Anne Cuneo: Eine Messerspitze Blau

Zu diesem Titel der mir bis dahin unbekannten schweizerischen Autorin Anne Cuneo (1936 – 2015) bin ich durch einen Zufall gekommen: in dem hier im Blog von mir kürzlich vorgestellten Erzählband Geburtstag (Rafik Schami (Hrsg): https://radiergummi.wordpress.com/2018/05/21/rafik-schami-hrsg-geburtstag/) gibt es eine Geschichte, in der eine Frau gerade diesen Titel Eine Messerspitze Blau liest. … und da dachte ich mir, was die kann, kann ich doch auch… ;-)

Anne Cuneo jedenfalls war eine vielseitige Künstlerin. Als Kind italienischer Eltern in Paris geboren, kam sie nach dem Tod des Vaters 1945 (die Familie war 1939, nach Kriegsausbruch wieder nach Italien, nach Mailand, gezogen) in verschiedene Waisenhäuser (interessanterweise wird über das Schicksal ihrer Mutter nichts gesagt, über den Tod des Vaters schreibt Cuneo an einer Stelle im Text: Ich trage jenen Revolverschuss in mir, der meinen Vater bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt hat und mit Endgültigkeit im Angesicht meiner Kindheit explodiert ist.). 1950 ging Cuneo in das französisch sprechende Lausanne, verbrachte später einige Zeit in London, gab nach Abschluss des Studiums Sprachunterricht und arbeitete ab 1973 beim Schweizer Fernsehen. Ihr erstes Buch erschien schon 1967, außer als Autorin arbeitete sie ebenfalls als Journalistin und Filmemacherin (https://de.wikipedia.org/wiki/Anne_Cuneo, aber auch z.B. hier: https://www.limmatverlag.ch/autoren/autor/479-anne-cuneo.html)


Der vorliegende Text Eine Messerspitze Blau ist autobiographisch, er schildert ein sehr einschneidendes Erlebnis im Leben der Autorin: 1978, sie war 42 Jahre alt, wurde bei Anne Cuneo Brustkrebs diagnostiziert. Es war knapp… nachdem die Gynäkologin sie ob ihrer Beschwerden in der rechten Brust (wages Unwohlsein, Anschwellen, dann Schmerzen) damit vertröstete (Machen Sie sich keine Sorgen, es ist nichts), Menschen wären nicht symmetrisch und ihre (i.e. Cuneos) Brüste seinen nun mal ungleich, fiel dem Hausarzt bei der Untersuchung auf, daß sie einen dicken Knoten unter der Achsel hatte und so empfahl er ihr eine Biopsie. Aber wo und von wem? Ich bin total erledigt. Ich bin müde, als ob ich Krebs hätte, so ihre Vorahnung.Eine Autopsie bedeutete auch, daß eventuell die Brust angenommen werden würde, eine Horrorvorstellung für Cuneo. Diese Diagnose erschütterte sowohl ihr Weltbild als auch ihr Selbstverständnis als Frau. Es gab Momente, in denen der Tod ihr lieber gewesen wäre. Schließlich sagte man ihr, daß eine Rekonstruktion der Brust möglich ist, ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Der Biopsiebefund war positiv, die anschließende Mastektomie an der Grenze des Machbaren. Cuneo erwachte aus ihrer Narkose und nichts war mehr so wie vorher. Und die Frage, ob ihr Geliebter sie jetzt noch als Frau, als Geliebte sehen würde, war nicht das geringste ihrer Probleme…


Eine Messerspitze Blau ist ein sehr persönliches Buch, eine Krankengeschichte bzw. eher noch die Geschichte der postoperativen Phase einer Frau nach einer Mastektomie (z.B. hier: https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/krebsarten/brustkrebs/therapie/operation.html). Dieser Bericht ist 1979 erschienen, also ein Jahr nach der Operation, das Schreiben erfolgte noch unter der direkten Nachwirkung der Behandlungen, nach der Operation folgten noch Bestrahlung und Chemotherapie. Ich habe mich gewundert, daß über die bekannte Suchmaschine keine Besprechung dieses Buches zu finden ist (ok, ich habe nicht allzu intensiv gesucht, aber trotzdem), denn der Bericht Cuneos ist sehr intensiv, ist sehr offen, ist sehr umfassend in dem Sinn, daß sie nicht nur ihre persönliche Situation und Befindlichkeit beschreibt, sondern sie diese in einen größeren, politischen Zusammenhang steht. Mithin wäre dieses Buch seinerzeit mehr als eine Besprechung wert gewesen, aber auch wenn man davon absieht, daß das Internet damals gerade erst im Urzustand existierte, passt dieses Fehlen in eine der Feststellungen Cuneos, daß nämlich der Krebs, diese Krankheit, totgeschwiegen wird (wurde), als schuldhaft empfunden wurde, als etwas, wofür der/die Kranke selbst (mit)verantwortlich war. Man wollte über Krebs nichts hören oder lesen (eine „Verschwörung des Schweigens“ nennt sie es an einer Stelle) und daher blieben dieser Aufschrei Cuneos zumindest unkommentiert.

Cuneo schreibt sehr direkt (sie formuliert es selbst als „Schrei“, den sie ausstößt), es ist für sie – und generell – noch lange nicht klar, wie lange sie nach/trotz der Operation noch leben wird, das Risiko, x Jahre (und x ist klein) nach der Operation zu sterben, ist hoch. So fühlt sie sich unter Druck stehend, ihre Botschaft zu formulieren und ihre Gedanken zu Papier zu bringen: An anderen Tagen sage ich mir, daß ich nicht mehr viel Zeit habe, daß ich dieses Buch sehr schnell fertig stellen müsse. …

Es ist eine politische Botschaft in ihrem Text enthalten. Krebs erscheint ihr als Krankheit, die auch durch äußere Umstände verursacht ist, dabei scheut sie sich nicht, hin und wieder Korrelationen als Kausalitäten zu deuten. Die Lieblosigkeit, die sie in ihrer Kindheit und Jugend erfahren hat, die Ausbeutung des Menschen und der Natur durch die Gesellschaft und das kapitalistische Gesellschaftssystem, die Unterdrückung der Frau: all dies Ursachen des Krebses auch des einzelnen Menschen. In diesem Zusammenhang sind ihr zwei Bücher wichtig: Mars von Fritz Zorn (vgl. z.B. hier: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40916988.html) und der 1978 erschiene Essay Susan Sontags: Die Krankheit als Metapher (vgl. z.B. hier: ). [Zorn] sah in seinem [Krebs] das Resultat einer Erziehung ohne Liebe, ohne andere Werte als die der Konventionen, die er nicht akzeptieren konnte. Sein Krebs war im Hals ausgebrochen und er fand das bezeichnend: „Das sind all die Tränen, die ich hinunter geschluckt habe.„. In Sontags Essay spiegelt sich die damals in den USA aufkommende Auffassung, die Erkrankung spiegele die Unfähigkeit des Kranken, Gefühle auszudrücken und auszuleben, und in letzter Konsequenz diese „Unfähigkeit“ sogar Ursache für die Krankheit sein. In dieser Sicht wäre Krebs letztlich selbst verschuldet. (nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Krankheit_als_Metapher), einer Ansicht, der Cuneo teilweise heftig widerspricht: Diese Welt jedoch, die mich ängstlich gemacht und mich in den entscheidenden Jahren des Wachstums hat hungern lassen, diese Welt, die jedes Jahr vierhundert Milliarden Dollar für Rüstung ausgibt, während die Kredite für Spitäler und Forschung gekürzt werden, diese Welt, IHRE [i.e. Sontags] Welt ist dafür verantwortlich. Jede zweite Person erkrankt an Krebs. Jede zweite! … Bis jetzt fühlte ich mich fast schuldig, krank zu sein. Oder an anderer Stelle, nachdem ihr angeraten wurde, die Eierstockzyste (siehe unten) zu operieren: Aber es ist IHRE Krankheit, nicht meine. Genug jetzt mit dieser Verschwörung des Schweigens. Man hat Krebs und schämt sich, wortlos läßt man sich durch die Mühle drehen. Nun, ihr könnt nicht mehr mit mir rechnen! Ich werde mich nicht einfach so operieren lassen. Ich werde sagen, daß Krebs das Resultat einer faulen Gesellschaft ist. Eine von zwei Personen! Die Revolution muss doch stattfinden, sofort!

Cuneo wird durch ihre Erkrankung unmittelbar mit dem Tod konfrontiert, einen Gedanken, der bis dato immer verdrängt worden ist. Der Tod wird ihr Begleiter – aber auch die Angst. Jedes Zucken und Ziepen des (sowieso schmerzgeplagten) Körpers könnte ein Zeichen sein für ein erneutes Ausbrechen des Krebses, für eine Metastase. Und wirklich diagnostiziert der Gynäkologe eine Zyste an einem Eierstock, der durch die Bestrahlung nicht völlig abgetötet worden ist. Die angeratene OP ist ein Graus für sie, wieder soll sie ein Stück ihres Körpers weggeben, fremdbestimmt durch den Arzt. Sie verweigert sich, bricht zusammen, muss psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.


Die Autorin schildert viele der Träume, die sie hat oder auch in der Vergangenheit hatte und die sie jetzt in Bezug auf ihre neue Lebenssituation ausdeutet: Heute bin ich überzeugt, daß damals, auf den Tag genau sechzehn Wochen vor meiner Operation, soeben die Entwicklung meines Krebses eingesetzt hatte (oder einzusetzen im Begriff war), daß mein Unterbewusstsein es wusste [daher der Traum], daß es sich ein Stück dagegen wehrte…. oder diese Bedeutung, die sie in einen weiterer Traum nach der Krebs-OP hineinliest: Jetzt habe ich keine Zeit mehr. Ich muss mich wieder in den Griff bekommen, und dieser Traum drückt aus, wie notwendig das ist. Was von mir übrigbleibt, muss ein GANZES sein. 

Die Aufzeichnungen Cuneos schließen mit einem kämpferischen Statement, mit einem Aufruf. Sie bezieht sich noch einmal auf Max Zorn, der geschrieben hatte: … komme ich nach prüfenden Vergleich zum Schluß, daß es mir, seit ich krank bin, viel besser geht als früher, bevor ich krank wurde. und stimmt dem aus vollem Herzen zu: Ich auch. … Es geht mir viel besser jetzt als während der vierzig Jahre, die ich mit Disziplin, Mühsal, Angst vor dem Tod und Angst vor dem Leben vertrödelt habe.  Wovor soll ich jetzt noch Angst haben? Ich stecke mitten drin in diesem hinterletzten, gottverdammten Dreckloch. Viel weiter in den Dreck reiten könnt ihr mich nicht. Der Tod? Ein Vertrauter. Wir sprechenden uns Tag für Tag. Hunger? Kälte? Strafe? Seht ihr, wie lächerlich das ist? Hier bin ich nicht mehr angreifbar. … Verändern wir die Welt. Und noch eine positive Veränderung merktr Cuneo an sich: sie ist sich ihrer selbst, ihres Körpers bewusster geworden, die Erkenntnis, daß der Tod sozusagen am Bettrand sitzt, hat sie zu der Einsicht gebracht, daß es sinnlos ist, auf die Zukunft zu warten, daß das Leben im Hier und Jetzt stattfindet.


Cuneos Aufzeichnungen unterscheiden sich sehr von den meisten Krebsschicksalen, die man in den letzten Jahren häufiger lesen kann. Sehr viel offensiver bezieht Cuneo die allgemeinen Lebensbedingungen mit in ihr Schicksal ein, wehrt sich [das Buch ist 1979 erschienen] gegen die gesellschaftliche Stigmatisierung, die dem Erkrankten auch noch die Verantwortung für seine Erkrankung aufbürdet, überträgt im Gegenteil den real existierenden gesellschaftlichen Verhältnissen diese Verantwortung und folgert daraus, daß diese sich ändern müssen. Gleichzeitig erkennt sie jedoch auch, daß diese Erkrankung ihr einen neuen Zugang zu sich selbst eröffnet hat: sie ist sich ihrer selbst bewusst geworden, ihrer gesellschaftlichen Rolle und Funktion, sie wurde mit ihrer Sterblichkeit konfrontiert (und ist es zum Zeitpunkt des Verfassens immer noch gewesen), sie nimmt sich anders wahr, sie fühlt sich in der Gesamtheit stärker geworden. Der Krebs war …. eine Bresche für die Zukunft. So gelingt es Cuneo, dieser destruktive Diagnose „Krebs“ etwas Positives abzugewinnen.

Eine Messerspitze Blau ist ein – wenig verwunderlich, auch hinsichtlich der zeitlichen Nähe zur Erkrankung – sehr emotionales Buch. Angst, Zorn, Wut, Empörung sind deutlich zu spüren, Unsicherheit, Ärger über die Fremdbestimmung, zaghafte Hoffnungsfunken, Depressionen, auch das Glücksgefühl, weiterhin geliebt zu werden, gibt es, schließlich so etwas wie Akzeptanz und Anerkennen, daß diese Erkrankung jetzt zum eigenen Ich gehört und das Denken klarer gemacht hat.

Der Bericht fungiert auf zwei Zeitebenen: zum einen schildert er in der Rückschau die Tage direkt um Diagnose und Operation, die andere Zeitschiene ist aktueller (bezogen auf das Schreiben des Textes) und schildert die Situation jeweils (der Bericht ist in drei Abschnitte unterteilt) wenige Monate nach der Operation. Eingeflochten in den Text sind auch Rückblicke auf die Vita der Autorin, die stark durch den Krieg geprägt ist. Es gibt eine Aussage, daß sie (und die anderen Frauen ihrer Generation) in einer Art Zwischenzeit geboren wurden: erzogen noch im „viktorianischen“ Geist waren sie 1968 schon zu alt, und erlebten die Umbrüche dieser Revolte eher am Rande mit. Ein nicht uninteressanter Aspekt ist es für uns heutzutage, diesen Wandel im „Ansehen“ des Krebses von einer Krankheit, für die man selbst Schuld trägt, zu einer normalen, wenn auch tragischen Krankheit, die jeden erwischen kann. Mich jedenfalls hat dieser Bericht (möglicherweise einer der ersten Krankengeschichten dieser Art) ob seiner Emotionalität, seiner Unbedingtheit und seiner kämpferischen Seite sehr beeindruckt, er ist auch heute, nach ziemlich genau vier Jahrzehnten noch sehr lesenswert.

Anne Cuneo überlebte ihre Erkrankung um lange Jahre, in denen sie noch sehr produktiv war.

Mehr Buchbesprechungen von mir im Umkreis von Krankheit, Sterben, Tod und Trauer finden sich hier:
https://radiergummi.wordpress.com/category/krankheitsterbentodtrauer/

Anne Cuneo
Eine Messerspitze Blau
Übersetzt aus dem Französischen von Erich Liebi
Originalausgabe: Une cuillerée de bleu, Vevey, 1979
diese Ausgabe: Ullstein, TB (Reihe: Die Frau in der Gesellschaft), ca. 156 S., 1999
mit einem Nachwort von Susanne Alge

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Über den Tod

Verachte nicht den Tod,
sondern habe dein Wohlgefallen an ihm,
in der Überzeugung,
daß auch er zu den Dingen gehört,
die die Natur will.

(Marc Aurel: Selbstbetrachtungen)


Tod und Liebe, Liebe und Tod: ich denke, man kann mit Fug und Recht behaupten, ein Großteil der Literatur, sei es Prosa oder Lyrik, befasst sich in der einen oder anderen Weise mit diesem beiden Antagonisten des Lebens. Durch die Liebe wird Leben geschaffen und der Tod beendet es, obschon er erst die Voraussetzung schafft, daß neues Leben Platz bekommt auf dieser Welt. Tritt die Liebe in vielfacher Form in Erscheinung, so ist der Tod immer und nur derselbe: aus dem Lebenden, ob Pflanze, Tier oder Mensch, das als Subjekt mit seiner Umgebung wechselwirkte, ist ein Objekt geworden, das nur noch den Gesetzen der Physik und der Chemie unterliegt: es verwest und geht wieder ein in den Kreislauf der Natur. Dem Tod des Menschen wohnt noch ein Zweites inne: er wird von seinen Verwandten, Bekannten und Freunden als Verlust erfahren, als Schmerz, als Wunde im eigenen Sein: Trauer bemächtigt sich seiner. Die unter Umständen Tröstung erfährt im Gedanken und im Glauben daran, daß etwas von dem, was den Menschen über einen biologischen Apparat erhebt, überlebt, vom Körper befreit in eine andere Welt übergeht oder auch wiederkehrt in anderer Form…

Vermengt wird häufig der Tod im Sinne von das ‚Totsein‘ als Zustand mit dem Sterben als Prozess. So flößt der Gedanke tot zu sein, nicht unbedingt jedem Furcht ein, die Vorstellung zu sterben jedoch schon eher, nicht nur die Gefahr eines quälenden Sterbeprozesses (wie ihn beispielsweise Tolstoi im Der Tod es Iwan Iljitsch schildert), auch der Gedanke des Verlusts an allem, was das eigene Leben umfasst, ist Angst erregend. Aber kommen wir jetzt nach diesen Vorbemerkungen meinerseits zur voliegenden Anthologie über den Tod, die hin und wieder eben auch über das Sterben geht.


Die Sammlung der ausgewählten Texte ist chronologisch, fängt mit einem altägyptischen Gedicht an, dem kurze Texte des Predigers Salomo folgen, alles hat seine Zeit. Danach Texte aus griechischer und vor allem römischer Antike, dann ein Sprung ins 13. Jahrhundert zu Dante und Walther von der Vogelweide, Texte von Luther, de Montaigne, Moliere, Voltaire, Lessing und vielen anderen mehr. Die deutsche Romantik mit Hölderlin, Kleist oder Novalis ist vertreten, aber auch allen Poe, Tolstoi, Oscar Wilde, Brecht, Thomas Mann und Hesse. Diese Namen mögen auch für die vielen anderen Autoren, von denen ebenfalls Gedichte, Zitate und Textauszüge wieder gegeben werden, stehen.

Der Tod – also eins der Hauptthemen der Literatur. Von daher könnte eine Anthologie wie diese, die 2003 zum ersten Mal erschienen ist (damals noch mit den Namen der Herausgeber) ‚unendlich‘ umfangreich sein, eine Auswahl war notwendig. Leider enthält das Bändchen weder Vor- noch Nachwort (eingeleitet wird es mit einem recht amüsanten Aufsatz von Urs Widmer), in dem der/die Herausgeber erläutern, unter welchen Prämissen sie ausgewählt haben, was sie verdeutlichen, zeigen, sichtbar machen wollten und warum… So erscheint die Sammlung ein wenig orientierungslos und willkürlich, neben Schopenhauer, Nietzsche, Rilke und anderen tauchen beispielsweise auch Max und Moritz auf, die in des Müllers Mühle zu Hühnerfutter verarbeitet werden. In der Summe aber läßt sich beim aufmerksamen Leser doch etwas erkennen: die in den Zeitläufen wechselnde Einstellung des Menschen zum Tod.

Das oben von mir wiedergegebene Zitat Marc Aurels sei beispielhaft für viele Äußerungen antiker Philosophen, die den Tod als Notwendigkeit des Lebens akzeptierten. Gewöhne dich an den Gedanken, daß der Tod für uns keine Bedeutung hat, schreibt Epikur an einen Freund, denn solange wir leben, ist der Tod nicht anwesend, sobald aber der Tod eintritt, werden wir nicht mehr leben. … oder Seneca: Es ist aber doch ein schönes Ende, allmählich mit der natürlichen Auflösung zu erlöschen.Vor allem aber sollten wir lernen, ohne Traurigkeit an unser Ende zu denken. Wir müssen uns eher für den Tod als für das Leben vorbereiten. … Mit dem Christentum dann kam der Glaube an den Einzug in Paradies, die Wiederauferstehung: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt. … und die Toten werden auferstehen, unverweslich, …. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? (1Kor 15,51f; LUT) Der Tod hier also schon als Gegner, als Feind.

Augustinus berichtet ein paar Jahrhunderte später zum Tod seiner Mutter, daß er sich das Weinen verbot: ... ein krankhaft starker Wille meiner Seele hielt sie [i.e. die Tränen] zurück in meinen Augen, daß sie trocken blieben. Mir aber war gar weh bei diesem Kampf der Seele. …

Kraftvoll und lebensnah dagegen das Gedicht Villons im Angesicht des Galgens: Ihr seht uns hier gehängt, fünf, sechs Gefährten: / und wenn das Fleisch, das wir zu gut genährt, / verfault sein wird, von Elstern ganz verzehrt, / und wir Skelette, Asche, Staub und Bein – / dann haltet uns mehr als des Spottes wert / und bittet Gott, er möge uns verzeihn!

Bei Luther wird der Tod wieder zum Feind, gegen den jeder in eigener Person geharnischt und gerüstet sein muss, um mit ihm zu kämpfen… [dem Sinne nach zitiert] und Angelius Silesius fordert vom Menschen, er solle sich von der Gier frei machen, im Leben schon das loslassen, was er im Tod eh loslassen muss: Stirb, ehe du sterben musst, / meid, ehe du meiden musst! / Ertöt in dir die böse Lust / und alle falschen Freuden! … Unschwer läßt sich aus diesen Zeilen die Leibfeindlichkeit des damaligen Katholizismus herauslesen.

Langsam kommt die Textsammlung in die Zeitalter, in dem nicht nur vor allem die kirchlichen Würdenträger des Schreibens mächtig waren, sondern auch die weltliche Literatur immer stärker anschwoll. Montaigne wird natürlich angeführt, Lichtenberg, Goethe, Claudius, Shakespeare, Mozart… so viele. Die deutsche Romantik mit ihrer Verklärung des Todes, hier ist der Abschiedsbrief Kleists an seine Schwester bemerkenswert, durchaus tröstlich im Stil und unterzeichnet mit: … am Morgen meines Todes. Dein Heinrich. 

Der Tod, bzw. das Sterben als Komödie der Eitelkeit für Nietzsche, der Tod als Zeigefinger schwarzer Pädagogik in Geschichten wie die von Paulinchen und den Zündhölzern oder auch bei Wilhelm Busch mit seinen Max und Moritz, die ihr ungezogenes Verhalten büßen müssen. Das schwere Sterben des Iwan Iljitsch [meine Besprechung des Buches: https://radiergummi.wordpress.com/2013/11/02/leo-tolstoi-der-tod-des-iwan-iljitsch/] bei Tolstoi und der wunderbare Fünzeiler Rilkes: Der Tod ist groß… wenige Beispiele nur für die vielen Textstellen, die die Anthologie bietet.

Über den Tod, um das Gesagte zusammenzufassen, erweckt als Ganzes ein wenig den Eindruck der Beliebigkeit, da eine Richtschnur der Herausgeber über ihre Motive zur Auswahl der Texte vermisst wird. Ungeachtet dessen enthält die Sammlung eine Vielzahl meist kürzerer Zitate, Textauszüge und Gedichte, die lesenwert, bedenkenswert sind. Da man eine solche Zusammenstellung normalerweise nicht wie einen Roman vorne beginnend und auf der letzten Seite endend liest, hat dies Buch trotz dieses als Mangel empfundenen Fehlens eines übergreifenden Auswahlmotivs seinen Wert, um in ruhigen (oder weniger ruhigen) Stunden einen Anker zum Nachdenken, zum Sinnieren zu finden.


Über den Tod

Poetische und philosophische Texte
Erstausgabe: Diogenes, 2003
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 208 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Dan Marshall: Meine scheißkranke Familie

Nachdem ich meinen eigener Lesekreis an altersbedingtem Teilnehmerausscheiden schliessen musste, bin ich Mitglied in einem anderen Lesekreis geworden. Dort, so habe ich seinerzeit zu meinem Erstaunen gehört, werden keine Biographien gelesen, was ich damals nicht so richtig verstand. Nachdem ich jedoch dieses Buch von Dan Marshall, das ja eine verdammt wahre Geschichte erzählt, gelesen habe, habe ich mehr Verständnis für diese Einschränkung meines Lesekreises gefunden.

Denn bei einem Roman kann ich die Figuren interpretieren, ich kann mir überlegen, was der Autor mir mit seinen Worten sagen will, ich kann Symbole, Metaphern, Bilder suchen und deuten – in einer Biographie oder einer solchen Familiengeschichte, wie sie Dan Marshall erzählt, ist nichts zu interpretieren, gibt es keine Figuren, keine Symbole, es gibt nur das Faktische, das man nehmen muss, wie es dargeboten wird.


Die Marshalls sind eine siebenköpfige Familie in Salt Lake City, Nichtmormonen unter Mormonen. Sie sind finanziell abgesichert, der Vater Rob Marshall besitzt mit einem Freund zusammen Zeitungen, mit denen er gutes Geld verdient. Auf andere Art und Weise sind die Marshalls jedoch geprüft worden: die Mutter Debi erkrankte, als die Kinder noch klein waren, an Non-Hodgkin-Lymphom, als wahre Kämpfernatur unterzog sie sich im Lauf der Jahre vielen Chemotherapien, die den Krebs weitgehend in Schach halten.

Der Vater Rob ist ein sportlicher Typ, ein Marathonläufer. Sein großes Ziel war die Qualifikation für den Boston-Marathon, die er auch schaffte. Rätselhafter Muskelbeschwerden wegen ging er zum Arzt, der ihn zum Neurologen weiterschickte, die vernichtende, durch eine zweite Meiung bestätigte, Diagnose war ALS, diese unweigerlich zum Tode führende Krankheit, die durch den kürzlich verstorbenen Stephen Hawkings bekannt geworden war.

Der Autor des Buches, Daniel Marshall, lebte zu dieser Zeit in Los Angeles, er hatte einen guten Job, eine Freundin, die er liebte und ein von Sorgen freies Leben, das er in vollen Zügen genoss – und aus dem ihn der Anruf der Mutter, mit dem sie ihn über die ALS-Diagnose informierte, herauszuholen drohte. Drohte, denn eine ganze Zeit lang weigerte er sich einfach, den Ernst der Lage zur Kenntnis zu nehmen, zu akzeptieren, daß er als Sohn in der Pflicht war bzw. in die Pflicht genommen wurde. Letztlich konnte er sich aber nicht weigern, die anderen Geschwister waren schon ins Elternhaus zurückgekehrt und auch ‚Drecksack Dan‘ bat bei seinem Chef um unbezahlten Urlaub, wechselte bei seiner Freundin auf Fernbeziehung und zog zurück nach Salt Lake City.

Meine scheißkranke Familie erzählt aus dieser Konstellation heraus die Geschiche der Marshalls über die nächsten anderthalb Jahre hinweg. Der Krankheitsverlauf bei Bob ist schnell fortschreitend, die Pflegebedürftigkeit nimmt rasch zu, bis er letztlich rund um die Uhr betreut werden muss: er kann sich kaum noch bewegen, nicht mehr essen (schlucken), kann praktisch nicht mehr sprechen, seine Ausscheidungen nicht mehr kontrollieren, das Atemvermögen nimmt stark ab…. damit wird die Beanspruchung der Familie, die trotz mittlerweile engagierter Hilfe, den größten Teil der Pflege übernimmt, immer größer, die Überforderung immer offensichtlicher. Schließlich teilt Bob seiner Familie seinen definitiven Wunsch  mit, daß die künstliche Beatmung eingestellt werden soll und er sterben darf. So schrecklich die Vorstellung des Todes des Vaters für die Kinder auch ist, mischt sich doch das (ein schlechtes Gewissen verursachende) Gefühl mit ein, daß der Tod des Vaters auch Entlastung bedeuten würde und die Möglichkeit, wieder ein eigenes Leben zu führen. Am 22. September 2008 wurde ihm sein Wunsch erfüllt [http://www.legacy.com/obituaries/saltlaketribune/obituary.aspx?n=robert-wendell-marshall&pid=117845193].


Mir ist es schwer gefallen, dieses Buch zu lesen. Wenn man gerade ein so bewegendes Lebenszeugnis wie die Briefe von Daniela Berg nach dem Tod ihrer Tochter gelesen hat, wenn der neue Roman von Jesmyn Ward auf einen wartet, fällt es schwer, sich dieser Familiengeschichte, in der ein in der Pubertät irgendwo hängengebliebener Mittzwanziger das zugegeben sehr schwere Schicksal seiner Familie schildert.

Ob eine Familie funktioniert, stellt sich am schnellsten in einer Krisensituation heraus. Den Marshalls geht es finanziell gut, die Erkrankung des Vaters an ALS mit seiner infausten Prognose wirft jedoch das gesamte Familiengefüge durcheinander, den Kinder und der Mutter gelingt es auch nicht mehr, den neuen Alltag auf einen halbwegs funktionierenden Zustand einzupegeln. Zu allem Überfluß muss sich die Mutter in dieser Zeit erneut einer harten Chemo unterziehen, die sich sehr anstrengt und nach deren Beendigung sie sich an hohe Dosen Fentanyl gewohnt hat.

Obwohl sich die Familie professionelle Pflege wohl hätte leisten können, nimmt sie sich selbst in die Pflicht – und erweist sich sehr schnell als überfordert. Das Haus verwahrlost völlig (Dan war mit dem Auswechseln einer Glühbirne schon völlig überfordert), der Alkoholkonsum nicht nur von Dan nimmt zu, die jüngere Schwester Jessica wird von den Brüdern Dan und Greg häufig volltrunken aufgelesen und ins Bett getragen; den Schulbesuch hat sie de facto eingestellt.

Die Pflege des Vaters ist anstrengend und anspruchsvoll, Begriffe wie Intimsphäre, Schamgefühl und Peinlichkeit spielen keine Rolle mehr, wenn es um den Ausfall der Funktion der Ausscheidungsorgane geht. Die beiden Brüder teilen sich in diese Arbeit („Daddydienst“), es ist eine 24/7-Pflege, da auch das Beamtungsgerät rund um die Uhr in Auge behalten werden muss.

So aufopferungsvoll dieser Teil der Pflege und Betreuung auch erledigt wird, ist anderes nicht nachzuvollziehen. Einige wenige Beispiele: Die Einführung der Betreuer in die Funktion des Beatmungsgerätes nach der Tracheotomie dauert in der Reha normalerweise eine Woche, Dan und Greg werden nach knapp sechs Wochen von den Ärzten mit ungutem Gefühl nach Hause entlassen. Sie fuhren halt lieber auf den Fluren mit Rollstühlen Wettrennen… man muss sich einfach nur mal in die Situation des Vater versetzen, der dies ja alles mitbekam. Oder dies: Ein Ausflug soll mit dem Vater unternommen werden. Er wird mit Mühe in den Van gehievt, man fährt los, kommt am Parkplatz an und muss feststellen, daß der Akku vom Beatmungsgerät fast leer ist… also schnellstens wieder zurück… zwei Beispiele, die leicht erweitert werden können und zeigen, daß insbesondere Dan, der als ältester Sohn sozusagen die erste Geige spielte, überfordert war.

Dan Marshall – ich gebe es zu – ist mir mit seiner kacke-, piss- und furzorientierten Sprache, mit der seinen Gegenüber häufig einfach nur verletzen will (ich habe seine Info, daß er im Hauptfach Psychologie belegt hatte, zweimal nachgelesen, weil ich es nicht glauben wollte), schlicht und ergreifend unsympathisch. Trotzdem tut er, der einer etwas skurrilen Logik folgen muss, mir auch leid. Skurrile Logik, damit meine ich folgendes: seine Familie erinnert ihn daran, daß er gut aufgewachsen ist, studieren konnte und damit die Chance auf eine berufliche Karriere hat, daß er jetzt an der sonnigen Pazifikküste mit seiner Abby das Leben genießen könne. Und nun erwartet sie, daß er aus Dankbarkeit für diese Möglichkeiten genau dies alles in die Tonne tritt: er seinen Job aufgibt, wieder ins ungeliebte Salt Lake City kommt, er seine Beziehung zu Abby aufs Spiel setzt und mithilft, den Vater zu pflegen. Wobei die Rückkehr ins Elternhaus nicht nur bedeutet, daß er die Poleposition bei der Pflege des Vaters einnehmen muss, sondern er auch für seine jüngeren Schwestern Verantwortung übernehmen muss (was zumindest bei Jessica gründlich schief geht) und die Mutter erst mit ihrer Chemo und später dann mit Fentanyl ist auch nicht gerade eine Hilfe. Und natürlich, was absehbar war, trennt sich Abby nach einiger Zeit von ihm, eine Fernbeziehung unter diesen Randbedingungen hatte sie nicht durchgehalten. Zu der Überforderung durch die Pflege kam also noch eine Fülle eigener Verluste, die zu verkraften waren bzw., die, da genau dies nicht wirklich gelang, in Depression, Alkohol und Burn-out führte.

So konnte ich mich bei der gesamten Lektüre des Buches nicht entscheiden, ob ich es als Krankengeschichte des Vaters lesen sollte oder als Versuch des Autoren, seinen Part und sein Schicksal darin zu schildern, lesen sollte. Man muss ihm dabei zubilligen, daß er ehrlich ist, auch und gerade die negativen Aspekte nicht verschweigt. Sein stetig steigender Alkoholkonsum beispielweise, sein immerwährendes Schielen auf Aussenwirkung, daß sich selber auf die Schulterklopfen, wie toll es doch ist, daß er dies alles macht…. Gerade die Aussenwirkung scheint wichtig zu sein für Dan, noch bei seinen Überlegungen für die Abschiedsrede bei der Bestattung sinniert er darüber, ob er sie so anlegen soll, daß die Leute weinen oder sollte er doch eher etwas Unsinniges sagen oder etwas so Braves, als würde er sich um das Amt des Schulsprechers bewerben. Immer sucht er nach einer Rolle, die er spielen könnte, dabei ist er doch der Sohn, eigentlich sollte das reichen. Ach ja, und als Symbol sieht er sich letztlich auch noch: … das Spiegelbild einer ziellosen und verwöhnten Generation, die Amerika in eine Abwärtsspirale zog.


Ich habe es angedeutet, bin aber nicht weiter darauf eingegangen, Dan unternimmt auch im Buch jeden Versuch, seinen Spitznamen „Drecksack Dan“ Ehre zu machen. Wer Meine scheisskranke Familie liest, sollte sich darauf gefasst machen, daß häufig die Sprache der Gosse gesprochen wird, daß der Humor, der herrscht, entweder als „schwarz“ oder auch als „geschmacklos“ eingestuft werden kann, auch wenn es durchaus Passagen gibt, in denen sich andeutet, daß Dan auch anders kann, intelligenter, sensibler, reflektierter. Ebenso wenig bin ich auf die anderen Kinder der Marshalls eingegangen, denn Dan war einfach die Hauptperson, die auch die größte Last zu tragen hatte, wenngleich sein Bruder Greg den „Daddydienst“ mit ihm teilte. Aber im Gegensatz zu Dan, der praktisch rund um die Uhr im Einsatz stand, schufen sich (oder hatten) die Geschwister kleine Oasen, in denen sie etwas eigenes, nicht von der Krankheit des Vater und der Mutter dominiertes hatten: Greg arbeitete als Reporter, Chelsea hatte ihre Schule und die Tanzerei, Tiffany, die älteste, lebte nicht im Haus und Jessica… hatte wohl Glück im Unglück…

Womit ich wieder bei meinen Intro wäre: wer bin ich eigentlich, daß ich mir anmaße, über andere Menschen zu urteilen, ihr Verhalten zu bewerten? Aber irgendwie liest sich das Buch, diese verdammt wahre Geschichte, eben doch wie ein Roman…. Bleibt also schlussendlich die Frage, was man aus dieser Familiengeschichte lernen kann. Eine Antwort liegt auf der Hand: die Überforderung meiden, sich nicht selbst körperlich und seelisch in den Ruin treiben oder treiben lassen. Hilfe in Anspruch nehmen, Entlastung suchen, eigene Freiräume behaupten, das eigene Leben nicht völlig vernachlässigen… Was geschehen kann, wenn man das nicht beachtet, nun dafür (und für sonst wohl wenig) kann diese Geschichte ein mahnendes Beispiel sein.

Ein allerletztes Wort zum Buch selbst. Es ist weitgehend chronologisch aufgebaut, in eingeschobenen Rückblenden eröffnet sich ein umfassenderes Bild zum Schicksal der Familie. Literarisch ist die Geschichte solider, lesbarer Durchschnitt, der keine sonderlichen Akzente setzt.

Nun, damit ist von meiner Seite aus alles gesagt, Meine scheisskranke Familie wird bei mir nicht in die Highlights des Lesejahres 2018 aufgenommen werden.

Weiere Links:

Dan Marshall im Interview über sein Buch: https://www.jetzt.de/literatur/buch-ueber-kranke-eltern
Videoporträt von Bob Marshall bei youtube: zum clip –> video

Dan Marshall
Meine scheißkranke Familie
Eine verdammt wahre Geschichte
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Eva Kemper
Originalausgabe: Home is burning, NY, 2015
diese Ausgabe: Atrium, HC, ca. 450 S., 2016

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9Wf

Daniela Berg: Begreifen, was nicht ist

Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andern muß man leben.

Mascha Kalèko

Die Autorin dieses schmalen, gut 140 Seiten umfassenden Büchleins ist studierte Theologin und arbeitet u.a. als Supervisorin für ehrenamtliche Hospizbegleiter und als Trauerrednerin [vgl. hier ihre Webpräsenz: http://www.mediavitae.de]. Diesen fachlichen Hintergrund merkt man diesem Buch an, er tut ihm gut, sehr gut… denn das Thema des Buches ist eins der schwierigsten: bei der 15jährigen Tochter der Autorin, Marlene, wurde im Sommer 2012 ein Nierenkarzinom diagnostiziert, an dem das Mädchen Ende November desselben Jahres starb. Sie lebte die letzten Tage bis zu ihrem Tod zuhause, umhütet von der Familie, der Mutter Daniela, dem Vater Uwe und dem jüngeren Bruder Friedrich. So konnte sie Abschied nehmen von ihren Schulkameraden, von Bekannten und Verwandten und natürlich von ihrer Familie. Wie die Mutter es beschreibt, hat Marlene ihrem Tod weitgehend friedlich und bewusst entgegengesehen, hat den letzten Abschied von Vater und Mutter in eigener Regie vornehmen können. Dieser Abschnitt in Bergs Buch hat mich sehr bewegt…

Ist der Tod eines nahen, geliebten Menschen für jeden Hinterbliebenen ein Einschnitt im Leben, so ist der Tod eines Kindes für die Eltern die Katastrophe schlechthin. Die natürliche Ordnung ist aufgehoben, nichts mehr hat seine Richtigkeit, oder wie Grossman es in seinem Buch (aus dem auch Berg in ihrem Text ebenfalls zitiert) sagt: man fällt aus der Zeit mit diesem Tod [David Grossman:  Aus der Zeit fallen] und es ist sicherlich nicht falsch zu ergänzen: auch aus dem Raum, denn der Boden, auf dem das bisherige Leben stand, ist entzogen worden, ist nicht mehr da, eine Fallen in ein tiefes Loch scheint unaufhaltsam.

Nichts ist mehr so, wie es war. Der Verlust, die Trauer rollte wie eine schwarze Welle über die Hinterbliebenen hinweg. Es ist nicht nur der Verlust des Menschen, der zu beklagen ist, es ist auch der Verlust der Lebensplanung, die diesen Menschen, dieses Kind, mit eingeschlossen hatte, selbstverständlich von dessen Existenz ausging. Es ist der Verlust der eigenen Unbeschwertheit als Mutter (oder allgemein als Elternteil), mit der man sein Leben mit der Familie lebte: all das ist verschwunden, hat Platz machen müssen dem Zweifel, dem Schmerz, der Wut, der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit, der Schwärze.

Daniela Berg schildert ihren Trauerprozess in Briefen und Mails, die sie in diesem Zeitraum von zwei Jahren an Freunde und Bekannte geschrieben hatte. Wobei festzuhalten ist, daß die Trauer nach dieser Zeit keineswegs vorbei ist, die Trauer um ein Kind dauerte ein Leben lang an, ein verstorbenes Kind gehört ein Leben lang zur Familie, auch wenn diese sich an den verwaisten Platz am Esstisch, im Auto oder sonstwo im Lauf der Zeit gewöhnt hat. Die Trauer, das Gefühl verändert sich, der Schmerz wird anders, man lernt als Betroffene/r, daß dieser Verlust fortan zum eigenen Leben dazu gehört.

Die Zeit zwischen Tod und Bestattung ist normalerweise eine aktive Zeit, in der man häufig abgelenkt ist, denn die Beerdigung muss organisiert werden, es kommen Menschen, um ihr Beileid zu bekunden und Abschied zu nehmen. Berg beschreibt diese Vorbereitungen der Bestattung, an der viele Menschen aktiv beteigt sind, beispielsweise beim Bemalen des Sarges – auch innen, damit Marlene auch etwas davon sieht – eine wunderschöne Idee. Nach der Beerdigung läßt diese Betriebsamkeit nach und in der freiwerdenden Zeit stürzt sich die  Trauer wie ein Monster aus dem Dunkeln auf die Seele.

Berg als – wie sie an einer Stelle schreibt – rational ausgerichteter Mensch kann ihre Gefühle in Worte bringen. Sie kann sie beschreiben, schildern, darlegen, Grossman in seiner Trauer um seinen Sohn [siehe vorstehender Link] ist ihr hierbei Leitbild. Sie kann sie analytisch reflektieren, was sie aber keineswegs davor schützt, ihrer Trauer in vielen Momenten ausgeliefert zu sein. Es fällt unendlich schwer, zu akzeptieren, daß der Verlust eines Menschen durch seinen Tod endgültig ist, diese „übermächtige Faktizität … ist zu absolut für unsere Vorstellung“, zitiert Berg  Connie Palmen [aus dem Logbuch eines unbarmherzigen Jahres].

Der Verlust des Kindes ist eine existenzbedrohende Wunde in der Seele der verwaisten Familie. Die Trauer ist der Schmerz dazu. Sie ist aber auch, dieser Gedanke kam mir während des Lesens von Bergs Briefen, der Weg zur Heilung der Seele – wenn man sie zuläßt. So übermächtig und umfassend sei anfangs auch erscheint, der Mensch lebt mit Verlusten, hat im Lauf seines Lebens gelernt, mit Verlusten (auch wenn sie natürlich weniger existentiell waren wie der Tod eines Kindes) umzugehen, Resilienz nennt man diese Fähigkeit, Krisen durch den Rückgriff auf eigene Resourcen zu bewältigen. Zwei Aussagen Bergs sind hier wichtig: zwar muss man Trauer zulassen und sie hat oft ihren eigenen Rhythmus, in den sie einen anfällt, doch muss man sich ihr nicht ausliefern, sondern man kann lernen, sie aktiv zu gestalten. Räumt man der Trauer einen Raum und/oder eine Zeit ein, gibt man ihr Rituale, in denen sie sich wiederfindet, so gewinnt man dadurch Zeit und Räume, die frei gehalten werden können von Trauer: das eigene Leben soll und muss weitergelebt werden, das Empfinden von Glücksmomenten, von Schönem, das Geniessen kleiner Freuden darf keine Schuldgefühl hervorrufen, es ist gut und im Sinne des/r Verstorbenen. Die zweite, damit zusammenhängede Aussage Bergs, auf die ich verweisen will, ist so formuliert: In vielen Gesprächen in den letzten Wochen meinte ich, dass sich Trauernde an irgendeinem Punkt entscheiden müssen, ob sie sich letztlich dem Leben oder dem Tod zuwenden wollen. … Ich werde leben und glücklich sein! So wie ich es dir, meine schöne starke Tochter, versprochen habe. …

Trauer braucht Zeit, sie ist ein Prozess, der bei jedem anders abläuft, ebenso gibt es kein falsches und kein richtiges Trauern, auch wenn die immer noch populären Phasenmodelle suggerieren, daß es erstens, zweitens, drittes ablaufen muss…. aber irgendwann war die Zeit da, daß die Eltern das Zimmer Marlenes, in dem sie sich die Monate vorher immer wieder mal zurückgezogen hatten, ausräumten und als Arbeitszimmer einrichteten: so waren sie viel öfter in dem alten Raum Marlenes. Für diese bauten sie (überhaupt haben sie sehr viel Handwerksarbeit gemacht, begreifen also im Sinne von angreifen, anpacken) einen Tisch, lackierten ihn und schmückten ihn wie einen kleinen Gedenkaltar mit Erinnerungsstücken und Bildern an Marlene.

Begreifen, was nicht ist beschreibt den Trauerweg der Mutter, der Vater Uwe ist nur selten präsent. Klar wird, daß beide Elternteile unterschiedlich trauern. Während die Mutter lange mit Erschöpfung, plötzlichem Weinen, verminderter Leistungsfähigkeit etc pp zu tun hat, tritt dies bei dem Mann offensichtlich nicht so auf, er scheint schon bald wieder in der Lage gewesen zu sein, seinen Alltag ’normal‘ zu leben – was in keinem Fall bedeutet, daß er nicht trauerte, er tat dies eben auf seine Art und Weise. Dieses Phänomen der unterschiedlichen Ausprägung der Trauer führt beim Tod eines Kindes häufig zu existentiellen Zerwürfnissen bei den Eltern („Jetzt hör doch endlich mal mit der Heulerei auf!“ vs „Du bist überhaupt nicht traurig, wie kannst du nur jetzt….“). Berg schildert, daß es wichtig ist, diese Entfernung, diese Weite zum Partner zuzulassen und zu akzeptieren, damit die Beziehung diese große Krise überstehen kann.

Bergs Buch enthält sehr viele, sehr wertvolle Zeilen. Es finden sich auf der rein ‚praktischen‘ Seite viele Anregungen zur Gestaltung eines Trauerweges (sei es der eigene, sei es als Helfer und Begleiter für andere), aber auch das Darlegen persönlicher Empfindungen und deren Reflexion ermöglicht das Wiederekennen für Betroffene und damit den Trost: das, was ich jetzt fühle, ist in dieser Situation normal, ich bin nicht allein damit, ich darf so fühlen, ich darf mich jetzt fallenlassen z.B. in meine Verzweiflung, ich darf diese Äußerung eines Bekannten jetzt doof und unpassend finden u.v.a. mehr….

Berg selbst hat sich auch bei anderen (Trauernden) gestärkt, in ihrem Buch finden sich viele trostspendende Zitate aus entsprechenden Büchern. Palmen und Grossman habe ich erwähnt, sie zitiert Rilke mit wunderbar sensiblen Worten, aber auch Herrndorf, Hesse und andere mehr. Auch Literatur ist also eine Ressource, auf die man zurückgreifen kann.

Begreifen, was nicht ist überstreicht einen Zeitraum von zwei Jahren. In dieser Zeit unternahm die Familie das, was ’normale‘ Familien auch machen: sie gingen ins Kino, sie fuhren in Urlaub, sie machten Besuche – zu dritt, Marlene in Gedanken immer dabei. Aber sie machten es, sie gewöhnten sich an den neuen Zustand; daß Friedrich, der verwaiste Bruder dieses normale Familienleben mit der Liebe der Eltern brauchte, besonders brauchte, war ein zusätzliches Motiv für die Mutter (und sicher auch den Vater), wieder in ein solches Familienleben zurückzufinden. Nach diesen zwei Jahren hatte sich die Trauer bei Mutter verändert, sie war stiller geworden, die aus dem Gleichgewicht gebrachte Seele hatte gelernt, mit dem Verlust umzugehen, ohne daß dies bedeutet, daß nicht doch noch Tränen flossen, wenn die Erinnerung übermächtig wurde. Wie bei dem Brief, den Daniela Berg an ihre Tochter schrieb, in dem sie die zwei Jahre und ihre Gefühle und deren Entwicklung in diesen zwei Jahren zusammenfasste und darüber berichtete. Das ‚Schwarz‘ hatte, das liest man im Brief, Flecken bekommen, weiße Flecken, die Mutter war wieder in der Lage, auch Gutes zu sehen: Ach, Marlenchen, ich bin immer noch überaus froh und dankbar, dass wir zu deinen Lebzeiten so gut voneinander Abschied nehmen konnten. Ich bin so dankbar, dass das überhaupt möglich war. … und so zählt die Mutter vor allem diese dankbaren Situationen auf, erwähnt und vergisst den Schmerz zwar nicht, aber dieses Positive hat mittlerweile seinen Platz in der Trauer gefunden, ermöglicht die Rückkehr zu einem (anders) glücklichen Leben.


Begreifen, was nicht ist [Webseite  zum Buch:  https://begreifenwasnichtist.wordpress.com bzw. Facebook-Seite: https://www.facebook.com/begreifenwasnichtist/] ragt aus der (mittlerweile) Fülle von Literatur, in denen verwaiste Eltern über ihr Schicksal reden und berichten, heraus. Es ist kein literarisches Werk wie die Bücher von Palmen oder auch Didion [die mir gerade in den Sinn kommt mit ihrem Blaue Stunden und dem Jahr des magischen Denkens], im Gegenteil zeigt sich in diesen Briefen die jeweilig aktuelle Situation der Autorin, die dieser zudem nicht nur ausgesetzt ist, sondern die sie reflektierend begleiten kann – bei allem Schmerz und aller Traurigkeit. So hat mich dieses Buch einerseits selbst sehr aufgewühlt, andererseits habe ich viel Gewinn aus ihm gezogen. So wünsche ich ihm weite Verbreitung und würde mich sehr freuen, wenn meine Beschreibung des Büchleins dabei helfen würde.

Einen einzigen Vorschlag habe ich an die Autorin, falls – was schön wäre – eine weitere Auflage des Textes erfolgen müsste: eine kurze Zusammenstellung nämlich, in welcher Beziehung man zu den einzelnen Adressaten der Briefe bzw. Mails steht/stand. Nicht immer geht es aus dem Text hervor, mir hätte es die im Hinterkopf schwärende Frage: „wer ist denn das jetzt?“ erspart. Es muss selbstverständlich keine Biografie sein, aber ob es ein Verwandter, ein Arbeitskollege oder ein Schulfreund ist, das zu wissen, fände ich hilfreich.

Daniela Berg
Begreifen, was nicht ist
diese Ausgabe: edition winterwork, Softcover, ca. 155 S., 2017; mit vielen Abbildungen

Weitere Bücher, die die Trauer um den Tod der eigenen Kinder beschreiben und die ich auf diesem Blog schon vorgestellt habe:

Monica Wesolowska: Aus Liebe loslassen
Christel und Isabell Zachert: Wir treffen uns wieder in meinem Paradies
Joan Didion: Blaue Stunden
Barbara Pachl-Eberhart: Vier minus drei
Dona Kujacinski: Unser Kind ist tot
David Grossman: Aus der Zeit fallen

Weitere Buchvorstellungen zum Themenkreis „Krankheit, Sterben, Tod, Trauer“ finden sich hier:

https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9VQ

Charlotte Link: Sechs Jahre

Die Schriftstellerin Charlotte Link wird von ihrem Verlag als erfolgreichste deutsche Autorin der Gegenwart beworben, ihre psychologischen Spannungsromane sind auch international erfolgreich [1]. Dieses Buch hier ist jedoch etwas völlig anderes, es ist ein sehr persönliches Buch, das Verfassen dieses Textes gehört, so Link, zu den Aufräumarbeiten nach einem unsagbar schweren Verlust, stellt ein Stück persönliche Bewältigungsstrategie dar. Vielleicht sogar den Versuch, das, was geschehen ist, irgendwie dadurch zu begreifen, daß ich es in Worte fasse. Denn noch immer ist dies das vorherrschende Gefühl in mir: Ich begreife nicht, dass sie nicht mehr da ist.


Die nüchternen Fakten sind schnell aufgezählt: Im Frühjahr 2006 wurde bei der Schwester Charlotte Links, Franziska, zu diesem Zeitpunkt 41 Jahre alt, mehr oder weniger durch Zufall eine inoperable Metastase in der Lunge festgestellt. Die erste Prognose dazu war infaust, die Onkologin gab einen Zeitrahmen von ca einem Jahr bis zum Tod an. Die Suche nach dem Primärtumor führte zu einem Darmtumor im fortgeschrittenen Zustand. Letztlich ergab sich, daß diese Tumore Folge waren der Behandlung eines Hodgkin-Tumors, der knapp zwei Jahrezehnte zuvor erfolgreich mit Chemo- und Strahlentherapie behandelt worden war, das Auftreten solcher Spätschäden ist mittlerweile gesichert [3]. Die Heilung vom Hodgkin, wird sehr, sehr teuer erkauft, so wird es eine Ärztin  der Autorin später sagen. In Sechs Jahre schildert Link den Kampf der gesamten Familie gegen diese Krebserkrankungen, zu denen dann nach einigen Jahren noch eine weitere gravierende Spätfolge des Hodgkins kam, die 2012 letztlich auch zum qualvollen Sterben Franziskas führte: eine Lungenfibrose, d.h., das Lungengewebe vernarbt und verliert die Fähigkeit zum Luftaustausch, im Extremfall folgt der Tod durch Ersticken.


Ach, sie sind gar nicht der Eierstockkrebs? …
Wer um Himmels willen sind Sie denn dann?

Das Buch ist anstrengend zu lesen, es nimmt mit, ich habe gelitten und brauchte viele Pausen. Es gab Absätze, da glaubte ich eher einen makabren Sketch zu lesen als eine Krankengeschichte, wenn etwa die Onkologin bei der Erstinformation über das Diagnoseergebnis (inoperable Lungenmetastasen und damit längeres Überleben ausgeschlossen, Darmkrebs…) auf die Äußerung Franziskas, sie habe Kinder, mit folgendem Vorschlag reagiert: In diesem Fall würde ich an Ihrer Stelle sofort mit der Erstellung einer Dokumentation Ihres Sterbens beginnen. Ein Rat, den sie Jahre später in etwas abgewandelter Form von einem anderen Arzt noch einmal bekommen sollte: „Was soll ich jetzt machen?“ – „Am besten, ihr Testament schreiben.“ [dem Sinne nach zitiert]. Oder auch als letztes Beispiel für die Empathiefähigkeit vieler Ärzte die Reaktion des Chefarztes auf den Einwand einer seiner Ärztinnen bei der Visite (Franziska bekam zu diesem Zeitpunkt eine sehr aggressive Chemo plus Bestrahlung gegen die Lungenmetastasen): „Wir sollten vielleicht die Bestrahlung aussetzen. Das hält die Patientin nicht mehr durch!“ Er schaute Franziska kurz an. „Weitermachen“, sagte er dann einfach nur. Und verkündete im Hinausgehen: „Ich gehe immer an die Grenze!“ Man kann es sich so gut vorstellen, wie er mit wehendem Kittel und erhobenem, zum Kampf bereiten Haupt auf den Flur tritt…

Sechs Jahre ist also auch ein Protokoll über die Unfähigkeit vieler Ärzte, Patienten als Menschen zu sehen, wahrzunehmen und zu behandeln. Um nicht ungerecht zu sein, muss man allerdings zugeben, daß diese Unfähgikeit nicht nur bei Ärzten angetroffen wurde, Pflege- und anderem medizinischen Personal, mit denen Franziska und ihre Angehörigen in den Krankenhäusern zu tun hatten, standen den Medizinern häufig kaum nach. Beispielsweise scheint es nirgends so leicht zu sein, zu verhungern, wie in Krankenhäusern: das Essen wurde Franziska gebracht, und später wieder abholt. Ob sie tatsächlich etwas gegessen hatet, interessierte keinen. Im Spätstadium der Krankheit beispielsweise war sie extrem untergewichtig (unter 40 kg bei 1, 73 Körpergröße), kreuzte im Krankenhaus auf der Essensliste leichte vegetarische Kost an und bekam Schweinebraten mit Rotkohl…. dies war kein Einzelfall, Proteste dagegen wurden a) als lästig empfunden und b) ignoriert.

Es ging – Gott sei Dank – auch anders, war nicht nur so, es gab auch Ärzte voller Empathie, Krankenhäuser mit sorgsamen Personal, aber die Häufigkeit, mit der Link über solche und andere Schrecken wie oberflächlich hingeworfene Fehldiagnosen (u.a. ‚Herzmetastasen‘: Er sagt, man kann jetzt gar nichts mehr machen) berichtet, ist erschütternd.

Die Hoffnung stirbt zuletzt… und manchmal, wenn es nur bergab geht, ruht die Hoffnung auch auf der Nicht-Schulmedizin. Positive Berichte im Internet (die man selbstredend nicht nachprüfen kann) machen Mut, flößen Zuversicht ein … eine deutliche Zustandsverschlechterung und viel, viel Geld, was gezahlt werden musste, war das einzige Ergebnis eines solchen verzweifelten Versuchs einer alternativen Therapie.

Das Jahr, das ihr bei der Erstdiagnose von der Onkologin prophezeit worden war, hat Franziska weit überlebt. Die gesamte Familie war daran beteiligt. Die als inoperabel bezeichneten Metastasen konnten operiert werden, das unermüdliche Recherchieren der Autorin führte sie zu einem Professor, der auch solche hoffnungslosen Fälle noch operiert, der Darmkrebs-OP war ebenfalls erfolgreich. Es gab bei allem Elend auch Phasen, in denen es Franziska relativ gut ging, sie sich zuhause um ihre Kinder und die Tiere, die sie so liebte, kümmern konnte. Immer wieder kam es jedoch zu gesundheitlichen Problemen, zu Komplikationen, auch ‚Fehlalarme‘ gab es, weil das Vertrauen in den eigenen Körper verloren gegangen war.

Anfang 2009 bekam Franziska vermehrt Probleme mit der Atmung, man vermutete Spätfolgen einer Bronchitis, behandelte dann auch lange auf Lungenentzündung – letztlich und sehr spät ergab sich die Diagnose: Lungenfibrose als Spätfolge des Hodgkin. Man nehme einen Strohhalm und versuche, nur durch diesen Strohhalm zu atmen, vielleicht sogar, dabei eine Treppe hochzugehen: es vermittelt die Ahnung einer Ahnung, was es bedeutet, Tag und Nacht, jede Sekunde des Lebens zu wenig Luft zu bekommen.

In der folgenden Zeit verschlechterte sich der Zustand Franziskas immer mehr, verstärkt durch ihre physisch oder psychisch (das ist nicht klar) bedingte Unfähigkeit, Nahrung zu sich zu nehmen, ihre Krankengeschichte ging unmerklich in eine Sterbegeschichte über. 2011 beginnt die Zeit des ‚Das-letzte-Mal,-daß‘ …, am 7. Februar 2012 verstarb Franziska an einer inneren Blutung, die nicht mehr gestillt werden konnte.


Die beiden Schwestern Charlotte, die anderthalb Jahr älter war, und Franziska hatten ein außergewöhnlich enges Verhältnis miteinander, sie waren sich Schwestern, Vertraute und allerbeste Freundinnen. Franziska lebte mir ihrer Familie in Bayern, Charlotte Link sowei die Eltern im Rhein-Main-Gebiet. Zwischen diesen beiden Regionen pendelt das Leben und die Krankheit Franziskas hin und her. Die gesamte Familie beteiligte sich am Kampf gegen den Krebs, recherchierte Infos, organisierte und half, wo es zu helfen galt. Nach außen hin schotteten sie sich, vor allem im späteren Stadium der Krankheit, ab, keiner der Freunde wusste am Ende, wie schlecht es wirklich um Franziska stand, die Familie vermittelte nach außen hin ein stark geschöntes Bild. Hilfe von Aussenstehenden bekamen sie nicht, wollten sie wohl auch nicht. Ein einziges Mal berichtet Link davon, daß sie in tiefster Verzweiflung einen Pfarrer aufgesucht hat, das Gespräch mit ihm hatte sie erleichtert, war aber kein Anlaß, später noch einmal auf positiv erfahrene externe Hilfe zurückzugreifen.

Der jahrelange selbstaufopfernde Einsatz der Familie verbunden mit den seelischen Belastungen blieb auch für die Familie nicht ohne Folgen. Die Autorin selbst erlitt mehrmals eine Art Zusammenbruch, die Mutter, die oftmals den ganzen Haushalt der kranken Tochter versorgen musste, war am Ende der Zeit körperlich ebenfalls sehr mitgenommen. Die Rund-um-die-Uhr-Begleitung der Tochter in den Krankenhäusern führte nachvollziehbarerweise zu Spannungen im Innenverhältnis, man ging sich mit der Zeit gehörig auf die Nerven. Diese Begleitung stand soweit es psychisch irgend möglich war, unter dem Zeichen der Hoffnung und eines worauf sich auch immer gründenden Optimismus, daß man es auch diesmal wieder schaffen werde. Die Lebenswelten Franziskas und ihrer Familie driften jedoch langsam auseinander, eine schleichende Entfremdung war die Folge.

Es gibt eine Situation, in der Link festhält, daß es Franziska wohl am liebsten gewesen wäre, wenn jemand mit ihr geweint hätte, ein Bedürfnis, das jedoch nicht erfüllt wird. Überhaupt steht die Frage, wessen Bedürfnisse im Vordergrund stehen, immer wieder im Raum, wenn die Autorin beispielsweise bekennt, wie sehr sie ihre Schwester braucht, wie wenig sie sich ein Leben ohne sie vorstellen kann: »Doch, du überlebst das! Ich bin ganz sicher. Du musst kämpfen. Du hast all die Jahre gekämpft. Bitte, gib jetzt nicht auf. Hör nicht auf zu kämpfen!« …. Und als sie leise fragt: »Warum?«, da antworte ich ihr mit meinen Gefühlen. Mit meinen Ängsten. Einfach mit mir selbst. »Wegen mir. Meinetwegen musst du kämpfen. Und durchhalten. Wenn es wegen nichts sonst ist, dann wegen mir. Weil du mich nicht verlassen darfst. Weil das nicht denkbar ist. Bitte. Verlass mich nicht. Ich schaffe es nicht ohne dich. Lass mich nicht allein!«

Die Priorität für Franziska, der Grund, warum sich alles lohnt, lautet jedoch anders. Schon 2009, nach Diagnose der Fibrose konstatierte sie: Es geht nur noch darum, Zeit zu gewinnen. Ich will, dass meine Tochter eine klare Erinnerung an mich hat, wenn ich nicht mehr da bin. Jedes Jahr, das ich länger lebe, jeder Monat, wird ein Stück ihrer Erinnerung sein. Sie ist jetzt fünf. Ich möchte, daß sie ein Bild von mir in sich trägt. Und immer weiß, wie sich meine Stimme angehört hat. Es in der Tat einfach nur bewunderswert, wie Franziska dies umsetzt, in den Zeiten, in denen sie zu Hause ist, ihren Kindern – vor allem ihrer Tochter – ein den Umständen entsprechend weitgehend unbeschwertes Familienleben gestaltet, sich nie hängen läßt oder ihre Stimmung an andern ausläßt.

So wie sich die Familie nach außen abschottete und niemanden über das Ausmaß der Katastrophe informierte, so schottet sie sich auch nach innen ab: obwohl jedem klar gewesen sein muss, daß der Tod Franziskas immer zumindest im Bereich des Möglichen gelegen hat (das letzte Zitat zeigt dies deutlich: … wenn ich nicht mehr da bin…) , ist dies – zumindest berichtet Charlotte Link nicht davon – nie Thema: es wurde auch mit Franziska wohl nie über ihren möglichen Tod gesprochen, was aus meiner Erfahrung als Hospizbegleiter zu einer sehr tragischen Situation führt: jede der beiden Parteien weiß um diese Gefahr bzw. diese Tatsache, aber keine redet darüber, niemand traut sich, das mögliche Sterben anzusprechen. Auch am absehbaren Ende von Franziskas Leidensweg wurde wohl darüber nicht gesprochen, die Chance eines Abschieds, des gegenseitigen Weinens und Tröstens nicht genutzt. Erst in den allerletzten Momenten des Leidens von Franziska dringt die Erkenntnis, daß es jetzt vorbei sein muss, durch, weil niemand sie noch länger so unmenschlich leiden lassen darf, wir dürfen es schon gar nicht. Ich begreife, daß diese Lungenblutung eine Gnade ist, für die wir dankbar sein müssen.

Kämpfte man jahrelang um Franziskas Leben, so schlug dies gegen Ende ihres Leidenswege um in einen Kampf mit Franziska. Diese Konstellation erinnert mich an eine Situation, die ich neulich im Bekanntenkreis hatte: die betagte Schwiegermutter, deren Kurzzeitpflege im Heim in einen Daueraufenthalt übergegangen war, lag im langsam, aber sanft verlaufenden Sterbeprozess. Aufopferungsvoll saß die Schwiegertochter jeden Tag am Bett, um der Frau in einem Stunden dauernden Procedere Essen in den Mund zu bugsieren, bis eine Pflegekraft ganz deutlich sagte: Sie nötigen ihre Schwiegermutter. Die will nicht mehr essen! Bei Franziska hatten die Essprobleme nach der brutalen Chemo eingesetzt und sich im Lauf der Krankheit immer weiter gesteigert. Ein kontaktierter Psychologe bot zwei diametral entgegengesetzte Erklärungen an. Zum einen hätte es sich bei dem Hungern um einen stillen Suizidversuch handeln können (Franziska wurde immer wieder in den ärztlichen Unterlagen als suizidgefährdet eingestuft), zum andern hätte es der unbewusste Versuch sein können, den Körper der stark verminderten Atmung anzupassen. Wie auch immer, es müssen qualvolle Momente gewesen sein: auf der einen Seite die Eltern und die Schwester, die immer wieder Druck gegen Franziska aufbauen, doch wenigstens ein bischen zu essen, auf der anderen Seite Franziska, die einfach keine Nahrung mehr zu sich nehmen kann…


Franziska ist Zeit ihres Lebens von derart vielen Krankheiten heimgesucht worden, daß man den Verdacht haben könnte, irgendjemand wollte nicht, daß sie lebt. Große Teile dieses Lebens waren ein Kampf mit dem Tod, ein erfolgreicher, wenn man berücksichtigt, daß sie ihren ersten lebensbedrohenden Krebs schon als sehr junge Frau hatte, ein tragischer, wenn man sich vor Augen hält, daß die Mittel, die diesen Krebs besiegten schon den Keim legten für die späteren Tumore und vor allem für die letztlich tödliche Lungenfibrose.

Sechs Jahre von Charlotte Link läßt uns sehr intensiv und nahe an dieser Geschichte teilhaben und schafft das Portraits einer bemerkenswerten Frau, die sich mit bewunderswerter Kraft gegen ihr Schicksal stemmte, um ihren Kindern so lange wie möglich Mutter sein zu können. Das Buch ist aber ebenso die Geschichte der Autorin, die sich diese unendlich kraftzehrenden sechs Jahre dagegen wehrte, daß ihr der Mensch, der ihr am nächsten stand, genommen wird. Neben dieser Darstellung des Geschehens wird jedoch auch deutlich, welche psychischen und seelischen Belastungen solches Schicksal darstellt und so kann die Geschichte dieser beiden Frauen uns Leser lehren, uns mit der Frage auseinanderzusetzen: wie würde ich reagieren, was würde ich machen, wie gehe ich mit dem Gedanken an meinen eigenen Tod um? Wie man an Franziskas Schicksal sieht, sind das Fragen, die durchaus auch in jungen Jahren schon auf einen zukommen können…

Links und Anmerkungen:

[1] so im Klappentext, aber auch auf der Autorenseite ihres Verlages:  https://www.randomhouse.de/Autor/Charlotte-Link/p1183.rhd
[2] vgl. z.B. hier:  https://www.krebsinformationsdienst.de..nachsorge-hodgkin.php

Eine Übersicht zu weiteren Buchvorstellungen von mir zum Themenkreis Krankheit, Sterben, Tod und Trauer findet sich hier: https://mynfs.wordpress.com

Charlotte Link
Sechs Jahre
Der Abschied von meiner Schwester
diese Ausgabe: blanvalet, HC, ca. 320 S., 2014