Connie Palmen: Die Sünde der Frau

Die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen ist auf meinem Blog keine Unbekannte. Mit  I. M., Ischa Meijer, In Margine, In Memoriam und dem Logbuch eines unbarmherzigen Jahres hat sie zwei autobiographische Werke vorgelegt, in denen sie ihre selbst durchlittenen existentielle Verluste jeweils eines geliebten Mannes schildert, in Du sagst es stellt sie in einem biographischen Roman das Leben des Ehepaares Sylvia Plath / Ted Hughes dar. Alle drei Bücher sind keine leichte Literatur; das letztere der erwähnten Titel leitet inhaltlich schon über auf das vorliegende schmale Bändchen mit vier Essays Die Sünde der Frau über, welches der Klappentext kurz und knapp charakterisiert: „Vier Frauen, vier Tragödien – ein Muster. / Originalität, Ruhm und Selbstzerstörung / Über Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patracia Highsmith“.

Der zitierte Klappentext suggeriert eine Art Unabwendbarketi, die sich im Schicksal dieser Frauen verbergen mag. Natürlich bin ich einem vorgefassten Gedanken gefolgt. Mit diesem Satz leitet die Autorin ihr Büchlein ein, ihr erklärtes Ziel ist es, ... in der Beschreibung ihrer Leben eine Erklärung für ihr selbstzerstörerisches Verhalten zu finden. Warum Palmen gerade diese vier Frauen in ihre Betrachtung einbezieht, bleibt leider im Dunkeln ebenso wie die Tatsache, daß sie mit Marily Monroe eine Schauspielerin unter ansonsten drei Literatinnen gewählt hat. Jane Bowles beispielsweise dürfte von nur wenigen Literaturbegeisterten wirklich gelesen worden sein, in der Blogosphäre jedenfalls habe ich keine Besprechung eines ihrer überhaupt wenigen Werke gefunden… (http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/jane-bowles/).


Die Sünde der Frau ist ein schmales, schön aufgemachtes Bändchen, das der Verlag herausgegeben hat, insgesamt kaum neunzig Textseiten, davon noch ein Abschnitt Handreichungen für die Lektüre… roundabout also zwanzig Seiten pro biographischer Notiz. Das ist nicht viel, führt das oben zitierte … in der Beschreibung ihrer Leben … etwas ad absurdum. Palmen fokussiert sich von Anfang an auf gemeinsamen Aspekte im Lebens der Frauen, in denen sie ihrem …vorgefassten Gedanken… nach die Gründe für den selbstzerstörerischen Charakter sieht. Sie seien kurz genannt (nachfolgend dem Sinne nach zitiert): macht sie ihr Talent ungeeignet für ein traditionelles Frauenleben, leiden sie unter daher unter ihrer Aussenseiterrolle, suchen sie die Freiheit der Selbstbestimmung, auch die Freiheit, sich zugrunde zu richten? Mit letzterem Aspekt berührt sie implizit den Begriff des latenten Suizids.

Daß Menschen, die (latent) suizidal sind, Gemeinsamkeiten aufweisen, kann nicht wirklich überraschen. Die wenigsten selbstzerstörerisch agierenden Menschen werden eine glückliche, behütete Kindheit gehabt haben, werden in erfüllenden Partnerschaften gelebt haben und werden durch berufliche und/oder künstlerische Erfolge in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt worden sein. So überrascht es nicht, daß dies auch auf die von Palmen ausgewählten Frauen zutrifft, die sich entweder suizidiert haben (Monroe) bzw. sich bewusst [“Ich weiß, dass ich langsam verfalle. Es ist mir völlig klar, und keiner kann mich vom Gegenteil überzeugen. Ich merke den Unterschied von einem Monat zum anderen. Erzähl mir nicht, dass es mir irgendwann besser gehen wird” Jane Bowles 1957 zu Paul. In: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/jane-bowles/] durch Alkohol und andere Drogen geschadet haben. [Leider wird im Buch noch durchgängig von ‚Selbstmord‘ geredet, (wahrscheinlich durch eine nicht ausreichend reflektierte Übersetzung des niederländischen ‚zelfmoord‘), obwohl doch mit dem Begriff ‚Suizid‘ ein neutraler Ausdruck zur Verfügung steht. In diesem Zusammenhang ist folgende Untersuchung interessant: Suizid-Prävention: Wortwahl in Nachrichten beeinflusst Wahrnehmung und Bewertung des Suizids durch die LeserInnen inhttps://www.meduniwien.ac.at/…leserinnen/, oder: Jakob Wetzel: Die Wortwahl entscheidet in: https://www.sueddeutsche.de/…entscheidet-1.3894877]

Die Vermutung, daß selbstzerstörerischem Verhalten (von Suizidanten) ein bestimmtes Muster zugrunde liegt, ist jedoch nicht neu. Schon vor Jahren formulierte Gert Raeithel  als Ergebnis seines Buches: Selbstmorde und Selbstmordversuche amerikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller: „…. ergeben sich bei der Mehrheit der Suizidanten wiederkehrende Lebensmuster. Dazu gehören eine problematische Kindheit; der frühe Verlust einer vertrauten Umgebung; der unzeitige Tod eines Elternteils oder tiefsitzende Konflikte in der engeren Familie oder im persönlichen Umfeld; ein zähes Ringen um Anerkennung, oftmals abrupter Erfolg, dann Nachlassen der Kreativität und Zweifel am Sinn des Erreichten; die Unfähigkeit, stabile Bindungen aufzubauen oder zu erhalten; Alkoholismus und Drogensucht; seelische Erkrankungen.“ Die Ausgangsfrage Palmens ist damit im Grunde schon beantwortet, zumindest liegt die Antwort nahe, aus den Niederlanden ist also in dieser Arbeit nichts wirklich Neues zu erwarten. [Gert Raeithel: Selbstmorde und Selbstmordversuche amerikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller (von Sylvia Plath bis David Foster Wallace); Aachen 2008, S. 39 / das ein im übrigen sehr deprimierendes Büchlein ist, das ähnlich wie Palmen es hier in Essayform versucht, die (auf den das Leben beendenden Suizid ausgerichteten) Lebenswege von drei Autorinnen und 8 Autoren skizziert. Hinweisen will ich in diesem Zusammenhang auch noch auf das Buch von Pilar Baumeister:  Wir schreiben Freitod… | Schriftstellersuizide in vier Jahrhunderten, in dem erschreckende 423 Namen aufgeführt werden…]

Die Namen der vier von Palmen berücksichtigten Frauen sind schon genannt: Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patracia Highsmith. Ich will hier nicht weiter auf deren Lebensläufe eingehen, Palmen schildert diese sehr knapp unter der Berücksichtigung ihrer Arbeitshypothese. Die Leben (und das Sterben) sind jeweils gekennzeichnet durch eine besondere, spezifische Tragik, die bei der Monroe im Siuzid mündet, während die Duras ein ums andere Mal durch Alkohol und Depressionen an den Rand des Abgrunds [getrieben wird], und sie wird mit Delirium, Lähmungen , Emphysemen , Leberversagen, Hirnblutungen, Psychosen ins Krankenhaus eingeliefert, Gleich drei mal kommt es vor, dass sie ins Koma fällt, … . Die gleichgeschlechtlich orientierte Jane Bowles bindet sich in Marokko an eine aggressive Frau, die ihr nach dem Leben trachtet – was sie weiß. Trotzdem kehrt sie nach einem Schlaganfall zu ihr zurück. Übermäßiger Alkoholgenuss und Rauchen bringen sie immer wieder in Kliniken, die Diagnose lautet Schizophrenie. Sie stirbt in einer Klinik in Malaga. Patricia Highsmith schließlich umgibt sich mit der glorreichen Triade Schreiben, Sex und Alkohol, und schafft sich in ihrem Mr. Ripley ihr literarisches Alter Ego. Sie bindet sich an Frauen, die schlecht für sie sind, sie ist vom Bösen fasziniert, manisch-depressiv. „Ich bin sehr unglücklich – aus reiner Unentschlossenheit. Daher trinke ich“ zitiert Palmen eine Tagebucheintrag von 1953. Sie [i.e. Highsmith] weiß schlichtweg nicht, wie sie leben soll, sterben jedenfalls tut sie viele Jahre später als misanthropischer, unausstehlicher Mensch allein und spindeldürr in einem Krankenhaus in Locarno.


Die Sünde der Frau… ich bekenne, daß ich mit dem Titel des Büchleins Probleme habe. In der „Handreichung“ geht Palmen zurück bis zu Adam und Eva und stellt Eva in die Reihe ihrer vier Frauen: sie ist die erste vaterlose Frau… und sie bricht Regeln – so wie es die Monroe Jahre später sagen sollte: „Wenn ich mich an alle Regeln gehalten hätte, hätte ich es nie zu etwas gebracht.“ Andererseits bescherte die Sache mit dem Obstteller Eva genau das, dem die anderen Frauen sich später weitgehend entziehen sollten bzw. mit dem sie sich sichtlich schwer getan haben: Kinderkriegen und Haushalt. Ansonsten taucht der Begriff „Sünde“ in den Ausführungen der Autoren nicht mehr auf… möglicherweise ist mein Blick dafür auch zu sehr aus der männlichen Warte heraus auf die Problematik gerichtet. Es ist mir beim Aufarbeiten des Textes voller Entsetzen (das sage ich nicht nur so dahin) aufgefallen, wieviele und welche bekannten Schriftsteller sich suizidiert haben, man kann das leicht ergoogeln. Ein spezifisch weibliches Phänomen scheint dieses Selbstzerstörerische daher nicht zu sein. Oder ist es bei Männern keine Sünde, weil sie keine Regeln brechen? Ratlosigkeit bei mir…

… und noch etwas möchte ich anmerken, weil ich damit meine Schwierigkeiten habe. Ebenfalls in den „Handreichungen“ fragt sich Palmen: „…suchen sie die Freiheit der Selbstbestimmung, auch die Freiheit, sich zugrunde zu richten?“ Wirklich beantwortet wird diese Frage im Text nicht, ich vermisse – wenn schon zu Beginn eine Anleitung zum Lesen an die Hand gegeben wird – sozusagen eine Art Zusammenfassung, in der Palmen die Antwort auf ihre Eingangsfragen hätte noch einmal aufarbeiten können. Mir jedenfalls fällt es schwer, bei diesen teilweise heftigen Krankheitsbildern von der Freiheit zu Entscheidungen, die die Frauen getroffen haben, auszugehen. Hier von Freiheit zu reden ist so unsinnig wie einen Suizid als Freitod zu bezeichnen. Was von außen als „freiwillig“ erscheinen mag, ist für den/die Betroffene/n die letzte aller verbliebenen Handlungsalternativen.


Puhhh.. jetzt bin ich ganz schön über das Buch hergefallen, ich bin selbst ein wenig erschrocken. Denn die Lebensskizzen, die uns Palmen von den vier Frauen als Fallbeispiele zeichnet, sind als solche sehr interessant, gerade durch die Fokussierung auf die Suche nach Gründen für das Selbstzerstörerische, das sich in ihnen zeigt. Sie sind pointiert geschrieben, mit Abstand zu den Frauen, aber doch mit Mitgefühl, sie bringen deren Tragik auf den Punkt. Die Skizzen ersetzen keine Biografie, sie schildern nicht das Leben (dazu sind sie zu kurz), sie verdeutlichen jedoch die Probleme und das Wechselspiel zwischen dem Lebensunglück der Frauen und ihre Flucht in ein Leben als Star (Monroe) bzw in das Schreiben, das ihnen Gelegenheit gab, in andere Existenzen zu wechseln. Das beides nicht geholfen hat, daß für die Monroe der Abstand zwischen der immer extremer werdenden Funktion als Projektionsfläche (feuchter) Männerträume und der inneren Leere, die sie quälte, immer größer wurde und bei den anderen nach Beendigung des Manuskripts der Schock, wieder in die Realität absteigen zu müssen, sie erneut aus der Bahn warf, ist die Tragik dieser Leben. Da Palmen bekanntermaßen eine hervorragende, intelligente und gut formulierende Autorin ist, ist die Lektüre des Buches eine Freude, die jedoch – der Kürze wegen – schnell vorbei ist.

Möglicherweise merkt man es meiner Besprechung an, Palmens Büchlein hat Widerspruch in mir erregt, hat mich andererseits und gerade dadurch zum Nachdenken, zum Nachschlagen und zum Nachlesen animiert; es sind Fragen unbeantwortet geblieben, die Palmen selbst aufgeworfen hat – all dies wahrlich nicht das Schlechteste, was man einem Buch nachsagen kann. Und da die Thematik meist ja doch nicht präsent ist (ich war – nochmals – erschrocken, über welche Autoren/-innennamen ich in diesem Zusammenhang gestoßen bin) ist die Lektüre von Palmens Essays (nicht zuletzt der literarischen Qualität wegen) trotz all meiner Anmerkungen auf jeden Fall empfehlenswert.

Connie Palmen
Die Sünde der Frau
Übersetzt aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Originalausgabe. De zoende van de vrouw, Amsterdam 2017
diese Ausgabe: diogenes, HC, ca. 90 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Anne Cuneo: Eine Messerspitze Blau

Zu diesem Titel der mir bis dahin unbekannten schweizerischen Autorin Anne Cuneo (1936 – 2015) bin ich durch einen Zufall gekommen: in dem hier im Blog von mir kürzlich vorgestellten Erzählband Geburtstag (Rafik Schami (Hrsg): https://radiergummi.wordpress.com/2018/05/21/rafik-schami-hrsg-geburtstag/) gibt es eine Geschichte, in der eine Frau gerade diesen Titel Eine Messerspitze Blau liest. … und da dachte ich mir, was die kann, kann ich doch auch… ;-)

Anne Cuneo jedenfalls war eine vielseitige Künstlerin. Als Kind italienischer Eltern in Paris geboren, kam sie nach dem Tod des Vaters 1945 (die Familie war 1939, nach Kriegsausbruch wieder nach Italien, nach Mailand, gezogen) in verschiedene Waisenhäuser (interessanterweise wird über das Schicksal ihrer Mutter nichts gesagt, über den Tod des Vaters schreibt Cuneo an einer Stelle im Text: Ich trage jenen Revolverschuss in mir, der meinen Vater bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt hat und mit Endgültigkeit im Angesicht meiner Kindheit explodiert ist.). 1950 ging Cuneo in das französisch sprechende Lausanne, verbrachte später einige Zeit in London, gab nach Abschluss des Studiums Sprachunterricht und arbeitete ab 1973 beim Schweizer Fernsehen. Ihr erstes Buch erschien schon 1967, außer als Autorin arbeitete sie ebenfalls als Journalistin und Filmemacherin (https://de.wikipedia.org/wiki/Anne_Cuneo, aber auch z.B. hier: https://www.limmatverlag.ch/autoren/autor/479-anne-cuneo.html)


Der vorliegende Text Eine Messerspitze Blau ist autobiographisch, er schildert ein sehr einschneidendes Erlebnis im Leben der Autorin: 1978, sie war 42 Jahre alt, wurde bei Anne Cuneo Brustkrebs diagnostiziert. Es war knapp… nachdem die Gynäkologin sie ob ihrer Beschwerden in der rechten Brust (wages Unwohlsein, Anschwellen, dann Schmerzen) damit vertröstete (Machen Sie sich keine Sorgen, es ist nichts), Menschen wären nicht symmetrisch und ihre (i.e. Cuneos) Brüste seinen nun mal ungleich, fiel dem Hausarzt bei der Untersuchung auf, daß sie einen dicken Knoten unter der Achsel hatte und so empfahl er ihr eine Biopsie. Aber wo und von wem? Ich bin total erledigt. Ich bin müde, als ob ich Krebs hätte, so ihre Vorahnung.Eine Autopsie bedeutete auch, daß eventuell die Brust angenommen werden würde, eine Horrorvorstellung für Cuneo. Diese Diagnose erschütterte sowohl ihr Weltbild als auch ihr Selbstverständnis als Frau. Es gab Momente, in denen der Tod ihr lieber gewesen wäre. Schließlich sagte man ihr, daß eine Rekonstruktion der Brust möglich ist, ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Der Biopsiebefund war positiv, die anschließende Mastektomie an der Grenze des Machbaren. Cuneo erwachte aus ihrer Narkose und nichts war mehr so wie vorher. Und die Frage, ob ihr Geliebter sie jetzt noch als Frau, als Geliebte sehen würde, war nicht das geringste ihrer Probleme…


Eine Messerspitze Blau ist ein sehr persönliches Buch, eine Krankengeschichte bzw. eher noch die Geschichte der postoperativen Phase einer Frau nach einer Mastektomie (z.B. hier: https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/krebsarten/brustkrebs/therapie/operation.html). Dieser Bericht ist 1979 erschienen, also ein Jahr nach der Operation, das Schreiben erfolgte noch unter der direkten Nachwirkung der Behandlungen, nach der Operation folgten noch Bestrahlung und Chemotherapie. Ich habe mich gewundert, daß über die bekannte Suchmaschine keine Besprechung dieses Buches zu finden ist (ok, ich habe nicht allzu intensiv gesucht, aber trotzdem), denn der Bericht Cuneos ist sehr intensiv, ist sehr offen, ist sehr umfassend in dem Sinn, daß sie nicht nur ihre persönliche Situation und Befindlichkeit beschreibt, sondern sie diese in einen größeren, politischen Zusammenhang steht. Mithin wäre dieses Buch seinerzeit mehr als eine Besprechung wert gewesen, aber auch wenn man davon absieht, daß das Internet damals gerade erst im Urzustand existierte, passt dieses Fehlen in eine der Feststellungen Cuneos, daß nämlich der Krebs, diese Krankheit, totgeschwiegen wird (wurde), als schuldhaft empfunden wurde, als etwas, wofür der/die Kranke selbst (mit)verantwortlich war. Man wollte über Krebs nichts hören oder lesen (eine „Verschwörung des Schweigens“ nennt sie es an einer Stelle) und daher blieben dieser Aufschrei Cuneos zumindest unkommentiert.

Cuneo schreibt sehr direkt (sie formuliert es selbst als „Schrei“, den sie ausstößt), es ist für sie – und generell – noch lange nicht klar, wie lange sie nach/trotz der Operation noch leben wird, das Risiko, x Jahre (und x ist klein) nach der Operation zu sterben, ist hoch. So fühlt sie sich unter Druck stehend, ihre Botschaft zu formulieren und ihre Gedanken zu Papier zu bringen: An anderen Tagen sage ich mir, daß ich nicht mehr viel Zeit habe, daß ich dieses Buch sehr schnell fertig stellen müsse. …

Es ist eine politische Botschaft in ihrem Text enthalten. Krebs erscheint ihr als Krankheit, die auch durch äußere Umstände verursacht ist, dabei scheut sie sich nicht, hin und wieder Korrelationen als Kausalitäten zu deuten. Die Lieblosigkeit, die sie in ihrer Kindheit und Jugend erfahren hat, die Ausbeutung des Menschen und der Natur durch die Gesellschaft und das kapitalistische Gesellschaftssystem, die Unterdrückung der Frau: all dies Ursachen des Krebses auch des einzelnen Menschen. In diesem Zusammenhang sind ihr zwei Bücher wichtig: Mars von Fritz Zorn (vgl. z.B. hier: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40916988.html) und der 1978 erschiene Essay Susan Sontags: Die Krankheit als Metapher (vgl. z.B. hier: ). [Zorn] sah in seinem [Krebs] das Resultat einer Erziehung ohne Liebe, ohne andere Werte als die der Konventionen, die er nicht akzeptieren konnte. Sein Krebs war im Hals ausgebrochen und er fand das bezeichnend: „Das sind all die Tränen, die ich hinunter geschluckt habe.„. In Sontags Essay spiegelt sich die damals in den USA aufkommende Auffassung, die Erkrankung spiegele die Unfähigkeit des Kranken, Gefühle auszudrücken und auszuleben, und in letzter Konsequenz diese „Unfähigkeit“ sogar Ursache für die Krankheit sein. In dieser Sicht wäre Krebs letztlich selbst verschuldet. (nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Krankheit_als_Metapher), einer Ansicht, der Cuneo teilweise heftig widerspricht: Diese Welt jedoch, die mich ängstlich gemacht und mich in den entscheidenden Jahren des Wachstums hat hungern lassen, diese Welt, die jedes Jahr vierhundert Milliarden Dollar für Rüstung ausgibt, während die Kredite für Spitäler und Forschung gekürzt werden, diese Welt, IHRE [i.e. Sontags] Welt ist dafür verantwortlich. Jede zweite Person erkrankt an Krebs. Jede zweite! … Bis jetzt fühlte ich mich fast schuldig, krank zu sein. Oder an anderer Stelle, nachdem ihr angeraten wurde, die Eierstockzyste (siehe unten) zu operieren: Aber es ist IHRE Krankheit, nicht meine. Genug jetzt mit dieser Verschwörung des Schweigens. Man hat Krebs und schämt sich, wortlos läßt man sich durch die Mühle drehen. Nun, ihr könnt nicht mehr mit mir rechnen! Ich werde mich nicht einfach so operieren lassen. Ich werde sagen, daß Krebs das Resultat einer faulen Gesellschaft ist. Eine von zwei Personen! Die Revolution muss doch stattfinden, sofort!

Cuneo wird durch ihre Erkrankung unmittelbar mit dem Tod konfrontiert, einen Gedanken, der bis dato immer verdrängt worden ist. Der Tod wird ihr Begleiter – aber auch die Angst. Jedes Zucken und Ziepen des (sowieso schmerzgeplagten) Körpers könnte ein Zeichen sein für ein erneutes Ausbrechen des Krebses, für eine Metastase. Und wirklich diagnostiziert der Gynäkologe eine Zyste an einem Eierstock, der durch die Bestrahlung nicht völlig abgetötet worden ist. Die angeratene OP ist ein Graus für sie, wieder soll sie ein Stück ihres Körpers weggeben, fremdbestimmt durch den Arzt. Sie verweigert sich, bricht zusammen, muss psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.


Die Autorin schildert viele der Träume, die sie hat oder auch in der Vergangenheit hatte und die sie jetzt in Bezug auf ihre neue Lebenssituation ausdeutet: Heute bin ich überzeugt, daß damals, auf den Tag genau sechzehn Wochen vor meiner Operation, soeben die Entwicklung meines Krebses eingesetzt hatte (oder einzusetzen im Begriff war), daß mein Unterbewusstsein es wusste [daher der Traum], daß es sich ein Stück dagegen wehrte…. oder diese Bedeutung, die sie in einen weiterer Traum nach der Krebs-OP hineinliest: Jetzt habe ich keine Zeit mehr. Ich muss mich wieder in den Griff bekommen, und dieser Traum drückt aus, wie notwendig das ist. Was von mir übrigbleibt, muss ein GANZES sein. 

Die Aufzeichnungen Cuneos schließen mit einem kämpferischen Statement, mit einem Aufruf. Sie bezieht sich noch einmal auf Max Zorn, der geschrieben hatte: … komme ich nach prüfenden Vergleich zum Schluß, daß es mir, seit ich krank bin, viel besser geht als früher, bevor ich krank wurde. und stimmt dem aus vollem Herzen zu: Ich auch. … Es geht mir viel besser jetzt als während der vierzig Jahre, die ich mit Disziplin, Mühsal, Angst vor dem Tod und Angst vor dem Leben vertrödelt habe.  Wovor soll ich jetzt noch Angst haben? Ich stecke mitten drin in diesem hinterletzten, gottverdammten Dreckloch. Viel weiter in den Dreck reiten könnt ihr mich nicht. Der Tod? Ein Vertrauter. Wir sprechenden uns Tag für Tag. Hunger? Kälte? Strafe? Seht ihr, wie lächerlich das ist? Hier bin ich nicht mehr angreifbar. … Verändern wir die Welt. Und noch eine positive Veränderung merktr Cuneo an sich: sie ist sich ihrer selbst, ihres Körpers bewusster geworden, die Erkenntnis, daß der Tod sozusagen am Bettrand sitzt, hat sie zu der Einsicht gebracht, daß es sinnlos ist, auf die Zukunft zu warten, daß das Leben im Hier und Jetzt stattfindet.


Cuneos Aufzeichnungen unterscheiden sich sehr von den meisten Krebsschicksalen, die man in den letzten Jahren häufiger lesen kann. Sehr viel offensiver bezieht Cuneo die allgemeinen Lebensbedingungen mit in ihr Schicksal ein, wehrt sich [das Buch ist 1979 erschienen] gegen die gesellschaftliche Stigmatisierung, die dem Erkrankten auch noch die Verantwortung für seine Erkrankung aufbürdet, überträgt im Gegenteil den real existierenden gesellschaftlichen Verhältnissen diese Verantwortung und folgert daraus, daß diese sich ändern müssen. Gleichzeitig erkennt sie jedoch auch, daß diese Erkrankung ihr einen neuen Zugang zu sich selbst eröffnet hat: sie ist sich ihrer selbst bewusst geworden, ihrer gesellschaftlichen Rolle und Funktion, sie wurde mit ihrer Sterblichkeit konfrontiert (und ist es zum Zeitpunkt des Verfassens immer noch gewesen), sie nimmt sich anders wahr, sie fühlt sich in der Gesamtheit stärker geworden. Der Krebs war …. eine Bresche für die Zukunft. So gelingt es Cuneo, dieser destruktive Diagnose „Krebs“ etwas Positives abzugewinnen.

Eine Messerspitze Blau ist ein – wenig verwunderlich, auch hinsichtlich der zeitlichen Nähe zur Erkrankung – sehr emotionales Buch. Angst, Zorn, Wut, Empörung sind deutlich zu spüren, Unsicherheit, Ärger über die Fremdbestimmung, zaghafte Hoffnungsfunken, Depressionen, auch das Glücksgefühl, weiterhin geliebt zu werden, gibt es, schließlich so etwas wie Akzeptanz und Anerkennen, daß diese Erkrankung jetzt zum eigenen Ich gehört und das Denken klarer gemacht hat.

Der Bericht fungiert auf zwei Zeitebenen: zum einen schildert er in der Rückschau die Tage direkt um Diagnose und Operation, die andere Zeitschiene ist aktueller (bezogen auf das Schreiben des Textes) und schildert die Situation jeweils (der Bericht ist in drei Abschnitte unterteilt) wenige Monate nach der Operation. Eingeflochten in den Text sind auch Rückblicke auf die Vita der Autorin, die stark durch den Krieg geprägt ist. Es gibt eine Aussage, daß sie (und die anderen Frauen ihrer Generation) in einer Art Zwischenzeit geboren wurden: erzogen noch im „viktorianischen“ Geist waren sie 1968 schon zu alt, und erlebten die Umbrüche dieser Revolte eher am Rande mit. Ein nicht uninteressanter Aspekt ist es für uns heutzutage, diesen Wandel im „Ansehen“ des Krebses von einer Krankheit, für die man selbst Schuld trägt, zu einer normalen, wenn auch tragischen Krankheit, die jeden erwischen kann. Mich jedenfalls hat dieser Bericht (möglicherweise einer der ersten Krankengeschichten dieser Art) ob seiner Emotionalität, seiner Unbedingtheit und seiner kämpferischen Seite sehr beeindruckt, er ist auch heute, nach ziemlich genau vier Jahrzehnten noch sehr lesenswert.

Anne Cuneo überlebte ihre Erkrankung um lange Jahre, in denen sie noch sehr produktiv war.

Mehr Buchbesprechungen von mir im Umkreis von Krankheit, Sterben, Tod und Trauer finden sich hier:
https://radiergummi.wordpress.com/category/krankheitsterbentodtrauer/

Anne Cuneo
Eine Messerspitze Blau
Übersetzt aus dem Französischen von Erich Liebi
Originalausgabe: Une cuillerée de bleu, Vevey, 1979
diese Ausgabe: Ullstein, TB (Reihe: Die Frau in der Gesellschaft), ca. 156 S., 1999
mit einem Nachwort von Susanne Alge

Über den Tod

Verachte nicht den Tod,
sondern habe dein Wohlgefallen an ihm,
in der Überzeugung,
daß auch er zu den Dingen gehört,
die die Natur will.

(Marc Aurel: Selbstbetrachtungen)


Tod und Liebe, Liebe und Tod: ich denke, man kann mit Fug und Recht behaupten, ein Großteil der Literatur, sei es Prosa oder Lyrik, befasst sich in der einen oder anderen Weise mit diesem beiden Antagonisten des Lebens. Durch die Liebe wird Leben geschaffen und der Tod beendet es, obschon er erst die Voraussetzung schafft, daß neues Leben Platz bekommt auf dieser Welt. Tritt die Liebe in vielfacher Form in Erscheinung, so ist der Tod immer und nur derselbe: aus dem Lebenden, ob Pflanze, Tier oder Mensch, das als Subjekt mit seiner Umgebung wechselwirkte, ist ein Objekt geworden, das nur noch den Gesetzen der Physik und der Chemie unterliegt: es verwest und geht wieder ein in den Kreislauf der Natur. Dem Tod des Menschen wohnt noch ein Zweites inne: er wird von seinen Verwandten, Bekannten und Freunden als Verlust erfahren, als Schmerz, als Wunde im eigenen Sein: Trauer bemächtigt sich seiner. Die unter Umständen Tröstung erfährt im Gedanken und im Glauben daran, daß etwas von dem, was den Menschen über einen biologischen Apparat erhebt, überlebt, vom Körper befreit in eine andere Welt übergeht oder auch wiederkehrt in anderer Form…

Vermengt wird häufig der Tod im Sinne von das ‚Totsein‘ als Zustand mit dem Sterben als Prozess. So flößt der Gedanke tot zu sein, nicht unbedingt jedem Furcht ein, die Vorstellung zu sterben jedoch schon eher, nicht nur die Gefahr eines quälenden Sterbeprozesses (wie ihn beispielsweise Tolstoi im Der Tod es Iwan Iljitsch schildert), auch der Gedanke des Verlusts an allem, was das eigene Leben umfasst, ist Angst erregend. Aber kommen wir jetzt nach diesen Vorbemerkungen meinerseits zur voliegenden Anthologie über den Tod, die hin und wieder eben auch über das Sterben geht.


Die Sammlung der ausgewählten Texte ist chronologisch, fängt mit einem altägyptischen Gedicht an, dem kurze Texte des Predigers Salomo folgen, alles hat seine Zeit. Danach Texte aus griechischer und vor allem römischer Antike, dann ein Sprung ins 13. Jahrhundert zu Dante und Walther von der Vogelweide, Texte von Luther, de Montaigne, Moliere, Voltaire, Lessing und vielen anderen mehr. Die deutsche Romantik mit Hölderlin, Kleist oder Novalis ist vertreten, aber auch allen Poe, Tolstoi, Oscar Wilde, Brecht, Thomas Mann und Hesse. Diese Namen mögen auch für die vielen anderen Autoren, von denen ebenfalls Gedichte, Zitate und Textauszüge wieder gegeben werden, stehen.

Der Tod – also eins der Hauptthemen der Literatur. Von daher könnte eine Anthologie wie diese, die 2003 zum ersten Mal erschienen ist (damals noch mit den Namen der Herausgeber) ‚unendlich‘ umfangreich sein, eine Auswahl war notwendig. Leider enthält das Bändchen weder Vor- noch Nachwort (eingeleitet wird es mit einem recht amüsanten Aufsatz von Urs Widmer), in dem der/die Herausgeber erläutern, unter welchen Prämissen sie ausgewählt haben, was sie verdeutlichen, zeigen, sichtbar machen wollten und warum… So erscheint die Sammlung ein wenig orientierungslos und willkürlich, neben Schopenhauer, Nietzsche, Rilke und anderen tauchen beispielsweise auch Max und Moritz auf, die in des Müllers Mühle zu Hühnerfutter verarbeitet werden. In der Summe aber läßt sich beim aufmerksamen Leser doch etwas erkennen: die in den Zeitläufen wechselnde Einstellung des Menschen zum Tod.

Das oben von mir wiedergegebene Zitat Marc Aurels sei beispielhaft für viele Äußerungen antiker Philosophen, die den Tod als Notwendigkeit des Lebens akzeptierten. Gewöhne dich an den Gedanken, daß der Tod für uns keine Bedeutung hat, schreibt Epikur an einen Freund, denn solange wir leben, ist der Tod nicht anwesend, sobald aber der Tod eintritt, werden wir nicht mehr leben. … oder Seneca: Es ist aber doch ein schönes Ende, allmählich mit der natürlichen Auflösung zu erlöschen.Vor allem aber sollten wir lernen, ohne Traurigkeit an unser Ende zu denken. Wir müssen uns eher für den Tod als für das Leben vorbereiten. … Mit dem Christentum dann kam der Glaube an den Einzug in Paradies, die Wiederauferstehung: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt. … und die Toten werden auferstehen, unverweslich, …. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? (1Kor 15,51f; LUT) Der Tod hier also schon als Gegner, als Feind.

Augustinus berichtet ein paar Jahrhunderte später zum Tod seiner Mutter, daß er sich das Weinen verbot: ... ein krankhaft starker Wille meiner Seele hielt sie [i.e. die Tränen] zurück in meinen Augen, daß sie trocken blieben. Mir aber war gar weh bei diesem Kampf der Seele. …

Kraftvoll und lebensnah dagegen das Gedicht Villons im Angesicht des Galgens: Ihr seht uns hier gehängt, fünf, sechs Gefährten: / und wenn das Fleisch, das wir zu gut genährt, / verfault sein wird, von Elstern ganz verzehrt, / und wir Skelette, Asche, Staub und Bein – / dann haltet uns mehr als des Spottes wert / und bittet Gott, er möge uns verzeihn!

Bei Luther wird der Tod wieder zum Feind, gegen den jeder in eigener Person geharnischt und gerüstet sein muss, um mit ihm zu kämpfen… [dem Sinne nach zitiert] und Angelius Silesius fordert vom Menschen, er solle sich von der Gier frei machen, im Leben schon das loslassen, was er im Tod eh loslassen muss: Stirb, ehe du sterben musst, / meid, ehe du meiden musst! / Ertöt in dir die böse Lust / und alle falschen Freuden! … Unschwer läßt sich aus diesen Zeilen die Leibfeindlichkeit des damaligen Katholizismus herauslesen.

Langsam kommt die Textsammlung in die Zeitalter, in dem nicht nur vor allem die kirchlichen Würdenträger des Schreibens mächtig waren, sondern auch die weltliche Literatur immer stärker anschwoll. Montaigne wird natürlich angeführt, Lichtenberg, Goethe, Claudius, Shakespeare, Mozart… so viele. Die deutsche Romantik mit ihrer Verklärung des Todes, hier ist der Abschiedsbrief Kleists an seine Schwester bemerkenswert, durchaus tröstlich im Stil und unterzeichnet mit: … am Morgen meines Todes. Dein Heinrich. 

Der Tod, bzw. das Sterben als Komödie der Eitelkeit für Nietzsche, der Tod als Zeigefinger schwarzer Pädagogik in Geschichten wie die von Paulinchen und den Zündhölzern oder auch bei Wilhelm Busch mit seinen Max und Moritz, die ihr ungezogenes Verhalten büßen müssen. Das schwere Sterben des Iwan Iljitsch [meine Besprechung des Buches: https://radiergummi.wordpress.com/2013/11/02/leo-tolstoi-der-tod-des-iwan-iljitsch/] bei Tolstoi und der wunderbare Fünzeiler Rilkes: Der Tod ist groß… wenige Beispiele nur für die vielen Textstellen, die die Anthologie bietet.

Über den Tod, um das Gesagte zusammenzufassen, erweckt als Ganzes ein wenig den Eindruck der Beliebigkeit, da eine Richtschnur der Herausgeber über ihre Motive zur Auswahl der Texte vermisst wird. Ungeachtet dessen enthält die Sammlung eine Vielzahl meist kürzerer Zitate, Textauszüge und Gedichte, die lesenwert, bedenkenswert sind. Da man eine solche Zusammenstellung normalerweise nicht wie einen Roman vorne beginnend und auf der letzten Seite endend liest, hat dies Buch trotz dieses als Mangel empfundenen Fehlens eines übergreifenden Auswahlmotivs seinen Wert, um in ruhigen (oder weniger ruhigen) Stunden einen Anker zum Nachdenken, zum Sinnieren zu finden.


Über den Tod

Poetische und philosophische Texte
Erstausgabe: Diogenes, 2003
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 208 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Dan Marshall: Meine scheißkranke Familie

Nachdem ich meinen eigener Lesekreis an altersbedingtem Teilnehmerausscheiden schliessen musste, bin ich Mitglied in einem anderen Lesekreis geworden. Dort, so habe ich seinerzeit zu meinem Erstaunen gehört, werden keine Biographien gelesen, was ich damals nicht so richtig verstand. Nachdem ich jedoch dieses Buch von Dan Marshall, das ja eine verdammt wahre Geschichte erzählt, gelesen habe, habe ich mehr Verständnis für diese Einschränkung meines Lesekreises gefunden.

Denn bei einem Roman kann ich die Figuren interpretieren, ich kann mir überlegen, was der Autor mir mit seinen Worten sagen will, ich kann Symbole, Metaphern, Bilder suchen und deuten – in einer Biographie oder einer solchen Familiengeschichte, wie sie Dan Marshall erzählt, ist nichts zu interpretieren, gibt es keine Figuren, keine Symbole, es gibt nur das Faktische, das man nehmen muss, wie es dargeboten wird.


Die Marshalls sind eine siebenköpfige Familie in Salt Lake City, Nichtmormonen unter Mormonen. Sie sind finanziell abgesichert, der Vater Rob Marshall besitzt mit einem Freund zusammen Zeitungen, mit denen er gutes Geld verdient. Auf andere Art und Weise sind die Marshalls jedoch geprüft worden: die Mutter Debi erkrankte, als die Kinder noch klein waren, an Non-Hodgkin-Lymphom, als wahre Kämpfernatur unterzog sie sich im Lauf der Jahre vielen Chemotherapien, die den Krebs weitgehend in Schach halten.

Der Vater Rob ist ein sportlicher Typ, ein Marathonläufer. Sein großes Ziel war die Qualifikation für den Boston-Marathon, die er auch schaffte. Rätselhafter Muskelbeschwerden wegen ging er zum Arzt, der ihn zum Neurologen weiterschickte, die vernichtende, durch eine zweite Meiung bestätigte, Diagnose war ALS, diese unweigerlich zum Tode führende Krankheit, die durch den kürzlich verstorbenen Stephen Hawkings bekannt geworden war.

Der Autor des Buches, Daniel Marshall, lebte zu dieser Zeit in Los Angeles, er hatte einen guten Job, eine Freundin, die er liebte und ein von Sorgen freies Leben, das er in vollen Zügen genoss – und aus dem ihn der Anruf der Mutter, mit dem sie ihn über die ALS-Diagnose informierte, herauszuholen drohte. Drohte, denn eine ganze Zeit lang weigerte er sich einfach, den Ernst der Lage zur Kenntnis zu nehmen, zu akzeptieren, daß er als Sohn in der Pflicht war bzw. in die Pflicht genommen wurde. Letztlich konnte er sich aber nicht weigern, die anderen Geschwister waren schon ins Elternhaus zurückgekehrt und auch ‚Drecksack Dan‘ bat bei seinem Chef um unbezahlten Urlaub, wechselte bei seiner Freundin auf Fernbeziehung und zog zurück nach Salt Lake City.

Meine scheißkranke Familie erzählt aus dieser Konstellation heraus die Geschiche der Marshalls über die nächsten anderthalb Jahre hinweg. Der Krankheitsverlauf bei Bob ist schnell fortschreitend, die Pflegebedürftigkeit nimmt rasch zu, bis er letztlich rund um die Uhr betreut werden muss: er kann sich kaum noch bewegen, nicht mehr essen (schlucken), kann praktisch nicht mehr sprechen, seine Ausscheidungen nicht mehr kontrollieren, das Atemvermögen nimmt stark ab…. damit wird die Beanspruchung der Familie, die trotz mittlerweile engagierter Hilfe, den größten Teil der Pflege übernimmt, immer größer, die Überforderung immer offensichtlicher. Schließlich teilt Bob seiner Familie seinen definitiven Wunsch  mit, daß die künstliche Beatmung eingestellt werden soll und er sterben darf. So schrecklich die Vorstellung des Todes des Vaters für die Kinder auch ist, mischt sich doch das (ein schlechtes Gewissen verursachende) Gefühl mit ein, daß der Tod des Vaters auch Entlastung bedeuten würde und die Möglichkeit, wieder ein eigenes Leben zu führen. Am 22. September 2008 wurde ihm sein Wunsch erfüllt [http://www.legacy.com/obituaries/saltlaketribune/obituary.aspx?n=robert-wendell-marshall&pid=117845193].


Mir ist es schwer gefallen, dieses Buch zu lesen. Wenn man gerade ein so bewegendes Lebenszeugnis wie die Briefe von Daniela Berg nach dem Tod ihrer Tochter gelesen hat, wenn der neue Roman von Jesmyn Ward auf einen wartet, fällt es schwer, sich dieser Familiengeschichte, in der ein in der Pubertät irgendwo hängengebliebener Mittzwanziger das zugegeben sehr schwere Schicksal seiner Familie schildert.

Ob eine Familie funktioniert, stellt sich am schnellsten in einer Krisensituation heraus. Den Marshalls geht es finanziell gut, die Erkrankung des Vaters an ALS mit seiner infausten Prognose wirft jedoch das gesamte Familiengefüge durcheinander, den Kinder und der Mutter gelingt es auch nicht mehr, den neuen Alltag auf einen halbwegs funktionierenden Zustand einzupegeln. Zu allem Überfluß muss sich die Mutter in dieser Zeit erneut einer harten Chemo unterziehen, die sich sehr anstrengt und nach deren Beendigung sie sich an hohe Dosen Fentanyl gewohnt hat.

Obwohl sich die Familie professionelle Pflege wohl hätte leisten können, nimmt sie sich selbst in die Pflicht – und erweist sich sehr schnell als überfordert. Das Haus verwahrlost völlig (Dan war mit dem Auswechseln einer Glühbirne schon völlig überfordert), der Alkoholkonsum nicht nur von Dan nimmt zu, die jüngere Schwester Jessica wird von den Brüdern Dan und Greg häufig volltrunken aufgelesen und ins Bett getragen; den Schulbesuch hat sie de facto eingestellt.

Die Pflege des Vaters ist anstrengend und anspruchsvoll, Begriffe wie Intimsphäre, Schamgefühl und Peinlichkeit spielen keine Rolle mehr, wenn es um den Ausfall der Funktion der Ausscheidungsorgane geht. Die beiden Brüder teilen sich in diese Arbeit („Daddydienst“), es ist eine 24/7-Pflege, da auch das Beamtungsgerät rund um die Uhr in Auge behalten werden muss.

So aufopferungsvoll dieser Teil der Pflege und Betreuung auch erledigt wird, ist anderes nicht nachzuvollziehen. Einige wenige Beispiele: Die Einführung der Betreuer in die Funktion des Beatmungsgerätes nach der Tracheotomie dauert in der Reha normalerweise eine Woche, Dan und Greg werden nach knapp sechs Wochen von den Ärzten mit ungutem Gefühl nach Hause entlassen. Sie fuhren halt lieber auf den Fluren mit Rollstühlen Wettrennen… man muss sich einfach nur mal in die Situation des Vater versetzen, der dies ja alles mitbekam. Oder dies: Ein Ausflug soll mit dem Vater unternommen werden. Er wird mit Mühe in den Van gehievt, man fährt los, kommt am Parkplatz an und muss feststellen, daß der Akku vom Beatmungsgerät fast leer ist… also schnellstens wieder zurück… zwei Beispiele, die leicht erweitert werden können und zeigen, daß insbesondere Dan, der als ältester Sohn sozusagen die erste Geige spielte, überfordert war.

Dan Marshall – ich gebe es zu – ist mir mit seiner kacke-, piss- und furzorientierten Sprache, mit der seinen Gegenüber häufig einfach nur verletzen will (ich habe seine Info, daß er im Hauptfach Psychologie belegt hatte, zweimal nachgelesen, weil ich es nicht glauben wollte), schlicht und ergreifend unsympathisch. Trotzdem tut er, der einer etwas skurrilen Logik folgen muss, mir auch leid. Skurrile Logik, damit meine ich folgendes: seine Familie erinnert ihn daran, daß er gut aufgewachsen ist, studieren konnte und damit die Chance auf eine berufliche Karriere hat, daß er jetzt an der sonnigen Pazifikküste mit seiner Abby das Leben genießen könne. Und nun erwartet sie, daß er aus Dankbarkeit für diese Möglichkeiten genau dies alles in die Tonne tritt: er seinen Job aufgibt, wieder ins ungeliebte Salt Lake City kommt, er seine Beziehung zu Abby aufs Spiel setzt und mithilft, den Vater zu pflegen. Wobei die Rückkehr ins Elternhaus nicht nur bedeutet, daß er die Poleposition bei der Pflege des Vaters einnehmen muss, sondern er auch für seine jüngeren Schwestern Verantwortung übernehmen muss (was zumindest bei Jessica gründlich schief geht) und die Mutter erst mit ihrer Chemo und später dann mit Fentanyl ist auch nicht gerade eine Hilfe. Und natürlich, was absehbar war, trennt sich Abby nach einiger Zeit von ihm, eine Fernbeziehung unter diesen Randbedingungen hatte sie nicht durchgehalten. Zu der Überforderung durch die Pflege kam also noch eine Fülle eigener Verluste, die zu verkraften waren bzw., die, da genau dies nicht wirklich gelang, in Depression, Alkohol und Burn-out führte.

So konnte ich mich bei der gesamten Lektüre des Buches nicht entscheiden, ob ich es als Krankengeschichte des Vaters lesen sollte oder als Versuch des Autoren, seinen Part und sein Schicksal darin zu schildern, lesen sollte. Man muss ihm dabei zubilligen, daß er ehrlich ist, auch und gerade die negativen Aspekte nicht verschweigt. Sein stetig steigender Alkoholkonsum beispielweise, sein immerwährendes Schielen auf Aussenwirkung, daß sich selber auf die Schulterklopfen, wie toll es doch ist, daß er dies alles macht…. Gerade die Aussenwirkung scheint wichtig zu sein für Dan, noch bei seinen Überlegungen für die Abschiedsrede bei der Bestattung sinniert er darüber, ob er sie so anlegen soll, daß die Leute weinen oder sollte er doch eher etwas Unsinniges sagen oder etwas so Braves, als würde er sich um das Amt des Schulsprechers bewerben. Immer sucht er nach einer Rolle, die er spielen könnte, dabei ist er doch der Sohn, eigentlich sollte das reichen. Ach ja, und als Symbol sieht er sich letztlich auch noch: … das Spiegelbild einer ziellosen und verwöhnten Generation, die Amerika in eine Abwärtsspirale zog.


Ich habe es angedeutet, bin aber nicht weiter darauf eingegangen, Dan unternimmt auch im Buch jeden Versuch, seinen Spitznamen „Drecksack Dan“ Ehre zu machen. Wer Meine scheisskranke Familie liest, sollte sich darauf gefasst machen, daß häufig die Sprache der Gosse gesprochen wird, daß der Humor, der herrscht, entweder als „schwarz“ oder auch als „geschmacklos“ eingestuft werden kann, auch wenn es durchaus Passagen gibt, in denen sich andeutet, daß Dan auch anders kann, intelligenter, sensibler, reflektierter. Ebenso wenig bin ich auf die anderen Kinder der Marshalls eingegangen, denn Dan war einfach die Hauptperson, die auch die größte Last zu tragen hatte, wenngleich sein Bruder Greg den „Daddydienst“ mit ihm teilte. Aber im Gegensatz zu Dan, der praktisch rund um die Uhr im Einsatz stand, schufen sich (oder hatten) die Geschwister kleine Oasen, in denen sie etwas eigenes, nicht von der Krankheit des Vater und der Mutter dominiertes hatten: Greg arbeitete als Reporter, Chelsea hatte ihre Schule und die Tanzerei, Tiffany, die älteste, lebte nicht im Haus und Jessica… hatte wohl Glück im Unglück…

Womit ich wieder bei meinen Intro wäre: wer bin ich eigentlich, daß ich mir anmaße, über andere Menschen zu urteilen, ihr Verhalten zu bewerten? Aber irgendwie liest sich das Buch, diese verdammt wahre Geschichte, eben doch wie ein Roman…. Bleibt also schlussendlich die Frage, was man aus dieser Familiengeschichte lernen kann. Eine Antwort liegt auf der Hand: die Überforderung meiden, sich nicht selbst körperlich und seelisch in den Ruin treiben oder treiben lassen. Hilfe in Anspruch nehmen, Entlastung suchen, eigene Freiräume behaupten, das eigene Leben nicht völlig vernachlässigen… Was geschehen kann, wenn man das nicht beachtet, nun dafür (und für sonst wohl wenig) kann diese Geschichte ein mahnendes Beispiel sein.

Ein allerletztes Wort zum Buch selbst. Es ist weitgehend chronologisch aufgebaut, in eingeschobenen Rückblenden eröffnet sich ein umfassenderes Bild zum Schicksal der Familie. Literarisch ist die Geschichte solider, lesbarer Durchschnitt, der keine sonderlichen Akzente setzt.

Nun, damit ist von meiner Seite aus alles gesagt, Meine scheisskranke Familie wird bei mir nicht in die Highlights des Lesejahres 2018 aufgenommen werden.

Weiere Links:

Dan Marshall im Interview über sein Buch: https://www.jetzt.de/literatur/buch-ueber-kranke-eltern
Videoporträt von Bob Marshall bei youtube: zum clip –> video

Dan Marshall
Meine scheißkranke Familie
Eine verdammt wahre Geschichte
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Eva Kemper
Originalausgabe: Home is burning, NY, 2015
diese Ausgabe: Atrium, HC, ca. 450 S., 2016

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Daniela Berg: Begreifen, was nicht ist

Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andern muß man leben.

Mascha Kalèko

Die Autorin dieses schmalen, gut 140 Seiten umfassenden Büchleins ist studierte Theologin und arbeitet u.a. als Supervisorin für ehrenamtliche Hospizbegleiter und als Trauerrednerin [vgl. hier ihre Webpräsenz: http://www.mediavitae.de]. Diesen fachlichen Hintergrund merkt man diesem Buch an, er tut ihm gut, sehr gut… denn das Thema des Buches ist eins der schwierigsten: bei der 15jährigen Tochter der Autorin, Marlene, wurde im Sommer 2012 ein Nierenkarzinom diagnostiziert, an dem das Mädchen Ende November desselben Jahres starb. Sie lebte die letzten Tage bis zu ihrem Tod zuhause, umhütet von der Familie, der Mutter Daniela, dem Vater Uwe und dem jüngeren Bruder Friedrich. So konnte sie Abschied nehmen von ihren Schulkameraden, von Bekannten und Verwandten und natürlich von ihrer Familie. Wie die Mutter es beschreibt, hat Marlene ihrem Tod weitgehend friedlich und bewusst entgegengesehen, hat den letzten Abschied von Vater und Mutter in eigener Regie vornehmen können. Dieser Abschnitt in Bergs Buch hat mich sehr bewegt…

Ist der Tod eines nahen, geliebten Menschen für jeden Hinterbliebenen ein Einschnitt im Leben, so ist der Tod eines Kindes für die Eltern die Katastrophe schlechthin. Die natürliche Ordnung ist aufgehoben, nichts mehr hat seine Richtigkeit, oder wie Grossman es in seinem Buch (aus dem auch Berg in ihrem Text ebenfalls zitiert) sagt: man fällt aus der Zeit mit diesem Tod [David Grossman:  Aus der Zeit fallen] und es ist sicherlich nicht falsch zu ergänzen: auch aus dem Raum, denn der Boden, auf dem das bisherige Leben stand, ist entzogen worden, ist nicht mehr da, eine Fallen in ein tiefes Loch scheint unaufhaltsam.

Nichts ist mehr so, wie es war. Der Verlust, die Trauer rollte wie eine schwarze Welle über die Hinterbliebenen hinweg. Es ist nicht nur der Verlust des Menschen, der zu beklagen ist, es ist auch der Verlust der Lebensplanung, die diesen Menschen, dieses Kind, mit eingeschlossen hatte, selbstverständlich von dessen Existenz ausging. Es ist der Verlust der eigenen Unbeschwertheit als Mutter (oder allgemein als Elternteil), mit der man sein Leben mit der Familie lebte: all das ist verschwunden, hat Platz machen müssen dem Zweifel, dem Schmerz, der Wut, der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit, der Schwärze.

Daniela Berg schildert ihren Trauerprozess in Briefen und Mails, die sie in diesem Zeitraum von zwei Jahren an Freunde und Bekannte geschrieben hatte. Wobei festzuhalten ist, daß die Trauer nach dieser Zeit keineswegs vorbei ist, die Trauer um ein Kind dauerte ein Leben lang an, ein verstorbenes Kind gehört ein Leben lang zur Familie, auch wenn diese sich an den verwaisten Platz am Esstisch, im Auto oder sonstwo im Lauf der Zeit gewöhnt hat. Die Trauer, das Gefühl verändert sich, der Schmerz wird anders, man lernt als Betroffene/r, daß dieser Verlust fortan zum eigenen Leben dazu gehört.

Die Zeit zwischen Tod und Bestattung ist normalerweise eine aktive Zeit, in der man häufig abgelenkt ist, denn die Beerdigung muss organisiert werden, es kommen Menschen, um ihr Beileid zu bekunden und Abschied zu nehmen. Berg beschreibt diese Vorbereitungen der Bestattung, an der viele Menschen aktiv beteigt sind, beispielsweise beim Bemalen des Sarges – auch innen, damit Marlene auch etwas davon sieht – eine wunderschöne Idee. Nach der Beerdigung läßt diese Betriebsamkeit nach und in der freiwerdenden Zeit stürzt sich die  Trauer wie ein Monster aus dem Dunkeln auf die Seele.

Berg als – wie sie an einer Stelle schreibt – rational ausgerichteter Mensch kann ihre Gefühle in Worte bringen. Sie kann sie beschreiben, schildern, darlegen, Grossman in seiner Trauer um seinen Sohn [siehe vorstehender Link] ist ihr hierbei Leitbild. Sie kann sie analytisch reflektieren, was sie aber keineswegs davor schützt, ihrer Trauer in vielen Momenten ausgeliefert zu sein. Es fällt unendlich schwer, zu akzeptieren, daß der Verlust eines Menschen durch seinen Tod endgültig ist, diese „übermächtige Faktizität … ist zu absolut für unsere Vorstellung“, zitiert Berg  Connie Palmen [aus dem Logbuch eines unbarmherzigen Jahres].

Der Verlust des Kindes ist eine existenzbedrohende Wunde in der Seele der verwaisten Familie. Die Trauer ist der Schmerz dazu. Sie ist aber auch, dieser Gedanke kam mir während des Lesens von Bergs Briefen, der Weg zur Heilung der Seele – wenn man sie zuläßt. So übermächtig und umfassend sei anfangs auch erscheint, der Mensch lebt mit Verlusten, hat im Lauf seines Lebens gelernt, mit Verlusten (auch wenn sie natürlich weniger existentiell waren wie der Tod eines Kindes) umzugehen, Resilienz nennt man diese Fähigkeit, Krisen durch den Rückgriff auf eigene Resourcen zu bewältigen. Zwei Aussagen Bergs sind hier wichtig: zwar muss man Trauer zulassen und sie hat oft ihren eigenen Rhythmus, in den sie einen anfällt, doch muss man sich ihr nicht ausliefern, sondern man kann lernen, sie aktiv zu gestalten. Räumt man der Trauer einen Raum und/oder eine Zeit ein, gibt man ihr Rituale, in denen sie sich wiederfindet, so gewinnt man dadurch Zeit und Räume, die frei gehalten werden können von Trauer: das eigene Leben soll und muss weitergelebt werden, das Empfinden von Glücksmomenten, von Schönem, das Geniessen kleiner Freuden darf keine Schuldgefühl hervorrufen, es ist gut und im Sinne des/r Verstorbenen. Die zweite, damit zusammenhängede Aussage Bergs, auf die ich verweisen will, ist so formuliert: In vielen Gesprächen in den letzten Wochen meinte ich, dass sich Trauernde an irgendeinem Punkt entscheiden müssen, ob sie sich letztlich dem Leben oder dem Tod zuwenden wollen. … Ich werde leben und glücklich sein! So wie ich es dir, meine schöne starke Tochter, versprochen habe. …

Trauer braucht Zeit, sie ist ein Prozess, der bei jedem anders abläuft, ebenso gibt es kein falsches und kein richtiges Trauern, auch wenn die immer noch populären Phasenmodelle suggerieren, daß es erstens, zweitens, drittes ablaufen muss…. aber irgendwann war die Zeit da, daß die Eltern das Zimmer Marlenes, in dem sie sich die Monate vorher immer wieder mal zurückgezogen hatten, ausräumten und als Arbeitszimmer einrichteten: so waren sie viel öfter in dem alten Raum Marlenes. Für diese bauten sie (überhaupt haben sie sehr viel Handwerksarbeit gemacht, begreifen also im Sinne von angreifen, anpacken) einen Tisch, lackierten ihn und schmückten ihn wie einen kleinen Gedenkaltar mit Erinnerungsstücken und Bildern an Marlene.

Begreifen, was nicht ist beschreibt den Trauerweg der Mutter, der Vater Uwe ist nur selten präsent. Klar wird, daß beide Elternteile unterschiedlich trauern. Während die Mutter lange mit Erschöpfung, plötzlichem Weinen, verminderter Leistungsfähigkeit etc pp zu tun hat, tritt dies bei dem Mann offensichtlich nicht so auf, er scheint schon bald wieder in der Lage gewesen zu sein, seinen Alltag ’normal‘ zu leben – was in keinem Fall bedeutet, daß er nicht trauerte, er tat dies eben auf seine Art und Weise. Dieses Phänomen der unterschiedlichen Ausprägung der Trauer führt beim Tod eines Kindes häufig zu existentiellen Zerwürfnissen bei den Eltern („Jetzt hör doch endlich mal mit der Heulerei auf!“ vs „Du bist überhaupt nicht traurig, wie kannst du nur jetzt….“). Berg schildert, daß es wichtig ist, diese Entfernung, diese Weite zum Partner zuzulassen und zu akzeptieren, damit die Beziehung diese große Krise überstehen kann.

Bergs Buch enthält sehr viele, sehr wertvolle Zeilen. Es finden sich auf der rein ‚praktischen‘ Seite viele Anregungen zur Gestaltung eines Trauerweges (sei es der eigene, sei es als Helfer und Begleiter für andere), aber auch das Darlegen persönlicher Empfindungen und deren Reflexion ermöglicht das Wiederekennen für Betroffene und damit den Trost: das, was ich jetzt fühle, ist in dieser Situation normal, ich bin nicht allein damit, ich darf so fühlen, ich darf mich jetzt fallenlassen z.B. in meine Verzweiflung, ich darf diese Äußerung eines Bekannten jetzt doof und unpassend finden u.v.a. mehr….

Berg selbst hat sich auch bei anderen (Trauernden) gestärkt, in ihrem Buch finden sich viele trostspendende Zitate aus entsprechenden Büchern. Palmen und Grossman habe ich erwähnt, sie zitiert Rilke mit wunderbar sensiblen Worten, aber auch Herrndorf, Hesse und andere mehr. Auch Literatur ist also eine Ressource, auf die man zurückgreifen kann.

Begreifen, was nicht ist überstreicht einen Zeitraum von zwei Jahren. In dieser Zeit unternahm die Familie das, was ’normale‘ Familien auch machen: sie gingen ins Kino, sie fuhren in Urlaub, sie machten Besuche – zu dritt, Marlene in Gedanken immer dabei. Aber sie machten es, sie gewöhnten sich an den neuen Zustand; daß Friedrich, der verwaiste Bruder dieses normale Familienleben mit der Liebe der Eltern brauchte, besonders brauchte, war ein zusätzliches Motiv für die Mutter (und sicher auch den Vater), wieder in ein solches Familienleben zurückzufinden. Nach diesen zwei Jahren hatte sich die Trauer bei Mutter verändert, sie war stiller geworden, die aus dem Gleichgewicht gebrachte Seele hatte gelernt, mit dem Verlust umzugehen, ohne daß dies bedeutet, daß nicht doch noch Tränen flossen, wenn die Erinnerung übermächtig wurde. Wie bei dem Brief, den Daniela Berg an ihre Tochter schrieb, in dem sie die zwei Jahre und ihre Gefühle und deren Entwicklung in diesen zwei Jahren zusammenfasste und darüber berichtete. Das ‚Schwarz‘ hatte, das liest man im Brief, Flecken bekommen, weiße Flecken, die Mutter war wieder in der Lage, auch Gutes zu sehen: Ach, Marlenchen, ich bin immer noch überaus froh und dankbar, dass wir zu deinen Lebzeiten so gut voneinander Abschied nehmen konnten. Ich bin so dankbar, dass das überhaupt möglich war. … und so zählt die Mutter vor allem diese dankbaren Situationen auf, erwähnt und vergisst den Schmerz zwar nicht, aber dieses Positive hat mittlerweile seinen Platz in der Trauer gefunden, ermöglicht die Rückkehr zu einem (anders) glücklichen Leben.


Begreifen, was nicht ist [Webseite  zum Buch:  https://begreifenwasnichtist.wordpress.com bzw. Facebook-Seite: https://www.facebook.com/begreifenwasnichtist/] ragt aus der (mittlerweile) Fülle von Literatur, in denen verwaiste Eltern über ihr Schicksal reden und berichten, heraus. Es ist kein literarisches Werk wie die Bücher von Palmen oder auch Didion [die mir gerade in den Sinn kommt mit ihrem Blaue Stunden und dem Jahr des magischen Denkens], im Gegenteil zeigt sich in diesen Briefen die jeweilig aktuelle Situation der Autorin, die dieser zudem nicht nur ausgesetzt ist, sondern die sie reflektierend begleiten kann – bei allem Schmerz und aller Traurigkeit. So hat mich dieses Buch einerseits selbst sehr aufgewühlt, andererseits habe ich viel Gewinn aus ihm gezogen. So wünsche ich ihm weite Verbreitung und würde mich sehr freuen, wenn meine Beschreibung des Büchleins dabei helfen würde.

Einen einzigen Vorschlag habe ich an die Autorin, falls – was schön wäre – eine weitere Auflage des Textes erfolgen müsste: eine kurze Zusammenstellung nämlich, in welcher Beziehung man zu den einzelnen Adressaten der Briefe bzw. Mails steht/stand. Nicht immer geht es aus dem Text hervor, mir hätte es die im Hinterkopf schwärende Frage: „wer ist denn das jetzt?“ erspart. Es muss selbstverständlich keine Biografie sein, aber ob es ein Verwandter, ein Arbeitskollege oder ein Schulfreund ist, das zu wissen, fände ich hilfreich.

Daniela Berg
Begreifen, was nicht ist
diese Ausgabe: edition winterwork, Softcover, ca. 155 S., 2017; mit vielen Abbildungen

Weitere Bücher, die die Trauer um den Tod der eigenen Kinder beschreiben und die ich auf diesem Blog schon vorgestellt habe:

Monica Wesolowska: Aus Liebe loslassen
Christel und Isabell Zachert: Wir treffen uns wieder in meinem Paradies
Joan Didion: Blaue Stunden
Barbara Pachl-Eberhart: Vier minus drei
Dona Kujacinski: Unser Kind ist tot
David Grossman: Aus der Zeit fallen

Weitere Buchvorstellungen zum Themenkreis „Krankheit, Sterben, Tod, Trauer“ finden sich hier:

https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

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