Mit diesem Roman hat hat die 1984 in Baku (Aserbeidschan) geborene Autorin Olga Grjasowa [1] ein beachtliches, ein beachtetes Debüt vorgelegt. Auch wenn der Titel für sich genommen einen leicht romantischen Einschlag hat und so möglicherweise in die Irre füht, denn der Roman handelt nicht von Russen, die ’nur‘ indirekt eine Rolle spielen und ebenso nicht von Birken. Es ist im Gegenteil ein tieftrauriger, ein tragischer, ein bewegender, aufwühlender Roman, der das Leben einer schwer traumatisierten jungen Frau zum Thema hat. Birken als Symbol der russischen Seele (dem Buch ist ein entsprechendes Zitat von Tschechow aus Drei Schwestern vorangestellt),Birken auch als altes Symbol für Reinigung, Erneuerung oder Neuanfang –  inwieweit sich damit ein Bezug auf Inhalt des Romans interpretieren läßt, mag jeder für sich entscheiden.

Wie die Autorin ist ebenso die Protagonistin des Romans in Baku als Tochter aus einer russisch-jüdischen Ehe gebürtig, wie diese kam sie Mitte der neunziger Jahre als Kontingentflüchtling [3] nach Deutschland. Insofern liegt die Vermutung auf der Hand, daß Grjasnowa in Der Russe… persönliche Erfahrungen mit eingebracht hat, ohne daß dies selbstverständlich als autobiographisch gedeutet werden muss. Die angedeuteten Lebensumstände bilden jedenfalls den Hintergrund des persönlichen Schicksals der zentralen Figur Maria (‚Mascha‘) Kogan, die – und damit beginnt der Roman – in einer Beziehung mit Elias, einem deutschen Fotografen, lebt.


Hintergrund…. welch ein beschönigender Begriff.

Hintergrund bedeutet in diesem Fall, daß  die junge Frau als Kind die Schrecken der Kriege und Auseinandersetzungen, die Ende des letzten Jahrhunderts im Kaukasus herrschten (Stichworte: Armenien, Aserbeidschan [2] und Berg-Karabach), miterlebt hat. Miterlebt hat, wie vor ihr, dem Kind, auf der Straße eine mit einem hellblauen Unterkleid angetane junge Frau aus der Höhe auf das Pflaster klatschte…  miterlebt hat, wie Schrecken und Terror jeden Tag zunahmen, miterlebt hat, wie der Vater, ein Russe, zwischen die Fronten der sich bekämpfenden Volksgruppen geraten war und sein Lebensziel verlor… miterlebt hat, daß das ganze Leben in drei Koffer zu packen war, mit denen man in dieses unbekannte Land, dessen Sprache man nicht sprach, dessen Lieder man nicht sang, fliehen musste… miterlebt hat, daß das, was man in diese drei Koffer gepackt, in diesem Land zu nichts nutze war… miterlebt hat, wie der Vater, in der Vergangenheit ein angehende Kosmonaut, in Deutschland zerbrach,….


Es gab ein Kind und es gab einen Vater. Der Vater wollte das Kind in Sicherheit bringen. Bis zu Großmuttters Wohnung mussten sie zehn Minuten lang laufen. Das Kind war noch keine sieben und spürte, dass sich in den letzten Tagen etwas verändert hatte, aber es hätte nicht sagen können, was. Daran dachte das Kind, als eine Frau neben ihm aufschlug. Das Blut rann langsam bis zu den Kinderschuhen und die Schuhspitzen des Mädchens färbten sich rot.  

Vater hatte aufgegeben, von einem Tag auf den anderen. Er freundete sich nicht mit anderen Menschen an, ging kaum aus dem Haus. Nur manchmal, um an den Tankstellen die Benzinpreise zu vergleichen..

Mein Lieblingsspiel hieß damals Nachrichten und ging  in etwa so: Man teilt den Park untereinander auf und versucht sich gegenseitig das Territorium abzujagen. Mit allen Mitteln, so wie in den Nachrichten, die damals direkt nach den Zeichentrickfilmen gezeigt wurden. Wir spielten Nationale Front. wir spielten Krieg. 


Wundern die Eingewöhnungsschwierigkeiten im neuen Land? Wundert es, daß das junge Mädchen jahrelang fast nicht sprach, daß sie Gedanken hatte, dem Leben ein Ende zu bereiten? Wundert es, daß sie Aussenseiterin war, Opfer? Bis sie schließlich eines Tages beschloss, sich zu wehren… sie wurde von der Schule verwiesen, ging auf eine andere, zog von zu Hause aus und mit Sibel zusammen in eine Wohnung. Zu diesem Zeitpunkt war sie siebzehn Jahre alt. Nun sprach ich fünf Sprachen fließend und ein paar andere wie die Ballermann-Touristen Deutsch… resümiert sie ihre Erinnerungen an ihre Schulzeit, als sie in der Krankenhauskantine die dünne Suppe löffelt. Sie besucht Elias, Elischa, ihren Freund, der sich beim Fussballspielen den Oberschenkel gebrochen hat. Es gibt Komplikationen, die Operationswunde heilt nicht gut, Elias muss, nachdem er dann doch irgendwann nach Hause entlassen worden war, mit dem Notarzt wieder ins Krankenhaus, aber er stirbt. Maschas einziger emotionaler Halt im Leben stirbt.

Was nun folgt, ist die Schilderung eines Lebens, das auf ein schlimmes Ende hin zusteuert. Teilweise versagt ihr Körper Mascha den Dienst, ihre seelische Krankheit, die tiefen, tiefen Wunden, die sie in der Seele mit sich trägt, drängen danach, sich auch körperlich zu zeigen. Suizidale Gedanken, Todessehnsucht verspürt sie. Möglicherweise würde sie einfach verhungern, wenn nicht ihre Mutter sie versorgte…. Nur schwierig können Freunde sie zu Aktivitäten motivieren. Zwar macht sie letztlich ihre Dolmetscherprüfung, nutzt jedoch jede sich bietende Gelegenheiten, der Welt zu entfliehen. Wird ihr ein Joint angeboten, ergreift sie ihn, sie schläft mechanisch mit ihrem Dozenten, den sie am anderen Tag darum bittet, ihr einen Job in Israel zu besorgen.

Mascha ist durch ihre jüdische Mutter Jüdin, sie lebt diese Religion jedoch nicht. Die Gebete, die Rituale, sind ihr fremd. Sie spricht Arabisch, Hebräisch nicht. So fällt sie bei der Einreise in Israel sofort auf, wird als terrorverdächtig herausgefischt. Israel ist ihr Land, ist es ihr Land? Es bleibt offen, warum sie nach Israel wollte. Sind sie Claude Lanzmann? fertigt sie ihren Dozenten ab, der sie danach fragt. Sie hat Verwandte dort, aber der Kontakt zu ihnen trägt nicht. Die Arbeit, die sie als Dolmetscherin bei einer NGO angenommen hat, ist leicht und läßt ihr viel Freiraum. Immer wieder brodeln Erinnerungen an Elias nach oben, immer stärker kommt Verdrängtes an die Oberfläche, die Frau im blauen Unterkleid wird immer deutlicher. Das Blut. Der aufgeplatzte Unterleib. Es hört nie auf. Selbstvorwürfe, daß sie, Mascha, verantwortlich sei für den Tod Elischas… warum hat sie damals, warum hat sie damals nicht….

Sie lernt Ori kennen, mit dem sie einmal schläft, eher aus einem Irrtum heraus. Über Ori macht sie Bekanntschaft mit dessen Schwester Tal, einer politischen Aktivistin, der sie bald verfällt, ohne daß ihre Zuneigung von Tal erwidert wird. Im Gegenteil ist ihr bewußt, daß Tal sie ausnutzt, die letzte Kraft aus ihr heraussaugt: Sie weigerte sich hartnäckig, mich zu lieben. Mit ihr nimmt sie an Demonstrationen teil, Tränengas schlucken, wie sie es nennt… Zwischendurch immer wieder Telefonate nach Deutschland, zu Cem, einem ihrer engen Freunde, der nach einem ihrer Hilferufe sofort nach Israel kommt, um sich um sie zu kümmern. Erfolgserlebnisse wie das Dolmetschen bei einer Konferenz unter den Augen des Chefs hat sie nur selten. Im Gegenteil treten immer häufiger Panikattacken bis zu Zusammenbrüchen auf.

Tal bittet sie erneut, ein (angeblich) letztes mal, mit zu einem Treffen mit zu kommen, es geht in die Palästinensergebiete, nach Ramallah. Auch dort, bei diesem Treffen hält sie es nicht aus, sie flieht aus dem Klofenster, läuft durch die Gegend, weiß nicht, wo sie ist, fällt in Ohnmacht und wird im Hinterzimmer eines Cafés wach. Ein Mann ist bei ihr, hat sie dorthin gebracht, Ismael. Er sorgt für sie, kauft essen, läßt sie bei sich schlafen, ohne sie zu belästigen. Später nimmt er Mascha mit, sie fahren zur Hochzeit einer Cousine. Aber auch dort hält es Mascha nicht aus, sie flieht auch von dort, blutend, ins Nirgendwo, ruft Sami an, ihren alten Geliebten, er solle sie retten, nein, sie weiß nicht, wo sie ist, um sie herum ist nur das Irgendwo, das Nirgendwo….

An dieser Stelle ist die Geschichte Maschas, der Roman, an sein Ende gekommen. Es ist ein offenes Ende, in jedem Fall ein friedliches. Elias ist da, Mascha sieht ihn, er reicht ihr ein Taschentuch, das Nasenbluten zu stoppen, die Sonne wärmt und das Licht erhellt die Szenerie…


Maria Kogan, die Protagonistin, ist eine seelisch kranke Frau, ich denke, daß kann man auch als Laie feststellen. Mannigfache Traumatisierungen ließen sie zeitweise verstummen [4], erst nach langer Zeit erwacht ihr Lebenswille, ihr Wille, sich zu wehren, wieder. Sie weist alle Symptome einer heftigen, nicht mehr unter Kontrolle stehenden Trauer, einer großen Verlusterfahrung auf: Verdrängung, Wut, Zorn, körperliche Probleme, suizidale Tendenzen, Todessehnsucht. Sie, die Jüdin aus Aserbeidschan, die aber nie jüdisch gelebt hat, ist mehrfach entwurzelt: als aserbeidschanische Jüdin musste sie mit ihren Eltern aus ihrer Heimat fliehen, schon vorher kapselte sie sich nach dem ‚Ausfall‘ ihres Vaters (Du hast kein Wort gesprochen. … Du warst wie eine Fremde, hattest keine Wärme mehr in dir. … Nach jenem Tag hast du dich verschlossen und ich habe nie wieder einen Zugang zu dir gefunden. … erzählt ihr die Mutter später von ihrer Reaktion darauf) von der Familie ab und verstummte. In Deutschland dann war sie Aussenseiterin, konnte die Sprache nicht und es dauerte Jahre, in denen sie kaum sprach; ihr Freundeskreis generierte sich aus ähnlichem Milieu: die Kurdin (?) Sibel, die von ihren Brüdern misshandelt wurde, Sami, der in Beirut von einer libanesischen Mutter geborene Halbschweizers, in den sie sich verliebte und Cem, der junge Mann türkischer Abstammung. Später fand sie dann endlich Halt in Elias, dem ihre Eltern den Kosenamen Elischa gaben… und ausgerechnet Elias musste sterben, sie verlassen.

Es ist nicht so, als ob die Beziehung der beiden komplikationslos gewesen wäre. Zwar liebte Mascha Elias, doch sich ihm gegenüber öffnen, das konnte sie nicht. Die ‚Baku-Frage‘ stand zwischen ihnen, die sie ihm nie beantwortete, sie wollte sich ihm gegenüber nicht über Baku definieren.. Elias, Mascha stellte dies nach seinem Tod fest, als sie die Wohnung vor ihrer Abreise nach Israel auflöste, versuchte sich auf anderen Wegen über ihr Schicksal zu informieren: er hatte Zeitungsausschnitte, Bilder etc pp aus dem Kaukasus gesammelt und studiert. Aber trotz dieser Distanz, die Mascha wahrte, war Elias ihr Halt, bei ihm fühlte sie sich geborgen und geliebt, mit ihm – so steht zu vermuten – hätte sie eine Chance gehabt, ihr Leben mit all den Wunden in eine Bahn zu bekommen.

Ihre Ansprüche an das Leben waren gar nicht so extravagant. Später, in Israel, sollte sie von Tal danach gefragt werden und antworten: Was ist will, ist fließendes Wasser, Strom und ein friedlicher Platz, an dem niemand stirbt. Dann sei sie doch in Deutschland gut aufgehoben gewesen… Tal wusste jedoch nichts davon, daß in Deutschland einen Elias gegeben hatte, der gestorben war, so daß Mascha dort nicht bleiben konnte…

Eine so tief traumatierte Frau in einem Land, einer Region, die selbst unter Traumata leidet, das konnte nicht gut gehen. Wo einige arabische Schriftzeichen ausreichen für einen Terrorverdacht und zum Erschießen des Laptops führen. Wo viele der Israelis (so auch Tal und dann Ori) nach ihrem Wehrdienst nach Indien fliegen, um dort auszuflippen und von der Fürsorge wieder nach Israel zurückgebracht zu werden. Wo Friedensaktivisten mittlerweile verhasst sind und gesagt bekommen: Wir haben langsam genug vom Frieden. Wir wollen Rechte und einen Staat. Der Friedensprozess hat versagt, und wir wollen keine Normalisierung… bekommt sie im Palästinensergebiet zu hören. Hier, im Gebiet der Palästinsenser verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart für sie endgültig, der Gang durch die Straßen des palästinensischen Dorfes ein blutiges Déjà-vu….

Ein Panzer kam auf uns zu, wälzte ein parkendes Auto nieder. Der Panzer ließ das Auto hinter sich, aus einem der Fenster über ihm wurde ein Molotowcocktail geworfen. Er fiel wie ein Sternschnuppe und hinterließ einen Schweif. Damals hatte mich dieses Bild fasziniert. … ich lief Kreise, bis ich nicht mehr atmen konnte, …. Artemis und Schuschanik, das waren die Namen der Töchter von Großmutters Freundin. Gajan war ihr Name. Der Panzer bleib abrupt stehen, sein Bug drehte sich und die Kanone richtete sich auf das Fenster, aus dem der Angriff kam. Ein Knall. Das Küchenfenster zitterte. Im Nachbarhaus klaffte ein Loch. Dahinter ein Küchentisch eine eine geblümte Tapete. Ich wischte mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, das Blut blieb an meiner Wange kleben. 


Grjasnowas Roman ist in vier Teile untergliedert. Der erste Teil schildert die relativ kurze Zeitspanne zwischen dem Unfall von Elias und seinem Tod. Er gibt mit vielen Rückblicken auf die Vergangenheit Maschas übersichtsartig sowohl einen Überblick das Familienschicksal, das in dieser Zeit durch die Kämpfe und Feindschaften der Volksgruppen im Kaukasus geprägt war, ferner stellt der die Probleme der letztlich nach Deutschland geflüchteten Familie in ihrer neuen ‚Heimat‘ dar.

Damit erhält dieses 2013 veröffentlichte Buch einen sehr aktuellen Bezug. Denn jeder Flüchtling der nach Deutschland kommt, ist erst einmal auf jeden Fall entwurzelt: seiner Sprache, seiner Heimat, seiner Familie, den gewohnten Sitten und Gebräuchen entrissen. Ferner ist jeder Flüchtling, der aus (Bürger)Kriegsgebieten kommt, traumatisiert und in der Seele verwundet. Grjasnowas Geschichte von Mascha zeigt dies deutlich, sie zeigt auch, wie schwierig es für einen Flüchtling ist, über seine seelischen Verletzungen zu reden. In Deutschland haben wir dies selbst erlebt: viele unserer Eltern oder Großeltern wollten und/oder konnten erst im Alter (wenn überhaupt) über Kriegserlebnisse reden…. Dazu kommt bei den Flüchtlingen noch, daß sie immer wieder mit Ablehnung, mit Vorurteilen bis hin zu offener Aggression von Einheimischen konfrontiert werden.

Im zweiten Teil des Romans wird die Zeit zwischen dem Tod Elischas und der Abreise nach Israel geschildert. Mascha leidet unter Apathie und Antriebslosigkeit, Erinnerungen an Elias beherrschen sie, aber auch an ihren Exfreund Sami, an diese unglückliche und auch unerwiderte Liebe, denn Sami liebt Neda und Neda liebt Paul, den älteren Bruder Samis… Die beiden letzten Teile spielen dann in Israel und schildern, wie angedeutet, den immer fragiler werdenden Zustand Maschas.

Die einzelnen Teile des Buches sind ihrerseits in kurze Abschnitte gegliedert, die beim Lesen des nicht immer einfachen Stoffes die Möglichkeit zum Innehalten bieten. Die Geschichte selbst spielt auf verschiedenen Zeitebenen, die in der Gegenwart spielende Handlung wird häufig von Erinnerungen und Rückblenden unterbrochen, es ist nicht immer einfach, diesen Zeitsprüngen zu folgen.

Dieser ’sprunghafte‘ Stil der Autorin entspricht dem nicht mehr planvollen Leben der Protagonistin, deren Handlungsmotive von außen nicht immer nachzuvollziehen ist. Der Entschluss, nach Israel zu fliegen, ist sicher der folgenschwerste Entschluss dieser Art, es gibt auch auch noch eine ganze Reihe anderer Szenen, in denen das deutlich wird. Dabei ist natürlich auch zu berücksichtigen, daß der Zustand Maschas sich im Lauf der im Roman überstrichenen Zeit immer deutlicher verschlechterte. Funktioniert der Verdrängungsmechanismus nicht mehr, ist einfach so viel Leid in ihr, daß sie es nicht mehr unter kontrollieren kann? Die schreckliche Szene beispielsweise mit der Frau im blauen Unterkleid, die sie als Kind erlebte, taucht jedenfalls in ihren Erinnerungen immer wieder auf und mit jeweils mehr Details.

Das Ende des Buches ist offen, kann – wie in meinen Lesekreis, in dem wir das Buch diskutierten, geschehen – in verschiedener Art und Weise interpretiert werden. Mascha steht in dieser letzten Szene jedenfalls ohne genau zu wissen, wo sie ist, blutend auf einem Feld und telefoniert nach Hilfe…. aber der einzige, der sie dort finden kann, ist Elias, der ihr ein Taschentuch gibt, das Bluten zu stoppen…. sie hakt sich bei ihm ein. Die Sonne ist schon fast untergegangen, aber es ist noch hell.

Der Russe ist einer, der Birken liebt und ich bin einer, der von diesem Buch sehr berührt war/ist. Olga Grjasnowa hat eine intensive Geschichte erzählt, sie ruft uns mit dieser Geschichte ins Bewusstsein, daß jeder, der als Flüchtling zu uns kommt, an seinen eigenen, traurigen, tragischen Schicksal leidet, das aus ihm ein Opfer macht, das wir mit Erwartungen, wie dieser Mensch sich hier zu verhalten hat, wie er auf ‚Zuwendungen‘ zu reagieren hat, nicht überfrachten dürfen.

Es ist kompliziert.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorenseite beim Hanser-Verlag: https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/olga-grjasnowa/
[2] zur neueren Geschichte Aserbeidschans erhält man hier einen Überblick: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Aserbaidschans#Neuere_Geschichte
[3] Wiki-Beitrag zu Kontingentflüchtlingen aus ehemalig sowjetischen Gebieten: https://de.wikipedia.org/wiki/Zuwanderergruppe#Kontingentfl.C3.BCchtlinge
[4] dieses Verstummen erinnert mich an Pat Barkers Niemandland, in dem sie beschreibt, wie die Traumatisierungen auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges auch zu solchen Verstummungen führten (https://radiergummi.wordpress.com/2017/03/08/pat-barker-niemandsland/). Man kann an diesem Analogon erahnen, wie tief die seelische Verwundung von Mascha Kogan gereicht hat.

Olga Grjasowa
Der Russe ist einer, der Birken liebt
Erstausgabe: Hanser, 2012
diese Ausgabe: dtv, 2013, ca. 280 S.

tschick ist sicher einer der erfolgreichsten Romane der letzten Jahre in Deutschland. Dafür lassen sich zumindest zwei Gründe finden. Der eine ist naheliegend: die Geschichte der beiden Jungs aus Berlins Osten ist schlicht und einfach schön, sie ist gut in Szene gesetzt, sie ist einfühlsam und voller Liebe für die Figuren. Der zweite Grund des Erfolgs ist das tragische Schicksal seines Autoren: Wolfgang Herrndorf hat sich 2013 suizidiert, bevor das in seinem Hirn wuchernde Glioblastom ihm endgültig Würde und Persönlichkeit nehmen konnte. In einem Blog bzw. später auch als Buch [2] hat Herrndorf seine Krankengeschichte in selten eindringlicher und bewegender Weise festgehalten.

Der Pressestimmen und Besprechungen zu tschick (ich verwende in meinem Beitrag, sofern ich mich auf das Buch beziehe, die Schreibweise, wie sie auf dem Cover verwendet wird) gibt es viele, sehr viele. In dieser Taschenbuchausgabe musste man sogar das ansonsten leere erste Blatt mit Zitaten füllen, das war wohl der einzig freie Platz im Buch. Auf die sonst üblichen leeren Seiten am Anfang und am Ende des Buches hat man wohl aus Sparsamkeitsgründen verzichtet. Was etwas ungewohnt und auch nicht wirklich schön ist.

Aber nun zur Vorstellung des Buches, dessen Inhalt ich hier nur grob skizzieren will, er dürfte mittlerweile bekannt sein, kann auch im Beitrag zur Wiki [3] noch einmal rekapituliert werden.


Hauptperson und Erzähler ist der vierzehnjährige Gymnasiast Maik Klingenberg. Er leidet unter einem typisch pubertären Problem: er ist schüchtern, fühlt sich als Langweiler und sieht sich selbst als Aussenseiter. So sehr Aussenseiter, daß er noch nicht einmal einen Spitznamen hat. Bis auf das eine Jahr, das man ihn ‚Psycho‘ nannte, weil er in einem Schulaufsatz voller Naivität etwas über seine Mutter schrieb. Was an sich nicht schlimm gewesen wäre, nur, seine Mutter ist Alkoholikerin, daher war es dann doch irgendwie schlimm. Jedenfalls war er danach Psycho, solange, bis der Neue in die Klasse kam. Denn der mischte die Klasse irgendwie auf, indem er – nichts tat. Er ignorierte alles und jeden, wohin er mit seinen Schlitzaugen sah, ob in die Ferne oder nur an die Wand, war nicht unmittelbar zu erkennen, daß da jedoch Alkohol im Spiel war, fiel allerdings spätestens dann auf, wenn er vom Stuhl rutschte. Andrej Tschichatschow. Seit vier Jahren in Deutschland und irgendwie beginnend bei der Förderstufe bis hin ins Gymnasium gelangt. Und sofern er nüchtern war, waren seine Noten auch gar nicht mal so schlecht.

Noch einmal kurz zurück zu Maik, denn der hatte ein weiteres Problem. Wie alle anderen Jungen in der Klasse war er verknallt. In Tatjana. Nur, daß Tatjana ihn mit dem ***** nicht anschaute. Und erst recht nicht auf ihre große Geburtstagsfete einlud. Obwohl er doch ein megageiles Geschenk für sie gemacht hat. Wahrscheinlich als Einzigen auf der ganzen Schule nicht eingeladen hat.

Der Start in die Sommerferien konnte also kaum vielversprechender sein. Wenigstens war er allein, die Mutter im Trockendock, der Vater mit der Sekretärin auf … egal. Die junge Frau sah jedenfalls nicht nach Arbeit aus, als sie Vater Klingenberg abholte. Etwas schwindlig schien ihr jedoch zu sein, immerhin legte Vater den Arm und sie, um sie zu führen. Ne, war jetzt `n Witz von mir, Maik wusste schon, was Sache war und das mit dem ‚in-den-Arm-nehmen‘ noch auf dem Grundstück fand er ziemlich daneben.

Und just in dieser Situation tauchst Tschick bei ihm auf. Tschick, der das hat, was ihm fehlt: Selbstbehauptungswille, Selbstbewusstsein  – und Mut zur Lücke. Und außerdem kutschierte Tschick mit einen Lada durch die Gegend. Ausgeliehen natürlich…. Selbstverständlich war auch der ‚Mongole‘ bei Tatjana nicht eingeladen, was ihn jedoch nicht hinderte, hinzufahren. Mit Maik, der sich mit Händen und Füßen sträubte. Und Maiks Geschenk. Sie hinterließen, nicht zuletzt wegen der 180-Grad-Drehung, die Tschick mit ’seinem‘ Lada gekonnt hinlegte, einen Rieseneindruck… Adrenalin und Euphorie pur!

Nach dieser Aktion wartete die Welt auf Tschick und Maik und die beiden waren gewillt, dem Ruf der Welt zu folgen. Sie packten den Lada mit allem möglichen voll und starteten still und heimlich ihre Reise ins Irgendwo, denn wo die Walachei nun wirklich lag, wussten die beiden nicht genauer als daß es südlich war. Sie mieden die großen Straßen, nahmen schon mal ein Weizenfeld durch Durchpflügen in Kauf, erlebten Gewitter, die alles durchnässten, schliefen irgendwo im Wald und mussten feststellen, daß aufgetaute Tiefkühlpizzas eher als zum Diskuswurf denn als geniessbare Nahrung geeignet waren. Essen musste her, bloß fanden sie den blöden Supermarkt nicht. Dafür aber den ‚Kleinen Herrn Friedemann‘ (Spontanassoziation bei mir –> [4]), einen aus der Schar der Kinder einer leicht abgedrehten, aber liebenswerten Ökofamilie….

Selbst im beschaulichen Brandenburg (waren sie überhaupt noch in Brandenburg, aus Berlin jedenfalls waren sie draußen) oder wo immer sie waren, fielen zwei Vierzehnjährige, die einen schrottreifen Lada fuhren, irgendwann der Polizei auf… aber auch das Abenteuer überstanden sie unbeschadet, nur war dann plötzlich der Tank vom Auto leer…. Tankstelle, schön und gut, aber das gleich Problem wie gegenüber der Polizei und außerdem: wie tankt man eigentlich? War es vielleicht doch einfacher, das Benzin aus anderer Leute Tank abzuzapfen, weil, mit kommunalen Röhren sollte man das können…. also musste ein Schlauch her und den fanden sie mit Isas Hilfe. Isa, die erstens ohne Pause redete und zweitens stank, das jeder Iltis neidisch und den Jungs schlecht wurde. Denn ganz offensichtlich lebte Isa auf einer Müllkippe. Also schmissen die beiden dieses stinkenden Wesen kurzerhand in einen See und das Duschgel gleich hinterher. Und als sich Isa dann wusch, merkte Maik, der gar nicht wusste, wie er seine Augen nicht auf Isa richten sollte, daß Tatjana beileibe nicht das einzige Mädchen auf dieser Welt war…. und in der Nacht sind die Sterne zum Greifen nah…

Es konnte nicht für ewig gut gehen, dieser Trip der beiden Aussenseiter, der letztlich in einem großen Crash endete und da beide strafmündig waren, auch noch vor Gericht kam. Womit wir wieder beim Anfang der Geschichte wären, denn die beginnt mit Maik, der mit vollgeschifften Hosen und blutend auf der Polizeiwache sitzt und der uns dann erzählt, wie es dazu gekommen ist. Aber das habe ich ja auch schon getan…..

Quasi als kleinen Nachspann erfahren wir noch vom Ende der Familienidylle Klingenberg. Die Eltern trennen sich endgültig, die Mutter befördert im Rausch alle Einrichtungsgegenstände der Wohnung in den Pool und Maik hilft ihr. Vor der alarmierten Polizei ‚fliehen‘ die beiden auf den Grund des Pools und lassen von dort Luftblasen nach oben steigen, wo die ratlosen Polizisten stehen und ins Wasser starren….


So mit vierzehn ändert sich die Welt oder vielleicht auch nicht, möglicherweise hat man nur diesen Eindruck, weil man selbst sich ändert, man aber keine Ahung hat, was da mit einem geschieht. Man merkt, daß die Welt dort draußen auf einen wartet, auf einmal werden Mädchen interessant, aber warum zum Teufel sollten die sich für einen selbst interessieren. So jedenfalls geht es den schüchterneren unter den Pubertieren und Maik ist so einer. Da ist der Tschick schon anders, mit vielen Wassern gewaschen, hat schon so manchen Strauß mit der Welt ausgefochten, ist in gewissen Sinn komplementär zum introvertierten, langweiligen Maik.

Die Fahrt, diese Woche, die sie unterwegs sind: eine wichtige Etappe auf ihrem Weg ins Erwachsensein. Maik baut Selbstbewusstsein auf, lernt, sich zurecht zu finden, lernt auch, sich selbst auszuhalten und zu akzeptieren. Die beiden merken, daß die Welt da draußen allen Warnungen zum Trotz gar nicht so böse ist, wie man ihnen erzählt hat. Die meisten Menschen, die sie treffen, sind gut zu ihnen, wollen ihnen helfen, sind freundlich. Die Episode, die Herrndorf bei der Friedemann-Familie ansiedelt – ein wunderschönes Beispiel dafür. Auch für die Tatsache, daß den beiden vorgeführt wird, wie sehr man sich in Menschen täuschen kann, wenn man nur den ersten Blick gelten läßt…

Das Ende hat Herrndorf offen gelassen, denn selbstverständlich können Maik und seine Mutter nur begrenzte Zeit unter Wasser auf dem Poolboden hocken bleiben. Danach müssen sie sich wieder der Realität stellen. Genauso wie Tschick, den sie für ein paar Wochen in eine Heim eingewiesen haben…. für beide also ein Neustart, für den sie auch auf Grund ihrer Erfahrungen jetzt gut gerüstet sind.

Herrndorf hat diese Geschichte dem vierzehnjährigen Maik in den Mund gelegt. Die Sprache ist daher jugendgerecht und ähnelt mehr der gesprochenen Sprache als einer literarischen. Viele Dialoge und häufige Szenenwechsel halten das Lesetempo der mit vielen Spannungsspitzen gespickten Geschichte hoch: ehe man sich versieht, hat man den Roman durchgelesen. Es gibt viel Humor in der Geschichte, Maik ist ein guter Erzähler, dem Selbstironie nicht fehlt. Es gibt aber auch die leisen, melancholischen Momente, die anrühren und bewegen. Und auch wenn ich jetzt selbst schon älter bin, habe ich mich durch tschick an manches längst Vergessene wieder erinnern können (wobei mir damals eher die Rolle des Maik entsprach)…..

tschick: Ein Jugendroman auch und für Erwachsene. Der mich mit einer Frage sitzen läßt: warum nur habe ich den nicht schon längst gelesen gehabt?

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Wolfgang Herrndorf:  https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Herrndorf
[2] Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, https://radiergummi.wordpress.com/2014/02/04/wolfgang-herrndorf-arbeit-und-struktur/
[3] Wiki-Beitrag zum Roman: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschick_(Roman)
[4] Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann; https://radiergummi.wordpress.com/2014/10/12/thomas-mann-der-kleine-herr-friedemann/

2016 kam tschick dann auch als Film in die Kinos:  Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschick_(Film) und Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=Ph5NOf-di18

Wolfgang Herrndorf
tschick
Erstausgabe: 2010
diese Ausgabe: rororo, TB, ca. 255 S., 2016 (57. Aufl.)

Berlin in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, dem Deutschland der Weimarer Republik, das ist in der ersten Assoziation verknüpft mit urbanem Leben, mit einer pulsierenden Metropole, die sich gleichrangig sieht mit anderen Weltstädten wie Paris, London oder New York. Große Varietees, Theater, Kinos, Kleinkunstbühnen ohne Zahl verliehen ihr Glanz, speziell wir Literaturfreunde denken beispielsweise an das Romanische Café als Treffpunkt einer städtischen Bohemé aus Künstlern und Kreativen. Aber dieser Glanz überstrahlt anderes: Berlin war auch eine Industriestadt (AEG, Siemens u.a.) mit bedrückenden sozialen Verhältnissen. Das Wort von der Stadt, die niemals schläft, galt in anderer Bedeutung auch hier: knapper Wohnraum wurde schichtweise als Schlafstätte vermietet, das Bett wurde nie kalt…. die Arbeiter, die in Berlin lernten, nach der Stechuhr zu leben, sollten zu denen werden, die später dann im Stechschritt durch die Stadt marschierten.

Groß-Berlin war 1920 durch einen Verwaltungsakt entstanden, diese erweiterte Stadt von der Größe des Ruhrgebiets beherbergte um die vier Millionen Einwohner, in ihr fand sich urbanes Leben genauso wieder wie idyllisches, zu ihrem Stadtgebiet gehörten Wälder, Seen und Wiesen. Das urbane Leben konzentierte sich jeweils in bestimmten Bezirken, in der südlichen Friedrichsstraße das Filmquartier, nicht weit entfernt, Koch- und Zimmerstraße, das Zeitungsviertel, das quartier latin mit den Klinken und Instituten nördlich vom Friedriechsbahnhof von der Luisenstraße bis zur Invalidenstraße, um die Gedächtniskirche und die Tauentzienstraße das Amüsier- und Luxusviertel, dann die dunkle zweifelhafte Gegend zwischen Münzstraße und Rosenthaler Platz [3].

Diese ‚dunkle, zweifelhafte Gegend‘ begann direkt hinter dem Alexanderplatz. Es ist das Viertel, in das Franz Biberkopf direkt, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war, eintauchte, eintauchen musste. In einem finsteren Hofe stehend überkam es ihn und er fing an zu singen, laut zu singen, etwas, was er im Gefängnis nie hätte tun dürfen. Im Hof beachtet ihn niemand, aber am Tor nahm ihn der Jude in Empfang. Er folgte ihm auf der Straße, nahm ihn beim Arm, zog ihn unter unendlichem Gespräch weiter, bis sie in die Gormannstraße einbogen, der Jude und der starkbauchige Kerl im Sommermantel, der den Mund zusammenpreßte, als ob er Galle spucken müßte. [4]

Gormannstraße, Münzstraße, Rosenthaler Platz, Mulackstraße, Grenadierstraße: unter anderen diese Straßen bildeten das Scheunenviertel [5] in Berlin, in dem sich ein Bodensatz des Kleinkriminellen und der Prostituierten tummelte. Enge, verwinkelte Straßen, alte, teils baufällige Häuser, kleine Geschäfte und Handwerker, Unübersichtlichkeit und Gedränge: das Scheunenviertel war also nicht originär ein jüdisches Viertel. Die Berliner Juden lebten mehrheitlich im Westen der Stadt, hatten sich im Gegenteil ‚assimiliert‘ und sollten sich, als nach dem ersten Weltkrieg ihr Glaubensbrüder aus dem Osten Europas nach Berlin kamen, derer schämen. In einem umfangreichen und nicht immer leicht zu verstehenden Essay widmet sich der Soziologe Eike Geisel der Geschichte und dem Charakter des Scheunenviertels im Allgemeinen und seiner Bedeutung für das deutsche bzw. osteuropäische Judentum im Besonderen.

Mir hatte sich bis dato dieses Scheunenviertel literarisch erst einmal bemerkbar gemacht, in Israels J. Singers Die Familie Karnovski ist es ein Schauplatz der Handlung. Mit dem Worten In den altersgrauen, zerfallenen Gebäuden der Dragonerstraße im Scheunenviertel, dem Viertel der Altkleiderhändler, das die Nichtjuden spottend die Jüdische Schweiz nannten, lagen eng nebeneinander Läden, Märkte, Metzgereien Gasthäuser und Bethäuser…. leitet er eine Beschreibung des Viertels und seiner Bewohner ein [6]. Für diese (und weitere zum Viertel gehörende Straßen) hält die Statistik für das Jahr 1929 (dem Jahr, in dem der Roman spielt) tatsächlich auch fest, daß die Wohndichte fünfmal höher ist als in der ganzen Stadt, die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal….

In Martin Beradts Straße der kleinen Ewigkeit (ein weichgespülter Titel des Buches, das ursprünglich Die Beiden Seiten der Straße heißen sollte), sind es nicht die vorstehend genannten Straßen, sondern die Grenadierstraße, die im Mittelpunkt steht. Martin Beradt (1881 – 1949) war selbst Jude, 1913 zog die Familie, als es ihr besser ging, in den Westen. Beradt wurde später auf zwei Tätigkeitfeldern erfolgreich: er reüssierte sowohl als Schriftsteller und kam andererseits als Notar und Rechtsanwalt zu Wohlstand. Beides wurde nach 1933 sukzessive durch Berufs- und Publikationsverbote (1933 verlor er seine Zulassung als Notar, 1938 die als Rechtsanwalt zunichte gemacht. Der vorliegende Roman war 1933 (angeblich) fertig gestellt, der Rowohlt-Verlag, bei dem Beradt publizierte, war jedoch zu dieser Zeit der Auffassung, einige Stellen des Romans könnten tendenziös aufgefasst werden und lehnte eine Veröffentlichung ab. Daß Beradt am 10. Mai 1933 von den Machthabern und ihren studentischen Schergen nicht übersehen wurde, versteht sich danach von selbst. In seinem Nachruf geht Eike Geisel auf die Publikationsgeschichte des Buches ein.

Es erscheint schon fast ironisch, daß auch nach dem Krieg erhebliche Schwierigkeiten auftauchten, den Roman zu veröffentlichen, jetzt weil potentiell Antisemitisches darin gesehen wurde: Eine hiesige [i.e. New York, wohin Beradt 1939 geflohen war] jüdische Buchorganisation wollte ihn nicht veröffentlichen, wie ich unter der Hand erfuhr, weil er antisemitisch, sei, das heißt offenbar, daß er nicht aus Marzipan besteht: ich hatte gute und schlechte Juden geschildert und wende die Mittel des modernen Romans an Stelle der Sentimentalität an. … War dies noch Anfang der 40er Jahre, so lehnte Beradts alter Verleger Rowohlt noch 1957 eine Veröffentlichung aus nämlichen Gründen ab, auch andere Verlage zuckten zurück, erst 1962 fand ein kleiner Verlag in der Herausgabe des Romans ‚eine Freude und schöne Aufgabe‘ [Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt]. Eine weitere Buchausgabe erschien 1993 unter dem ursprünglich vom Autor gewählten Titel, 2000 schließlich gab Enzensberger den Roman zusammen mit den beiden umfangreichen Begleittexten von Geisel in Die Andere Bibliothek heraus, diese Ausgabe ist es, die bei mir im Regal wohnt.

beradt


…. mit den Juden dieser Gasse, die neben ihrem bescheidenen irdischen Dasein noch ein zweites, hohes, übersinnliches Leben führten.

Im Mittelpunkt des Romans steht – so deutet es der ursprüngliche Titel schon an – eine Straße und deren Bewohner. Sehr locker wird der Text durch eine Person zusammengehalten, dem jungen Ephrain, genannt Frajim, der schon früh eine unbeherrschte Unterlippe aufwies, der dazu gehörige Mund verriet die gröberen Instinkte, die Nase aber war edel, die Stirn klug – so überlegte sich die Mutter. Dieser Frajim sollte nach dem Willen der Eltern Karriere machen, erfolgreich sein, das ging nur als Kaufmann, aber nicht natürlich im litauischen Elend des Dorfes, in dem sie lebten, sondern vielleicht in Krakau oder Lodz? Man entschied sich letztlich dann für Berlin, denn Deutschland stand in ihren Augen sehr hoch, vor allem stand Polen in ihren Augen sehr viel tiefer. Und wo ging man als Ostjude in Berlin hin, wo zog es einen hin? Dorthin zog es einen, wo schon andere waren, mithin kam auch Frajim ins Scheunenviertel hinter dem Alexanderplatz. Nur zeigte sich dort, daß Deutschland vielleicht sehr hoch stand, doch sicher nicht in diesem Viertel, in dem er, der junge Frajim keinen Erfolg hatte, keine Arbeit fand, obwohl sich seine Zimmerwirtin selbstlos um ihn kümmerte, ihn vermittelte, anpries und in Lohn und Arbeit brachte. Meist jedoch nur für kurze Zeit, was Frajims Ungeschicklichkeit geschuldet war oder der Tatsache, daß wirtschaftliche Probleme zur Entlassung von Beschäftigten zwangen.

Im Umfeld von Frajim führt Beradt eine Vielzahl weiterer Figuren ein. Der achtbare Bettler Fischmann zum Beispiel, dessen Berufung es war, Menschen Gelegenheit zu geben, großzügig und mildtätig zu sein und der wahrnehmen muss, sie sein Berufsethos hier in der Fremde verloren geht. Die Schwägerinnen Riwka und Julchen, die stundenlang auf einem harten Stuhl vor ihrem Verkaufstand mit Wäsche, Unterwäsche (darunter auch orangefarbene (!) Schlüpfer) und Trikotagen stehen und meist vergeblich darauf warten, daß jemand nicht nur schaut, sondern auch kauft. Joel, der Wirt, mit seinem weitbekannten Gasthaus, in dem er auch Zimmer vermietet, an drei, vier der armseligen Gestalten einen Raum….

Sie lebten elend dort in ihrem Viertel, in dem sie nicht unter sich waren, sondern das sie sich teilten mit anderen verschlissenen und unscheinbaren Existenzen. Christliche Minderheiten waren dies, aber auch alteingesessene Juden, darunter ganz arme, halb arme, wohlhabende, aber auch zugewanderte und wohlhabend gewordene und diese noch nicht einmal vereinzelt. Ganz abgesehen vom höchsts bedenklichen Gesindel der gewerbs- und gewohnheitsmäßigen Verbrecher samt ihrem weiblichen Anhang. Es gab Bordelle und es wurde Alkohol getrunken und die Glaubensfestigkeit der Juden auf schärfste geprüft wurde. Sie waren ein Fähnlein Aufrechter, im Quartier mit der Unzucht und dem Verbrechen, eine letzte Kompanie vor Gott. Und warum kommen sie jetzt aus Europas Osten nach Berlin? Nun, ihnen erschien die Wahrscheinlichkeit, in Berlin zu verhungern immer noch attraktiver als die Sicherheit, es in Polen zu müssen….

Zwar war Berlin für manche der Ostjuden der halbe Weg zum eigentlichen Ziel, das New York hieß, aber für die meisten war im Scheunenviertel Endstation. Die Welt außerhalb dieser wenigen Straßenzüge war schon Exil, sie vermieden es, in diese Welt zu gehen, aber diese Welt kam zu ihnen: in Gestalt der Polizei und der Baubehörden. In Joels Wirtshaus wurde Schwamm festgestellt bei einer Inspektion, die Existenz dieses Fleckens an der Wand wird zum Gerücht, es wuchs und verbreitete sich als Angst und Schrecken. Noch einmal gab es später ein ähnliches Gerücht, der Putz der von der Decke rieselte in das Zimmer, in dem Fischmann die Nacht selig entschlafen war, wurde zum Loch in der Decke, dessen Steine ihn erschlugen, das Loch wurde zur Wand, die umgefallen war, die umgefallene Wand wurde zum Haus, das praktisch schon einstürzte! Ausgerechnet zu der Zeit, in dem zusätzliche Zugvögel, die ein Ticket nach New York in der Tasche hatten und hier nur einen Zwischenhalt einlegten, zu all den sowieso schon eng Einquartierten gepackt worden waren. Welch eine Panik, welch eine Unruhe entstand dort. Wie brüllende Rinder, über derem Haupt der Stall in Feuer steht, so schrien alle. Ausgelöst durch einen anonymen Brief, der bei der Polizei eingegangen war, von einem Menschen mit seltsamen Namen… natürlich wusste man gleich, wer diese gewesen sein konnte, nein: musste! Jeder wusste es außer dem Betreffenden, der den geballten Zorn zu spüren bekam.

Es gäbe eine Anordnung der Polizei, das Haus zu verlassen, auch das Bethaus sei zu räumen. Ist sie das jetzt, die Austreibung? Dieses schreckliche Wort fiel, wenn auch nur im Ton der Frage bei denen, die aufgeregt durch Hintertüren in die Schankstuben strömten, um über das Geschehen zu reden. Es ist dies die immanente, ständig über ihnen schwebende Angst vor Vertreibung, die ganz real in diesen Jahren 1928/29 am Horizont erschienen ist.

Es war keine homogene Gemeinschaft. Zwar einte die Not die meisten darin, daß sie genug damit zu tun hatten, zu überleben, aber sie waren, obschon das Scheunenviertel ihre Welt war, nicht abgeschlossen. Im Osten, in Krakau beispielsweise, lebten sie abgeschlossen in ihren Vierteln, lebten die Juden streng unter sich, mit den Andersgläubigen im Verkehr nur durch den Handel. … Es war kühn, von dort auszubrechen, waren auch viele im Laufe des Jahrhunderts von Ost nach West gezogen. Die Mehrheit saß noch da, fromm und strng wie einst, …. hier aber? Inmitten der Unzucht, im Angesicht der Frauen, die von den Männern nur stundenweise besucht wurden, im engen Kontakt – schließlich war überall ähnliche Not – mit christlichen Handwerker, mit Ganoven auch…? Der junge Seraphim, mit dem sich Frajim ein wenig angefreundet hatte, beispielsweise trat für Änderungen ein, die Religion sollte eine freiere und reiner Form erhalten. .. Er galt als Ketzer, er hetze die Jugend auf. Wirklich sagte er: seht euch Herrn Lämmchen an …. bei den Worten Heilig, Heilig, heilig! möchte er höher hüpfen als sie alle, er faßt, wie man sagt, Gott an die Füße, aber zu Hause schlägt er die Frau, und im Geshäft macht er zweifelhafte Sachen! Oh ja, Seraphim hatte ein dezidiertes Urteil, viel forderte er, aber auch er, selbst er, konnte ohne die Gasse nicht leben.

Einige der Personen, die Beradt in seinem wie in einer Art Mosaik als Einzelbildern zusammengesetzten Panorame der Grenadiergasse in das Geschehen einführt, seien noch wenigstens erwähnt.  Beispielsweise Tauber mit seinem Bauchladen, Frau Warszawski, die Vermieterin, Geppert, der Polizeispitzel, Wahrhaftig, der mit Tüchern handelt und jetzt unbändige Angst hat, weil welche dabei sind, die aus der Beute eines erschossenen Diebes sind, der wohlhabende, aber fast blinde Weichselbaum, der nach Berlin der Ärzte wegen kam, der ebenfalls nicht arme Lumpenhändler Lewkowitz, bei dem Frajim zeitweilig, aber nicht lange, arbeitete, der Rabbi Jurkim mit seiner schwermütigen Frau. Dieser betete, wie andere atmeten, es fehlt ihm die Wärme, sein Blick war Eis, entsetzlich, Bett an Bett mit ihm zu schlafen, wahrscheinlich schlief man im Keller wärmer. Dann war da noch Boas, der Arzt, der sich für seine Patienten aufrieb und selbst früh starb. Früh starb? Ein Arzt, der sich selbst nicht helfen konnte und sich früh sterben ließ? O Weh! Ein kollektiver Aufschrei ertönte und die Sicherheit stellte sich in der Menge ein, daß dieser Betrüger dann ja wohl auch seinen Patienten nicht helfen konnte, und war nicht der oder die, trotzdem sie zu ihm gegangen, gestorben? Wieviel vertrauenswürdiger erschien da doch der Heilkundige Jankuhn, der allerdings eher den Aberglauben der Menschen bediente als sie zu heilen….

Am Ende all dieser Geschichten, hiermit schließt sich dann der lockere Rahmen, der durch die Existenz von Frajim gebildet wird, reist dieser mit Weichselbaum, der von den Ärzten Berlins enttäuscht ist, wieder zurück in die Heimat, aus der er ausgeschickt worden war. Er hatte trotz aller Enttäuschungen doch manches gelernt – vielleicht gab es dann doch noch einmal einen Aufstieg für ihn – in Polen.


Es sind Zwiegespräche, innere Monologe, Diskussionen, auch Beschreibungen, die Beradt in Art einer Collage zu einem Gesamtbild der Grenadierstraße, nolens volens also des Scheunenviertels zusammengefügt hat. Des Scheunenviertels, in dem sich die Ostjuden sammelten (es ist an mehreren Stellen von dreitausend die Rede), in der Hoffnung auf einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg, der ihren Glaubensbrüdern rund zweihundertfünfzig Jahre vorher gelungen war. Doch – so schreibt Geisel bitter weiter – statt auf Aufklärung und Lessing treffen sie auf Antisemitismus und Ludendorff, die Austreibung als Schreckgespenst immer im drohend im Hintergrund. Ein paar Jahre später, 1939, besuchte Beradt die Grenadiergasse noch einmal, diesen Besuch fügte er seinem Text als Epilog bei: … Ich habe sie [i.e. die Grenadiergasse] im Juli 1939, wenige Wochen vor dem Ausbruch des Krieges, gesehen, sie war nicht wiederzuerkennen. Es war ein Nachmittag, keine besonders lebhafte Zeit, aber auch keine stille für die Gasse. Wieviel Hunderte standen sonst um diese Zeit in ihr herum! Nun waren sie tot! …Die befürchtete Austreibung war wahr geworden, nicht nur hatte man sie aus Berlin, aus ihrem Viertel getrieben, man trieb sie aus aus Frankreich, aus den Niederlanden, aus allen Ländern, in die Deutschland mit seiner Militärmaschine kam, ja, man hatte begonnen, ihnen allen, einem ganzen Volk, sogar das Leben aus dem Leib zu treiben…

Beradt war herumgereist und hat für seinen Roman gesammelt: Witze, Anekdoten, Gespräche, Diskussionen, Episoden und anderes mehr. So ist dieser Roman von jüdischem Leben durchzogen, liest sich an vielen Stellen auch humorig, geprägt auch von diesem ‚typisch‘ jüdischen Humor, der die Hürden des Alltags offenlegt und gleichzeitig zu ertragen und hin und wieder zu überwinden vermag. Beradts Juden sind nicht aus Marzipan, wie er später schreiben sollte. Es sind Menschen, und es gibt gute Menschen und nicht so gute. Es gibt welche, die ihren Vorteil über alles stellen, es gibt welche, die helfen, wo sie helfen können. Menschen eben. Martin Beradt, der selbst 1939, kurze Zeit nach seinem oben geschilderten Besuch in der Grenadiergasse nach New York emigierte, hat dem Berliner Scheunenviertel und den dort wohnenden Juden mit Der Straße der kleinen Ewigkeit ein Denkmal gesetzt, hat ihnen, den von der Erde Vertilgten zumindest ein literarisches Überleben gesichert.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Beradt
[2] —
[3] Willi Jasper: Berlin Alexanderplatz, in: Manfred Görtemaker: Weimar in Berlin, be.bra verlag, Berlin, 2002
[4] Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz, zitiert nach: dtv, 24. Aufl., 1980
[5] als Beispiel eine Touristentour durch´s Scheunenviertel:  http://travel.nationalgeographic.com/travel/city-guides/berlin-walking-tour-3/
[6] Israel Joshua Singer: Die Familie Karnovski, Besprechung hier im Blog

 

Martin Beradt
Die Straße der kleinen Ewigkeit
Ein Roman aus dem Berliner Scheunenviertel
Mit einem Essay und einem Nachruf von Eike Geisel.
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek, Bd. 190), HC, ca. 370 S., 2001.

josepha

Was ein Buch, was für ein Roman, was für eine Geschichte… sie führt zurück ins Jahr 1976 jenseits der im Jahre neunzehnhundertneunundvierzig anscheinend endgültig befestigten Grenze in eine gemütliche Wohnung, in der sich Therese Schlupfburg (sic!) und ihre Urenkelin Josepha in ihrer eigenen Welt eingerichtet haben. Das ’sic!‘ steht dort nicht von ungefähr, wir werden es im Verlauf des Buches bzw. dieser Besprechung zu deuten wissen bzw. gedeutet bekommen.

Die jüngere der beiden Frauen, Josepha also, ist zu zweit: in ihrem Inneren wächst ein schwarz-weißes Kind heran, der Vater, der werdenden Mutter bekannt nur für eine Nacht, ist Angolaner, spielt aber im weiteren Verlauf keine Rolle mehr, wird von Josepha den neugierigen Offiziellen gegenüber, die sich um die Schwangere und deren Gesundheit kümmern, hartnäckig verschwiegen, so hartnäckig, daß auf der Schwangerenpappe – zumindest zeitweilig – ein ‚A‚ erscheint, für Asozialenkartei. Überhaupt spielen die Männer in dieser Geschichte allenfalls die von der Natur her als notwendig erachtete Rolle der Besamer und Befruchter, die wahre Macht obliegt den Frauen, der Geschlechtlichkeit zu wahren Wundertaten fähig ist.

Da härtet schon einmal eine Achtzigjährige das Gemächt des über Neunzigjährigen, um sich lustvoller Umarmung zu erfreuen, da empfangen über Sechzigjährige nach der Menopause noch Kinder, die nach wenigen Monaten geboren werden und deren ultraschnelle Entwicklung zu Sensationsmeldungen Anlaß gibt. In Sturzgeburten auf die Welt gekommene Zwillinge werden mit solch nahrhafter und mit unfassbarem Druck der Drüse entweichender Milch genährt, daß man ihrem Wachsen zusehen kann. So erregend der Anblick, daß dem anwesenden Amtmann spontan Sperma entweicht und sich in der Luft mit der Milch mischt, einer Milch, die just jenen spillerigen Amtmann süchtig macht, ihn zu athletischer Form bringt und seinen Stoffwechsel so umstellt, daß er nur noch mit Muttermilch funktioniert. Muttermilch, die ihm aus anscheinend nie versiegender Brust verabreicht wird….

Auch die Kinder, deren Väter wie erwähnt meist unwichtig sind und die ohne den Segen von Staat und Kirche die Welt erblicken, sind nicht ohne. Ottilies, der Therese lang vermisste und diesseits der im Jahre neunzehnhundertneunundvierzig anscheinend endgültig befestigten Grenze lebende Tochter beispielsweise schenkt (vorstehend schon erwähnt) spät in ihrem Leben einem Sohn noch selbiges, einem Säugling, dessen ausgeschiedene verdaute Nahrung den Geruch der jeweilig herrschenden Uniform annimmt – was beim Besuch der Mutter, d.h. jenseits der … etc pp, in der Öffentlichkeit zu heftiger Verwirrung unter den Menschen führt, ja, zu Panik fast. Überhaupt ist dieses Kind ein Kind mit drei Vätern, einen biologischen, einem Ziehvater und einem Zahlvater. Wie ist es überhaupt zu diesem Kind gekommen, dies ebenso eine wunderlich-magische Begebenheit, denn in Ottilies Nähe implodierten neuerdings sämtliche Bildschirme. Was wiederum zur Bekanntschaft mit dem Fernsehmechaniker Revenslueh führt, der zwar noch verheiratet war, aber doch bald zu den drei Vätern zählen sollte… das mit dem Verheiratetsein gab sich jedoch schnell, stürzte die Frau sich in ihrer Verzweiflung ob der Untreue des Gatten doch aus dem heimischen Fenster, fiel zwar relativ weich, war trotzdem verletzt. Es gab noch eine Versöhnung zwischen den Eheleuten, doch just in dieser versetzt Revenslueh seiner Frau unbeabsichtigt – sozusagen – den Todesstoß. So starb sie glücklich, der kleine wurde für sie zum großen Tod… und für den Mann hieß es jetzt: Leinen los, Ottilie ahoi!

Man sieht, es geht durchaus deftig zu, keine der Körperflüssigkeiten, die der Mensch absondert, bleibt unerwähnt und ohne Bedeutung. Nun passiert das Ganze aber nicht ohne Plan. Den beiden Frauen, Therese und Jospha, kommt nicht nur aufgrund ihrer Weiblichkeit Macht zu, ihnen wohnt auch Magisches inne, auf einer imaginären Leinwand nämlich in das Leben ihrer Vorfahrinnen blicken zu können. Diese Sitzungen, die die beiden abhalten, ihre Familiengeschichte zu erforschen, stellen die Stationen der titelgebenden Gunnar-Lennefsen-Expedition dar.

Sie beginnt 1914 in Ostpreusen mit einem Brudermord, die junge Therese nämlich sieht sich den Bruder mit einem Holzschuh erschlagen, um ihm den Gastod im tobenden Krieg zu ersparen. Therese arbeitete damals als Dienstmädchen und wurde vom Sohn des Gutsbesitzers geschwängert, besagte Ottilie war die Frucht dieser Nächte, doch eine Heirat zwischen Magd und Junker kam natürlich nie in Frage….. ein älterer Kürschner und Steineschneider wurde ihr angetraut, aber dieser Erbs machte es nicht lange, schon an der Hochzeitstafel zeigte er Schwächen, kotzte das gerade Verzehrte quer über den Tisch – nur weil Therese etwas schmatzte beim Essen… Nach seinem baldigen Tod wurde die Ehe annulliert, Fritz (der ein ungefähres anderthalb Jahrzehnt später beim Wettmasturbieren seines verkrümmten Penisses wegen Hemmungen haben sollte), die Frucht der beiden, wurde somit von einer ledigen Mutter als eheliches Kind geboren….

Die Tochter Ottilie selbst lernte die Liebe ebenfalls früh kennen, ihr Erwählter war der jüdische Fahrende Avraham Rautenkrantz aus Riga, der gelegentlich in Königsberg weilte. 1933 sollte sie ihn zum letzten Mal sehen, Rudolph nannte sie das Kind, das sie einem Deutschen Beischläfer unterschob. Dieser Rudolph ist wichtig für die Geschichte des Buches, denn er sollte später zum Vater werden von Josepha, deswegen wäre das Verschweigen seiner Herkunft hier ein Fehler gewesen. Verschweigen bzw. nur darauf hinweisen will ich jedoch darauf, daß es Ottilie nach dem Krieg nach Bayern verschlagen hat, daß Josphas Mutter bei der Geburt verstarb und Rudolph selbst sein Kind bei der Oma ließ, um mit einer anderen Frau noch einmal sein Glück zu finden, einer Frau, die ihr eigenes, tragisches Schicksal mit sich zu tragen hat…..

Aber bevor es dazu kam, war der zweite Weltkrieg zu überstehen, die Reihe der Ahnen geschlossen zu halten, was nicht einfach war, folgerichtig ist die Geschichte oder wäre sie es, würde ich es unternehmen hier an dieser Stelle, kompliziert zu erzählen. Jedenfalls ist die Mutter Josephas ein weiteres, ein Wasserkind der schon hier erwähnten Sturzgebärenden, Wasserkind, weil sie durch das Badewasser empfangen wurde, in dem sich vorher der ejakuliert habende, nur noch durch Muttermilch nährende Amtmann gereinigt hatte…. Eaulalia nannte sie ihre Mutter, die Kleine war bei der Geburt nur wenige Zentimeter groß, aber voll entwickelt – zum Erstaunen aller.

Es ist kompliziert und das Vorstehende nur ein auf wenige der vielen Figuren konzentrierter Auszug. Es gab Situationen, an denen wäre die Kette der Ahninnen fast unterbrochen worden, weil sie z.B. verdampften in der Hitze des Dresdener Infernos, der Krieg zerriss die Familien, es kam zu Vergewaltigungen und ‚Judenf***s‘, Kinder wurden mit versteckt und mit anderen Identitäten in andere Leben geworfen, in Leben, in denen sie gleichzeitig Tochter, Adoptivtochter und Vergewaltigungsopfer ein und desselben Mannes wurden….

Ohne die Hilfe eines speziellen Kosmos von Göttinnen wäre es nicht gelungen, wäre die Linie der Schlupfburgs irgendwann geendet. Göttinnen wie Inklinatia, die Göttin der Gleichgewichtsstörung, Diploida, die Göttin der Abstammungslehre, Östromania, die Göttin der weiblichen Tollheit, Fidelia, die Göttin der grundlos heiteren Stunden, Exkrementia, die Göttin … na ja, gut, das wird wohl jeder ahnen…. ein bunter Göttinenkosmos also (ich habe nur Beispiele genannt), der sich in der Gestaltung, Begleitung und Behütung der Weiberschicksale hin und wieder  über die Jahrzehnte hinweg in die Quere kam, weil die Interessenlage manchmal etwas unterschiedlich war, der aber summa summarum das Projekt ‚Schlupfburg‘ erfolgreich in die Gegenwart geführt hat.

Es sind nur winzig kleine Leckerbissen, Appetizer sozusagen, des Inhalts, auf die ich hier eingegangen bin. Das Buch ist so randvoll mit Episoden, Geschichten und Ereignissen, daß eine nur halbwegs vollständige Inhaltsangabe ziemlich lang geriete, sofern sie überhaupt möglich ist, ohne das halbe Buch zu referieren…. aber ich wiederhole mich….


In Schmidts Roman wechseln sich die Erzählebenen ab. Die Rahmenhandlung spielt im Jahr 1976 in der DDR, in den einzelnen Etappen der Gunnar-Lennefsen-Expedition führt uns die Autorin anhand der Schicksale der diversen Vorfahrinnen zurück in die deutsche Vergangenheit, in das Ostpreussen anfangs des 20. Jahrhunderts, in den Zeit zwischen den Kriegen, in den Zweiten Weltkrieg mitsamt seinen Gräueln des Holocaust, die direkt in die Familiegeschichte hineinwirken. Die Teilung Deutschlands dann mit Ottilie auf jenseitiger und den anderen noch lebenden Gliedern der Familie auf diesseitiger der im Jahre neunzehnhundertneunundvierzig anscheinend endgültig befestigten Grenze, eine Formulierung, die sich häufig im Text der selbst 1958 in Gotha gebürtigen Autorin findet.

Die neunzehnjährige Josepha arbeitet in einer Druckerei, der ‚VEB Kalender und Büroartikel Max Papp‘ in der thüringischen Kleinstadt W.. Im Verlauf des Romans erfahren wir eine Menge über das Leben in dieser damaligen DDR, über die Arbeitsbedingungen, über soziale Umstände, über das Alltagsleben. Natürlich fällt Josepha durch die hartnäckige Verweigerung, den Vater des (wie nur sie weiß) schwarzweißen Kindes zu nennen, auf, hat Nachteile, will sich ganz aus der staatlichen Betreuung herausziehen und kann nur durch Not und Mühe von einer Freundin überredet werden, sich zu arrangieren mit dem staatlichen System. Auch hier, in der Umgebung der DDR, spart Schmidt nicht mit wunderlichen und slapstickartigen Einlagen: die Faust Josephas, die im Zimmer der Meisterin bei Gelegenheit voller Wut in die Fruchtmarmelade schlägt, expediert beispielsweise eine Kirsche auf das wandhängige Bild des Staatsratvorsitzenden, dessen Mund sich daraufhin unabwischbar kirschrot färbt. Nicht nur dies…. mit unzüchtigen Aufforderungen, die fortan den gespitzten Lippen des formals zu Spröden entweichen, treibt das Bild später die Meisterin, die das Bild bei sich zu Hause seiner marmeladigen Schändung wegen verstecken wollte, zu unerhörten Manipulationen am eigenen Körper an, bis schließlich rauchverzehrte Gestalten, von den ‚zuständigen Stellen‘ ausgesandt, sich ihrer annahmen und sie nie mehr gesehen wurde…. immer waren es die ‚zuständigen Stellen‘, durch geheime Nummern alarmiert, die für Ordnung im Sinne der Ordnungsmacht sorgten, für eine Ordnung, die ängstigte….

Zeitgeschichte also aus weiblicher Sicht. Aber mehr noch stellt der Roman eine Hommage an die Macht der Frauen dar, einer Macht, die sich auch und gerade ihrer Geschlechtlichkeit bedient. Die schlupfburgischen Frauen bekennen sich zu ihrer Lust, viele ihrer Kinder sind unehelich (zumindest gemacht worden), werden ohne Vater erzogen. Sie bedien(t)en sich der Männer so wie es selbst Josepha mit dem schwarzweißen Kind im Bauch (der ‚Schlupfburg‘) noch praktiziert: im Urlaub auf der Luftmatratze in der Ostsee schaukelnd lädt sie in plötzlich erregter Lust den unerwartet auftauchenden Schnorchler ein, seinen anderen Schnorchel doch flugs (oder besser schwimmend und klammernd) in ihr zu versenken… derart tauscht Schmidt in diesen Passagen ihres Roman die übliche Rollenverteilung: der Mann wird hier zum Objekt, dessen sich die Frau bedient. In anderen Episoden retardiert der Mann zum Säugling, dessen Leben voll und ganz von der Mutter(milch) abhängt: der erwähnte Amtmann Thalerthal beispielsweise, der sich nur noch von Muttermilch nähren kann. Auch Erbs, der später annullierte Ehemann Thereses war so ein schwaches Geschöpf, das neben seiner Frau nicht existieren konnte und von dannen ging….


Die Gunnar-Lennefsen-Expedition war als Buch ein großer Erfolg, die Kritik (mit wenigen Ausnahmen) feierte es, es 1998 beim Ingeborg-Bachheim-Wettbewerb mit dem Preis des Landes Kärnten ausgezeichnet [2]. Es ist in der Tat ein Lesespaß, ein Roman, der beim Fabulieren und Erzählen keine Grenzen kennt und vor nichts scheut. Attribute wie ‚derb‘, ‚prall‘, ’sinnenfroh‘ (so wie es die aus- und einladende Rückenansicht auf dem Buchcover suggeriert), aber auch ‚phantastisch‘ charakterisieren diesen Roman durchaus treffend, dabei hat er ebenfalls genügend ernste und tragische Passagen, in denen sich Bilder und Beschreibungen historischer Zeiten formen. Die Art und Weise in der Schmidt geschrieben hat, entspricht dem teilweise märchenhaften Inhalt: es ist zwar kein Text ohne Punkt und Komma, aber über weite Strecken ohne Absatz und Unterbrechung, häufig ein nur spärlich strukturierter Fließtext über viele Seiten, so wie ein atemloser Erzähler sein Werk eben verrichten würde. Ob man es dagegen tatsächlich als Geschichtsschreibung aus weiblicher Sicht (so im Klappentext des Romans) nehmen kann, sei dahin gestellt oder ob der Roman doch eher ein in den historischen Kontext eingebundenes Fabulat ist, mag jeder für sich selbst entscheiden. Jedenfalls ist Schmidts Roman ein opulenter Lesespaß, wenngleich der Spaß für mich genauso groß gewesen wäre, wäre das Buch ein wenig kürzer geraten. Denn da auch eine Autorin wie Schmidt nicht immer nur Neues oder Altes neu erzählen kann, verliert der Verstoß gegen übliche Inhalte und Beschreibungen im Lauf der Episoden an manchen Stellen an Reiz und wiederholt sich, die Magie der beiden Frauen Therese und Josepha verflacht sozusagen. Abgesehen davon jedoch kann ich aus meiner Sicht das Studium dieses ganz speziellen Expeditionsberichts nur anraten.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenseite bei ihrem Verlag: https://www.randomhouse.de/Autor/Kathrin-Schmidt/p77677.rhd
[2] http://archiv.bachmannpreis.orf.at/bp98/fs_autoren.html

ferner gibt´s bei mir im Blog noch die Besprechung von Kathrin Schmidts Roman: Du stirbst nicht aus dem Jahr 2009:  https://radiergummi.wordpress.com/2009/11/03/kathrin-schmidt-du-stirbst-nicht/

Kathrin Schmidt
Die Gunnar-Lennefsen-Expedition
diese Ausgabe: btb, TB, ca. 428 S., 2007

…. und Liebe ist Liebe.

voss_rebeccas-kuesse

Ulrike Voss ist Autorin aus der Nähe von Frankfurt, ihr Thema sind lesbisch-erotische Geschichten. So auch dieser Roman Rebeccas Küsse, der mit der Ich-Erzählerin Julia eine junge Frau als Protagonisten hat, die in einer festen Beziehung mit Gudrun lebt. Die beiden Frauen wohnen und arbeiten zusammen: sie betreiben eine Event-Agentur in Berlin. Das ist viel Arbeit und wie im richtigen Leben so leidet auch im Roman die erotische, prickelnde Seite der Beziehung unter der Belastung des Alltags und der Tatsache, daß es prinzipiell schwer ist, das Feuer über lange Zeit am Lodern zu halten: oft, meist, fast immer fällt die Flamme zur Glut zusammen, die sorgsam gepflegt werden muss. So auch bei Julia und Gudrun, wobei hier selbst die Pflege schon schwierig geworden zu sein scheint: Ein Vierteljahr ohne Sex, das konnte doch nicht wahr sein!

Hab gerade Ihre Nippel unter dem Hemd bewundert! Es herrscht nicht gerade eine harmonischer Stimmung zwischen den beiden, als Julia am Abend diese Nachricht auf ihrem Facebook-Account findet. Liegt es an dieser Mißstimmung, daß sie sie nicht einfach wegklickt, sondern reagiert? Von welchen Bildern sprechen Sie? Zwei Gefühle streiten in ihr: das der sexuellen Unterversorgung und die blitzartig auftauchende Gewissheit, mit dieser Frau im Bett zu landen sowie das Wissen darum, diesen beginnenden Kontakt besser abzubrechen.

Nein, sie bricht ihn nicht ab, vor Gudrun verheimlicht chattet sie mit Rebecca, so nennt sich die Unbekannte, von der sie fast nichts weiß. Manchmal macht sie den Rechner aus, es gibt Pausen, aber immer wieder kommt es zu Kontakten. Rebecca kann auch über Literatur reden, kennt sich in Lyrik aus, aber…. Julia fängt an, ihr Leben zu überdenken, die Beziehung zu Gudrun, sie erinnert sich an Liebeleien von beiden Seiten, die selten und kurz nur nebenher liefen…. Sie liebt Gudrun, natürlich….

Im Sommer fährt Julia in ein Ferienhäuschen auf Gran Canaria, sie fährt alleine, Gudrun will im Herbst endlich in den Norden, nach Skandinavien fahren und hat ihre Reise schon gebucht… Schrei, bitte schrei, lass es dir kommen! Allein, unter dem sternenbedeckten Himmel, ein wenig Wein – die Chats mit Rebecca werden heiß, die beiden reden nicht mehr um den heißen Brei herum, was sie sich schreiben ist klar und eindeutig und hart und heiß und nass. Dirty Talking. Und es ist gut, daß sie ihre Musikanlage so laut gestellt hat, denn ja, Julia schreit und schreit und wälzt sich während sie schier ausläuft… Rebeccas Sätze und ich auf dem Liegestuhl neben der lauten tobenden Palme, mit geöffneten Beinen…

Wer ist sie? Wieso machte ich das mit, was trieb mich?

Sie vertraut sich einer Freundin an, die nach zwei Wochen kommt und ebenfalls in dem Häuschen wohnt. Bis jetzt sei es ja eigentlich nur Selbstbefriedigung, so Claudia, aber sie solle vorsichtig sein, hinter dem Namen Rebecca könne sich jeder verbergen, auch ein Mann, der sich nur aufgeilen will… Oder hast du dich verliebt?  Hatte sie sich verliebt?

 Wieder zurück in Berlin genießt Julia einerseits die vertraute Nähe zu Gudrun, vermisst aber schmerzlich den Sex, zumal Gudrun ihr in ihrer Abwesenheit ein eigenes Bett in ihr Zimmer gestellt hat, damit sie beide ungestört schlafen können…

Der große, entscheidende Entschluß: Julia und Rebecca verabreden sich zu einem realen Treffen in Frankfurt, lernen sich kennen. Es ist für Julia nicht so, wie sie sich das ausgemalt hatte, Rebecca sieht so ganz anders aus wie in der Phantasie ausgemalt, groß und muskulös. Eine fremde Frau .. in einem schäbigen Zimmer mit häßlich grün-braunem Teppichboden und grünlich gelben Wänden auf einem weiß bezogenen Bett… der Sex ist nicht wild, eher verhalten, sie haben nicht viel Zeit und Julia ist befangen.

Aber sie treffen sich noch einmal und noch einmal und als Rebecca in Frankfurt die Wohnung einer Freundin nutzen kann, wird aus den gelegentlichen Treffen etwas Regelmäßiges. Gudrun gegenüber versinkt Julia immer mehr in Lügen, sie schiebt ihre Mutter vor, die krank sei und besucht werden müsse…. in Frankfurt mit Rebecca entwickelt sich still und unaufhaltsam eine Beziehung, mal rutscht das Wort ‚meine Freundin‘ aus Julia heraus, auch das Wort ‚Liebe‘ steht deutlich am Horizont…..

Das eine bekommen und das andere behalten. Kann man eine Nebenbeziehung, eine zweite Liebe führen neben der ersten? Die Wärme Gudruns, die Vertrautheit, die bekannte Nähe – Julia möchte das alles nicht verlieren, aber genauso wenig möchte sie Rebecca verlieren mit ihren Küssen… Um ihre Beziehung mit Gudrun aufzufrischen, fahren die beiden ein paar Tage nach Lanzarote, ins ‚Yaiza Princess‘ (eine gute Wahl, ich kenne das Hotel…), besuchen La Graciosa, die Sandinsel im Norden von Lanzarote. Sie urlauben auch in der Nähe, treffen sich mit Freundinnen, mit denen sie was unternehmen.

Wir müssen reden.

So wird Julia nach der Rückkehr von einem der Treffen mit Rebecca von Gudrun empfangen. Wir müssen reden.


Ein Thema, so alt wie die Liebe selbst. Es ist völlig unabhängig davon, wie man sexuell orientiert ist, niemand ist davor gefeit, einem Menschen zu begegnen, der einen im Innersten anrührt, man nennt das wohl Liebe. Das kann schon an sich kompliziert sein, noch komplizierter wird es natürlich dann, wenn man – wie es die Konstellation im Roman von Voss ist – schon fest liiert ist, halbwegs glücklich und zufrieden ist, auch wenn es an der einen oder anderen Stelle hin und wieder knirscht, so wie zwischen Julia und Gudrun. Trotzdem möchte man den anderen nicht missen, die Liebe zum Partner hört nicht automatisch auf, nur weil man sich in einen weiteren Menschen verliebt, das Gewohnte gibt auch Sicherheit, die man schätzt.

Das ist die uralte Frage: kann man zwei Menschen gleichzeitig lieben? Und kann man diese Beziehungen so gestalten, daß alle drei glücklich werden dabei? Sicherlich fängt die Zweitbeziehung erst einmal heimlich an, wird durch Lügen kaschiert so wie im Roman bei Julia. Dabei weiß sie, daß dies kein Dauerzustand sein kann…. aber der Mut zur Wahrheit, er ist schwer zu finden, zu groß auch die Angst vor einem Bruch….

Voss findet in ihrem Roman einen Ausweg aus dieser schwierigen Situation, ein Ausweg, der alle glücklich werden läßt (als Leser ahnt man schon vorher, in welche Richtung Voss ihre Geschichte auflösen will) und damit ein bischen arg zuckersüß erscheint. Ob sich solche Geschichten im ‚richtigen Leben‘ nicht doch anders abspielen? Aber gut, es ist nicht das richtige Leben, es ist ein Roman und da hat die Autorin für ihre Geschichte eben ein befriedigendes Ende gewählt, es ist ihr gutes Recht.


Was früher der Briefroman war, dann vor ein paar Jahren heutzutage schon fast rührend nostalgisch anmutend mit Glattauer (und anderen) zum erfolgreichen Mailroman wurde, ist im ersten Teil bei Voss eine Art Chat-Roman – zumindest passagenweise. Was mit Brief und Mail funktioniert, funktioniert auch im Chat: zwischen zwei Menschen, die sich nicht kennen, die noch nicht einmal wissen, wer der/die andere ist und ob er/sie nicht sogar fakt, entwickeln sich starke Gefühle. Es ist mehr als betreutes Masturbieren, die Emotionen sind real, besetzen die Fantasie und können zur Obession ausarten. Voss läßt ihre Protagonisten genau diesen Weg gehen: Wer ist sie? Wieso machte ich das mit, was trieb mich? 

Der/Die im Grunde unbekannte Gegenüber wird zur Projektionsfläche für eigene Wünsche und Bedürfnisse, da kein Bild existiert, mache man sich ein Bild, setzt es wahrscheinlich unbewusst aus Versatzstücken der eigenen Idealvorstellung zusammen. Vielleicht fällt es deswegen ab einem bestimmten Punkt so leicht, alle Hemmungen beseite zu schieben, denn gegenüber sitzt ja schließlich mein idealer Partner, vor dem ich keinerlei Scheu zu haben brauche. Da dies auch in der anderen Richtung funktioniert, schaukelt sich die virtuelle Beziehung schnell und leicht auf: aus Dirty Talking wird Very Dirty Talking. Ich bin nass. – Dann rein mit der Hand ins Nasse.


Der Lackmus-Test für eine solche virtuelle Beziehung ist die Realität, die nicht selten ein Schock ist. Voss arbeitet dies schön heraus. Was haben die heißen kanarischen Nächte voller Palmenrauschen unter klarem Sternenhimmel zu tun mit dieser fremden Frau, die groß und muskulös im Türrahmen des schäbigen Zimmers steht, dessen Interieur farblich sehr an Mageninhalt erinnert? Vorbei ist es mit der Hemmungslosigkeit, Befangenheit und Zurückhaltung dominieren, auch wenn Voss ihrer Julia einen immerhin leisen Höhepunkt gönnt. Aber wie auch immer, bei beiden verfliegt der Zauber nicht völlig, stellt sich, wie ich vorstehend angedeutet habe, wieder ein..


Voss ist mit Rebeccas Küsse ein frischer, unterhaltsamer, auch anregender Roman gelungen. Ein Roman, der seine nachdenklichen Passagen hat, der Zwiespalt, in dem die Autorin ihren Protagonisten schickt und der sie immer stärker in eine Geflecht aus Lügen und Ausreden einbindet, zwingt diese dazu, ihr Leben zu überdenken. Die Handlung ist in der Jetzt-Zeit angesiedelt und nah am Leben geschildert, junge Frauen (aber nicht nur diese!) in ähnlicher Lage können sich in Julia und ihrer Situation durchaus wiederfinden – unabhängig von der sexuellen Orientierung (Liebe ist schließlich Liebe). Wer sich schon einmal in einer ähnlichen Situation wie Julia befunden hat, wird sich in deren aufgewühlter Gefühlslage gut einfühlen können.

Die erotischen Szenen, die Voss anfänglich als Chat beschreibt, kann man nicht als raffiniert bezeichnen, sie kommen schnell zur Sache und benennen sie mit klaren Begriffen und Aufforderungen. Aber ok, auch ein Quickie hat schließlich seinen Reiz. Im zweiten Teil des Romans ändert sich die Art der Beschreibung und wendet sich vom Dirty Talking ab zugunsten einer subtileren Darstellung der erotischen Szenen, die aber keineswegs als Selbstzweck fungieren, die sich im Gegenteil harmonisch in den Zusammenhang der Handlung einpassen. Das zuckersüße Ende, das einer eher unwahrscheinlichen Auflösung der verzwickten Situation zwischen den Frauen entspricht, hat mich persönlich ein wenig gestört, es sieht mir ein wenig arg nach Wunschdenken aus… was mich aber nicht daran hindert, Rebeccas Küsse insgesamt als gelungenen Roman zu beschreiben, der gerade auch unter dem Aspekt des Erotischen aus dem, was der Buchmarkt auf diesem Sektor heute vorwiegend bietet, deutlich herausragt. Einen Dank auch an Claudia Gehrke, die mit ihrem konkursbuch Verlag immer wieder solche literarische Erotik anbietet.

Ulrike Voss
Rebeccas Küsse
diese Ausgabe: konkursbuch Verlag, Softcover, ca. 310 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Weitere Besprechungen vom mir über erotische Literatur sind über diesen Link zugänglich:
https://erotischebuecher.wordpress.com/autorenverzeichnis/

%d Bloggern gefällt das: