Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter

Oskar Maria Graf (http://www.oskarmariagraf.de/biographie-lebensdaten.html) war noch nie ein Autor, von dem ich etwas lesen wollte. Ich gebe zu, seine äußere Erscheinung mit diesem urbayrischem Habitus und der offenbar unvermeidlichen Lederhose schreckte mich ab – ein Vorurteil, ich weiß. So brauchte es schon den Geiz, mich zur Lektüre eines seiner Bücher, es wird als Hauptwerk bezeichnet, zu bewegen: Das Leben meiner Mutter lag in einer Kiste mit aussortierten Büchern zum Mitnehmen…

Ich bereue es nicht. Das Buch des mir bis dato nur aus seinem Aufruf: Verbrennt mich! bekannten Autoren [womit er sich vehement gegen die Vereinnahmung seiner Werke durch die Nazis wehrte, die ihn nicht auf den Scheiterhaufen des 10. Mai 1933 geworfen hatten…] hat mich von Anfang an berührt und gefangen genommen.

Das Leben meiner Mutter ist in zwei Teile gesplittet. Der erste Teil befasst sich mit der Geschichte der jeweiligen Familienzweige, mit der Schilderung der Lebensumstände der letzten Jahrzehnte, die natürlich besser dokumentiert sind als die Anfänge. Dieser Teil endet mit den ersten Kindern, die die Mutter Therese (‚Resl‘) in die Welt gebracht hat und so setzt der zweite Teil folgerichtig mit dem Erscheinen des Autoren auf dieser Welt an, denn hier steht sein Leben und sein Verhältnis zur Mutter im Mittelpunkt.

Schauen wir uns erst einmal an, wohin uns Graf führt. Auf diesem Kartenausschnitt ist der Starnberger See zu sehen mit den Gemeinden Berg, Maxhöhe, Aufhausen und Aufkirchen, in diesen Ortschaften spielt sich der überwiegende Teil des Lebens der Familien ab.

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Die Heimraths bewirtschaften seit Jahrhunderten einen einsamen Hof bei Aufhausen [noch heute heißt eine Straße dort ‚Am Heimrathhof‚, siehe auch hier: https://www.literaturportal-bayern.de/component/lpbplaces/?task=lpbplace.default&id=297&highlight=WyJoZWltcmF0aCJd], die Geschichte des Hofes läßt sich bis in den Dreißigjährigen Krieg zurückverfolgen, wo er seltsamerweise nicht wie die anderen Gehöfte zerstört worden ist. Wie der Heimratherbauer dies angestellt hat, wusste man nicht, es machte ihn aber verdächtig. Die Erwähnung einer teuflischen Erscheinung, die ein Knecht durch ein Loch in der Bretterwand beobachtet hatte (ein Ereignis, das im Kirchenbuch festgehalten wurde), wurde später zum Fluch der Familie, die zwar den Schweden getrotzt, dann aber so ihr Selbstbewusstsein einbüßte, wenngleich eine tiefe Frömmigkeit in diesen Menschen verankert war, die Grenze zum Aberglauben war fließend. Man lebte das Leben als ewigen, gegebenen Kreislauf von Geburt, Aufwachsen, Arbeiten, Kinderkriegen, Altwerden und Sterben, das Grundvertrauen in Gott war groß, das Schicksal, das er einem zugewiesen hatte, wurde ohne es zu hinterfragen angenommen. Auch um die Kinder wurde kein Gewese gemacht, Jedes Jahr wurde eins geboren. Starb es, war es schade drum, blieb es am Leben, war es gut. All dies schien eher kreatürliche Existenz gewesen zu sein denn ein auf Sinnsuche konzentriertes Leben. Das Heute wurde gelebt, für das Morgen sorgte der liebe Gott und wenn er gut sorgt, wird es sich vom heute nicht unterscheiden.

Tat es oft aber doch. Denn Graf nutzt seine Familiengeschichte in mannigfacher Weise, um die politischen Randbedingungen dieser Leben zu erläutern. Dabei sind für die Menschen die weltlichen Herrscher weit unbedeutender als der himmlische, gehen und kommen Fürsten und Könige doch im Lauf der Zeiten, Gott aber bleibt. Die Leut dort sind auch abgeschnitten von den Informationsströmen dort am See, vieles bekommen sie gar nicht erst mit. Nur wenn das Militär durch die Dörfer reitet und die jungen Männer mitnimmt, weil wieder mal ein Krieg geführt werden muss, bricht die große, weite Welt in diese fast hermetisch abgeschlossene ein. Aber auch dies nimmt man mit Gleichmut, es war immer schon so, daß Kriege geführt wurden und es wird immer so sein. Viel unverständlicher ist für die Bauern die Tatsache, daß er im Sommer geführt wird, wo doch das Getreide auf dem Halm steht und geerntet werden muß! Dies ist die Welt, in der die Heimraths leben, in die die Resl geboren wird (fast eine „schad-drum-Geburt“), in der die Resl aufwächst, in der sie sich verankert, in der sie sich durch ihre unbändige Lust am Arbeiten und gleichzeitig ihre nie erschöpfende Kraft darin einbringt. Schon mit zwölf Jahren muss sie einen Knecht ersetzen und wenn sie nach den langen, langen Tagesstunden Arbeit sich am Abend mit den anderen Mädchen und Frauen des Hauses noch für Stunde ans Spinnrad setzt, gilt das eher als Erholung…

Anders dagegen bei den Grafs in Berg. Erst 1831 zugewandert kaufte Andeas Graf in Berg ein Haus, zu dem ein Gewerberecht als Bäckerei gehörte [erst in späteren Jahren wurde dieser Rechtsgrundsatz, ein Gewerbe führen zu dürfen, vom Grundstück auf den jeweils Gewerbetreibenden übertragen]. Dieses Gewerberecht war ein verborgener Schatz, den erst Max Graf barg. Denn Max Graf war im Krieg und fast wäre er nicht wieder heim gekommen, sondern auf dem Feld geblieben. Und solch ein Erleben taugt nicht dazu, in der Heimat wieder zu allem Ja und Amen zu sagen, sondern macht widerständig und offen, neues zu wagen. Was soll einem denn schon noch passieren, wenn man dem Tod schon von der Schippe gesprungen ist? Und so springt Max Graf mit hohem Risiko in das Abenteuer, eine Bäckerei aufzumachen. Und es gelingt, vom scheel angeschauten Saufbold und Krawalleur arbeitet er sich hart zum angesehenen und erfolgreichen Geschäftsmann hoch.

Der Mikrokosmos im Umfeld der Familien ist eng, ist begrenzt, ist geprägt von Missgunst und Neid. Bricht jemand wie der Max Graf aus dem Üblichen, dem Althergekommen aus und erlebt einen Rückschlag, weckt dies ungehemmte Schadenfreude à la „das geschieht ihm recht, das hamma doch gleich gewusst!“, hat er Erfolg, wird ihm dieser geneidet und gleichzeitig wird unterstellt, daß dies wohl mit unrechten Dingen zustande gekommen ist. Lieber aber ist den Menschen der Misserfolg das andere, denn ein Erfolg des „Wagenden“ zeigt immer auch die eigene Rückständigkeit und Mutlosigkeit. Erst wenn das Gelingen so überzeugend und gewaltig ist, wie es später beim Graf sein sollte, wird es – widerstrebend – anerkannt und akzeptiert: zu weit hat sich die Familie Graf aus der Masse abgehoben, als daß sie noch dazu gehören würde.

Der Max Graf schafft wie ein Ochse, Tag und Nacht, er schafft, bis er – ausgerechnet vor dem Besuch der Kaiserin „Sis(s)i“ – beim König Ludwig in seiner Sommerresidenz sterbenskrank darnieder liegt. Na, sterben tut er net, der Max, aber er sieht ein, daß er Hilfe braucht: ein Geselle kommt ins Haus und einen Frau braucht er auch, letzteres Unternehmen packt er an wie den Kauf der Kuh, die ihm vom Jud Schlesinger angeboten wird. Der Wirt hat ihm gesagt, welche (die Resl nämlich) zu ihm passen würd‘, das Angebot ist günstig (die Resl ist fleissig, packt an, ist redlich, fromm, schaut gut aus und die Mitgift ist beachtlich) und die Resl wehrt sich nicht sonderlich – der Pfarrer findet die Verbindung gut, die Mutter ist einverstanden, warum sollte sie dann widersprechen, wo der Max ja doch nicht verkehrt ist, auch wenn er manchmal im Wirtshaus sauft und krakeelt.

Doch es ist ein Irrtum, die Resl und der Max passen nicht zueinander. Nie nimmt die Resl die Rollen, die ihr im Hause Graf zufallen, an. Weder die der Hausfrau, die den anderen sagt, wie was zu machen ist, noch die der Geschäftsfrau oder die der Frau, die zusammen mit dem Mann die Zukunft plant. Unsicher ist sie, lieber im Stall als im Haus, redet lieber mit den Knechten oder der Magd als im Haus mit der neuen Familie. Sie arbeitet bis zur Erschöpfung anstatt, daß sie die Arbeit verteilt und sie betet zu ihrem Gott, ganz im Gegensatz zu ihrem Mann. Denn die Grafs haben aufgegeben, an Gott zu glauben, ihres Glaubens wegen sind sie gar zu oft vertrieben oder gar massakriert worden. Ein Onkel Maxens hat dies in Notizen festgehalten, er führt die Familie auf die Albigenser (Waldenser) zurück, die vom Papsttum (und später auch von anderen) gnadenlos verfolgt worden waren.

Der Starnberger See ist ja nicht irgendeine bedeutungslose Ecke in Bayern, auch zu dieser nicht: hier hatte der König seine Sommerresidenz und die Menschen liebten diesen sich seltsam und mit der Zeit immer seltsamer gebenden, imposanten Herrscher. So kamen viele Menschen aus München an den See, bei Festen sogar die Zarin. Man kaufte sich dort Anwesen, die Wirtschaft florierte und auch ein erster Tourismus etablierte sich und brachte einigen eine Menge Geld bis hin zu der Tatsache, daß sogar Grundstücke am See verpachtet wurden, damit Leute dort baden können!

Die Resl kümmert dies alles recht wenig. Sie gebiert in bis zu ihrem 41. Lebensjahr elf Kinder, von denen acht am Leben bleiben. Sie hat „Kindsfüße“ (offene Beine, die sie mit althergebrachten Hausmitteln behandelt), aber für sie gehört dies dazu zum Leben, schon ihre Mutter litt darunter und so machte sie darum kein Aufheben. Der Oskar gehörte zu den letzten der Kinder, er und die Anna. Die Kinder kamen wenig auf die Eltern, auch untereinander waren sie nicht immer einig, häufig gab es Streit. Früh starb der Vater Max, der die Bäckerei zum einträglichen Geschäft aufbaute, danach zerfiel die Familie immer mehr, denn die Mutter war einfach nicht in der Lage, sie zusammenzuhalten. Amerika war das große Ziel vieler, schon die Stasl, die Schwester des Vaters, war dorthin gegangen. Viel und harte Arbeit auch dort, Erfolg, Wohlstand und Reichtum jedoch waren die Ausnahme.

Das älteste der Kinder war der Max, der nach seiner Militärzeit wieder zurückkam und die Bäckerei übernahm. Er terrorisierte die Familie, war ein Heuchler (man kann es nicht anders sagen) und vertrug sich nicht mit den Geschwistern, die ihn bald hassten. Als er dann den mittlerweile sechzehnjährigen Oskar blutig schlug (er hatte dessen heimlich gekauften Bücher entdeckt), büxte dieser aus und floh das Elternhaus in Richtung München.

Ein Sechzehnjähriger vom Land, fast ohne Geld, ohne Berufsausbildung, mit künstlerischen Ambitionen, allein in einer großen Stadt – das konnte eigentlich nicht gut gehn. Und ging es auch nicht wirklich, Oskar verluderte, log, betrog seinen Bruder, kam in Kontakt mit Künstlern und solchen, die es werden wollten. Dieses „Boheme“, wie er es nennt, faszinierte ihn natürlich, umgekehrt wird er mit seinem grob-ungeschlachteten Aussehen ein eher exotischer Akteur gewesen sein. Die linken Ideen von Sozialismus und Kommunismus faszinieren ihn, er kommt in Kontakt mit Anarchisten, trifft auf Leute wie Eisner, Toller oder Mühsam, verteilt Zettel und Flugblätter, nimmt an Versammlungen teil….

Den ersten Weltkrieg überlebt er, er ist kein Soldat und benimmt sich auch nicht so, letztlich landet er in einer Irrenanstalt. Nach dem Krieg sind die Zeiten schlecht, politisch bekämpft jeder jeden, es gibt Unruhen und Aufstände, die Hoffnungen auf eine Revolution werden immer wieder enttäuscht. „Der Verrat der Hoffnung wiegt immer schwerer, wenn er von Linken begangen wird, denn sie ist ihr größtes Kapital. Ist dieses Kapital einmal verbraucht, bleibt nur Verbitterung.“ schreibt Ruben Donsbach ganz aktuell in der Zeit zu den Hintergründen der englischen Version des Chaos, dem Brexit [https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2019-01/brexit-grossbritannien-bevoelkerung-gesellschaft-spaltung/komplettansicht]. Als ich diesen Satz las, musste ich an Grafs Schilderungen dieser Jahre nach dem ersten Weltkrieg denken, diese Verbitterung tritt in seinem Text oftmals zu Tage,

Auch die Familie zerfällt. Zwischen den Geschwistern herrscht oft Streit, viele von ihnen gehen in die USA, sind dort jedoch nur selten erfolgreich. Besuchen sie die alte Heimat, so sind sie Fremde geworden, können das ruhige, beschauliche Leben mit dem engen Horizont einer bäuerlichen Kultur nicht mehr verstehen. Die Mutter steht dazwischen, versteht all das Neue, was um sie herum entsteht, nicht mehr. Sie bleibt innerlich in der Zeit ihrer Jugend, findet ihren Halt im Beten und in Gott, leidet unter dem Streit der Familie. … Ja, Mutter, du bist aus einer anderen Welt …. Du lebst einfach und weiter gar nichts. so der Sohn Maurus zu seiner Mutter und später dann ähnlich noch einmal in einem Gespräch mit Oskar: … Weißt du, manchmal mein‘  ich, unsre Mutter ist wie ein Tier oder ein Baum. Sie lebt eben dahin, ob das Sinn hat oder nichdt, darüber dentks sie nie nach. und Oskar in seiner Antwort: ….wenn sie jetzt stirbt, hm, grausam – sie hat gar nie richtig gelebt wie ein anderer Mensch. 

Graf kommentiert dies nicht weiter, er schildert seine Mutter, ihr Wesen, ihre Dudsamkeit, ihre Schweigsamkeit auch. Wäre es ihm anders lieber gewesen? An einer Stelle kommt diese Vermutung auf, als es darum geht, daß Resl dem Maurus nie geraten hat, die Leni als Frau zu nehmen, die so gut gepasst hätte… weil so was kann man einem doch nicht raten…

Graf hat diesen Teil seines Buches 1940 (der erste Teil wurde 1938 verfasst) geschrieben, also recht zeitnah. Die Erinnerung des inzwischen Exilierten, davon dürfen wir ausgehen, war noch frisch. Anschaulich beschreibt er, wie sich in diesem wirtschaftlichen und politischen Durcheinander langsam eine bestimmte Kraft etabliert und immer mehr Menschen zu sich zieht – und die auf der anderen Seite immer radikaler gegen ihre (selbsternannten) Feinde vorgeht. Judenfeindliche Parolen, Schlägertrupps, Morddrohungen gegen politische Gegner – all dies nimmt zu und verbreitet eine düstere Stimmung. Und dann wird Hitler tatsächlich zum Reichskanzler ernannt, Graf und seine Frau verlassen Deutschland, denn auch Oskar Graf gehört zu denen, denen das Totgeschlagenwerden angekündigt worden ist.

Das Leben der Mutter und der Grafs durchmaß einige Perioden deutscher Geschichte: 70/71 der Krieg, an dem Max Graf, der Vater, teilgenommen hatte, das Kaiserreich, Bismarck, an dem sich die bayrischen Bauern deftig abarbeiteten, die Unruhen 1918/19, die Weimarer Republik, weitere Unruhen, die Räterepublik in München, der anscheinend unaufhaltsame scheinende Aufstieg der Nationalsozialisten… die Enttäuschung, daß das Volk, die einfachen Menschen, bei all dem keine Rolle spielten, sondern allenfalls Verschiebemasse waren, von den Intellektuellen nach Bedarf genutzt wurden für die eigenen Zwecken. Wie oft wurden Hoffnungen enttäuscht!

Oskar Maria Graf beschreibt dies alles. Sein Text geht weit über eine biographische Erinnerung an seine Mutter hinaus, auch die eigene Biographie ist selektiv. En passant in einem Nebensatz erwähnt er seine erste Frau, später dann, daß er mittlerweile von seiner Schreiberei leben kann. Wenn, dann erzählt er von seinen politischen Ansichten und Enttäuschungen, vom Streit unter den Genossen, vom harten Schicksal, das viele traf. Diese Schilderungen jedoch sind sehr interessant, weil der zeitliche Abstand zwischen Niederschrift und Erleben klein ist, das Ende der Hitlerzeit zur Zeit des Verfassens noch bei weitem nicht abzusehen war. Graf hat selbst mitgetan an der politischen Basisarbeit, hat mitdiskutiert, ist verfolgt worden, er berichtet subjektiv, aber aus erster Hand und sehr von mittendrin. So wird dieser überstrichene Zeitraum beim Lesen lebendig, der plastisch-anschauliche, oft szenische Stil Grafs hat daran großen Anteil, kunstvoll gedrechselte Satzungetüme findet man bei ihm nicht.

Oskar Maria Grafs Leben meiner Mutter ist ein Buch, das beides vermag: zu Herzen zu gehen, was das Menschliche betrifft und eine lebendige Darstellung einer politisch unruhigen Epoche zu geben, die auf ein Verderben bringendes Ziel hinsteuert.

Lesens- und schauenswert:

Katja Sebald: Warum manche Oskar Maria Graf bis heute nicht verzeihen: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/starnberg/berg-am-starnberger-see-warum-manche-oskar-maria-graf-bis-heute-nicht-verzeihen-1.3522194

und diese alte Video-Aufnahme aus Berg, wo Graf zu seinem 70. Geburtstag weilte: https://www.youtube.com/watch?v=x9EeGKQvMwg

Oskar Maria Graf
Das Leben meiner Mutter
Erstausgabe: München, 1946
diese Ausgabe: dtv, TB, ca. 670 S., 1982 (in der Auflage von 2007)

 

Irmgard Keun: Kind aller Länder

Es ist ein wenig schade um diesen 1938 erschienen Roman der deutschen Schriftstellerin Irmgard Keun (1905 – 1982). Diese gehörte zu den vielen, die nach 1933 aus Deutschland vertrieben wurden, sie gehörte zu den wenigen, die nach Holland ins Exil gingen. Ich selbst bin durch das sehr empfehlenswerte Buch  von Bettina Baltschev über diesen Exilort: Hölle und Paradies auf Keun aufmerksam geworden. Keun hatte zu dieser Zeit eine intensive Beziehung zu Joseph Roth (hier im Blog mit Die Legende vom heiligen Trinker und Hiob vertreten), der bekanntermaßen dem Alkohol verfallen war, ein Schicksal, das in späteren Jahren auch der Autorin widerfahren sollte. Die Beziehung hielt nicht allzulange, Roth war viel unterwegs, hielt sich auch oft in Frankreich auf, publizierte aber bei Querido in Amsterdam.


Im vorliegenden Roman ist diese Beziehung der beiden Künstler Hintergrund der Handlung, die aus der Sicht der zehnjährigen Tochternamen Kully geschildert wird. Der Mann, ein Autor, ist leichtsinnig, ein Verschwender des wenigen Geldes, das er besitzt. In Deutschland mit Schreibverbot überzogen, kann er nur vereinzelt Zeitungsartikel veröffentlichen und – wenn überhaupt – nur im Ausland Verträge für neue Bücher abschließen. Auf diese erhält er dann Vorschüsse, von denen die drei sich dann wieder eine Zeitlang über Wasser halten können. Nicht immer oder eher selten erfüllt der Vater seine Verpflichtung und kann Manuskripte liefern, dann muss die Mutter um Aufschub betteln, um weiteres Geld, um Mitleid… daß der Mann dem Alkohol zugeneigt ist und auch Vergnügen nicht aus dem Weg geht, vereinfacht die Situation nicht.

Man wohnt in Hotels, drückt sich in Restaurants herum mit möglichst wenig Verzehr. Aus den Hotels kann man kaum ausziehen, man müsste in diesem Fall an der Rezeption zahlen – was nicht möglich ist… Meist sind es Mutter und Kind, die in dieser Zwangslage stecken, der Vater ist auf Reisen, neues Geld zu besorgen und es möglicherweise auch gleich wieder zu verspielen und/oder zu vertrinken. Ein Leben ohne Hoffnung auf Besserung, ein Leben von einem Tag zum nächsten, ein Leben voller Hunger und Angst, entdeckt zu werden. Ein Leben, das immer in Gefahr war.

Es gelingt Keun, diese Anspannung, diese Unruhe und auch die Angst, in der Mutter und Tochter leben, spürbar zu machen. Durch den kindlichen Ton, in dem der Text gehalten ist, wird der Angst zum einen die Schärfe genommen, zu anderen  jedoch kann ein Kind vieles aussprechen, über was ein Erwachsener meist schweigen würde. Trotzdem ist mir dieser durchgänge Kinderduktus der Sprache irgendwann auf die Nerven gegangen, ich gebe es zu.

So interessant der Roman also als Schicksalsroman eines Emigrantenpärchens ist (zumal er ja ein reales Pärchen als Hintergrund hat), so hat er mir doch nicht so gefallen wie Keuns „Kunstseidenes Mädchen„. Das wäre sicher anders gewesen, wenn die Autorin ihrer Erzählerin nicht die Bürde aufgehalst hätte, den gesamten Text zu erzählen, sondern ihre Sprache auf einzelne Passagen beschränkt hätte. Aber Kind aller Länder liest nun mal so, wie er verfasst worden ist und leid getan hat mir die Lektüre letztlich auch nicht.

Irmgard Keun
Kind aller Länder
Originalausgabe: 1938, Amsterdam (Querido)
diese Ausgabe: KiWi, HC, ca. 220 S., 2016

 

 

Anne Gesthuysen: Sei mir ein Vater

Die Journalisten und Autorin Anne Gesthuysen legt mit Sei mir ein Vater ihren zweiten Roman vor. Es ist ein Roman, der sich jedoch in Teilen am Leben der Autorin orientiert, wie sie ihrem Nachwort ausführt. Sei mir ein Vater ist zum einen eine Detektivgeschichte, zum anderen eine Familiengeschichte, in der unterschiedliche Themenkreise auszumachen sind. Ohne sich groß anzustrengen kann man so die Frage nach der Art und Weise, wie man sterben will, erkennen, die Frage, wie Familie „gelebt“ wird, spielt ebenso eine große Rolle, Unterschiede auch in der Lebensweise von Franzosen (genauer: Parisern) und Deutschen (genauer: Niederrheinern) werden deutlich und nicht zuletzt gibt Gesthuysen eine Milieuschilderung aus dem Umkreis der Kunstszene in Frankreich gegen Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts. Das ist schon eine ganze Menge…

Somit spielt der Roman in zwei Zeitebenen. In der Jetztzeit sind zwei junge Frauen die Hauptpersonen, Hanna und Lilie, die Alter Egos der Autorin und einer französischen Freundin. Die beiden hatten sich vor vielen Jahren kennengelernt, als die kapriziöse Jungpariserin Lilie als Austauschschülerin in die eher bodenständige Familie Hannas nach Veen gekommen war. Die zwei Welten, die dort aufeinanderprallten, passten erst gar nicht zusammen, aber Lilie merkte schnell, daß es ausser Schwarzbrot und früh aufstehen in der Gastfamilie noch etwas anderes gab: Zusammenhalt, Gemeinsamkeit, Verbundenheit, Wärme und Geborgenheit. Das kannte sie, die bei ihrer Mutter aufwuchs, vom unzuverlässigen und in der Welt herum vagabundierenden Vater war sowieso nichts zu erwarten, nicht und bald adoptierte Lilie den Pflegevater Hermann in ihrem Herzen – was auf Gegenseitigkeit beruhte. So wurde Lilie letztlich ein vollwertiges Familienmitglied.

Zeitgleich geschieht nun zweierlei und die Romanhandlung setzt (ca. 20 Jahre nach der Austauschschülerzeit) ein. Zum einen ist beim Vater Hermann eine Krebserkrankung so schwerwiegend, daß ein baldiger Tod zu befürchten ist. Zum anderen wird bei Lilie gerade in dem Moment eingebrochen, als sie an den Niederrhein reisen will, um Abschied zu nehmen. Seltsamerweise war das Ziel des Einbruchs ein eigentlich wertloses, in der Abstellkammer vor sich hinstehendes Gemälde eines unbekannten Malers, George Agutte. Na ja, so ganz unbekannt war Lilie dieser Maler nicht, denn schließlich hieß sie ja selbst mit Nachnamen Agutte, war eine entfernte Verwandte dieses sehr früh verstorbenen Künstlers. Bekannter als George Agutte selbst war jedoch dessen Tochter Georgette [https://de.wikipedia.org/wiki/Georgette_Agutte], die in ihrer Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende eine bekannte Frau und Künstlerin in Frankreich war (auch wenn sie heutzutage fast vergessen ist). Zusammen mit ihrem zweiten Mann Marcel Sembat, der großen Liebe ihres Lebens, einem Rechtsanwalt und Politiker [https://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Sembat], war sie eine einflussreiche Förderin und Mäzenen damals noch junger Maler, die sich gegen die herrschende Kunstauffassung erst noch durchsetzen mussten, Henri Matisse, Claude Monet u.a.m waren unter ihnen.

Für die drei Protagonisten Lilie, Hanna und Hermann stellt sich schnell die Frage, was an dem Bild so wichtig sein könnte, daß man es gezielt stehlen wollte, ja, daß überhaupt jemand wusste, wo es zu finden sei. Und so begibt sich dieses Trio auf die Suche nach der Antwort, die sie erst zu einem Restaurator führte, dann weiter nach Paris und in die Provinz zum ehemaligen Atelier der Ururgroßtante Lilies und schließlich in die Karibik zu Yves, dem vermaledeiten Vater Lilies, den wiederzusehen Lilie nun keineswegs erpicht ist.

Für Hermann ist diese Recherchereise auch eine bzw. die Möglichkeit, dem langsamen Siechen im Krankenbett zu entkommen, entsprechend antreibend und motivierend agiert er trotz immer wieder auftretender körperlicher Schwächeanfälle. Für Lilie dagegen ist die Reise eine Annäherung an den bis dato auf Distanz gehaltenen väterlichen Familienzweigs der Aguttes, denn Georgette war eine bemerkenswerte Frau und Künstlerin. Sie musste sich als Frau durchsetzen, so war sie zu ihrer Zeit die einzige Künstlerin auf der Académie des Beaux-Arts unter den Fittichen Gustave Moreaus, der sie förderte gegen den Zeitgeist. Als Malerin war sie durchaus begabt, aber ihr Talent reichte offensichtlich nicht, um ‚richtig‘ berühmt zu werden… in einer schönen Szene verdeutlicht Gesthuysen dies: Matisse besucht das Ehepaar Sembat, wird auch in des Atelier geführt, wo Georgette ihm das Gemälde zeigt, an dem sie gerade arbeitet und mit dem sie nicht recht zufrieden ist. Matisse betrachtet das Gemälde einige Zeit, nimmt dann Pinsel und Farben, später drückt er sich die Farben in die Handfläche und er verteilt die Farben auf dem Bild und mit jedem Streichen seines Daumens gewinnt das Gemälde an Seele und Leben, etwas, was ihm vorher völlig abging…

Das Leben des Ehepaares Sembat währte bis 1922, also über den 1. Weltkrieg hinaus, während dessen Marcel Sembat zeitweise Minister war, hinaus. Daß er nach Intrigen aus dem Amt entlassen wurde, brach ihn, das Paar zog sich zurück, zeitweise in die Schweiz, zeitweise nach Südfrankreich, bis sie sich schließlich in Chamonix ein kleines Chalet kauften. Dort erlitt Marcel einen tödlichen Schlaganfall, seine Frau Georgette folgte ihm am Tag darauf in den Tod.

Das alles hat die Autorin in flüssiger, gut lesbarer Weise niedergeschrieben. Die Handlungsstränge wechseln sich ab, auf ein Kapitel Jetztzeit folgt ein eher biografischer Abschnitt aus dem Leben Georgette Aguttes. Natürlich löst sich das Geheimnis des versuchten Diebstahls bzw. das des Bildes am Ende des Romans auf, für uns Leser ist es eigentlich gar nicht so überraschend. Während die pseudobiografischen Schilderungen in relativ nüchternem Ton gehalten sind, versucht sich die Autorin in den Jetztzeitkapiteln mit einer lockereren Darstellung, in der hin und wieder trockener Niederrheinhumor zu spüren ist.

Der Teil des Buches, der dem Leben Georgette Aguttes gewidmet ist, krankt für mich als Leser wie immer in solchen Fällen daran, daß die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion nicht zu erkennen ist. War Georgette wirklich die hochgeschätzte Gesprächspartnerin für Matisse, als die sie Gesthuysen beschreibt? Inwieweit sind die Diskussionen und Gespräche reine Erfindung der Autorin oder sind sie nachempfunden, konstruiert aus z.B. Briefen, die sie gelesen hat? Es ist schwierig als Leser, denn die Figuren, seien es nun Georgette, sei es Matisse, seien es Picasso oder Modigliani – sie entstehen im Zuge der Schilderungen vor dem inneren Auge und man weiß nicht, ob dieses Bild der Wirklichkeit entspricht…

Eine Diskrepanz habe ich nicht auflösen können: zwar spielt das Verhältnis zwischen Lilie und Hermann eine Rolle im Roman, doch für meine Begriffe nicht so groß, daß sie es rechtfertigen würde, das Buch danach zu benennen. Wollte die Autorin diesen Aspekt damit aufwerten? Ich weiß es nicht….

Zusammenfassend kann ich jedoch festhalten, daß mir dieser Roman als gute Unterhaltung gedient hat. Das Atmosphärische der Künstlerkreise um die vorletzten Jahrhundertwende, auch diverse Schilderungen aus dem politischen Alltag (Marcel Sembat war, wir erinnern uns, überzeugter und aktiver Sozialist), besondern im Zusammenhang mit den 1. Weltkrieg, hat mich überzeugt und die Detektivgeschichte, die etwas lockerer dargestellt worden ist, hat den Text immer wieder aufgelockert. Und immer wieder ist man verführt, sich die im Buch geschilderten oder erwähnten Bilder anzusehen – was ein leichtes ist, google und dem Internet sei Dank!

Anne Gesthuysen
Sei mir ein Vater
diese Ausgabe: KiWi, HC, ca. 420 S., mit Quellenangaben, 2015

Gertrud von le Fort: Die Frau des Pilatus

Und Pilatus erschrak und wollte sich von seinem Richterstuhl erheben. Da ließ ihm seine Frau durch einen Boten sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe in der Nacht viel erlitten seinetwegen. Da rief Pilatus die Juden heran und sprach zu ihnen: Ihr wißt, daß meine Frau gottesfürchtig ist und es in der Religion mehr mit euch Juden hält. Hört, was sie mir sagen ließ: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe in der Nacht viel erlitten seinetwegen. Doch die Juden antworteten dem Pilatus: Wir haben dir gesagt, daß er ein Magier ist! Siehe, er hat deiner Frau einen Traum geschickt! 

So steht es im zweiten Kapitel der apokryphen Schrift des Evangeliums nach Nikodemus, eine Episode, die in den kanonischen Evangelien nur bei Matthäus noch auftaucht, aber dort deutlich kürzer: Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, sandte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit jenem Gerechten! Ich habe heute seinetwegen im Traum viel gelitten. (Mt 27,19).

Das neue Testament ist nicht besonders reich an Frauengestalten, die Zeiten waren damals so. Maria natürlich, die Mutter Jesu, ferner Maria von Magdala (vgl. hier:http://www.seinetoechter.de/?page_id=632) , die eine sehr bedeutende Rolle spielt, auch wenn sie in späteren Jahrhunderten von einer männlich dominierten Kirche als Prostituierte verunglimpft wurde. Andere Frauen, die Jesu folgten, werden erwähnt, bleiben aber meist im Anonymen, auch an die Frau des Pilatus erinnert sich wohl kaum jemand.

Dabei ist es doch interesssant, was beispielsweise bei Nikodemus steht: sie als Römerin, hält es mehr mit dem jüdischen Glauben, sie hat ferner einen Traum, der sie quält und uns zu der Frage führt, woher dieses Gesicht, daß ihr die Zukunft des nächsten Tages offenbarte, herrührt? Und wer war diese Frau überhaupt? [Eine schöne Analogie findet man übrigens bei Calpurnia und Cäsar vor dessen Ermordung: In der Nacht plagten Cäsars Frau Calpurnia böse Träume. Alle Türen und Fenster des Schlafzimmers sah sie plötzlich aufspringen, den Giebel des Hauses einstürzen – ihren Mann wähnte sie leblos auf ihrem Schoß: erdolcht. (http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelgeschichte/d-84408274.html)]

Ich bin auf Claudia Prokula, so Name dieser Frau (https://de.wikipedia.org/wiki/Claudia_Procula) erstmals gestoßen durch einen Roman von Eric-Emmanuel Schmitt: Das Evangelium des Pilatus (das ich hier im Blog aber erst aus gegebenen Anlaß zu Ostern vorstellen werde, es dauert also noch ein wenig….) und über diesen Einstieg (und weil ich kurz danach schon einen Roman von dieser fast vergessenen deutschen Schriftstellerin gelesen hatte) auf die Novelle Gertrud von le Forts: Die Frau des Pilatus.


Jesus vor Pilatus, der seiner Frau zuhört.

Die Novelle ist geschrieben als Brief: Die freigelassene Griechin Praxedis zu Rom an Julia, die Gattin des Decius Gallicus zu Vienna. … und gibt Bericht über das Leben ihrer geliebten Herrin Claudia Procula. Die Geschehnisse setzen mit dem Traum Claudias ein: nach einer erfüllten Liebesnacht dämmert Claudia noch einmal leicht ein, Pilatus selbst ist am Morgen schon aufgestanden und zur Verhandlung gegangen. So glücklich Claudia nach der Nacht war, so schreckensbleich erwacht sie nach dem Traumgesicht, das sie durch unbekannte Zeiten und bis dahin ungesehene Tempelarten führte, begleitet von dem Ausruf: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben…. als sie den Lärm der Straße hört und Praxides ihr sagt, das dies die Leute sind, die zur anstehenden Gerichtssverhandlung kommen, erbleicht sie und schickt ihre vertraute Dienerin zu ihrem Mann: O ich wusste, daß die Morgenträume Wahrträume sind … durch diesen Gefangenen wird sich mein Traum erfüllen, der Prokurator darf ihn nicht verurteilen!

… nun ja, man weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist…

Zurück in Rom… die Jahre sind vergangen, die Jahrzehnte… auf Claudia lastet ein schwerer Schatten, die grübelnde, nachdenkliche stille Frau passt nicht mehr in die römische Gesellschaft; auch die Ehe leidet, wird aber nicht geschieden. Claudia ist auf der Suche nach einer – so würden wir heute vielleicht sagen – spirituellen Heimat, doch jeder Glaube, dem sie anzuhängen versucht, enttäuscht sie. Dann wird sie eines Tages von einer Wahrsagerin in das ärmste Viertel der Stadt geschickt… verhüllt gehen sie und ihre treue Dienerin dorthin, zu den Ärmsten der Armen und hören dort im Gebet die seinerzeit im Traum gehörten Worte: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben…. Auch wenn Claudia und ihre Dienerin verhüllt bleiben und sie sich nicht als Gattin des Pilatus zu erkennen gibt, findet sie in dieser Gemeinschaft ihren Glauben und ihren Halt. Doch dann kommt es zu den Verfolgungen der Nazarener, wie sie hier heißen, durch den jungen Kaiser Nero, man macht sie für den Brand Roms verantwortlich (https://de.wikipedia.org/wiki/Neronische_Christenverfolgung). In ihrer klandestinen Gruppe verlangt man jetzt, ihren Namen zu hören, sie nennt ihn, doch als sie um Gnade und Vergebung für ihren Mann fleht – denn auch er wusste nicht, was er tat – weist man sie ab: … dein Gatte ist verurteilt, weil der den Herrn verurteilte ….

Noch einmal träumt Claudia diesen alten Traum, durchmisst jetzt die zerfallenen Kathedralen der Zukunft und sieh Jesu als sich erbarmenden Richter auf dem Richterstuhl. Wiederum versucht Claudia, ihren Mann umzustimmen, denn dieser erhält vom Kaiser den Auftrag, die Nazarener zu verfolgen. Und wieder hört ihr Mann nicht auf sie… So kann sie nur noch die Verfolgten warnen, heimlich verläßt sie das Haus, wohlwissend um die Gefahr, in die sie sich begibt. Und tatsächlich, sie wird gefangen genommen und der Kaiser weidet sich bald darauf an den Qualen des Pilatus, den er mit in seine Loge im Circus nimmt, wo beide der Zerfleischung der Gefangen, unter ihnen Claudia, durch die Löwen zusehen.


Claudia, so erfahren wir bei Nikodemus, hängt dem Glauben der Juden mehr nach als dem der Römer. Inwieweit sie Jesus kennt, ihm vielleicht sogar folgt, darüber schweigt der Text. Der Traum, den sie hat, ist jedenfalls rätselhaft. Haben sie und ihr Mann, dem der anstehende Prozess unangenehm war, da er durchaus spürte, daß er hier vom Sanhedrin funktionalisierte werden sollte, am Abend darüber gesprochen? Spekulationen… in von le Forts Novelle jedenfalls erlebt Claudia ein Wechselbad der Gefühle: nach einer offensichtlich sehr befriedigenden und anstrengenden Liebesnacht (sie schlummert nach dem Aufwachen noch einmal ein) träumt sie diesen rätselhaften Traum, der mit der Durchmessung der vielen offensichtlich sakralen Räume weit in die Zukunft deutet und das Schicksal Jesu, das sich noch nicht erfüllt hat, vor dem sie ihn zu bewahren sucht, offenlegt: Gekreuzigt und gestorben…

Der Traum, ihr vergeblicher Versuch, den Lauf der Dinge zu ändern, und der Tod Jesu erschüttern Claudia, sie ist ein anderer Mensch geworden, dem Äußerliches nichts mehr gilt. Somit entfremden sich die Eheleute, Kinder gibt es keine, aber eine Trennung nehmen sie auch nicht vor. von le Fort schildert in ihrer Novelle die Suche der Frau nach Gott, den sie in den vielen Religionen, mit denen Rom konfrontiert wird, nicht findet, bis sie eben auf die Nazarener trifft. Aber auch dort wartet dann eine Enttäuschung auf sie, das dogmatische Verweigern der Gnade und Barmherzigkeit, die dem Predigen Jesu so sehr widerspricht, sie jedoch auf dessen Lehre zurückführt. Die Taufe, für die sie der Gruppe nicht bereit war, erlebt sie dann schließlich in der Manege, sie wird Märtyrerin.


Die Frau des Pilatus ist leises, nachdenkliches, im Stil alterthümliches Stück Literatur über ein sehr religiöses Thema. Die Novelle rückt eine Persönlichkeit in den Mittelpunkt, die meist unbeachtet bleibt, die in der offiziellen Bibel nur mit einem rätselhaften Satz erwähnt wird, der jedoch viele Fragen aufwirft und damit viele Möglichkeiten zum Spekulieren, bis hin zu der Deutung der Frau als Symbol dafür, daß Pilatus im Grunde überhaupt keinen Grund sieht, diesen Juden Jesu zu verurteilen (es dürfte in der Tat recht ungewöhnlich gewesen sein, daß eine Frau/Dienerin/Bote während der Verhandlung zum Prokurator vordringt und sich mit ihm bespricht….). Es ist auch die Geschichte einer Suche nach Gott, die mit der Begegnung mit Jesu (auch wenn sie ’nur‘ indirekt stattfand) eine Erfüllung fand, nachdem sie mit dem alles verzeihenden, barmherzigen Blick des Todgeweihten in Jerusalem begonnen hatte. Möglicherweise spiegelt sich in diesem Vorgang auch ein wenig das eigene Schicksal der Autorin, die – evangelisch geboren – 1926 selbst zum Katholizismus übertrat. In der Figur der Claudia findet sich, wenn man mag, ein weibliches Pendant zu Jesu selbst, sie erleidet den Märtyrertod, um damit ihren Mann zu erlösen. Da spielt ihr letztlich sogar der sadistische Zug Neros in die Hände, der Pilatus mit in den Zirkus nimmt, damit er den grausamen Tod der Gattin dort miterleben muss…

Links und Anmerkungen:

Bildquelle: In dieser Darstellung aus einem Manuskript des 15. Jahrhunderts,  das sich heute in der Bodleian Library in Oxford befindet, wird der gefesselte Jesus von einer übergroßen Menge bewaffneter Soldaten  bewacht.  Die prächtige Kleidung derjenigen, die bei Pilatus steht, läßt darauf schließen, daß seine Frau hier selbst gekommen ist, um ihm von dem Traum zu erzählen und ihn zu warnen. (Bild und Text aus: http://brautdeslammes.blogspot.com/2011/04/der-traum-der-frau-des-pilatus.html?m=1)

ferner:

http://www.gertrud-von-le-fort.eu: die Webpräsenz der Literaturgesellschaft Gertrud von le Fort e. V.
https://www.deutschlandfunkkultur.de/frau-pilatus-hatte-einen-traum….Frau Pilatus hatte einen Traum von Herma Brandenburger (Kirchensendung im Deutschlandfunk, 2010)

Gertrud von le Fort
Die Frau des Pilatus
diese Ausgabe: Insel-Verlag, HC, ca 60 S., 1956

 

Bendict Wells: Die Wahrheit über das Lügen

Benedict Wells ist ein wunderbarer Romanautor, den ich in meinem Blog schon mit einigen seiner Werke vorgestellt habe (Becks letzter Sommerfast genialVom Ende der Einsamkeit und Spinner (New Edition)), hier aber… Vielleicht bin ich einfach nur unfair, ungerecht, dem Autoren gegenüber und dem Verlag, möglicherweise bin ich einfach kein Leser ‚kurzer Geschichten‘, die offensichtlich noch nicht einmal Erzählungen sein sollen, diese Kategorisierung jedenfalls wird vermieden, also einfach nur Geschichten. So frag ich mich beispielsweise bei diesen ‚zehn Geschichten‘  nach der Motivation, die hinter der Veröffentlichung steht. Wo ist der rote Faden, was verbindet diese Geschichten, außer der Tatsache, daß sie von Menschen handeln? Outtakes eines Romans stehen neben romantischer Fantasy, SF neben Vater/Sohnkonflikten, die einsame, alte Trauernde neben dem erfolgsverwöhnten Manager, der ungewollt auf einen Selberkundungstrip gerät. Was verbindet sie im Buch, welche Wahrheiten, welche Lügen?

Wer hätte nicht schon eine Geschichte erzählt bekommen von einem Mann, der am Abend einen Termin hat und trotzdem noch mal so eben diesen einen Gipfel, den er am Horizont sieht, gegen Vernunft und Rat besteigen will. Surprise, surprise: er hat sich verkalkuliert und verirrt sich, die äußere Wanderung wird auch zur inneren…. Oder die alte Frau, die im Park sitzt, trauert und vor Not kichernde Teenagern anspricht und von Ferdinand erzählt, der – surprise, surprise – jedoch… na, ich will jetzt nicht zuviel verraten…

Die klassische Geschichte vom Vater-/Sohnkonflikt, der sich an der früh verstorbenen Mutter gründet, über deren Tod die beiden nie ins Gespräch finden, so daß sich am Ende alles als ein riesiges Missverständnis und ein Aneinandervorbeileben erweisen wird.

Es sind, ich bin froh darüber, allerdings auch witzige, originellere Geschichten dabei. Die vom erfolglosen Drehbuchschreiber und Filmkritiker beispielsweise, der in eine Zeitmaschine gerät und vier Jahre vor dem ersten ‚Star Wars‘ Film landet. Im Gegensatz zu Lucas, der noch in der frühen Konzeption des Filmes ist und dessen Vorstellungen noch völlig konfus und ziemlich verworren sind, kennt unser Held den fertigen Film, das Highlight seiner Jugend, in und auswendig. Was liegt näher, als ihn selber zu drehen und den Erfolg einzuheimsen, noch vor Lucas?

Interessant ist das Kammerspiel zwischen den beiden Männern, die entführt und zusammen eingesperrt eine Tischtennisplatte in ihrem Kerker vorfinden. Sie fangen an, zu spielen und es setzt sich bald die Überzeugung in ihnen fest, daß ihre Entführer irgendwann einmal den Sieger eines Entscheidungsspiels freilassen werden. Zwei Männer also, die in dieser Situation, in der sie zusammen stehen sollten, in einen Wettkampf gegeneinander verstrickt sind, aus schicksalhafter Verbundenheit wird Konkurrenz, Abneigung und sogar Hass.

In einer weiteren Geschicht geht Wells der Frage nach, ob man sich als Künstler, als Schriftsteller, zwischen Kunst, beziehungsweise dem künstlerischen Erfolg und der Liebe entscheiden muss: eine bis dato recht erfolglose Autorin wird nämlich von der männlichen Muse (einem ‚Muserich‘ ?) geküsst und verliebt sich in ihn, den (nur) sie kann ihn auch sehen…

Insgesamt ist Die Wahrheit über das Lügen jedoch eher ein Potpourri von Geschichten, das ich schnell gelesen und abgehakt habe. Natürlich merkt man auch dieser Sammlung an, daß Wells schreiben kann, erzählen kann, zu formulieren weiß, bis auf wenige Ausnahmen jedoch ist leider nie ein Funke auf mich übergesprungen – was mir durchaus leid tut. Und eine Antwort auf meine Eingangsfrage, was Autoren und Verlag zur Veröffentlichung dieser auf mich etwas erratisch wirkenden Sammlung von Geschichtchen veranlasst hat, habe ich auch nicht gefunden….

Bendict Wells
Die Wahrheit über das Lügen
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 240 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.