Offensichtlich gehört es zum guten Ton bei Titeln aus diesem – zugegebenermaßen – schwierigen Themenbereich, darauf hinzuweisen, daß das Thema ‚Sterben‘ bzw. ‚Tod‘ gesellschaftlich tabuisiert ist und verdrängt wird. Sowohl der Autor Gottschling als auch seine Vorwortverfasserin Käßmann folgen dieser Tradition, deren Aussage mich persönlich in ihrer Absolutheit nicht mehr so recht überzeugen will. Schau ich mir z.B. die Zugriffszahlen des letzten (Zeit)Jahres auf meinen eigenen Blog an, so sind unter den ersten zehn Titeln zwei Jugendromane, die sich mit dem frühen Krebstod eines Menschen auseinandersetzen [1]. Daraus schlussfolgere ich schon eher, daß viele Menschen – auch junge – bereit sind, sich mit diesen letzten Fragen auseinanderzusetzen, auch wenn diese selbstverständlich als reines Partythema und für den unverbindlichen Small Talk nicht geeignet sind. Egal, es ist nur eine persönliche Anmerkung von mir, jetzt zum Buch von Prof. Dr.med. Sven Gottschling und Lars Amend [siehe dazu die Bemerkung am Schluss meiner Besprechung].


Gottschling ist Chefarzt des Zentrums für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie des Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg. Er ist noch jung, 44 Jahre alt, und hat sich mit ‚Haut und Haaren‘ der Aufgabe verschrieben, Sterbenden und ihren Angehörigen durch eine kompetente Begleitung und Betreuung diesen letzten Weg zu erleichtern. Was dies in der Praxis bedeutet, was dies einschließt, auch was es begrenzt, welche Möglichkeiten es gibt und nicht zuletzt, welche sich hartnäckig haltenden Mythen es zu bekämpfen gilt, dem ist dieses Buch gewidmet.

Während es andere Titel zum Themenkomplex gibt, bei deren Studium einem so richtig die Freude am Sterben genommen wird, weil von den gewählten Fallbeispielen eins schlimmer ist als das andere [2], ist der Grundtenor von Gottschlings Buch positiv: Wir können nicht alles Leid verhindern, aber doch sehr, sehr viel Leid mindern. Der Tod, so der Autor, ist nichts Schreckliches. Die fürchterliche Vorstellung vom Tod macht ihn erst furchtbar.

Ich will mich in diesem Beitrag auf einige Punkte von Gottschlings Ausführungen konzentrieren, den Inhalt des Buches wiederzugeben, wäre deutlich zu viel.

Unter den schon erwähnten Mythen geht der Autor auf folgende ein:

  • Sterben und Tod sind leidvoll und schmerzhaft
    Hier räumt Gottschling mit dem weitestverbreiteten Glauben medizinischer Laien, mit dem Sterben verbundenes körperliches Leid (z.B. Schmerz, Atemnot) sei nicht linderbar und die Ärzte täten alles in ihrer Macht stehende, auf: beides ist nicht so. Man kann praktischen jeden Schmerz (hier differenziert der Autor verschiedene Schmerzarten [3]) zumindest deutlich lindern und die Kenntnisse der deutschen Ärzteschaft über moderne Schmerztherapie sind im Schnitt, dürftig, liegen Jahrzehnte hinter dem aktuellen Stand der Wissenschaft zurück. Aber: auch viele Betroffene hängen noch der ‚ein-Indianer-kennt-keinen-Schmerz‘-Philosophie an.
  • „Wie lange noch, Herr Doktor?“
    Auch der Arzt ist kein Herrgott, nirgends kann man sich so sehr verschätzen wie bei einer Antwort auf die Frage nach der verbleibenden Lebenszeit…. Manche Betroffene wollen es auch gar nicht wissen, andere planen auf der Grundlage der Auskunft schon die Trauerfeier und sind dann empört, daß Oppa immer noch schnauft, wo doch die Grube schon ausgehoben ist….
  • Nahrung und Flüssigkeiten sind Lebenserhaltung
    No, das ist einfach nicht so. Wenn der Sterbende nicht mehr essen will, dann braucht er keine Nahrung mehr. Wenn er nicht mehr trinken will, dann ist es praktisch immer kontraproduktiv, ihm Flüssigkeit zu verabreichen, die weder vom langsam abschaltenden Kreislauf noch von den Nieren, die ihre Funkion auch peu a peu aufgeben, verarbeitet werden kann. Der häufig noch ausgeübte moralische Druck (sprich: Erpressung): „Sie wollen ihren …. doch nicht verhungern/verdursten lassen?“ ist perfide. Künstliche Ernährung. so Untersuchungsergebnisse, verlängert die Lebenszeit nicht, mindert aber häufig die Lebensqualität. Was das Trinken angeht, ist die Mundpflege beim Sterbenden viel wichtiger!
  • Schmerzmittel machen süchtig
    Dies bezieht sich natürlich vor allem auf Opiate. Hier klingen die Ausführungen Gottschlings bzgl. des wohl bekanntesten Opiats, Morphin (das er pars pro toto nimmt) fast schon wie ein Appell, doch endlich die Bedenken gegen dieses segensreiche Medikament fallen zu lassen und es in adäquater Dosierung (die durchaus sehr hoch sein kann) einzusetzen!
  • Man muss sich zwischen Lebenszeit oder Lebensqualität entscheiden
    Gottschling verweist auf eine Studie, die zeigt, daß onkologische Patienten mit sehr schlechtem Zustand, die sich noch einer Chemotherapie unterzogen haben, eine deutlich geringere Restlebensspanne hatten als die Patienten, denen die Chemo erspart geblieben ist. Facit: eine Behandlung ist nicht unbedingt lebensverlängernd, aber häufig verschlechtert sie die Lebensumstände. Daraus folgt die Forderung, frühzeitig palliativmedizinische Fachkompetenz bei der Behandlung lebensbegrenzend Erkrankter hinzuzuziehen.
  • Man darf einem Menschen die Hoffnung nicht nehmen
    Dieser Satz dient dem medizinischen Personal häufig als Feigenblatt dafür, dem Patienten gegenüber nicht ehrlich zu sein. Der Umgang mit der Hoffnung des Patienten auf… verlangt jedenfalls ein hohes Maß an Sensibilität…

Das Lebensende ist gespickt mit Beschwerden: Körper und auch Geist sind in die Jahre gekommen. Im Abschnitt Beschwerden am Lebensende und was wir wirklich tun können, befasst sich Gottschling damit. Konkret sind dies folgende Themenbereiche: (noch einmal) Schmerzen, Atemnot/Luftnot, Übelkeit, Angst und Erschöpfungszustände sowie neuropsychiatrische Symptome wie Unruhe, Verwirrtheit, das nicht mehr Erkennen von Menschen. Und das Sterben selbst? Wenn man sich darauf vorbereitet, was einen erwartet, wenn ein geliebter Mensch tatsächlich im Sterben liegt, verliert es seinen Schrecken. Der Autor beschreibt dies und gibt auch Hinweise für Notfälle, die auftreten können (Krampfanfälle, Blutungen u.ä.)

Im Grunde sollte man eigentlich den Begriff ‚Sterbende/r‘ vermeiden, denn er verdeckt nur zu häufig, daß dieser Mensch eine Lebender ist, freilich in einer bestimmten Lebensphase. Und so sollte man ihn auch behandeln und mit ihm umgehen. Die Kommunikation mit lebensbegrenzt erkrankten Menschen (die Umschreibung, die Gottschling häufig benutzt), deren Angehörigen und beteiligten Kindern ist Inhalt des nächsten Abschnitts. Die Frage, wie Kinder mit dem Tod naher Menschen umgehen und wie man als Erwachsener darauf reagieren sollte, bildet einen Schwerpunkt der Ausführungen.

Und wenn es soweit ist, wo bekomme ich Hilfe? Hier geht Gottschling darauf ein, unter welchen Randbedingungen das Sterben zu Hause oder in diversen Einrichtungen (Krankenhaus, Heim…) tatsächlich ablaufen kann oder abläuft. Speziell, wenn dem häufig geäußerten Wunsch des Sterbens zu Hause nachgekommen wird, ist es wichtig, zu wissen, wo welche Hilfe nachfragbar ist. In diesem Bereich sind zwar schon seit Jahren gesetzliche Voraussetzungen geschaffen, aber (Stichwort: SAPV) noch lange nicht flächendeckend umgesetzt.

Im Kapitel 6: Sterbeverhinderung, Lebensverlängerung oder Sterbehilfe klärt Gottschling eingangs die Begrifflichkeiten einzelner Tatbestände: alt: aktive Sterbehilfe, neu: Tötung auf Verlangen; alt: Beihilfe zur Selbsttötung, neu: assistierter Suizid; alt: passive Sterbehilfe, neu: Sterben zulassen.

Der Autor hält fest, daß in einer Studie (2015) festgestellt wurde, daß selbst bei schwerstkrankem Patientengut (?) die Suizidquote um mehr als eine Zehnerpotenz niedriger lag als in der Gesamtbevölkerung, wenn eine qualitativ hochwertige und verlässliche Palliativversorgung aufgebaut werden konnte.

Des weiteren gibt Gottschling einen Überblick über die Situation betr. Tötung auf Verlangen/assistierter Suizid im europäischen Ausland. Die Zahlen aus den Niederlanden und aus Belgien (vor allem aus Flandern), in denen dies per Gesetz unter bestimmten Bedingungen erlaubt ist, rechnet er auf die deutsche Bevölkerungszahl um und plausibilisiert dadurch das erschreckende Ausmaß, in dem in unseren Nachbarländern Menschen von Ärzten getötet werden. Der Autor positioniert sich ganz klar und eindeutig gegen diese Vorgehensweise, wobei ihm die obige Aussage zum Einfluss der Palliativversorgung auf die Suizidalität lebensbegrenzt Erkrankter Recht gibt. Auf die naheliegende Frage, wie der Stand der Palliativversorgung in den Niederlanden und in Belgien ist (diese Frage stellt sich natürlich) geht Gottschling jedoch nicht ein.

An dieser Stelle wird Gottschling leider ein wenig tendenziell, in dem er zwei Fallbeispiele konstruiert, die extreme Situationen darstellen, die in dieser Reinform wohl eher die Ausnahme sind. Beiden liegt ein 43jähriger Familienvater (zwei Töchter im Alter von 8 und 16 Jahren) zugrunde, der unter schwerster Symptomatik an einem metastasierendem Tumorleiden erkrankt ist.

Im Szenario ohne Palliativversorgen baut Gottschling nun angefangen vom Vierbettzimmer auf einer normalen Krankenhausstation ein Horrorszenario auf, in dem der Erkrankte bei unzureichende Pflege und mangelhafte Systemkontrolle schließlich an nicht behandelter Atemnot stirbt. Dies ruft eine posttraumatische Belastungsstörungen bei der Mutter hervor und führt damit zu deren Arbeitsplatzverlust.. Schulversagen eines Kindes und einer Vielzahl weiterer psychischer Schäden (z.B. Einnässen): es tritt alles ein, was prinzipiell in so einer tragischen Situation vorkommen kann: ein Worst-Case-Szenario also, das sehr mit der Angst arbeitet.

Dem gegenüber stellt er die fast heile Welt der Palliativstation, in der Vater unter bestmöglicher Systemkontrolle in einem Familienzimmer liegt, die Kinder in einem Begegnungszimmer mit gleichaltrigen, ebenfalls betroffenen Kindern Kontakt aufnehmen können, beide Eheleute finden in kleinen Zeitinseln noch einmal Gelegenheit zu Nähe, Sexualität und können letzte Dinge regeln… bevor der Vater nach Hause entlassen wird und dort vom SAPV begleitet im Kreis der Familie friedlich stirbt…. wobei die Familie selbstverständlich auch nach dem Tod des Vaters in ihrer Trauerphase nicht allein gelassen wird.

Gottschlings Ziel, den überaus segensreichen Effekt einer adäquaten Palliativversorgung deutlich zu machen, ist hehr, aber in diesen konstruierten Fällen trägt er meiner Meinung doch etwas zu dick auf…


Leben bis zuletzt ist ein Buch aus der Praxis für die Praxis. Der Autor führt viele Fallbeispiele an, die ihm in seiner Praxis untergekommen sind, er ist in seinen Aussagen klar und deutlich, seine Sprache ist gut verständlich, auch für den medizinischen Laien. Er scheut sich ebenfalls nicht, hin und wieder ins Umgangssprachliche zu wechseln, wenn er beispielsweise einen Kollegen zitiert, der in Bezug auf die Darreichungsform von Medikamenten der (nachvollziehbaren) Meinung ist „Zäpfchen sind was für Arschlöcher“. Diese Formulierung ist natürlich die Ausnahme, macht aber deutlich, daß die Aussagen das Buches klar und deutlich formuliert sind.

Gottschling spart auch nicht mit Kritik an seinen ärztlichen Kollegen. Die Verordnung von Zäpfchen für Menschen, die bald Sterben werden, die absolut mangelhaften Kenntnisse in moderner Schmerztherapie, die partielle Inkompetenz bei der Kommunikation mit lebensbegrenzt Erkrankten und deren Angehörigen, die Unkenntnis über viele aktuelle Untersuchungsergebnisse (siehe oben: Mythen wie über Nahrung, Trinken), die immer noch anzutreffende Geringschätzung der Palliativmedizin…. Es gäbe viel zu tun in der Ärzteschaft…. Natürlich steht der Gesetzgeber nicht aussen vor war Kritik angeht: die lächerliche Vergütung palliativmedizinischer und sprechender Medizin, die gesetzlich zwar geregelte, aber bis dato nur unzureichend umgesetzte ambulante Palliativversorgung in der Fläche, die unzureichende Pflegesituation für Sterbende in vielen Heimen und Krankenhäusern, die immer stärker auf wirtschaftliche Ziele hin optimiert werden….

Liest man als Laie das Buch, so wird man mit einer Menge soliden Halbwissens aufmunitioniert. ‚Solides Halbwissen‘ soll auch heißen, daß für Patienten und Angehörige ein Problem bestehen bleibt, auf das Gottschling allenfalls indirekt eingeht: ‚wie sag ich´s meinem Arzt‘ bzw. wie setze ich mich gegen die Meinung eines Arztes durch, wenn diese z.B. hinsichtlich der Schmerztherapie anders ist als die meinige…. Ich spreche hier aus leidvoller eigener Erfahrung. Mein Vater, der jetzt schon einige Jahre tot ist, hatte durch Krieg und Beruf (er war einige Jahre Bergmann und hat Kohle gemacht) kaputte Knie, die ihm im Alter starke Schmerzen verursachten. Der Heimarzt verordnete jedoch trotz eindringlicher Bitten meinerseits nichts dagegen: er habe beim Besuch keine Schmerzanzeichen gesehen (klar, mein Vater saß ja immer) und habe auf die Frage nach Schmerzen mit ‚Nein‘ geantwortet (auch klar, in seinem schon länger zurückliegenden Sibirienaufenthalt hatte er verinnerlicht, daß derjenige, der über Schmerzen klagt oder sagt, er sei krank, verloren war….)….. was man jedoch aus Gottschlings Ausführungen auf jeden Fall mitnehmen kann, ist der Rat, frühzeitig (!) einen Palliativmediziner in die Behandlung eines bald Sterbenden miteinzubeziehen. Der hat zum einen die Fachkompetenz und kann diese zum zweiten gegenüber seinen Kollegen – so dies nötig ist – besser zur Geltung bringen als ein durch die Situation eh schon derangierter betroffener Laie.


Zum Abschluss noch Anmerkungen, der aber wohl eher dem Verlag als dem Autoren zuzurechnen ist. In meinen Regalen stehen einige Bretter voll mit Büchern zum Themenkreis rund um´s Sterben, doch dieser Titel von Gottschling ist der einzige, der bei der Autorennennung auf dem Umschlag mit der vollen Wucht professoraler und medizinischer Autorität daherkommt: Prof. Dr. med. Sven Gottschling. Und selbst die allbekannte und fast schon ubiquitäre Margot Käßmann, von der das Vorwort stammt, ist nicht einfach Margot Käßmann, sondern Prof. Dr. Dr.hc Margot Käßmann… Dabei hat das Buch diesen etwas plumpen Aufwertungsversuch doch gar nicht nötig….

Gottschlings Werk und Amends Beitrag… immerhin wird dieser Lars Amend auch auf dem Umschlag, wenngleich etwas kleiner geschrieben, genannt, auf der Verlagsseite sogar in gleichberechtigter Größe (‚Sven Gottschling + Lars Amend‘, Stand: 01.05.17),  in welcher Weise dieser Herr Amend jedoch zum Buch beigetragen hat, ist mir nicht ersichtlich geworden. Ein einziges Mal noch findet er Erwähnung im Klappentext auf der hinteren Umschlagseite. So bleibt die Frage, warum steht der Name da? unbeantwortet….

… und last not least: Greifen sie zu, die einmalige Gelegenheit: Sieben Kapitel zum Preis von sechsen! Denn wie anders soll man es interpretieren, wenn der Verlag auf seiner Ankündigungseite für den Titel davon redet: Anhand der Geschichte zweier jungen Frauen zeigt Prof. Dr. med. Sven Gottschling in einem Bonuskapitel, … [steht wirklich so mitsamt des grammatikalischen Stolpersteins auf der Webseite, Stand: 03.05.2017; Hervorhebung von mir].


… und dennoch: diese letzten Kritikpunkte haben leicht ersichtlich nichts mit der inneren Qualität des Buches zu tun. Jeder, der sich über das traurige und leidvolle Thema ‚Sterben und Tod‘ kundig machen will, auch weil es unter Umständen ganz akut geworden ist im familiären, persönlichen Umfeld, sollte Gottschlings Buch ganz oben auf seine Liste der Bücher setzen, die es in die engere Auswahl zu nehmen gilt. Mich hat es jedenfalls überzeugt.

Links und Anmerkungen:

[1] … und zwar: John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter und Jenny Downham: Bevor ich sterbe (Die Links führen zu den Besprechungen hier im Blog)
[2] ich denke hier jetzt an das (ebenfalls empfehlenswerte) Buch von Matthias Thöns: Patient ohne Verfügung, erschienen im Piper Verlag, das ich hier irgendwann noch vorstellen werden
[3] Wer etwas tiefer in den ‚Schmerz eintauchen‘ will, dem kann ich das gleichnamige Buch von Amrei Wittwer und Gerd Folkers empfehlen (https://radiergummi.wordpress.com/..schmerz/)

Mehr hier auf dem Blog zum Themenkomplex ‚Krankheit, Sterben, Tod und Trauer‘ vorgestellte Bücher sind über dieses Inhaltsverzeichnis zu finden: https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Sven Gottschling/Lars Amend
Leben bis zuletzt
Originalausgabe: S. Fischer Verlage, Klappenbroschur, ca. 270 S., 2017

Susann Pásztors [1] neuer Roman um den ehrenamtlichen Hospizbegleiter Fred Wiener, der die ca. sechzigjährige krebskranke Karla Jenner-García auf ihrem letzten Lebensabschnitt begleiten will, interessierte mich natürlich auch schon deswegen sehr, weil ich selbst ehrenamtlicher Hospizbegleiter bin. So kommt mir die den Roman eröffnende Eingangssituation – der Protagonist steht unsicher und nervös vor dem Haus seiner Begleitung, was weiß Gott so nicht sein sollte [2] – bekannt vor: genauso habe ich bei meiner ersten Begleitung dagestanden….. Déjà-vu….


Es gibt Menschen, die sind einem vom ersten Moment an unsympathisch. Der in den Vierzigern stehende, kugelig aussehende Fred Wiener, über dessen Leben der Begriff ‚Versager‘ schwebt, gehört für mich dazu. Dieser Fred Wiener, von Arbeitskollegen hin und wieder auch ‚Wiener Würstchen‘ tituliert, begegnet uns in zwei Rollen: einmal als ehrenamtlicher Hospizbegleiter und dann noch als alleinerziehender Vater. Beide Rollen gewinnen im Lauf der Entwicklung einige Überschneidungspunkte.

Meine Sympathien lagen jedoch von Beginn an bei Karla, der zweiten, eigentlichen Hauptfigur des Romans, die schroff, abweisend, sarkastisch und unzugänglich ist und der Fred in seiner Ehrenamtsfunktion begegnet. Warum Karla, diese sehr auf sich zurück gezogene Frau überhaupt die Begleitung durch einen Fremden erbeten hat, ist mir unklar geblieben, aber das ist schließlich die Freiheit der Autorin in ihrer fiktiven Geschichte. Bei Karla also meine Sympathien und bei Philipp, oh Entschuldigung, bei Phil, dem fast schon vierzehnjährigen Sohn Wieners aus der geschiedenen Ehe mit Sabine. Phil ist rein von der Statur her etwas kurz geraten, das ist einfach so, die mittlerweile neu liierte und der Esoterik ergebene Mutter versucht ihn per Telefon und Postpaket mit positiver Energie und Wachstumsmitteln zu heilen. Das ist lieb gemeint, nervt aber sowohl den Vater als natürlich erst recht den Sohn.

Phil ist der Lyrik zugeneigt, er schreibt Gedichte und ist unter einen Pseudonym in einem Lyrikforum unterwegs. Sein Höchstes ist es, als eins seiner Gedichte zum Gedicht des Monats gewählt wird; ansonsten ist er eher ein Einzelgänger. Daß er prinzipiell alles isst, was Fred auf den Tisch bringt, ganz einfach, weil ihm Essen völlig egal ist, vereinfacht das tägliche Leben der beiden. Rührend ist der Beginn der Pubertät beim Knaben, der ihn immer wieder in schwärmerische Momente gleiten läßt.

Eine kurzen Eindruck von Karlas Wesen habe ich schon gegeben. Karla leidet unter einem metastasierten Pankreas-Karzinom, hat die letzte Chemo abgebrochen: der zu erwartende Zeitaufschub stand für sie in keinem vernünftigen Verhältnis zu den heftigen Nebenwirkungen der Behandlung. Karla hat ein bewegtes Leben geführt, war viel in Amerika unterwegs, offensichtlich als Fan der Grateful Dead, hat auch lange auf Ibiza gelebt und ist kürzlich wieder zurück nach Deutschland gekommen; sie war bis zum Ausbruch der Krankheit wohl kein Kind von Traurigkeit. Die vielen Konzerte ihrer Lieblinge, die sich besucht hat, hat der treue Fan in tausenden von Fotos dokumentiert. Verwandte hat sie offensichtlich keine außer einer Schwester, die sie aber seit über vier Jahrzehnte nicht mehr gesprochen hat – gleichwohl kennt sie deren aktuelle Telefonnummer und hinterlegt sie im Hospiz. Der Riss zwischen den beiden Frauen, muss man nach Andeutungen vermuten, reicht tief in die Kindheit hinein, das Verhältnis zum Vater scheint – ohne daß dies näher ausgeführt wird – nun ja, problematisch gewesen zu sein.

Zwei weitere Personen seien noch erwähnt. Das ist zum einen Klaffki, ein etwas prolliger Mann mit einem Herzen aus Gold, der im gleichen Haus wie Karla wohnt und dort manchmal den Hausmeister gibt und weiterhin Rona, eine junge Frau, die öfters ein Date hat in der Wohnung über Karla. Im normalen Leben ist sie Studentin und bedient in einer Wirtschaft. Sie versorgt Karla zu deren Belustigung (ihr Appetit ist eher gering) mit Essen und Phil verknallt sich heftig in sie.

Damit wäre die Ausgangsituation der Geschichte, die um den Jahreswechsel 2015/16 spielt, grob umrissen.


„…Vielleicht möchte ich lernen,
es auszuhalten,

daß Menschen sterben.“ –
„Sie wollen das erst lernen?
Sie können das noch nicht?“

Fred, dessen Antwort auf die Frage Karlas nach seiner Motivation, Sterbebegleiter zu werden, von ihr eiskalt gekontert wird, will etwas für Karla tun, er ist ja schließlich nicht zum Spaß dort, sondern will etwas bezwecken. Doch Karla hat genaue Vorstellungen von dem, was sie möchte, was ihr gut tut, was sie haben will – leider fragt Fred sie nicht danach bzw. ignoriert es. So bleibt dieses erste Treffen recht kurz und unbefriedigend, aber immerhin duldet Karla ihn noch als ihren Begleiter – zu ihren Bedingungen.

Weihnachten naht und für Fred ist es klar, daß sich jeder Mensch über Weihnachten freut, sich der feierlichen Atmosphäre nicht entziehen kann. Außerdem hat er (vermute ich) gelernt, daß es sich leichter stirbt, wenn man den Streit, in den das Leben einen möglicherweise verstrickt hat, vor dem Tod beendet und sich versöhnt…. Fred hat da so eine Idee….

…. mit der er mächtig baden geht, auf ganzer Linie scheitert. Fred lernt auf die harte Tour, daß ein Sterbender nicht dazu da ist, den Vorstellungen eines Hospizbegleiters über das, was ihm gut tut, nachzukommen.

Der Plot des Romans ist vorhersehbar, es kann nicht anders sein bei dieser Ausgangssituation. Deswegen verrate ich nicht allzu viel, wenn ich sage, daß Karla sterben wird, daß Fred durch dieses tiefe Tal der Frustration gehen muss, aber dann seine zweite Chance erhält – dank Klaffki, dem Fan von Werder Bremen. Letztlich, auch wenn dies etwas seltsam klingt im Zusammenhang mit ‚Sterben‘, gönnt die Autorin allen Beteiligten ein gutes Ende, Karla einen guten Tod und den sie begleitenden Personen eine gute Begleitung. Susann Pásztor vermeidet es, alle Geheimnisse zu lüften, sie läßt, dem Charakter Karlas entsprechend, einiges im Dunkel der Vergangenheit ruhen, es ist im Angesicht des baldigen Todes unwichtig geworden und soll im Vergessen ruhen.

Der Roman hat in den letzten Passagen durchaus seine tränentreibenden Momente. Seltsamerweise – zumindest geht es mir so – berührt ein ‚guter‘ Tod mehr als ein Sterben, das mit Kampf verbunden ist, in dem der Körper und/oder die Seele nicht loslassen kann. Vielleicht liegt es daran, daß man in so einem Fall wie bei Karla nicht abgelenkt wird durch Aktivitäten, mit denen man versucht, das Leid des Betroffenen doch noch zu lindern. Ich weiß es nicht, vielleicht täusche ich mich auch in meiner Wahrnehmung und andere empfinden anders.

Karla ist ihr Sterben sehr bewusst angegangen: Offen gesagt, mein Sterben kotzt mich die meiste Zeit an. … Es gibt aber auch Momente, in denen ich mich durchaus privilegiert fühle. Ich kann mich mit dem Tod so intensiv auseinandersetzen, wie ich es möchte und aushalte. … .

Die Krankheit (Pàsztor hat sich eine ausgesucht, die wenig Alternativen läßt) schreitet voran, Karlas Tod ist sicher. Sie macht dies mit sich selbst aus, ringt im Verborgenen mit den Dämonen, die sie möglicherweise heimsuchen. Nur ein einziges Mal öffnet sie sich in diesen wenigen Monaten einem anderen Menschen emotional, sucht sie aktiv Nähe und Wärme, es ist ein unendlich tröstender und unendlich trauriger Abschied, den sie nimmt und den sie braucht, um den Rest des Weges weiterzugehen….


„Riskierst du eigentlich auch ab und zu mal was?“

Für Fred ist diese Begegnung mit Karla ein Wendepunkt im Leben. Die Ehe mit Sabine wurde damals schon mit fragwürdiger Motivation geschlossen und das Scheitern war keineswegs überraschend. Beruflich ist Fred zwar abgesichert, aber ohne Aussicht auf Erwähnenswertes und er begann die Hospizarbeit auch mit dem ihm selbst vielleicht gar nicht bewussten Motiv, daß er überhaupt etwas Interessantes über sich erzählen kann. Und dann gerät er gleich an Karla, die ihn aus all seinen Illusionen holt, er kollidiert heftig mit der Realität: der innere Friede, den die Begleitung eines Sterbenden bringen kann, ist jedenfalls auf seine Art und Weise nicht zu erlangen. Diese Erkenntnis erschüttert ihn, er reift in seiner gesamten Persönlichkeit an dieser Erfahrung, gewinnt Kontur und seine auf den ersten Blick möglicherweise als Schwäche erscheinende ‚Unterordnung‘ unter Karlas Bedürfnissen ist in Wirklichkeit eine Stärke: die nämlich, anzuerkennen, daß es nur um Karla geht. Diese Fähigkeit, die Bedürfnisse oder Wünsche anderer zu berücksichtigen, schlägt sich auch in der Beziehung zu seinem Sohn nieder.


Pásztors Text enthält sehr schöne Passagen, von denen ich ein Bespiel hier zitieren möchte. Fred wird nach seinem ersten ‚Scheitern‘ bei Karla angeboten, im stationären Hospiz Sitzwachen zu machen. Er hatte von seiner ersten Sitzwache an eine Art meditatives Einvernehmen gespürt, einen Raum, in dem alles absolut in Ordnung war, weil es Gesetzen gehorchte, die seit Ewigkeiten gültig warnen und die sowieso keiner verstand, eine Hingabe, die alles mitnahm, was ihn belastete,  und das war nicht wenig. In solchen Momenten, fand er die Aussicht, eines Tages selbst irgendwo zu liegen und nichts weiter tun zu müssen, als zu sterben, ausgesprochen tröstlich.

Ja, so ist es, es ist ein unendlich tiefer, tröstender Friede, der sich in der Gegenwart eines Sterbenden ausbreitet und von dem man auch als Begleiter eingehüllt wird. Vielleicht ist es tatsächlich genau das, was Pásztor schreibt, die nicht mir der Ratio, sondern mit der Wahrnehmung oder der Intuition erfasste Tatsache, daß das Sterben im Rahmen eines ewigen Gesetzes, dem das Leben gehorcht, notwendig, sinnvoll und gut ist.


Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster ist nicht nur ein Roman, sondern gibt auch eine durchaus realistische, wenngleich etwas idealisierte Darstellung einer Sterbebegleitung. Mit ‚idealisiert‘ meine ich, daß es nicht die Regel sein dürfte, daß eine alleinstehende, eigensinnige Person wie Karla von drei Menschen (Fred, Phil und Rona) so intensiv begleitet wird (und Klaffki muss man im Grunde ja auch noch mit einschließen) und sie dazu noch eine so intensive pflegerische und ärztliche Betreuung erhält. Das ist zwar wünschenswert, wird im realen Leben meist weniger intensiv sein. Aber die Tätigkeit in einer Sterbebegleitung ist so, wie sie Pásztor darstellt, mit ihren Höhen und Tiefen, mit ihren Fallstricken und ‚Erfolgsmomenten‘. Wobei sich, und dies ist ein sehr legales Motiv, als Hospizbegleiter tätig zu sein (und zu werden….), dieser ‚Erfolg‘ auf beiden Seiten zeigt: der/die Sterbende wird begleitet, ist nicht allein, hat einen Menschen, auf den er mit seinem Leid zugreifen kann und der Begleiter kann im Zusammensein mit seinem Patienten Momente tiefsten Friedens und großer Befriedigung erleben. ‚Kann‘ erleben soll heißen, daß das Sterben eines Menschen nicht gut sein muss, schwer sein kann, ob er nun aus Angst oder aus anderen Gründen seinen Tod nicht zulassen kann oder ob einfach der Körper, das Herz, nicht aufhören will zu schlagen, obwohl das Menschlein sichtbar am Ende seiner Reise angekommen ist. Solche Fälle können den Begleiter selbstverständlich belasten, aber um damit umgehen zu können, ist die von Pásztor ebenfalls in ihrem Roman eingearbeitete Supervision, die Begleitung der Begleiter, da.

Aus diesen Gründen ist Pásztors Roman ist für mich auch ‚Werbung‘ für das Ehrenamt einer/s Hospizbegleiters/in.


Der Roman selbst in in relativ kurze Kapitel unterteilt, die einzelnen Personen gewidmet sind: Fred natürlich, Phil und Gudrun (der Schwester Karlas). Karla selbst in allen Abschnitten Thema, ihre eigenen Kapitel sind jeweils eine Seite mit für sich stehenden, hingeworfen erscheinenden Sätzen oder Fragmenten oder auch wie hier Zeilen aus einem Gedicht [3]

but I’ve promises to keep
a
nd miles to go before I sleep
and miles to go before I sleep

Die Herkunft mancher dieser Sätze wird ganz am Schluss des Buches klar.

Trotz der Schwere des Themas liest sich der Text leicht und ist über weite Teile durchaus unterhaltsam, es ist keineswegs so, daß einem beim Lesen in jedem Abschnitt Betroffenheit entgegenquillt. Pásztor schildert das ganz normale Leben mit seinen Problemen, seinen Höhe- und Tiefpunkten, an denen auch Karla ihren Anteil hat. So wie sie ihrer – ich bin fast versucht, zu sagen – Ersatzfamilie nicht alles offenbart und sich oft zurückzieht, so schildert auch die Autorin eher die Lebensmomente von Karla und nicht so sehr die Schmerzen und das Leid.

Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster könnte für jemanden, der dem Thema ‚Sterben‘ bislang ausgewichen ist, ein guter Moment sein, sich zum ersten Mal damit auseinanderzusetzen.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Susann_Pásztor
[2] Der Erstbesuch einer häuslichen Begleitung sollte eigentlich von einer Hospizfachkraft erfolgen, um dabei die spezielle Situation abzuklären. Den Ehrenamtler allein, noch dazu bei seiner ersten Begleitung überhaupt, zu seiner Mission zu schicken, ist daher fachlich zweifelhaft. Zum Thema Erstbesuch hier zwei willkürlich herausgegriffene Webseiten: http://www.albatros-hospiz.de/hospizarbeit/begleitung-ambulant/ bzw. http://www.betanet.de/betanet/soziales_recht/Ambulante-Hospizdienste-706.html, aus denen sich das auch ergibt.
[3] … von Robert Frost. Vgl hier: https://literarydevices.net/miles-to-go-before-i-sleep/

Eine Übersicht über weitere Bücher, die ich zum Themenkomples: Krankheit, Sterben, Tod und Trauer vorgestellt habe, ist hier zugänglich: https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/, ferner sammele ich Infos zum Thema in dieser Facebook-Gruppe: https://www.facebook.com/SterbenTrauerTod/

Von Susann Pásztor habe ich auf meinen Blog bislang ihren Roman Ein fabelhafter Lügner vorgestellt.

Susann Pásztor
Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster
Originalausgabe: Kiepenheuer&Witsch, HC, 288 S., 2017

Ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Erni Kutter: Schwester Tod

11. Januar 2017

erni

Wird ein Mensch (oder allgemein: ein Lebewesen) geboren, so ist eins absolut sicher: er/es wird wieder sterben. Geburt und Tod gehören zusammen, sind die beiden Seiten des Lebens, sind beide gleich notwendig, damit Leben überhaupt existieren kann. Seit altersher sind Geburt und Tod, geboren werden und sterben, Domänen der Frauen. Sie waren es, die die Gebärenden begleiteten und umsorgten, sie waren es, die den letzten Gang eines Menschen mitgingen, ihn gestalteten und den Sterbenden vorbereiteten für sein Ankommen in der Anderswelt. Denn das es diese Anderswelt gibt, daß mit dem Tod nicht alles vorbei ist und endet, dessen war man sich sicher und durch diese Überzeugung wurde der Tod als einer Art Geburt in diese Anderswelt hinein interpretiert. Diese Vorstellung, daß die Toten, oder auch ihre Seelen, weiterexistieren, ist weltweit verbreitet, in vielen Kulturen werden die Ahnen verehrt, bei bestimmten Festen heraufbeschworen, ist es Pflicht der Nachkommen, für das Wohlergehen der Ahnen in der anderen Welt zu sorgen.

Dieses uralte Wissen um Sterben und Tod ist ebenso wie die tragende Funktion der Frau bei diesen Prozessen im Lauf der Zeit immer mehr verloren gegangen. Das Sterben ist zum großen Teil ausgelagert worden in Krankenhäuser und Pflegeheime, die Bestattungen werden von meist männlich geführten Bestattungsunternehmen nach bewährten Abläufen, die wenig Raum für individuelle Bedürfnisse lassen, abgewickelt. Finanzielle Aspekte spielen oftmals eine größere Rolle als eine auf die seelischen Bedürfnisse der Hinterbliebenen abgestimmte und ausgelegte Beerdigungsfeier.


Dem will Erni Kutter in ihrem Buch über die Schwester Tod Abhilfe schaffen.

Das Buch ist in fünf Abschnitte gegliedert:

  • Vorbereitung auf den Tod
  • Sterbebegleitung und Seelengeleit
  • Übergangszeit zwischen Tod und Beerdigung
  • Abschiedsfeier – Trauerritual – Beisetzung
  • Eine Erinnerungs- und Gedenkultur gestalten.

Inhaltlich gibt es zwei Schwerpunkte, denen sich Kutter besonders widmet:

Einserseits will sie aufzeigen, wo die Wurzeln weiblicher Trauerkultur liegen und wie es gekommen ist, daß diese im Mittelalter sukzessive in Vergessenheit geraten sind. Am ungewohntesten für die meisten von uns wird wohl in diesem Zusammenhang die Darstellung des weiblich personifizierten Todes, der ‚Tödin‘ sein, die durch das uns so gebräuchliche Bild des (männlichen) Sensenmannes, des harten, mit den Knochen klappernden Skeletts abgelöst und unterdrückt worden ist. Kutter weist auf den 1963 verstorbenen Volkskundler Josef Hanika hin, der entsprechende Sagen und Überlieferungen gesammelt hat, die sich bis zur Vertreibung nach 1945 in einer relativ isoliert lebenden Volksgruppen in der Niederen Tatra, die vor Jahrhunderten aus dem bayerischen Raum dorthin eingewandert war, gehalten hatten [3].

Die Tödin ist Herrin über Geburt und Tod, aber auch Wächterin kindlicher Seelen, oft tritt sie freundlich, lebenslustig und gewitzt in Erscheinung. Sie beruhigt die Menschen, zu denen sie kommt, erfüllt ihnen auch Wünsche. Garstig wird sie oft gegen Männer, die ihre Frauen und Kinder schlecht behandelt. Hinweise auf diese alte Sagengestalt, die nach der Christianisierung peu a peu unterdrückt worden ist finden sich wie schon gesagt, in Märchen und Überlieferungen, hier überlebte die Tödin beispielsweise in Gestalt der Holla oder der Percha.

Bei der Christianisierung wurden viele der alten Traditionen in neuem Gewand übernommen. So überlebten alte Frauenfiguren nicht nur in Märchen- und Sagenfiguren, wie die erwähnte Tödin, sondern auch in Person von Heiliginnen. Diese erfüllen bestimmte Funktionen und Aufgabenbereiche im Sterbeprozess und begleiten und beschützen die Sterbenden und ihre Angehörigen in den unterschiedlichen Phasen. In vielen Kirchen findet man noch heute Figuren dieser Heiliginnen mit den entsprechenden Symbolen. Notburga mit der Sichel, Barbara mit dem Kelch, Katherina mit Rad und Schwert, Ursula als Fährfrau mit Schiff und Pfeil oder die mütterliche Anna, aber auch Christopherus und Michael sind solche Seelenbegleiter und -beschützer [4].

Im zweiten Schwerpunkt des Buches beschreibt Kutter in den jeweiligen Abschnitten praxisnah, welche Herausforderungen diese Vorgänge oder Abläufe darstellen, welche Bedürfnisse zu befriedigen sind und welche Möglichkeiten man als Begleiter, als Mitmensch hat, dem gerecht zu werden. Da wir fast alle verlernt haben, daß das Sterben ein natürlicher Vorgang ist, sind wir in der Nähe von Sterbenden oft unsicher und befangen, wissen nicht, was wir tun können, sollen oder müssen. Was redet man zum Beispiel? Eine typische Frage unserer Zeit… Kutter macht klar, daß es jetzt auf´s Reden nicht mehr ankommt, keineswegs jedenfalls auf falsche Versprechungen und Tröstungen. ‚Da-Sein‘ ist wichtig, Handhalten, auf den Atem hören, Einklang herstellen mit dem dem/der, die sich dort auf´s gehen vorbereitet. Hier und auch natürlich später können (kleine) Rituale eine große Hilfe sein, sie bauen Sicherheit auf und trösten und entlasten.

Kutter gibt eine Fülle von Beispielen für solche Rituale oder ritualisierten Tätigkeiten, die auch nach dem Tod für die Hinterbliebenen eine große Hilfe sein können. Die Aussegnung durch einen Geistlichen, ein Abschiedsritual am Sterbebett. Totenwaschung und Totenwache, die häusliche Aufbahrung – so ungewohnt das klingt, so segensreich können diese Tätigkeiten wirken, ermöglichen sie doch das ‚Begreifen‚ und behutsame Hinübergleiten in das Akzeptieren des Endgültigen. Auch beschreibt Kutter, wie man auf uralte Traditionen wie der der ‚Sterbeammen‘ und ‚Seelenwächterinnen‘ zurückgreifen kann.

Weitere Beispiele für hilfreiche Tätigkeiten beziehen sich auf die Gestaltung der Bestattungsfeier, für die es viele alte, unbekannt gewordene Abschieds- und Gedenkbräuche gibt, Grabbeigaben und Seelengebäck sind nur zwei Beispiele. Auch die Gestaltung des Grabes mit dem Grabstein bietet Möglichkeiten eines individuellen Erinnerns an den Verstorbenen.

Ein Anhang des Buches führt Beispiele an für Gebete, Segensworte oder Gedichte im Umkreis von Sterben und Tod.


Der Mensch hat von seiner Natur aus, diese meine Überzeugung finde ich in diesem Buch von Kuttner wieder, die Ressourcen, mit Verlusterfahrungen, auch mit so großen, wie es der Tod eines lieben Menschen – oder sogar der zu erwartende eigene – umzugehen. Was er in der modernen Gesellschaft verloren hat, ist das Wissen um diese Ressourcen und in der Folge davon, die Fähigkeit, sie zu nutzen. Während Menschen in früheren Tagen fast immer schon als Kind in Berührung mit Verstorbenen kamen und die entsprechenden Handreichungen und Rituale miterlebten, haben heutzutage viele Erwachsene noch keinen Leichnam gesehen – und entsprechende Berührungsängste. Unsicherheit herrscht – was muss ich jetzt machen? Meist wird das, was nun zu machen ist, an den Bestattungsunternehmen delegiert, das segensreiche, tröstende, helfende eigene Agieren unterbleibt fast immer.

Kuttner erinnert in ihrem Buch an dieses alte Wissen, das in früheren Zeiten eine Domäne der Frauen war. Sie, die Geburt und Tod zuhause erlebten und begleiteten, wussten um Rituale, kannten die aus uralten Zeiten mit ins Christentum übertragenen spirituellen Begleiter, die zu den diversen Heiligen, die jeweils ihre spezifischen Wirkungsfelder im Sterbeprozess hatten. Aus diesem traditionellen Wissen heraus lassen sich auch für die heutige Zeit Rituale, Symbole und Handlungen ableiten, die das erst einmal Unfassbare des Todes erträglich machen. Daß dies nicht nur theoretisches Wissen ist, untermauert die Autorin mit vielen Beispielen. So ist Schwester Tod ein hilfreiches und auch ein tröstliches Buch, es unterstützt und begleitet bei der vorbereitenden Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Sterben und Tod‘, indem es Wissen und Wege zeigt, mit diesem Unglück umzugehen.

Viele Abbildungen lockern den Text, der die beiden inhaltlichen Schwerpunkte, die Kutter gesetzt hat, verzahnt wiedergibt (also nicht nacheinander ‚abarbeitet‘, die Figur der ‚Tödin‘ wird beispielsweise im zweiten Kapitel eingeführt, ihr wird aber auch noch einmal ein eigenes, abschließendes Kapitel am Ende des Buches gewidmet), auf. Diese Verzahnung erschwert es ein wenig, bestimmte Stellen wieder zu finden, andererseits ist das Buch ja nicht so umfangreich, als daß man darin schnell blättern könnte. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis ermöglicht dem Leser einen vertieften Einstieg in bestimmte Aspekte des Themas.

Summa summarum kann Schwester Tod nur empfohlen werden, dieser ‚weibliche‘ Zugang zum Thema ‚Sterben‘ bietet eine Fülle neuer Aspekte und hilft die klaffende Lücke von der gegenwärtigen Sprachlosigkeit hin zum tröstenden traditionellen Umgang mit dem Tod zu überbrücken.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenseite von Erni Kutter:  https://www.randomhouse.de/Autor/Erni-Kutter/p181875.rhd
[2] ein Beispiel für eine Sage, in der Tod und Tödin auftreten ist z.B. hier zu finden: http://www.sagen.at/texte/sagen/oesterreich/kaernten/graber/tod_toedin.html
[3] siehe z.B. hier: http://www.kbl.badw.de/bjv/1954.pdf).
[4] im Kleinen Göttinnen-Lexikon sind viele der alten Göttinnen, die auch Kutter erklärt, aufgeführt und beschrieben: http://www.frauenwissen.at/goettinnenlexikon.php#bethen).

Erni Kutter
Schwester Tod
Weibliche Trauerkultur – Abschiedsrituale – Gedenkbräuche – Erinnerungsfeste
Erstausgabe: Kösel, 2010
dieses Ausgabe: Kösel, Paperback, ca. 200 S., 3. Aufl. 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars

hannah

Hannah ist ein aufgewecktes, selbstbewusstes Mädchen von zehn Jahren. Sie liebt Worte wie ‚Hannah‘, ‚Uhu‘, ‚Reittier‘ oder ‚Retter Lego Vogel‘. Palindrome nennt man solche Worte (oder Zahlen) und das Wort ‚tot‚ gehört dazu und es gefällt Hannah sehr gut, weil es auch so schön aussieht: die zwei Kreuze am Anfang und am Ende und das unendliche O in der Mitte. Andererseits: ‚der Tod‘ wird mit ‚d‘ am Ende geschrieben und was ist das überhaupt, der Tod? Seit Hannah zurückdenken kann, ist sie lebendig….. und ‚mausetot‘: auch so ein seltsamer Begriff. Es wird Zeit, daß sich jemand ernsthaft mit dem Tod befasst. Jemand wie Hannah, der Nachfragerin.

So ungefähr läßt Diana Hillebrand ihr wunderschönes Jugendbuch über das Sterben, den Tod und den Friedhof beginnen. Zusammen mit Hannah, ihrer Mutter und einem Dritten, dem Friedhofsgärtner Florian Tod, begegnen wir vielen Fragen, auf die altersgerechte Antworten gegeben werden.

Zuerst jedenfalls überredet Hannah ihre Mutter, die wie auch der Opa über das plötzliche Interesse des Kindes am ‚Tod‘ etwas erstaunt und irritiert sind, mit ihr auf einen Friedhof zu gehen. Es ist dies schon die erste Lektion Hillebrands für uns: Kinder gehen mit dem Tod erst einmal unbefangen um, er ist für sie ein Rätsel, eine offene Frage, die es zu beantworten gilt, wenn sie zum Beispiel seltsame Formulierungen lesen wie ‚ist heimgegangen‘ oder ‚ist entschlafen‘.

Hannah empfindet den Friedhof zu ihrer Überraschung als einen schönen Ort voller Leben. So viele Tiere, die sie hier sieht und hört! Und so schöne Grabsteine, zum Teil so wild überwachsen vom Efeu. Und dann dieser seltsame Mensch, der auf sie und ihre Mutter drauf zu läuft, die Mutter, die gar nicht weiß, was ihr geschieht, in den Arm nimmt und feste drückt. Aber dann erkennt sie ihn, es ist ihr früherer bester Schulfreund, der damals so schnell verschwand und den sie nie wieder getroffen hat – bis jetzt. Hannah sollte sich schnell mit dem langen Lulatsch, der auch noch Florian Tod hieß, der zudem noch auf dem Friedhof wohnt, anfreunden.

Sie besucht ihn die nächsten Tage häufig, läßt sich die Trauerhalle von ihm zeigen, erklären, wie eine Bestattung abläuft, wie auch andere Kulturen ihre Verstorbenen beerdigen. Hannah ist ganz erstaunt, wie unterschiedlich das doch ist, mal traurig, mal ernst, mal mit Musik und dann auch wieder ganz anders. So wie auch die Vorstellungen, was nach dem Tod geschieht, ob man in einen Himmel kommt, ob man dort arbeiten muss oder immer Freizeit hat…. und das ein Sarg nicht immer nur so aussehen muss wie eine Holzkiste, sondern ganz, ganz anders sein kann, bunt und wie Elefant aussehen, das erzählt Florian seiner kleinen Freundin auch.

Natürlich hat Hannah auch einen Papa, und durch diesen Papa lernt sie die Angst kennen. Der ist nämlich Kriegsberichterstatter und im Moment in Nahen Osten. Und da ist er immer in Gefahr und einmal müssen Hannah und ihre Mutter sogar ganz große Angst ausstehen. Ja, sterben hat auch was mit Angst zu tun!

Gegen die Angst vorm eigenen Sterben oder als Vorbereitung darauf hilft vielleicht die Löffelliste, von der die Mama erzählt. Uiii… alles aufschreiben, was man noch vorhat und machen will im Leben.. das macht auch Spaß! Zusammen mit Leni, ihrer Freundin, machen die beiden Mädchen so eine Liste für sich und tragen die Idee auch in die Schule. Denn trotz aller Gedanken über Sterben und Tod ist Hannah ein lebenslustige Mädchen, das ihr Leben leben will, voller Freude und Optimismus!


Die Frage von Kindern nach dem Tod hat mit der Frage, wo die Babys herkommen, zumindest eins gemeinsam: die Probleme, sie zu beantworten, liegen nicht bei den Kindern, sondern bei den Erwachsenen. Wie sag ich´s meinem Kinde…..

Hillebrands Buch zu lesen hat mir sehr viel Freude gemacht, ich halte es für einen wunderbaren Führer durch alle mit diesen Thema verbundenen Fragen. Das Buch kombiniert eine kleine, unterhaltsame Familiengeschichte mit einer kindgerechter Aufarbeitung der verschiedenen Aspekte rund um´s Sterben. Die Illustrationen von Duckstein sind bunt, fröhlich und lebendig und auf diversen Thementafeln werden Informationen aufbereitet: welche Symbole beispielsweise gibt es für den Tod, welche Arten von Bestattungen kennt man oder wie sehen rund um die Welt Grabmäler aus? Schön ist, daß in diesen Schaubildern (wie auch im Text) immer wieder auch Riten und Traditionen anderer Kulturkreise bzw Religionen erläutert werden.

Was soll ich zum Schluss sagen? Hannah lüftet Friedhofsgeheimnisse ist für mein Dafürhalten ein Buch, daß vielleicht sogar nicht nur für Kinder absolut empfehlenswert ist. Nicht nur deshalb ist es ratsam, es gemeinsam mit den Kindern zu lesen.
Ich freue mich, daß ich durch madameflamusse [1] auf das Buch aufmerksam geworden bin.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Besprechung des Buches von madameflamusse:  https://reingelesen.wordpress.com/2016/11/30/friedhofsgeheimnisse-erklaert/

zum Buch gibt es einen Video-Trailer bei youtube

Weitere Buchvorstellung vom mir zum Themenkreis: Krankheit, Sterben, Tod und Trauer sind über dieses Autorenverzeichnis zugänglich: https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Diana Hillebrand
Hannah lüftet Friedhofsgeheimnisse
Eine Geschichte über den Tod und was danach kommt
Mit Illustrationen von Stefanie Duckstein
diese Ausgabe: Kösel, HC, ca. 160 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

weiterleben

Die Autorin dieses Buches mit Schicksalen von Menschen, die mit dem Tod geliebter Menschen weiterleben müssen, habe ich vor einiger Zeit schon mit ihrem ersten Buch Dieser Mensch war ich vorgestellt [2], in dem Menschen in der Art eines Nachrufs ihr eigenes Leben mit Höhen und Tiefen, mit dem, was es ihrer Meinung nach ausmachte, dargestellt haben. Weiterleben (was auch als Weiter Leben lesbar ist) dagegen läßt Menschen zu Wort kommen, die durch den Verlust von Kindern oder Partnern durch eine teilweise sehr intensive Trauer gegangen sind und die ihre Erfahrungen schildern, trotz ihrer Verzweiflung wieder ins Leben hinein zu kommen.

Christiane zu Salm, die hauptberuflich in der Medienbranche tätig ist, arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiterin. Durch den frühen Tod ihres Bruders war und ist ihr eigenes Leben und das ihrer Familie dauerhaft beeinflusst worden.


Die Autorin läßt in vierzehn Abschnitten Menschen ihre Schicksale schildern, es sind elf Frauen, die zu Wort kommen, zwei Männer und ein Paar, die Frauenschicksale sind also deutlich in der Überzahl. Es sind zum Teil sehr schwere Lebensläufe, die beschrieben werden, wenn beispielsweise bei einer Frau das Schicksal Mehrfachsuizide bei den Geschwistern, den Tod der Eltern und den Tod des Mannes umfasst, ist die Schwere dieser Schicksalsschläge kaum zu erahnen… Manche der Trauerfälle sind noch nicht so alt, manche der Verlusterfahrungen liegen schon Jahrzehnte zurück, sind aber in der Seele immer noch präsent.

So verschieden die Schicksale sind, die zu Salm schildert, lassen sich doch einige Gemeinsamkeiten bei ihnen herausspüren. Auch wenn die Idee der Phasenmodelle über das Trauern, daß also der Trauerprozess in bestimmten Phasen abläuft, mittlerweile überwunden ist, so sind doch die bekannten Ausprägungen des Trauerprozesses immer wieder festzustellen: das Unfassbare des eingetretenen Todes, das Verdrängen des Ereignisses, verbunden teilweise mit dem wie ferngesteuert Agieren auf einer rein funktionalen Ebene, Gefühle wie Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Angst auch und Wut und Zorn. Von Apathie und Handlungsunfähigkeit wird erzählt, von der Sprachlosigkeit innerhalb der Familie und von den Problemen, die bei Paaren auftreten, wenn Männer und Frauen unterschiedlich um ihr totes Kind trauern: viele Beziehungen zerbrechen daran, es besteht aber auch die Möglichkeit, durch diese Herausforderung sich wieder näher zu kommen.

Nähe und Begleitung zu spüren, hat vielen dieser Menschen in ihrem Schicksal geholfen, manche haben professionelle Hilfe von Therapeuten in Anspruch genommen. Manchmal musste das Leben wieder ganz ‚klein‘ begonnen werden, von Stunde zu Stunde geplant, was man jetzt macht und wenn das geschafft war, was dann zu machen war, bis die Tage wieder eine Struktur hatten, die Halt geben konnte. Oft war es die Notwendigkeit, für die Kinder zu sorgen, die nach dem Tod des Partner verhindert hat, daß der/die Trauernde ins Endlose fiel, manchmal gab der Glauben Kraft, manchmal stützte auch die Arbeit. Nicht selten gibt es Schuldgefühle, die belasten: man hätte doch eigentlich… wäre man doch…..

Aber irgendwann hat das Leben diese Trauernden wieder zu sich geholt, manchmal anfangs mit einer Prise Fatalismus, weil der Alltag, das Leben eben, einfach Ansprüche stellte – und weil die Trauer sich auch verändert im Lauf der Zeit und mit dieser Veränderung sind auch die Menschen anders geworden, haben sich andere Prioritäten gesetzt, gehorchen einer anderen Werteskala, sind einfühlsamer, aufmerksamer, ja: stärker geworden.


Zu Salms Buch ist eine Sammlung von Schicksalen, nicht weniger, aber leider auch kaum mehr. Diese Schicksale sind Beispiele für Menschen, die mit einem (oder mehreren) großen Trauerereignissen umgehen lernen mussten und dies geschafft haben. In einem kurzen Vorwort zieht die Autorin ein knappes Resümee dieser Lebensläufe und bindet dies in eine ebenso knapp gehaltene, allgemeine Betrachtung über das Phänomen Trauer ein. So kurz das Vorwort ist, so sehr regt gerade dies (im Gegensatz zu den persönlichen Schicksalen, die man nur mehr oder weniger erschüttert zur Kenntnis nehmen kann) zur Diskussion an.

… gehört sie [i.e. die Trauer] sogar wirklich zu den größten und wichtigsten Aufgaben, die das Leben an uns stellt? Ist eine solche These nicht vielmehr eher geeignet, dieses zweifelsohne sehr schwere Thema noch zusätzlich mit Versagensgsangst zu belasten, indem sie als ‚Aufgabe‘ bezeichnet wird? Ist es nicht vielmehr so, daß Trauer zu den Grunderfahrungen des Mensch-Seins gehört : etwas zu verlieren, etwas loslassen zu müssen, was einem lieb ist, fängt im frühesten Kindesalter an und macht traurig bis hin zu dem Gefühl, Zeit und Raum unter den Füßen zu verlieren, sozusagen ins Bodenlose zu fallen. Aber da Traurigkeit und Trauer so fundamental sind, haben wir als Menschen auch innere Mechanismen entwickelt, damit umzugehen und die Verluste in unser Leben zu integrieren. ‚Das Leben geht weiter‘, dieser Spruch, der nach dem Verlust eines geliebten Menschen so überhaupt nicht trösten kann, er stimmt trotzdem, auf verschiedenen Ebenen, wie ja auch die von zu Salm beschriebenen Schicksale zeigen. Deswegen sehe ich Trauern nicht als Aufgabe, sondern als etwas, was geschieht, was wir zulassen müssen, akzeptieren müssen in der Art, wie es auftritt. Trauer ist ein natürlicher Prozess, die Seele braucht die Zeit, sich auf den Verlust des geliebten Menschen einzustellen, der Mensch braucht Zeit, sich in seinem Leben (das anders sein wird als vor diesem Tod) neu einzufinden. Dafür sind wir von der Natur aus gerüstet und nur bei den allerwenigsten Menschen zeigen sich Trauerprozesse, die ‚behandelt‘ werden müssen.

Auch kann man sich auf Trauer nicht vorbereiten. Auch bei dieser These zu Salms bin ich persönlich anderer Ansicht, denn ich bin überzeugt davon, daß die aktive Auseinandersetzung mit dem Thema Sterben und Tod auch den Trauerprozess, der nach dem Verlust eines geliebten Menschen einsetzt, positiv beeinflusst. Man kann damit nicht die Schwere des Verlustes, nicht die Wucht der Trauer beeinflussen, aber man kann die Angst vor der Trauer mindern (letztlich ist genau das ja der Impetus von zu Salm, dieses Buch zu veröffentlichen), man stärkt durch diese Auseinandersetzung die eigene Resilienz. Und es gibt natürlich auch ganz Konkretes, was man machen kann: aus eigener Erfahrung weiß ich, wie hilfreich es beispielsweise ist, dem Bestatter beim Zurechtmachen des/r Verstorbenen für die Aufbahrung und die Bestattung zu helfen. Sich vorzunehmen, das zu machen, ist Vorbereitung auf´s Trauern.


Ich schrieb vorstehend, da zu Salm in vierzehn Kapiteln Menschen zu Wort kommen ließ. Ich hoffe, diese Angabe stimmt, denn leider enthält das Buch kein Inhaltsverzeichnis. Auch ist den einzelnen Abschnitten nichts vorangestellt (oder als Zusammenfassung hinzugefügt), was einen kurzen Eindruck vermittelt, was die Autorin gerade an diesem Schicksal zeigen will, warum sie dieses Schicksal hier aufgenommen hat. Die einzelnen Abschnitte sind jeweils in der ‚Ich-Form wiedergegeben, ob die jeweiligen Personen diese Texte wirklich selbst verfasst haben, ob sie auf einem Interview beruhen, inwieweit zu Salm bearbeitet oder redigiert hat, auch das wird nicht leider nicht erwähnt.

So ist Weiter Leben nicht mehr, aber auch nicht weniger, als eine Sammlung von Beispielen für trauernde Menschen, die ins Leben zurückgefunden haben und die beschreiben, wie sie dies gemacht haben bzw. wie dies geschehen ist. Mit ein wenig mehr Aufwand hätte das Buch jedoch deutlich mehr sein können.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Christiane_Kofler
[2] Christiane zu Salm: Dieser Mensch war ich; Besprechung hier im Blog

Christiane zu Salm
Weiterleben
Nach dem Verlust eines geliebten Menschen
diese Ausgabe: Goldmann, HC, 256 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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