Carmen Korn: Töchter einer neuen Zeit

Die gelernte Journalistin Carmen Korn ist als Schriftstellerin recht produktiv, Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen im Bereich der Kriminal- und der Jugendliteratur (siehe hier die Werkliste: https://de.wikipedia.org/wiki/Carmen_Korn). Der vorliebende Roman Töchter einer Neuen Zeit ist der Auftakt einer Trilogie, die zum Ende des Ersten Weltkrieges einsetzt und vier Frauen in den Mittelpunkt stellt. Zugleich ist der Roman aber auch eine Hommage an Hamburg (Uhlenhorst), wo praktisch die gesamte Handlung spielt, viele der Szenen, an denen Korn ihre Figuren agieren läßt, erinnern an historische Ort oder Lokalitäten in dieser Stadt, die es häufig nicht mehr gibt und die nur noch in der Erinnerung der Menschen, die sie noch kennen, existieren.


Die vier Frauen…. das sind Henny Godhausen, eine Krankenschwester, die sich an der Frauenklinik Finkenau zur Hebamme weiterbilden will. Sie ist Halbwaise, der Vater ist im Krieg gefallen, sie lebt mit ihrer Mutter Else zusammen. Ihre beste Freundin ist Käthe Laboe aus der Nachbarschaft. Deren Vater ist durch einen Unfall versehrt, die Mutter hält die Familie mit Putzen über Wasser, Käthe beginnt mit Henny zusammen die Ausbildung zur Hebamme.  Lina Peters und ihr jüngerer Bruder Lud sind verwaist, ihre Eltern verhungerten im Krieg, um das viel zu wenige Essen ihren Kinder zu lassen. Letzte im Bunde der Frauen ist Ida Bunge, Tochter aus wohlhabenden bis reichem Haus, die von der Langeweile ihres Lebens gelangweilt ist und die das Hausmädchen unter Druck setzt, sie dorthin mitzunehmen, wo das ‚richtige‘ Leben stattfindet, beispielsweise in der Hafengegend…

Diese Frauen sind etwas gleich alt, alle um die vorletzte Jahrhundertwende geboren. Sie unterliegen den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit. Lina beispielsweise, die Lehrerin werden möchte und der Reformpädagogik anhängt, muss als Lehrkraft unverheiratet bleiben, Ida dagegen wird als Sicherheit eines Kredits ihres Vaters, dessen Laufzeit eng mit der Dauer ihrer Ehe mit dem von ihr ungeliebten Kreditgebers Camphausen korrespondiert, verschachert. Henny und Lud ihrerseits, die sich durch einen Zufall treffen, heiraten viel zu schnell, ein Kind ist unterwegs… und die rebellische Käthe, die sozialistischem Gedankengut gegenüber aufgeschlossen ist, heiratet ebenfalls, wenngleich eher gezwungenermaßen: sie und ihr gedichteliebender Freund Rudi Odefrey, den sie in der sozialistischen Arbeiterjugend kennen gelernt hat, bekämen sonst keine eigenen Wohnung vermietet. Kein Kind zu bekommen (was der innige Wunsch Rudis ist), das schafft Käthe jedoch, schließlich ist sie als angehende Hebamme vom Fach…

Es sind sehr viel Figuren in diesen Roman eingeführt, denn die Frauen haben wenigstens zum Teil noch Familie, sie haben Bekannte oder wie Bunges Personal, später kommen die Ehemänner bzw. Partner dazu und auch Kinder. Weiter wichtig sind die beiden Ärzte in der Finkenau, Kurt Landmann und Theo Unger, Alle diese Personen (und weitere!) spielen eine Rolle in dem Roman, so da man teilweise schon aufpassen muss, den Überblick nicht zu verlieren.


Die Handlung setzt im März 1919 ein und endet im Dezember 1948, überstreicht also drei Jahrzehnte, die Frauen haben in ihren knapp fünfzig Lebensjahren zwei Weltkriege, eine Zeit zwischen den Weltkriegen und die ersten drei großen Jahre der Not nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt. Es ist müßig, an dieser Stelle die vielen politischen und wirtschaftlichen Ereignisse dieser Jahrzehnte zu schildern, Stichworte sollen reichen: Weimarer Republik, die Weltwirtschaftskrise, der Aufstieg der Nazis, die immer brutalere Verfolgung der Juden, der Zweite Weltkrieg mit dem Bombenkrieg an der ‚Heimatfront‘, die ersten Nachkriegsjahre bis zur Währungsreform.

Das Schicksal meint es nicht immer gut mit den Frauen, es teilt Schläge aus, die nur schwer ertragen werden können. Aber das Leben geht weiter, auch wenn manchmal nicht klar ist, wie. Und es hält Unvorhergesehenes bereit, beispielsweise für Ida, die auf ihren heimlichen Streifzügen durch Hamburgs Straßen Tian kennenlernt, einen Chinesen… Daß Hitler eine wirkliche Gefahr werden sollte und nicht nur eine vorübergehende Eintrübung der  Lebensumstände war, das wurde nur sehr langsam realisiert. Kurt Landmann beispielsweise, Jude, wurde als Pessimist angesehen, erst als Gesetze wie das zum Berufsbeamtentum brutal und ohne Rücksicht auf Verluste durchgesetzt wurden, drang der Ernst der Lage langsam in das Bewusstsein der Menschen. Und selbst Landmanns Befürchtungen waren noch nicht realistisch genug. Käthe und Rudi dagegen kämpften mit ihren kommunistischen Freunden gegen die Faschisten, sie druckten Flugblätter, sie gerieten in blutige Straßenkämpfe und natürlich immer wieder in das Visier der Gestapo.

Korn arbeitet mit Momentaufnahmen. Sie greift bestimmte Zeitpunkte heraus, teilweise sind die historisch bedingt wie die Reichsprogromnacht oder der fürchterliche Bombenangriff der Briten auf Hamburg im Juli 1943 („Operation Gomorrah“), und schildert das Leben und die Lebenssituation ihrer Figuren in dieser Zeit. In Rückblenden entblättert sich so im Lauf der Seiten das gesamte Leben der Figuren und ihrer Familien.


Töchter einer neuen Zeit ist ein unaufgeregtes Buch. Bei aller Dramatik der Lebensumstände: sie waren nichts Besonderes in dieser Zeit, in der jeder sein Päckchen zu tragen hatte. Worin liegt also der Bezug des Titels: … einer neuen Zeit, was ist an dieser Zeit neu? Kleinigkeiten vielleicht nur wie die Berufstätigkeit der Frauen auch nach ihrer Geburt mit den Problemen, die wir auch heute kennen, nämlich der notwendigen Organisation der Kinderbetreuung (vgl hierzu z.B. https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/frauen-erwerbstaetigkeit.html).  Lina beispielsweise nahm sogar (auch wenn sich dies im Verlauf der Jahre später als geringes Opfer erwies) in Kauf, daß sie als Lehrerin unverheiratet bleiben musste. Das sich wandelnde Frauenbild in dieser Zeit (ein Phänomen, das sich wohl generell nach Kriegszeiten zeigt, da die Verluste an Männern in Wirtschaft und Handwerk durch Frauen aufgefangen werden müssen, damit es überhaupt weiterläuft. In englischen Romanen beispielsweise kann man dies, wenn sie in solchen Epochen spielen, auch beobachten). deutet Korn schon ganz am Anfang ihrer Geschichte an, in dem sie ihrer Henny die Haare kurz schneidet: der Bubikopf als Frisur einer neuen Epoche. Die Frau auch als politische Engagierte in der Figur der Käthe, all dies im Gegensatz zu den jeweiligen Müttern, die noch völlig in der Rolle der bloßen Hausfrau gefangen sind. Fast hätte ich es vergessen: Käthe mit ihrer erfolgreichen Empfängnisverhütung ist sicherlich ebenfalls ein Beispiel für ein neues Selbstverständnis von Frauen.

Diese Generation hat es nicht geschafft, die Lehren aus dem Ersten Weltkrieg zu ziehen, sie ist in eine falsche Richtung gelaufen, auch das wird in dem Roman deutlich. Nationalsozialistisches Gedankengut in Verbindung mit charakterlichen Mängeln dringt auch in die Familien dieses Romans ein und schafft bitteres Unheil. Es gibt die Ausnahmen des Einzelfalls, der sich unter persönlicher Gefahr für andere, die verfolgt werden, einsetzt, die alten Ungers, Guste Kimrath, der olle Hansen… wichtige Nebenfiguren, die den Glauben an eine vielleicht doch noch kommende, wiederum neue Zeit am Leben halten…

Korn schildert das Leben aus der Sicht der kleinen Leute. Einzig Camphausen, Idas Mann, ist als Banker in einer anderen Gesellschaftsschicht angesiedelt, Idas Vater dagegen hat alles verloren und auch seine Bemühungen, wieder auf die Beine zu kommen und wirtschaftlich zu reüssieren, geraten zu Fehlschlägen. Die Machtlosigkeit dieser ‚kleinen Leute‘ wird deutlich, kaum gelingt es ihnen, Unglück aus ihrem privaten Bereich fernzuhalten. Die, die sich dagegen mit dem Regime arrangieren und mit der ‚Bewegung‘ mitmarschieren, sie haben auf einmal Macht: waren sie vor kurzem noch Jungs in kurzen Hosen, jetzt zittern die jüdischen Ladenbesitzer vor ihnen… und dann gibt es noch diese klandestine, noch schmutzigere Macht, die der Denunziant hat – und die er nutzt, um zu verraten, um Vorteile zu bekommen gegen die man sich nicht wehren kann, wenn die Gestapo dann kommt und abholt. Der Denunziant geht über Leichen, selbst, wenn er das nicht wollte – wie er sich selbst zu beschwichtigen trachtet.


Töchter eine neuen Zeit vermittelt ein stimmiges Bild ohne Brüche. Die Figuren des Romans werden einem schnell vertraut und kommen nah, man fühlt mit ihnen. Zudem entsteht langsam im Hintergrund das Bild eines verschwundenen Hamburgs, von dem in der Katastrophennacht des Feuersturms 1943 so viel vernichtet worden ist – ganz abgesehen von den vielen, vielen Toten. In der Summe also eine Lektüre, die möglicherweise zwar keinen großen Zuwachs an Erkenntnis liefert, die aber eben doch ein offensichtlich intensiv recherchiertes, einfühlsames Portraits von Menschen, Stadt und Epoche darstellt.

Carmen Korn
Töchter einer neuen Zeit
diese Ausgabe: rororo, TB, ca. 550 S., 2017; mit Stadtplan Hamburg 1919 und Glossar

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Rafik Schami (Hrsg): Geburtstag

Ich habe vor kurzem eine Sammlung von Kurzgeschichten, die sich dem Thema Sehnsucht widmen und von Rafik Schami im kleinen fränkischen Verlag ars vivendi (https://arsvivendi.com/arsvivendi/Ueber-uns) herausgegeben worden sind, hier vorgestgestellt. Das Bändchen hatte mir so gut gefallen, daß ich mir gerne noch ein weiteres Exemplar dieser „Sechs Sterne“-Reihe angesehen habe, ausgesucht habe mich mir das leuchtend gelb eingebundene Büchlein, das sich dem Thema Geburtstag widmet.

Der Geburtstag gehört zu den festen Gegenheiten eines Menschen in unserer Kultur. Er erinnert an den Tag der Geburt, Verwandte, Freunde und Bekannte werden eingeladen oder kommen so, gratulieren und beschenken das Geburtstagskind. Er ist somit auch ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor, als Pech wird empfunden, wenn der Geburtstag in die Nähe des Weihnachtsfestes fällt oder gar auf das Fest selber: es verdoppelt sich nicht automatisch die Menge der Geschenke. Über letztere ließe sich trefflich philosphieren: welche Funktion haben Geschenke – für den Beschenkten, aber auch für den Schenkenden… aber das würde zu weit führen und ist auch nicht das Thema dieser Sammlung von Kurzgeschichten, die wiederum aus der Feder von Rafik Schami selbst, Monika Helfer, Franz Hohler, Root Leeb, Michael Köhlmeier und Nataša Dragnić stammen.


Auch in diesem Band ist es kein Fehler, das Nachwort Schamis den Geschichten vorauszuschicken. Rafik Schami, selbst zwar als Angehöriger der christlich-aramäischen Minderheit in Syrien geboren, lebte bis zu seiner Emigration im muslimischen Kulturkreis, der der jührlichen Wiederkehr des Geburtstags eines Menschen keine Bedeutung zumißt. Ein – zumindest für mich, obwohl ich kein Geburtstagsfeierer bin – ungewöhnlicher Gedanke, ist doch im westlichen Kulturkreis der Geburtstag ein Tag, ohne den nichts geht…

Schami verweist auf Hannah Arendt, die in ihrer Philosophie der Natalität die Geburt eines Menschen in den Mittelpunkt stellte, nicht, wie sonst so häufig, das Rätsel seines Todes Damit ein Anfang möglich ist, werden Menschen geboren. Während die Philosophen des Abendlandes das Leben als ein Vorlaufen zum Tode verstehen, erkennt Hannah Arendt: „Das ´Wunder` besteht darin, dass überhaupt Menschen geboren werden, und mit ihnen der Neuanfang, den sie handelnd verwirklichen können kraft ihres Geborenseins.“ (zitiert aus: http://www.hanna-strack.de/hannah-arendt-1906-1975/) Interessanterweise schließt Schami seine Betrachtungen mit diesem sehr sympathischen Ansatz Arendts ab, während ein Hauptteil – genau: dem Tod und dem Umgang des Menschen damit gewidmet ist, seinem Glauben an das ewige Leben, ein Paradies oder die Reinkarnation – je nachdem, welchem Glauben man anhängt.

In der ersten Geschichte aus der Feder des Herausgebers wird genau die oben erwähnte Tatsache, daß der Geburtstag im muslimischen Kulturen nicht gefeiert wird, zum Thema gemacht. Die Geschichte spielt in Damaskus und wie bei vielen Geschichten Schamis hat man wieder das Gefühl, daß er dies alles selbst erlebt hat. Na, jedenfalls schwärmt der Junge für das Mädchen aus dem Nachbarhaus und sie verstehen sich auch sehr gut. Wobei der jungen Dame die Eigenschaften des Jungen sehr nach Sternbild Krebs aussehen, was ihr durchaus zusagt, wenn da nicht noch die eine oder andere Komponente wäre, die die Reinheit der Krebseigenschaften stört. Es wäre daher wichtig zu wissen, wann genau der Junge geboren worden ist… doch damit fangen die Probleme an. Denn egal, wen er fragt, jede(r) weiß es, jede(r) ist sich sicher und jede(r) nennt  ein anderes Datum…

Ganz anders kommt Schamis zweite Kurzgeschichte daher, sie spielt – auch hier der Bezug zum Autoren deutlich erkennbar – im Milieu der Emigranten. Der fünzigste Geburtstag des aus Syrien stammenden Arztes soll gefeiert werden und Salma, seine Frau, überlegt sich einen Plan, die Feier hochkarätig zum Fanal zu machen, denn Habib, ihr Mann, betrügt sie schamlos. Doch als Habib auf der Feier in seiner Begrüßung davon spricht, daß er in seiner Rede ehrlich sein will, tritt er eine Ereigniskette los, die nicht mehr beherrschbar ist und Salma zuvorkommt….

Monika Helfer steuert die Erlebnisse einer Frau bei, die ihren fünfzigsten Geburtstag allein feiern muss. Die Ratschläge ihrer Töchter (Alpenverein, Kulturreise) bringen sie nicht weiter, sie bleibt solo, der Richtige findet sie nicht. Da fasst sie den Entschluss, sich bei einer Partnersuchsendung im Fernsehen zu bewerben…

Zum Fetisch eines Mannes wird der Geburtstag oder genauer gesagt, das Gratulieren zu selbigem bei einem Mann, der frisch pensioniert eigentlich seinen Hobbies nachgehen will, dies aber letztlich wenig befriedigend findet. Durch Zufall merkt er, daß sich die Menschen, gratuliert man ihnen zum Geburtstag, freuen und das wiederum freut ihn. So fängt er an, sich in langsam in den Zuständigkeitsbereich seiner Frau, die dies bislang im Namen beider managte, hineinzudrängen…

Ein Zyklus von vier kurzen Beiträgen stammt von Root Leeb. Es geht in ihnen zum Beispiel um die Belastung, die ein an sich harmloser Wunschgedanke der Eltern (‚Du wirst ein Großer‘) für ein Kind bedeuten können, um die Qual für ein Kind, wenn es seinen Geburtstag auf einen Tag fallen sieht, an dem schon anderes gefeiert werden soll.  Dem Mädchen Acerlit dagegen wird von den Eltern schon mit der Geburt eine virtuelle Existenz im Internet aufgebaut, eine – was die Eltern glücklich macht – ewige Existenz… und was sich aus dem Wunsch ergeben kann, in einen schon leicht fortgeschrittenen Lebensalter aufzuräumen und auszumisten (wobei man selbstredend auf Neues, also z.B. Geburtstagsgeschenke verzichtet), das schildert die letzte Geschichte Leebs.

Michael Köhlmeiers Beitrag hat mich etwas ratlos gemacht. Es ist ein Dialog zwischen… tja…. einem ?, das noch nicht geboren ist und einer Art Lehrer, die diesem ‚Wesen‘ schon ein wenig von der Welt, die ihn erwartet, beibringen will…

Klarer ist dagegen die die Sammlung abschließende Geschichte von Dragnić. Die Tür des Zugabteils, in deine eine Frau allein und lesend einem noch unentschiedenen Ziel entgegenfahrend sitzt (offensichtlich ist sie auf einer Art Flucht aus einer gescheiterten Beziehung) öffnet sich und ein Junge steht da, mit einer dieser Pappkronen auf dem Kopf. Wenig später drängt sich eine ausländische Familie in das Abteil, schmuddelig und stark riechend, Menschen nach zwanzigtägiger Flucht aus den Nahen Osten. Die Frau fühlt sich sehr belästigt, doch irgendwann schlägt das Pendel um, der Junge mit der Krone hat doch offensichtlich Geburtstag und das muss gefeiert werden. So kommt man sich trotz der olfaktorischen Grundbelastung langsam näher und für die Frau wird diese Gelegenheit immer mehr zum Ventil, innere Nöte abzureagieren…


Der Geburtstag als Tag, der das Leben bestimmt, als zyklisch wiederkehrender Tag, der gefeiert werden kann und an dem man eine Art kleinen Neubeginn starten kann, mit Vorsätzen und Plänen, ein Vorhaben, das in gewisser Weise den ‚großen‘ Start ins Leben nachahmt. Denn der Geburtstag im engen Sinn als Tag der Geburt ist der Tag und er ist etwas besonderes, ein Kind, in dem sich auch die Hoffnungen der Eltern manifestieren erblickt das Licht der Welt, kann etwas Besonderes werden, ein ‚Großer‘ beispielsweise… Solche Gedanken ziehen sich durch die Geschichten als roter Faden hindurch: das Leben noch einmal überdenken, ihm einen neuen (?), einen anderen (?) Sinn verpassen, es neu anpacken – aber auch einen Schlussstrich ziehen, etwas Beenden, was unsäglich geworden ist.

Es sind kleine, wohlformulierte Geschichten (wie erwähnt, hat mich die Köhlmeier’sche in Verwirrung gestürzt), die Denkanstöße geben können, die zum Teil slapstick-artig (Schami, Dragnić) daher kommen und durch Übertreibung einen Akzent setzen wollen. Sie regen zum Nachdenken an, zum Sinnieren, zum Überlegen, wie es bei einem selbst so ist, sie kommen aber nicht mit einem erhobenen Zeigefinger auf uns Leser zu: sie unterhalten und amüsieren. Sie eignen sich bestens zum Lesen ‚zwischendurch‘ und ganz sicher auch zum Vorlesen – zum Beispiel auf einer Geburtstagsfeier…

Rafif Schami (Hrsg)
Geburtstag
diese Ausgabears vivendi, HC, ca. 160 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Rafik Schami (Hrsg): Sehnsucht

Sehnsucht – so eine Begriffsbestimmung – ist allgemein betrachtet ein inniges Verlangen nach einer Person, einer Sache, einem Zustand oder einer Zeitspanne, die bzw. den man liebt oder begehrt, wobei diese mehr oder minder mit dem schmerzhaften Gefühl verbunden ist, den Gegenstand der Sehnsucht nicht erreichen zu können. Menschen können dabei auch allgemeine Sehnsüchte haben, etwa die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, nach Gott oder einem höherem Wissen. [aus: Stangl, W. (2018). Stichwort: ‚Sehnsucht‚. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik; http://lexikon.stangl.eu/19576/sehnsucht/ (2018-04-11)]].


Diesem Gefühl, das wohl jeder kennt, ist dieses kleine, schmucke Büchlein in seinem blauen Leineneinband gewidmet. Das halbgeöffnete Fenster, der Blick in die Weite, offensichtlich auf eine am Horizont erst endende Wasserfläche, der angedeutete Luftzug, der den Vorhang etwas wehen läßt, symbolisiert das in der obigen Definition gegebene Gefühl der Unerreichbarkeit – obwohl ich diese Behauptung der Begriffsbestimmung nicht ohne weiteres zustimmen kann und auch einige der Geschichten dieses Büchleins sprechen dagegen, denn in ihnen erreicht der Sehnsüchtige letztendlich doch sein Ziel, befriedigt diesen Mangel in seiner Seele eben dadurch, daß er – möglicherweise gegen alle Vernunft – alles unternimmt, was ihn zu seinem Sehnsuchtsziel führt. So beispielsweise der Vater, der in einer Geschichte von Franz Hohler (Das weiße Spitzchen) in der Maturarede seiner Tochter durch die rezitierten Gedichtzeilen (Das Spitzchen, es ruft mich, sobald ich erwacht / Am Mittag, am Abend, im Traum noch der Nacht…) daran erinnert wird, wie er als junger Mann einen bestimmten Berg nach ihm rufen hörte, ihn locken hörte, aber er versäumte, jemals diesem Ruf zu folgen. Nun aber, geweckt und quälend lebendig, gibt er alles, diese Sehnsucht zu erfüllen.

Es ist sinnvoll, bevor man sich den Geschichten widmet, sich das Nachwort Schamis, der sowohl als Herausgeber des Bandes als auch als Autor vertreten ist, durchzulesen. Er läßt sich dort in kurzen Absätzen über das Wesen der Sehnsucht aus, über ihre Charakteristika, wie sie sich äußert, daß der Wortteil „-sucht“ auch auf einen Zustand hindeutet, der krankhaft sein oder werden kann, wenn sich nämlich das gesamte Ziel des Lebens dem Erreichen des Sehnsuchtsziels unterordnet: Sucht wird zur Obsession wie sie Monika Helfer in ihrer Geschichte  des Lastwagenfahrers erzählt, der sich an eine junge Frau bindet, die ihr Herz jedoch schon lange an einen anderen Mann vergeben hat, der ihr jedoch versperrt ist (Liebe am falschen Platz und das gleich zweifach)…

Einen Aspekt der Sehnsucht habe ich in Schamis Ausführungen ein wenig vermisst: Sehnsucht idealisiert. Die Sehnsucht nach einem geliebten Menschen vernachlässigt ’negative‘ Eigenschaften, die Sehnsucht, den Chomolungma zu besteigen ignoriert die Massenansturm, in dem dies wohl stattfinden wird. Wo ist die Trennung, wie unterscheidet man (wenn dies überhaupt wichtig ist), ob es Liebe ist, die eine Frau jahrelang auf ihren in den Krieg gezogenen Reitersmann warten läßt oder die Sehnsucht nach ihm (in der Geschichte Reiter in der Nacht von Michael Köhlmeier). Hier wird am Ende die Sehnsucht der Frau ‚erhört‘, doch unter Umständen, die die Frau nicht akzeptieren kann: Sehnsucht kann also auch enttäuscht werden, wenn sie nicht mehr nur das scheinbar unerreichbare Ziel ist, sondern sich die Realität ganz anders zeigen sollte als erwartet.

Dem krankhaften, obsessiven Charakter, den die Sehnsucht annehmen kann, begegnen wir auch in der Geschichte Ultramarin von Root Leeb mit seinem kleinen Zyklus Die Farben der Sehnsucht. Hier besetzt das Verlangen nach einer Frau einen Augenarzt, der ihr tief in die Konjunktivitis schaute und sich dann im Fortgang der Dinge selbst fragt, ob er langsam zum Stalker wird, sein eigenes Leben jedenfalls gerät aus den Fugen…

Nataša Dragnić widmet einen ihrer zwei Beiträge dem letzten schwimmenden Elefanten Rajan (https://www.travel4news.at/87096/indien-abschied-vom-letzten-schwimmenden-elefanten/), auf den sich die Sehnsucht einer berühmten Schauspielerin konzentriert, die – behütet von einem Bediensteten des Hotels – auf der Insel Urlaub macht, unerkannt und unauffällig, und die ihr eigenes Leben beim sehnsüchtigen Warten auf Rajan reflektiert…

Für Schami als Exilanten ist die Sehnsucht, die mit dem Wort ‚Heimweh‘ bezeichnet wird, eine große Rolle. Der kürzlich hier von mir vorgestellte Roman Sophia (https://radiergummi.wordpress.com/2018/03/07/rafik-schami-sophia/) ist um diese Sehnsucht herum geschrieben, auch die beiden Geschichten, die er abschließend der Sammlung beisteuert, kreisen um dieses Thema der Sehnsucht nach dem Heimatland, der Heimatstadt, die idealisiert wird, die in der Seele des im Exil Lebenden im Zustand der Kindheit verblieben ist, die romantisiert und idealisiert wird und die, wenn man Jahrzehnten ein Besuch möglich ist, enttäuscht, weil alles ganz anders ist (Syrisches Klassentreffen und Die merkwürdige Sehnsucht des Herrn Hamid). Sicherlich liegt man nicht allzu sehr daneben mit der Vermutung, daß sich in diesen Geschichen auch das Heimweh des Verfassers nach seinem Damaskus, seinem Syrien, selbst zeigt.


Die insgesamt zwanzig Geschichten der sechts Autoren des Bandes sind von unterschiedlicher Länge, reichen von der kurzen, kaum anderhalbseitigen Ausführung bis zu weit umfangreicheren Sehnsuchtsschilderungen. Da Sehnsucht als, ich möchte sagen: Hintergrundgefühl, in allen von uns vorhanden ist, findet man sich beim Lesen in den Geschichten wieder, kann zumindest das treibende Moment der Figuren nachvollziehen, auch wenn uns die geschilderte Umsetzung möglicherweise zu weit geht. Es liegt alles drin in den Geschichten, Dramatisches, Tragisches, Obsessiv-besetzendes, Beglückendes, Erfüllendes… das ganze Spektrum, das Sehnsüchte zum Klingen bringen können tritt uns in den Geschichten entgegen. Ein Schmuckstück als Buch, ein Verführer für die anderen Themenbände der Sechs-Sterne-Reihe, absolut geschenktauglich und ganz sicher ein wunderbarer Reisebegleiter… oder einfach nur ein Buch, das man gern in die Hand nimmt für einen kurzen Ausflug in eine Sehnsuchtswelt.

Rafik Schami (Hrsg)
Sehnsucht
diese Ausgabe: ars vivendi, HC, ca. 200 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9WR

Rafik Schami: Sophia

Der 1946 in Damaskus geborene, aber seit 1971 in Deutschland lebende Rafik Schami [http://www.rafik-schami.de] ist bekanntermaßen ein wunderbarer Erzähler, dessen (angenommener) Name „Damaszener Freund“  bedeutet [https://de.wikipedia.org/wiki/Rafik_Schami]. Und als solcher erweist er sich im vorliegenden Roman unter anderem auch: Sophia… ist eine Liebeserklärung an (das alte) Damaskus, die Stadt seiner Geburt. Wie dem Autor selbst so erging es auch seinem Protagonisten: auch Salman musste Damaskus vor vielen Jahren verlassen und sich im Ausland eine Existenz aufbauen. Der politischen Situation wegen konnte Salman nie nach Syrien zurückkehren, auch Besuche waren nicht möglich. Um so stärker wurde im Lauf der Jahre der Wunsch nach Rückkehr in ihm, in dem das Damaskus der Epoche, in der er damals verlassen musste, weiterlebt. Es ist dies das Schicksal vieler Emigranten und Flüchtlinge, man findet es oft beschrieben: die Zeit friert für den, der geht, wie ein Standbild den Status quo ein, von den Veränderungen, der Entwicklung bekommen die Weggegangenen nichts mit. Selbst, wenn sie von der Information her um solche Veränderungen wissen, das Gefühl, die Emotion verweigert oft die Anpassung an das Veränderte.

Salman, der seit Jahrzehnten in Italien lebt, (mehr oder weniger) glücklich verheiratet und Vater eines Sohnes ist, der als Geschäftsmann erfolgreich und zu einigem Wohlstand gekommen ist, sieht – er ist mittlerweile schon ein nicht mehr ganz junger Mann – dennoch eines Tages die Chance, noch einmal die Heimat zu besuchen, seine Eltern zu sehen, die Freunde längst vergangener Tage zu besuchen: In Syrien wurde vom Präsidenten eine Generalamnestie verkündet und in aller Öffentlichkeit bekundet, daß niemand etwas zu befürchten habe, wenn er nach Syrien einreise [vgl. z.B. hier: http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/syrien-assad-erlaesst-generalamnestie-1639845.html]. Auch wenn seine Frau Stella dagegen ist und große Angst hat, fängt Salman an, seine Reise zu planen und vorzubereiten. Zur Sicherheit lassen die Eltern Salmans über einen seiner Cousins, der beim Geheimdienst arbeitet, noch einmal überprüfen, ob bei einem der sechzehn (!) Dienste etwas gegen ihn vorläge. Denn in seiner Jugend war Salman aktiver Untergrundkämpfer, der vom Staat verfolgt worden war und aus diesem Grund das Land vor Jahrzehnten verlassen hatte. Nein, es läge nichts vor und so reiste Salman zurück, die Stätten seiner frühen Jahre zu besuchen, seine Eltern noch einmal zu sehen und die Gefährten und Bekannte längst vergangener Zeiten.

Es sollte ein Wiedersehen werden mit Höhen und Tiefen. Das moderne Damaskus hatte nicht mehr viel zu tun mit dem der Erinnerung, die Eltern waren alt geworden, die Kinder von damals hatten jetzt selbst Kinder. Das ganze Leben, die Gespräche waren oberflächlich geworden, immer geprägt von der Angst, von einem Spitzel belauscht und verraten zu werden. So gehen einige Wochen dahin, geprägt von vielen Besuchen ehemaliger Freunde und Verwandter, die Salman hin und wieder eher nerven als erfreuen, rauben sie ihm doch die Zeit, die Stadt zu durchstreifen. Und dann sieht er eines Tages in der Zeitung einen Fahndungsaufruf mit einem etwas älteren Bild von sich, er wurde des Mordes an einer Frau beschuldigt, ein Mord, der begangen worden war, als er noch in Rom weilte, noch gar nicht im Land war. In einem Land, in dem diese Tatsache jedoch völlig unerheblich war…

Salman muss sich verstecken, muss fliehen, muss ausser Landes. Er, der jahrzehntelang im Ausland war, braucht Hilfe, muss um Hilfe flehen. Nicht jeder gewährt sie ihm, kann sie gewähren, einen Menschen, der sich Jahrzehnte nicht einmal mit einer Postkarte gemeldet hatte, zu verstecken und sich dadurch selbst in Lebensgefahr bringen, das wollte nicht jeder. Überhaupt scheint Salman wenig von Skrupeln geplagt, seine alten Bekannten durch seine Bitte um Verstecktwerden in große Gefahr zu bringen. Letztlich jedoch führt ihn seine Mutter Sophia mit Karim und Aida zusammen und hier schließt sich der Kreis der Personen, denn wenn die Titelfigur Sophia damals gewollt hätte, hätte Salman Karims Sohn sein können (was er aber definitiv nicht ist)… jedenfalls sind der Muslim Karim und die Christin Aida, die ein Paar sind, bereit, Salman zu helfen. Und Karim hat auch schon einen Plan…


Schamis Text fängt mit einem wunder-, wunderbaren Kapitel an. Es ist die Liebesgeschichte von Karim und Aida, beide nicht mehr jung (75 und über 60 Jahre alt), beide verschiedenen Religionen angehörig, beide verwitwe(r)t – und unsterblich ineinander verliebt. Und diese Liebe macht sie, die vorher beide angesehen waren, zum Hassobjekt der Nachbarn in ihrem ruhigen Viertel, sie werden angefeindet, Gerüchte werden in die Welt gesetzt, jeder neidet ihnen das Glück. Aber sie sind stark, sie versuchen alles zu ignorieren und so lernt Aida Radfahren und fährt schlingert, aber stolz an ihren gaffenden Nachbarinnen, die sich auf der Straße versammelt hatten, vorbei, ein Affront der besonderen Art….

Solche Szenen enthält der Roman viele, sie machen ihn so liebenswert, so anheimelnd, so … na ja, fast tränenrührend. Aber Karim und Aida sind beileibe nicht die einzigen Personen in diesem Roman, es sind ihrer viele und Schami erzählt uns deren Lebensläufe, der Lieben und Enttäuschungen, von ihren Hochzeiten, den Kindern und den Toden… Im Lauf der Handlung ergibt sich so ein Beziehungsgeflecht zwischen diesen Menschen, deren Lebensläufe alle irgendwo und irgendwie einmal miteinander zu tun hatten.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht natürlich Salman, der damals Syrien verlassen hatte, ein Jahrzehnt in Heidelberg studierte, bevor er mit Stella nach Italien ging und dort ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden war. Ein Mann der alten Schule, charmant, höflich, zuvorkommend – aber auch der Meinung, als Mann habe er ein natürliches Recht auf Sex… das er sich bei niveauvollen Prostituierten (die – möglicherweise auch so ein Vorurteil – ihrer Tätigkeit aus freiem Willen nachgingen) über viele Jahre hinweg als Stammkunde einkaufte, denn Stella wies seine Annäherungsversuche nach der Geburt ihres Sohnes meist brüsk ab. Überhaupt hat es mich erstaunt, wie häufig auch im späteren Verlauf der Handlung in Syrien, erotische Avancen und Annäherungsversuche dargestellt wurden.

Über Salman und seine Lebenserinnerungen erfahren wir viel vom alten Damaskus, das einmal eine der wunderbarsten Städte gewesen sein muss [Ich erinnere mich noch gut, daß ich als junger Mann, der damals viel reiste, immer einen kleinen Traum im Hinterkopf hatte, zur Mandelblüte nämlich einmal in Damaskus zu sein… auch eins der ersten Bücher, das ich je geschenkt bekommen habe, hat mit Syrien/Damaskus zu tun]. Die kleinen Gassen, die Hinterhöfe, das harmonische Zusammenleben der Menschen, auch wenn sie unterschiedlich glaubten, die Handwerker, das Alltagsleben… es ist eine Reminiszenz an eine untergegangene Zeit, die Desillusionierung, die der alte Salman erleben muss, als er durch die Straßen des modernen Damaskus läuft, ist herb.

Das moderne Damaskus, das muss Salman als harte Lektion lernen, ist außerdem eine Schlangengrube. Die herrschende Sippe der Alewiten ist korrupt, verhasst – und gefürchtet. Überall lauern Spitzel und man ist schneller als vermutet in einem der Geheimgefängnisse gelandet – mitten in der Stadt, aber zehn Stockwerke in die Erde hineingebaut. Angst, Misstrauen und Vorsicht beeinflussen das Verhältnissen der Menschen untereinander, wer kann unter diesen Bedingungen schon ehrlich seine Meinung sein, selbst guten Bekannten oder Verwandten gegenüber? Das Leben ist oberflächlich geworden, man redet über unverfängliches, interessiert sich für Banales. Und auch der Alltag hat sich verändert, das Stadtbild sich gewandelt: die Atmosphäre des alten Damaskus ist unwiderruflich dahin, gewichen einer kalten, gesichtslosen, auf Hektik und Schnelligkeit beruhenden Gesichtslosigkeit.


So umfasst Schamis Roman über Sophia vieles: Geschichten über die Liebe zwischen Menschen, Geschichten über das alte Damaskus und sein Leben, über das neue Damaskus und seine Herrscher, es beleuchtet einige Aspekte des Emigrantenlebens mit der nie versiegenden Sehnsucht der Heimkehr – und wenn es nur besuchsweise ist. Die Geschichten sind voll von Poesie, aber auch Dramatik und Tragik, sie sind spannend und anrührend, sie sind menschlich im wahrsten Sinn des Wortes. Und auch wenn der Roman sicher nicht biographisch zu lesen ist, dürfte viel vom Verfasser, von seiner Sehnsucht nach der alten Heimat, seinem immer gespürten Verlust mit eingeflossen sein.

Lieben Dank, Rafik Schami, für diese wundervollen Lesestunden mit Sophia!

Ferner finden sich von Rafik Schami in diesem Blog Besprechungen folgender Romane:
– Das Geheimnis des Kalligraphen
– Eine Hand voller Sterne

Rafik Schami
Sophia – oder Der Anfang aller Geschichten
Erstausgabe erschienen im Hanser-Verlag
diese Ausgabe: TB, dtv,  ca. 480 S. 2017

Bernhard Schlink: Olga

Seit dem Vorleser gehört Bernhard Schlink zu den auch international profilierten deutschen Autoren, dieses Buch hat zu Recht eine riesige Fangemeinde gefunden [Besprechung hier im Blog: Bernhard Schlink: Der Vorleser]. Sein neuester Roman ist Olga, der wiederum eine Frauenfigur im Zentrum des Geschehens hat, er wird zumindest in der Blogosphäre mit ähnlichem Lob zur Kenntnis genommen und besprochen.

Das Leben dieser Olga Rinke überstreicht viele Epochen deutscher Geschichte. Es begann im Kaiserreich, sie durchlebte den Ersten Weltkrieg, die Zeit zwischen den Kriegen mit ihren radikalen Veränderungen, die die Weimarer Republik in das Dritte Reich münden ließen, nach dem nächsten Krieg musste sie aus ihrer angestammten Heimat fliehen, eine Flucht, die sie in die spätere BRD, nach Heidelberg, führte. Dort verdiente sie sich als Näherin noch etwas zu der Pension, die ihr der neue Staat für ihre Anstellung in früheren Zeiten als Lehrerin in Preussen gab. Gestorben ist sie als über Neunzigjährige, den Fall der Mauer und die neuen Zeiten mit der Globalisierung hat sie nicht mehr erlebt. Letztere wäre ihr wahrscheinlich suspekt gewesen, ein Wahn nach Größe auch dies, ein prinzipieller Wahn, den sie ein Leben lang in den Ereignissen und Menschen konstatierte.

Olga war nicht immer Näherin, daß sie einmal Lehrerin werden würde, war ihr jedoch ebenso wenig in die Wiege gelegt. Das stille Kind, das sich nur umschaute in fremder Umgebung, war Kind armer Eltern in Breslau, verwaiste früh und wurde von der Großmutter, die lieblos zu ihr war, auf dem Land aufgezogen. Olga kämpfte sich durch diese schwierigen Jahre durch, war intelligent, sehr fleißig und strebsam und obwohl kaum einer den Sinn darin sah und sie förderte, schaffte sie es im Selbstunterricht, die Aufnahmeprüfung für das Lehrerinnenseminar zu bestehen, später arbeitete sie als Lehrerin.

Außenseiterin sucht Außenseiter. Olga war nicht so wie die anderen Kinder, sie stand immer etwas abseits, behauptete sich jedoch. In Herbert fand sie ihr ‚männliches‘ Pendant, Herbert, der Sohn des Guts- und Brauereibesitzers war ein Läufer: bevor er als Kleinkind überhaupt stehen konnte, wollte er schon losrennen. Die Weite, die Leere, die Unendlichkeit war sein Ziel… Sie wurden Freunde, zu dritt, Viktoria, die Schwester Herberts komplettierte die Gruppe, doch nur eine zeitlang, denn als später aus der Freundschaft Liebe wurde, versuchte Viktoria, diese nicht standesgemäße Verbindung zu torpedieren: es misslang ihr, die Gefühle der beiden füreinander erwiesen sich als stärker.

Die Sehnsucht nach der Leere, der Weite, der Unendlichkeit verließ Herbert nicht, auch als Erwachsener gab er ihr nach. Als Gardesoldat ging er nach Südwest, die Hereros dort am deutschen Wesen genesen lassen, später dann bereiste er andere Länder in Südamerika beispielsweise, aber auch Karelien und die Kola-Halbinsel. In den Zwischenzeiten, wenn er, der vom einen kleinen Erbe zehrte, weil die Eltern u.a. auch wegen Olga, ihm keine finanzielle Unterstützung gewährten, Olga besuchte, glänzten seine Augen vor Glück, wenn er erzählte, aber eine innere Unruhe trieb ihn bald wieder in die Ferne. Für Olga waren diese Unternehmungen Zeichen dafür, daß Herbert ein großes Kind geblieben ist, Menetekel einer Sucht nach Größe, die unangemessen war. Doch die leuchtenden Augen Herberts waren ihr ganzes Glück, so daß sie schwieg und dieses kleine Glück genoß. War sie glücklich mit ihm? In seinen Grenzen ja, aber es war richtig, daß das, was sie vermisste, er zu geben nicht fähig war. Später einmal werden wir erfahren, daß sie das Glück mit ihm als holpriges Glück empfand.

Seine Berufung schließlich fand Herbert in der Arktis. Die Jahre vor dem ersten Weltkrieg verbrachte er damit, eine Expedition zu finanzieren und zusammenzustellen, die die Nordostpassage erkunden sollte. Es gelang ihm – mehr oder weniger, denn nach Jahren der Planung verzögerte sich die Abreise, so daß das Schiff früh in den Winter kam. Es wurde nach ihm, dem Leiter der Expedition, gesucht, mehrere Rettungs- und Suchexpeditionen aufgestellt, doch nie wurde eine Spur von ihm gefunden, einige der Mannschaftsmitglieder jedoch überlebten. Der Beginn des Ersten Weltkrieges dann beendete die Sucherei [Dieser Passage in Schlinks Roman liegt die Deutsche Arktische Expedition (https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Arktische_Expeditionunter der Leitung von Herbert Schröder-Stranz zugrunde, überhaupt ist Schlinks Herbert dieser Figur nachempfunden (https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Schröder-Stranz). Unwillkürlich ist mir in diesem Zusammenhang auch die Payer-Weyprecht-Expedition eingefallen, die einige Jahre zuvor ähnlich großspurig, aber laienhaft geplant und in Angriff genommen worden war und die Christoph Ransmayr in seinem Die Schrecken des Eises und der Finsternis (https://radiergummi.wordpress.com…finsternis/) so fantastisch zu einem Roman verarbeitet hat.]


Es ist interessant, Schlinks Roman stellt eine Frauenfigur, Olga, in den Mittelpunkt und ich habe bis hierhin fast nur von Herbert geredet, der die meiste Zeit gar nicht da, sondern in der Ferne, war. Doch das hat seine Berechtigung, denn die Liebe Olgas zu Herbert war der zentraler Punkt im Leben dieses Menschen Olga, die später nie wieder jemand anderen an ihre Seite holte. Es war nicht so, daß Herbert das Leben Olgas bestimmte, sie traf ihre eigenen Entscheidungen, teilweise sehr weit- und folgenreiche, bei denen sie durchaus das ‚Kindsein‘ ihres Geliebten berücksichtigte: sie hielt ihn wohl für manches nicht reif genug, jemand, der sie nie überragen wird. Aber Herbert war Bestandteil ihres Lebens und sie akzeptierte dessen innere Unruhe, die ihn immer wieder weg trieb und sie verlassen zurückließ. Sie war nicht angewiesen auf einen Mann an ihrer Seite, ganz im Gegenteil befürchtete sie wohl nicht zu Unrecht, daß ein Mann mit einer derart selbstständigen und selbstbewussten Frau, wie sie es war, in einer Ehe nicht zurecht kommen würde.


Es dauerte lange, bis Olga nach seinem Verschwinden auch innerlich loslassen konnte von Herbert, sie schrieb ihm, der mit seiner Expedition gescheitert war, noch lange Jahre Briefe nach Tromsø, dieser weit im Norden Norwegens liegenden Stadt, in der die Expedition ihren Ausgang nahm. Ob Herbert unterwegs war oder tot, machte für sie erst dann einen Unterschied, als sie die wirklichen Toten des Kriegs sah, erst in diesen Augenblicken ‚begriff‘ sie, daß ‚Fern-sein‘ und ‚Tot-sein‘ zwei Dinge sind…

Ihre skeptische Haltung zur Rassenlehre kostete Olga Jahre später die Stellung, eine Krankheit das Hörvermögen. Sie begann daraufhin als Näherin zu arbeiten, was sie nach der Flucht dann auch in der BRD tat. Dort fand sie Anschluss an eine Familie und besonders an den jüngsten Sohn der Familie, Ferdinand. Er erinnerte sie an Herbert und an Eik, den Jungen, um den sie sich früher, als sie noch Lehrerin war, intensiv gekümmert hatte. Die enge Bindung zwischen ihr und Ferdinand sollte Bestand haben bis über ihren Tod hinaus.


Olga, ein Roman in drei Teilen (in  fünfundzwanzig plus achtundzwanzig Kapiteln, sowie einundreißig Briefen und einer Nachbemerkung), dies relativiert den Umfang der dreihundertzwanzig Seiten des Buches auf ein gefühlt deutlich geringeres Maß: der Roman liest sich schnell. Wird der erste Teil der Geschichte noch von einem auktorialen Erzähler geschildert, übernimmt im zweiten Teil Ferdinand die Rolle des Chronisten, während in den Briefen an Herbert aus dem Jahren 1913 bis 1915 (sowie einige wenige, zum Teil sehr viel später geschriebene) Olga selbst das Wort ergreift.

Ein Roman aus vierundachtzig Momentaufnahmen, der einen Zeitraum vom Kaiserreich bis in die späte BRD mitsamt kolonialer Großmannssucht, mit Kriegen, Vor- und Nachkriegszeiten, Flucht und Rassenwahn sowie die Entwicklung einer unterschwellig brodelnden, ansonsten geordnet erscheinenden Republik umfasst, kann nicht analytisch sein. Die politischen Umstände in diesen Zeiten bilden einen Hintergrund, sie werden stichwortartig benannt (z.B. „Rassenlehre“) und triggern dann im Leser das dazu gehörige Panorama an. Nein, Schlink hat sich auf dieses Frauenschicksal konzentriert, das für seine Zeit ungewöhnlich war. Frauen, das waren damals vor allem im ländlichen Bereich, durchgängig noch die Wesen, die in Küche und Schlaf- und Kinderzimmer ihren Platz hatten, im Garten und mit der Nähnadel… Eine höhere Bildung, Ausbildung gar, war allenfalls den Bessergestellten aus den Städten ein Ziel für Mädchen. An einer Stelle des Buches läßt Schlink seine Olga bemerken, daß man jetzt als Frau nicht nur in Paris, sondern auch in Berlin studieren dürfe. So waren die Zeiten damals.

Was durchgängig ist durch alle Epochen dieser wechselhaften deutschen Geschichte ist der Größenwahn, den Olga konstatiert: der Drang nach Kolonien im Kaiserreich, die Schaffung neuen Lebensraums im Dritten Reich, auch im neuen Deutschland sieht sie diese Sucht nach Größe, anstatt sich um Naheliegenderes zu sorgen. Es sind die unruhigen Spätsechziger Jahre, in denen die Studenten auf die Straße gingen und z.B. gegen den Vietnam-Krieg demonstrierten, aber was hatten diese jungen Leute damit überhaupt zu tun…

In der Liebe ist der andere nie verfügbar. Dieser Grundsatz ist wesentlich für Olga, deren große Lebensliebe so oft abwesend und schließlich (aus einem für Olga nichtigem Grunde und sogar nach einer derben Schwindelei) sogar für immer verloren war. So lebte Olga ihr Leben durchaus ausgefüllt, die gemeinsamen Zeiten mit Herbert im Fülle genießend, aber sie war auch gerne Lehrerin, Chorleiterin und Orgelspielerin, erledigte die Arbeiten in ihrem Haushalt, freute sich darauf, die eingekochte Himbeermarmelade (dieses Jahr mit weniger Zucker) gemeinsam mit Herbert zu genießen.

Ich habe mir ihr Leben als stilles, zufriedenes Leben vorgestellt in diesen Abschnitten. Hier hatte ein Mensch seine Mitte gefunden, sich mit den Lebensumständen angefreundet und sie akzeptiert – was nicht heißt, daß ihr anderes nicht lieber gewesen wäre, eine höhere Sesshaftigkeit ihres Geliebten zum Beispiel, weniger Fantastereien und mehr gemeinsames Leben. Doch anerkennt sie das Glücksgefühl, das sie immer wieder bei ihrem Herbert spürt, wenn er von der Ferne schwärmt und den Möglichkeiten, die dort verborgen sind – und die zu heben er sich berufen fühlt. In dieser Hinsicht folgt Olga dann doch einem konventionellen Frauenbild, in dem dem Mann nicht widersprochen wird, sondern sein Wille geschehe…

Wird in den ersten beiden Teilen des Romans von Olga berichtet, so ergreift diese im letzten, dritten Teil selbst das Wort. Jahre nach dem Tod Olgas (für den sich Schlink etwas Unerwartetes ausgedacht hat) stieß Ferdinand, der sich im eigenen Alter auf das Sammeln von Postkarten spezialisierte, auf die Briefe von ihr, die sie Herbert damals postlagernd nach Tromsö geschickt hatte. Diese Briefe, in denen sie sowohl ihre Sorge, Sehnsucht (aber auch ihren Zorn) beschreibt, sich jedoch auch selbst Rechenschaft ablegt über ihre Wünsche und Entscheidungen, geben einen Blick frei auf das Innenleben dieser Frau, die sich – und damit handelt sie wiederum sehr konventionell – damit abgefunden hatte, daß ihr Geliebter seinen Launen und Bedürfnissen nach handelte, während sie zu Hause lebte und auf ihn wartete. War sich Olga darüber im Klaren, auch wenn sie die Hoffnung erst spät aufgegeben hatte, daß Herbert nie zurückkommen würde? Jedenfalls schilderte sie in ihren Briefen einige Tatsachen, die ein neues Licht auf die Beziehung werfen….


Ich schrieb eingangs, daß sowohl in Olga als auch im Vorleser eine Frauenfigur im Zentrum der Geschichte steht. Die Analogie kann man jedoch noch weiter spinnen, denn beiden Frauenfiguren steht eine jüngere Männerfigur zur Seite. War es bei Hanna Michael, so ist es bei Olga zum einen der immer ein wenig Kind gebliebene (und damit im übertragenen Sinn ‚jüngere‘) und später dann Ferdinand, der Sohn der Familie, in der sie nähte, letztere Beziehung hat jedoch keine erotische Komponente wie die beiden anderen. Uns so wie sich Michael im Alter um Hanna kümmert, so kümmert sich auch Ferdinand um Olga, sorgt sich um sie und ist noch lange nach ihrem Tod glücklich, daß ihm in Adelheids Gesicht das Gesicht Olgas begegnete.

Olga ist eine starke Persönlichkeit, fast zu stark, denn man muss wirklich nachdenken, ob diese Figur überhaupt einen „Mangel“ aufweist, so perfekt scheint sie: charakterstark, intelligent, tolerant und was einem sonst noch einfallen mag. Erst in ihren Briefen taucht hie und da ein Aspekt auf (aber auch hier sind es wenige), der dies relativiert – so wie Olga selbst ihren Zornesausbruch Herbert gegenüber sofort wieder rückgängig machen will. Und dabei ist sie so berechtigt, diese Wut, die sie empfand und sich von der Seele schrieb! Ach ja….

Mit Olga ist Schlink jedenfalls ein wunderbarer, einfühlsamer Roman gelungen, ein Roman fürs Herz und für die Seele, der diese berührt und streichelt. Viel mehr kann und sollte man wohl auch nicht von ihm erwarten. Es ist kein zeitgeschichtlicher Roman, den Schlink schrieb, einzig seine Analyse des Größenwahns, der Deutschland in jeder Epoche begleitete (und die auch nicht neu ist), scheint mir in dieser Hinsicht wert, festgehalten zu werden.

Ach ja, Olga…… wie sähe die Welt wohl aus, wenn sie von solchen Menschen, wie du einer warst, regiert würde, anstatt von Menschen, die damit prahlen, daß ihr Knopf größer ist als der des anderen…..

Bernhard Schlink
Olga
diese Ausgabe
: Diogenes, HC, 320 S., 2018

Ich danke dem Verlag über die Überlassung eines Leseexemplars.