Alexander Gorkow: Die Kinder hören Pink Floyd

Natürlich, Pink Floyd waren Helden, das war ganz einfach so und wird auch immer so bleiben. Für alle, die damals, also in den späten 60er und 70er Jahren des Hörens, des Sehens und des Denkens schon fähig waren, sollte das klar sein. Atom Heart Mother, Dark Side of the Moon, The Wall, den Eingeweihten sind das Konstanten im Leben, auch heute noch nicht vergessen. Aber im Jetzt und Hier spielt Gorkows mit vielen biographischen Elementen gespickter Roman nicht, sondern in den 70er Jahren in Düsseldorf. Es ist eine Geschichte, die der Autor selbst als damals ungefähr Zehnjähriger Junge erzählt, ein Junge, der schüchtern, zurückhaltend war, der stotterte und in der Schule gemobbt wurde. Ihm zur Seite stand eine sechs Jahre ältere Schwester, Contergan-Opfer, mit einer weniger auffallenden, nichtsdestotrotz schwerstwiegenden Schädigung, ihr Herz war deformiert, die Klappen nicht dort, wo der Blutfluss zu regeln war. Die Professoren in der Klinik freute dies ungemein (rein professionell natürlich), so ein Herz gabs auf der Welt nur einmal und sie durften’s untersuchen und behandeln….

Die Schwester also 16jährig, alters- und zeitgemäß im Kampf gegen das Establishment, inspiriert durch die Botschaften der göttergleichen Rockband. Und mit durchaus eigenen pädagogischen Ansichten, wie man mit einem jüngeren Bruder umgehen sollte…. So spielten im Leben des Jungen neben Pink Floyd auch The Sweet und T Rex eine Rolle, Heino, Rainer Barzel („Der Würger“….), Dieter Thomas Heck und auch Gerhard Klarner. An letzteren, ich muss es zugeben, habe ich mich auch nicht mehr erinnern können, erst die Bilder, die ich mir angeschaut habe, gaben Klar(ner)heit. Oh Gott, verzeiht mir diesen üblen Kalauer! Die Familie gut situiert, nicht reich, aber es reichte zum wöchentlichen Besuch beim Jugoslawen im Balkan-Grill und dem Verzehr des dort offerierten Gurman-Platte… Im Übrigen, auch das lernt man aus dem Roman, gab es zu dieser Zeit (na ja, da wird sich nichts dran geändert haben) in ganz Düsseldorf keine Bärentatzen zu kaufen… war das jetzt wichtig? Ne eigentlich nicht, aber es gehört zu einer der vielen schönen Episoden, die Gorkow in diesen wunderbaren Erinnerungsbuch (wohl vor allem auch an seine Schwester…) schildert.

Wer um diese Zeit schon auf der Erde wandelte, wird sich wahrscheinlich wieder erkennen in diesem Zeitcolorit, das Gorkow aufzeichnet. Die abendliche Fernsehrunde bei absoluter Ruhe, weil der Vater, das Haupt der Familie, Nachrichten schaut. Was hat Giscard gesagt? hat das Potential, zur Redewendung zu werden, die linke Hand mit der qualmenden Zigarette hoch über dem Haupt kreisend (überhaupt wird noch sehr viel geraucht zu dieser Zeit) und nach Ruhe heischend versucht der König der Familien dem Weltenlauf nachzufolgen und auf dem neuesten Stand zu bleiben. Mutter dagegen wird im Herbst zur Königin der Quitte, die, zu Gelee und Mus verarbeitet, zum Familieneinkommen beiträgt.

Köstlich die kleine Szene (eine von vielen), in der der Papa vom Büro aus via Telefon und begriffsstutzigem Zehnjährigen versucht, der Mutter eine Botschaft zukommen zu lassen. Denn die ist auf dem Klo, in der Waschküche, im Garten – wer weiß das schon so genau.. der Knabe jedenfalls nicht…. und über allem schwebt Pink Floyd und tief unter dem Rasen, auf dem die Hügel davon zeugen, leben The Sweet, die darauf spezialisiert sind, kleine Jungs, die nackig aus dem Pool über die Wiese laufen, am Penis in den Boden zu ziehen. Ich sagte ja schon, die Schwester hat ihre eigenen Vorstellung davon, wie sie mit ihrem kleinen Bruder umzugehen hat. Dagegen erscheint die These, daß Heino ein Wiedergänger ist, wie der Junge sie im Dauerbrenner des örtlichen Kinos „Die Nacht der reitenden Leichen“ kennengelernt hat, auch heutzutage noch durchaus plausibel. Jedenfalls wird Heino von der Schwester als Nazi klassifiziert, wie ebenfalls Onkel Heinrich, der möglicherweise auch einer ist und damit greift der Roman eine der großen Diskussionen und Reibungsflächen der damaligen Zeit zwischen den Altvorderen und der Jugend auf: wie war eure Rolle damals, als niemand von nichts wusste?

Das Gedankengut war jedenfalls noch weit verbreitet, so scheint es. Nicht nur, daß der Junge von Mitschülern gemobbt wurde und dabei auch eine Menge Schläge einstecken musste, außer daß dem Lehrer/der Lehrerin gegenüber noch Zucht und Ordnung herrschte, barg der Lehrkörper auch noch Mitglieder, denen die körperliche Züchtigung leicht von der Hand ging. Was des Jungen Vater aber sozusagen alttestamentarisch beantwortete, eine Szene, bei der sich innerlich beim Lesen große Genugtuung auftat.

Jetzt, wo ich mich hier an die Buchvorstellung gebe, fallen mir wieder viele dieser kleinen Juwelen an Szenen ein. Wenn der Vater beispielsweise mit der Giftspritze durch den Garten zieht und das Gift so massenhaft verteilt, daß nicht nur das Ungeziefer vernichtet wird, sondern im Ungeziefer noch jeder Gedanke überhaupt, diesen Garten je aufzusuchen. Auf die Mischung kommt es an…. die Nebelschwaden wabern förmlich durch die Seiten und es scheint eine Art Belohnung für den Jungen zu sein, mit dem Vater derart durch den Garten zu pilgern. Doch heuer kann der Junge kann, denn, wie sagt die Mutter: Die Kinder hören Pink Floyd. Und der Vater legt die Platte mit der gehörigen Vorsicht auf den Plattenteller seiner Anlage, immer in Sorge, daß die Anlage Schaden nehmen können an der Musik…. aber irgendwie fasziniert sie ihn doch, diese für den Jungen und seine Schwester so magische Welt, aus der Pink Floyd berichten, eine Musik mit Texten voller Geheimnisse und Andeutungen, ein Kampf der Guten gegen das Böse.

… und dann wäre da noch die explodierende Einbauküche, aber das lest selbst, in dieser wunderschönen, liebevollen Erinnerung Gorkows an seine Schwester, die wohl wichtigste Bezugsperson in seiner Kindheit, die ihn prägte in ihrer Leidenschaft für Gilmour und Co, mit ihrem Kampfbewusstsein gegen das Establishment und vielleicht auch mir ihrer Renitenz gegenüber den Eltern. Ihr widmet der Autor den letzten Satz des Buches.

… und in uns Lesern werden, kennen wir diese Epoche, weil wir schon älter sind, Erinnerungen wach, schöne und nicht so schöne, die uns möglicherweise mit einer gewissen Wehmut erfüllen, aber nicht mit Traurigkeit, denn es wird deutlich, wie reich unser Leben doch ist, wieviel Veränderung wir miterlebt, in dieser Hälfte eines Jahrhunderts möglicherweise sogar mitgestaltet haben.

Alexander Gorkow
Die Kinder hören Pink Floyd
Originalausgabe
diese Ausgabe: Kiepenheuer & Wisch, HC, ca. 184 S., 2021

3 Kommentare zu „Alexander Gorkow: Die Kinder hören Pink Floyd

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