Rafik Schami: Eine Hand voller Sterne

2. April 2014

Blick auf das alte  Damaskus,  Quelle unbekannt

Blick auf das alte Damaskus,
Quelle unbekannt

„Hier zeigt sich der Orient in seinem urtümlichem Wirrwarr. Unter meinem Fenster verläuft eine schmale gepflasterte Straßen, deren scharfe Essensgerüche eine kühle Brise vorübergehend vertrieben hat. Es ist früher Morgen. Die Leute rühren sich, geweckt vom unheimlichen Diskant des Muezzins von einem kleinen Minarett gegenüber und dem fernen Echo anderer. Bald wird das Geschrei der Straßenhändler und das Geklapper von Hufen
  einsetzen.“ [5]______,++++____________

Rafik Schami kehrt mit diesem Buch wieder einmal in seine Heimat zurück [1], die uralte Stadt Damaskus in Syrien, diese Stadt voller Geschichten, Märchen und Legenden. „Eine Hand voller Sterne“ wird als Roman bezeichnet, es ist die Geschichte des unbenannten Bäckerjungen, der im Alter von vierzehn Jahren [3] anfängt ein Tagebuch zu führen, das er uns hier zu lesen gibt.

Unser Held lebt nicht im modernen Damaskus, in der Neuen Stadt, sondern in einem alten Viertel, in dem noch Lehmhäuser stehen, die Kinder ohne Sorge vor dem Verkehr auf der Straße spielen können und das Leben noch weitgehend in einem althergebrachten Rhythmus verläuft. Viele der Menschen, denen wir begegnen, sind Christen, so auch die Bäckersfamilie, deren Vater seit 30 Jahren um vier Uhr morgens aufsteht und sieben Tage die Woche in der Backstube verbringt. Dem Jungen ist diese Vorstellung ein Graus, er geht zur Schule, gerne zur Schule, er lernt gut und ist – als Bäckerjunge – bald der Klassenbeste. Sein engster Freund ist der alte Kutscher Salim, der so tolle Geschichten erzählen kann und der immer für ihn da ist. Aber natürlich hat er auch Schulfreunde und Spielkameraden, mit denen er herumzieht. So gut er sich mit seiner Mutter versteht, so hat er mit seinem Vater Probleme, denn der sieht nicht ein, daß sein Sohn länger als unbedingt nötig auf die Schule geht: er soll gefälligst in der Bäckerei helfen!

Aber das will unser Held gar nicht, diese Vorstellung jagt ihm Angst ein. Journalist will er werden, in der Zeitung schreiben, die Wahrheit aufdecken…. noch weiß er nicht so genau, daß exakt dies, die Wahrheit aufdecken, in Syrien eine lebensgefährliche Sache sein kann…

Und dann ist da noch Nadia, die bei ihm in der Straße wohnt und die ihm so gut gefällt und bei deren Anblick sein Herz auf einmal schneller schlägt. Aber Nadias Vater ist beim Geheimdienst und das ist schon ein Problem…

So fängt das Tagebuch mit ganz alltäglichen Ereignissen rund um die Schule, die Familie, die Freunde an. Wir lernen die Lehrer kennen, die mal ganz engagiert und fähig sind, den Kindern etwas zu vermitteln, andere sind träge und ihre Antwort auf Fragen sind Schläge. Diese bleiben den Schülern meist erhalten, die engagierten dagegen verschwinden manchmal…. Salim kann wunderschöne Geschichten erzählen, aber auch der „Verrückte“, der mit einem Spatzen durch die Straßen zieht, gibt unserem Helden eine wunderbare Lektion, indem er ihm eine Geschichte aufschreibt in unbekannten Schriften, unbekannten Sprachen… so ist der Junge gezwungen, sich Menschen zu suchen, die hebräisch können oder türkisch oder spanisch oder… oder… und er lernt so diese Menschen kennen und etwas von den Ländern, in denen sie geboren wurden und er merkt wie vielfältig diese unsere Welt ist….

Diese harmlose, alltägliche verschwindet im Lauf der Monate allmählich. Der Vater zum Beispiel wird eines Tages von der Polizei abgeholt und kommt nach einigen Tagen zurück, geschlagen, gefoltert, misshandelt. Eine dumme Namensverwechselung, der er zum Opfer fiel….die drei Freunde gründen eine „Bande“, die „Schwarze Hand“, die Unrecht anprangern will, z.B. Zettel mit Parolen an Haustüren von Leuten klebt, die Unrecht begangen haben. Der Vater Nadias wird ganz wild, man vermutet eine Untergrundbewegung… die Gruppe löst sich zwar schnell wieder auf, aber es passiert etwas anderes: der Vater nimmt den Jungen von der Schule und steckt ihn in die Bäckerei. Verzweiflung pur bei unserem Helden! Salim kann ihn überreden, nicht abzuhauen, sondern ein halbes Jahr zu warten… dann, eines Tages kommt er aus der Backstube heraus und darf Brote zu den Kunden bringen. Und dort lernt er Habib kennen, eine Mann, der fast zwei Jahrzehnte für die Partei im Untergrund kämpfte und der jetzt, nachdem die Partei an der Macht ist, selbst abgeholt wird in ihre dunklen Verliese… Habib ist Journalist, desillusioniert. Aber die Begeisterung des Bäckerjungen weckt seinen Mut wieder, seinen kämpferischen Willen…. zu dritt gründen sie die „Sockenzeitung“, klandestin verbreitete Zettel, auf denen sie die Wahrheit schreiben, Fragen stellen, die im Radio nie jemand stellen oder sagen könnte….

Was sie machen, ist extrem gefährlich und sehr bald wird ihnen das auch klar….

Schamis Jugendbuch (aus dem Jahr 1987) übt unter der Oberfläche massive Kritik an den Verhältnissen in Syrien [4]. Es sind nicht so sehr die Details, es ist vielmehr die allgemeine Stimmung im Volk, die Schami so einfängt. Die anfänglich erwähnte Straße mit den Lehmhäusern, in denen unser Held mit seiner Familie lebt, sie wird z.B. eines Tages für den modernen Verkehr verbreitert. Das die Lehmhäuser dafür von Bulldozern plattgemacht werden müssen, das ist den Behörden egal…. vorbei, das geruhsame Leben in diesem Viertel.

Rafik Schami ist ein geborener Erzähler, die Geschichten fließen und hat man das Büchlein angefangen, hört man nicht mehr auf. Das schöne ist, diese Figuren sind Menschen, die beschrieben werden, die genauso sind wie wir, die genauso fühlen, lachen, weinen, wütend sind, sich wieder versöhnen, vertragen oder auch erneut streiten, die füreinander Liebe empfinden – so wie es bei Menschen eben vorkommt und geschieht. Das Fremde ist auf einmal weg, die Fremdheit auch, man kennt das, was da steht, ja aus der eigenen Umgebung. Es ist, mit anderen Worten, in Syrien wie bei uns (nur etwas anders, was die äußeren Verhältnisse angeht…)

„Eine Hand voller Sterne“: ein schönes Buch, seinerzeit völlig zu Recht in der Auswahlliste für den Jugendliteraturpreis.

Links und Anmerkungen:

[1] Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und floh von dort 1961 nach Deutschland, Biographisches zu Schami: http://lebenswege.rlp.de/lebenswege/rafik-schami/
Auf diesem Blog habe ich vor längeren schon sein Buch über das Geheimnis des Kalligraphen vorgestellt [2]
[2] Rafik Schami: Das Geheimnis des Kalligraphen; https://radiergummi.wordpress.com/2011/10/02/rafik-schami-das-geheimnis-des-kalligraphen/
[3]…. und der nach zwei Jahren dann seinen siebzehnten Geburtstag feiert… ;-)
[4] zur Geschichte Syriens bietet der Artikel in der Wiki einen ausführlichen Überblick: http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Syriens
[5] So schildert der Reisende Robert Byron seinen ersten Eindruck von Damaskus, einer der Stationen seines „…Weg[es] nach Oxiana“ (Die Andere Bibliothek, Extradruck, 2014). Der Tagebucheintrag Byrons stammt vom 12. September 1933. Auch wenn die folgende Geschichte einige Jahrzehnte später spielt, dürfte sie der Stimmung in dem Viertel, in dem unser jugendlicher Held aufwächst, noch entsprechen….

Rafik Schami:
Eine Hand voller Sterne
Originalausgabe: Beltz, 1987
diese Ausgabe (mit Leseprobe): Süddeutsche Zeitung: Junge Bibliothek Bd. 15, HC, ca. 185 S., 2005

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12 Responses to “Rafik Schami: Eine Hand voller Sterne”

  1. Meine Buchtipps Says:

    das buch begegnet mir momentan überall :)
    lg petra

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  2. Tintenelfe Says:

    Rafik Schami ist einer meiner liebsten Autoren und so freue ich mich, wenn ich ein Buch von ihm auf einem Blog entdecke. Danke für die schöne Rezension eines wunderbar erzählten Buches. :-)

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    • flattersatz Says:

      aber gerne doch. ich bewundere diese autoren, die geschichten so erzählen können, daß man einfach mit hinein gezogen wird und das buch nicht aus der hand legen möchte…. schami ist einer von ihnen!

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  3. Wundervoll auch seine Geschichte über die Deutschen und ihre Vorliebe für Nudelsalat. :-)

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  4. skaldenmet Says:

    Ich habe zuletzt eine Sammlung von Kurzgeschichten von Schami verschenkt – und vorher selbst kurz reingelesen. Wunderschöne Erzählweise. Jenes Buch war aber eher leicht, es enthielt viele Anekdoten aus seiner Kindheit, ich bin gespannt, etwas Ernsteres von ihm zu lesen.

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  5. Lieber Flattersatz,
    da habe ich mich sehr gefreut, als ich sah, dass Du dieses so anrührende Buch von Rafik Schami besprochen hast. Diesen Autor habe ich erst vor ein paar Jahren für mich entdeckt (weil ich immer gedacht habe, Märchen sind nix für mich und er ja lange auf den Märchenerzähler reduziert wurde) – und dann war ich so fasziniert, sowohl von der fremden Welt, aber vor allem von Schmaus Erzählst, der einen so schenll hineinzieht in seine Geschichten, dass ich dann innerhalb recht kurzer Zeit alles von ihm gelesen habe, was ich bekommen konnte. Dabei habe ich übrigens über Syrien – und nicht nur über Syrien – mehr gelernt, als aus irgendwelchen Sachbüchern oder Fernsehreportagen. Ja, und nun frage ich mich seit diesem Syrienkrieg, wie wohl Schmaus Haltung dazu ist und ob er sich dazu äussee. Ich habe bisher noch nichts mitbekommen, aber vielleicht bin ich auch einfach nicht auf dem Laufenden. Jedenfalls muss ich immer an meine Bilder von Damaskus denken, die Schami mit seinen Büchern da hinein gepflanzt hat, wenn ich diese schrecklichen Bilder der Zerstörungswut von Damaskus, Homs, Aleppo und anderswo in den Medien sehen muss. Übrigens gibt es derzeit, so zumindest mein Eindruck, immer weniger Syrien-Berichterstattung in den Medien, Hoeneß oder ähnlicher Quark schient da wichtiger zu sein.
    Liebe Grüße, Kai

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    • flattersatz Says:

      …. aber was ist schon hoeness gegen das ende von „wetten daß“? man muss eben prioritäten setzen!

      du hast völlig recht, wenn man die bilder sieht von den zerstörungen in diesen alten, ehrwürdigen städten (aber das sind exponierte beispiele, das zerbomben von namenlosen dörfern ist für die menschen genauso schlimm…), kommen einem die tränen…

      … und märchen, tja, wir als erwachsene bilden uns oft ein, über märchen zu stehen, aber in märchen drückt sich, wenn man versucht, tiefer in die sie einzudringen, so vieles aus… und schamis geschichten sind ja keine märchen, es sind geschichten, die so, wie er sie erzählt, möglich sind…. und auch diese geschichten transportieren unter der oberfläche vieles unbewusst mit: mentalitäten, ansichten, weisheiten, auch ängste….

      danke für deinen ausführlichen kommentar!
      fs

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  6. […] von aus.gelesen hat uns mit “Eine Hand voller Sterne” von Rafik Schami eine Geschichte aus dem Orient vorgestellt. Flattersatz hat […]

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