Lothar Schöne: Jener unscheinbare Moment

Bei den Büchern von Lothar Schöne [1, 2] bin ich immer gespannt, denn dieser Autor, der von der FAZ immerhin als ‚hinreißender Erzähler` bezeichnet wird [so ein Zitat auf der hinteren Umschlagseite des Romans], liefert durchaus unterschiedliches ab, neben anspruchsvollen Romanen mit Tiefgang wie dem Das jüdische Begräbnis [2] sind dies auch Werke eher leicht- und seichterer Natur. In erfrischender Offenheit schreibt er selbst auf seiner Homepage, daß die Pressekritiken zu seinen Büchern nicht immer positiv sind. Um jedoch wieder aktuell zu werden stellt sich für mich hier also die Frage, zu welcher dieser Kategorien sein neuester Roman Jener unscheinbare Moment gehört, den ich hier vorstellen möchte.


Jener unscheinbare Moment ist eine himmelhochjauchzende, nichtsdestoweniger unter einem tragischen, weil gelben, Stern stehende Liebesgeschichte aus dem Deutschland rsp. der Bundesrepublik der 70er Jahre. Hauptperson ist Mischa, ein junger Mann Anfang zwanzig, der in Mainz BWL studiert – (moralisch) gezwungenermaßen, weil ihm dieses Fach zwar ein Graus ist, aber der innigste Wunsch seiner Mutter ist es, ihn dereinst als Bankbeamten bewundern zu können. Das Lokalkolorit, das Schöne bei der Schilderung Mainzer Verhältnisse aufbaut, dürfte stimmig sein, schließlich hat der Autor daselbst um diese Zeit die Hörsäle der dort wirkenden Germanisten besucht. Womit wir schon einen erheblichen Schritt weitergekommen sind in der Handlung, denn angetriggert durch Dorothee, in die sich Mischa unsterblich verliebt, findet er den Mut, das öde Studium der Tabellen und Statistiken zu verlassen und – geködert durch Tristan und Isolde [3] – bei den Germanisten anzuheuern. Zu denen er sich, Anzeigendirekter der Uni-Zeitung und Freizeitschriftsteller von Kurzgeschichten, eh hingezogen fühlt. Doch das Liebesglück mit Dorothee ist nicht ungetrübt, sie gibt sich janusköpfig: so hinreißend sie an einem Tag ist, so berauschend und offensichtlich auch verliebt, so kalt und abweisend ist sie beim nächsten Treffen – bis sie eines Tages ohne ein Wort zu sagen, verschwindet und bei Mischa große Seelenpein hinterläßt.

Mischas großer Trost und die Frau, die ihn an die Hand nimmt und über die Geheimnisse der Liebe, die über das reine Neandertal hinausgehen, aufklärt, ist Tante Erna, die damals, im August 1939, gerade noch so eben rausgekommen ist aus Deutschland und seitdem in England lebt, mit Onkel Heine, der griesgrämig hinter allem den Russen vermutet, dessen Plan mit dem Suizid von Bader und Co. jedoch gescheitert ist – vorerst. Die beiden sind vor kurzem zurückgekommen nach Deutschland und es zeigt sich, daß Erna ein eigenes, kleines Geheimnis hat…

Erna und Heine sind die einzigen Verwandten, die Mischa und seine Eltern noch haben, alle anderen sind damals den Wahn zu Opfer gefallen. Mischas Mutter, die überlebt hat, weil ihr christlicher Mann sie nicht im Stich gelassen hatte, trägt schwer an dieser Vergangenheit, häufig senkt sich die schwarze Wolke einer Depression auf sie nieder.

Die Hoffnung stirbt zuletzt – Dorothee ist zwar verschwunden, meldet sich jedoch noch einmal bei Mischa, mit einem Brief, der ihre Liebe zu ihm beteuert, aber ebenso die Unmöglichkeit für sie, diese Liebe zu leben, aus einem ganz bestimmten Grund… einem Grund der Mischa förmlich aus den Schuhen hebt. Aber wenigstens weiß er jetzt, wo er seine Dorothee suchen muss – in den USA. Wenn´s weiter nix is… Das klingt fast schon nach einem zukünftigen Band 2 der Geschichte… ;-)


Ja, diese Geschichte ist schön erzählt. Mit Tempo, mit Witz, mit Humor (auch wenn der zum Teil haarscharf am Albernen vorbeischrammt wie z.B. in der Figur des polymeren und in Reimen redenden Ernesto). Sie ist herzerwärmend und die anfänglichen Szenen des Kennen- und Liebenlernens zwischen Dorothee und Mischa sind wunderschön. Ach, wären mir doch damals bei entsprechender Gelegenheit, in der ich sie gebraucht hätte, solch schöne Worte eingefallen… ja, das hat mir gut gefallen. Wie ebenfalls die Tatsache, daß Schöne den tragischen jüdischen Hintergrund seiner Geschichte nicht als Keule gebraucht, sondern – der ist einfach da und ist einfach so. Für Mischa spielt er eh (noch) keine Rolle, auch, weil in der Familie darüber nicht geredet wird, diese Epoche scheint nicht zu existieren. Es ist dies das Phänomen einer kollektiven Verdrängung, auch wenn die Gründe dafür unterschiedlich sind: die ungeheuerliche Traumatisierung auf der einen, das Bewusstsein der Schuld auf der anderen Seite. Eine breitere Thematisierung der Nazizeit setzte ja erst mit in diesen Jahren, mit der Revolte der 68er, dem Auschwitzprozess, der Holocaust-Serie im Fernsehen langsam ein… So erfährt Mischa auch von seiner Tante Erna nur zögerlich Einzelheiten über das, was damals geschah…

Tante Ernas Geheimnis… es lebt noch, im Osten Berlins. Dieser Teil des Roman jedoch, in dem der junge Mann seiner Tante nach Berlin bis in den Osten hinein folgt und nachspioniert, erscheint etwas arg an den Haaren herbeigezogen und konstruiert. Zwar will Schöne damit wohl noch einmal deutlich machen, wie verlogen der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit seinerzeit oft war, doch versetzt er mit der Umsetzung dieses Anliegens der bis dahin so stimmigen Atmosphäre von Verliebtheit, Liebeskummer, der Frage nach dem unerklärlichen Wesen der Liebe und dem Versuch Mischas, seinen eigenen Weg zu finden, einen Schlag. Gottseidank hat Schöne nach diesem Schlenker jedoch schnell wieder in seine alte Spur zurückgefunden, so daß nach dem Ende des Romans summa summarum trotz des tragischen, wenngleich noch ein wenig offenen Endes, ein gutes Gefühl geblieben ist.

Um also meine Ausgangsfrage zu beantworten: ja, mit Jener unscheinbaren Moment ist Lothar Schöne wieder ein leicht und gerne zu lesender, ein melancholisch-heiterer, den Leser an- und berührenden Roman um eine Liebe und um die Suche nach dem eigenen Weg vor dem Hintergrund jüdischer Schicksale im Dritten Reich gelungen. Danke dafür!

P.S.: sollte ich jetzt vielleicht mal Tristan und Isolde [3] lesen? Ein alter ‚Schinken‘, der wohl allzeit gültige Wahrheiten enthält… ;-) … und im Roman eine gewisse Rolle spielt.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren: http://www.literatur-rlp.de/db_suche.php?autor=Sch%F6ne%2C+Lothar
[2] weitere hier im Blog vorgestellte Bücher von  Lothar Schöne:
– Das Labyrinth des Schattens
– Das jüdische Begräbnis
– Die unsichtbare Bruderschaft
– Schall und Rauch
[3] Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde; z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Tristan_und_Isolde

Lothar Schöne
Jener unscheinbare Moment
diese Ausgabe: Klöpfer&Meyer, HC, ca. 260 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars.

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Fatma Aydemir: Ellbogen

Die deutsch-türkische Journalistin und Schriftstellerin Fatma Aydemir [1] legt mit Ellbogen ihren Debütroman um die gerade volljährig gewordene Hazal Akgündüz vor. Diese, zum Beginn der Geschichte gerade noch siebzehnjährig, kann sich vor dem Filialleiter eines Supermarktes noch so halbwegs aus einem Ladendiebstahl herauslavieren. Dieser sinnlose Diebstahl der jungen Frau ist bezeichnend: es ist kein besonders zukunftsträchtiges Leben, das sie führt. Tagsüber übt sie sich in aussichtlosen Bewerbungen in einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme, ferner jobbt in der Bäckerei ihres Onkels. Zu Hause ist es trist und öde, der Vater fährt entweder Taxi oder ist bei den Kumpels im Café, die Mutter nimmt die traditionelle Rolle einer türkischen Hausfrau ein. Die Grenzen für Hazal sind trotz ihres Alters eng gezogen, Freiräume, die sie sich nimmt, muss sie gegen den Willen der Eltern verteidigen bzw. vor ihnen verheimlichen.

Ihren Freundinnen geht es ähnlich, mit ihnen trifft sie sich zum gemeinsamen abhängen, sie hat auch ihre Adresse, wo sie unterschlüpfen kann, um sich mit ein bischen Gras wegzubeamen in Träume. Zu Hause klammert sie sich an den Kontakt mit Mehmet, den sie per Facebook kennen gelernt hat. Er, deutlich älter als sie, in Frankfurt geboren und seines Vorstrafenregisters wegen ausgewiesen und jetzt in Istanbol lebend, hat sie gefragt, ob sie sein Baby sein will.

Hazals 18. Geburtstag im Juni 2016 ändert dies alles. Weil ihre Tante für sie ein gutes Wort einlegt, darf sie bei ihrer bosnischen Freundin Elma übernachten. Zu dritt brezeln sich die Freundinnen auf und wollen in die Disco. Vorher ist Wodka angesagt, an den Füßen Heels und der Türsteher teilt ihnen süffisant mit, heute kämen nur geladene Gäste hinein. Auf dem Rückweg noch mehr Schnaps, Frustsaufen, dann werden sie in der U-Bahnstation von einem besoffenen Typen übergriffig und dumm angelabert. Sie sind zu dritt, frustriert, enthemmt und diese ‚Kartoffel‘ triggert den hineingefressenen Frust vieler Jahre an: es kommt zu einem Gewaltexzess der drei Mädels gegen den Mann und Hazal schubst den Studenten auf die Bahngleise…

Im zweiten Teil des Romans finden wir Hazal, die aus Berlin geflohen ist, in Istanbul wieder, der angehimmelten Stadt ihrer Träume um Mehmet, die allerdings aus der Nähe betrachtet ein brutales Pflaster ist. Sie hat in der Wohnung von Mehmet, die dieser sich mit Halil, einem Studenten teilt, Unterschlupf gefunden. Ein Unterschlupf, der dreckig ist, der vergammelt ist und Mehmet, der Facebookprinz, entspricht dem. Wenn sie jeden Morgen seinen knochigen Körper auf sich spürt, macht sie gute Miene zum bösen Spiel und denkt sich, daß dies der Preis ist.

So wie sie in Deutschland ’nicht eingeladen‘ ist (um den Türsteher zu zitieren), so passt sie auch nicht in dieses Istanbul, in diese Türkei. Von den politischen Verhältnissen hat sie keine Ahnung, mit ihrem schlechten Türkisch, ohne Geld, mit der schmuddeligen Kleidung ist sie auch hier Aussenseiterin, als unverheiratete Frau mit zwei Männern in einer Wohnung prostituiert sie sich nach offizieller Lesart. Wenigstens wird ihr nach ein paar Tagen klar, daß Mehmet wenig mehr ist als ein Junkie und Zocker…

Auf einen verzweifelten Hilferuf hin eilt ihre Tante Semra zu ihr, die einzige Frau der Familie, die in Deutschland ‚angekommen‘ ist. Doch mit deren Rat kann Hazal nichts anfangen, Semras vernunftgesteuerte Ratschläge erreichen die emotional schwer verwundete Hazal nicht, diese ist noch zu sehr damit beschäftigt, ihre Tat vor sich selbst zu rechtfertigen. So flieht Hazal erneut, diesmal vor ihrer Tante, findet in einer Absteige ein Zimmer, für das sie putzt und sie versucht sich als Kellnerein, um ein wenig Geld zu verdienen.

Der Roman endet an dem ersten Tag, an dem sie kellnert, es ist auch der Tag des Putschversuches in der Türkei. Hazals weiteres Schicksal bleibt offen. Sie irrt auf der Straße herum, weil sie bei der Ausgangssperre Probleme hat, auf die andere Seite des Bosporus, in ihr Hotel zu kommen. Letztlich sucht sie Deckung in einem dornigen Gestrüpp am Wegrand und gibt sich Träumen hin…


Dabei handelt mein Buch einfach von Deutschtürken in Berlin. Wer da von Milieustudie schreibt, war offenbar noch nie in einem türkischen Wohnzimmer. Das finde ich schon ziemlich weird . So die Autorin in einem Interview, wobei sich diese Aussage auf den ersten Teil des Romans beschränkt, für den zweiten Teil stellt sie sich Kritikern jedoch ebenfalls entgegen: … kam der Vorwurf, ich hätte zu sehr versucht, politisches Zeitgeschehen reinzustecken. Aber wenn sich die Hauptfigur meines Buches 2016 in Istanbul bewegt? Klar spielt da Politik eine Rolle! Das war das Jahr des Putschversuchs und der Massenverhaftungen, das will und kann ich nicht aus meinem Roman raushalten. [2]

Mit diesem beiden Statements von Fatma Aydemir ist schon viel über den Roman gesagt und damit über die Lebenswirklichkeit vieler junger Türken (es ist mir nicht ganz klar geworden, ob Hazal die deutsche Staatsangehörigkeit hat oder nicht, prinzipiell wäre es bei ihrem Geburtsdatum, dem 25. Juni 1998 wohl möglich gewesen) in Deutschland: in einem Land, in dem sehr viele persönliche Freiheiten garantiert sind, leben sie, sofern die Familie die traditionellen Werte des Herkunftslandes aufrecht erhalten wollen, in einer Art Käfig, dessen Stäbe durch Verbote, Grenzen, Sanktionen (Strafen) gebildet werden. Es ist das traditionelle türkische Leben, das die Eltern aufrecht zu erhalten versuchen: der Sohn (hier Hazals jüngerer Bruder) ist der Stolz der Familie, selbst wenn er so ein ganz klein wenig schon auf der schiefen Bahn steht, bei der Tochter kommt es nur darauf an, deren Ehre zu schützen und im Zweifelsfall ist alles, was von der ‚Norm‘ abweicht, für die Ehre schädlich.

Damit wird das Mädchen in einer Situation groß, die der des Prometheus ähneln: angekettet an den Fels einer für sie im Grunde irrelevant gewordenen Tradition sieht sie die Früchte der Freiheit vor sich, aber will sie danach greifen, kommt der Wind und verweht den Ast, so daß sie unerreichbar werden… es kommt nicht von ungefähr, daß Hazal in ihrem jungen Leben schon zwei Suizidversuche vorgenommen hat, auch wenn diese nicht allzu konsequent durchgeführt worden, sondern eher als sehr laute Hilferufe zu verstehen waren, eine Hilfe, die sie im übrigen nie bekam. Diese ihr innewohnende, gegen sich selbst gerichtete Aggression tritt in diesem fatalen Moment, in dem noch der Alkohol und die öffentliche Demütigung ihre Wirkung verstärkten, nach außen hin in Erscheinung, findet ihr Opfer in dem jungen Mann.

Ihre Flucht nach Istanbul endet dort nicht, sie geht dort weiter, denn auch dort ist sie unangepasst, gehört nirgends dazu. Jeder Schritt ausserhalb ihres Verstecks weckt in ihr die Angst, entdeckt zu werden. Von den politischen Zuständen hat sie keine Ahnung, sie wird aber recht schnell und brutal mit ihnen konfrontiert. Schließlich bleibt ihr als einziger Halt sie selbst, die Überzeugung, die sie aufrecht erhalten muss, daß er es verdient hat.

Es ist also die Frage der Identität dieser/vieler junger ‚Deutschtürken‘ (wie ich sie nennen möchte, weil ich diesen Begriff heute gerade in einem Aufsatz so gelesen habe), die im Hintergrund des Einzelschicksals lauert. In Deutschland fremdeln sie, fühlen sich (und dies trifft sicher auch häufig zu) nicht willkommen – zwei Seiten einer Medaille, die sich gegenseitig verstärken. In der Türkei jedoch sind sie auch fremd, werden nicht mehr als Türken wahrgenommen, die Sprache schon ist anders, zuviel auch haben sie unbewusst vom fremden Land, in dem sie leben, an Verhaltensweisen übernommen, zu wenig wissen sie noch vom Land ihrer Eltern – so daß letztendlich auch sie sich dort fremd fühlen. All das ist keine neue Erkenntnis, das ist bekannt und tausendfach diskutiert – und trotzdem immer wieder, immer noch aktuell. Den Königsweg, dieses Problem mangelnder Integration zu lösen, gibt es nicht, aber eins ist sicher: auf beiden Seiten muss der Wille zu integrieren und sich zu integrieren, vorhanden sein [vgl. 3].

Eine Schlüsselstelle des Romans ist sicherlich das Gespräch zwischen Hazal und Semra in Istanbul. Semra versucht Hazal klar zu machen, daß sie als Freundin gekommen ist, ihr zu helfen, sie will erst einmal erfahren, was überhaupt passiert ist, versucht auch, in Hazal die Erinnerung an das zu wecken, was sie sich früher einmal als Ziel, als Wunsch für ihr Leben vorgestellt hat. Damit kommt sie nicht weit, denn Hazal hat resigniert, die Mauern, die sie um sich herum sieht, scheinen unüberwindlich, sie hat ihr Leben im Grunde, jetzt, nach dem Tod des Studenten, abgeschrieben: … Ich habe immer nur Dinge gemacht, auf die ich keinen Bock hatte, Ich mache nur Dinge, die mir irgendwer befiehlt. Meinst du, ich suche mir das selbst aus? Und jetzt…. …nach dieser ganzen Sache…


Ellbogen entwirft ein düsteres Bild, das leider vieles, was man als Vorurteil über türkische Familien hört und möglicherweise auch selber pflegt, bestätigt. In einer deprimierenden Abwärtsschleife weist der Roman keinen Ausweg aus dem Dilemma von Integration und Traditionskonservierung, denn wenn man schon die türkischen Eltern von ihren Traditionen nicht abbringen kann, sind die Kinder, die zwischen zwei Welten stehen, das schwächste Glied und ausgerechnet das müsste die eigenen Interessen energisch vertreten. Hazal tut einem leid, ein intelligentes Mädchen, das ihre Situation klar reflektieren kann und das unter ihr leidet, das jedoch derart halt- und orientierlungslos ist, daß sie nicht in der Lage ist, die Hilfe, die ihr angeboten wird, anzunehmen.

Im zweiten Teil des Buches läßt Aydemir ihre Handlung vor dem Hintergrund der gewalttätigen politischen Situation in der Türkei spielen. Der unerklärte Krieg gegen die Kurden, Polizeiwillkür, am Schluß der Putschversuch: all das zusätzliche Angstfaktoren für Hazal, denen sie weitgehend hilflos ausgeliefert ist, die Autorin gönnt ihrer ‚Heldin‘ keine Verschnaufpause…

Auch sprachlich hat mich der aus der Perspektive von Hazal als Ich-Erzählerin verfasste Roman überzeugt. Er ist in einem weitgehend nüchtern Ton geschrieben, gewinnt zusätzliche Authentizität durch die zum (ersten) Teil recht vulgären Begriffe, mit denen sich die Mädchen verständigen (von unterhalten will ich jetzt bewusst nicht reden). Vielleicht ist dieser Gebrauch von ‚F-Wörtern‘ eine der wenigen Freiheiten, die sie haben, die Regeln zu ignorieren…

Ellbogen: ein sehr gelungener, kraftvoller, düsterer Roman aus der Lebenswelt junger ‚Deutschtürkinnen‘.

Links und Anmerkungen:

[1] die Wiki zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Fatma_Aydemir
[2] ZEIT Campus: Beim Schreiben bist du Gott; http://www.zeit.de/campus/2017/06/junge-literatur-schrift-autoren
[3] Unter diesem Aspekt dieser Aufruf von Murat Kurnaz interessant: Murat Kurnaz: Ihr habt alle Chancen!,  in:
http://www.zeit.de/2017/42/integration-guantanamo-sozialarbeit-fluechtlinge/komplettansicht (11. Oktober 2017)

Fatma Aydemir
Ellbogen
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca.270 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann

Die junge, aus Köln stammende deutsche Autorin Mariana Leky [1] entführt uns mit ihrem neuen Roman in eine heile Welt, eine heile Welt nicht, weil es dort kein Unglück gäbe oder Leid, sondern heil, weil eben dieses Unglück, dieses Leid ebenso wie das Glück als zum Leben gehörig empfunden wird, als Schicksal, dem man sich anvertrauen und dem man in der Gemeinschaft begegnen kann.

Der Westerwald, mit den Höhen, über die einerseits der Wind so kalt pfeift, andererseits jedoch auch der kleinste Sonnenschein so tief in die Herzen der Menschen hineindringt [2], ist Schauplatz der Geschichte um Selma, deren heimliche Hauptperson, auch wenn eine andere als sie die Ich-Erzählerin ist: Luise, deren Erzählung einsetzt, als sie zehn Jahre alt ist, das ist so die Zeit um Mitte (das heißt im Grund sogar kurz vor ihr) der 80er Jahre. Also noch in der (was man zu dieser Zeit nicht ahnen konnte) relativ gesehen entschleunigten Epoche des Prä-Internets und des Prä-Prä-Smartphones…

Okapi (Okapia johnstoni)
Bildquelle: [3]
Es herrscht so ein Hauch von Übernatürlichkeit, von Magie über der ganzen Geschichte, angefangen mit dem spektakulären Aufhänger, daß jedesmal, wenn Selma im Traum ein Okapi erscheint, jemand sterben wird im Ort. Nun muß man aber als Leser/-in keine Angst haben, daß dieser Todesbote allzu häufig erscheint, zum einen ist das Okapi ein Einzelgänger, zum anderen scheut die Autorin vor einem Massensterben, denn mehr noch als der Tod ist die Liebe Thema des Romans, die Liebe als Agape, mit einem Spritzer Amor und einem zarten, ganz zarten Hauch von Erotik.

Selma also, um zu den Figuren zu kommen und deren Verhältnis zueinander, ist die Mutter von Peter, welcher der Mann ist von Astrid, beide zusammen sind die Eltern von Luise. Selma war früher verheiratet mit Heinrich, dieser aber ist schon lange tot, jedenfalls war Selma somit schon Teil eines Paares und so versteht sie die Frage, ob sie sich dies zu sein wiederum und nochmals vorstellen könne und dies mit Dietrich Hahnberg, nicht oder gibt vor, sie nicht zu verstehen und so bleibt Dietrich Hahnberg mit seiner unerklärten Liebe,  von der nichtsdestotrozt der ganze Ort – außer Selma – weiß, und seinen inneren Stimmen, die ihm die Unerklärbarkeit dieser Liebe zu jeder Stunde einflüstern, allein. Ob dies letztendlich und am Schluß gut war oder nicht gut war, wer mag dies schon zu beurteilen, die vielen Anfänge eines Versuchs, sich zu offenbaren, die er schuf, sie jedenfalls sollten am Ende noch einmal Frieden und Verbundenheit schaffen. Jener oben erwähnte Heinrich, um diese vorwegnehmende Abschweifung zu beenden, wiederum hatte eine Schwester, die noch lebt und sich auskennt in der magischen Wirkung von Kräutern, Pflanzen und Gesten (nüchterne Naturen würden sagen, sie frönt dem Aberglauben): Elsbeth hatte etwas gegen Gicht, gegen ausbleibende Liebe und ausbleibenden Kindersegen, gegen unausgebliebene Hämorrhoiden und quer liegende ungeborene Kälber…

Der Junge Martin ist nur kurz in der Geschichte, möglicherweise wollte uns die Autorin damit klarmachen, daß die Welt keine Gewichtheber braucht, während Frederik am Ende der Geschichte hoffentlich (so der feste Glaube beim Lesen) der Beginn einer anderen Geschichte ist, die im Grunde schon acht Jahre (Elsbeth würde an dieser Stelle darauf hinweisen, daß genau diese Ziffer ‚8‘ nicht nur beim Chinesen mit Kostbarkeiten, sondern im Buddhismus auch mit Glückssymbolen verknüpft ist, wobei meine plötzliche Erwähnung dieser östlichen Religion keineswegs willkürlich ist, sondern ihren Grund hat) und über siebenhundert Briefe dauert. Wobei einem Andreas, dieser nachvollziehbare Umweg, den Luise einschlägt (oder auch – ohne daß dies doppeldeutig gemeint ist – diese Sackgasse), etwas dauert. Palm und Marlies sind noch zu erwähnen als die in der Geschichte, bei denen die dunkle Seite vorherrscht: Palm, ein Mensch, der kein Problem mit Alkohol hat, solange welcher vorhanden ist und Marlies, die kein Problem mit Menschen hat, solange sie keine trifft… Doch würde das Buch nicht von der Liebe handeln, wenn nicht auch diese beiden letzt- und schluß- und endlich zu ihrem oder wenigstens zu einem Frieden kämen….

Bleibt wohl nur noch Alaska ausführlicher zu erwähnen (auch noch auf Alberto einzugehen, Herrn Rödder oder die Zwillinge, von denen Luise einmal einen küsst bei einem Fest nach dem Genuss eines gesellschaftlich akzeptieren Rauschmittels, führte zu weit), ihn zu verschweigen, wäre unverzeihbar, begleitet er uns, vor allem aber diese ganzen liebenswerten Figuren durch all die Jahre. . Alaska, der riesige Hund mit der übernatürlich langen Lebensspanne, dem Vater von seinem Psychoanalytiker als Symbol empfohlen, an dem er seinen Schmerz abladen kann… Und – mal abgesehen davon – ist er derjenige, der die Umstände schuf, unter denen Luise und Frederik sich kennenlernten.


Ein Kosmos manchmal etwas kauzig wirkender Figuren, die eine Gemeinschaft bilden, aufeinander acht geben und für einander da sind. Dies fällt nicht immer leicht, besonders wenn man als Kind zur traurigen Marlies geschickt wird, die einem Erbsen aus der Dose mit kalten Kartoffelbrei zum Essen anbietet, das man nicht ablehnen darf, weil sie dann noch trauriger wird… Gut, wenn man dann einen Freund hat, der seinen eigenen Teller hinunterwürgt und das, was man selber nicht schafft, in die Hosentasche steckt, und es bald so aussieht, als hätte er es nicht rechtzeitig zur Toilette geschafft…

Es sind wunderbar skurrile Szenen in dieser Geschichte, so zum Beispiele diese, als Luise und Martin bei der traurigen Marlies sind: „Warum stehst du denn?“ fragte Marlies. Ich stand da, weil ich den Erbsenkartoffelbrei in Martins Hose nicht an ihn herandrücken wollte. – „Weil es keinen Stuhl gibt“ sagte ich. – Setz dich doch wieder auf deinen Freund“, sagte Marlies, „du machst mich ganz nervös, wenn du so dastehst.“ – Ich dachte an den Optiker, der wegen seines Rückens oft nicht sitzen konnte. „Ich habe es mit den Bandscheiben“, sagte ich, „weil ich einer vorwiegend sitzenden Tätigkeit nachgehe.“ – „So jung und schon so kaputt“, seufzte Marlies. Oder die Erwähnung von „Gabys Erotikstübchen“, was so anheimelnd nach Rüschen klingt und Mokkatässchen und hinterher (wenn man Herrn Jeremy oder Frau Lords lange genug bei der Arbeit zugeschaut hat) noch ein Eierlikörchen obendrauf. Für die Verdauung, weil die Buttercremetorte wieder so mächtig war…

Es ist nicht alles Sonnenschein in diesem Westerwälder Dorf. Die traurige Marlies habe ich schon zur Genüge erwähnt, den Optiker, den die inneren Stimmen quälen und die (gar nicht so) heimliche Liebe zu Selma, Palm, den der Alkohol fast zum Mörder macht und der nach der Katastrophe seines Lebens zum Bibelausleger wird und um den man sich kümmern muss, um den man sich kümmert, damit er wenigstens immer dabei ist. Peter, dem das alles zu eng ist und Astrid, die sich mit der Frage herumschlägt, ob sie ihren Mann verlassen soll, selbst als sie schon längst neben Alberto nächtigt. Selmas Haus, das Stellen hat, an denen der Boden so dünn ist, daß man durchbräche, betrete man sie, doch davor warnen die roten Linien auf dem Boden (ein schönes Symbol, das sich trefflich interpretieren ließe…).

Insgesamt überstreicht Lekys wunderbare Geschichte einen Zeitraum von gut zwanzig Jahren. Luise ist am Ende eine junge Frau, die ihren Platz im Leben noch nicht so richtig gefunden hat, weil die Liebe, die sie im Herzen mit sich herumträgt und die sie wohl verleugnen, aber nicht wegzaubern kann, dies verhindert. Aber wer wollte ernsthaft daran zweifeln, daß Frederic, der die Rituale der Gemeinschaft, inclusive des diensttäglichen Rehverjagens durch lautes Türenzuschmeissen schnell verinnerlicht hat, dies auch musste, weil Luise jetzt diejenige ist, die auf Reisen geht und er auf sie warten muss, daß Frederic also und Luise ein glückliches Paar werden…

Lekys Roman in seiner eingängigen, einhüllenden, von der Liebe und Zuneigung zu seinen Figuren geprägten Sprache liest sich wie von selbst. Er ist eine Liebeserklärung an die(se) dörfliche Gemeinschaft, die Anteil nimmt und hat am jeweiligen Leben, die niemanden ausschließt um des Preises willen, daß es im Grunde keine Geheimnisse gibt: „Luise bekommt demnächst Besuch aus Japan“, sagte im Oktober Selma zu Elsbeth und band ihr auf die Seele, es nicht weiterzusagen, weil sie nicht wusste, ob es mir recht war, und die Bänder um Elsbeths Seele hielten genau bis zum Einzelhändler.

Jetzt habe ich gar nichts über das Okapi gesagt, das ganz offensichtlich der Untergang des Westerwalds beziehungsweise seiner Bevölkerung bedeutet. Das ist natürlich etwas übertrieben, dreimal insgesamt träumte Selma ein Okapi und aus der Tatsache der drei Tode, die dem Traum folgten, schlussfolgerte man diesen Zusammenhang. Interessant sind zwei Aspekte dieses Traumes: zum einen war Peter jetzt zwar nicht unbedingt erpicht auf eine Mondfahrt, aber die Welt im Dorf war ihm zu eng, deswegen war es sein Spruch Ihr müsst mehr Welt hereinlassen! Aber kann man mehr Welt hineinlassen als ein Okapi, das ja von ganz weit wech herkommt? Bedeutet das, daß die Welt, wenn man sie hineinläßt, ihren Preis fordert, ja, den Tod bringt, man als Gemeinschaft bereit sein muss, ein Opfer zu bringen? Und das zweite ist, sofern man diesen Zusammenhang ernst und als gegeben nimmt, daß bei jedem der Dorfbewohner als potentiellem Sterbekandidaten die Frage auftaucht: Was mache ich in den möglicherweise letzten vierundzwanzig Stunden meines Lebens?

Wie immer man diese Fragen (und andere) auch für sich selbst beantworten mag, sofern sie sich uns überhaupt stellen, was nicht automatisch der Fall sein muss, aber natürlich auch nicht ganz unwahrscheinlich ist, Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky ist in jedem Fall ein wunderschöner, gefühlvoller, empathischer Roman ganz einfach über das Leben und die Menschen darin…

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag über die Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Mariana_Leky
[2] nur für die Unerschrockenen, die, die sich vor gar nichts fürchten: https://www.youtube.com/watch?v=D7Ieq2xInrI
[3] Bildquelle: Raul654 (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D, via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Okapi2.jpg?uselang=de)

Mariana Leky
Was man von hier aus sehen kann
diese Ausgabe: DuMont Buchverlag, HC, ca. 320 S., 2017 

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars.

Julia Rothenburg: Koslik ist krank

…..denn ohne dass er etwas Böses getan hätte,
wurde er eines Morgens verhaftet.“

Was hier der hochberühmte Schriftsteller K. seinem Protagonisten Josef K. erleiden liess [3], transferiert die junge, in Berlin geborene Autorin Julia Rothenburg [1] für ihre Hauptperson K, die in ihrem Roman jedoch einen vollständigen Namen führt, welcher Koslik lautet, in einen anderes, aber ebenso unangreifbar scheinendes, im Dunkeln und anonym wirkendes System als das der Justiz: sie liefert den um die vierzig Jahre alten René Koslik dem deutschen Gesundheitssystem aus. Denn ohne dass dieser etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens von Schwindel erfasst, von Taubheit in den Beinen gar und anderen Malaisen, von einer Symptomatik also, die er sofort mit einem möglicherweise erlittenen Schlaganfall in Verbindung brachte und durchaus logisch und berechtigt suchte Koslik die ‚Stroke Unit‘ des Universitätskrankenhauses seiner Wohnstadt Freiburg [2] auf.

Dort also ist er jetzt und verläßt dieses während des kammerartig aufgebauten Stückes, das Rothenburg ablaufen läßt, aus – wie ihm erläutert wird – Versicherungsgründen nur sehr sporadisch und erst am Schluss des Romans endgültig: das Krankenhaus mit seinen freiheitsbeschränkenden Randbedingungen fungiert für ihn als eine Art Gefängnis, in das sich Koslik jedoch nahezu freiwillig fügt. Selbst eine im Verlauf des Aufenthalts sich ergebende ‚Flucht’möglichkeit (ein Versäumnis der Klinikplanung, was ist hier eigentlich mit der dräuenden Gefahr eines immer möglichen Haftpflichtfalles?) wird er nicht nutzen. Wie ein Gefängnis tritt das Haus auch in Erscheinung: grau ist die vorherrschende Farbe, quietschende Linoleumböden, endlose Flure und Gänge, in denen sich der Einzelne verloren fühlt, billiges, schäbiges Plastikmobiliar [2]. Selbst der Himmel über Freiburg betrübt häufig durch dieses farblose Grauen. Die Pfleger und Schwestern, aber auch die Ärzte, kommen ähnlich farb- und konturlos daher, die Hierarchie dieses Ortes jedoch ist klar und unangreifbar: die Funktion des Patienten ist der Gehorsam und die Fügsamkeit unter das System.

Auf seinem Weg durch das Krankenhauslabyrinth quert Koslik die Wege anderer Mitpatienten: Friese, der bewegungsunfähig in seinem Bett liegt und sein Leid zu dulden hat, inclusive der später einsetzenden Ernährung mit der PEG; Bude, der Rheinländer mit dem aus dem tiefem Grund seines Leibes hinaufrollenden Lachen, das ihm aber im Lauf der Tage vergeht, bis er für Koslik unsichtbar und aus Datenschutzgründen vom Personal nicht erläuterbar, einfach nicht mehr da ist.

Wirklich kritisch für Koslik ist dagegen ein anderer Patient, auf den er unvermutet trifft, bzw. der ihn trifft, denn Koslik selbst wäre ihm wahrscheinlich aus dem Weg gegangen, hätte dies in seinen Möglichkeiten gelegen. Frank, ein Kommilitone aus noch gar nicht so lange zurückliegenden Studienzeiten. Das Verhältnis mit Frank, dessen Charakter so ganz anders ist als der des eher introvertierten und sich abschottenden Koslik, ist gespannt, es hat Ereignisse gegeben, die die damalige Freundschaft belasteten. Marlies ist eine dieser Belastungen, Marlies, Ex-Freundin von Koslik, die plötzlich im Krankenhaus auftaucht – als Besuch von Frank…

Diese Koslik bis ins Innere belastenden Begegnungen sind nicht die einzigen Herausforderungen, denen er sich im Lauf seinen Aufenthalts stellen muss. Da ist noch die Familie, beziehungsweise die Mutter und zwei Schwestern, auch diese müssen informiert werden, eine Aufgabe, vor der sich Koslik am liebsten drücken würde, aber er braucht ein paar Sachen zum Anziehen und hat sonst niemanden… Zwar ist das Verhältnis zur einen Schwester nicht wirklich gut, zur Mutter erst recht nicht, aber es sind eben Schwester und Mutter, das verpflichtet.

Auf seiner Arbeitsstelle, der VHS, hinterläßt er nur eine Nachricht auf dem Anfrufbeantworter. Bei einem späteren Gespräch erfährt man, daß man ihm alles Gute wünscht, natürlich, des weiteren, daß seine Kurse aber problemlos von einem Kollegen übernommen worden sind.


Rothenburg schildert die klaustrophobe Situation in diesem Krankenhaus ihres Romans mit beängstigender Intensität. Ob verschuldet oder nicht verschuldet, sprich, ob krank oder nicht krank: wer hier eingeliefert ist, hat seiner Entmündigung zugestimmt. So ist auch bei Koslik schnell klar, daß er gesund ist beziehungsweise keine Ursache für seine sowieso schnell wieder abgeklungenen Symptome gefunden werden konnte, daß man aber zur Sicherheit weitere Diagnosen abwarten müsse, frei nach dem Motto: wenn wir nur tief genug graben, werden wir etwas finden. Diese suggestive Kraft (wer will nicht gesund sein und alles dafür tun?) ist – unabhängig davon, daß die Ärzte in ihrem Machtbewusstsein ohne Rücksprache mit Koslik (er ist im Grund als Mensch völlig überflüssig, sondern nur Objekt weiterer diognostischer Möglichkeit wichtig) einfach anordnen, so stark, daß Koslik sich in kürzester Zeit tatsächlich krank fühlt, seinen Herzschlag aufs Genaueste beobachtet, die Schwäche der Beine, wenn er läuft, wahrnimmt, und überhaupt – dieses schlappe Gefühl und das Bedürfnis nach Schlaf… bald scheint Koslik bereit, die schlimmste Diagnose bereitwillig zu vermuten, giert geradezu danach, durch weitere Untersuchungen abzuklären: Langzeit-EKG, Herzecho, MRT… sein Aufenthalt zieht sich hin, denn hinter den Kulissen des Krankenhauses läuft es nicht rund, treten Fehler auf, die Zeit kosten. Die er dann herumbringen muss, mit sinnlosen Spaziergängen, im Aufenthaltsraum, der die Gefahr birgt, Frank zu begegnen, im Zimmer dösend und schlafend, langsam zu einem Teil des Graus werdend, das ihn umgibt.

Sich ganz aus den Zwängen der äußeren Lebenssituation herausgelöst findend, arbeiten sich in Koslik die verdrängten Probleme seines Lebens langsam an die Oberfläche. Hat nicht die eine Frau im Speisesaal, eine Maltherapeutin, darüber geredet, Krankheiten wären die Antwort des Körpers auf solche verdrängten Probleme? Bei Koslik jedenfalls tauchen sie auf, diese längst vergangenen Ereignisse und brechen sich Bahn nach außen. In dieser Hinsicht gleicht das Krankenhaus einer Art Exerzitie, in der der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen wird, sich selbst in den Mittelpunkt seiner Achtsamkeit stellt und dem Un(ter)bewussten keine Schranke mehr auferlegt wird. Dementsprechend kräftig sind die Verwerfungen, die diese Bilder und Erinnerungen in Koslik hervorrufen.


Koslik ist krank ist ein beeindruckend intensiver Text einer jungen Autorin, die Kafkas Plot des Prozesses, in dem ein Mann einer anonym agierenden Macht unterworfen wird und sich ihr selbst unterwirft, in die Neuzeit und in eine neue Situation transferiert, in der sie ihren Protagonisten quasi zwingt, sich grüblerisch einer Selbsterforschung auszusetzen. Das Stück ist klaustrophob, vielschichtig, beängstigend und was die Krankenhaussituation betrifft, sogar ein wenig dystopisch; es läßt sehr auf weitere Werke der Autorin gespannt sein.

Links und Anmerkungen:

[1] im Internet ist über die Autorin noch nicht so viel zu erfahren, aber es gibt eine Facebook-Seite:
https://www.facebook.com/julia1rot und die Webseite der Autorin selbst:  https://www.juliarothenburg.de/jr/
[2] https://www.juliarothenburg.de/aktuelles/
in der Bildergalerie ist das von Rothenburg geschilderte triste Ambiente dieses ungastlichen Ortes schön zu erkennen….
[3] Franz Kafka: Der Prozess; Besprechung hier im Blog:
https://radiergummi.wordpress.com/2010/12/19/franz-kafka-der-prozess/

Julia Rothenburg
Koslik ist krank
diese Ausgabe: FVA, HC, ca. 256 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Christoph Hein: Horns Ende

Christoph Heins erster Roman aus dem Jahr 1985 führt uns in eine mittlerweile weit entfernt scheinende Vergangenheit. Die Handlung ist angesiedelt in einer Kleinstadt, einer Kurstadt in der Nähe Leipzigs, im Jahr 1957, sie spielt in der damaligen DDR. Das Schlüsselereignis der Romans ist schon im Titel festgestellt, es ist Horns Ende und es gilt das gleich anfangs getroffende Diktum, daß der Tod eines Mannes wie Horn ausreichen [sollte], um diese Stadt wie ein biblisches Gomorrha auszutilgen.

Die Geschehnisse, um die es geht, sind wie schon gesagt, im Jahr 1957 angesiedelt, sie werden jedoch aus der Rückschau geschildert. Es ist kein Einzelner, der sich erinnert, Hein läßt verschiedene Personen aus dieser Stadt zu Wort kommen, aus deren Erinnerungen sich ein Gesamtbild ergibt: Dr. Spodeck, einer der örtlichen Ärzte gehört dazu, Gertrude Fischlinger, die einen Krämerladen betreibt und bei der Horn über Jahre als Untermieter lebte, der Bürgermeister Kruschkatz, der am Schicksal Horns (mit)verantwortlich ist, sie waren einst in Leipzig Genossen, damals war Horn noch Dr. Horn, aber Stellung und Titel wurden ihm, nachdem er denunziert worden war, seinerzeit aberkannt. Mit Thomas, dem Sohn des Apothekers werden die Erinnerungen das damals elfjährigen Kindes wiedergegeben, dessen Freund Paul, der unerzogene Sohn der Gertrude Fischlinger, Horn damals gefunden hatte und der dieses Bild (… sie waren völlig verändert. Ihre Zunge, ihre Lippen …) sein Leben lang nicht vergessen konnte. Etwas anders sind die Erinnerungen Marlenes, eines verwirrten Mädchen, bzw. mittlerweile einer verwirrten jungen Frau mit einem ganz besonderen Schicksal: sie hat die unter den Nazis Denunziation als lebensunwertes Leben überlebt – dies aber nur, weil die Mutter ein schreckliches Opfer erbrachte. Gohl, ihr Vater, arbeitet jetzt im Museum, Thomas ist oft bei ihm, ansonsten hat er keinen Kontakt ins Städtchen und hat sich völlig zurückgezogen. Aber der Chef der Zigeunersippe, die sich in diesem Jahr Ende Mai auf dem großen Platz im Zentrum niederläßt, besucht ihn, und zwar nur ihn, sonst niemanden, so wenig wie die Zigeuner sich überhaupt um die Anordnungen des Bürgermeister kümmern, der sie auf einen abseits gelegenen Platz manövrieren will.

Was sich in dieser Stadt um Horn herum ereignete, läßt sich in groben Zügen so zusammenfassen: Horn arbeitet als Leiter des kleinen, örtlichem Museums, er ist unzugänglich, abweisend, schroff. Seine Bestrafung und Verurteilung hat nicht dazu geführt, daß er seine Ansichten geändert hat, nach wie vor glaubt er sich im Recht – und daß ihm Unrecht geschehen ist, die Anbiederungen Kruschkatz‘, der sich mit ihm ‚aussöhnen‘ will, weist er strikt zurück. Horn veranstaltet regelmäßige Abende im Museum, die zu den wenigen kulturellen Veranstaltungen in der Stadt gehören, auch wenn diese Abende nur von wenigen besucht werden. Horn hält zu diesen Gelegenheiten lokalhistorische Vorträge, mit denen er jedoch wiederum bei Linientreuen aneckt, Bachofen ist so einer, der Stellvertreter des Bürgermeisters. Dieser jedoch lehnt es ab, des- und eines anderen, nochmalig ’schweren Fehlers‘ wegen gegen Horn vorzugehen. Er wird daraufhin selber denunziert und muss sich vor einer Kommission rechtfertigen.

Horns Tod, sein Suizid, ist ein letzter, stummer Protest dieses Mannes, der das Unrecht nicht mehr ertrug und der allen klarmachen wollte, welche Schuld sie tragen, was sie mit ihrem Verhalten zu verantworten haben.


Heins Roman ist aber weit mehr als die Darstellung dieses skizzierten individuellen Schicksals der Titelfigur. Es ist auch eine Auseinandersetzung mit den Verhältnissen in der DDR. Das Buch ist in acht Kapitel unterteilt, jedem Kapitel ist ein Dialog vorangestellt zwischen dem toten Horn und dem inzwischen gealterten (… es sind Jahre vergangen. Sehen Sie mich an, ich habe graue Haare.) Thomas. Der Tote findet keine Ruhe, er will wissen, was danach, nach seinem Tod geschehen ist, er pocht darauf, daß man sich erinnert (so wie auch er sich zu Lebzeiten immer an das ihm zugefügte Unrecht erinnert hat), daß man nicht vergißt, denn nur der, an den sich niemand erinnert, ist wirklich und endgültig tot…. Ein Satz, der sich in seinem Geltungsbereich ausweiten läßt auf die Ermordung der Juden, die der Zigeuner (die nach diesem Sommer nie wieder in der Stadt erscheinen sollten, also auch bildlich dem Vergessen anheim fallen werden wie der tote Horn) und der Ausmerzung des ‚unwerten Lebens‘, hier in der Figur der äußerst zurückgezogen lebenden Marlene.

Überhaupt die Erinnerung – Überlegungen zu ihr nehmen einen wichtigen Teil des Textes ein. Es gibt Passage, in der Thomas im Schlafzimmer der Eltern vor einem dieser alten dreiteiligen Spiegel sitzt, deren Außenflügel verstellbar sind. Je nachdem, wie man sie stellt, verändern sich die Bilder, Teile verschwinden, werden verzerrt oder ‚verkehrt‘ wiedergegeben. Damit wird der Spiegel zum Bild für die Erinnerung, die notwendigerweise immer auch durch die individuellen Charakteristika der jeweiligen Person geprägt ist und sich daher von der anderer unterscheidet: jede Erinnerung ist so wie auch jede Wahrheit relativ und nicht absolut. Auch dies ein ‚Angriff‘ auf den in der DDR offiziell herrschenden sozialistischen Realismus, der ein Absolutes vertritt.

Die Zigeuner mit ihren Pferden, Pferden, die sie den Bauern vermieten, die damit ihre Felder bewirtschaften – und die so dem politischen Druck zur Kollektivierung ausweichen können, zum Verdruss der Linientreuen.

Ganz im Gegensatz zum vermeintlichen Vergessen des alten Thomas steht die Ausführlichkeit der Erinnerungen der einzelnen Figuren im Roman. Diese Erinnerungen gehen weit über das Horn Betreffende hinaus, sie gehen weit in die Vergangenheit der jeweiligen Personen zurück, schildern ihr Leben, das meist trost- und freudlos war, von Demütigungen geprägt und fremdbestimmt. Dr. Spodeck beispielsweise, Sohn (einer von vielen, die der dominante Vater, ein ‚Wohltäter‘ der Stadt, in selbiger ausgesät hatte) eines Fabrikanten, wurde von diesem dazu ausgewählt, Medizin zu studieren und später die durch den Vater aufgekaufte Praxis zu übernehmen. Nur alle paar Jahre erschien der Sohn beim Vater zum demütigende Befehlsempfang, seiner Mutter zuliebe, wie er sich einzureden versuchte, in Wahrheit jedoch, weil der gegen den Vater nicht ankam…

Oder Gertrude Fischlinger, vom schlechten Mann schnell einer anderen wegen verlassen, mit der Erziehung ihres Sohnes heillos überfordert, selbst krank und malade und allein…. bei ihr wird Horn einquartiert, ein Untermieter, der für sie quasi unsichtbar bleiben sollte, bis auf eine unvermutete kurze Zeit der Wärme, die sich diese beiden Einsamen gegenseitig spenden sollten….

Thomas, der Sohn des Apothekers, noch in wilhelminischer Atmosphäre erzogen: der Kopf des Knaben vom Vater bei der Begrüßung von Entgegenkommenden noch weiter nach unten gedrückt, eine sehr symbolische Handlung. Der Vater, überhöht auf einem Podest stehend für das Kind, allmächtig, unangreifbar: selbst für die Hefte mit den spärlich bekleideten Damen, die Thomas beim heimlichen Durchsuchen der Bibliothek des Vaters hinter den Klassikern versteckt, findet, sucht sich der Knabe Vorwände…

Kruschkatz natürlich… ohne Ausbildung und Qualifikation hat sich dieser Mann hochgearbeitet, Stufe und Stufe einer Karriereleiter genommen, der er mit dem Bürgermeisterposten eine neue Stufe hinzufügen wollte. Eine Stufe, die er nicht nehmen sollte, an der er scheitern wird, beruflich und auch privat. Seine Frau, ohne die er nicht leben kann und die er aus Leipzig zu sich holt mit dem Versprechen, daß sie dort nicht beerdigt werden würde (man also in absehbarer Zeit das Städtchen wieder verließe) wendet sich von ihm ab, sagt ihm emotionslos, daß sie sich vor ihm ekelt, macht ihn ebenso für Horns Tod verantwortlich.

Es ist eine graue, trostlose Welt, die Hein schildert, trostlos die Figuren wie die graue Stadt mit ihrem zerfallenden Bahnhof. Von den Figuren ist keiner ein Sympathieträger, Mitleid ja, aber mehr? Selbst Horn bleibt fremd, ist dem Leser gegenüber genauso schroff und abweisend wie als Figur seinen Gegenübern.

Horns Ende von Hein (und hier bedanke ich mich sehr bei den Kolleginnen von meinem Lesekreis, durch die ich viele Anregungen erhalten habe): ein kleiner, intelligenter und auch ein wenig ein subversiver Roman über eine DDR, die es zwar nicht mehr gibt, die aber als Prototyp jeder Diktatur bzw. jedes autoritären Regimes gelten kann.

Links und Anmerkungen:

Von Christoph Hein habe ich hier im Blog schon folgende Romane besprochen:

– Frau Paula Trousseau
– Glückskind mit Vater

Christoph Hein
Horns Ende
DDR-Ausgabe: Berlin-Weimar, 1985

diese Ausgabe (Erstausgabe): Luchterhand, HC, ca. 266 S., 1985