eintragung in den offiziellen Dokumenten wären sie wohl auf jeden Fall verloren gewesen. Für Brunners Leute wäre es damit ein leichtes gewesen, sie zu finden…


C´ET TOUTE MA VIE [1]

Die Bilder Charlottes, insgesamt schuf sie in den zwei Jahren über 1300 Blätter, sind farbkräftig und ausdrucksstark, kombiniert mit Texten und Musik. Sie beginnen 1913 mit dem Tod der Tante, deren Namen sie trägt: 1. Aufzug, 1913. An einem Novembertage verließ Charlotte Knarre das elterliche Haus und stürzte sich ins Wasser [4156, diese vierstelligen Nummern beziehen jeweils auf die Bilder im online zugänglichen Werk, das vom Jüdischen Museum in Amsterdam bewahrt wird: http://www.charlotte-salomon.nl/collectie/thema’s/charlotte-salomon/leben-oder-theater ] und endet im Epilog mit den Jahren 1939 bis 1942 in Südfrankreich. C´ET TOUTE MA VIE. Es umfasst Charlottes gesamtes Leben, das Singspiel ist autobiographisch und es ist therapeutisch. In einigen der Blätter sind Hinweise darauf zu finden, daß auch Charlotte der Gedanke daran, alles hinter sich zu lassen, nicht fremd war. In Greiners Text sind ein paar der Guachen abgebildet, es ist jedoch sehr empfehlenswert, den Text parallel zur oben verlinkten online gestellten Bildersammlung zu lesen, da die Autorin des öfteren Bildbeschreibungen und -interpretationen in ihre Arbeit eingefügt hat, die man natürlich sehr viel besser versteht, wenn man die Bilder parallel sieht.

Bei den vierundzwanzig dem Buch beigegebenen Abbildungen sind es vor allen drei, die mich besonders erschüttern. Es sind die Verzweiflung, die Einsamkeit, die Hoffnungslosigkeit, dieses Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins und der ebensolchen Hilflosigkeit, das in Abbildung 19 [4808] zum Ausdruck kommt: Charlotte auf dem Bett sitzend, auf den leeren Koffer starrend, den sie für ihre Flucht nach Frankreich zu packen hat…. Lieber Gott, lass mich bloss nicht wahnsinnig werden als sie den Suizid der Großmutter miterlebt [4907]. Lautlos windet sich dieser verzweifelte Aufschrei unüberhörbar aus dem Bild in die Seele des Betrachters…. aber auch der naive Traum des jungen Kindes vom Tod der Mutter, die als Engel in den Himmel schwebt, läßt einen beim Betrachten nicht unberührt [4175].

Ich habe gestern noch bei einer Blogkollegin, die mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hatte, einen Kommentar gepostet [7] und in diesem Kommentar die Formulierung gefunden, die mir gefehlt hat: ‚es ist, als ob die Bilder eine Brücke schlagen von Seele zu Seele, als ob sie einen besonders tiefen, intimen Blick in ein Geheimnis offenbaren…‘: schaue ich die Bilder an, so spüre ich tatsächlich diesen darin verborgenen Schmerz und die Verzweiflung der jungen Frau zerrt auch an mir….

Dagegen (dieser ‚Widerspruch‘ bezieht sich selbstverständlich nicht auf die Qualität der Bilder, sondern auf meine Reaktion darauf….) ist die Darstellung Der Tod und das Mädchen (nicht im Bilderzyklus enthalten) eine der schönsten zum Thema, die ich kenne und auch das etwas düstere Portraits ihres Ehemannes, Alexander Nagler, beeindruckt mich sehr….

Es gibt Bücher, die sind mehr als Texte. Für mich gehört Greiners erzählte Biographie der Charlotte Nagler/Salomon dazu. In ihrem Schicksal manifestiert sich alles Unglück, alles Unheil dieser Welt auf zwiefache Weise: diese ungeheuerliche familiäre Belastung durch die tragische Suiziddisposition in der mütterlichen Linie und den hier auf eine Person heruntergebrochenen Wahnsinn der Nazis. Das zu dokumentieren hat Greiner angemessene und einfühlsame Worte gefunden, das ist ein großes Verdienst….

…..ich selbst möchte an dieser Stelle aufhören mit Schreiben, obwohl ich noch so viel schreiben könnte, weil mein Herz voll ist von weiteren Worten, aber es ist eh lang geworden und ‚es‘ geht auch ziemlich an mich….

Ich müßte es wohl nicht noch einmal extra sagen, aber ich lege dieses besondere Schicksal jedem ans Herz und dieses Buch dazu, das – der Vollständigkeit halber sei es erwähnt – noch ein Literaturverzeichnis, eine Zeittafel und kurze Angaben über die Lebensläufe der wichtigsten Personen enthält…..


Links und Anmerkungen:

[1] siehe die online-Präsentation des Joods Kultureel Kwartier: http://www.charlotte-salomon.nl/collectie/thema’s/charlotte-salomon/leben-oder-theater

[2] Lion Feuchtwanger hat dies in seinem Buch Der Teufel in Frankreich sehr anschaulich beschrieben, Feuchtwanger selbst hat die Lager durchlebt und ist der Deportation nur knapp entkommen (Der Link führt zu meiner Beschreibung des Buches)

[3] Die Gründung dieses ‚Kulturbundes deutscher Juden‘, der später von den Nazis in ‚Kulturbund der Juden in Deutschland‘ umbenannt wurde, war dem Regime sehr recht: zum einen war es schlicht und einfach die Einrichtung eines kulturellen Ghettos, denn im Kulturbund dürften nur jüdische Stoffe von Juden für Juden adaptiert werden. Dem Ausland gegenüber konnte der Kulturbund andererseits als wohlfeiles Feigenblatt dienen. Zum zweiten galt schlicht und einfach Heydrichs Aussage (1935), daß damit sämtliche jüdischen kulturellen Aktivitäten leichter erfasst und zentral überwacht werden konnten [aus: Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden 1933 – 1939, München, 1998)

[4] David Foenkinos: Charlotte. Hier finden sich auch noch einige weiterführende Links, die ich hier nicht aufgenommen habe. Die dort noch angegebene Verlinkung zum Amsterdamer Museum hat sich leider geändert, man kommt (nur) mit den URL, die hier in dieser Besprechung angegeben sind, direkt zu den Bildern.

[5] Die Eintragung beim Standeamt ist im weiter unten aufgeführen Buch von Pollock und Silvermann abgebildet.

[6] die Texte dazu hatte ich in [4] zitiert, wer mag…..

[7] Marina Büttner: Margret Greiner: Charlotte Salomon „Es ist mein ganzes Leben“ Knaus Verlag; in:  https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/04/16/margret-greiner-charlotte-…/

Auch interessant:

Charlottes Leben als Oper, hier aufgeführt am Theater Bielefeld:  https://theater-bielefeld.de/veranstaltung/charlotte-salomon.html

Selbstportrait und Foto von Charlotte Salomon aus der Kunstsammlung in Yad Vashem: http://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/art/salomon.asp

Bildersammlung, auch mit Fotos von Charlotte und ihren Großeltern in Villefranche:  https://www.pinterest.de/pin/541909767641981714/

Bildquelle:

Margret Greiner
Charlotte Salomon
„Es ist mein ganzes Leben“
Originalausgabe: Knaus, HC, ca. 320 S., 2017

Ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Susann Pásztors [1] neuer Roman um den ehrenamtlichen Hospizbegleiter Fred Wiener, der die ca. sechzigjährige krebskranke Karla Jenner-García auf ihrem letzten Lebensabschnitt begleiten will, interessierte mich natürlich auch schon deswegen sehr, weil ich selbst ehrenamtlicher Hospizbegleiter bin. So kommt mir die den Roman eröffnende Eingangssituation – der Protagonist steht unsicher und nervös vor dem Haus seiner Begleitung, was weiß Gott so nicht sein sollte [2] – bekannt vor: genauso habe ich bei meiner ersten Begleitung dagestanden….. Déjà-vu….


Es gibt Menschen, die sind einem vom ersten Moment an unsympathisch. Der in den Vierzigern stehende, kugelig aussehende Fred Wiener, über dessen Leben der Begriff ‚Versager‘ schwebt, gehört für mich dazu. Dieser Fred Wiener, von Arbeitskollegen hin und wieder auch ‚Wiener Würstchen‘ tituliert, begegnet uns in zwei Rollen: einmal als ehrenamtlicher Hospizbegleiter und dann noch als alleinerziehender Vater. Beide Rollen gewinnen im Lauf der Entwicklung einige Überschneidungspunkte.

Meine Sympathien lagen jedoch von Beginn an bei Karla, der zweiten, eigentlichen Hauptfigur des Romans, die schroff, abweisend, sarkastisch und unzugänglich ist und der Fred in seiner Ehrenamtsfunktion begegnet. Warum Karla, diese sehr auf sich zurück gezogene Frau überhaupt die Begleitung durch einen Fremden erbeten hat, ist mir unklar geblieben, aber das ist schließlich die Freiheit der Autorin in ihrer fiktiven Geschichte. Bei Karla also meine Sympathien und bei Philipp, oh Entschuldigung, bei Phil, dem fast schon vierzehnjährigen Sohn Wieners aus der geschiedenen Ehe mit Sabine. Phil ist rein von der Statur her etwas kurz geraten, das ist einfach so, die mittlerweile neu liierte und der Esoterik ergebene Mutter versucht ihn per Telefon und Postpaket mit positiver Energie und Wachstumsmitteln zu heilen. Das ist lieb gemeint, nervt aber sowohl den Vater als natürlich erst recht den Sohn.

Phil ist der Lyrik zugeneigt, er schreibt Gedichte und ist unter einen Pseudonym in einem Lyrikforum unterwegs. Sein Höchstes ist es, als eins seiner Gedichte zum Gedicht des Monats gewählt wird; ansonsten ist er eher ein Einzelgänger. Daß er prinzipiell alles isst, was Fred auf den Tisch bringt, ganz einfach, weil ihm Essen völlig egal ist, vereinfacht das tägliche Leben der beiden. Rührend ist der Beginn der Pubertät beim Knaben, der ihn immer wieder in schwärmerische Momente gleiten läßt.

Eine kurzen Eindruck von Karlas Wesen habe ich schon gegeben. Karla leidet unter einem metastasierten Pankreas-Karzinom, hat die letzte Chemo abgebrochen: der zu erwartende Zeitaufschub stand für sie in keinem vernünftigen Verhältnis zu den heftigen Nebenwirkungen der Behandlung. Karla hat ein bewegtes Leben geführt, war viel in Amerika unterwegs, offensichtlich als Fan der Grateful Dead, hat auch lange auf Ibiza gelebt und ist kürzlich wieder zurück nach Deutschland gekommen; sie war bis zum Ausbruch der Krankheit wohl kein Kind von Traurigkeit. Die vielen Konzerte ihrer Lieblinge, die sich besucht hat, hat der treue Fan in tausenden von Fotos dokumentiert. Verwandte hat sie offensichtlich keine außer einer Schwester, die sie aber seit über vier Jahrzehnte nicht mehr gesprochen hat – gleichwohl kennt sie deren aktuelle Telefonnummer und hinterlegt sie im Hospiz. Der Riss zwischen den beiden Frauen, muss man nach Andeutungen vermuten, reicht tief in die Kindheit hinein, das Verhältnis zum Vater scheint – ohne daß dies näher ausgeführt wird – nun ja, problematisch gewesen zu sein.

Zwei weitere Personen seien noch erwähnt. Das ist zum einen Klaffki, ein etwas prolliger Mann mit einem Herzen aus Gold, der im gleichen Haus wie Karla wohnt und dort manchmal den Hausmeister gibt und weiterhin Rona, eine junge Frau, die öfters ein Date hat in der Wohnung über Karla. Im normalen Leben ist sie Studentin und bedient in einer Wirtschaft. Sie versorgt Karla zu deren Belustigung (ihr Appetit ist eher gering) mit Essen und Phil verknallt sich heftig in sie.

Damit wäre die Ausgangsituation der Geschichte, die um den Jahreswechsel 2015/16 spielt, grob umrissen.


„…Vielleicht möchte ich lernen,
es auszuhalten,

daß Menschen sterben.“ –
„Sie wollen das erst lernen?
Sie können das noch nicht?“

Fred, dessen Antwort auf die Frage Karlas nach seiner Motivation, Sterbebegleiter zu werden, von ihr eiskalt gekontert wird, will etwas für Karla tun, er ist ja schließlich nicht zum Spaß dort, sondern will etwas bezwecken. Doch Karla hat genaue Vorstellungen von dem, was sie möchte, was ihr gut tut, was sie haben will – leider fragt Fred sie nicht danach bzw. ignoriert es. So bleibt dieses erste Treffen recht kurz und unbefriedigend, aber immerhin duldet Karla ihn noch als ihren Begleiter – zu ihren Bedingungen.

Weihnachten naht und für Fred ist es klar, daß sich jeder Mensch über Weihnachten freut, sich der feierlichen Atmosphäre nicht entziehen kann. Außerdem hat er (vermute ich) gelernt, daß es sich leichter stirbt, wenn man den Streit, in den das Leben einen möglicherweise verstrickt hat, vor dem Tod beendet und sich versöhnt…. Fred hat da so eine Idee….

…. mit der er mächtig baden geht, auf ganzer Linie scheitert. Fred lernt auf die harte Tour, daß ein Sterbender nicht dazu da ist, den Vorstellungen eines Hospizbegleiters über das, was ihm gut tut, nachzukommen.

Der Plot des Romans ist vorhersehbar, es kann nicht anders sein bei dieser Ausgangssituation. Deswegen verrate ich nicht allzu viel, wenn ich sage, daß Karla sterben wird, daß Fred durch dieses tiefe Tal der Frustration gehen muss, aber dann seine zweite Chance erhält – dank Klaffki, dem Fan von Werder Bremen. Letztlich, auch wenn dies etwas seltsam klingt im Zusammenhang mit ‚Sterben‘, gönnt die Autorin allen Beteiligten ein gutes Ende, Karla einen guten Tod und den sie begleitenden Personen eine gute Begleitung. Susann Pásztor vermeidet es, alle Geheimnisse zu lüften, sie läßt, dem Charakter Karlas entsprechend, einiges im Dunkel der Vergangenheit ruhen, es ist im Angesicht des baldigen Todes unwichtig geworden und soll im Vergessen ruhen.

Der Roman hat in den letzten Passagen durchaus seine tränentreibenden Momente. Seltsamerweise – zumindest geht es mir so – berührt ein ‚guter‘ Tod mehr als ein Sterben, das mit Kampf verbunden ist, in dem der Körper und/oder die Seele nicht loslassen kann. Vielleicht liegt es daran, daß man in so einem Fall wie bei Karla nicht abgelenkt wird durch Aktivitäten, mit denen man versucht, das Leid des Betroffenen doch noch zu lindern. Ich weiß es nicht, vielleicht täusche ich mich auch in meiner Wahrnehmung und andere empfinden anders.

Karla ist ihr Sterben sehr bewusst angegangen: Offen gesagt, mein Sterben kotzt mich die meiste Zeit an. … Es gibt aber auch Momente, in denen ich mich durchaus privilegiert fühle. Ich kann mich mit dem Tod so intensiv auseinandersetzen, wie ich es möchte und aushalte. … .

Die Krankheit (Pàsztor hat sich eine ausgesucht, die wenig Alternativen läßt) schreitet voran, Karlas Tod ist sicher. Sie macht dies mit sich selbst aus, ringt im Verborgenen mit den Dämonen, die sie möglicherweise heimsuchen. Nur ein einziges Mal öffnet sie sich in diesen wenigen Monaten einem anderen Menschen emotional, sucht sie aktiv Nähe und Wärme, es ist ein unendlich tröstender und unendlich trauriger Abschied, den sie nimmt und den sie braucht, um den Rest des Weges weiterzugehen….


„Riskierst du eigentlich auch ab und zu mal was?“

Für Fred ist diese Begegnung mit Karla ein Wendepunkt im Leben. Die Ehe mit Sabine wurde damals schon mit fragwürdiger Motivation geschlossen und das Scheitern war keineswegs überraschend. Beruflich ist Fred zwar abgesichert, aber ohne Aussicht auf Erwähnenswertes und er begann die Hospizarbeit auch mit dem ihm selbst vielleicht gar nicht bewussten Motiv, daß er überhaupt etwas Interessantes über sich erzählen kann. Und dann gerät er gleich an Karla, die ihn aus all seinen Illusionen holt, er kollidiert heftig mit der Realität: der innere Friede, den die Begleitung eines Sterbenden bringen kann, ist jedenfalls auf seine Art und Weise nicht zu erlangen. Diese Erkenntnis erschüttert ihn, er reift in seiner gesamten Persönlichkeit an dieser Erfahrung, gewinnt Kontur und seine auf den ersten Blick möglicherweise als Schwäche erscheinende ‚Unterordnung‘ unter Karlas Bedürfnissen ist in Wirklichkeit eine Stärke: die nämlich, anzuerkennen, daß es nur um Karla geht. Diese Fähigkeit, die Bedürfnisse oder Wünsche anderer zu berücksichtigen, schlägt sich auch in der Beziehung zu seinem Sohn nieder.


Pásztors Text enthält sehr schöne Passagen, von denen ich ein Bespiel hier zitieren möchte. Fred wird nach seinem ersten ‚Scheitern‘ bei Karla angeboten, im stationären Hospiz Sitzwachen zu machen. Er hatte von seiner ersten Sitzwache an eine Art meditatives Einvernehmen gespürt, einen Raum, in dem alles absolut in Ordnung war, weil es Gesetzen gehorchte, die seit Ewigkeiten gültig warnen und die sowieso keiner verstand, eine Hingabe, die alles mitnahm, was ihn belastete,  und das war nicht wenig. In solchen Momenten, fand er die Aussicht, eines Tages selbst irgendwo zu liegen und nichts weiter tun zu müssen, als zu sterben, ausgesprochen tröstlich.

Ja, so ist es, es ist ein unendlich tiefer, tröstender Friede, der sich in der Gegenwart eines Sterbenden ausbreitet und von dem man auch als Begleiter eingehüllt wird. Vielleicht ist es tatsächlich genau das, was Pásztor schreibt, die nicht mir der Ratio, sondern mit der Wahrnehmung oder der Intuition erfasste Tatsache, daß das Sterben im Rahmen eines ewigen Gesetzes, dem das Leben gehorcht, notwendig, sinnvoll und gut ist.


Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster ist nicht nur ein Roman, sondern gibt auch eine durchaus realistische, wenngleich etwas idealisierte Darstellung einer Sterbebegleitung. Mit ‚idealisiert‘ meine ich, daß es nicht die Regel sein dürfte, daß eine alleinstehende, eigensinnige Person wie Karla von drei Menschen (Fred, Phil und Rona) so intensiv begleitet wird (und Klaffki muss man im Grunde ja auch noch mit einschließen) und sie dazu noch eine so intensive pflegerische und ärztliche Betreuung erhält. Das ist zwar wünschenswert, wird im realen Leben meist weniger intensiv sein. Aber die Tätigkeit in einer Sterbebegleitung ist so, wie sie Pásztor darstellt, mit ihren Höhen und Tiefen, mit ihren Fallstricken und ‚Erfolgsmomenten‘. Wobei sich, und dies ist ein sehr legales Motiv, als Hospizbegleiter tätig zu sein (und zu werden….), dieser ‚Erfolg‘ auf beiden Seiten zeigt: der/die Sterbende wird begleitet, ist nicht allein, hat einen Menschen, auf den er mit seinem Leid zugreifen kann und der Begleiter kann im Zusammensein mit seinem Patienten Momente tiefsten Friedens und großer Befriedigung erleben. ‚Kann‘ erleben soll heißen, daß das Sterben eines Menschen nicht gut sein muss, schwer sein kann, ob er nun aus Angst oder aus anderen Gründen seinen Tod nicht zulassen kann oder ob einfach der Körper, das Herz, nicht aufhören will zu schlagen, obwohl das Menschlein sichtbar am Ende seiner Reise angekommen ist. Solche Fälle können den Begleiter selbstverständlich belasten, aber um damit umgehen zu können, ist die von Pásztor ebenfalls in ihrem Roman eingearbeitete Supervision, die Begleitung der Begleiter, da.

Aus diesen Gründen ist Pásztors Roman ist für mich auch ‚Werbung‘ für das Ehrenamt einer/s Hospizbegleiters/in.


Der Roman selbst in in relativ kurze Kapitel unterteilt, die einzelnen Personen gewidmet sind: Fred natürlich, Phil und Gudrun (der Schwester Karlas). Karla selbst in allen Abschnitten Thema, ihre eigenen Kapitel sind jeweils eine Seite mit für sich stehenden, hingeworfen erscheinenden Sätzen oder Fragmenten oder auch wie hier Zeilen aus einem Gedicht [3]

but I’ve promises to keep
a
nd miles to go before I sleep
and miles to go before I sleep

Die Herkunft mancher dieser Sätze wird ganz am Schluss des Buches klar.

Trotz der Schwere des Themas liest sich der Text leicht und ist über weite Teile durchaus unterhaltsam, es ist keineswegs so, daß einem beim Lesen in jedem Abschnitt Betroffenheit entgegenquillt. Pásztor schildert das ganz normale Leben mit seinen Problemen, seinen Höhe- und Tiefpunkten, an denen auch Karla ihren Anteil hat. So wie sie ihrer – ich bin fast versucht, zu sagen – Ersatzfamilie nicht alles offenbart und sich oft zurückzieht, so schildert auch die Autorin eher die Lebensmomente von Karla und nicht so sehr die Schmerzen und das Leid.

Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster könnte für jemanden, der dem Thema ‚Sterben‘ bislang ausgewichen ist, ein guter Moment sein, sich zum ersten Mal damit auseinanderzusetzen.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Susann_Pásztor
[2] Der Erstbesuch einer häuslichen Begleitung sollte eigentlich von einer Hospizfachkraft erfolgen, um dabei die spezielle Situation abzuklären. Den Ehrenamtler allein, noch dazu bei seiner ersten Begleitung überhaupt, zu seiner Mission zu schicken, ist daher fachlich zweifelhaft. Zum Thema Erstbesuch hier zwei willkürlich herausgegriffene Webseiten: http://www.albatros-hospiz.de/hospizarbeit/begleitung-ambulant/ bzw. http://www.betanet.de/betanet/soziales_recht/Ambulante-Hospizdienste-706.html, aus denen sich das auch ergibt.
[3] … von Robert Frost. Vgl hier: https://literarydevices.net/miles-to-go-before-i-sleep/

Eine Übersicht über weitere Bücher, die ich zum Themenkomples: Krankheit, Sterben, Tod und Trauer vorgestellt habe, ist hier zugänglich: https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/, ferner sammele ich Infos zum Thema in dieser Facebook-Gruppe: https://www.facebook.com/SterbenTrauerTod/

Von Susann Pásztor habe ich auf meinen Blog bislang ihren Roman Ein fabelhafter Lügner vorgestellt.

Susann Pásztor
Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster
Originalausgabe: Kiepenheuer&Witsch, HC, 288 S., 2017

Ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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