Jalid Sehouli: Von der Kunst, schlechte Nachrichten gut zu überbringen

Ich habe  auf Instragram ein Bild zu diesem Buch gepostet, das geht eigentlich gar nicht: neben dem Buch liegt ein Telefon [https://www.instagram.com/p/ByNkE7uCGt2/?utm_source=ig_web_copy_link]. Und per Telefon sollten schlechte Nachrichten prinzipiell nicht überbracht werden, man weiß nie, was am anderen Ende der Leitung geschehen wird oder geschieht. Aber dieser Aspekt spielt in den Ausführungen von Jalid Sehouli auch keine Rolle, das Buch behandelt explizit die besondere Situation in Patientengesprächen des Arztes, wenn dieser dem Patienten eine ungünstige oder schlechte Nachricht über ein Untersuchungsergebnis, eine Diagnose oder einen Behandlungsverlauf zu übermitteln hat. Jalid Sehouli ist für Direktor der Klinik für Gynäkologie mit Zentrum für onkologische Chirurgie an der Charité in Berlin, dementsprechend sind es Krebserkrankungen, die im Vordergrund des Buchinhalts stehen.

Die Notwendigkeit, schlechte Nachrichten zu überbringen, ist jedoch ist nicht auf Ärzte beschränkt: Polizisten müssen nach beispielsweise Verkehrsunfällen Todesmitteilungen überbringen, eines der wesentlichen Einsatzgebiete auch von Notfallseelsorgern, die die Polizisten im günstigsten Fall begleiten. In einer Firma/an der Arbeitsstelle können Mitarbeitergespräche unter Umständen problematisch sein. Und natürlich werden schlechte Nachrichten notwendigerweise auch im Familienkreis weitergegeben, müssen Angehörige informiert werden, was ja auch nicht immer ganz einfach ist. Aber selbst im Patientengespräch, auf das sich Sehouli konzentriert, gibt es zwei Parteien (mindestens), auch als Patient sollte man sich auf ein Gespräch mit dem Arzt vorbereiten, allein die Notwendigkeit eines solchen Gesprächs beinhaltet die Möglichkeit, daß eine schlechte Nachricht (z. B. ein ‚positiver‘ Untersuchungsbefund) auf einen zukommt.

Schlägt man das Buch auf, geht es ohne eine große Einleitung direkt in eine Fallbeschreibung, bei der alles auf eine äußerst ungünstige Gesprächskonstellation zuläuft: ein schlechter Befund, eine Vertretung muss das Gespräch übernehmen, beide Parteien sind in großer Zeitnot… Wie soll da das Ziel eines Patientengesprächs noch erreicht werden: Den [Patienten] zu befähigen, selbstverantwortlich zu handeln, aktiv zu werden, ihn also nicht in eine emotionale und mentale Sackgasse zu führen. 

Wohl zu Recht beklagt der Autor, daß ein Mediziner im Lauf seines Berufslebens zwar eine Menge Fort- und Weiterbildung betreiben muss und entsprechende Zertifikate erwirbt, doch die Weiterbildungsangebote im Bereich „Kommunikation“ sind extrem dünn gesät. Sehoulis Buch stößt damit in eine Lücke, die es zu füllen gilt, denn Kommunikation kann man lernen, auch und gerade für das Überbringen schlechter Nachrichten gibt es Regeln. Das Setting der Gesprächssituation gehört dazu, daß eine Gespräch also beispielsweise nicht zwischen Tür und Angel, sondern nach einer Ankündigung, die dem Patienten Zeit zur Vorbereitung gibt, stattfinden sollte. Was kann der Patient in seiner momentanen Situation an Informationen überhaupt aufnehmen, was erreicht ihn überhaupt, möglicherweise will er gar nicht so viel wissen. Die Empathie des Überbringers sollte spürbar sein, das Mitfühlen und vor dem Beenden des Gesprächs sollte eine kurze Zusammenfassung gegeben werden, die man sich merken kann (SPIKES-Modell nach Baile).

Daneben geht Sehouli ebenfalls auf andere Punkte ein: die Sinnhaftigkeit von Ritualen vor einem solchen Gespräch, um aus der vorherigen Tätigkeit mental herauszutreten. Wichtig ist ihm ferner die Redetechnik, um das Wort Rhetorik zu vermeiden: natürlich verständlich, vor allem aber das Setzen von Pausen, das Aushalten auch von Schweigen, von Stille, von dem – möglicherweise auch länger andauerndem – Moment, den der Patient braucht, um die Nachricht aufzunehmen und zu verstehen. Es geht nicht darum, möglichst schnell fertig zu werden, sondern den Patienten wahrhaftig, aber rücksichtsvoll in eine möglicherweise sein gesamtes Leben umwerfende Situation zu begleiten. Ein wichtiger Grundsatz ist, darauf zu achten, was beim Patienten überhaupt angekommen ist vom Inhalt der Nachricht, wobei der Patient selbstverständlich auch das Recht auf Nichtwissen hat.

Eine häufig bei einem Patientengespräch noch anwesende dritte Partei sind Angehörige, die oftmals zur (Unter)stützung des Patienten dazu gerufen wurden. Damit ändert sich die Gesprächssituation, zumal, wenn/da die Angehörigen auch Betroffene sein können/sind. Auch dazu schreibt Sehouli ausführlich, ebenso geht er auf die diffizile Frage ein, wie man mit Kinder schwerkranker Elternteile reden kann oder soll. Hier hat sich die kindzentrierte Familienberatung nach dem COSIP-Konzept bewährt.

Sehouli veranschaulicht die aus seiner langjährigen Praxis [laut Klappentext führt ein Arzt im Laufe seines Berufslebens etwa 200.000 Gespräche mit Patienten und Angehörigen, … die darüber entscheiden, ob ein Leben gut oder schlecht weitergeht. Abgesehen davon, daß nicht so sehr das Gespräch, sondern dessen Inhalt über das zukünftige Leben entscheidet, ist leicht ausrechnen, wieviel schicksalsentscheidende Gespräche ein Arzt jeden Tag führt (Zeitaufwand!), wenn man pauschal von vierzig Berufsjahren und zweihundertfünfzig Arbeitstagen im Jahr ausgeht…] gewonnenen Erkenntnisse mit vielen Fallbeispielen, bei denen ich mir jedoch manchmal gewünscht hätte, daß er eine kurze Analyse, was an dem Beispiel gut oder weniger gut gewesen war, angeschlossen hätte. Daß man als Leser auch Biographisches zum Autoren erfährt, macht dieses zum Teil wegen der Inhalte doch anstrengende Thema etwas leichter und persönlicher. Daß Sehouli abschließend darauf eingeht, daß man als Arzt auch durchaus Wert darauf legen sollte, gute Nachrichten zu überbringen oder das Gute in schlechten Nachrichten nicht zu unterschlagen, ist schön, die im Anhang zusammengefassten Hilfen und Checklisten zur Gesprächsführung (auch aus der Perspektive von Betroffenen) macht das Buch auch als Nachschlagewerk zur schnellen Information hilfreich.

Jeder kann in die Situation kommen, eine schlechte Nachricht überbringen zu müssen – oder möglicherweise zu erhalten. Von der Kunst, schlechte Nachrichten gut zu überbringen kann eine Hilfe dabei sein oder eine Vorbereitung darauf. Auch wenn sich der Autor auf die besondere Patienten-Arzt Situation einer onkologischen Station konzentriert, enthält das Buch viele Hinweise und Ratschläge, die auch im praktischen Alltagsleben anwendbar sind.

Jalid Sehouli
Von der Kunst, schlechte Nachrichten gut zu überbringen
diese Ausgabe: Kösel, HC, ca. 185 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplar.

 

ich verlinke hier zum Abschluss diesen Tweet, der so wunderbar in das Thema passt. Ich hoffe, Heike hat nichts dagegen:

 

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