Während der vierzig Jahre hatte ich oft an dieses bewundernswürdige und reine Mädchen gedacht, das ohne jeden Zweifel zu der Kategorie der nicht eben zahlreichen Gerechten in der modernen Welt gehört.

(Marthe Pècher, 1981, in deren kleinem Hotel Charlotte die zwei Jahre lebte, in der sie ihr Werk schuf.)

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Die Künstlerin Charlotte Salomon lebte vom April 1917 bis zum Oktober 1943. Sie war Jüdin, das reichte einer wahnwitzigen, damals staatstragenden Idee, sie zu ermorden, ihren Leichnam zu verbrennen. Ihre Asche, die aus den Schornstein Auschwitz` ausgespuckt worden ist, hat die Wälder der Umgebung gedüngt; ich schreibe dies, weil ich gerade in einem anderen Zusammenhang mit einer Freundin geredet habe, die aus nämlich Grunde die Wälder um Hadamar, einer Anstalt, in der ‚lebensunwertes Leben‘ vernichtet wurde, nicht anschauen kann. An diesen Aspekt denkt man selten.

Charlotte Salomon wurde als einziges Kind in eine zur Berliner Gesellschaft gehörende Familie geboren. Ihre Mutter, Franziska Grunwald, und ihr Vater Albert Salomon hatten sich im Krieg kennengelernt. Albert war Chirurg und Franziska hatte sich gegen den erklärten Willen der Eltern als Hilfskrankenschwester gemeldet.

Als Albert um die Hand Franziskas anhielt, waren die Eltern nicht sonderlich begeistert, sie hatten sich etwas ‚besseres‘ für ihre Tochter gewünscht, aber schließlich willigten sie in die Hochzeit ein. Zu diesem Zeitpunkt war Albert die tragische Suizidserie in der mütterlichen Linie der Familie nicht bekannt, er wusste nur von der Selbsttötung der Schwester Franziskas, nach der sie später ihre Tochter Charlotte benannten.

Franziska hatte nach der Hochzeit mit ihrer Arbeit im Hospital aufgehört, ihre Aufgabe war jetzt das Führen des Haushalts und die Pflege gesellschaftlicher Pflichten. Albert Salomon machte im Lauf der nächsten Jahre eine Karriere als Arzt und Professor.

Die Tochter Charlotte wurde 1917 geboren. Die erste Zeit, der Mann war noch im Krieg und arbeitete, ohne daß Franziska dies ahnte, in einem Feldlazarett an der Front, war sicherlich trotz Kindermädchen nicht einfach, Charlotte war ein Schreikind, niemand hatte sie gefragt, ob es ihr recht sei, auf diese Welt zu kommen, und der grundsätzliche Protest dagegen weitete sich schon in ihrer Kindheit auf alle Versuche anderer Menschen aus, über ihr Leben zu verfügen.

Aber selbstverständlich gedieh das Kind, nahm zu an Alter und Vorwitz, war hinreißend altklug und eigensinnig verbockt. Ließ sich die Energie des Mädchens im Vorschulalter noch durch sportliche Aktivitäten lenken, kam es nach der Einschulung zu Schwierigkeiten. Die Lehrer beschwerten sich und beschrieben die Sechsjährige als widerspenstig, ungehorsam und trotzköpfig. Auch zu Hause wurde das Mädchen den Erwartungen, die insbesondere die Großeltern an ein Kind ihrer Gesellschaftsschicht stellen, nur selten gerecht.

Um diese Zeit muss es auch begonnen haben, daß Franziskas Leben sich verdunkelte. Nicht in der Öffentlichkeit oder Gästen gegenüber, dort nahm sie ihre Pflichten war, aber in den stillen Stunden zu Hause fühlte sie sich immer öfter wie von einer ’schwarzen Walze‘ überrollt, die sie mit einem düsteren Trauerkleid zu umhüllen begann, welches schließlich als tiefschwarze Trauergarderobe jede Farbe und alles Licht in sich aufgesogen hatte.

Auf Betreiben der Großmtter  sagten sie dem Kind Charlotte, die Mutter sei sehr plötzlich an Grippe erkrankt und gestorben, erst viele Jahre später sollte sie als erwachsene Frau die Wahrheit erfahren. Das Kind trauerte um die geliebte Mutter, zog sich zurück, wurde schwierig, einzelgängerisch, vergrätzte ein Kindermädchen nach dem anderen, die Schulleistungen waren nicht besonders. Der Vater hatte wenig Zeit bei seinem Beruf, war ratlos, was aus dem Mädchen mal werden sollte, er ahnte aber, daß sie von der Mutter eine künstlerische Begabung mitbekommen hatte. Die Großeltern Marianne und Ludwig Grunwald wollten in die Erziehung des problematischen Kindes eingreifen, sie nahmen sie mit in einen Urlaub in das Engadin. Auch dort fiel das sich langweilende Kind durch Streiche eher unangenehm auf, bis sie zufällig eine junge Frau traf, an die sie sich wie eine Klette hängte. Zwar konnte diese Marie den Regen auch nicht stoppen, aber gegen die Langeweile hatte sie ein Rezept: zeichnen und malen… hier, in der Stube des Aussiedlerhofs, mit Blick über die verregneten Wiesen in die grauen Berge hinein, hier machte Charlotte Salomen ihre allerersten Schritte hin zu ihrer Berufung….

Es dauerte ungefähr vier Jahre, bis Albert Salomon auf einer Abendgesellschaft (Veranstaltungen, zu denen er nur selten und eher ungern geht) eine Frau traf, die er näher kennen lernen wollte. Paula Lindberg war eine bekannte und gefragte Sängerin, die auf sein Werben einging. Ob dies eine Heirat (1930) aus Liebe oder von Paulas Seite aus aus einer gewissen, nicht bösartigen Berechnung, geworden war, läßt Greiner ein wenig im Dunkeln: Albert Salomon hatte einen bekannten Nebenbuhler, Kurt Singer, ein vielbeschäftiger Mann aus der Kulturszene, der spätere Gründer des Jüdischen Kulturbundes [3]. Paula Lindberg jedenfalls hatte die Befürchtung, von diesem nur für seine Zwecke ausgenutzt zu werden, falls sie ihn erhören würde. Paula und Charlotte dagegen… Paula gewann dieses Mädchen schnell lieb und Charlotte vergötterte Paula, ihre Stiefmutter. So normalisierten sich in der Folgezeit die Verhältnisse im Hause Salomon.

Was sich nicht normalisierte, sondern im Gegenteil aus dem Ruder lief, waren die politischen Verhältnisse. Charlotte war zehn Jahre alt, als sie das erste Mal den Begriff ‚Judenbengel‘ hört und ihren Vater fragte, was denn damit gemeint sei. Albert Salomon aus dieser voll assimilierten Familie sah sich gezwungen, seiner Tochter zu sagen, daß sie selbst Jüdin ist und was das überhaupt heißt, Jude zu sein…

1933, drei Jahre nach der Hochzeit, wurden öffentliche Auftritte von Juden, also auch von Paula Lindberg, geb. Levi, verboten. Im gleichen Jahr wurde dem Professor Albert Salomon die Lehrbefähigung entzogen, der schon genannte Kurt Singer gründete den ‚Kulturbund Deutscher Juden‘, hier konnte auch Paula Lindberg noch ein Weile auftreten. Charlotte Salomon verließ das Gymnasium, weil sie, die Jüdin, dort diskrimiert wurde. Zur gleichen Zeit emigrierten die Großeltern, für kurze Zeit gingen sie nach Rom; als dort die Faschisten an die Macht kamen, zogen sie 1934 weiter nach Südfrankreich.

Charlottes Besuch einer Modezeichnerschule war nicht erfolgreich, sie nahm jedoch privaten Zeichenunterricht. Im Herbst 1935 wurde sie auf Probe an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst angenommen, doch schon zwei Jahre später verließ sie die Schule wieder, weil sie als Jüdin den ersten Platz eines Wettbewerbs, den sie gewonnen hatte, nicht annehmen durfte.

Bestimmend für das weitere, kurzes Leben Charlottes sollte die Bekanntschaft mit Albert Wolfsohn werden, der als Gesangspädagoge in das Haus Salomon kam. Charlotte verliebte sich in diesen exaltierten, durch Weltkriegserlebnisse traumatisierten Mann, der zu keiner Sekunde merkte, wie sehr sich Charlotte in ihn verliebt hat und der sich ihr meist mit schmerzender Gleichgültigkeit näherte – oder eben auch nicht….

Die Lagerhaft Albert Salomons in Sachsenhausen (1938), aus der ihn Paula mit Hilfe vieler Bekannter befreien konnte, raubte die letzten Illusionen. Charlotte wurde nach Südfrankreich zu den Großeltern geschickt, dort wähnten sie die Eltern in Sicherheit. Paula und Albert wollten in die USA emigrieren und Charlotte dann nachholen, ein Plan, der nicht umgesetzt werden konnte.


In Villefranche bei Nizza sind die Großeltern bei einer Amerikanerin, Ottilie Moore, untergekommen, die auf einem großzügigen, naturnahen Grundstück lebt und dort elternlos gewordene Kinder aufnimmt. Die Großeltern haben sich sehr verändert, die Großmutter ist ängstlich geworden, hat sich in sich zurückgezogen, der Großvater grantelt und ist mit allem unzufrieden. Beide bestehen darauf, die Verhältnisse, die sie aus Berlin gewohnt waren, möglichst auch in ihrem Exil beizubehalten. Dies führt zu häufigen Spannungen und als der Großvater dabei ertappt wird, mit völliger Selbstverständlichkeit Lebensmittel aus dem Vorratsraum zu stehlen, werden die Großeltern von Ottilie Moore rausgeschmissen. Die stille, das Licht, das Meer, den Garten malende Charlotte, „die Stumme“, wie sie manchmal genannt wird, sie hätte selbstverständlich bleiben dürfen…

Als sich auch die Großmutter im März 1940 vor den Augen Charlottes das Leben nimmt, erfährt die junge Frau von ihrem Großvater das ganze Ausmass des Familienunglücks, er schleudert es ihr in einem Anfall von Furor förmlich entgegen [6]. Charlotte ist am Boden zerschmettert, bitte lass mich nicht wahnsinnig werden fleht sie Gott an. Und obendrein grummelt der Alte, auch sie solle sich doch umbringen, damit dies Geklöne endlich aufhört.

Die Stimmung der Franzosen ihren ungebetenen Gästen gegenüber wird immer negativer [2], im Sommer 1940 werden Charlotte und ihr Großvater als ‚feindliche Ausländer‘ in Gurs, einem fürchterlichen Internierungslager in den Pyrenäen, eingesperrt. Wegen der Gebrechlichkeit des alten Mannes können sie beide das Lager im Juli wieder verlassen, die Aufenthaltsgenehmigung Charlottes ist fortan jedoch an das Leben ihres Großvaters gekoppelt. Charlotte fällt in ein tiefes, tiefes Loch, auch bei ihr treten suizidale Gedanken auf. Sie greift jedoch den Rat ihres Arztes, Dr. Moridis, der eine Art väterlicher Freund für sie ist, auf und fängt das Malen wieder an, das Malen ihres Lebens… für zwei Jahre mietet sie sich in einem kleinen Hotel ein, der Belle Aurora bei Marthe Pèncher und ihrem Mann… in dieser Zeit entstehen die vielen Hunderte von Bildern, die ihr Leben beschreiben und die ihr Erbe werden sollten für die Welt, in der ihr nur sechsundzwanzig Jahre vergönnt waren.

Nachdem sie ihr Werk vollendet hat, geht Charlotte wieder zurück zu ihrem Großvater, der Anfang 1943 jedoch an einem Schlaganfall stirbt. Den Packen Bilder übergibt sie Dr. Moridis: Dies ist mein Leben. Auf dem Gelände der Villa (Ottilie Moore war 1941 in die Staaten zurückgekehrt) betreut deren ehemaliger Liebhaber Alexander Nagler, ein österreichischer Jude, letzte Kinder, zu ihm zieht Charlotte jetzt. Und ihn heiratet sie auch, er ist bei all seinen vielen Schwächen der einzige Mensch, den sie noch hat… Werden dei beiden verraten oder haben sie sich selbst ans Messer geliefert? Greiner läßt diese letzte Möglichkeit offen, jedenfalls werden die mittlerweile schwangere Charlotte und ihr Mann am 21. September 1943 von der Gestapo abgeholt, nach Drancy überführt und von dort nach Auschwitz deportiert. Charlotte wird noch am Tag der Ankunft ermordet, Alexander stirbt wenige Wochen später an Entkräftung.


Charlotte Salomon hat als Künstlerin ’nur‘ ein Werk, ein allerdings einzigartiges, hinterlassen: eine aus einem therapeutischen Malen heraus entstandene Autobiographie, die mit kurzen, in die Bilder gemalten Texten und Ausrufen ergänzt und mit Musikanweisungen versehen ist. Es sind eine Unzahl von Bildern, viele Hundert hat Charlotte zu diesem von ihr Leben? oder Theater? getauften Kunstwerk arrangiert. Sonst ist wenig/nichts (?) von ihr erhalten geblieben, die vielen Bilder, die sie im Garten der Villa Ottilies gemalt hat – verschollen. Im Eingangskapitel schildert Greiner die Begegnung der Eltern Charlottes, die den Krieg überlebten (eine bitterste Ironie, daß ausgerechnet Charlotte, die in Sicherheit gebracht worden war, von den Nazis ins Gas geschickt wurde) mit Ottilie Moore. 1947 fuhren die Eltern auf den Spuren ihrer Tochter, von deren Tod sie durch das Rote Kreuz erfahren hatten, nach Südfrankreich. Sie trafen dort auf eine alkoholsüchtige, derangierte Ottilie Moore, die vor ihren Augen Bilder Charlottes zerriss und nur bereit war, den Eltern irgendwelche Kartons, die Charlotte ihr zugewidmet hatte und die im Keller standen, zu überlassen. Nur weil Ottilie Moore den Wert dieser Bilder nicht erkannte, ist Leben? oder Theater? der Welt erhalten geblieben.

Der Name Charlottes war (und ist) sicherlich kein Bestandteil der Allgemeinbildung. Ein wenig hat sich das nach 2014 geändert, in diesem Jahr erschien der Roman Charlotte von David Foenkino [4], der von der Kritik und den Lesern größtenteils mit Lob überschüttet worden ist. Ich habe damals zu diesem Buch keinen Zugang gefunden; Foenkinos Versuch, die Art, wie Charlotte ihre Bilder mit kurzen Textzeilen kommentiert hat, auf ein ganzes Buch auszudehnen, wirkte auf mich im Endeffekt sehr holprig. Das vorliegende Buch Charlotte Salomon – Es ist mein ganzes Leben von Margret Greiner zeigt dagegen eine deutlich angemessenere, sensiblere Ausdrucksform.

Im Gegensatz zu Foenkinos Titel, der vom Verlag als Roman etikettiert worden ist, hat der Verlag Greiners auf eine Kategorisierung verzichtet, lediglich bei der Kurz-Bio der Autorin wird auf deren Spezialität der ‚erzählten Biographie‘ verwiesen. Da auch kein Nach- oder Vorwort beigegeben ist, in dem die Autorin ihr Arbeitsweise und die Grundlagen ihrer Aussagen beschreibt, steht der Leser vor der praktisch nicht lösbaren Aufgabe, zu unterscheiden, was von den Aussagen Greiners belegt ist und was sie im Gegensatz dazu ‚erfunden‘ hat. Beispielhaft möchte ich hier nur die Episode herausgreifen, in der Charlotte mit dem von ihr so geliebten Alfred Wolfsohn (im Singspiel: Amadeus Daberlohn) eine Bootsfahrt auf dem Wannsee unternimmt. Greiner läßt in ihrer Schilderung des Tages Intimes geschehen, nicht unbedingt aber Schönes, Foenkino ist sehr viel nüchterner bei der Schilderung dieses Ausflugs, aber niemand wird wohl wissen, wie der Ausflug wirklich verlaufen ist.

Amadeus Daberlohn: in ihrem Singspiel, das ihr Leben beschreibt mit den Menschen, die darin vorkommen, bekommen diese andere Namen, die teilweise charakterisierend, teilweise ein wenig lächerlich sind. Paula Lindberg, die Sängerin, wird zu Paulinka Bimbam, Kurt Singer zu Doktor Singsang, der Dirigent Siegfried Ochs (ein Gesangslehrer ihrer Stiefmutter) zu Professor Klingklang, sie selbst wurde zu Charlotte Kann, die Tochter des Arztes Dr. Kann. Den von ihr verehrten Vater wollte sie nicht mit einer frivolen Benennung ins Lächerliche ziehen. Für sie war und blieb er die Verkörperung eines Menschen, der das Gute in die Welt bringen wollte und auch im Scheitern Würde bewahrte.

Der Aufbau des Textes ist, wie bei einer Biographie sinnvoll, weitestgehend chronologisch. Weitestgehend, weil Greiner ihre Schilderung mit zwei späteren Ereignissen beginnen läßt, zum einen bezieht sich das auf die Reise von Paula und Albert Salomon 1947 nach Südfrankreich, bei der Charlottes Werk gerettet wird und zum zweiten zieht die Autorin das Gespräch zwischen der verzweifelten Charlotte und ihrem Arzt Dr. Moridis, in dem dieser ihr rät, zu Malen und sich durch´s Malen auszudrücken – und damit die Entstehungsgeschichte des Zyklus – vor.


Es gibt in der Biographie Charlottes Fragen, die offen sind, die wohl auch der Autorin, Margret Greiner, rätselhaft geblieben sind. Sie betreffen das Verhalten der jungen Frau, das an manchen Stellen ihrer so sehr gefährlichen Lage als Jüdin so gar nicht entspricht. So kommt sie eines Tages außer Atem und erschöpft in ihr Hotel zu Marthe Pècher zurück, die sie nach dem Grund fragt. Charlotte antwortet ihr, es hätte eine Aufforderung an alle Juden gegeben, sich registrieren zu lassen und so sei nach Nizza gelaufen. Marthe Pècher konnte diese Auskunft kaum fassen: zum einen erfuhr sie erst durch diese Antwort, daß ihr liebgewonnener Gast, der in allem, dem Aussehen, der Kleidung, dem perfekten Französisch einer jungen Frau vom Land glich, die in der Stadt als Dienst- oder Hausmädchen arbeitete, Jüdin war und dann diese Dummheit, die Naivität, diese…. und gleichzeitig dieses unfassbare Glück: sie saß schon im Bus, als ein Polizist sie wieder rausjagte, er hielt sie wohl für eine fälschlicherweise zur Deportation vorgesehene Französin…. und das alles geschah, nachdem sie schon in Gurs gewesen war…

Auszug aus der Deportationsliste des Transport No. 60 (Drancy – Auschwitz)
Bildquelle: [B]

Besonders rätselhaft scheint Greiner jedoch die Hochzeit Charlottes gewesen zu sein. Sie legt dem Arzt Dr. Moridis, der Trauzeuge war [5] ihre Fragen und den Zorn in den Mund: warum in aller Welt haben die beiden überhaupt geheiratet und dann auf dem Standesamt auch noch ihre richtige Adresse angegeben? Wusste man auf dem Amt bei Charlotte, daß sie Jüdin war und eine Hochzeit mit einem Nicht-Juden verboten war, so rief in diesem Moment Alexander Nagler dem Standesbeamten aus freiem Willen zu: Wir sind doch beide Juden! 

Man geht davon aus, daß die beiden (um eines Judaslohnes wegen?) denunziert worden sind, angeblich hätten die Menschen im Dorf noch nach Jahrzehnten gewusst, durch wen, aber mit dieser Eintragung in den offiziellen Dokumenten wären sie wohl auf jeden Fall verloren gewesen. Für Brunners Leute wäre es damit ein leichtes gewesen, sie zu finden…


C´ET TOUTE MA VIE [1]

Die Bilder Charlottes, insgesamt schuf sie in den zwei Jahren über 1300 Blätter, sind farbkräftig und ausdrucksstark, kombiniert mit Texten und Musik. Sie beginnen 1913 mit dem Tod der Tante, deren Namen sie trägt: 1. Aufzug, 1913. An einem Novembertage verließ Charlotte Knarre das elterliche Haus und stürzte sich ins Wasser [4156, diese vierstelligen Nummern beziehen jeweils auf die Bilder im online zugänglichen Werk, das vom Jüdischen Museum in Amsterdam bewahrt wird: http://www.charlotte-salomon.nl/collectie/thema’s/charlotte-salomon/leben-oder-theater ] und endet im Epilog mit den Jahren 1939 bis 1942 in Südfrankreich. C´ET TOUTE MA VIE. Es umfasst Charlottes gesamtes Leben, das Singspiel ist autobiographisch und es ist therapeutisch. In einigen der Blätter sind Hinweise darauf zu finden, daß auch Charlotte der Gedanke daran, alles hinter sich zu lassen, nicht fremd war. In Greiners Text sind ein paar der Guachen abgebildet, es ist jedoch sehr empfehlenswert, den Text parallel zur oben verlinkten online gestellten Bildersammlung zu lesen, da die Autorin des öfteren Bildbeschreibungen und -interpretationen in ihre Arbeit eingefügt hat, die man natürlich sehr viel besser versteht, wenn man die Bilder parallel sieht.

Bei den vierundzwanzig dem Buch beigegebenen Abbildungen sind es vor allen drei, die mich besonders erschüttern. Es sind die Verzweiflung, die Einsamkeit, die Hoffnungslosigkeit, dieses Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins und der ebensolchen Hilflosigkeit, das in Abbildung 19 [4808] zum Ausdruck kommt: Charlotte auf dem Bett sitzend, auf den leeren Koffer starrend, den sie für ihre Flucht nach Frankreich zu packen hat…. Lieber Gott, lass mich bloss nicht wahnsinnig werden als sie den Suizid der Großmutter miterlebt [4907]. Lautlos windet sich dieser verzweifelte Aufschrei unüberhörbar aus dem Bild in die Seele des Betrachters…. aber auch der naive Traum des jungen Kindes vom Tod der Mutter, die als Engel in den Himmel schwebt, läßt einen beim Betrachten nicht unberührt [4175].

Ich habe gestern noch bei einer Blogkollegin, die mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hatte, einen Kommentar gepostet [7] und in diesem Kommentar die Formulierung gefunden, die mir gefehlt hat: ‚es ist, als ob die Bilder eine Brücke schlagen von Seele zu Seele, als ob sie einen besonders tiefen, intimen Blick in ein Geheimnis offenbaren…‘: schaue ich die Bilder an, so spüre ich tatsächlich diesen darin verborgenen Schmerz und die Verzweiflung der jungen Frau zerrt auch an mir….

Dagegen (dieser ‚Widerspruch‘ bezieht sich selbstverständlich nicht auf die Qualität der Bilder, sondern auf meine Reaktion darauf….) ist die Darstellung Der Tod und das Mädchen (nicht im Bilderzyklus enthalten) eine der schönsten zum Thema, die ich kenne und auch das etwas düstere Portraits ihres Ehemannes, Alexander Nagler, beeindruckt mich sehr….

Es gibt Bücher, die sind mehr als Texte. Für mich gehört Greiners erzählte Biographie der Charlotte Nagler/Salomon dazu. In ihrem Schicksal manifestiert sich alles Unglück, alles Unheil dieser Welt auf zwiefache Weise: diese ungeheuerliche familiäre Belastung durch die tragische Suiziddisposition in der mütterlichen Linie und den hier auf eine Person heruntergebrochenen Wahnsinn der Nazis. Das zu dokumentieren hat Greiner angemessene und einfühlsame Worte gefunden, das ist ein großes Verdienst….

…..ich selbst möchte an dieser Stelle aufhören mit Schreiben, obwohl ich noch so viel schreiben könnte, weil mein Herz voll ist von weiteren Worten, aber es ist eh lang geworden und ‚es‘ geht auch ziemlich an mich….

Ich müßte es wohl nicht noch einmal extra sagen, aber ich lege dieses besondere Schicksal jedem ans Herz und dieses Buch dazu, das – der Vollständigkeit halber sei es erwähnt – noch ein Literaturverzeichnis, eine Zeittafel und kurze Angaben über die Lebensläufe der wichtigsten Personen enthält…..


Links und Anmerkungen:

[1] siehe die online-Präsentation des Joods Kultureel Kwartier: http://www.charlotte-salomon.nl/collectie/thema’s/charlotte-salomon/leben-oder-theater

[2] Lion Feuchtwanger hat dies in seinem Buch Der Teufel in Frankreich sehr anschaulich beschrieben, Feuchtwanger selbst hat die Lager durchlebt und ist der Deportation nur knapp entkommen (Der Link führt zu meiner Beschreibung des Buches)

[3] Die Gründung dieses ‚Kulturbundes deutscher Juden‘, der später von den Nazis in ‚Kulturbund der Juden in Deutschland‘ umbenannt wurde, war dem Regime sehr recht: zum einen war es schlicht und einfach die Einrichtung eines kulturellen Ghettos, denn im Kulturbund dürften nur jüdische Stoffe von Juden für Juden adaptiert werden. Dem Ausland gegenüber konnte der Kulturbund andererseits als wohlfeiles Feigenblatt dienen. Zum zweiten galt schlicht und einfach Heydrichs Aussage (1935), daß damit sämtliche jüdischen kulturellen Aktivitäten leichter erfasst und zentral überwacht werden konnten [aus: Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden 1933 – 1939, München, 1998)

[4] David Foenkinos: Charlotte. Hier finden sich auch noch einige weiterführende Links, die ich hier nicht aufgenommen habe. Die dort noch angegebene Verlinkung zum Amsterdamer Museum hat sich leider geändert, man kommt (nur) mit den URL, die hier in dieser Besprechung angegeben sind, direkt zu den Bildern.

[5] Die Eintragung beim Standeamt ist im weiter unten aufgeführen Buch von Pollock und Silvermann abgebildet.

[6] die Texte dazu hatte ich in [4] zitiert, wer mag…..

[7] Marina Büttner: Margret Greiner: Charlotte Salomon „Es ist mein ganzes Leben“ Knaus Verlag; in:  https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/04/16/margret-greiner-charlotte-…/

Auch interessant:

Charlottes Leben als Oper, hier aufgeführt am Theater Bielefeld:  https://theater-bielefeld.de/veranstaltung/charlotte-salomon.html

Selbstportrait und Foto von Charlotte Salomon aus der Kunstsammlung in Yad Vashem: http://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/art/salomon.asp

Bildersammlung, auch mit Fotos von Charlotte und ihren Großeltern in Villefranche:  https://www.pinterest.de/pin/541909767641981714/

Bildquelle:

Margret Greiner
Charlotte Salomon
„Es ist mein ganzes Leben“
Originalausgabe: Knaus, HC, ca. 320 S., 2017

Ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Susann Pásztors [1] neuer Roman um den ehrenamtlichen Hospizbegleiter Fred Wiener, der die ca. sechzigjährige krebskranke Karla Jenner-García auf ihrem letzten Lebensabschnitt begleiten will, interessierte mich natürlich auch schon deswegen sehr, weil ich selbst ehrenamtlicher Hospizbegleiter bin. So kommt mir die den Roman eröffnende Eingangssituation – der Protagonist steht unsicher und nervös vor dem Haus seiner Begleitung, was weiß Gott so nicht sein sollte [2] – bekannt vor: genauso habe ich bei meiner ersten Begleitung dagestanden….. Déjà-vu….


Es gibt Menschen, die sind einem vom ersten Moment an unsympathisch. Der in den Vierzigern stehende, kugelig aussehende Fred Wiener, über dessen Leben der Begriff ‚Versager‘ schwebt, gehört für mich dazu. Dieser Fred Wiener, von Arbeitskollegen hin und wieder auch ‚Wiener Würstchen‘ tituliert, begegnet uns in zwei Rollen: einmal als ehrenamtlicher Hospizbegleiter und dann noch als alleinerziehender Vater. Beide Rollen gewinnen im Lauf der Entwicklung einige Überschneidungspunkte.

Meine Sympathien lagen jedoch von Beginn an bei Karla, der zweiten, eigentlichen Hauptfigur des Romans, die schroff, abweisend, sarkastisch und unzugänglich ist und der Fred in seiner Ehrenamtsfunktion begegnet. Warum Karla, diese sehr auf sich zurück gezogene Frau überhaupt die Begleitung durch einen Fremden erbeten hat, ist mir unklar geblieben, aber das ist schließlich die Freiheit der Autorin in ihrer fiktiven Geschichte. Bei Karla also meine Sympathien und bei Philipp, oh Entschuldigung, bei Phil, dem fast schon vierzehnjährigen Sohn Wieners aus der geschiedenen Ehe mit Sabine. Phil ist rein von der Statur her etwas kurz geraten, das ist einfach so, die mittlerweile neu liierte und der Esoterik ergebene Mutter versucht ihn per Telefon und Postpaket mit positiver Energie und Wachstumsmitteln zu heilen. Das ist lieb gemeint, nervt aber sowohl den Vater als natürlich erst recht den Sohn.

Phil ist der Lyrik zugeneigt, er schreibt Gedichte und ist unter einen Pseudonym in einem Lyrikforum unterwegs. Sein Höchstes ist es, als eins seiner Gedichte zum Gedicht des Monats gewählt wird; ansonsten ist er eher ein Einzelgänger. Daß er prinzipiell alles isst, was Fred auf den Tisch bringt, ganz einfach, weil ihm Essen völlig egal ist, vereinfacht das tägliche Leben der beiden. Rührend ist der Beginn der Pubertät beim Knaben, der ihn immer wieder in schwärmerische Momente gleiten läßt.

Eine kurzen Eindruck von Karlas Wesen habe ich schon gegeben. Karla leidet unter einem metastasierten Pankreas-Karzinom, hat die letzte Chemo abgebrochen: der zu erwartende Zeitaufschub stand für sie in keinem vernünftigen Verhältnis zu den heftigen Nebenwirkungen der Behandlung. Karla hat ein bewegtes Leben geführt, war viel in Amerika unterwegs, offensichtlich als Fan der Grateful Dead, hat auch lange auf Ibiza gelebt und ist kürzlich wieder zurück nach Deutschland gekommen; sie war bis zum Ausbruch der Krankheit wohl kein Kind von Traurigkeit. Die vielen Konzerte ihrer Lieblinge, die sich besucht hat, hat der treue Fan in tausenden von Fotos dokumentiert. Verwandte hat sie offensichtlich keine außer einer Schwester, die sie aber seit über vier Jahrzehnte nicht mehr gesprochen hat – gleichwohl kennt sie deren aktuelle Telefonnummer und hinterlegt sie im Hospiz. Der Riss zwischen den beiden Frauen, muss man nach Andeutungen vermuten, reicht tief in die Kindheit hinein, das Verhältnis zum Vater scheint – ohne daß dies näher ausgeführt wird – nun ja, problematisch gewesen zu sein.

Zwei weitere Personen seien noch erwähnt. Das ist zum einen Klaffki, ein etwas prolliger Mann mit einem Herzen aus Gold, der im gleichen Haus wie Karla wohnt und dort manchmal den Hausmeister gibt und weiterhin Rona, eine junge Frau, die öfters ein Date hat in der Wohnung über Karla. Im normalen Leben ist sie Studentin und bedient in einer Wirtschaft. Sie versorgt Karla zu deren Belustigung (ihr Appetit ist eher gering) mit Essen und Phil verknallt sich heftig in sie.

Damit wäre die Ausgangsituation der Geschichte, die um den Jahreswechsel 2015/16 spielt, grob umrissen.


„…Vielleicht möchte ich lernen,
es auszuhalten,

daß Menschen sterben.“ –
„Sie wollen das erst lernen?
Sie können das noch nicht?“

Fred, dessen Antwort auf die Frage Karlas nach seiner Motivation, Sterbebegleiter zu werden, von ihr eiskalt gekontert wird, will etwas für Karla tun, er ist ja schließlich nicht zum Spaß dort, sondern will etwas bezwecken. Doch Karla hat genaue Vorstellungen von dem, was sie möchte, was ihr gut tut, was sie haben will – leider fragt Fred sie nicht danach bzw. ignoriert es. So bleibt dieses erste Treffen recht kurz und unbefriedigend, aber immerhin duldet Karla ihn noch als ihren Begleiter – zu ihren Bedingungen.

Weihnachten naht und für Fred ist es klar, daß sich jeder Mensch über Weihnachten freut, sich der feierlichen Atmosphäre nicht entziehen kann. Außerdem hat er (vermute ich) gelernt, daß es sich leichter stirbt, wenn man den Streit, in den das Leben einen möglicherweise verstrickt hat, vor dem Tod beendet und sich versöhnt…. Fred hat da so eine Idee….

…. mit der er mächtig baden geht, auf ganzer Linie scheitert. Fred lernt auf die harte Tour, daß ein Sterbender nicht dazu da ist, den Vorstellungen eines Hospizbegleiters über das, was ihm gut tut, nachzukommen.

Der Plot des Romans ist vorhersehbar, es kann nicht anders sein bei dieser Ausgangssituation. Deswegen verrate ich nicht allzu viel, wenn ich sage, daß Karla sterben wird, daß Fred durch dieses tiefe Tal der Frustration gehen muss, aber dann seine zweite Chance erhält – dank Klaffki, dem Fan von Werder Bremen. Letztlich, auch wenn dies etwas seltsam klingt im Zusammenhang mit ‚Sterben‘, gönnt die Autorin allen Beteiligten ein gutes Ende, Karla einen guten Tod und den sie begleitenden Personen eine gute Begleitung. Susann Pásztor vermeidet es, alle Geheimnisse zu lüften, sie läßt, dem Charakter Karlas entsprechend, einiges im Dunkel der Vergangenheit ruhen, es ist im Angesicht des baldigen Todes unwichtig geworden und soll im Vergessen ruhen.

Der Roman hat in den letzten Passagen durchaus seine tränentreibenden Momente. Seltsamerweise – zumindest geht es mir so – berührt ein ‚guter‘ Tod mehr als ein Sterben, das mit Kampf verbunden ist, in dem der Körper und/oder die Seele nicht loslassen kann. Vielleicht liegt es daran, daß man in so einem Fall wie bei Karla nicht abgelenkt wird durch Aktivitäten, mit denen man versucht, das Leid des Betroffenen doch noch zu lindern. Ich weiß es nicht, vielleicht täusche ich mich auch in meiner Wahrnehmung und andere empfinden anders.

Karla ist ihr Sterben sehr bewusst angegangen: Offen gesagt, mein Sterben kotzt mich die meiste Zeit an. … Es gibt aber auch Momente, in denen ich mich durchaus privilegiert fühle. Ich kann mich mit dem Tod so intensiv auseinandersetzen, wie ich es möchte und aushalte. … .

Die Krankheit (Pàsztor hat sich eine ausgesucht, die wenig Alternativen läßt) schreitet voran, Karlas Tod ist sicher. Sie macht dies mit sich selbst aus, ringt im Verborgenen mit den Dämonen, die sie möglicherweise heimsuchen. Nur ein einziges Mal öffnet sie sich in diesen wenigen Monaten einem anderen Menschen emotional, sucht sie aktiv Nähe und Wärme, es ist ein unendlich tröstender und unendlich trauriger Abschied, den sie nimmt und den sie braucht, um den Rest des Weges weiterzugehen….


„Riskierst du eigentlich auch ab und zu mal was?“

Für Fred ist diese Begegnung mit Karla ein Wendepunkt im Leben. Die Ehe mit Sabine wurde damals schon mit fragwürdiger Motivation geschlossen und das Scheitern war keineswegs überraschend. Beruflich ist Fred zwar abgesichert, aber ohne Aussicht auf Erwähnenswertes und er begann die Hospizarbeit auch mit dem ihm selbst vielleicht gar nicht bewussten Motiv, daß er überhaupt etwas Interessantes über sich erzählen kann. Und dann gerät er gleich an Karla, die ihn aus all seinen Illusionen holt, er kollidiert heftig mit der Realität: der innere Friede, den die Begleitung eines Sterbenden bringen kann, ist jedenfalls auf seine Art und Weise nicht zu erlangen. Diese Erkenntnis erschüttert ihn, er reift in seiner gesamten Persönlichkeit an dieser Erfahrung, gewinnt Kontur und seine auf den ersten Blick möglicherweise als Schwäche erscheinende ‚Unterordnung‘ unter Karlas Bedürfnissen ist in Wirklichkeit eine Stärke: die nämlich, anzuerkennen, daß es nur um Karla geht. Diese Fähigkeit, die Bedürfnisse oder Wünsche anderer zu berücksichtigen, schlägt sich auch in der Beziehung zu seinem Sohn nieder.


Pásztors Text enthält sehr schöne Passagen, von denen ich ein Bespiel hier zitieren möchte. Fred wird nach seinem ersten ‚Scheitern‘ bei Karla angeboten, im stationären Hospiz Sitzwachen zu machen. Er hatte von seiner ersten Sitzwache an eine Art meditatives Einvernehmen gespürt, einen Raum, in dem alles absolut in Ordnung war, weil es Gesetzen gehorchte, die seit Ewigkeiten gültig warnen und die sowieso keiner verstand, eine Hingabe, die alles mitnahm, was ihn belastete,  und das war nicht wenig. In solchen Momenten, fand er die Aussicht, eines Tages selbst irgendwo zu liegen und nichts weiter tun zu müssen, als zu sterben, ausgesprochen tröstlich.

Ja, so ist es, es ist ein unendlich tiefer, tröstender Friede, der sich in der Gegenwart eines Sterbenden ausbreitet und von dem man auch als Begleiter eingehüllt wird. Vielleicht ist es tatsächlich genau das, was Pásztor schreibt, die nicht mir der Ratio, sondern mit der Wahrnehmung oder der Intuition erfasste Tatsache, daß das Sterben im Rahmen eines ewigen Gesetzes, dem das Leben gehorcht, notwendig, sinnvoll und gut ist.


Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster ist nicht nur ein Roman, sondern gibt auch eine durchaus realistische, wenngleich etwas idealisierte Darstellung einer Sterbebegleitung. Mit ‚idealisiert‘ meine ich, daß es nicht die Regel sein dürfte, daß eine alleinstehende, eigensinnige Person wie Karla von drei Menschen (Fred, Phil und Rona) so intensiv begleitet wird (und Klaffki muss man im Grunde ja auch noch mit einschließen) und sie dazu noch eine so intensive pflegerische und ärztliche Betreuung erhält. Das ist zwar wünschenswert, wird im realen Leben meist weniger intensiv sein. Aber die Tätigkeit in einer Sterbebegleitung ist so, wie sie Pásztor darstellt, mit ihren Höhen und Tiefen, mit ihren Fallstricken und ‚Erfolgsmomenten‘. Wobei sich, und dies ist ein sehr legales Motiv, als Hospizbegleiter tätig zu sein (und zu werden….), dieser ‚Erfolg‘ auf beiden Seiten zeigt: der/die Sterbende wird begleitet, ist nicht allein, hat einen Menschen, auf den er mit seinem Leid zugreifen kann und der Begleiter kann im Zusammensein mit seinem Patienten Momente tiefsten Friedens und großer Befriedigung erleben. ‚Kann‘ erleben soll heißen, daß das Sterben eines Menschen nicht gut sein muss, schwer sein kann, ob er nun aus Angst oder aus anderen Gründen seinen Tod nicht zulassen kann oder ob einfach der Körper, das Herz, nicht aufhören will zu schlagen, obwohl das Menschlein sichtbar am Ende seiner Reise angekommen ist. Solche Fälle können den Begleiter selbstverständlich belasten, aber um damit umgehen zu können, ist die von Pásztor ebenfalls in ihrem Roman eingearbeitete Supervision, die Begleitung der Begleiter, da.

Aus diesen Gründen ist Pásztors Roman ist für mich auch ‚Werbung‘ für das Ehrenamt einer/s Hospizbegleiters/in.


Der Roman selbst in in relativ kurze Kapitel unterteilt, die einzelnen Personen gewidmet sind: Fred natürlich, Phil und Gudrun (der Schwester Karlas). Karla selbst in allen Abschnitten Thema, ihre eigenen Kapitel sind jeweils eine Seite mit für sich stehenden, hingeworfen erscheinenden Sätzen oder Fragmenten oder auch wie hier Zeilen aus einem Gedicht [3]

but I’ve promises to keep
a
nd miles to go before I sleep
and miles to go before I sleep

Die Herkunft mancher dieser Sätze wird ganz am Schluss des Buches klar.

Trotz der Schwere des Themas liest sich der Text leicht und ist über weite Teile durchaus unterhaltsam, es ist keineswegs so, daß einem beim Lesen in jedem Abschnitt Betroffenheit entgegenquillt. Pásztor schildert das ganz normale Leben mit seinen Problemen, seinen Höhe- und Tiefpunkten, an denen auch Karla ihren Anteil hat. So wie sie ihrer – ich bin fast versucht, zu sagen – Ersatzfamilie nicht alles offenbart und sich oft zurückzieht, so schildert auch die Autorin eher die Lebensmomente von Karla und nicht so sehr die Schmerzen und das Leid.

Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster könnte für jemanden, der dem Thema ‚Sterben‘ bislang ausgewichen ist, ein guter Moment sein, sich zum ersten Mal damit auseinanderzusetzen.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Susann_Pásztor
[2] Der Erstbesuch einer häuslichen Begleitung sollte eigentlich von einer Hospizfachkraft erfolgen, um dabei die spezielle Situation abzuklären. Den Ehrenamtler allein, noch dazu bei seiner ersten Begleitung überhaupt, zu seiner Mission zu schicken, ist daher fachlich zweifelhaft. Zum Thema Erstbesuch hier zwei willkürlich herausgegriffene Webseiten: http://www.albatros-hospiz.de/hospizarbeit/begleitung-ambulant/ bzw. http://www.betanet.de/betanet/soziales_recht/Ambulante-Hospizdienste-706.html, aus denen sich das auch ergibt.
[3] … von Robert Frost. Vgl hier: https://literarydevices.net/miles-to-go-before-i-sleep/

Eine Übersicht über weitere Bücher, die ich zum Themenkomples: Krankheit, Sterben, Tod und Trauer vorgestellt habe, ist hier zugänglich: https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/, ferner sammele ich Infos zum Thema in dieser Facebook-Gruppe: https://www.facebook.com/SterbenTrauerTod/

Von Susann Pásztor habe ich auf meinen Blog bislang ihren Roman Ein fabelhafter Lügner vorgestellt.

Susann Pásztor
Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster
Originalausgabe: Kiepenheuer&Witsch, HC, 288 S., 2017

Ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Es begegnen sich zwei Männer, im Frühling 1934, in Paris, an der Seine. Beide schlafen unter den Brücken, aber der eine, Andreas Kartak, der sich seines Namens kaum noch erinnert, ist abgerissen, schmutzig und betrunken, obwohl er nicht wankt. Der andere Mann dagegen ist gut gekleidet. Dieser spricht den Abgerissenen an, er könne sehen, daß jener Geld bräuchte, nein, die zwanzig Francs, die dieser nennt, seien zu wenig, er hätte Geld und er gäbe ihm gerne zweihundert Francs. Andreas ist ehrlich, trotz seiner Umstände ein Mann von Ehre, macht darauf aufmerksam, er könne dies kaum zurückzahlen, die Schuld nicht begleichen, hätte auch keine Adresse, unter der er erreichbar sei. Das mache nichts, so lautet die Antwort des anderen, er selbst sei ein bekehrter Christ und der Heiligen Therese von Lisieux [2] sei er viel schuldig und wenn jener den Betrag zurückgeben wolle, dann solle er dies in einer bestimmten Kirche nach der Messe tun, in dem er es dem Priester gäbe.

Mit dieser Episode fängt (ohne daß dies die Hauptfigur natürlich weiß) Das finale furioso eines erfüllten Lebens an. Das Geld, die zweihundert Francs, ändern für Andreas vieles. Daß er es bekommen hat aus heiterem Abendhimmel, ist ein Wunder für ihn. Sofort fühlt er sich anders, das Bedürfnis sogar entsteht in ihm, sich zu waschen, auch wenn diese Tat selbst letztendlich zur nur symbolischen Handlung gerinnt. Er kann sich jetzt ein besseres Lokal leisten, sieht sich dort im Spiegel, abgerissen, unrasiert, als verwahrlost. Kann jetzt ein neues Leben für ihn beginnen? Eins, in der er eine Brieftasche benötigt? Die junge Verkäuferin erinnert ihn an die Zeit vor dem Gefängnis, in dem er saß…..

Ein dicker Mann spricht ihn an in diesem Lokal und bietet ihm eine Arbeit an, Grund genug, etwas zu trinken und in ein ihm bekanntes Etablissment zu gehen und sich eine der Frauen dort auszusuchen… aber er ist pünktlich, arbeitet gut und vertrinkt am nächsten Abend das verdiente Geld nur in Maßen.

Niemand kann sagen, er hätte nicht gewollt, hätte das Geld einfach behalten wollen.. nein, er ging zur Kirche Ste-Marie de Batignolles, leider etwas zu spät, die Messe war schon aus und so wartete er im Lokal gegenüber und trank einen Pernod… ja, einen nach dem anderen, seien wir ehrlich. Und als er ging, wurde er angesprochen, von einer Frau, und er erkannte die Frau, es war Karoline, wegen der er einst ins Gefängnis kam….

So sollten sich in der Folge der kommenden Tage die guten und die weniger guten Ereignisse im Leben von Andreas abwechseln. Immer wieder geschehen ihm kleine ‚Wunder‘, die es ihm ermöglicht hätten, seine Schulden zurückzuzahlen, aber immer wieder stelle sich ihm Hindernisse in den Weg, die es ihm dies unmöglich machen, weil er zu schwach ist, weil er allzu schnell aufgibt.

So gelingt es ihm ein ums andere Mal nicht, die Heilige Therese in ihrer Kirche zu besuchen und die Schulden zurück zu zahlen. Es gelingt ihm so sehr nicht, daß an einem weiteren Sonntag schließlich die Heilige Therese sich – so scheint es ihm – selbst aufgemacht hat, ihn zu besuchen, in der Bar, in der er mit seinem Kumpel Pernod trinkt und auf das Ende der Messe wartet, einem Zeitpunkt, an dem er die zweihundert Francs schon wieder nicht mehr hätte. Im Gegenteil erschreckt er die kleine Therese, die er in Fleisch und Blut sieht, die aber nicht als junges Kind erkennt, so sehr, daß sie ihm Geld anbietet, um ihn zu besänftigen.. und in dem Glauben, der Heiligen Therese begegnet zu sein, fällt er urplötzlich mitten im Lokal wie ein Sack um. Ratlos sind die Menschen um ihn herum und erschrocken, und da sich der Priester mit Toten auskennt, tragen sie ihn in ihre Kirche, die Kirche der Heiligen Therese von Lisieux, wo unser Andreas seinen letzten Seufzer tut und stirbt.


Gebe Gott uns allen,
uns Trinkern,
einen so leichten und
so schönen
Tod!


Joseph Roth wurde 1894 in Brody, einem Schtetl in Galizien, als Sohn jüdischer Eltern geboren. Im späteren Leben sollte er sich, ohne daß ein Übertritt bzw. eine Taufe nachweisbar wäre, jedoch teilweise auch als Katholik bezeichnen [1]. Dies ist insofern interessant, als im Heiligen Trinker…. der anfangs auftretende gut gekleidete Herr, der Andreas die zweihundert Francs gibt, von sich sagt: Ich bin nämlich ein Christ geworden, was man in diesem Kontext als selbstbezüglich interpretieren kann. Damit wäre dieser Herr ein weiteres autobiographisches Element in dieser kleinen Novelle, denn der Trinker selbst stellt einen wesentlichen Aspekt des Lebens von Joseph Roth, der selbst unter schwerer Alkoholsucht litt, dar. Joseph Roth starb wenige Wochen nach Beendigung seiner Legende vom Heiligen Trinker in Paris.

.. in Paris. Denn wie viele andere Literaten und Künstler hatte sich auch Joseph Roth nach 1933 eine neues Lokal suchen müssen – um es zynisch zu formulieren. Die bekannten Berliner Künstlerlokale, in denen er verkehrte wie das Romanische Cafè oder das Restaurant Schlichter [3] leerten sich nach der Machtergreifung, viele der Stammgäste waren zur Flucht gezwungen, um ihr Leben zu retten. Ihre Werke zu retten war schwieriger, diese (und dazu gehören auch die von Roth) brannten im Mai 1933 und wurden aus deutschen Landen verbannt. Im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern blieb Roth jedoch auch im Exil produktiv.

Zwar hielt sich Joseph Roth auch häufig in Frankreich, u.a. in Sanary-sur-Mer, auf, er publizierte jedoch in niederländischen Exilverlagen wie Querido [5] und de Lange, in letzterem erschien 1939 die Originalausgabe des Heiligen Trinkers…, deren Text die vorliegende Buchversion folgt.


Die Hauptperson des Stückes ist Andreas, ein obdachloser Trinker. Das Leben bietet ihm noch einmal alles Möglichkeiten, und tatsächlich verspürt er, wie sich ihm die Welt, da er jetzt über finanzielle Möglichkeiten verfügt, öffnet. Aber der Trinker (und sicherlich weiß Joseph Roth dies auch aus eigenem Erleben [6]) ist nicht in der Lage, diese Chance wahrzunehmen. Ja, selbst als sich die Möglichkeiten mehr-, ja vielfach für ihn auftun, scheitert er jedesmal an sich selbst, jede Ausrede ist willkommen, jede ‚aufwärts‘ zeigende Handlung seinerseits eine Belohnung, sprich: einen Pernod, wert. Und da die Selbstkontrolle versagt, werden aus einem schnell zwei und drei usw usf…. auf der anderen Seite allerdings gewöhnt er sich an die wunderbaren Dinge, die ihm geschehen, sie werden ihm normal, er rechnet zunehmend fest damit, daß sie ihm wieder geschehen und aus der Klemme helfen…

Er ist nicht unliebenswürdig, dieser Andreas, beileibe nicht. Man leidet mit ihm mit, man erkennt das Unglück, das ihn auf diese Bahn gesetzt – und das ihn jetzt wieder heimsucht z.B. in Person der Frau, der er damals, vor dem ‚Kriminal‘, schon seine Liebe schenkte, und die ihn jetzt schamlos ausnutzt. Andererseits – auch dies muss man festhalten – ist Andreas nicht ganz schuldlos an dem, wie die Geschichte jetzt verläuft: warum nur sagt er nicht die Wahrheit, sagt, daß die Therese, mit der er ‚verabredet‘ ist, keine Frau ist, sondern eine Heilige, warum läßt er die Menschen in ihrem Irrglauben über sich, bestätigt ihn sogar?

Liegt auch eine religiöse Botschaft in der Geschichte? Ein bekehrter Christ (man darf wohl davon ausgehen also ein vormaliger Jude) erweist die erste Wohltat und erwartet als Gegenleistung den Besuch einer Kirche, etwas, was Andreas nicht zustande bringt. Erst im Sterben liegend wird er zur Kirche gebracht….

Roth hat seinem Stück den Untertitel Das finale furioso eines erfüllten Lebens gegeben, ein Titel, der seltsam anrührt. Ein erfülltes Leben? Worin könnte diese Erfüllung liegen bei einem Leben, das von außen gesehen mehrfach gescheitert war? Einen Menschen getötet, im Gefängnis gesessen, danach obdachlos unter Brücken gehaust und am Ende die ausgestreckte Hand des Lebens nicht ergreifen und halten könnend? Auch bei dieser Frage ist eine religiöse oder spirituelle Antwort möglich, eine andere fällt mir nicht ein: er glaubt fest daran, der Heiligen persönlich ansichtig geworden zu sein, er stirbt mit ihrem Namen auf den Lippen und dieser Friede, der ihn erfüllt, dieser leichte und so schöne Tod, der ihm gewährt wird, läßt alles Misslungene seines Lebens nichtig werden.


Marcel Reich-Ranicki hat Roths Geschichte als „eine der schönsten Legenden, die im 20. Jahrhundert gedichtet wurden“, charakterisiert. Ich kenne zuwenig Geschichten, um dies in dieser Form zu bestätigen, aber in jedem Fall ist diese Legende….. ein wunderbares Stückchen Literatur. Sie ist nicht umfangreich, ist schnell gelesen in einem Stück, weil sie auch so geschrieben ist, als würde uns einer dieser Erzähler, die es früher gab, eine Geschichte erzählen aus einem Guss. Sie führt uns diesen Trinker in seiner Tragik vor als wäre ein alter Bekannter von uns, wir freuen uns mit seinem Glück und an den Wundern, die ihm geschehen und möchten ihm so gerne helfen, wenn wir ahnen, sehen, wie er wieder am Leben scheitert…. und daß hinter allem der Schatten des Autoren liegt, der aus eigenem Leid solches Trinkerschicksal kennt und der wenige Wochen nach Andreas sterben sollte, einen Trinkertod, der wohl nicht so schön war wie der seiner Figur, macht traurig, sehr traurig.

Links und Anmerkungen:

[1] der ausführliche Beitrag zu Joseph Roth in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Roth oder auch hier: http://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Personen/roth-joseph.html
zur Webpräsenz von Joseph Roth (erstellt von nicht näher bezeichneten ‚Freunden Joseph Roths‘: http://www.josephroth.de/index.htm
[2] Infos zu Heiliger und Kirche – wen es interessiert:  http://www.theresevonlisieux.de und  https://de.wikipedia.org/wiki/Ste-Marie_des_Batignolles. Für diese Geschichte hat sich Roth mit der Hlg. Therese eine passende Heilige ausgesucht: Thérèse sah ihren Lebensweg als einen Weg der Hingabe an Gott und die Mitmenschen, die sich gerade in den kleinen Gesten des Alltags äußere (ihr sogenannter „kleiner Weg“ der Liebe). (nach Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Therese_von_Lisieux)
[3] Jürgen Schebera: Damals im Romanischen Café; Besprechung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com…cafe/
[4] Manfred Flügge: Das flüchtige Paradies, Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com…paradies/
[5] vgl. hier die schöne Arbeit von Baltschev über den Querido-Verlag: Bettina Baltschev: Hölle und Paradies; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com….paradies/
[6] Joseph Roth wie er leibt und trinkt, Bil Spira, Paris 1939; vgl. hier: https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Objekte/spira-zeichnung-roth-glas.html?single=1

Von Joseph Roth habe ich in meinem Blog ferner den Hiob vorgestellt: https://radiergummi.wordpress.com/2016/11/02/joseph-roth-hiob/

Joseph Roth
Die Legende vom heiligen Trinker
Das finale furioso eines erfüllten Lebens
mit einer Liebeserklärung an den Autoren von Ludwig Marcuse
Originalausgabe: Allert de Lange, Amsterdam, 1939
diese Ausgabe: Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, HC, ca. 92 S.

Mit diesem Roman hat hat die 1984 in Baku (Aserbeidschan) geborene Autorin Olga Grjasowa [1] ein beachtliches, ein beachtetes Debüt vorgelegt. Auch wenn der Titel für sich genommen einen leicht romantischen Einschlag hat und so möglicherweise in die Irre füht, denn der Roman handelt nicht von Russen, die ’nur‘ indirekt eine Rolle spielen und ebenso nicht von Birken. Es ist im Gegenteil ein tieftrauriger, ein tragischer, ein bewegender, aufwühlender Roman, der das Leben einer schwer traumatisierten jungen Frau zum Thema hat. Birken als Symbol der russischen Seele (dem Buch ist ein entsprechendes Zitat von Tschechow aus Drei Schwestern vorangestellt),Birken auch als altes Symbol für Reinigung, Erneuerung oder Neuanfang –  inwieweit sich damit ein Bezug auf Inhalt des Romans interpretieren läßt, mag jeder für sich entscheiden.

Wie die Autorin ist ebenso die Protagonistin des Romans in Baku als Tochter aus einer russisch-jüdischen Ehe gebürtig, wie diese kam sie Mitte der neunziger Jahre als Kontingentflüchtling [3] nach Deutschland. Insofern liegt die Vermutung auf der Hand, daß Grjasnowa in Der Russe… persönliche Erfahrungen mit eingebracht hat, ohne daß dies selbstverständlich als autobiographisch gedeutet werden muss. Die angedeuteten Lebensumstände bilden jedenfalls den Hintergrund des persönlichen Schicksals der zentralen Figur Maria (‚Mascha‘) Kogan, die – und damit beginnt der Roman – in einer Beziehung mit Elias, einem deutschen Fotografen, lebt.


Hintergrund…. welch ein beschönigender Begriff.

Hintergrund bedeutet in diesem Fall, daß  die junge Frau als Kind die Schrecken der Kriege und Auseinandersetzungen, die Ende des letzten Jahrhunderts im Kaukasus herrschten (Stichworte: Armenien, Aserbeidschan [2] und Berg-Karabach), miterlebt hat. Miterlebt hat, wie vor ihr, dem Kind, auf der Straße eine mit einem hellblauen Unterkleid angetane junge Frau aus der Höhe auf das Pflaster klatschte…  miterlebt hat, wie Schrecken und Terror jeden Tag zunahmen, miterlebt hat, wie der Vater, ein Russe, zwischen die Fronten der sich bekämpfenden Volksgruppen geraten war und sein Lebensziel verlor… miterlebt hat, daß das ganze Leben in drei Koffer zu packen war, mit denen man in dieses unbekannte Land, dessen Sprache man nicht sprach, dessen Lieder man nicht sang, fliehen musste… miterlebt hat, daß das, was man in diese drei Koffer gepackt, in diesem Land zu nichts nutze war… miterlebt hat, wie der Vater, in der Vergangenheit ein angehende Kosmonaut, in Deutschland zerbrach,….


Es gab ein Kind und es gab einen Vater. Der Vater wollte das Kind in Sicherheit bringen. Bis zu Großmuttters Wohnung mussten sie zehn Minuten lang laufen. Das Kind war noch keine sieben und spürte, dass sich in den letzten Tagen etwas verändert hatte, aber es hätte nicht sagen können, was. Daran dachte das Kind, als eine Frau neben ihm aufschlug. Das Blut rann langsam bis zu den Kinderschuhen und die Schuhspitzen des Mädchens färbten sich rot.  

Vater hatte aufgegeben, von einem Tag auf den anderen. Er freundete sich nicht mit anderen Menschen an, ging kaum aus dem Haus. Nur manchmal, um an den Tankstellen die Benzinpreise zu vergleichen..

Mein Lieblingsspiel hieß damals Nachrichten und ging  in etwa so: Man teilt den Park untereinander auf und versucht sich gegenseitig das Territorium abzujagen. Mit allen Mitteln, so wie in den Nachrichten, die damals direkt nach den Zeichentrickfilmen gezeigt wurden. Wir spielten Nationale Front. wir spielten Krieg. 


Wundern die Eingewöhnungsschwierigkeiten im neuen Land? Wundert es, daß das junge Mädchen jahrelang fast nicht sprach, daß sie Gedanken hatte, dem Leben ein Ende zu bereiten? Wundert es, daß sie Aussenseiterin war, Opfer? Bis sie schließlich eines Tages beschloss, sich zu wehren… sie wurde von der Schule verwiesen, ging auf eine andere, zog von zu Hause aus und mit Sibel zusammen in eine Wohnung. Zu diesem Zeitpunkt war sie siebzehn Jahre alt. Nun sprach ich fünf Sprachen fließend und ein paar andere wie die Ballermann-Touristen Deutsch… resümiert sie ihre Erinnerungen an ihre Schulzeit, als sie in der Krankenhauskantine die dünne Suppe löffelt. Sie besucht Elias, Elischa, ihren Freund, der sich beim Fussballspielen den Oberschenkel gebrochen hat. Es gibt Komplikationen, die Operationswunde heilt nicht gut, Elias muss, nachdem er dann doch irgendwann nach Hause entlassen worden war, mit dem Notarzt wieder ins Krankenhaus, aber er stirbt. Maschas einziger emotionaler Halt im Leben stirbt.

Was nun folgt, ist die Schilderung eines Lebens, das auf ein schlimmes Ende hin zusteuert. Teilweise versagt ihr Körper Mascha den Dienst, ihre seelische Krankheit, die tiefen, tiefen Wunden, die sie in der Seele mit sich trägt, drängen danach, sich auch körperlich zu zeigen. Suizidale Gedanken, Todessehnsucht verspürt sie. Möglicherweise würde sie einfach verhungern, wenn nicht ihre Mutter sie versorgte…. Nur schwierig können Freunde sie zu Aktivitäten motivieren. Zwar macht sie letztlich ihre Dolmetscherprüfung, nutzt jedoch jede sich bietende Gelegenheiten, der Welt zu entfliehen. Wird ihr ein Joint angeboten, ergreift sie ihn, sie schläft mechanisch mit ihrem Dozenten, den sie am anderen Tag darum bittet, ihr einen Job in Israel zu besorgen.

Mascha ist durch ihre jüdische Mutter Jüdin, sie lebt diese Religion jedoch nicht. Die Gebete, die Rituale, sind ihr fremd. Sie spricht Arabisch, Hebräisch nicht. So fällt sie bei der Einreise in Israel sofort auf, wird als terrorverdächtig herausgefischt. Israel ist ihr Land, ist es ihr Land? Es bleibt offen, warum sie nach Israel wollte. Sind sie Claude Lanzmann? fertigt sie ihren Dozenten ab, der sie danach fragt. Sie hat Verwandte dort, aber der Kontakt zu ihnen trägt nicht. Die Arbeit, die sie als Dolmetscherin bei einer NGO angenommen hat, ist leicht und läßt ihr viel Freiraum. Immer wieder brodeln Erinnerungen an Elias nach oben, immer stärker kommt Verdrängtes an die Oberfläche, die Frau im blauen Unterkleid wird immer deutlicher. Das Blut. Der aufgeplatzte Unterleib. Es hört nie auf. Selbstvorwürfe, daß sie, Mascha, verantwortlich sei für den Tod Elischas… warum hat sie damals, warum hat sie damals nicht….

Sie lernt Ori kennen, mit dem sie einmal schläft, eher aus einem Irrtum heraus. Über Ori macht sie Bekanntschaft mit dessen Schwester Tal, einer politischen Aktivistin, der sie bald verfällt, ohne daß ihre Zuneigung von Tal erwidert wird. Im Gegenteil ist ihr bewußt, daß Tal sie ausnutzt, die letzte Kraft aus ihr heraussaugt: Sie weigerte sich hartnäckig, mich zu lieben. Mit ihr nimmt sie an Demonstrationen teil, Tränengas schlucken, wie sie es nennt… Zwischendurch immer wieder Telefonate nach Deutschland, zu Cem, einem ihrer engen Freunde, der nach einem ihrer Hilferufe sofort nach Israel kommt, um sich um sie zu kümmern. Erfolgserlebnisse wie das Dolmetschen bei einer Konferenz unter den Augen des Chefs hat sie nur selten. Im Gegenteil treten immer häufiger Panikattacken bis zu Zusammenbrüchen auf.

Tal bittet sie erneut, ein (angeblich) letztes mal, mit zu einem Treffen mit zu kommen, es geht in die Palästinensergebiete, nach Ramallah. Auch dort, bei diesem Treffen hält sie es nicht aus, sie flieht aus dem Klofenster, läuft durch die Gegend, weiß nicht, wo sie ist, fällt in Ohnmacht und wird im Hinterzimmer eines Cafés wach. Ein Mann ist bei ihr, hat sie dorthin gebracht, Ismael. Er sorgt für sie, kauft essen, läßt sie bei sich schlafen, ohne sie zu belästigen. Später nimmt er Mascha mit, sie fahren zur Hochzeit einer Cousine. Aber auch dort hält es Mascha nicht aus, sie flieht auch von dort, blutend, ins Nirgendwo, ruft Sami an, ihren alten Geliebten, er solle sie retten, nein, sie weiß nicht, wo sie ist, um sie herum ist nur das Irgendwo, das Nirgendwo….

An dieser Stelle ist die Geschichte Maschas, der Roman, an sein Ende gekommen. Es ist ein offenes Ende, in jedem Fall ein friedliches. Elias ist da, Mascha sieht ihn, er reicht ihr ein Taschentuch, das Nasenbluten zu stoppen, die Sonne wärmt und das Licht erhellt die Szenerie…


Maria Kogan, die Protagonistin, ist eine seelisch kranke Frau, ich denke, daß kann man auch als Laie feststellen. Mannigfache Traumatisierungen ließen sie zeitweise verstummen [4], erst nach langer Zeit erwacht ihr Lebenswille, ihr Wille, sich zu wehren, wieder. Sie weist alle Symptome einer heftigen, nicht mehr unter Kontrolle stehenden Trauer, einer großen Verlusterfahrung auf: Verdrängung, Wut, Zorn, körperliche Probleme, suizidale Tendenzen, Todessehnsucht. Sie, die Jüdin aus Aserbeidschan, die aber nie jüdisch gelebt hat, ist mehrfach entwurzelt: als aserbeidschanische Jüdin musste sie mit ihren Eltern aus ihrer Heimat fliehen, schon vorher kapselte sie sich nach dem ‚Ausfall‘ ihres Vaters (Du hast kein Wort gesprochen. … Du warst wie eine Fremde, hattest keine Wärme mehr in dir. … Nach jenem Tag hast du dich verschlossen und ich habe nie wieder einen Zugang zu dir gefunden. … erzählt ihr die Mutter später von ihrer Reaktion darauf) von der Familie ab und verstummte. In Deutschland dann war sie Aussenseiterin, konnte die Sprache nicht und es dauerte Jahre, in denen sie kaum sprach; ihr Freundeskreis generierte sich aus ähnlichem Milieu: die Kurdin (?) Sibel, die von ihren Brüdern misshandelt wurde, Sami, der in Beirut von einer libanesischen Mutter geborene Halbschweizers, in den sie sich verliebte und Cem, der junge Mann türkischer Abstammung. Später fand sie dann endlich Halt in Elias, dem ihre Eltern den Kosenamen Elischa gaben… und ausgerechnet Elias musste sterben, sie verlassen.

Es ist nicht so, als ob die Beziehung der beiden komplikationslos gewesen wäre. Zwar liebte Mascha Elias, doch sich ihm gegenüber öffnen, das konnte sie nicht. Die ‚Baku-Frage‘ stand zwischen ihnen, die sie ihm nie beantwortete, sie wollte sich ihm gegenüber nicht über Baku definieren.. Elias, Mascha stellte dies nach seinem Tod fest, als sie die Wohnung vor ihrer Abreise nach Israel auflöste, versuchte sich auf anderen Wegen über ihr Schicksal zu informieren: er hatte Zeitungsausschnitte, Bilder etc pp aus dem Kaukasus gesammelt und studiert. Aber trotz dieser Distanz, die Mascha wahrte, war Elias ihr Halt, bei ihm fühlte sie sich geborgen und geliebt, mit ihm – so steht zu vermuten – hätte sie eine Chance gehabt, ihr Leben mit all den Wunden in eine Bahn zu bekommen.

Ihre Ansprüche an das Leben waren gar nicht so extravagant. Später, in Israel, sollte sie von Tal danach gefragt werden und antworten: Was ist will, ist fließendes Wasser, Strom und ein friedlicher Platz, an dem niemand stirbt. Dann sei sie doch in Deutschland gut aufgehoben gewesen… Tal wusste jedoch nichts davon, daß in Deutschland einen Elias gegeben hatte, der gestorben war, so daß Mascha dort nicht bleiben konnte…

Eine so tief traumatierte Frau in einem Land, einer Region, die selbst unter Traumata leidet, das konnte nicht gut gehen. Wo einige arabische Schriftzeichen ausreichen für einen Terrorverdacht und zum Erschießen des Laptops führen. Wo viele der Israelis (so auch Tal und dann Ori) nach ihrem Wehrdienst nach Indien fliegen, um dort auszuflippen und von der Fürsorge wieder nach Israel zurückgebracht zu werden. Wo Friedensaktivisten mittlerweile verhasst sind und gesagt bekommen: Wir haben langsam genug vom Frieden. Wir wollen Rechte und einen Staat. Der Friedensprozess hat versagt, und wir wollen keine Normalisierung… bekommt sie im Palästinensergebiet zu hören. Hier, im Gebiet der Palästinsenser verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart für sie endgültig, der Gang durch die Straßen des palästinensischen Dorfes ein blutiges Déjà-vu….

Ein Panzer kam auf uns zu, wälzte ein parkendes Auto nieder. Der Panzer ließ das Auto hinter sich, aus einem der Fenster über ihm wurde ein Molotowcocktail geworfen. Er fiel wie ein Sternschnuppe und hinterließ einen Schweif. Damals hatte mich dieses Bild fasziniert. … ich lief Kreise, bis ich nicht mehr atmen konnte, …. Artemis und Schuschanik, das waren die Namen der Töchter von Großmutters Freundin. Gajan war ihr Name. Der Panzer bleib abrupt stehen, sein Bug drehte sich und die Kanone richtete sich auf das Fenster, aus dem der Angriff kam. Ein Knall. Das Küchenfenster zitterte. Im Nachbarhaus klaffte ein Loch. Dahinter ein Küchentisch eine eine geblümte Tapete. Ich wischte mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, das Blut blieb an meiner Wange kleben. 


Grjasnowas Roman ist in vier Teile untergliedert. Der erste Teil schildert die relativ kurze Zeitspanne zwischen dem Unfall von Elias und seinem Tod. Er gibt mit vielen Rückblicken auf die Vergangenheit Maschas übersichtsartig sowohl einen Überblick das Familienschicksal, das in dieser Zeit durch die Kämpfe und Feindschaften der Volksgruppen im Kaukasus geprägt war, ferner stellt der die Probleme der letztlich nach Deutschland geflüchteten Familie in ihrer neuen ‚Heimat‘ dar.

Damit erhält dieses 2013 veröffentlichte Buch einen sehr aktuellen Bezug. Denn jeder Flüchtling der nach Deutschland kommt, ist erst einmal auf jeden Fall entwurzelt: seiner Sprache, seiner Heimat, seiner Familie, den gewohnten Sitten und Gebräuchen entrissen. Ferner ist jeder Flüchtling, der aus (Bürger)Kriegsgebieten kommt, traumatisiert und in der Seele verwundet. Grjasnowas Geschichte von Mascha zeigt dies deutlich, sie zeigt auch, wie schwierig es für einen Flüchtling ist, über seine seelischen Verletzungen zu reden. In Deutschland haben wir dies selbst erlebt: viele unserer Eltern oder Großeltern wollten und/oder konnten erst im Alter (wenn überhaupt) über Kriegserlebnisse reden…. Dazu kommt bei den Flüchtlingen noch, daß sie immer wieder mit Ablehnung, mit Vorurteilen bis hin zu offener Aggression von Einheimischen konfrontiert werden.

Im zweiten Teil des Romans wird die Zeit zwischen dem Tod Elischas und der Abreise nach Israel geschildert. Mascha leidet unter Apathie und Antriebslosigkeit, Erinnerungen an Elias beherrschen sie, aber auch an ihren Exfreund Sami, an diese unglückliche und auch unerwiderte Liebe, denn Sami liebt Neda und Neda liebt Paul, den älteren Bruder Samis… Die beiden letzten Teile spielen dann in Israel und schildern, wie angedeutet, den immer fragiler werdenden Zustand Maschas.

Die einzelnen Teile des Buches sind ihrerseits in kurze Abschnitte gegliedert, die beim Lesen des nicht immer einfachen Stoffes die Möglichkeit zum Innehalten bieten. Die Geschichte selbst spielt auf verschiedenen Zeitebenen, die in der Gegenwart spielende Handlung wird häufig von Erinnerungen und Rückblenden unterbrochen, es ist nicht immer einfach, diesen Zeitsprüngen zu folgen.

Dieser ’sprunghafte‘ Stil der Autorin entspricht dem nicht mehr planvollen Leben der Protagonistin, deren Handlungsmotive von außen nicht immer nachzuvollziehen ist. Der Entschluss, nach Israel zu fliegen, ist sicher der folgenschwerste Entschluss dieser Art, es gibt auch auch noch eine ganze Reihe anderer Szenen, in denen das deutlich wird. Dabei ist natürlich auch zu berücksichtigen, daß der Zustand Maschas sich im Lauf der im Roman überstrichenen Zeit immer deutlicher verschlechterte. Funktioniert der Verdrängungsmechanismus nicht mehr, ist einfach so viel Leid in ihr, daß sie es nicht mehr unter kontrollieren kann? Die schreckliche Szene beispielsweise mit der Frau im blauen Unterkleid, die sie als Kind erlebte, taucht jedenfalls in ihren Erinnerungen immer wieder auf und mit jeweils mehr Details.

Das Ende des Buches ist offen, kann – wie in meinen Lesekreis, in dem wir das Buch diskutierten, geschehen – in verschiedener Art und Weise interpretiert werden. Mascha steht in dieser letzten Szene jedenfalls ohne genau zu wissen, wo sie ist, blutend auf einem Feld und telefoniert nach Hilfe…. aber der einzige, der sie dort finden kann, ist Elias, der ihr ein Taschentuch gibt, das Bluten zu stoppen…. sie hakt sich bei ihm ein. Die Sonne ist schon fast untergegangen, aber es ist noch hell.

Der Russe ist einer, der Birken liebt und ich bin einer, der von diesem Buch sehr berührt war/ist. Olga Grjasnowa hat eine intensive Geschichte erzählt, sie ruft uns mit dieser Geschichte ins Bewusstsein, daß jeder, der als Flüchtling zu uns kommt, an seinen eigenen, traurigen, tragischen Schicksal leidet, das aus ihm ein Opfer macht, das wir mit Erwartungen, wie dieser Mensch sich hier zu verhalten hat, wie er auf ‚Zuwendungen‘ zu reagieren hat, nicht überfrachten dürfen.

Es ist kompliziert.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorenseite beim Hanser-Verlag: https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/olga-grjasnowa/
[2] zur neueren Geschichte Aserbeidschans erhält man hier einen Überblick: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Aserbaidschans#Neuere_Geschichte
[3] Wiki-Beitrag zu Kontingentflüchtlingen aus ehemalig sowjetischen Gebieten: https://de.wikipedia.org/wiki/Zuwanderergruppe#Kontingentfl.C3.BCchtlinge
[4] dieses Verstummen erinnert mich an Pat Barkers Niemandland, in dem sie beschreibt, wie die Traumatisierungen auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges auch zu solchen Verstummungen führten (https://radiergummi.wordpress.com/2017/03/08/pat-barker-niemandsland/). Man kann an diesem Analogon erahnen, wie tief die seelische Verwundung von Mascha Kogan gereicht hat.

Olga Grjasowa
Der Russe ist einer, der Birken liebt
Erstausgabe: Hanser, 2012
diese Ausgabe: dtv, 2013, ca. 280 S.

tschick ist sicher einer der erfolgreichsten Romane der letzten Jahre in Deutschland. Dafür lassen sich zumindest zwei Gründe finden. Der eine ist naheliegend: die Geschichte der beiden Jungs aus Berlins Osten ist schlicht und einfach schön, sie ist gut in Szene gesetzt, sie ist einfühlsam und voller Liebe für die Figuren. Der zweite Grund des Erfolgs ist das tragische Schicksal seines Autoren: Wolfgang Herrndorf hat sich 2013 suizidiert, bevor das in seinem Hirn wuchernde Glioblastom ihm endgültig Würde und Persönlichkeit nehmen konnte. In einem Blog bzw. später auch als Buch [2] hat Herrndorf seine Krankengeschichte in selten eindringlicher und bewegender Weise festgehalten.

Der Pressestimmen und Besprechungen zu tschick (ich verwende in meinem Beitrag, sofern ich mich auf das Buch beziehe, die Schreibweise, wie sie auf dem Cover verwendet wird) gibt es viele, sehr viele. In dieser Taschenbuchausgabe musste man sogar das ansonsten leere erste Blatt mit Zitaten füllen, das war wohl der einzig freie Platz im Buch. Auf die sonst üblichen leeren Seiten am Anfang und am Ende des Buches hat man wohl aus Sparsamkeitsgründen verzichtet. Was etwas ungewohnt und auch nicht wirklich schön ist.

Aber nun zur Vorstellung des Buches, dessen Inhalt ich hier nur grob skizzieren will, er dürfte mittlerweile bekannt sein, kann auch im Beitrag zur Wiki [3] noch einmal rekapituliert werden.


Hauptperson und Erzähler ist der vierzehnjährige Gymnasiast Maik Klingenberg. Er leidet unter einem typisch pubertären Problem: er ist schüchtern, fühlt sich als Langweiler und sieht sich selbst als Aussenseiter. So sehr Aussenseiter, daß er noch nicht einmal einen Spitznamen hat. Bis auf das eine Jahr, das man ihn ‚Psycho‘ nannte, weil er in einem Schulaufsatz voller Naivität etwas über seine Mutter schrieb. Was an sich nicht schlimm gewesen wäre, nur, seine Mutter ist Alkoholikerin, daher war es dann doch irgendwie schlimm. Jedenfalls war er danach Psycho, solange, bis der Neue in die Klasse kam. Denn der mischte die Klasse irgendwie auf, indem er – nichts tat. Er ignorierte alles und jeden, wohin er mit seinen Schlitzaugen sah, ob in die Ferne oder nur an die Wand, war nicht unmittelbar zu erkennen, daß da jedoch Alkohol im Spiel war, fiel allerdings spätestens dann auf, wenn er vom Stuhl rutschte. Andrej Tschichatschow. Seit vier Jahren in Deutschland und irgendwie beginnend bei der Förderstufe bis hin ins Gymnasium gelangt. Und sofern er nüchtern war, waren seine Noten auch gar nicht mal so schlecht.

Noch einmal kurz zurück zu Maik, denn der hatte ein weiteres Problem. Wie alle anderen Jungen in der Klasse war er verknallt. In Tatjana. Nur, daß Tatjana ihn mit dem ***** nicht anschaute. Und erst recht nicht auf ihre große Geburtstagsfete einlud. Obwohl er doch ein megageiles Geschenk für sie gemacht hat. Wahrscheinlich als Einzigen auf der ganzen Schule nicht eingeladen hat.

Der Start in die Sommerferien konnte also kaum vielversprechender sein. Wenigstens war er allein, die Mutter im Trockendock, der Vater mit der Sekretärin auf … egal. Die junge Frau sah jedenfalls nicht nach Arbeit aus, als sie Vater Klingenberg abholte. Etwas schwindlig schien ihr jedoch zu sein, immerhin legte Vater den Arm und sie, um sie zu führen. Ne, war jetzt `n Witz von mir, Maik wusste schon, was Sache war und das mit dem ‚in-den-Arm-nehmen‘ noch auf dem Grundstück fand er ziemlich daneben.

Und just in dieser Situation tauchst Tschick bei ihm auf. Tschick, der das hat, was ihm fehlt: Selbstbehauptungswille, Selbstbewusstsein  – und Mut zur Lücke. Und außerdem kutschierte Tschick mit einen Lada durch die Gegend. Ausgeliehen natürlich…. Selbstverständlich war auch der ‚Mongole‘ bei Tatjana nicht eingeladen, was ihn jedoch nicht hinderte, hinzufahren. Mit Maik, der sich mit Händen und Füßen sträubte. Und Maiks Geschenk. Sie hinterließen, nicht zuletzt wegen der 180-Grad-Drehung, die Tschick mit ’seinem‘ Lada gekonnt hinlegte, einen Rieseneindruck… Adrenalin und Euphorie pur!

Nach dieser Aktion wartete die Welt auf Tschick und Maik und die beiden waren gewillt, dem Ruf der Welt zu folgen. Sie packten den Lada mit allem möglichen voll und starteten still und heimlich ihre Reise ins Irgendwo, denn wo die Walachei nun wirklich lag, wussten die beiden nicht genauer als daß es südlich war. Sie mieden die großen Straßen, nahmen schon mal ein Weizenfeld durch Durchpflügen in Kauf, erlebten Gewitter, die alles durchnässten, schliefen irgendwo im Wald und mussten feststellen, daß aufgetaute Tiefkühlpizzas eher als zum Diskuswurf denn als geniessbare Nahrung geeignet waren. Essen musste her, bloß fanden sie den blöden Supermarkt nicht. Dafür aber den ‚Kleinen Herrn Friedemann‘ (Spontanassoziation bei mir –> [4]), einen aus der Schar der Kinder einer leicht abgedrehten, aber liebenswerten Ökofamilie….

Selbst im beschaulichen Brandenburg (waren sie überhaupt noch in Brandenburg, aus Berlin jedenfalls waren sie draußen) oder wo immer sie waren, fielen zwei Vierzehnjährige, die einen schrottreifen Lada fuhren, irgendwann der Polizei auf… aber auch das Abenteuer überstanden sie unbeschadet, nur war dann plötzlich der Tank vom Auto leer…. Tankstelle, schön und gut, aber das gleich Problem wie gegenüber der Polizei und außerdem: wie tankt man eigentlich? War es vielleicht doch einfacher, das Benzin aus anderer Leute Tank abzuzapfen, weil, mit kommunalen Röhren sollte man das können…. also musste ein Schlauch her und den fanden sie mit Isas Hilfe. Isa, die erstens ohne Pause redete und zweitens stank, das jeder Iltis neidisch und den Jungs schlecht wurde. Denn ganz offensichtlich lebte Isa auf einer Müllkippe. Also schmissen die beiden dieses stinkenden Wesen kurzerhand in einen See und das Duschgel gleich hinterher. Und als sich Isa dann wusch, merkte Maik, der gar nicht wusste, wie er seine Augen nicht auf Isa richten sollte, daß Tatjana beileibe nicht das einzige Mädchen auf dieser Welt war…. und in der Nacht sind die Sterne zum Greifen nah…

Es konnte nicht für ewig gut gehen, dieser Trip der beiden Aussenseiter, der letztlich in einem großen Crash endete und da beide strafmündig waren, auch noch vor Gericht kam. Womit wir wieder beim Anfang der Geschichte wären, denn die beginnt mit Maik, der mit vollgeschifften Hosen und blutend auf der Polizeiwache sitzt und der uns dann erzählt, wie es dazu gekommen ist. Aber das habe ich ja auch schon getan…..

Quasi als kleinen Nachspann erfahren wir noch vom Ende der Familienidylle Klingenberg. Die Eltern trennen sich endgültig, die Mutter befördert im Rausch alle Einrichtungsgegenstände der Wohnung in den Pool und Maik hilft ihr. Vor der alarmierten Polizei ‚fliehen‘ die beiden auf den Grund des Pools und lassen von dort Luftblasen nach oben steigen, wo die ratlosen Polizisten stehen und ins Wasser starren….


So mit vierzehn ändert sich die Welt oder vielleicht auch nicht, möglicherweise hat man nur diesen Eindruck, weil man selbst sich ändert, man aber keine Ahung hat, was da mit einem geschieht. Man merkt, daß die Welt dort draußen auf einen wartet, auf einmal werden Mädchen interessant, aber warum zum Teufel sollten die sich für einen selbst interessieren. So jedenfalls geht es den schüchterneren unter den Pubertieren und Maik ist so einer. Da ist der Tschick schon anders, mit vielen Wassern gewaschen, hat schon so manchen Strauß mit der Welt ausgefochten, ist in gewissen Sinn komplementär zum introvertierten, langweiligen Maik.

Die Fahrt, diese Woche, die sie unterwegs sind: eine wichtige Etappe auf ihrem Weg ins Erwachsensein. Maik baut Selbstbewusstsein auf, lernt, sich zurecht zu finden, lernt auch, sich selbst auszuhalten und zu akzeptieren. Die beiden merken, daß die Welt da draußen allen Warnungen zum Trotz gar nicht so böse ist, wie man ihnen erzählt hat. Die meisten Menschen, die sie treffen, sind gut zu ihnen, wollen ihnen helfen, sind freundlich. Die Episode, die Herrndorf bei der Friedemann-Familie ansiedelt – ein wunderschönes Beispiel dafür. Auch für die Tatsache, daß den beiden vorgeführt wird, wie sehr man sich in Menschen täuschen kann, wenn man nur den ersten Blick gelten läßt…

Das Ende hat Herrndorf offen gelassen, denn selbstverständlich können Maik und seine Mutter nur begrenzte Zeit unter Wasser auf dem Poolboden hocken bleiben. Danach müssen sie sich wieder der Realität stellen. Genauso wie Tschick, den sie für ein paar Wochen in eine Heim eingewiesen haben…. für beide also ein Neustart, für den sie auch auf Grund ihrer Erfahrungen jetzt gut gerüstet sind.

Herrndorf hat diese Geschichte dem vierzehnjährigen Maik in den Mund gelegt. Die Sprache ist daher jugendgerecht und ähnelt mehr der gesprochenen Sprache als einer literarischen. Viele Dialoge und häufige Szenenwechsel halten das Lesetempo der mit vielen Spannungsspitzen gespickten Geschichte hoch: ehe man sich versieht, hat man den Roman durchgelesen. Es gibt viel Humor in der Geschichte, Maik ist ein guter Erzähler, dem Selbstironie nicht fehlt. Es gibt aber auch die leisen, melancholischen Momente, die anrühren und bewegen. Und auch wenn ich jetzt selbst schon älter bin, habe ich mich durch tschick an manches längst Vergessene wieder erinnern können (wobei mir damals eher die Rolle des Maik entsprach)…..

tschick: Ein Jugendroman auch und für Erwachsene. Der mich mit einer Frage sitzen läßt: warum nur habe ich den nicht schon längst gelesen gehabt?

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Wolfgang Herrndorf:  https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Herrndorf
[2] Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, https://radiergummi.wordpress.com/2014/02/04/wolfgang-herrndorf-arbeit-und-struktur/
[3] Wiki-Beitrag zum Roman: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschick_(Roman)
[4] Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann; https://radiergummi.wordpress.com/2014/10/12/thomas-mann-der-kleine-herr-friedemann/

2016 kam tschick dann auch als Film in die Kinos:  Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschick_(Film) und Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=Ph5NOf-di18

Wolfgang Herrndorf
tschick
Erstausgabe: 2010
diese Ausgabe: rororo, TB, ca. 255 S., 2016 (57. Aufl.)

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