Arno Schmidt: Leviathan

20. Juli 2014

Der „Leviathan“ ist das erste Buch Arno Schmidts. Geschrieben 1946 noch unter den direkten Eindrücken des Krieges, wurde es im Herbst 1949 publiziert. Zusammen mit der Titelerzählung umfasste das Buch mit Enthymesis oder W.I.E.H. und Gadir [3] noch zwei andere Erzählungen. Der „Leviathan“ wurde ein Jahr darauf ausgezeichnet wurde mit dem „Großen Akademie-Preis für Literatur“ der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur geehrt. Diese Auszeichnung war ein Glück für die deutsche Literaturlandschaft, der damit verbundene Geldpreis ermöglichte es Schmidt, der sich die ersten Jahre nach dem Krieg zusammen mit seiner Frau im wahrsten Sinne des Wortes von den Früchten des Waldes (selbstgesammelte Beeren und Pilze etc) ernährte, zu überleben und weiter zu schreiben. So ist auch die Widmung des Buches auf seine in den USA lebende Schwester geschrieben, „ohne deren nimmer fehlende Hilfe ich längst verhungert wäre.“ [2]

Arno Schmidt auf dem Cover "Der Spiegel" 20/1959

Arno Schmidt auf dem Cover „Der Spiegel“ 20/1959

Aus [2] ist auch der militärische „Lebenslauf“ Schmidts ersichtlich, die „unfreiwilligen Reisen alla tedesca„: Schreibstube im Elsaß und Norwegen, Februar 1945 der freiwillige Fronteinsatz mit dem Hintergedanken, als Frontkämpfer, die als einzige noch Heimaturlaub erhielten, der Frau bei der Flucht helfen zu können. Für März ´45 hatte der Unteroffizier Schmidt einen Marschbefehl nach Ratzeburg auf einen Vermesssungslehrgang ….. 1943 schon war der jüngere Bruder vor Smolensk gefallen. Der Vollständigkeit halber: im April ´45 geriet er bei Brüssel in englische Kriegsgefangenschaft, Anfang ´46 wurde er entlassen und in Fallingbostel als Dolmetscher eingesetzt. Diese  wenigen Daten sind insofern interessant, als daß sich einige davon als autobiographische Elemente im „Leviathan“ wiederfinden.


Der „Leviathan – oder die beste der Welten“ ist ein kurzer Text. Er wird eingeleitet durch den Brief eines britischen/amerikanischen (?) Besatzungssoldaten vom Mai ´45 aus Berlin an seine Frau/Freundin: „The town is fearfully smashed, rather like a bad dream; well: They asked for it and they got it.“ Eine falsche Fährte, die der Autor auch mit der wenige Zeilen später erwähnten Ortsangabe „Kreuzberg „auslegt, denn die Handlung ist keineswegs in Berlin, sondern in Schlesien (nach Angaben aus der Wiki in Lauban [3], wofür die erwähnte Queisbadeanstalt spricht) verortet. Hauptperson ist der Ich-Erzähler, ein Unteroffizier, der mit einem Marschbefehl nach Ratzeburg ausgestattet ist. Dieser kennt die Stadt, die unter schwerem russischen Beschuss liegt, wohl näher. Sein Stahlhelm hat ihn vor einem Querschläger geschützt, er befindet sich am Bahnhof und ihm kommt die Vermutung/Hoffnung, es müßten doch eigentlich noch Loks aufzutreiben sein.

Dies ist in der Tat so, auch Männer, die die Lok fahren können, sind auf dem Gelände und es sammelt sich eine sehr heterogene Gruppe von Menschen in den Waggons, in der Hoffnung auf Flucht. Und in der Tat gelingt es ihnen, den kleinen Zug, an dessen Ende sich ein „Schwellenreisser“ befindet, in Bewegung zu setzen.

Es ist Februar, ein eisiger Wind herrscht, Schnee fällt. Die Fliehenden haben nichts zu essen und zu trinken. Ein Mädchen (übelster Näherinnen-Typ), weitere Schulmädchen und Alte, eine Greisin vom Lande, zwei Soldaten, einer davon verletzt, ein Pfarrer mit Familie (und sieben Kindern), drei alte Männer, einer davon in Postuniform, zwei junge HJler mit stolzen Panzerfäusten und Anne Wolf mit ihrer Mutter. Anne Wolf, die der Erzähler schon in Jugendjahre anhimmelte, stumm und sprachlos seinerzeit….

Die Kohle, die sie mühsam bebunkert haben, ist schlecht, feucht und nass, der Dampfdruck im Kessel oft zu gering, die Fahrt stockend, sie bleiben oft stehen, kommen nicht weit. Geraten unter russisches Feuer, werden getroffen, Verletzte, Tote unter ihnen. Dann kommen die russischen Tanks selbst unter Beschuss und ziehen sich wieder zurück…

Unbegrenzt, aber nicht unendlich

Beim Stop steigen alle zum Pinkeln aus, damit danach die Tür geschlossen gehalten werden kann, eine lausige Kälte. Der Postbeamte fragt den himmelschauenden Erzähler, ob auch er ein Sternenfreund sei und erwähnt die Unendlichkeit des ganzen… Unbegrenzt, aber nicht unendlich Zum Erklären aufgefordert, bekanntes Problem des Drei- im Vierdimensionalen, heruntergebrochen und plausibel gemacht durch die Kugeloberfläche und das Erleben flacher Dreiecke auf ihr. Der Pfarrer mischt sich ein „Gott ist unendlich„, wird des Irrtum gezeiht und auf den Dämonen verwiesen, den es gab von wesentlich grausamen, teuflischem Charakter.

Monologartig entwickelt sich im Stop-and-Go des Zuges der Erklärungsversuch zum Kosmologischen einerseits (der unbegrenzte aber endliche Kosmos, und dessen Pulsieren), der immer wieder unterbrochen wird durch das Reale, den Krieg, das Elend, das Böse, das alles verschlingen will. Alles sei der Plan des Führers, er locke die Feinde ins Land, um sie dort um so gnadenloser mit seinen Geheimwaffen (Goebbels hat ja wörtlich gesagt: als ich die Wirkung der Waffen sah, stand mir das Herz still“) zu vernichten. Wie die Scheiben brennender Irrenhäuser leuchten die Augen der HJler mit ihren Panzerfäusten… ein paar Jahrhunderte noch, dann, so die begründete Hoffnung des Erzählers, sei die Menschheit von sich selbst vernichtet, habe der Dämon alles verschlungen. Wir sind ein Teil von ihm. ….

Es gibt keinen Gott, sondern nur das Böse, den Dämonen, er west in universaler Zerteilung, sein Wesen zu begreifen, bedeutet sich umzusehen in uns und um uns herum, nur geistige Schwyzer könnten die Welt als schön empfinden. Fressen und Geilheit. Wuchern und Ersticken. Der Irrationalität wird immer wieder die naturwissenschaftliche Rationalität des Kosmos entgegengehalten, der keinen Platz hat für den jahrhunderte alten geistigen Terror der Kirche mit ihrer erkenntnistheoretisch wertlosen Christenfibel.

So uneinheitlich die Menschen im Waggon, so unheitlich die Ansichten. Ballt der Alte voller Wut die Fäuste gegen die HJler und schreit sie an, die noch diese Uniform tragen: „Ihr Lumpen, ihr Lumpen“, so verkünde Deutschlands Zukunft, es wären wohl noch zuwenige ins KZ gekommen…. Der Leviathan, ein Todesmarsch durch Pirna mit Judenfrauen und ihren Kindern, alle fürchterlich abgezehrt, mit unirdisch großen dunklen Augen, daneben fluchende, rotbackige, berittene SS-Henker…, der Blutsumpf von 20 Millionen teuflisch Geschlachteten…. Schnee in die Flüsse und Bäche zu schaufeln, daß sie aufschwellen und die Feinde festhalten….. Der Leviathan: Wir sind ja ein Teil von ihm…

In dieses Chaos von Hunger, Kälte, feindlichem Beschuss und „innerer“ Feindschaft webt Schmidt eine zarte Liebesgeschichte ein, die des Protagonisten mit Anne Wolf, der Jugendliebe, die er damals nur stumm bewundert. Verheiratet ist sie, dies war ihrer Bemerkung der Mutter gegenüber zu entnehmen, sie wolle sich am liebsten scheiden lassen. Er hilft ihr beim Aus- und Einsteigen in den Waggon, in einem unruhigen Schlummer, in den er fällt, träumt er von ihr und ruft ihren Namen…. „Passiert Ihnen das übrigens öfter : von mir zu träumen-?“ Ich zögerte gar nicht, ich sagte verbindlich : „Ja.“ Sie warf anerkennden den Kopf und meinte übe die Schulter : „Etwas anders sind Sie doch geworden. Früher haben Sie bloß Augen wie Spiegeleier gemacht – na schön“. Sie bummelte wieder zu ihrer Mutter hinab. Das kranke Kind starb gerade; Och orro orro ollalu.“

Schwellenreisser (Schienenwolf) im Militärmuseum Belgrad Bildquelle: [B]

Schwellenreisser (Schienenwolf), wie er in der Erzählung eine Rolle spielt.
Bildquelle: [B]

Das Chaos des Fluchtversuchs, des Versuchs, zu entkommen. Schnee wird gefressen, der Wind pfeift so wie die Kugeln, der Dampfdruck reicht nicht oder doch, aber nicht für lange. Man steht wieder, Vierlingsflak. „Hinlegen!“ Beschuss, Treffer, Blutlachen… der Schwellenreißer, vorher mühsam blockiert, lockert sich wieder (durch einen Treffer?) und reißt … und reißt ….. und reißt……. und reißt…… bis man steht. Nach hinten die Schienen gefressen. Nach vorne vor dem Abgrund.

Wir (Anne und ich. Wir.)

Zum Schluss stehen sie auf dem einzigen noch übriggebliebenen Brückensegment der Neißeüberquerung, die geworfenen Steine hört man nicht fallen noch landen….

Wir werden in die grobrote bereifte Tür treten. … Sie wird das Kinn vorschieben und bengelhaft den Mund spitzen, die Hüften zum Schwung heben. Starr werde ich den Arm um sie legen.
Da schlenkere ich das Heft voran : flieg. Fetzen


Schmidts „Leviathan“ – natürlich, noch unter den frischen Eindrücken des Krieges eine fulminante Abrechnung mit einer verlogenen Kirche, einem sinnlosen Gottesglauben (der sich nicht aufs Christliche beschränkt) und der Personifizierung des Bösen in der Figur des Leviathan, der in uns allen ist und sich im Krieg und in der Person des Einen besonders manifestierte. Dem gegenüber gestellt die Welt des Rationalen, die in der Lage ist, den Kosmos zu erklären: unbegrenzt, aber nicht unendlich. – vielleicht die Kernaussage des Textes, sie gilt auch für den Leviathan: unbegrenzt in seiner Schlechtigkeit, ist er doch nicht unendlich, sondern endlich und damit besiegbar, beendbar. Eine Hoffnung?

Eine Hoffnung : ?, wie sie diese Gruppe von Menschen antreibt, die eine Lok in Gang setzen auf einem Schienenstrang, der mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zerstört ist, die einen Schwellenreisser mit sich führen, der sowohl den Rückweg abschneidet, als auch das Vorankommen verunmöglicht….  innerlich zerrissen zwischen Desillusionierung und immer-noch-Fanatismus und blindem Glauben. Zum Schluss bleibt nur noch – der Tod? Kein Weg mehr zurück, keiner nach vorne, nur noch die Tiefe: Da schlenkere ich das Heft voran : flieg. Fetzen


Fragen bleiben: Läßt Schmidt seinen Ich-Erzähler sterben durch diesen vermeintlichen Sprung dem voranfliegendem Heft nach? Wer erzählt dann die Geschichte? Welches Heft? Ein Notizheft, in dem der Erzähler die Geschehnisse festhielt? Taucht in der Geschichte nicht auf und dürfte den winterkalten Fluss auch kaum überlebt haben, um gefunden zu werden. Andererseits: der letzte Abschnitt der Erzählung : Ende ist im Futur I geschrieben, läßt also anderes prinzipiell zu….

Und welche Bedeutung kommt den einführenden Brief des Besatzungssoldaten zu? Zu zeigen, der Leviathan, DIESER Leviathan ist tot : er war endlich, seine Insignien zu Souveniren geworden?


Leviathan: ein sehr intensives Stück Literatur, das man nicht einfach nur herunterliest. Es brennt sich ein, auch wegen der Schmidt´schen Eigenheiten, die sich hier schon andeuten: die besondere und Konventionen : Grenzen verletzende Orthographie und Zeichensetzung, das Einflechten von Zeitdokumenten in den Text, womit er Authentizität erzeugt und die gesamte Sprache, die die Erzählung durchzieht, in der die Wut, der Zorn des Schreibers zu spüren ist….

Links und Anmerkungen:

[1] Als Einführung zur Person des und in das Werk des Arno Schmidt:
Peer Schaefer: Arno Schmidt – eine kleine Einführung in Werk, Person und Umfeld; http://www.wolldingwacht.de/as/einf.html
auch interessant: Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser: http://www.gasl.org/wordpress/
[2] Arno Schmidt Stiftung, Bargveld, Biogramm Arno Schmidts, http://www.arno-schmidt-stiftung.de/Leben/Biogramm.html
[3] Wiki-Beitrag zur Erzählung: http://de.wikipedia.org/wiki/Leviathan_(Arno_Schmidt)

eine (fast) zeitgenössische Kritik und Besprechung von A. Schmidt aus 1952: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-21318152.html

[B]ildquellen:
– Schwellenreisser: aus Wiki-Artikel [3]; By © 2005 by Nikola Smolenski. (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC-BY-SA-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/1.0)%5D, via Wikimedia Commons
– Spiegel-Cover: Screenshot, Stand Juli 2014

Arno Schmidt
Leviathan
oder
die beste der Welten
Originalausgabe: Gadir oder Erkenne Dich selbst • Leviathan oder Die beste der Welten • Enthymesis oder W.I.E.H.Hamburg, Stuttgart, Berlin, Baden-Baden: Rowohlt, 1949. 116 Seiten.
diese Ausgabe: Geschichten aus Deutschland, Romane und Erzählungen in 2 Bänden, Suhrkamp-Verlag 2007 (diese Erzählung in Band 1: 103 – 125)

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4 Responses to “Arno Schmidt: Leviathan”

  1. lenariess Says:

    Gut zu hören, daß der Leviathan noch gelesen wird. Das erste Buch, das ich von AS gelesen habe.

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    • flattersatz Says:

      ich habe ja diese gesamtausgabe der erzählungen, da schau ich immer mal wieder rein. am leviathan bin ich dann hängen geblieben, weil er interessant war (und auch kurz…)
      danke für deinen kommentar!

      minuten später: zufall? bin gerade mit diesen paar worten fertig und finde diese stelle im netz:

      „Wie beurteilen Sie das Werk von Arno Schmidt? Paul Iseking, Ulm

      Marcel Reich-Ranicki: Arno Schmidt ist ein Spezialist, der sich vor allem auch an Spezialisten wendet. Anfängern empfehle ich „Die Gelehrtenrepublik“ aus dem Jahr 1957.“

      … dann schau ich doch mal.. gelehrtenrepublik…. ok. :-)

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      • lenariess Says:

        Mmh, Ranicki hat AS einen gewissen Respekt gezollt, aber wirklich gemocht hat er ihn nicht. Meine Empfehlung „Seelandschaft mit Pocahontas“ (meine Lieblingserzählung, gibt’s auch ein sehr schönes Hörspiel) und das Steinerne Herz (mein Lieblingsroman). Die Gelehrtenrepublik ist aber auch eine Empfehlung wert.

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        • flattersatz Says:

          die seelandschaft habe ich hier bei mir auch schon vorgestellt, war tatsächlich das erste schmidt-stück für mich… die „gelehrtenrepublik“ gestern abend.. das war halt nur so bemerkenswert, daß ich deinen kommentar schloß und der nächste link, der mir unterkam, war dies MRR-Link….. keine ahnung, warum, wieso….

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