Ursula Krechel: Shanghai fern von wo

Ich habe hier im Blog vor kurzem Ursula Krechels Lebensgeschichte des Juristen Richard Kornitzer vorgestellt, der als Jude im Dritten Reich um sein Leben flüchten musste und der nach seiner Rückkehr in die BRD letztlich daran scheiterte, daß die Begriffe und Vorstellungen, was unter Gerechtigkeit und Wiedergutmachung zu verstehen ist, zwischen ihm und diesem neuen Staat, in dem so viele der alten Diener Unterschlupf fanden, nicht zur Deckung gebracht werden konnten [Ursula Krechel: Landgericht]. Der vorliegende Roman Shanghai fern von wo ist früher entstanden und deutet in seinem Ende dieses Thema der Wiedergutmachung, das Krechel in Landgericht zu mehr Gewicht verhilft, schon an. Zuvörderst aber schildert Krechel in Shanghai fern von wo exemplarisch Schicksale vertriebener und um ihr Leben geflüchteter Juden in dieser fernen, exotischen Metropole.

Der Name Shanghai taucht früher oder später immer auf, wenn man sich auf Literatur einläßt, die sich mit der Verfolgung der Juden im Dritten Reich befasst. Dies liegt daran, daß diese Stadt zu dieser Zeit einen ganz speziellen Status innehatte: sie war einen offene Stadt, die von mehreren Staaten verwaltet wurde und in der für Europäer keine Visumspflicht bestand. Somit wurde Shanghai das letzte Schlupfloch, das um ihr Leben flüchtenden Juden noch offenstand, nachdem immer mehr Staaten die Aufnahme weiterer Juden ablehnten.

Shanghai ist weit weg…. und der Juden waren es viele, die dorthin wollten bzw. mussten. In der ersten Zeit gab es noch Schiffe, die beispielsweise von Italien aus dorthin ablegten, der Andrang auf die Schiffe war enorm, eine Passage zu erhalten, ein reines Glücksspiel: Man sagte uns, dass wir Glück hätten. Die Besitzer dieser Passagen hatten am Vortag Selbstmord verübt, der Dampfer war von der Gestapo gechartert worden und sollte nach Shanghai fahren. ‚Uns‘, das sind die Tausigs, die wir später noch ein wenig kennenlernen werden, die gerade zurückkamen von der Donaubrücke, auf der sie selbst über ihre allerletzte, ultimative Fluchtmöglichkeit nachgedacht hatten…. Später dann, als sich Italien mit Nazi-Deutschland zusammentat, verschloss sich diese Möglichkeit und es blieb die noch abenteuerlichere Route via Eisenbahn durch Russland und hinter Russland durch Mandschuko, diesem Marionettenstaat der Japaner in Nordchina, von dessen Existenz die meisten noch nicht einmal wussten… Viel hatten sie nicht dabei, an Geld durften sie gerade mal zehn Mark mitnehmen, an Gegenständen und Kleidung zwar mehr, aber auch hier limitierte sich die Menge durch die Realität der äußeren Bedingungen.

In Shanghai angekommen wurden die Menschen mit etwas konfrontiert, was außerhalb ihrer bisherigen Vorstellungswelt lag. Ein Klima, das schier unerträglich erschien und nicht unerheblich zu den unsäglichen hygienischen Verhältnissen beitrug, eine Armut, die kaum fassbar war, denn natürlich lagen die Quartiere (sogenannte „Heime“, die von schon vorher dorthin Geflüchteten notdürftig instand gesetzt worden waren) nicht am Bund, dem großen, eleganten Boulevard der Stadt, sondern in den Elendsvierteln. In Shanghai war sich jeder selbst der nächste, wer sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen konnte, war verloren. Arbeit gab es kaum, es sei denn, man kreiierte eine solche für sich selbst, denn Geschäfte konnte man mit allem machen, einen Markt gab es sogar für solche Sachen wie abgebrannte Streichhölzer… Nichts charakterisiert die Stadt mehr als das Bonmot, Gott müsse sich bei den Einwohner von Sodom und Gormorrah entschuldigen, daß er Shanghai vergessen habe.


Die Klammer dieses Romans ist die Figur des Ludwig Lazarus, einem Berliner Buchhändler aus einer Buchhändlerfamilie, der etwas vom ‚geraden‘ Weg der Familie abgekommen war und der später dann eine eigene, kleinen Buchhandlung betrieb, in der sich Mitglieder der Gruppe Neu Beginnen trafen (vgl. z.B. hier: https://www.gdw-berlin.de/fileadmin/bilder/publ/beitraege/B20.pdf). Die Gruppe flog jedoch auf, die Mitglieder kamen in Haft und vor Gericht. Aberkennung der Ehren- und Bürgerrechte, Zuchthaus, später dann Dachau war die Folge für Lazarus… Lazarus hatte Deutschland laut richterlicher Verkündigung zu verlassen, es war noch die Zeit, in der die Juden nicht direkt ermordet wurden. So gelangte er nach Shanghai und die Autorin läßt ihn in einer Tonbandaufnahme über diese Zeit und die Flüchtling in ihr berichten. Man kann sein schepperndes Lachen, das hin und wieder erwähnt wird, förmlich hören.

Es ist ein recht fest umrissener Personenkreis, auf den sich die Autorin konzentriert. Lazarus spielt natürlich eine große Rolle [es ist, hat man den Roman gelesen, übrigens interessant, den Wiki-Artikel zu dieser Persönlichkeit zu überfliegen, man hat das Gefühl, es wird von Männern mit zwei unterschiedlichen Leben geredet, insbesondere, was die Zeit nach der Rückkehr in die BRD angeht:  https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Lazarus_(Schriftsteller)], die Familie Tausig aus Wien, die (wie vorstehend zitiert) so viel Glück hatte, eine Passage zu erwischen (übrigens das zweite Mal Glück, denn der schon siebzehnjährige Sohn Otto konnte trotz seines Alters noch mit Kindertransporten nach England in Sicherheit gebracht werden). Dann Lothar Brieger, ein renommierter, schon etwas älterer Kunsthistoriker aus Berlin, der allein geflüchtet war, weil seine nichtjüdische Frau nicht mitkommen wollte. Die Nobels, mit ihrer politischen Überzeugung strikt auf Moskaukurs, auch wenn Moskau sich einen Dreck um seine Leute kümmerte, immer rätselnd, wie welche Ereignisse im Sinne der Partei korrekt zu interpretieren seien. Anne und Ernst Kronheim, er mit seinen Uhrmacherwerkzeugen, die er auf den weiten Weg nach Asien rettete. Der gewiefte Jurist Max Rosenbaum hatte gedacht, er hätte die Nazis mit ihren Rassegesetzen ausgetrickst, in dem er die Tschechoslowakin Amy heiratete, ein Heirat, die in Nazideutschland verboten gewesen wäre. Aber dann wurde die Tschechoslowakei zum Protektorat Böhmen und Mähren und die Rosenbaums bestiegen den Zug nach Osten, um ihr Leben zu retten…

Überleben, es gelang ihnen mehr schlecht als recht – und es gelang nicht allen. Franziska Tausig beispielsweise gab an, sie können kochen und bejahte die Frage, ob sie einen Apfelstrudel backen könne. In Shanghai, ohne Rezept… aus den hintersten Winkel des Gedächtnisses kramte sie es heraus, mit anranzigem Fett, miefigem Pinsel… eine Zeitung muss man durch den Teig lesen können…. jedoch: alle waren verzückt, als der Strudel fertig gebacken war, sie bekam Arbeit, die Tausigs waren materiell erst einmal gerettet. Und die Erfindung der Frühlingsrolle lag noch vor Franziska… ihr Mann dagegen war innerlich gebrochen. Ein Rechtsanwalt aus Temeswar, im Geschützdonner des 1. Weltkriegs schwerhörig geworden, durch den Zusammenbruch der Doppelmonarchie nach Wien verschlagen als ungarischer Jurist, und jetzt nach Shanghai. Gebrochen, schwächlich, kränklich, fast taub… er sollte das Exil nicht überleben.

Dr. Lothar Brieger unterrichtete, er hatte eine Sammlung von Kunstpostkarten mitgebracht. Später dann, als er eine große Gelegenheit hatte, war er wohl nicht skupellos genug, einen Turner fälschen zu lassen, den (in echt) zu beschaffen sein reicher Arbeitgeber, dem er sich angedient hatte, ihn beauftragte… Die Rosenbaums fertigten und vertrieben Handschuhe, die Profession, aus der Amy kam; Lazarus organisierte Zeitungen und Bücher, viele Japaner waren wild nach deutschen Büchern, japanische Ärzte mussten ein ‚Germanicum‘ ablegen. Mal reichte es diesen Menschen zum Leben, mal war es wieder knapper als knapp.

Insgesamt umfasste die Gemeinde der jüdischen Flüchtlinge in Shanghai 18.000 Köpfe. Köpfe, auf die im Lauf der Monate und Jahre das Deutsche Reich wieder zugreifen wollte, obwohl ihnen zwischenzeitlich die Staatsangehörigkeit entzogen worden war (Man fragt sich natürlich, wie schwer der Verlust konsularischer Betreueung  für Juden wirklich wog. Bis dato bedeutete er eher, daß die nicht jüdische Ehefrau vorgeladen wurde und zur Scheidung überredet werden sollte oder daß der Vater, der seinen Neugeborenen korrekt (und ein wenig naiv) anmelden wollte, erfuhrt, daß Peter ein arischer Name und damit für jüdische Bälger verboten war…). Zwar verstanden die Japaner nicht wirklich, warum die Juden zu hassen und auszurotten waren, aber der drängenden Aufforderung des Alliierten gab man schließlich nach: es wurde ein Ghetto in Shanghai errichtet [ob dies ein ‚richtiges‘ Ghetto‘ im Sinne von z.B. der osteuropäischen gewesen sei mit Zäunen (wie hoch? woraus?, Zugangsbeschränkungen u.a.m. sollte später bei den Fragen der Wiedergutmachung in der BRD noch eine absurde Rolle spielen], die Lebensbedingungen verschlimmern sich damit noch einmal deutlich. Beschäftigungslosigkeit, Langeweile, das sich auf der Pelle hocken – eine deprimierende und zusätzlich entwürdigende Situation.


Der Krieg endete, die Japaner flüchteten und Hilfsorganisationen kamen mit hilfsbereiten, freundlichen, ahnungslosen MitarbeiterInnen. Bleiben oder Gehen, das wurde zur Frage unter den Exilanten, bzw. wohin überhaupt? Nach Deutschland zurück? Brieger beispielsweise bekam einen Brief aus Berlin, von Kollegen, die ihn baten, wieder zurückzukehren. Große Freude rief dieser Brief hervor, jedoch: es sollte eine Reise werden, von einer Hilfstruppe so stümperhaft und entwürdigend organisiert, daß Brieger daran zerbrach… Palästina bzw. dann Israel: die Kronheims beispielsweise gingen diesen Weg, Franziska Tausig ging zurück nach Wien, traf dort ihren Sohn wieder. Und Lazarus? Den verschlug es nach Hannover und dort wurde eine groteske Auseinandersetzung mit der BRD-Bürokratie, die über Wiedergutmachung und Entschädigung zu entscheiden hatte, zu einem Hauptlebensinhalt des schütter gewordenen Mannes.


Ursula Krechels Shanghai fern von wo ist ein Tatsachenroman, der seine eigene, langjährige Geschichte hat. Daniel Graf hat dies in seinem kurzen Beitrag zum Buch komprimiert dargestellt [Daniel Graf: Die Nähe der Ferne; http://danielgraf.net/rezensionen/ursula-krechel-shanghai-fern-von-wo/], deswegen will ich hier nur kurz auf die gleichnamige Hörfolge hinweisen, die Mitte der neunziger Jahre als Ergebnis der akribischen Recherchen der Autorin gesendet wurde [Infos dazu im Archiv der ARD: http://hoerspiele.dra.de/vollinfo.php?dukey=1413531], und die letztlich Grundlage des vorliegenden Romans ist.

Krechels Schreibstil ist ein wenig spröde, dokumentarisch. Häufig eingestreut sind Exkursionen über Sachthemen, die im Kontext des Romans eine Rolle spielen, mir fällt dazu im Moment als Beispiel die Passage über die Einrichtung eines deutschsprachigen Senders in Shanghai ein. Die im Anfang des Romans in separaten Abschnitten dargestellten Figuren und ihre Lebensläufe werden im Zuge der Handlung zusammengeführt und verknüpft, in Shanghai sind sie eingewogen in ein Netz gegenseitiger Unterstützung und Hilfe, allein konnte dort niemand überleben. Brieger und Lazarus beispielsweise bewohnen zusammen ein Zimmer, das in der Mitte durch einen Vorhang getrennt ist. Franziskas Apfelstrudel war ein erster Lichtblick im Dunkel des Exils, als Köchin hatte sie auch immer Zugang zu Lebensmitteln, die am Ende des Tages übrig waren und verbraucht werden mussten – im Klima Shanghais hielt sich wenig über Nacht. Das bisher gelebte Leben der Exilanten war vorbei, endgültig, es war eine Vergangenheit geworden, an die zu erinnern zusätzliche Bitterkeit hervorrief. Es war eine kaum zu bewältigende Lektion, die zu akzeptieren war, man musste sich auf die aktuellen Lebensumstände einlassen oder man ging unter. Lazarus mit seiner Erfahrung ‚Zuchthaus‘ und ‚Konzentrationslager‘ fiel dies relativ leichter als Herrn Tausig, dessen Lebenslinie einfach gebrochen worden war. Dazu kam die stete Angst vor Krankheiten, vor Keimen, die man sich einfangen konnte… die kulturellen Unterschiede: warum zum Beispiel ließen sich Weiße von kleinen Hunden an der Leine herumziehen, wo man diese Hunde doch genauso gut schlachten und essen könnte? Auch die Chinesen lebten schließlich am Minimum… Ausder Praxis, für die Praxis: man musste sich (so der erfahrene Lazarus) erst die Schuhe anziehen, dann die Hose, zum Schluss das Hemd. Zog man das Hemd als erstes an, schwitzte man es beim Anziehen von Hose und Schuhe schon wieder durch….

So gelingt es Krechel, ein sehr intensives Bild vom Schicksal dieser exemplarisch herausgegriffenen Menschen in einer völlig fremden Umwelt zu zeichnen. Bei allem Abstand, den sie als ‚Chronistin‘ wahrt, spürt man ihre Anteilnahme, ihre Anstrengung, das damalige Geschehen zu rekonstruieren und sichtbar zu machen. Es blieben hin und wieder Fragen offen, nach Handlungs- oder Entscheidungsmotiven etwa, nicht alles war nachvollziehbar: Krechel deutet dies an, zeigt auf, wo ihre Recherchen Grenzen fanden.

Zorn und Wut, innere Empörung dagegen spürt man als Leser am Ende des Buches bei der Schilderung des Kampfes von Ludwig Lazarus gegen die deutsche Entschädigungsbürokratie, deren Hauptmotivation es war, die Ansprüche möglichst zu drücken. Mehrdeutig formuliert wurde quasi immer gegen den Geschädigten entschieden, selbst gefällte Gerichtsurteile wurden von den zuständigen Stellen nicht immer umgesetzt. Es war eine Schande, es ist eine Schande. [Meiner Meinung nach ist schon die Begrifflichkeit eine Zumutung: weder kann man den Schaden, und sei es nur der materielle, den diese Menschen erlitten haben, wieder entschädigen noch kann man das erlittene Unrecht ‚wiedergutmachen’….] In ihrem nachfolgenden Roman Landgericht widmet Krechel diesem Aspekt deutscher Nachkriegsgeschichte wesentlichen Raum. Und schon vorher war die Wut der Autorin zu lesen bei der Schilderung, wie der schon älter Dr Brieger von den unbedarften, naiven, unerfahrenen Mitarbeitern der Hilfsorganisationen auf eine monatelange Odyssee geschickt worden war, die wesentlich zu seinem frühen Tod beigetragen hat.

Summa summarum: Für jeden, der sich für die Geschichte der Judenverfolgung interessiert, ist Shanghai fern von wo ein Muss, ein Standardwerk, daß in der Form eines Romans Tausende Exilanten dem Vergessen entreißt.

Ursula Krechel
Shanghai fern von wo
Erstausgabe: Salzburg, 2008
diese Ausgabe: btb, TB, ca. S., 512 S., 2010

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Sasha Marianna Salzmann: Außer sich

Außer sich sein: höchst aufgeregt, fassungslos, von Sinnen sein, ganz aus dem Häuschen sein, toben, rasen, wutschnauben, überkochen, ausbrechen – so kann man Synonyma nachlesen… aber auch vor Freude läßt es sich ‚außer sich‘ sein. Außer sich selbst betrachtet sie noch…. und dann läßt sich mit ein wenig Fantasie auch noch das ‚Außer‘ in Außer sich als Gegensatz zum Innen interpretieren, als ‚Außen‘ eben. Ein Gegensatz: wer Außer sich ist, kann nicht ‚in sich‘, ‚bei sich‘ sein, hat keine Mitte, keine Achtsamkeit sich selbst gegenüber, ist aus sich selbst herausgetreten wie in dieser Szene: Ich schwebte über uns und sah zu, wie dieses andere Ich von mir meiner Mutter zuhörte. … Ein weites Spektrum an Deutungsmöglichkeiten also für diesen nur zwei Worte umfassenden Romantitel der jungen, 1985 in Wolgograd geborenen und jetzt in Berlin lebenden Theaterfrau Sasha Marianna Salzmann. Deutungen, denen aber eins gemeinsam ist: sie setzen eine Entität voraus, die eine Grenze hat, die überschritten wird oder wurde – in welcher Art auch immer.


Sasha Marianna Salzmann kam mit ihrer Familie 1995 als Zehnjährige nach Deutschland, als Juden bekamen sie den Status von Kontingentflüchtlingen, sie weiß also, wovon sie redet, wenn sie im Roman Deutschland als ein fremdes und auch unfreundliches Land für ihre Protagonisten beschreibt. Waren diese in Russland als Juden beschimpft worden, wurden sie es hier als Russen. Dies abzustreiten und sich als Jude zu outen (wie es Anton entgegen dem Verbot der Mutter tat) war nicht wirklich förderlich für die Integration der Zwillinge Anton und Alissa in die Klassengemeinschaft. Die anschließende Auseinandersetzung endete mit einer sehr heftigen Prügelattacke, die Geschwister wurden dadurch noch enger auf sich selbst zurückgeworfen.

Salzmann ist keine Unbekannte, in Theaterkreisen hat sie ihren Namen und nach diesem Roman dürfte sich der in Literaturkreisen auch etabliert haben. Außer sich kommt wie ein Sturm über uns Leser, die mit außerordentlichem Tempo, großer Bildkraft und imponierendem Sprachgefühl erzählte und stark (?) biographisch angehauchte Geschichte der Familie spült einen förmlich weg, entreißt beim Lesen den Grund unter den Füßen, denn nichts ist wirklich sicher in diesem Roman, bustäblich alles wird in Frage gestellt.


Dies betrifft insbesondere die Erzählerin Alissa oder kürzer Ali, womit wir schon bei einem Namen für ein Mädchen sind, der auch ein Jungenname sein könnte. Ein nicht ganz nebensächliches Detail. Es irritiert schon auf der allerersten Seite des Buches, dem Personenregister (das aber bei weitem nicht vollständig ist): Alissa, Ali: Schwester, Bruder, ich…

Konzentrierte sich die Geschichte Salzmanns auf die Zwillinge, musste ich an das Symposium von Platon denken, die Geschichte, in der dieser davon erzählt, daß die Mann und Weib erst entstanden, nachdem der Mensch von Zeus in zwei Teile geschnitten worden war, ihn zu schwächen war das Ziel [3]. So kamen mir Alissa und Anton vor, die Unzertrennlichen, die sich aneinander klammerten, schon in der Gebärmutter vereint, durch die Geburt äußerlich getrennt, die Nähe unter der Bettdecke suchend sich ineinander verbeißend, sich wieder findend und irgendwann dann den Begriff der Geschwisterliebe bis über die Grenze hinaus lebend. Und als Anton dann schließlich ausbrach und wegging, blieb Ali allein zurück, und als die Postkarte kam, ohne Worte außer dem einen: Istanbul, fuhr Ali dorthin, in diese Stadt, eine andere konnte es nicht sein als diese, genauso vereint und getrennt wie Ali und Anton, auf zwei Kontinenten liegend, zwischen Osten und Westen, zwischen Moderne und Althergebrachten hin- und herschlingernd.

Istanbul, das Istanbul, durch das Salzmann ihre/n Ali schickt, erinnert an einen Fiebertraum. Ali kommt in einer großen Wohnung unter, die ihr ‚Onkel‘ Cemal (der eigentlich der Onkel von Elyas ist, aber damit ebenso ihr Onkel, denn mit Elyas lebte Alissa in Deutschland zusammen, inmitten der Staubmäuse [4] und nicht funktionierenden Türklinken) besorgt hatte, obwohl sie trotzdem oft bei Onkel Cemal ist und dort auf dem Sofa liegt, in dem die Wanzen leben, die schon auf sie warten. Cemal hilft ihr bei der Suche nach Anton; Ali durchstreift die Gegend, die Altstadt von Istanbul auf der nördlichen Seite des Goldenen Horns [2], wo sich die finden, die außer sich sind, die auf der Suche oder der Flucht sind, auf der Suche nach Drogen oder der Flucht vor sich. Es ist die Gegend um den Taksim-Platz, den Gezi-Park, in dem Ali dann auch in die Demonstrationen geraten sollte…

Sie streift durch die Lokale dort, über schummrige Flure, quietschende Treppen, trifft auf Katho, die Tänzerin, mit der sie mitgeht und Sex hat, bevor sie erfährt, daß Katho ein ‚Er‘ ist, Testosteron spritzt und bald eine Bart haben wird… irgendwann – sind Wochen vergangen, Monate? es ist nicht immer klar erkennbar, auch die Zeit löst sich auf, gerät zumindest für Ali und uns als Leser außer sich, aber ist es wichtig, wieviel Zeit vergangen ist, kehrt nicht alles irgendwann zu sich selbst zurück, als ob die Zeit ein Riesenrad schlägt? Sie bewegt sich nach vorn und zurück und trägt dich weit fort, … – irgendwann also fängt Ali an, sich selbst auch Testosteron, das an jeder Straßenecke vertickert wird, zu spritzen, da sie Anton nicht findet, will sie zu Anton werden…

In diesem wurzel- und orientierungslosen Zwischenzustand, auf der Suche nach Anton, auf der Suche nach sich, im Auflösen des Ichs ohne daß ein neues schon Konturen hätte, läßt Salzmann Ali die Geschichte ihrer Familie erzählen; Erinnerung als zweites Standbein des Romans. Auch diese nicht eindeutig, die Personen tragen – je nachdem, wer erzählt – oft unterschiedliche Namen (wie der Großvater Daniil, Danja, Danitshka), selbst Familiennamen sind nicht zuverlässig, russische konnten ‚besorgt‘ werden, um das jüdische zu verschleiern. Die Geschehnisse können, wieder in Abhängigkeit von Figur, der Salzmann die Worte in den Mund legt, ganz unterschiedlich dargestellt werden. Durchgängig ist jedoch das hohe Tempo, das die Autorin ihrem Text verleiht, es spiegelt den Entstehungsprozess des Romans wieder: …hatte Salzmann das Prosaschreiben beileibe nicht strategisch geplant. Vielmehr kam „Außer sich“ während eines Auslands-Stipendiums quasi wie eine Naturgewalt über sie. [5], durchgängig auch die Intensität des Geschriebenen, die fesselt und den Atem nimmt.

Es wird eine Familiengeschichte, die bis zu den Urgroßeltern zurückführt, eine Geschichte, die in Russland spielt, in der UdSSR und dann wieder in Russland, eine Geschichte, in der das Wort von der ‚Judensau‘ häufig und immer wieder zu hören ist, eine Geschichte, in der die Männer ihre Rolle als Ehemänner und Vater aus Filmen lernen, in den Männer vorwiegend saufen und prügeln, eine Geschichte, in der Frauen lernen, daß Gefühle vor der Ehe nicht wichtig sind, sie kämen in der Ehe. Leider ist es meist der Schmerz als einziges Gefühl, das sie spüren werden. Eine Geschichte der frühen Schwangerschaften, der verbotenen Lieben zu Schicksen, denn wichtig ist, daß man unter sich heiratet… Der Krieg, die Not, alles wird durchlitten… Man hatte nichts mit dem osteuropäischen Shetlt zu tun, es gab hochberühmte Ärzte in der Familie (die mit viel Glück sogar die Säuberung nach Stalins Tod überlebten, denn irgendjemand hatte einfach Schuld zu haben am Tod des Väterchens und da kamen Ärzte, zumal jüdische, gerade recht…) und man studierte, wenn möglich. Man zog oft um, lebte in Moskau, in Wolgograd, in Odessa… und dann hatte man die Gelegenheit, nach Germania zu gehen, ausgerechnet Germania, wo das Blut doch noch nicht trocken war, das die Deutschen vergossen haben… Salzmann erzählt diese Geschichte nur angenähert chronologisch, immer wieder gibt es Kapitel, in denen Rückblenden eingeschoben sind, oder in denen das Geschehen aus anderer Sicht dargestellt wird. Die einzelnen Abschnitte, die die Autorin ihren Vorfahren (Urgroßeltern, Großeltern und Eltern) widmet, verraten viel über das Leben damals im Osten, in Russland, in der UdSSR, immer wieder auch streut Salzmann russische Sätze in ihren Text ein, an einer Stelle auch jiddisches.

Der Empfang in Deutschland war … deutsch eben. Ein Asylheim, in dem der Fettgeruch sich auf alles legte und alles egalisierte, in dem jeder mithörte, wenn die Nachbarn sich stritten oder liebten… Die ‚Russen‘ fielen auf durch die Sprache, die nur die Kinder schnell lernten, durch die Klamotten. Dann eine kleine Wohnung, doch der Vater hatte sich dem Suff ergeben, Ali wird die Dolmetscherin, erledigt Behördengänge und den Schriftverkehr. Die Scheidung der Eltern, bei der Ali sich um den Vater kümmert und durch eine ergebnisorientierte Übersetzung seiner Flüche das gewünschte Ergebnis fördert. Ali studiert Mathematik, das kostet sie jedoch zu viel Zeit, die sie eher für ihr Boxtraining braucht, also schmeißt sie das Studium hin. Daß der Sturz des Vaters vom Balkon als Suizid zu werten ist, schält sich langsam heraus aus den Erinnerungen, die auf den Anruf gesprochene letzte Botschaft – eine ewige Schuldzuweisung an die Tochter, die zum Sohn werden will.

Es gibt diesen Anton, die Geburt der Zwillinge ist wohl unstreitig, auch ihre gemeinseme Kindheit und Jugend im Roman. Ansonsten könnte man ihn  für eine Figur halten, die nur in der Fantasie Alis existiert. Das Salzmann gegen Ende des Romans auch auf Antons Erlebnisse in Istanbul eingeht, ändert daran wenig. Obwohl beide im selben Bezirk Istanbul leben, wohnen, hausen, obwohl Anton Ali gesehen zu haben scheint, treffen sie sich nicht, begegnen sie sich nicht. Anton wird immer mehr zur Sehnsuchtsfigur für Ali, deren Identität immer diffuser wird… sich der Identität ‚Anton‘ immer mehr nähert, immer häufiger taucht das ‚er‘ auf, wenn von Ali die Rede ist…

Das Geschehen um Anton und Ali spielt praktisch in der Jetzt-Zeit, der Roman endet mit der Schilderung des Putschversuchs aus dem Erleben Alis heraus im Juli 2016 [6]. Diese politischen Ereignisse bleiben jedoch auf der Hintergrundebene der persönlichen Schicksale der Figuren. Im Übrigen läßt sich auch bei der gegenwärtigen politischen Entwicklung in der Türkei ein Identitätswechsel, wie ihn Alissa zu Ali/Anton durchlebt, beobachten.


Ich hatte Salzmanns Roman nicht auf dem Film, das Buch war eine Weihnachtsgeschenk und hat mir den Einstieg in den neue Lesejahr sehr, sehr schön gestaltet. Es steht bei mir schon jetzt auf der Liste der Highlights und ich kann jedem nur empfehlen, sich diesem Buches zu widmen: mit seinem hohen Tempo ist es spannend, mit dem Schicksal der Figuren berührend, eindringlich, verwirrend, es lädt zum Nachdenken ein, vermittelt Eindrücke über Lebenswirklichkeiten sowohl in Russland/der UdSSR als auch später hier in Deutschland und verunsichert, stellt immer wieder in Frage durch das Grundproblem der Identität: Wer oder Was bin ich?

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Marianna_Salzmann und ihre eigene Webpräsenz: http://sashamariannasalzmann.com
[2] am sieht schon hier auf diesem Kartenausschnitt die kleinen Gässchen in dem Viertel, die teilweise sehr steil sind, sehr schmal sind, umstanden von alten, auch hin- und baufälligen Häusern. Irgendwie erinnert mich das an Zeiten, in denen ich selbst tagelang durch diese Stadt gestromert bin…. Karte bei google-maps: https://goo.gl/maps/38U52bPpgTJ2
[3] z.B. hier http://www.deanita.de/liebe/liebe03.htm
[4] das ist witzig: den Begriff ‚Staubmäuse‘ habe ich noch nie gehört, ich denke mal, sie sind mit dem, was ich unter ‚Wollmäuse‘ kenne, identisch…
[5] Christoph Schröder: Wenn sich das Ich auflöst;  http://www.deutschlandfunk.de/…id=396109
[6] dies scheint literarisch ein beliebtes Ereignis für einen Romanschluss zu sein, Aydemir hat ihren Roman Ellbogen (in dem es ebenso um Identität und Migration geht) ebenso zu diesem Zeitpunkt enden lassen;  https://radiergummi.wordpress.com/2017/10/18/fatma-aydemir-ellbogen/

Sasha Marianna Salzmann
Außer sich
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 365 S., 2017

 

Daniel Kehlmann: Tyll

Der Eulenspiegel, der Till, werden dessen Streiche heute noch bei den Kindern erzählt? Zu meiner Zeit war es noch so, die Marktfrau, die auf eine Beschwörung von ihm ihre Tontöpfe zerschlug oder auch das Pferd, das er mit der Warnung verkaufte, es ginge nicht über Baumstämme… mir im Gedächtnis geblieben, also kann man wohl sagen, daß es mich als Kind beeindruckte und möglicherweise sogar mitprägte…


Der Tyll also, in dieser von Kehlmann gewählten Schreibweise, die historisch wohl so nicht auftaucht (hier schreibt man Dyl, Dil oder Till, vg. 2], der Tyll also, von dem man annimmt daß er geboren wurde im Jahre des Herrn 1300 (wenn er überhaupt geboren worden ist, man ist sich da nicht völlig sicher), bei Kehlmann lebt er ein paar Jährchen später, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Diese Epoche vollbrachte bekanntlicherweise das, was die Pest drei Jahrhunderte früher schon einmal geschafft hatte: sie entvölkerte ganze Landstriche. Nur brauchte der Mensch dafür viel länger (womit auch gezeigt wäre, daß die Natur viel effektiver arbeitet als der Mensch…), dreißig Jahre, um genau zu sein, eine ganze Generation und um Frieden zu schließen, einen im Grunde fast unmöglich zu schließenden Frieden, betrachtet man all die einzuhaltenden Randbedingungen, brauchte es ebenfalls Jahre. Das geschah dann im Münsterländer Raum, einer neutralen Zone und nannte sich dann ‚Westfälischer Friede‘, ein Zustand, der politisch prägend war für die Zeit, die danach kommen sollte.

Nun ist der Tyll Kehlmanns keineswegs dreihundert Jahre alt, der Autor verpflanzt ihn kurzerhand, denn er brauchte wohl einen Narren (etwas, was der richtige Till möglicherweise nie war [2]), denn der Narr war der einzige, der die Wahrheit sagen durfte, nein: musste! Der Winterkönig beispielsweise zeigte sich gar nicht amüsiert, als der Narr nicht frech war, sondern einfühlsam und lieb. Freilich, es war eine besondere Situation, der Winterkönig lag mit der Pest darnieder irgendwo im verschneiten Wald, eine politische Niederlage (eine von vielen) hatte er ebenfalls gerade hinter sich beim Schweden (der gar nicht alt war, insgesamt sollten es nur paarundreißig Jahre bei ihm werden, er lebte zudem nicht viel länger als der Winterkönig Friedrich, denn ihn streckten in Lützen Schüsse und Stiche darnieder). Wie dem auch sei, der Tyll war der einzige, der beim sterbenden König im Schneetreiben blieb, all die anderen seines ‚Hofstaates‘ (wenn man diese Grüppchen verbliebener Bediensteter so bezeichnen will, der Zahl nach weniger als Finger an einer Hand, selbst wenn dort schon ein Finger fehlen sollte, was damals gar nicht so selten war – kriegsbedingt halt) waren nicht mehr da, hatten das Weite gesucht, den König verlassen…

Derweil der Tyll mit dem König ohne Reich beim Schweden war, war Nele bei der kleinen Liz geblieben. Nicht viele durften die Winterkönigin kleine Liz nennen, der Tyll durfte es. Und er durfte ihr die Wahrheit sagen ins Gesicht und er war ihr ein Narr, ein guter Narr, ein Freund? Kann man das sagen? Aber ich wollte von Nele sprechen, der Schwester Tylls, die nicht seine Schwester war, sondern mit der er damals davon lief, bevor man ihn noch einmal befragen konnte, denn wenn der Vater, der Müller Claus Ulenspiegel, der Bücher besaß (auch wenn er sie nicht lesen konnte), der sich viel mehr für Fragen interessierte und nach Antworten suchte, als fürs Mehl machen, wenn der also schon gestand mit Hilfe des Henkers Tilmann und seiner Geräte (und gestehen musste er, weil man – und damit sind in diesem Fall gemeint der Athanasius Kircher und sein Mentor, der Tesimond – zwar natürlich die Wahrheit schon lange wusste, aber ordnungsgemäß gehörte es sich, daß auch der der Hexerei Verdächtige sie wusste (man sagte sie ihm also) und er sie daraufhin zugeben konnte), wenn der also gestand, auch weil es Zeugen gab, die sich angesichts des Henkers und seiner Geräte erinnerten an Zauberei und Hexenkünste des Claus Ulenspiegel, wenn dies also so war, dann konnte man sich als Sohn sicher ein, auch noch einmal befragt zu werden vom Richter, vom Tesimond und vom Tilmann. Besser also, vorher abzuhauen – und Nele zu fragen, ob sie mitkommen will, denn Nele hatte im Dorf ein Leben zu erwarten zwischen Arbeit, ungeliebten Mann und Kindbett. So ging man mit dem Barden, dem Moritatensänger Gottfried, dessen Darbietung wohl selbst eine formidalbe Moritat war, übte selbst fleißig den Tanz, die Gedichte und Schauergeschichten, das Laufen auf dem Seil und das Jonglieren.

Der Gottfried war gut, aber schlecht. Was das Handwerk anging. Der Pirmin war gut, aber schlecht, was das Menschliche anging. Die beiden Kinder, die er dem Bänkelsänger abspenstig gemacht, lernten viel so wie sie auch hungerten beim Pirmin, geschlagen, gekniffen und mit Steinen beworfen wurden. Bis der Pirmin die Pilze aß, die Nele ihm zubereitet hatte, sich darauf krümmte und im Laub sich wälzte. Die Kinder waren nun frei, aber der Tyll war dumm, damals, denn als Fahrender war er nicht nur frei, sondern auch vogelfrei. Und die drei Marodeure, denen sie begegneten – und nur Nele lief weg, Tyll war wie gelähmt – sorgten dafür, daß der Tyll blutete, nachdem sie ihren Spaß gehabt hatten. Ob es wirklich so war und wenn, wie es war, wird man niemals klären können, die Erinnerung erweist sich als ein gar flüchtiges und wandelbares Ding, jeder Mensch erinnert sich anders und nicht immer läßt sich entscheiden, was wirklich geschehen ist und die Frage ist, ob nicht möglicherweise für jeden genau das geschehen ist, an das er sich erinnert… Lange sollten sie zusammen durch die Lande ziehen, der Tyll und die Nele, bis die Nele von jemandem, mit dem sie die Nacht verbrachte (das kam hin und wieder vor) gefragt wurde, ob sie ihn heiraten wollte… der Tyll riet es ihr, auch wenn er inwendig wohl traurig war, es war ihre Chance im Leben… und der Tyll zog daher mit dem Origines, seinem sprechenden Esel, alleine weiter…

Berühmt war er, der Tyll, alle Welt kannte ihn, von Flugblätter und vom Hörensagen, von Gerüchten, Erzählungen und vielleicht hatte ihn der eine oder andere gesehen. Seine Scherze waren derb und schadenfroh, er lockte das, was die Menschen sonst verbargen, aus ihnen hervor, häufig sogar floß Blut… er tanzte und sang und balancierte und jonglierte… sein Ruhm war groß, so groß, daß am Ende der Kaiser selbst sogar ihn sehen wollte und haben wollte in seinem Hofstaat und ihn auftreten ließ in Münster, wo sie noch einmal zusammentrafen (welch ein Zufall), die kleine Liz, seit Jahren ohne ihren Friedrich und der Tyll, seit Jahren ohne seine Nele…

Der Tyll war unkaputtbar, er überlebte, daß ihn der Knecht, als er noch ein schmächtiges Kind war, vor dem Mühlrad in den Bach warf, er überlebte die Nähe zum pestilenten Winterkönig, die kurze Zeit, die er – die Kameraden nannten ihn ‚Gerippe‘ – als Mineur teil zwangs-, teil freiwillig rekrutiert war, er überlebte den Krieg und die Menschen. Er war heimisch geworden in dieser Welt der Not, des Todes, des Gestanks, in der er sich eingerichtet hatte, in die er gehörte. Nein, mit der kleinen Liz nach England gehen, dort in Pantoffeln vor dem Herd zu sitzen, nein, das wollte er nicht. Und als sich Liz wieder umdrehte, nach ihm schaute, da war er schon wieder weg, so unmerkbar leise, wie er auch zu ihr auf den Balkon gekommen war, auf den jetzt die Schneeflocken nieder rieselten, die Liz, so wie damals als Kind, mit dem Mund auffing und auf der Zunge zergehen ließ…


Der Dreißigjährige Krieg – es ist kompliziert. Es ging um Religion, es ging – ach, wie es meist ist, um Macht [3] und alle waren dabei, die in Europa was zu sagen hatten. Außer den Engländern, um sie herauszuhalten aus dem jahrzehntelangen Gemetzel, hatte der englische König (Jacob I. ) seine Tochter Elisabeth (Stuart) und seinen Schwiegersohn geopfert. Mit denen alles, die Auseinandersetzungen und überhaupt der ganze vermaledeite Krieg begonnen hatte, als Kürfürst gestartet, als König von Böhmen einen kurzen Höhenflug erlebt und dann als Winterkönig die harte Landung. Ihr habt diesen Krieg angefangen, Madame. Ich beende ihn. So sollte es fast drei Jahrzehnte später in Münster der kaiserliche Gesandte der Witwe Friedrichs entgegnen.

Kehlmann erzählt keine Geschichte dieses Krieges, er malt einzelne Bilder, Momentaufnahmen quasi, in denen sich die Zeit spiegelt: die fanatische Verfolgung der Hexen und der Hexerei beispielsweise am Beginn des Romans, die unfassbare Brutalität des Kriegsalltags mit dem Hunger, dem unbeschreiblichen Dreck, Modder und Gestank nach Kot, Fäulnis, Verwesung, der wie eine Decke über den Heerlagern wabert und der sein Pendant hat in der Rohheit der Menschen, für die Mitgefühl ein Fremdwort geworden ist… den einfachsten Lebensbedingungen des Volkes. Die Wissenschaft, so wie wir sie heute kennen, war noch lange nicht so weit auch wenn sie am Horizont schon erkennbar war, Aberglaube und absurde Vorstellungen wie die Drakontologie [4] beherrschten das Denken, andererseits – und dies freut Kahlmann als Schriftsteller natürlich – gab es erste Dichter, die anfingen, auf Deutsch zu schreiben, namentlich taucht Paul Fleming [5] im Tyll auf. Das verbindende Glied dieser Momentaufnahmen (die nicht chronologisch angeordnet sind) zwischen diese Episoden und Abschnitten ist der Tyll, auch wenn immer wieder diverse Querverbindungen zwischen den anderen Figuren auftauchen. Viele/die meisten dieser Figuren, die Kehlmann einführt in seine Geschichte, sind historisch und haben ihre Rolle in der damaligen Zeit gespielt – wie auch im Roman, von daher müsste man parallel zum Roman eigentlich auch das entsprechende Geschichtsbuch lesen.

Trotzdem blieb der Tyll für mich unfassbar als Mensch. Plastisch und farbig war er in den beiden Eingangskapiteln, sein Auftritt (damit startet das Buch) als Fahrender in einem zu dieser Zeit noch vom Krieg verschonten Dorf, in dem er einen wüsten Streit provoziert und dann die Schilderung seiner Kindheit bzw. Jugend bis hin zum Hexenprozess gegen seinen Vater. In den späteren Episoden ist er dagegen ganz Narr geworden, jemand der, obwohl natürlich mittendrin, über allem zu schweben scheint, der die Wahrheit sagt, der auch in gewisser Weise weise ist, der hinter den Narrenspiegel schaut…. Aber Tyll selbst als Mensch ist unsichtbar geworden, ist nicht mehr fassbar, hat sich in seinem Kostüm verborgen…


Kennt ihr das? Man hat ein wunderschön zubereitetes Essen auf dem Teller, das sehr gut schmeckt und dann ist der Teller leer – und der Magen auch noch, es hat nicht gesättigt. So ähnlich ist es mir mit diesem Buch gegangen. Es hat wunderbare Passagen, der ganze Abschnitt beispielsweise über Friedrich und Elisabeth, die Drachensuche des Athanasius mit der absurden Logik seiner Argumentation, die Beschreibung des Treffens zwischen der böhmischen Königin und dem kaiserlichen Gesandten auch… oder ganz Beginn des Buches, der Auftritt des Tylls in diesem Dorf: wunderbare Schilderungen sind das. Aber wenn ich das Buch zugeklappt habe, hat die Geschichte Kehlmanns mich nicht mehr beschäftigt, beschäftigte mich vielmehr die Frage, wie ich diese erstaunliche Tatsache erklären könnte…

Ich kann es nicht. Möglicherweise bräuchte ich nur ein Stichwort, um die ‚Botschaft‘ zu erkennen, hinter die Oberfläche des Textes zu schauen: ach ja, natürlich… wieso bin ich nicht von allein darauf gekommen…. ich habe es nicht, dieses Stichwort. Und so bin ich schlussendlich ein wenig traurig, daß der Tyll, so viel Spaß und Freude ich beim Lesen hatte, mir so wenig gesagt hat… und doch kann ich trotz meiner Schwierigkeiten, weil das Lesen einfach ein Vergnügen war, jedem nur zuraten, diesen Roman selbst zu lesen und sich dran zu erfreuen, müssen meine Probleme ja nicht unbedingt auch die euren sein…

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren der Überblick in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Kehlmann und die eigene Webpräsenz: http://www.kehlmann.com
[2] über den ‚historischen‘ Eulenspiegel gibt es natürlich viel Material… hier nur die Wiki:
http://www.braunschweig-touren.de/Seiten/Till_Eulenspiegel.htm und noch dieses alte Buch über ihn: http://gutenberg.spiegel.de/buch/till-eulenspiegel-1936/1
[3] in Stichworten kann man es hier nachlesen: https://www.uni-muenster.de/FNZ-Online/politstrukturen/dreikrieg/unterpunkte/wf.htm
[4] Bei Kehlmann die Wissenschaft von den Drachen, interessanterweise gibt es dieses Fach (mit ‚c‘ geschrieben) bei den Kryptozoologen, dort bezeichnet es die im Wasser lebenden Kryptiden.
[5] etwas mehr z.B. hier: http://gutenberg.spiegel.de/autor/paul-fleming-169. Den dort erwähnten Olearius treffen wir übrigens auch an….

von Daniel Kehlmann habe ich bisher seinen Roman Die Vermessung der Welt besprochen.

Daniel Kehlmann
Tyll
diese Ausgabe: rowohlt, HC, ca. 470 S., 2017

Peter Handke: Versuch über den stillen Ort

Ich selbst erinnere mich an diesen Raum, der deutlich länger war als breit und in dem ich hier als damaliges Ich zu sehen bin. Wird es der erste halbwegs selbstständige Toilettengang gewesen sein? Wahrscheinlich nicht, aber ebenso wahrscheinlich war dieser Gang noch keine Selbstverständlichkeit, hatte noch den Charakter eines Versuchs, diese Errungenschaft der Zivilisation mir anzueignen. Ganz sicher jedoch war das damals, zu diesem Anlass, kein stiller Ort, auch kein Stiller Ort, meine ich doch noch die Stimmen meiner stolzen Eltern zu hören.

Dieses Bild gehört zu den tiefsten Erinnerungen, die ich habe. Ich erinnere mich an die Wanne, an deren Rand ich mich festhalte. Oft war sie voll mit Wäsche, die dort noch von Hand gewaschen wurde, ein Waschbrett, etwas, das man heute nur noch von Bäuchen kennt, gab es zum Schrubben der Wäsche, eine Mangel, das waren zwei über eine Kurbel angetriebene gegenläufig rotierende Walzen, die das Wasser aus den Wäschestücken pressten. In späteren Jahren (ich darf die Erinnerungen nicht vermischen!) gaba es eine andere Wanne, in der lagen Gurken und wurden geschrubbt, aus ihnen machte die Mutter Essiggurken, Gurkendoktors große Stunde. In der Wanne dagegen, die man auf dem Bild sieht, saß häufig auch ich, man hatte damals noch die kleinhandtellergroßen Brausetabletten, um ein Schaumbad herzustellen. Gibt es die noch? Vater musste dazu mit der Hand ganz kräftig im Wasser quirlen, ich trug meinen Teil zur Überschwemmung ganz sicher bei, Spaß hatten wir beide und der Raum roch nach Fichtennadeln.

Ein anderer stiller Ort, bei meiner Tante in einer Bergarbeitersiedlung. Ein Häuschen auf dem Hof mit einer Sitzbank und einem Loch, darunter eine Grube, die alles aufnahm, was von oben kam. Das Bild finde ich nicht mehr, ich habe gestern alles durchsucht. Das Haus, ein Bergarbeiterhäuschen im Kohlenpott, ist auf der linken Seite des Bildes abgeschnitten, etwas zurückgesetzt besagter Verschlag mit halboffener Tür. Ich stehe mit geringeltem Pullover und Pudelmütze (es muss also kalt gewesen sein) davor, ein Zeigefinger friert, sucht Wärme in meiner Nase, meine Tante stützt mich und beugt ihren Oberkörper zu mir herunter. Wer das Bild gemacht, weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, daß ich es  bedaure, daß ich dieses Bild vielleicht nur noch in der Erinnerung besitze.


Peter Handke [1] hat diesen Versuch über den Stillen Ort 2011 in der Einsamkeit und Dunkelheit sowohl der Rauhnächte als auch der menschenleeren Landschaft zwischen Paris und dem Meer, niedergeschrieben. Auch diese Situation eine Situation der Stille und der besonderen Atmosphäre in diesen letzten Tagen eines Jahres, die die welligen Weiten durchwirkt von düsterem Licht darbietet, kaum belebt von anderen Menschen, manchmal jedoch durchleuchtet für eine Stunde von der Sonne mit einem Schimmern, das herzhafter sich der Autor kaum vorstellen konnte, mit einem fast horizontal einfallendes Dezemberlicht, kein umfassenderes, belebenderes Grünen und Blauen, kein innigeres Glänzen als jenes der Grasmittelstreifen auf den den Feldwegen.

Handkes Büchlein ist eine Mischung aus Erinnerungen an und kleinen Betrachtungen und einem Sinnieren über die Bedeutung dieses besonderen Ortes. Dieses Stillen Örtchens, das still ist, weil es zweierlei im Besucher bewirkt: er ist allein auf diesem Ort, den er möglicherweise als Fluchtort sich ausgesucht hat, um für eine Weile einer Gesellschaft, für die er sich kurz erholen musste, um sie wieder zu ertragen, zu entkommen. Und still ist er, weil wir uns auf uns konzentrieren, jenes, was von außen kommt, zu einem Hintergrund verschmilzt, der nicht mehr stört. Mag uns das auch nicht bewusst sein, so merken wir es spätestens dann, wenn Schritte zu hören sind und wir vermuten, es seien Schritte gemacht in der Absicht, diesen Stillen Ort, den wir schon besetzen, (vergeblich) aufzusuchen: wir fühlen uns gestört, verunsichert, verteidigen den Ort möglicherweise mit einem Warnruf, der dem potentiellen, dem vermuteten, Eindringling ‚Halt!‘ gebieten soll.

Die frühesten Erinnerungen Handkes gehen zurück auf den versteckt liegenden Abtritt des bäuerlichen Großvaterhauses im südlichen Kärnten mit der zurecht geschnipselten Zeitung als Papier, dem senkrechten Schacht, der auf den Misthaufen (oder in einer Grube?) sein Ende hat. Völlig unauffällig war dieser Ort verborgen hinter einer rissigen, alten Wand aus grau gewordenen Brettern. Schon hier taucht das besondere Licht in der Erinnerung Handkes auf, sogar zweierlei Lichter … das erste der Lichter von oben, an Ort und Stelle sozusagen, … das durch das Holz und aus dem Holz selber, wie gefiltert  drang, ein seltsames indirektes Licht, wie nirgends sonst im Haus; indirekt, das heißt ohne Fenster, dafür umso stofflicher; … Und das zweite der Lichter? war das, welches schachtaufwärts steigt … bis höchstens zur halben Höhe des Schachts … ein ganz anders stofflicher Schimmer als der den Äuger oben umgebende, … immer wieder räsoniert Handke über das besondere Lichtd, das er an diesen Orten wahrnimmt in seiner einhüllenden Atmosphäre.

Das Klosett, der Abtritt als Ort des Asyls, als Fluchtpunkt. Mir kommt jetzt die Geschichte von Belá in den Sinn, diesem ungarischen Jungen, der tagsüber arbeiten musste und sich nachts auf dem Abtritt versteckte, um dort ungestört trotz Gestank beim Flackern der Kerze zu lernen [3]. Auch Handke sah das Klosett in seinem Internat als einen möglichen Asylort an, der ihm Schutz bot und die äußeren Geräusche der lärmenden Mitschüler zu etwas fast ‚Heimeligen‘ verwandelte.

In dieser Phase des Erinnerns schleicht sich bei Handke eine seltsam anmutende Assoziation ein, kommt ihm das weit häufigere Aufsuchen des Beichtstuhls im Laufe der heiligen Messe … als etwas Vergleichbares vor die Augen. Der Beichtstuhl, auch ein stiller Ort mit seiner auf sich Selbstzurückgeworfenheit, an dem sich (nicht der Körper, aber) das Gewissen erleichtert bis hin zu dem fast beschwingten Rückweg in die Stuhlreihe, ähnlich dem leichten Gang von der Toilette, wenn die Erleichterung des Körpers dessen Wohlbefinden und daher das des Menschen merklich verbessert hat.

Noch einmal sollte den Autoren so eine Assoziation mit Kirchlichem ankommen. In einem Park (kurz vor dem Niederschreiben dieser Aufzeichnungen) in der Nähe der öffentlichen Bedürfnisanstalt sitzend kommt ihm der Zug der Menschen dorthin vor wie vergleichbar höchstens beim Kommuniongang des Kirchenvolkes während der heiligen Messe, … ein Vergleich, den Handke – er betont dies – nicht blasphemisch meint. Mich schockieren diese Vergleiche nicht, verfällt man nicht der Unsitte des Lesens auf dem Klo (oh ja, auch ich natürlich folge dieser), sondern nutzt die Gelegenheit der Achtsamkeit für sich, kann sich, so wage ich zu behaupten, ein sehr nach innen gekehrtes Moment in solchem Toilettenaufenthalt einfinden.

Es gibt auch eher skurril anmutende Passagen. Der junge Handke, der auf Wanderschaft gegangen ist, und dann ohne Geld in der Toilette übernachtet, halbkreisförmig um die Schüssel geschlungen die Nacht zu verbringen versucht… die Unfälle, die sich (gar nicht mal so selten) auf Toiletten ereignen bis hin zu dem von ihm erlebten, daß ein (gottseidank genügend) breitschultriger Bekannter kopfüber in einen Abortschacht fiel und über Nacht dort hängenblieb… ungefährlicher dann schon die Situation des stillen Friedensschlusses mit dem verfeindeten Professor, nachdem sich beide wortlos nebeneinander vor den Waschbecken und den Spiegeln dieses Ortes der Körperpflege widmeten und in dieser Intimität des Augenblicks unausgesprochen Differenzen schmolzen.

Ein prägendes Erlebnis in Japan. Erst an jenem Morgen eines schon längeren Aufenthaltes in diesem fremden Land, nach Betreten der Tempeltoilette in Nara, wurde Japan mir heimisch; kam ich dort auf der Insel an; nahm das Land, das ganze, mich auf. … Ankunfts-, Aufgenommenseins-, Hiesigkeitsgefühl? Der Stille Ort von Nara war auch einer der Befreiung. … Ich wurde … unbändig in ihm, erfüllt von belebend unbestimmter Energie. Und mehr noch der Begeisterung des Autoren über diesen Ort eines Geistes der Unverwundbarkeit… an dem, einem japanischen Dichter zufolge die alten japanischen Haiku-Dichter auf zahllose Motive gestoßen sind. Auf der Toilette, wenn wir nach dem Schließen der Tür der Welt auf Zeit entzogen sind, konzentriert sich unser Bewusstsein auf unseren Leib und seine Bedürfnisse, entkommen wir sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft, gelangen ins Hier und Jetzt, in die Gegenwart, auch wenn sie nur wenige Augenblicke dauern mag. Verwundert es da, daß der Geist frei ist in diesen Momenten, offen für spontane Eingebungen, für Neues? Die Toilette also als Ort der Kreativität, auch der Norweger Kagge [4] berichtet davon in seinen Betrachtungen über die Stille. Es ist nicht verwunderlich, mir gefällt dieser Gedanke einer besonderen Art der Achtsamkeit dieses Stillen Ortes. Noch einmal zurück zur Toilette in Nara: auch hier wieder die Faszination durch das Dämmerlicht.

Und erst jetzt, lange im Nachhinein, merke ich: Ich habe zu erzählen vergessen, was der vordringliche und mächtigstes Anlaß zu diesem Versuch über den Stillen Ort war, nämlich: jene Übergänge, die unvermittelten, von Stummheit, Geschlagensein mit Stummheit, zur Wiederkehr der Sprache und des Sprechens – immer wieder erlebt, und im Lauf des Lebens zunehmend stärker, im Moment des Schließens und Absperrens der bewußten Tür, allein mit dem Ort und seiner Geometrie, weg von den anderen. 

Der Stille Ort, bzw. eher wohl noch die Stille des Ortes ist es, die eingesperrt-zurückgedrängte Gedanken freigibt, die sie Worte finden läßt, in denen sie denkbar, formulierbar, sprechbar werden: kein Widerspruch, der sich im ersten Lesen möglicherweise angedeutet haben mag, sondern heilsame Wirkung der Stille.

Der Stille Ort, der für den Autoren in den ersten Epochen seines Lebens mehr ein Flucht-, Asyl- und Rückzugsort war, änderte diese Funktion im Lauf der Zeit. Er wurde Schlafplatz, ein Ort auch der Reinigung des Äußeren, ein Ort zum Nachdenken, ja, ich scheue mich nicht, den Begriff ‚meditativ‘ in diesem Kontext zu nennen. Ein Ort auch der Geometrie, der Form, was ich hier jetzt nur in diesem Satz festhalten möchte, Handke läßt sich ausführlich über diesen Zusammenhang aus.

Wenn wir uns als Leser dem Thema öffnen – und es geht Handke nur um den Ort an sich, nicht um das, was dort praktisch durchgeführt und erledigt wird und dann auch anrüchig erscheint – erkennen wir die Wahrheit, die Handke ausspricht. Dieser profane Funktionsraum, ausgerechnet dieser Funktionsraum ist so viel mehr und er ist es, sind wir ehrlich, auch für uns. Auch für uns ist er Fluchtort, gewährt er uns für Minuten Asyl und Schutz, bringt er uns auf andere Gedanken. Weil er uns die Möglichkeit gibt, uns auf uns, unseren Körper, der mit Seele und Geist eine Einheit bildet, zu konzentrieren und uns damit zu öffnen. Damit wird er zum wahren Stillen Ort.

Handke, einer der deutschsprachigen ‚Groß’autoren hat diverse Versuche publiziert: ~ über die Müdigkeit, ~ die Jukebox oder ~ den geglückten Tag. Dieser erscheint möglicherweise am exotischsten, Erinnerungen und Philosophisches zum Klosett, zum Abort liegen nicht a priori auf der Hand. Um so verdienstvoller ist der Versuch Handkes, den Ort der Verrichtung profaner Körperfunktionen nicht nur als Erinnerungsort festzuhalten, sondern ebenso, ihn gedanklich zu durchleuchten. Er hebt damit implizit auch den Vorgang der inneren Reinigung des Körpers, die hier vollzogen wird, aus seiner Profanität heraus und weist ihm die Rolle und Bedeutung zu, die ihm zukommt. Greifen wir diese Gedanken als Anregung auf, die Toilette zukünftig bewusster als Ort der Ruhe und der Reinigung wahr- und anzunehmen.

Links und Anmerkungen:

[1] ach, es gibt so vieles über Handke im Internet… eine Übersicht jedenfalls hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Handke
[2] —
[3] János Székely: Verlockung (Besprechung im Blog)
[4] Erling Kagge: Stille (Besprechung hier im Blog)

Peter Handke
Versuch über den Stillen Ort
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 110 S., 2012

 

Alexander Osang: Winterschwimmer

Der 1962 im Osten Berlins geborene Journalist und Schriftsteller Alexander Osang gehört zu den von mir gern Gelesenen, seine Kolumne im Spiegel ist mir lieb. Daß er auch Schriftsteller ist und außerdem sowieso produktiv, war mir nicht so präsent. Selbstverständlich hat er seinen eigenen Wiki-Beitrag [1] und das Reporterforum [2] (auf das zu stoßen ein netter Nebeneffekt meiner ‚Recherche‘ zu Osang war) listet fast 600 Treffer zu ihm auf.


Die vorliegende Sammlung von vierzehn Geschichten, auf die ich neulich schon an anderer Stelle hingewiesen hatte [3], ist eine Auswahl von Erzählungen, die Osang seit zwanzig Jahren regelmäßig zu Weihnachten in der Berliner Zeitung schreibt. Es sind keine Weihnachtsgeschichten mir Maria, Josef und dem Kind in der Krippe, keine Adaptionen des Besuchs der Könige und die Hirten auf dem Felde sind auch nicht alarmiert. Osang greift das Fest in seiner heutigen Form auf, diese durch feste Rituale geprägte Institution des familiären Lebens. Denn genau das ist es in vielen Fällen: die Familie, das Jahr über getrennt, manchmal über den ganzen Erdball verstreut lebend, kommt für ein paar Tage zusammen, die Kinder besuchen die Eltern, die noch in der Wohnung wohnen, die von ihnen, den erwachsen Gewordenen, vor ein paar Jahren verlassen worden ist; die Eltern fahren zu den Kindern und treffen dort auf eine Welt, die sich von der ihren zunehmend unterscheidet. Man muss sich arrangieren, die gewohnten Rückzugsräume fehlen, dafür aber tauchen neue Herausforderungen auf: man muss die anderen daher aushalten. Gott sei dank gibt es die Rituale, die dabei helfen: den Weihnachtsbaum mit allem, was sich so um ihn herum abspielt, das Gänseessen, den Spaziergang… nur manchmal funktioniert das eben trotzdem nicht.

Die, die übrig bleiben bei dieser weihnachtlichen Familienzusammenführung, sind die Verlassenen, die Einsamen, die, die sich getrennt haben oder die getrennt worden sind. Und meist sind diese es, die in Osangs melancholischen (er selbst sieht sie eher tragikkomisch [4]) Geschichten im Mittelpunkt stehen. Der Immobilienmakler beispielsweise, der vor dem Haus, in dem er wohnt eine Wohnungssuchende trifft, die auf ein Zimmerfenster seiner Wohnung zeigt und davon überzeugt ist, daß eine Wohnung mit so einer Gardine vor dem Fenster schon seit langem leer stehen muss. Und, das wird ihm daraufhin klar, bis auf ein Bild an der Wand stimmt das, er hält sich auf in der Wohnung, aber er lebt dort nicht, nichts ist von ihm sonst dort… Die Titelgeschichte vom Winterschwimmer bzw. von den Winterschwimmern, denn das Wort ist Singular und Plural in einem, erzählt von Ruhl, der nach der Wende zusammen mit seiner Frau ein erfolgreicher Verkäufer von Solarien im deutschen Osten war, dessen Frau ihn aber, nachdem das Geschäft abflaute, verlassen hat und der jetzt, zum 15-jährigen Firmenjubiläum mit entsprechenden Rabattangeboten auf Kundschaft wartet. Ob die Frau, die er überzeugen kann, daß sie den Pool ruhig ausprobieren darf – in den er dann kurz darauf auch steigt-, länger bleiben wird, läßt Osang zwar offen, vorerst beläßt er es beim gemeinsamen Schwimmen…

Die Einsamkeit zu zweit, die sinnentleerten Rituale, gegen die sich niemand wehrt, die nur erduldet werden, um Streit zu vermeiden oder Enttäuschung beim anderen. So wird die Fischsuppe gegessen, obwohl man sie nicht ausstehen kann und während der Mann die Tür hinter sich zugeworfen hat, um draußen heimlich zu rauchen, holt die Frau schnell die Weinflasche hervor und kippt ein Glas hinunter. Aber wie der Zufall so spielt, ist es gerade ihr Mann, der vom mobilen Reporterteam für’s TV interviewt wird und der dort zum ersten Mal seit langem das sagt, was er wirklich denkt – und seine staunende Frau, die mit dem Weinglas mittlerweile vor der Glotze sitzt, findet, daß ihm das eigentlich gut steht und holt seinen Aschenbecher wieder aus dem Schrank…

Mal unsichtbar sein für die anderen und sie belauschen, hören, was sie sagen und erzählen – für Jo Friedrich geht diese Vorstellung in Erfüllung. Jo hat mittlerweile Karriere gemacht, vertritt eine Weltfirma in Indien, hat auch eine indische Frau. Um den Nikolaus für seinen Enkel aus erster Ehe zu spielen, fliegt er nach Deutschland. Er hat die perfekte Maske, in seiner Position ist es kein Problem, ein Kostüm zu bekommen, das sogar die eigene Stimme verändern kann. So steht er am Abend unerkannt im Zimmer vor der Familie, (aus)von der er vor Jahren (aus)geschieden ist, und hört und sieht Wahrheiten, die ihm zunehmend die Sprache verschlagen….

Eine altmodische Geste, der Dame zum Schutz gegen den Regen das Jackett umhängen, doch die Dame erhoffte mehr, was er ihr aber nicht gab. So landete das Jackett schließlich im Abfallcontainer, irgendwo musste die Enttäuschung hin, mitsamt des Geschenks für die Ehefrau, das in der Jackentasche steckte. Eine Ereigniskette, die das Leben Beckers von Grund auf erschütterte, nahm jetzt ihren Lauf, denn irgendwie musste er ja wieder an das Jackett kommen…


Es ist eine immer wieder auftauchende Grundstruktur in den Osangschen Geschichten: ein unvorhersehbares Ereignis (das auftauchende TV-Team; der Tod des Vater, der sich in Thailand aufhielt; die Wohnungssuchende; das weggeworfene Jackett; die verschlossene Tür, nachdem man mal kurz nach draußen gegangen war…) durchbricht den schützenden, aber auch einengenden Kokon der gewohnten weihnachtlichen Rituale und eröffnet, erzwingt manchmal auch, den Blick für Neues. Jedem Ende also wohnt ein Anfang inne, eine neue Lebensperspektive, die sich zeigt, zumindest aber ein neuer Blick auf das gewohnte Leben mit der Chance, etwas zu ändern… In diesem Sinne sind Osangs Geschichten trotz der Tragik, die ihnen innewohnt, hoffnungsvolle Geschichten, sie sind weihnachtlich in dem Sinne, daß auch vor gut zwei Jahrtausenden das Alte, Hergebrachte in seiner Erstarrung in Frage gestellt worden ist und ein neuer Blick, ein neuer Anfang sich aufgetan getan hatte. Und abgesehen von dieser in den Geschichten enthaltenen ‚Botschaft‘ ist Osang ein Meister darin, von diesen entscheidenden Weichenstellungen im Leben seiner Figuren unprätentiös, lakonisch, immer mit Sympathie für sie zu erzählen.

Links und Anmerkungen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Osang
[2] http://www.reporter-forum.de/index.php?id=119
[3] https://www.facebook.com/aus.gelesen.de/posts/1636988546380740
[4] http://www.zeit.de/2017/51/alexander-osang-schriftsteller-reporter-weihnachten-glauben

Alexander Osang
Winterschwimmer
Erstveröffentlichung der Geschichten (außer ‚Unsichtbar‘) in der Berliner Zeitung
diese Ausgabe: Aufbau-Verlag, HC, ca. 236 S., 2017