Erni Kutter: Schwester Tod

11. Januar 2017

erni

Wird ein Mensch (oder allgemein: ein Lebewesen) geboren, so ist eins absolut sicher: er/es wird wieder sterben. Geburt und Tod gehören zusammen, sind die beiden Seiten des Lebens, sind beide gleich notwendig, damit Leben überhaupt existieren kann. Seit altersher sind Geburt und Tod, geboren werden und sterben, Domänen der Frauen. Sie waren es, die die Gebärenden begleiteten und umsorgten, sie waren es, die den letzten Gang eines Menschen mitgingen, ihn gestalteten und den Sterbenden vorbereiteten für sein Ankommen in der Anderswelt. Denn das es diese Anderswelt gibt, daß mit dem Tod nicht alles vorbei ist und endet, dessen war man sich sicher und durch diese Überzeugung wurde der Tod als einer Art Geburt in diese Anderswelt hinein interpretiert. Diese Vorstellung, daß die Toten, oder auch ihre Seelen, weiterexistieren, ist weltweit verbreitet, in vielen Kulturen werden die Ahnen verehrt, bei bestimmten Festen heraufbeschworen, ist es Pflicht der Nachkommen, für das Wohlergehen der Ahnen in der anderen Welt zu sorgen.

Dieses uralte Wissen um Sterben und Tod ist ebenso wie die tragende Funktion der Frau bei diesen Prozessen im Lauf der Zeit immer mehr verloren gegangen. Das Sterben ist zum großen Teil ausgelagert worden in Krankenhäuser und Pflegeheime, die Bestattungen werden von meist männlich geführten Bestattungsunternehmen nach bewährten Abläufen, die wenig Raum für individuelle Bedürfnisse lassen, abgewickelt. Finanzielle Aspekte spielen oftmals eine größere Rolle als eine auf die seelischen Bedürfnisse der Hinterbliebenen abgestimmte und ausgelegte Beerdigungsfeier.


Dem will Erni Kutter in ihrem Buch über die Schwester Tod Abhilfe schaffen.

Das Buch ist in fünf Abschnitte gegliedert:

  • Vorbereitung auf den Tod
  • Sterbebegleitung und Seelengeleit
  • Übergangszeit zwischen Tod und Beerdigung
  • Abschiedsfeier – Trauerritual – Beisetzung
  • Eine Erinnerungs- und Gedenkultur gestalten.

Inhaltlich gibt es zwei Schwerpunkte, denen sich Kutter besonders widmet:

Einserseits will sie aufzeigen, wo die Wurzeln weiblicher Trauerkultur liegen und wie es gekommen ist, daß diese im Mittelalter sukzessive in Vergessenheit geraten sind. Am ungewohntesten für die meisten von uns wird wohl in diesem Zusammenhang die Darstellung des weiblich personifizierten Todes, der ‚Tödin‘ sein, die durch das uns so gebräuchliche Bild des (männlichen) Sensenmannes, des harten, mit den Knochen klappernden Skeletts abgelöst und unterdrückt worden ist. Kutter weist auf den 1963 verstorbenen Volkskundler Josef Hanika hin, der entsprechende Sagen und Überlieferungen gesammelt hat, die sich bis zur Vertreibung nach 1945 in einer relativ isoliert lebenden Volksgruppen in der Niederen Tatra, die vor Jahrhunderten aus dem bayerischen Raum dorthin eingewandert war, gehalten hatten [3].

Die Tödin ist Herrin über Geburt und Tod, aber auch Wächterin kindlicher Seelen, oft tritt sie freundlich, lebenslustig und gewitzt in Erscheinung. Sie beruhigt die Menschen, zu denen sie kommt, erfüllt ihnen auch Wünsche. Garstig wird sie oft gegen Männer, die ihre Frauen und Kinder schlecht behandelt. Hinweise auf diese alte Sagengestalt, die nach der Christianisierung peu a peu unterdrückt worden ist finden sich wie schon gesagt, in Märchen und Überlieferungen, hier überlebte die Tödin beispielsweise in Gestalt der Holla oder der Percha.

Bei der Christianisierung wurden viele der alten Traditionen in neuem Gewand übernommen. So überlebten alte Frauenfiguren nicht nur in Märchen- und Sagenfiguren, wie die erwähnte Tödin, sondern auch in Person von Heiliginnen. Diese erfüllen bestimmte Funktionen und Aufgabenbereiche im Sterbeprozess und begleiten und beschützen die Sterbenden und ihre Angehörigen in den unterschiedlichen Phasen. In vielen Kirchen findet man noch heute Figuren dieser Heiliginnen mit den entsprechenden Symbolen. Notburga mit der Sichel, Barbara mit dem Kelch, Katherina mit Rad und Schwert, Ursula als Fährfrau mit Schiff und Pfeil oder die mütterliche Anna, aber auch Christopherus und Michael sind solche Seelenbegleiter und -beschützer [4].

Im zweiten Schwerpunkt des Buches beschreibt Kutter in den jeweiligen Abschnitten praxisnah, welche Herausforderungen diese Vorgänge oder Abläufe darstellen, welche Bedürfnisse zu befriedigen sind und welche Möglichkeiten man als Begleiter, als Mitmensch hat, dem gerecht zu werden. Da wir fast alle verlernt haben, daß das Sterben ein natürlicher Vorgang ist, sind wir in der Nähe von Sterbenden oft unsicher und befangen, wissen nicht, was wir tun können, sollen oder müssen. Was redet man zum Beispiel? Eine typische Frage unserer Zeit… Kutter macht klar, daß es jetzt auf´s Reden nicht mehr ankommt, keineswegs jedenfalls auf falsche Versprechungen und Tröstungen. ‚Da-Sein‘ ist wichtig, Handhalten, auf den Atem hören, Einklang herstellen mit dem dem/der, die sich dort auf´s gehen vorbereitet. Hier und auch natürlich später können (kleine) Rituale eine große Hilfe sein, sie bauen Sicherheit auf und trösten und entlasten.

Kutter gibt eine Fülle von Beispielen für solche Rituale oder ritualisierten Tätigkeiten, die auch nach dem Tod für die Hinterbliebenen eine große Hilfe sein können. Die Aussegnung durch einen Geistlichen, ein Abschiedsritual am Sterbebett. Totenwaschung und Totenwache, die häusliche Aufbahrung – so ungewohnt das klingt, so segensreich können diese Tätigkeiten wirken, ermöglichen sie doch das ‚Begreifen‚ und behutsame Hinübergleiten in das Akzeptieren des Endgültigen. Auch beschreibt Kutter, wie man auf uralte Traditionen wie der der ‚Sterbeammen‘ und ‚Seelenwächterinnen‘ zurückgreifen kann.

Weitere Beispiele für hilfreiche Tätigkeiten beziehen sich auf die Gestaltung der Bestattungsfeier, für die es viele alte, unbekannt gewordene Abschieds- und Gedenkbräuche gibt, Grabbeigaben und Seelengebäck sind nur zwei Beispiele. Auch die Gestaltung des Grabes mit dem Grabstein bietet Möglichkeiten eines individuellen Erinnerns an den Verstorbenen.

Ein Anhang des Buches führt Beispiele an für Gebete, Segensworte oder Gedichte im Umkreis von Sterben und Tod.


Der Mensch hat von seiner Natur aus, diese meine Überzeugung finde ich in diesem Buch von Kuttner wieder, die Ressourcen, mit Verlusterfahrungen, auch mit so großen, wie es der Tod eines lieben Menschen – oder sogar der zu erwartende eigene – umzugehen. Was er in der modernen Gesellschaft verloren hat, ist das Wissen um diese Ressourcen und in der Folge davon, die Fähigkeit, sie zu nutzen. Während Menschen in früheren Tagen fast immer schon als Kind in Berührung mit Verstorbenen kamen und die entsprechenden Handreichungen und Rituale miterlebten, haben heutzutage viele Erwachsene noch keinen Leichnam gesehen – und entsprechende Berührungsängste. Unsicherheit herrscht – was muss ich jetzt machen? Meist wird das, was nun zu machen ist, an den Bestattungsunternehmen delegiert, das segensreiche, tröstende, helfende eigene Agieren unterbleibt fast immer.

Kuttner erinnert in ihrem Buch an dieses alte Wissen, das in früheren Zeiten eine Domäne der Frauen war. Sie, die Geburt und Tod zuhause erlebten und begleiteten, wussten um Rituale, kannten die aus uralten Zeiten mit ins Christentum übertragenen spirituellen Begleiter, die zu den diversen Heiligen, die jeweils ihre spezifischen Wirkungsfelder im Sterbeprozess hatten. Aus diesem traditionellen Wissen heraus lassen sich auch für die heutige Zeit Rituale, Symbole und Handlungen ableiten, die das erst einmal Unfassbare des Todes erträglich machen. Daß dies nicht nur theoretisches Wissen ist, untermauert die Autorin mit vielen Beispielen. So ist Schwester Tod ein hilfreiches und auch ein tröstliches Buch, es unterstützt und begleitet bei der vorbereitenden Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Sterben und Tod‘, indem es Wissen und Wege zeigt, mit diesem Unglück umzugehen.

Viele Abbildungen lockern den Text, der die beiden inhaltlichen Schwerpunkte, die Kutter gesetzt hat, verzahnt wiedergibt (also nicht nacheinander ‚abarbeitet‘, die Figur der ‚Tödin‘ wird beispielsweise im zweiten Kapitel eingeführt, ihr wird aber auch noch einmal ein eigenes, abschließendes Kapitel am Ende des Buches gewidmet), auf. Diese Verzahnung erschwert es ein wenig, bestimmte Stellen wieder zu finden, andererseits ist das Buch ja nicht so umfangreich, als daß man darin schnell blättern könnte. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis ermöglicht dem Leser einen vertieften Einstieg in bestimmte Aspekte des Themas.

Summa summarum kann Schwester Tod nur empfohlen werden, dieser ‚weibliche‘ Zugang zum Thema ‚Sterben‘ bietet eine Fülle neuer Aspekte und hilft die klaffende Lücke von der gegenwärtigen Sprachlosigkeit hin zum tröstenden traditionellen Umgang mit dem Tod zu überbrücken.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenseite von Erni Kutter:  https://www.randomhouse.de/Autor/Erni-Kutter/p181875.rhd
[2] ein Beispiel für eine Sage, in der Tod und Tödin auftreten ist z.B. hier zu finden: http://www.sagen.at/texte/sagen/oesterreich/kaernten/graber/tod_toedin.html
[3] siehe z.B. hier: http://www.kbl.badw.de/bjv/1954.pdf).
[4] im Kleinen Göttinnen-Lexikon sind viele der alten Göttinnen, die auch Kutter erklärt, aufgeführt und beschrieben: http://www.frauenwissen.at/goettinnenlexikon.php#bethen).

Erni Kutter
Schwester Tod
Weibliche Trauerkultur – Abschiedsrituale – Gedenkbräuche – Erinnerungsfeste
Erstausgabe: Kösel, 2010
dieses Ausgabe: Kösel, Paperback, ca. 200 S., 3. Aufl. 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars

hannah

Hannah ist ein aufgewecktes, selbstbewusstes Mädchen von zehn Jahren. Sie liebt Worte wie ‚Hannah‘, ‚Uhu‘, ‚Reittier‘ oder ‚Retter Lego Vogel‘. Palindrome nennt man solche Worte (oder Zahlen) und das Wort ‚tot‚ gehört dazu und es gefällt Hannah sehr gut, weil es auch so schön aussieht: die zwei Kreuze am Anfang und am Ende und das unendliche O in der Mitte. Andererseits: ‚der Tod‘ wird mit ‚d‘ am Ende geschrieben und was ist das überhaupt, der Tod? Seit Hannah zurückdenken kann, ist sie lebendig….. und ‚mausetot‘: auch so ein seltsamer Begriff. Es wird Zeit, daß sich jemand ernsthaft mit dem Tod befasst. Jemand wie Hannah, der Nachfragerin.

So ungefähr läßt Diana Hillebrand ihr wunderschönes Jugendbuch über das Sterben, den Tod und den Friedhof beginnen. Zusammen mit Hannah, ihrer Mutter und einem Dritten, dem Friedhofsgärtner Florian Tod, begegnen wir vielen Fragen, auf die altersgerechte Antworten gegeben werden.

Zuerst jedenfalls überredet Hannah ihre Mutter, die wie auch der Opa über das plötzliche Interesse des Kindes am ‚Tod‘ etwas erstaunt und irritiert sind, mit ihr auf einen Friedhof zu gehen. Es ist dies schon die erste Lektion Hillebrands für uns: Kinder gehen mit dem Tod erst einmal unbefangen um, er ist für sie ein Rätsel, eine offene Frage, die es zu beantworten gilt, wenn sie zum Beispiel seltsame Formulierungen lesen wie ‚ist heimgegangen‘ oder ‚ist entschlafen‘.

Hannah empfindet den Friedhof zu ihrer Überraschung als einen schönen Ort voller Leben. So viele Tiere, die sie hier sieht und hört! Und so schöne Grabsteine, zum Teil so wild überwachsen vom Efeu. Und dann dieser seltsame Mensch, der auf sie und ihre Mutter drauf zu läuft, die Mutter, die gar nicht weiß, was ihr geschieht, in den Arm nimmt und feste drückt. Aber dann erkennt sie ihn, es ist ihr früherer bester Schulfreund, der damals so schnell verschwand und den sie nie wieder getroffen hat – bis jetzt. Hannah sollte sich schnell mit dem langen Lulatsch, der auch noch Florian Tod hieß, der zudem noch auf dem Friedhof wohnt, anfreunden.

Sie besucht ihn die nächsten Tage häufig, läßt sich die Trauerhalle von ihm zeigen, erklären, wie eine Bestattung abläuft, wie auch andere Kulturen ihre Verstorbenen beerdigen. Hannah ist ganz erstaunt, wie unterschiedlich das doch ist, mal traurig, mal ernst, mal mit Musik und dann auch wieder ganz anders. So wie auch die Vorstellungen, was nach dem Tod geschieht, ob man in einen Himmel kommt, ob man dort arbeiten muss oder immer Freizeit hat…. und das ein Sarg nicht immer nur so aussehen muss wie eine Holzkiste, sondern ganz, ganz anders sein kann, bunt und wie Elefant aussehen, das erzählt Florian seiner kleinen Freundin auch.

Natürlich hat Hannah auch einen Papa, und durch diesen Papa lernt sie die Angst kennen. Der ist nämlich Kriegsberichterstatter und im Moment in Nahen Osten. Und da ist er immer in Gefahr und einmal müssen Hannah und ihre Mutter sogar ganz große Angst ausstehen. Ja, sterben hat auch was mit Angst zu tun!

Gegen die Angst vorm eigenen Sterben oder als Vorbereitung darauf hilft vielleicht die Löffelliste, von der die Mama erzählt. Uiii… alles aufschreiben, was man noch vorhat und machen will im Leben.. das macht auch Spaß! Zusammen mit Leni, ihrer Freundin, machen die beiden Mädchen so eine Liste für sich und tragen die Idee auch in die Schule. Denn trotz aller Gedanken über Sterben und Tod ist Hannah ein lebenslustige Mädchen, das ihr Leben leben will, voller Freude und Optimismus!


Die Frage von Kindern nach dem Tod hat mit der Frage, wo die Babys herkommen, zumindest eins gemeinsam: die Probleme, sie zu beantworten, liegen nicht bei den Kindern, sondern bei den Erwachsenen. Wie sag ich´s meinem Kinde…..

Hillebrands Buch zu lesen hat mir sehr viel Freude gemacht, ich halte es für einen wunderbaren Führer durch alle mit diesen Thema verbundenen Fragen. Das Buch kombiniert eine kleine, unterhaltsame Familiengeschichte mit einer kindgerechter Aufarbeitung der verschiedenen Aspekte rund um´s Sterben. Die Illustrationen von Duckstein sind bunt, fröhlich und lebendig und auf diversen Thementafeln werden Informationen aufbereitet: welche Symbole beispielsweise gibt es für den Tod, welche Arten von Bestattungen kennt man oder wie sehen rund um die Welt Grabmäler aus? Schön ist, daß in diesen Schaubildern (wie auch im Text) immer wieder auch Riten und Traditionen anderer Kulturkreise bzw Religionen erläutert werden.

Was soll ich zum Schluss sagen? Hannah lüftet Friedhofsgeheimnisse ist für mein Dafürhalten ein Buch, daß vielleicht sogar nicht nur für Kinder absolut empfehlenswert ist. Nicht nur deshalb ist es ratsam, es gemeinsam mit den Kindern zu lesen.
Ich freue mich, daß ich durch madameflamusse [1] auf das Buch aufmerksam geworden bin.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Besprechung des Buches von madameflamusse:  https://reingelesen.wordpress.com/2016/11/30/friedhofsgeheimnisse-erklaert/

zum Buch gibt es einen Video-Trailer bei youtube

Weitere Buchvorstellung vom mir zum Themenkreis: Krankheit, Sterben, Tod und Trauer sind über dieses Autorenverzeichnis zugänglich: https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Diana Hillebrand
Hannah lüftet Friedhofsgeheimnisse
Eine Geschichte über den Tod und was danach kommt
Mit Illustrationen von Stefanie Duckstein
diese Ausgabe: Kösel, HC, ca. 160 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

weiterleben

Die Autorin dieses Buches mit Schicksalen von Menschen, die mit dem Tod geliebter Menschen weiterleben müssen, habe ich vor einiger Zeit schon mit ihrem ersten Buch Dieser Mensch war ich vorgestellt [2], in dem Menschen in der Art eines Nachrufs ihr eigenes Leben mit Höhen und Tiefen, mit dem, was es ihrer Meinung nach ausmachte, dargestellt haben. Weiterleben (was auch als Weiter Leben lesbar ist) dagegen läßt Menschen zu Wort kommen, die durch den Verlust von Kindern oder Partnern durch eine teilweise sehr intensive Trauer gegangen sind und die ihre Erfahrungen schildern, trotz ihrer Verzweiflung wieder ins Leben hinein zu kommen.

Christiane zu Salm, die hauptberuflich in der Medienbranche tätig ist, arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiterin. Durch den frühen Tod ihres Bruders war und ist ihr eigenes Leben und das ihrer Familie dauerhaft beeinflusst worden.


Die Autorin läßt in vierzehn Abschnitten Menschen ihre Schicksale schildern, es sind elf Frauen, die zu Wort kommen, zwei Männer und ein Paar, die Frauenschicksale sind also deutlich in der Überzahl. Es sind zum Teil sehr schwere Lebensläufe, die beschrieben werden, wenn beispielsweise bei einer Frau das Schicksal Mehrfachsuizide bei den Geschwistern, den Tod der Eltern und den Tod des Mannes umfasst, ist die Schwere dieser Schicksalsschläge kaum zu erahnen… Manche der Trauerfälle sind noch nicht so alt, manche der Verlusterfahrungen liegen schon Jahrzehnte zurück, sind aber in der Seele immer noch präsent.

So verschieden die Schicksale sind, die zu Salm schildert, lassen sich doch einige Gemeinsamkeiten bei ihnen herausspüren. Auch wenn die Idee der Phasenmodelle über das Trauern, daß also der Trauerprozess in bestimmten Phasen abläuft, mittlerweile überwunden ist, so sind doch die bekannten Ausprägungen des Trauerprozesses immer wieder festzustellen: das Unfassbare des eingetretenen Todes, das Verdrängen des Ereignisses, verbunden teilweise mit dem wie ferngesteuert Agieren auf einer rein funktionalen Ebene, Gefühle wie Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Angst auch und Wut und Zorn. Von Apathie und Handlungsunfähigkeit wird erzählt, von der Sprachlosigkeit innerhalb der Familie und von den Problemen, die bei Paaren auftreten, wenn Männer und Frauen unterschiedlich um ihr totes Kind trauern: viele Beziehungen zerbrechen daran, es besteht aber auch die Möglichkeit, durch diese Herausforderung sich wieder näher zu kommen.

Nähe und Begleitung zu spüren, hat vielen dieser Menschen in ihrem Schicksal geholfen, manche haben professionelle Hilfe von Therapeuten in Anspruch genommen. Manchmal musste das Leben wieder ganz ‚klein‘ begonnen werden, von Stunde zu Stunde geplant, was man jetzt macht und wenn das geschafft war, was dann zu machen war, bis die Tage wieder eine Struktur hatten, die Halt geben konnte. Oft war es die Notwendigkeit, für die Kinder zu sorgen, die nach dem Tod des Partner verhindert hat, daß der/die Trauernde ins Endlose fiel, manchmal gab der Glauben Kraft, manchmal stützte auch die Arbeit. Nicht selten gibt es Schuldgefühle, die belasten: man hätte doch eigentlich… wäre man doch…..

Aber irgendwann hat das Leben diese Trauernden wieder zu sich geholt, manchmal anfangs mit einer Prise Fatalismus, weil der Alltag, das Leben eben, einfach Ansprüche stellte – und weil die Trauer sich auch verändert im Lauf der Zeit und mit dieser Veränderung sind auch die Menschen anders geworden, haben sich andere Prioritäten gesetzt, gehorchen einer anderen Werteskala, sind einfühlsamer, aufmerksamer, ja: stärker geworden.


Zu Salms Buch ist eine Sammlung von Schicksalen, nicht weniger, aber leider auch kaum mehr. Diese Schicksale sind Beispiele für Menschen, die mit einem (oder mehreren) großen Trauerereignissen umgehen lernen mussten und dies geschafft haben. In einem kurzen Vorwort zieht die Autorin ein knappes Resümee dieser Lebensläufe und bindet dies in eine ebenso knapp gehaltene, allgemeine Betrachtung über das Phänomen Trauer ein. So kurz das Vorwort ist, so sehr regt gerade dies (im Gegensatz zu den persönlichen Schicksalen, die man nur mehr oder weniger erschüttert zur Kenntnis nehmen kann) zur Diskussion an.

… gehört sie [i.e. die Trauer] sogar wirklich zu den größten und wichtigsten Aufgaben, die das Leben an uns stellt? Ist eine solche These nicht vielmehr eher geeignet, dieses zweifelsohne sehr schwere Thema noch zusätzlich mit Versagensgsangst zu belasten, indem sie als ‚Aufgabe‘ bezeichnet wird? Ist es nicht vielmehr so, daß Trauer zu den Grunderfahrungen des Mensch-Seins gehört : etwas zu verlieren, etwas loslassen zu müssen, was einem lieb ist, fängt im frühesten Kindesalter an und macht traurig bis hin zu dem Gefühl, Zeit und Raum unter den Füßen zu verlieren, sozusagen ins Bodenlose zu fallen. Aber da Traurigkeit und Trauer so fundamental sind, haben wir als Menschen auch innere Mechanismen entwickelt, damit umzugehen und die Verluste in unser Leben zu integrieren. ‚Das Leben geht weiter‘, dieser Spruch, der nach dem Verlust eines geliebten Menschen so überhaupt nicht trösten kann, er stimmt trotzdem, auf verschiedenen Ebenen, wie ja auch die von zu Salm beschriebenen Schicksale zeigen. Deswegen sehe ich Trauern nicht als Aufgabe, sondern als etwas, was geschieht, was wir zulassen müssen, akzeptieren müssen in der Art, wie es auftritt. Trauer ist ein natürlicher Prozess, die Seele braucht die Zeit, sich auf den Verlust des geliebten Menschen einzustellen, der Mensch braucht Zeit, sich in seinem Leben (das anders sein wird als vor diesem Tod) neu einzufinden. Dafür sind wir von der Natur aus gerüstet und nur bei den allerwenigsten Menschen zeigen sich Trauerprozesse, die ‚behandelt‘ werden müssen.

Auch kann man sich auf Trauer nicht vorbereiten. Auch bei dieser These zu Salms bin ich persönlich anderer Ansicht, denn ich bin überzeugt davon, daß die aktive Auseinandersetzung mit dem Thema Sterben und Tod auch den Trauerprozess, der nach dem Verlust eines geliebten Menschen einsetzt, positiv beeinflusst. Man kann damit nicht die Schwere des Verlustes, nicht die Wucht der Trauer beeinflussen, aber man kann die Angst vor der Trauer mindern (letztlich ist genau das ja der Impetus von zu Salm, dieses Buch zu veröffentlichen), man stärkt durch diese Auseinandersetzung die eigene Resilienz. Und es gibt natürlich auch ganz Konkretes, was man machen kann: aus eigener Erfahrung weiß ich, wie hilfreich es beispielsweise ist, dem Bestatter beim Zurechtmachen des/r Verstorbenen für die Aufbahrung und die Bestattung zu helfen. Sich vorzunehmen, das zu machen, ist Vorbereitung auf´s Trauern.


Ich schrieb vorstehend, da zu Salm in vierzehn Kapiteln Menschen zu Wort kommen ließ. Ich hoffe, diese Angabe stimmt, denn leider enthält das Buch kein Inhaltsverzeichnis. Auch ist den einzelnen Abschnitten nichts vorangestellt (oder als Zusammenfassung hinzugefügt), was einen kurzen Eindruck vermittelt, was die Autorin gerade an diesem Schicksal zeigen will, warum sie dieses Schicksal hier aufgenommen hat. Die einzelnen Abschnitte sind jeweils in der ‚Ich-Form wiedergegeben, ob die jeweiligen Personen diese Texte wirklich selbst verfasst haben, ob sie auf einem Interview beruhen, inwieweit zu Salm bearbeitet oder redigiert hat, auch das wird nicht leider nicht erwähnt.

So ist Weiter Leben nicht mehr, aber auch nicht weniger, als eine Sammlung von Beispielen für trauernde Menschen, die ins Leben zurückgefunden haben und die beschreiben, wie sie dies gemacht haben bzw. wie dies geschehen ist. Mit ein wenig mehr Aufwand hätte das Buch jedoch deutlich mehr sein können.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Christiane_Kofler
[2] Christiane zu Salm: Dieser Mensch war ich; Besprechung hier im Blog

Christiane zu Salm
Weiterleben
Nach dem Verlust eines geliebten Menschen
diese Ausgabe: Goldmann, HC, 256 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Der Trauerknigge

4. November 2016

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Die Gewissheit des Todes
wird durch die Ungewissheit seines Eintretens gemildert.

Übertragen in die heutige Sprache bedeutet dieser Spruch aus dem 17. Jahrhundert so in etwa, warum sich heute schon Gedanken machen um Sachen, die noch gar nicht aktuell sind. Doch wenn sie eintreten, dieses ‚Sachen‘, sprich: der Tod eines Menschen, dem wir nahestehen, den wir betrauern – und dies wird geschehen – dann herrscht oft Ratlosigkeit, Unwissenheit, Befangenheit: wie benehme ich mich richtig, kann ich dies oder das, und überhaupt: was sage ich und was schreib ich nur auf die Karte?

Dazu kommt, daß sich bekanntlich nicht nur die Zeiten ändern, sondern auch wir uns in ihnen. Altbekannte Rituale, die über Jahrhunderte eine feste Richtschnur für ‚richtiges‘ Verhalten gegeben haben, verlieren an Bedeutung, werden nicht mehr befolgt. Welche Frau hält heute noch das Trauerjahr mit schwarzer, dann (dunkel)grauer und letztlich immer heller werdender Kleidung sowie weitgehender Abstinenz, was das öffentliche Leben angeht, ein? (Ein Ritual, das übrigens nicht für Männer galt, aber bei Frauen musste man seinerzeit zumindest neun Monate abwarten, damit bei einer eventuellen Geburt nach dem Tod des Mannes die Vaterschaft und damit die Erbberechtigung eindeutig war). Angemessenes Verhalten in Stadt und Land divergiert, was im Städtischen beispielsweise bei Beerdigungen möglich ist, kann auf dem Land für Stirnrunzeln sorgen. Andererseits ist im Ländlichen der Zusammenhalt der Menschen oft noch größer, der Tod kein rein privates Unglück, sondern ein Ereignis, das alle in der Gemeinschaft betrifft, so daß auch alle (mit)trauern.

Dieser kleine, handliche Trauerknigge aus dem Münchner Claudius-Verlag gibt da Hilfestellungen und geht dabei sozusagen chronologisch vor, wobei er immer wieder auf die geänderten und sich weiterhin ändernden Randbedingungen eingeht. So beispielsweise auf den Sterbeort, der früher meist das Zuhause war, sich heute wegen der grundlegenden gesellschaftlichen Änderungen aber zum großen Teil in Krankenhäuser oder Alten- und Pflegeheime verlagert hat. Es ist einfach so und dies ist für den Einzelfall auch kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben, wichtig ist, selbst unter nicht optimalen Umständen sein Bestes zu geben, nämlich das, was für den gerade Verstorbenen und einen selbst als Angehörigen passt.

Dieser Leitspruch zieht sich im Grunde durch den gesamten Ratgeber. Direkt nach dem Tod sind einige gesetzliche und bürokratische Vorgaben zu erfüllen, bei häuslichem Tod muss der Arzt informiert werden, der dann den Totenschein ausstellt, dessen Vorlage unumgänglich ist. Ohne Totenschein läuft nichts. Stirbt der Angehörige in einem Krankenhaus oder in einem Heim, wird dies von der jeweiligen Institution übernommen. Aber danach ist man als Angehöriger gefordert: in dieser ganzen Aufregung und Stresssituation (noch wird die Trauer dadurch meist in Schach gehalten) muss die Beerdigung organisiert werden. Meist beginnt dies mit der Entscheidung für eine Bestattungsart (Erdbestattung, Kremierung, Seebestattung; anonyme Bestattung…) und Auswahl eines Bestatters. Ob man allerdings in dieser Situation in der Verfassung ist, sich von mehreren Bestattern erst Angebote einzuholen (war im Grunde natürlich schon empfehlenswert wäre und zu dem der Ratgeber auch rät), wage ich zu bezweifeln.

Die Auswahl eines Sarges (der in jedem Fall notwendig ist), ggf. einer Urne, möglicherweise von Grabbeigaben, auch die Gestaltung der Trauerfeier mit Blumenschmuck, Auswahl von Liedern sind Möglichkeiten, den Verstorbenen noch einmal in seiner Persönlichkeit hervorzuheben und zu charakterisieren. Wichtig ist die Authentizität der Bestattung, eine Trauerfeier für eine anonyme Bestattung kann durchaus liebevoller und intensiver sein als ein Trauerzug hinter einem Sarg, der nur aus Pfarrer und Friedhofsangestellten besteht.

Weitere Abschnitte des Büchleins befassen sich mit der angemessenen Kleidung, dem ‚richtigen‘ Verhalten (wann und wie kondoliere ich?) und mit dem, was nach der Bestattung kommt: in vielen Regionen ist dies der Leichenschmaus, der Beerdigungskaffee. Warum nicht, wenn man dies viel lieber täte und es dem Verstorbenen gerecht würde, eine bunte Party zum Gedenken? Und wenn auch dies vorbei ist? Dann kommt das große ‚Loch‘: Bis auf die direkt Betroffenen gehen alle wieder in ihren Alltag zurück, die Anforderungen und die Ablenkung durch die Organisation des Begräbnisses liegen hinter einem. Die Trauer, das Gefühl der Verlassenheit, der Einsamkeit, möglicherweise auch der Schuld, sie schlagen jetzt häufig mit voller Kraft über die Betroffenen zusammen, zumal auch der Verdrängungsmechanismus der eigenen Psyche sich langsam zurückzieht und den Blick auf die Realität freigibt. Es gibt keine Regeln, wie man optimal mit dem Kummer umgeht, zitiert der Trauerknigge ein aktuelles Resumee zum Umgang mit der Trauer, es gibt kein richtiges und kein falsches Trauern, Trauern ist individuell. Aber auch beim Trauern können Rituale den Weg zurück in den Alltag ebnen, in dem der Trauer bestimmte Plätze im Leben zugewiesen werden (regelmäßige Besuche am Grab zum Beispiel, ein besonderes Bild an einem besonderen Platz in der Wohnung), während man versucht, die anderen Lebensbereiche von Trauer freizuhalten. Möglicherweise ist auch der Kontakt mit anderen Trauernden oder mit Trauerbegleitern hilfreich, wichtig ist es, sich der Trauer zu stellen und sie bewusst zu erleben, mit all ihrem gefühlsmäßigen Schwankungen, bei denen Weinen und Lachen, Freude und Kummer einander abwechseln können.

Abschließend geht das Büchlein noch auf das Thema des ‚Kondolierens‘ ein, bei dem oftmals große Verunsicherung herrscht. Ruft man gleich an, wenn man vom Tod erfährt, kondoliert man am Grab oder macht man später einen Kondolenzbesuch? Wie könnte ein Brief formuliert werden, was sollte man vermeiden hineinzuschreiben? Eine Sammlung von Zitaten für Kondolenzkarten und Traueranzeigen gibt dafür Anregungen und Beispiele.

Der Trauerknigge ist ein handliches kleines Büchlein, daß – ohne das es mit Theorie überfrachtet ist – praktische Hilfe gibt, sowohl den direkt Betroffenen als auch dem etwas erweitertem Kreis der Betroffenen. Mit diesem Wissen, was ‚man‘ machen/sagen kann, um angemessen zu reagieren oder zu agieren (wobei dieses ‚angemessen‘ heutzutage sehr viel weiter gefasst ist als früher), ist es möglich, sicherer und selbstbewusster zu handeln und zu entscheiden, egal, ob es nun um die Ausgestaltung der Bestattung geht oder um den Umgang mit den Trauernden. Im Grunde gehört ein solcher Ratgeber in jedes Haus und er sollte nicht ungelesen bleiben….

Anmerkung:

Weitere Buchbesprechungen vom mir zum Themenkreis Trauer sind über dieses Inhaltsverzeichnis zugänglich:  https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/


Der Trauerknigge
diese Ausgabe
: Claudius-Verlag, Paperback, 144 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars.

neunfrauen

Der Brustkrebs (das Mammakarzinom) ist die häufigste Krebsart bei Frauen, in Deutschland erkranken nach Angaben des Robert-Koch-Instituts ca. 75.000 Frauen im Jahr neu an dieser Krankheit [2]. Der Oktober, der jetzt dem Ende zugeht, wurde 1985 von der American Cancer Society zum Internationalen Brustkrebsmonat erklärt, um dieses Thema der Öffentlichkeit verstärkt ins Bewusstsein zu rücken [2]. Anläßlich dieses Monats möchte ich dieses schon etwas ältere Buch der Fotografin Angela Hasse vorstellen, die sich dieses Themas unter einem besonderen Aspekt angenommen hat.

Denn die weibliche Brust ist als sekundäres Geschlechtsmerkmal der Frau nicht einfach nur ein Organ wie andere auch, sondern sie ist für das Körpergefühl wichtig, für das Gefühl, Frau zu sein und selbstverständlich ist sie ebenso für die erotische Ausstrahlung und Wirkung einer Frau bedeutend. Neben der Belastung, die eine Krebsdiagnose für die Betroffenen, i.e. die Erkrankten, aber auch für die Angehörigen, sowieso schon darstellt, kann dieser Aspekt zusätzliche psychologisch Probleme bergen. Motiv für die Autorin/Fotografin waren also nicht in erster Linie medizinische Aspekte, sondern, die Frauen in ihrer weiblichen Individualität einzufangen, ohne den Aspekt der Erotik aus dem Blick zu verlieren. Gleichzeitig interessierte sie die Geschichte, die hinter jedem Schicksal steckte.

Obwohl sich Hasse bemüht hat, Frauen möglichst unterschiedlicher Biographie für ihr Projekt zu gewinnen (ledig bzw. verheiratet, mit/ohne Kinder, verschiedenen Alters (zwischen 24 und 57 Jahre)), dürfte die Palette der neun interviewten und fotografierten Frauen nicht repräsentativ sein, sondern eine Auswahl von Frauen zeigen, die mit ihrer Krankheit offen umgehen bzw umgegangen sind. Nicht jede Betroffene möchte mit ihrer Erkrankung in die Öffentlichkeit gehen, geschweige denn, sich unter dem Aspekt erotischer Ausstrahlung fotografieren lassen. Der Kontakt der Autorin zu diesen Frauen wurde über Ärzte hergestellt, die das Vorhaben ihnen geeignet scheinenden Patientinnen vorstellten. Diese setzten sich dann ggf. von sich aus mit Hasse in Verbindung. Ebenfalls im Buch aufgenommen sind die Äußerungen der Partner zweier Frauen.

So unterschiedlich die einzelnen Schicksale auch waren bzw. sind, so gibt es doch Gemeinsamkeiten. Viele der Frauen haben selbst bem Abtasten Veränderungen ihrer Brust festgestellt, spürbare, vorher nicht vorhandene Knoten oder auch Veränderungen in der Haut. Nach diesem selbstertasteten ‚Befund‘ wurde ein Arzt aufgesucht. Oftmals kamen den Frauen nicht der Gedanke, daß es sich um Krebs handeln könnte, auch die Ärzte rückten die Möglichkeit ‚Krebs‘ nicht in den Vordergund, sondern wiesen häufig darauf hin, daß es sich wahrscheinlich um harmlose Einlagerungen handele.

Bei allen Frauen wurde die befallene Brust entfernt, nicht alle jedoch unterzogen sich einem sofortigem Brustaufbau. Im Vergleich der Einzelschicksale zeigt sich, daß das Vertrauen in den behandelnden Arzt sehr wichtig ist, auch das Einholen einer Zweitmeinung vor der Operation erwies sich als empfehlenswert. Auch wenn man als Patient in einer extremen Stresssituation steckt und medizinischer Laie ist, sollte man die Verantwortung für den eigenen Körper nicht einfach an den Arzt abgeben; in einem besonders krassen Fall schildert eine der Frauen, wie sie von ihrem Chirurgen förmlich ‚verstümmelt‘ worden ist (meine Formulierung). Als sehr belastend wurde allgemein der Zeitraum (ca. drei Tage) zwischen Operation und endgültiger Diagnose wegen der herrschenden Ungewissheit empfunden. Die heute wohl bei Krebserkrankungen allgemein üblichen ‚Tumorkonferenzen‘, in denen die Krankheitsfälle interdisziplinär diskutiert werden, scheinen seinerzeit noch nicht üblich gewesen zu sein, zumindest werden sie nicht erwähnt.

Breiten Raum nimmt die Frage ein: wie gehe ich mit meiner Erkrankung um? Oft herrschte im Krankenhaus eine anfängliche Befangenheit zwischen der Patientin und den Besuchern, ein offenes Wort beseitigt diese Befangenheit und anschließende Gespräche können dann sehr entlastend sein. Wichtig ist für die Frauen mit Partnern natürlich deren Reaktion und Verhalten, das Gefühl, gestützt und getragen zu werden, als Gesprächspartner und auch einfach nur als Begleiter da zu sein, hat den Frauen eminent geholfen.

Die meisten der Frauen hatten sich für einen Brustaufbau entschieden, entweder direkt bei der Mastektomie oder später, nach einer kurzen Erholungszeit. Ein etwas ältere, alleinstehende Patientin hat sich dagegen entschieden, sie war der Meinung, wenn sie einen Mann kennen lernen würde, müsste er damit umgehen können, andernfalls sei er eh der falsche.

Bei den der Operation nachgeschalteten Chemo- und Strahlentherapien traten die bekannten Nebenwirkungen auf: Haarausfall, Übelkeit, körperliches Schwächegefühl, Hautverbrennungen im Bereich der bestrahlten Körperfläche. Die Einordnung dieser Nebenwirkung als schwer oder minder schwer ist sehr subjektiv und hängt vom Einzelfall ab. Auch hier muss berücksichtigt werden, daß das vorliegende Buch schon etwas älter ist.


Neun Frauen und ich ist ein Mutmachbuch, das Frauenschicksale zeigt, die mit dieser immer auch mit dem möglichen Tod verknüpften Diagnose ‚Krebs‘ umzugehen gelernt haben. Die meisten von ihnen fühlen sich nach der Behandlung gesund, bei allen hat sich die Einstellung zum Leben geändert, sie leben jetzt bewusster, vertreten ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse klarer und bestimmter, nehmen auch ihre Körperlichkeit intensiver wahr.

Das Buch ist mit zahlreichen sinnlich-erotischen Schwarz-Weiß-Fotografien der interviewten Frauen illustriert. Die Frauen konnten sich die Accessoires, mit denen sie sich zeigen wollten, aussuchen und mitbringen. Entstanden sind viele intime Bilder, die eine sanfte, aufgeschlossene Sinnlichkeit ausstrahlen, das Gefühl, das Einklang besteht zwischen den Personen und ihren Körpern, daß die Krankheit diese Menschen nicht geschwächt, sondern sie stärker gemacht hat. Die Interviews sind nicht in der Form ‚Frage-Antwort‘, sondern als gegliederte, aber durchgehende Texte wiedergegeben.

In einem zweiten Teil ihres Buches geht Hasse auf medizinische Aspekte einer Brustkrebserkrankung  ein. Sie referiert über die richtige Methode der Selbstuntersuchung (Abtastung) und diskutiert ausführlich Für und Wider der diversen Methoden der Mammodiagnostik, den Schwerpunkt legt sie auf die Mammographie als wichtigstes diagnostisches Instrument. Ferner geht sie auf die Punkte: ‚Biopsie‘, ‚Die gängigen Operationsmethoden‘ und ‚Rekonstruktion der Brust‘ ein. Ein Glossar und ein Adressenvereichnis komplettieren das Buch. Bei diesen mehr fachlichen Abschnitten muss man berücksichtigen, daß das Buch aus dem Jahr 2000 stammt (eine neuere Auflage scheint es nicht zu geben) und sich hier mittlerweile Fortschritte ergeben haben, die prinzipiellen Aussagen dürften aber weiterhin gelten.

Auch wenn Neun Frauen und ich schon ein etwas älteres Buch ist, ist es doch ein zeitloses Buch, dessen Thema urplötzlich für jede Frau (und damit auch für deren Angehörige) brisant werden kann. Es besticht durch die Offenheit der Texte, die zeigen, daß und wie diese Frauen ihr Schicksal in den Griff bekommen haben und wie sich ihr Leben trotz dieser schweren Erkrankung mit ihren schwerwiegenden Folgen geändert, ja, sogar intensiver und bewusster geworden ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Leider habe ich keine weiteren Informationen über Angela Hasse gefunden. Jedenfalls engagiert sie sich schon seit Jahren und immer noch zum Thema ‚Brustkrebs‘, wie der Bericht zu dieser noch nicht so lange zurückliegenden Ausstellung in Hannover zeigt: https://www.mh-hannover.de/….
[2] Brustkrebsmonat Oktober; in: http://www.krebsgesellschaft-rlp.de/hilfe-fuer-krebspatienten-und-familien/beratungszentren/koblenz/aktuelles/193-brustkrebsmonat-oktober
[3] selten, aber eben doch: Brustkrebs bei Männern:  https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/brustkrebs-mann/

Zum Thema ‚Brustkrebs‘ (an dem im übrigen auch Männer erkranken können [3]) gibt es praktisch unendlich viele Links im Netz, deswegen verzichte ich darauf, hier Angaben zu machen. Einzig den zur Brustkrebsseite der Deutschen Krebsgesellschaft sei angegeben:

https://www.krebsgesellschaft.de/basis-informationen-krebs/krebsarten/brustkrebs.html

Weitere Buchvorstellungen zum Thema ‚Brustkrebs‘ in meinem Blog:

Judith End: “Sterben kommt nicht in Frage, Mama!
Natalie Kriwy: 14/09 Tagebuch einer Genesung

David Rieff: Tod einer Untröstlichen

In diesen beiden Sachbüchern über Krebs spielt der Brustkrebs auch eine wichtige Rolle, der Autor des zweiten Buches, Martin Bleif, ist Onkologe und hat selber seine Frau durch ein Mammakarzinom verloren:

Siddhartha Mukherjee: Der König aller Krankheiten
Martin Bleif: Krebs

Angela Hasse
Neun Frauen und Ich
Ein Buch über Brustkrebs, Heilung, Hoffnung und Erotik.
diese Ausgabe: Mikado-Verlag, HC, ca. 190 S., 2000, mit zahlreichen Fotos der Autorin

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