(Jochen Raiß/Gabriele Sabolewski): Frauen auf Bäumen

19. April 2017

Da hängen sie an Ästen, quetschen sich in Gabelungen, hocken wie die Äffchen auf Stümpfen: Frauen auf Bäumen. Es klingt ein wenig so wie ‚Essen auf Rädern‘, aber während letzteres ja sehr sinnvoll und hilfreich ist, zeigt dieses Büchlein, in dem Frauen in einem hin und wieder deutlich erkennbar ihnen nicht naturgegebenen Biotop abgelichtet gezeigt werden, auf den ersten Blick eher Skurriles.

Die Bilder in diesem kleinen Büchlein sind erkennbar das Werk von Hobby-Fotografen, aufgenommen in der Zeit zwischen 1920 und 1950, so schätzt der Sammler Jochen Raiß [1], der in seiner Kollektion von auf Flohmärkten erstandenen Amateurfotografien fast einhundert solcher Motive sein Eigen nennt. Nur wenige der Bilder bergen auf ihrer Rückseite Daten und Einzelheiten der Situation, in der die Aufnahme entstand: Raum für die Fantasie des Betrachters.

Mal zu dritt, als Paar oder auch allein, mal in eine enge Astgabel ge’quetscht‘, mal locker auf dem ausladenen Ast sitzend: nicht immer fühlt sich das Model wohl, manch Gesichtsausdruck deutet eher auf Probleme mit der Höhe, der Standfestigkeit auf dem in den Fuß drückenden Ast oder mit der allgemeinen Situation hin. Der Mensch, Lucy und ihre Zeitgenossen mal ausgenommen, aber Lucy stand ja erst ganz am Anfang des Menschentums und das Ganze ist auch schon ein paar Jahre her, aber selbst Lucy [3]…, wie auch immer: zum einen sieht man, daß es nicht ganz ungefährlich ist, sich auf Bäumen zu bewegen (oder auch still zu halten) und mittlerweile ist es in der Tat auch nicht mehr des Erwachsenen (diese Einschränkung mache ich) Sache, Bäume zu besteigen. Selbst die Ernte des Obst im Herbste erfolgt besser über eine standsichere Leiter. Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Ach ja, auf das Glücksempfinden der Fotomodelle. Schaut man sich beispielsweise Bild No 19 an [2b, alle Bildnummern beziehen sich auf diese Galerie], so beschleicht einen eher das Gefühl, hier sei ein Wäschestück in die Astgabel geworfen worden, das hilflose Scharren mit dem Schuhwerk an der keinen Halt bietenden Baumrinde ist wohl schon aufgegeben, Halt bietet nur noch der Kontakt zwischen Bauch und Holz, der das gesamte Gewicht auffangen muss. Warum nur dieses Motiv seinerzeit? Bakku-shan [4]? Galant oder elegant sieht es jedenfalls nicht aus…. im Gegensatz zu Bild 25, das – obwohl auch hier die Miene etwas verkniffen wirkt wohl angesichts des eng umrissenen Kontaktpunktes zwischen Allerwertestem und Baum – sogar eine gewisse Erotik ausstrahlt. Das Coverbild noch, auch hier unter dem Motto: das Schuhwerk, der Klammergriff und die Lockerheit des Objekts während der Belichtungszeit. Aber immerhin lächelt sie, ein wenig gequält und wie mag sie reagiert haben, als sie dann später dann das entwickelte Bild sah? Die Frage bleibt im Raum stehen, unbeantwortbar… Bild 8: hier verschmilzt die Frau fast mit dem Baum… Bild 33: Die Assoziation nach ‚Plumpsklo‘ läßt sich kaum vermeiden, Bild 64: hier sieht es – mal abgesehen von dem Assoziationen hervorrufenden Profil des Baumstammes – doch schon richtig nach Freeclimbing aus… so ließe sich jetzt trefflich über jedes der Bilder ein Satz formulieren, der das manchmal etwas absonderlich Wirkende in Worte fassen würde.

Aber natürlich gibt es auch Bilder von Frauen, die lachen, die sich einen Spaß aus der Situation machen wie ihn der Fotograf (oder die Fotografin?) wohl auch hat. Manchmal sind ganze Gruppen in den Baum gesetzt worden, deren Mitgliederinnen sich dann gegenseitig aufheitern, auch wenn die Perspektive (aber das erkannten die Modelle ja erst im Nachhinein) wie bei Aufnahme 14 etwas unvorteilhaft wirkt. Genug, nur noch die Bilder 2, 9 und 16: hier blitzt Unbeschwertheit durch, Freude an der Situation, Spaß am Leben… und rätselhaft bleibt mir nach wie vor die lachende Frau auf dem Kaktus (nicht in der online – Galerie vorhanden)…

Was, das ist die unwillkürliche Frage, was steckt hinter diesem Motiv der Frau(en) auf Bäumen? Wer ist auf die Idee gekommen, war es die Frau vielleicht selbst? Du, knips mich doch mal, wenn ich da oben sitze und in die Ferne schaue! Warum nicht, warum sich nicht in ein Rollenspiel hinein versetzen als See’frau‘, die auf einem Ausguck sitzt und in die Ferne schaut, als Reiterin, die die mächtige Baumgabelung wie einen Sattel besteigt und mit wild-trutzigem Blick eine Amazone darstellt…. während also der Baumstumpf möglicherweise einfach eine einladende Sitzgelegenheit ohne Hintersinn gewesen war, eignete sich der zu besteigende Baum, der weit ausladende Ast, die mächtige Gabelung des Stammes andererseits als Kulisse für eine Fantasie, für einen Ausbruch aus dem Alltag, durch den man kurzzeitig eine Rolle spielen konnte, die unter Umständen in eben jenem Alltag nicht wahrzunehmen war.

Und was trieb die Fotographen oder auch -innen? Das Bauchgefühl, das durch nichts belegbar ist, suggeriert mir, daß Aufnahmen mit locker agierenden Modellen eher von Frauen geknipst wurden als von Männern… aber wie gesagt, ein Gefühl nur bei mir.

Frauen auf Bäumen abzulichten ist (oder bezogen auf dieses Buch: war) in jedem Fall ein Ausbruch aus dem Alltag, der uns Bäume möglicherweise bestaunen, aber fast nie mehr besteigen läßt. Es war ein Blick von oben auf die Welt, auf diejenigen, die ‚unten‘ mit Bodenhaftung verblieben sind, es war ein Entkommen, eine kleine Freiheit, eine neue Sicht auf die Welt – erkauft mit Unbequemlichkeit und auch mit Gefahr. Es war ungewohnt, man verließ die Komfortzone des Lebens, ‚frau‘ ging auch das Risiko ein, sagen wir: unvorteilhaft zu wirken und dies für alle Zeiten dokumentiert zu bekommen.

Aber ohne diesen ‚Mut zur Lücke‘ oder auch diesen Spaß am Außergewöhnlichen hätten wir heute nicht das Vergnügen, uns mit diesem Büchlein ein paar unterhaltsame Minuten zu gönnen – und dem einen oder anderen Gedanken nachzuhängen…. so wie es die Dame auf dem hinteren Umschlagbild uns bildlich vormacht. In diesem Sinne sei dem (Bilder)Jäger und Sammler Jochen Raiß, aber auch dem Verlag ein Dank für ihr Werk ausgesprochen.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Webseite des Sammlers: http://imperfekt.photography
[2] Ein Interview mit Jochen Raiß und einigen Bildern aus dem Buch: http://blog.fotogloria.de/frauen-auf-baeumen-wie-aus-sammelleidenschaft-ein-buch-wurde/ ,
[2b] ferner betreibt der Sammler diese Webpräsenz mit Bildbeispielen: http://imperfekt.photography/frauen-auf-baeumen
[3] Zeit online: Lucy fiel vom Baum und starb: in: http://www.zeit.de/wissen/2016-08/vormensch-lucy-baumsturz-tod-studie
[4] neugierig geworden, was dem bedeutet? dann hier nachschauen: http://www.urbandictionary.com/define.php?term=bakku-shan
NSFW bzw. nicht jugendfrei ist beispielsweise diese Adaption des Motivs: http://melodramaofmood.com/post/159748237548/luna-in-nature-2017-akif-hakan-celebi

Jochen Raiß/Gabriele Sabolewski
Frauen auf Bäumen
diese Ausgabe
: Hatje Cantz Verlag, HC, ca. 110 S., 2016

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One Response to “(Jochen Raiß/Gabriele Sabolewski): Frauen auf Bäumen”

  1. madameflamusse Says:

    total entzückend :-)

    Gefällt 2 Personen


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