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Christoph Hein, 1944 in Sachsen geborener Dramatiker und Autor, legt mit Glückskind mit Vater seinen neuen Roman vor, der das Leben eines Menschen beschreibt, der in den letzten Kriegstagen geboren wurde und der sein Leben lang die Schatten des Vaters, den er nie sah, nicht überwand. Ausdrücklich vermerkt Hein, daß dem Roman wahres Geschehen zugrunde liegt, (auch) seine eigene Biografie [1] weist zumindest in den Anfangsjahren Analoga auf zu der seines Protagonisten Konstantin Boggosch, wie auch im Verlauf des Romans in einer weiteren Figur, die nur ganz kurz in die Handlung eingeführt wird, Parallelen zu Hein zu entdecken sind.

Bis auf ein zweijähriges Intermezzo spielt das Buch in der DDR und nach der „Wende“ dann in Deutschland. Bis auf Magdeburg, wo der Protagonist einige Zeit seines Lebens wohnte, werden keine Ortsnamen genannt, einzig eine Rolle spielen die Buna-Werke, ein Werk zur Synthese von Kautschuk, das 1936 gegründet wurde und zur I.G. Farben gehörte. Nach dem Krieg wurde es 1954 in einen VEB überführt, der zu den größten Industriekonglomeraten der DDR gehörte.

Im Roman dagegen war die Buna im Besitz eines gewissen Gerhard Müller. Dessen Frau war in den letzten Tagen des Krieges mit ihrem zweiten Kind hochschwanger, die Russen hatten die Gegend schon erobert. Die Hochschwangere dauerte den russischen Offizier, der sie aus der prachtvollen Villa ausquartieren musste, er versprach ihr, eine Unterkunft für sie zu organisieren. Das „Glückskind“ unter dem Herzen schien ihr das Schlimmste zu ersparen, doch Stunden später kehrte der Offizier mit versteinertem Gesicht zurück, schmiss die Schwangere mit ihrem zweijährigen Sohn aus dem Haus: der Frau eines solchen Kriegsverbrechers würde er keinesfalls helfen. Es ist dies der Moment, in den die Frau von den Untaten ihres Mannes erfährt. So kommen die zwei wie andere Flüchtlinge auch nur notdürftig unter, bei der Schwägerin, mit der sich die Mutter nicht versteht.

Die Mutter ist erschüttert über das, was sie von ihrem Mann, dem in den letzten Kriegstagen  der Prozess gemacht worden war und der gehängt wurde, erfährt, sie sagt sich los von ihm und erreicht, daß sie und die beiden Kinder ihren Geburtsnamen tragen dürfen: Boggosch. Doch das Ablegen des alten, mit Blut befleckten Namens ist nur etwas an der Oberfläche, es kann nichts daran ändern, daß der Mann, daß der Vater Gerhard Müller war, ein hohen SS-Offizier und einer der schlimmsten Kriegsverbrecher.

Von der Unmöglichkeit, seiner Abstammung zu entkommen, handelt dieser Roman Heins. Er konzentriert sich auf den seinerzeit noch ungeborenen Sohn Konstantin. Dessen Bruder Gunthard dient im Roman als Antagonist: er kommt vom Charakter her auf seinen Vater, erweist sich im Lauf der Jahre als skrupel- und gewissenlos, setzt seinen Vorteil durch, wo immer es geht. Für ihn ist der Vater (und damit auch er) ein Opfer der Siegerjustiz. Im Gegensatz dazu ist Gerhard Müller für Konstantin und seine Mutter ein Fluch, dem sie zwar zu entkommen suchen, es aber nicht schaffen. So verweigert man der Mutter trotz ihrer guten Ausbildung und Kenntnisse eine Anstellung als Lehrerin, mühsam ernährt sie sich und ihre Kinder mit Putzen.

Die Brüder erfahren die Wahrheit über ihren Vater erst spät, Konstantin ist schon 11 Jahre alt, Gunthard hat zu dieser Zeit schon lange heimlichen Kontakt zum Onkel väterlicherseits, der in der BRD wohnt und gerichtlich feststellen lassen konnte, daß die Verurteilung seines Bruder nicht durch ein ordentliches Gericht erfolgt war. Ein Urteil, das ihm und dem indoktrinierten Neffen willkommen als Rehabilitation des Bruders/Vaters dient. Erst als die  Mutter von diesem heimlichen Briefverkehr Gunthards erfährt, erzählt sie den beiden Brüdern die Wahrheit….

So wie Gunthard diese nicht akzeptiert, fühlt sich Konstantin von diesem Zeitpunkt an wie mit einem Kainsmal behaftet. Noch weiß er es noch nicht so genau, aber sein Kainsmal ist die Akte, in der alles festgehalten ist, seine Papiere, denn davor schützt auch die Namensänderung nicht.

Trotz sehr guter Leistungen in der Schule verweigert man ihm die Aufnahme in ein Sportinternat, auch den Besuch der Oberschule…. In Konstantin reift der Entschluss, in den Westen zu gehen, ein abenteuerlicher Plan ist es, sein Ziel ist die Fremdenlegion, in der die Herkunft keine Rolle spielt. Zwar ist er mit seinen vierzehn Jahren viel zu jung, aber er denkt, daß er das Problem lösen kann.

In der Tat gelingt es ihm, in den Westen zu kommen, die Fremdenlegion jedoch ist ein demütigendes Erlebnis von wenigen Minuten Dauer. Aber er findet in Marseille Freunde, Männer, die sich seiner, ihres  kleinen „Boches“, annehmen: durch die Sprachen, die die Brüder bei der Mutter gelernt haben, arbeitet er bein einem Antiquar als Dolmetscher. Es ist eine glückliche Zeit in Marseille für ihn.. bis ihn auch hier der Schatten des Vaters einholt: er glaubt ihn in einem Buch über eine Widerstandsgruppe, in der seine Freude im Krieg kämpften, wieder zu erkennen….

Dies und auch Heimweh treiben ihn zurück, in den Tagen des Mauerbaus geht er die andere Richtung, aus dem Westen in den Osten…. Konstantin bleibt nur wenige Tage in der Stadt seines Vaters und geht dann nach Magdeburg. Es gelingt ihm, wie auch schon in Marseille, Arbeit in einem Antiquariat zu finden und in der Abendschule das Abitur zu machen, er gewinnt Freunde, lernt Beate kennen und studiert schließlich Lehrer, weil Lehrer fehlen – sein Wunschstudium in Babelsberg war ihm mit seiner Akte nicht möglich. Jedoch auch hier ein Glückskind: Viele Jahre später sollte er wissen, daß er ein geborener Pädagoge war.

Eine große Tragödie überschattet ein paar Jahre später sein Leben…. er läßt sich mit der Aussicht auf die Stellung als Direktor an eine Gymnasium in einer Kleinstadt versetzen. Aber auch hier gibt es Probleme für ihn, insgesamt wird er zweimal Direktor – und ebenso oft wird er wieder abgelöst…. Er kann seiner Akte nicht entkommen; Konstantin akzeptiert letztendlich sein „Sohn-sein“ als unabänderlich und unter den herrschenden Bedingungen als eine Art „Sippenhaft“. Genauso wie die Taten des Vaters in die Vergangenheit wirkten: auch der einst hochgeachtete Großvater, Vater des Gerhard Müller, fiel in Ungnade, nach ihm benannte Straßen verloren ihren Namen….

Nach der Wende 1989 spült es andere wieder nach oben, die ihr Fähnchen rechtzeitig gewendet hatten, er dagegen gilt als Vertreter der DDR…. und 2010 schließlich, und damit sind wie nahe an der Jetztzeit, wird er pensioniert.

Und hier setzt der Roman auch zweifach ein: eine Reporterin will für die örtliche Zeitung den Umstand, daß noch vier (ehemalige) Direktoren der Schule in der Stadt leben, zu einem großen Bericht nutzen – und ein Brief des Finanzamtes erreicht ihn, in dem die Kirchensteuerfahndung nach einem auf den Namen „Konstantin Müller“Getauften sucht… Du belügst mich. Es gibt etwas, was du mir verschweigst. Etwas, vor dem du davonrennst. Vor dem du ein Leben lang auf der Flucht bist. ….Konstantin Boggosch ist niemand, der viel von sich erzählt, auch seiner Frau Marianne nicht.


Einen Massenmörder zum Vater, dies ist ein Erbteil, das es zu Schultern gibt. Man kann ihm auf mehrer Arten gegenüber treten: Gunthard repräsentiert die eine davon, Konstantin und seine Mutter eine andere.

Gunthard leugnet, stellt sich selbst als Opfer einer Verleumdung, hier namens Siegerjustiz, dar. Daher sieht er auch keine Veranlassung, seine Geburtsstadt zu verlassen, im Gegenteil, er tritt in das alte Werk seines Vaters ein, macht dort eine Ausbildung und kommt voran, bis zu dem Punkt, an dem er nach der Wende die seinerzeit in seinem Namen von der Mutter abgegebene Verzichtserklärung für das Erbe widerrufen kann. Mit diesem Ausweichen in die Wirtschaft geht er der direkten Konfrontation mit dem Staat, der in einer Art „Sippenhaft“ die Nachkommen mit in die Verantwortung zieht, aus dem Weg. Zudem ist Gunthard vom Charakter her ganz anders als Konstantin, robuster, skrupelloser, gefühlskälter.

Anders dagegen Konstantin. Auch wenn er als Kampfsportler eigentlich darauf trainiert sein sollte, eine Auseinandersetzung mit einem Gegner anzunehmen, wählt er die Flucht, das Ausweichen, das Verleugnen. Aber anders als sein Bruder, der die Taten leugnet, will er den Vater leugnen, abstreiten, sich von ihm distanzieren. Es dauert lange, bis er merkt, der der Schatten des Vaters immer an ihm hängen bleiben wird, selbst wenn es Perioden gibt, in denen er sich frei fühlt und nicht an ihn denken muss. Kein Aus- und Zurückweichen seinerseits befreit ihn jemals wirklich, irgendjemandem ist immer bekannt, wessen Sohn er ist.

Wie wäre sein Leben verlaufen, hätte er seinerzeit in Marseille in Mut gehabt, seinen Freunden gegenüber die Wahrheit zu bekennen? Natürlich wäre es möglich gewesen, daß sie ihm die Freundschaft aufgekündigt hätten, aber damit wäre er auch nicht schlechter gestellt gewesen als er es durch seine Flucht war. Zu jung, wahrscheinlich war er trotz seiner Intelligenz zu jung, um dies richtig einzuschätzen.

So wurde Konstantin im Lauf der Zeit von einem Verschweiger zu einem Schweiger. Er redete nicht viel, privates schon garnicht. Seine zweite Frau Marianne weiß kaum etwas von seiner Lebensgeschichte, von seinem Vater, dem Bruder, sie weiß nicht den Grund, aus dem heraus er keine Kinder möchte, auf welches Erbe er verzichtet, selbst seine Erkrankung hält er vor ihr geheim…. ein Mensch also, der kein Vertrauen hat in die anderen, der die Vergangenheit immer noch abschütteln will, in dem er sie verschweigt, der keinen Sinn darin sieht, sie wieder zu wecken, in dem man über sie redet, ein Mensch auch, der Erinnerungen misstraut, denn mit unseren Erinnerungen versuchen wir, ein missglücktes Leben zu korrigieren….

Bis auf diesen zweijährigen Aufenthalt in Marseille spielt sich fast die gesamte Handlung in der DDR ab und so skizziert Hein peu a peu ein Bild des alltäglichen Lebens dort. Es ist kein Blick von oben, von der Führungsebene aus auf die kleinen Leute, es ist im Gegenteil gerade das Leben der kleinen Leute, so wie es sich für sie abspielt. All die Sachen, die im Hintergrund laufen und die zum großen Teil erst nach der „Wende“ herauskamen (Stichwort „IM“), spielen hier kaum eine Rolle. Einzig über die „Akte“ Konstantins wird deutlich, daß die Partei (und ihre Oberen) nichts vergisst, alles im Blick behält – und zum Teil selbst unter Zwängen steht. So vermeidet es Hein, mit dem Wissen von heute auf die damalige Situation zu schauen und zu bewerten oder zu verurteilen.

Interessant sind die Schilderungen Heins, wie Konstantin Ende der 50er Jahre die DDR Richtung BRD bzw. natürlich Frankreich über Berlin (Notaufnahmelager Marienfelde) verläßt und wie er zwei später unter den misstrauischen Augen der Grenzbehörden wieder zurückkommt in die DDR mit ihrem trostlosen Alltag, ihren grauen Städten, ihren Trümmerbergen, die z.B. in Magdeburg das Stadtbild noch beherrschten. Das Antiquariat von Bärbel: der einzige Lichtblick in der Stadt, nachher natürlich dann Bea… und immer wieder auch der Einfallsreichtum der Menschen, sich in den Verhältnissen einzurichten. Auch in dieser Hinsicht ist der Blick Heins nüchtern, Wertungen von Verhalten meidet er, was er schildert, muss für sich selbst sprechen.


Der Roman liest sich trotz seiner erheblichen Umfangs von deutlich über 500 Seiten schnell und leicht. Dies liegt zum einen an der Sprache Heins: recht nüchtern, klar und unkompliziert erzählt er die Geschichte eines Lebens. Die Anzahl der Figuren hält sich in Grenzen, man verliert nicht den Überblick, zumal Wechsel in den Lebensumständen Konstantins meist auch mit einem Wechsel der (wenigen) Personen, mit denen er sich umgibt, verbunden ist. Ferner ist der Text streng chronologisch aufgebaut, es gibt praktisch keine Rückblenden, auf jeden Montag folgt der Dienstag, auf das Jahr x das Jahr (x+1). Da sich die Schilderungen Heins einzig auf Konstantin konzentrieren, gibt es ebenso keine Parallelhandlungen, in die sich die Geschichte aufspalten könnte, Schicksale und zwischenzeitliche Erlebnisse anderer Figuren werden durch Dialoge oder Gespräche dargestellt.

In der Summe ist mit Glückskind mit Vater ein Roman entstanden, der ohne Schnörkel vom Schicksal eines Menschen handelt, der sich zeitlebens nicht von seinem Vater emanzipieren konnte, auch weil er die offene Auseinandersetzung mit diesem Ballast seiner Seele scheute und sein Leben lang in die Flucht auswich. Es war die besondere Tragik des Protagonisten, daß er ein paar wenige Jahre zu jung war, um die Chance zu begreifen, die ihm das Leben in Frankreich eröffnet hätte, hätte er sich zu einem „Ja, aber….“ entschließen können. Statt dessen geht er in das Land zurück, in dem seine Herkunft tatsächlich ein großer Hemmschuh für ihn, mit seinen Eigenschaften, seinen Wünschen war. Hat er sich im Lauf der Jahre in der DDR auch eine Art stilles Glück geschaffen, so war immer noch bedrohlich „die Akte“ da, die schriftliche Fixierung seines Geburtsmakels, das niemand erfahren durfte und das ihn zum Verschweiger machte, fast allen gegenüber.

Der hier erzählten Geschichte liegen authentische Vorkommnisse zugrunde, die Personen der Handlung sind nicht frei erfunden. Christoph Hein stellt dies seinem Roman voran. In diesem Sinne ist es menschliches, ein deutsches Schicksal, das er erzählt, eingebettet in die Besonderheiten dieses Landes. Ein klar erzählte Geschichte, die auf alle Umwege und Schleichpfade verzichtet, die einfach nur beschreibt und erzählt. Und die mehr nicht braucht.

P.S.: Auf diesen ominösen Brief von der „Kirchensteuerfahndung“ (?), den der Autor anfangs erwähnt, geht Hein übrigens nicht mehr ein; eigentlich schade, ich hätte gern mehr erfahren, selbst google ist bei diesem Begriff etwas zurückhaltend mit Auskünften…

Links und Anmerkungen:

Den Beitrag gibt es auch als podcast im literatur RADIO bayern zu hören.

[1] Wiki-Beitrag zum Autoren:  https://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Hein

Vom Autor wurde hier im Blog ferner vorgestellt: Frau Paula Trousseau

Christoph Hein
Glückskind mit Vater
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 525 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Diese Buchvorstellung kann auch als Audio-File im literatur RADIO bayern gehört werden: Ralf Rothmann: Im Frühling sterben (Audiofile)


Ralf Rothmanns Roman über die Freunde Walter Urban und Friedrich Caroli, die in den letzten Kriegstagen des 2. Weltkrieges noch einrücken müssen, ist im Moment ein vielbesprochenes Buch, sowohl in der Literaturkritik als auch in den Blogs. Siebzig Jahre nach Kriegsende ein Roman, bei dessen Lektüre ich an 08/15 denken musste, an Stalingrad oder So weit die Füße tragen [3]. Siebzig Jahre nach dem Ende des letzten Weltkrieges ein solches Buch: auch ein Zeichen dafür, daß es notwendig ist, über diese Zeit noch zu reden, daß es noch Wunden gibt, die auch Jahrzehnte überdauert haben – und daß es um Fragen geht, die zeitlos sind, Fragen nach Schuld und Nicht-Schuld, Fragen nach dem Umgang mit solchen Traumata und wie sich diese auf andere Menschen auswirken……


rothmann cover

Die von Rothmann erzählte Geschichte ist einfach. Die beiden schon erwähnten jungen Männer Walter und „Fiete“ arbeiten in einem landwirtschaftlichen Betrieb in Norddeutschland als Melker. Mit Speck fängt man Mäuse: der Speck ist die vom Reichsnährstand gesponsorte Tanzveranstaltung in der örtlichen Kneipe, die Mäuse, das sind die jungen Männer, die sich die Wärme der Mädels, mit denen sie zu tanzen hoffen und das Freibier nicht entgehen lassen wollen…. Es gab jedoch schon damals Angebote und Vorschläge, die man nicht ablehnen konnte, so eins wie dieses der örtlichen Bonzen mit dem goldenen Parteiabzeichen: ….schlage ich vor, daß jeder Mann auf diesem Fest, ….. noch heute abend freiwillig in die siegreiche Waffen-SS eintritt. …. [4].

Februar ´45, die Amis nähern sich von Westen, der Russe rollt von Osten heran. Tiefflieger und Bomber beherrschen den Himmel über Deutschland, die einzige Devise, die für den einfachen Mann noch Gültigkeit hat, ist die vom „jetzt-bis-zum-Ende-nur-nicht-noch-draufgehen“… Walter und Fiete dagegen, beiden noch keine zwanzig Jahre alt, fahren gen Osten, werden in Ungarn eingesetzt, Walter als Fahrer bei einer Versorgungseinheit, Fiete muss an die Front.

Während Walter es als LKW-Fahrer noch relativ gut getroffen hat (obwohl auch er brenzlige Situationen zu überstehen hat), wird Fiete verletzt. Im Lazarett fasst er den Entschluss, nicht mehr an die Front zurückzukehren, er will dort nicht sterben… trotz der Warnung von Walter desertiert er, läuft aber den Feldjägern in die Arme, schon wieder so ein Romantiker ist deren unbarmherziger Kommentar….

Auf Fahnenflucht steht die Todesstrafe und Fiete ist nicht der einzige, der es versucht hat…. viele der Aufgegriffenen werden gleich an Ort und Stelle aufgehängt, Fiete jedoch wird in den Bunker geworfen und soll am nächsten Morgen exekutiert werden. Zum Exekutionskommando gehört auch sein Freund Walter.

Walter überlebt den Krieg und auch die Nachkriegszeit, in der er Ende der 50er Jahre ins Ruhrgebiet als Bergmann geht. Dreißig Jahre später bricht eine schwere Krankheit bei ihm aus, der Arzt prognostiziert den baldigen Tod.


Mit dieser Szene beginnt Rothmann seinen Roman. Ein Ich-Erzähler, der Sohn, erinnert sich an seinen Vater und in der Schilderung dieser Erinnerungen wird das anfänglich positive Bild Vaters immer düsterer… Kluge Empathie, schalkhafte Menschlichkeit, hochanständig, Hilfsbereitschaft, steter Ernst, einschüchternde Autorität, vornehme Sinnlichkeit – mit solchen Attributen wird der Vater versehen, doch es gibt noch die andere Seite, überdunkelt von seiner Vergangenheit. Im Alter war er zerarbeitet, früh verrentet, zum Alkoholiker geworden, im Suff wurde Mobiliar zertrümmert. Der Lärm unter Tage hat ihn taub werden lassen, dies bedingte eine Stille im Haus, die sich auf alle anderen ebenfalls übertrug…. An Zärtlichkeiten zwischen den Eltern kann sich der Sohn nicht erinnern, eher an stete Vorhaltungen und Streit….

Hab ich dir´s nicht erzählt? Du bist der Schriftsteller.

Februar 1945. Ausbildung im Schnelldurchgang, dann an die Front. Eine Front, die sich Richtung Heimat bewegt – man muss für den großen Gegenschlag schließlich Anlauf holen. Sarkasmus war schon immer ein probates Mittel, mit dem Schrecken umzugehen. Eine Front, eine Soldateska, die sich auflöst.. um die Soldaten in die andere Richtung, gegen den Russen, zu treiben, werfen die eigenen Offizieren ihnen Handgranaten in die Hacken…

Drei Menschen stehen auf Hockern, das von zu engen Drähten gestautes Gewebe der hinter dem Rücken gefesselten Hände quillt über, oben ist ihr Hals mit einem Strick an den Deckenbalken gebunden. Walter kennt diese Bauern, mit seiner Einheit war ein paar Tage vorher dort. Jetzt sind Soldaten einer anderen Einheit im Haus, die haben sie dort platziert, Standrecht, am Tage vorher schon auf die Hocker gestellt. Komm her, die Frau ist für dich. Den beiden Männern treten die Soldaten selbst die Hocker weg, die Frau ist für Walter…. er soll es doch lernen, das Töten. Sollte man mal gemacht haben. Walter weigert sich. Auch gut, bleibt die Alte eben da stehen. Fressen sie die Ratten. 

Auflösungserscheinungen, zur reinen Triebhaftigkeit reduziertes Agieren, die große Orgie, vor allem bei den Offizieren: Saufen, Fressen, Huren bis zum Eintritt der Gesichts- und anderer Lähmungen. Für die Mannschaften ist eher der Schnaps zuständig, Tabletten werden geschluckt, ohne dies geht nichts mehr, der Schnaps wärmt und betäubt, die Tabletten putschen auf für den letzten Einsatz…. die große Entmenschlichung ist im Gange…

Die apokalyptischen Reiter sind unterwegs und drücken der Landschaft ihren Stempel auf. Walter gelingt es, einen Marschbefehl für drei Tage zu erhalten: er will das Grab seines Vater suchen, der in der Nähe gefallen ist… mit seinem Krad durchfährt der Junge eine Landschaft des Weltuntergangs. Raben und Krähen in der Luft, die Flüsse sind verstopft vor Leichen, an dem Bäumen baumeln aufgegriffene Deserteure, hängen sie zu niedrig, sind ihre Füße schon angenagt und des Fleisches ledig…. zerstörte Häuser, Trümmer überall, die Straßen zerbombt und zerrissen, stete Fliegerangriffe aus der Luft und viel Regen, der alles in nasse Düsternis taucht. Visualisiert man das Geschriebene, so steht man in der dystopischen Kulisse einer untergehenden Welt….

Es ist in der Tat eine Welt die untergeht, von wenigen Fanatikern noch mit äußerster Gewalt aufrechterhalten. Es ist ein aussichtsloser Kampf nicht nur gegen den Feind, es ist auch einer gegen die eigenen Leute, die sinnlos verheizt werden, die mit drakonischen Strafandrohungen zum Gehorsam gezwungen werden.

Walter kommt im Lauf der Geschichte Rothmanns zweimal in die Situation, daß er zum Töten eines Menschen aufgefordert wird. Beim ersten Mal kann er sich weigern, die, die ihn auffordern, haben keine Befehlsgewalt über ihn, können ihm nicht direkt schaden. Trotzdem ist er letztlich derjenige, der den Tod der Frau verursacht. Trägt er auch Schuld? Und wie ist es beim zweiten Mal, als er im Exekutionskommando für seinen Freund Fiete steht? Walter hat alles versucht, was in seiner Macht stand, die Exekution zu verhindern, hat sich selbst quasi als Opfer angeboten – umsonst. Ein Exempel war zu statuieren. Möglicherweise hängen sechs Menschenleben an seiner Entscheidung, auf den Freund zu schießen oder nicht…

Diesem „Höhepunkt“ der Geschichte, der eigentlich ein Tiefpunkt ist, gehen zwei fulminante Szenen voraus. In der einen versucht Walter bei seinen Vorgesetzten zu erreichen, daß die Hinrichtung verhindert wird und muss sich dort jedoch erst einmal eine Belehrung über die richtige Verwendung von dem Genetiv anhören, eine Grammatikeinheit, die den herrschenden Zynismus und Verbohrtheit der damaligen Fanatiker bloßlegt.

Die andere, berührende und aufwühlende Situation ist der Abschied, den Walter von Fiete nimmt. Immerhin hat er von seinem Vorgesetzten eine Besuchserlaubnis erhalten, zwar nur für zehn Minuten, aber immerhin.. Fiete ist krank, fiebert, zittert, fragt Walter, ob er morgen auch dabei sei…. eine letzte Umarmung zweier Freunde…

Zwischen Scylla and Charybdis, ein klassisches Dilemma, ein tödliches dazu…. eine unauflösliche Situation, die wie der gordische Knoten aufgelöst wird, mit einem Alle fertig? .. und zack! des Offiziers. Es ist nicht mehr rückgängig zu machen und auch wenn juristische Schuld nicht besteht, bestehen mag: wie lebt ein Mensch, ein junger zumal, der noch in der Entwicklung ist, der noch formbar ist, mit solcher Last? Verformt sie ihn?

Es [gibt] ein Gedächtnis der Zellen in unserem Körper, … das wird vererbt. Seelisch oder körperlich verwundet zu sein, macht was mit den Nachkommen. Die Kränkungen, die Schläge oder die Kugeln, die dich treffen, verletzen auch deine ungeborenen Kinder, sozusagen. Und später, wie liebevoll behütet sie auch heranwachsen mögen, haben sie panische Angst davor, gekränkt, geschlagen oder erschossen zu werden. Jedenfalls im Unterbewusstsein, in den Träumen. Eigentlich logisch, oder?

Rothmann geht nicht weiter auf diese Behauptung einer seiner Figuren ein, auch der Erzähler der Rahmenhandlung, der Sohn Walters, bleibt weitgehend uncharakterisiert, ob er die Verwundungen des Vaters „geerbt“ hat, ist nicht zu ersehen. Daß aber die Nachkriegsgeneration allgemein durch die Erziehung durch traumatisierte Eltern unter indirekten Kriegsfolgen litt, ist erwiesen. Sprüche wie „Ein Indianer weint nicht“ oder „Hart wie Kruppstahl“ waren nicht mit dem 8. Mai ausgestorben, die dahinter stehende Gesinnung noch lange Zeit Maxime einer auf Strenge angelegten Erziehung, die ihre Ursachen auch im Krieg und sicher in der Ideologie der Vergangenheit hatte. Subtiler, aber nicht weniger gravierend war die Sprachlosigkeit, die nach dem Krieg eingetreten war: man wollte von den vergangenen Jahren nichts mehr wissen, vergrub alles in den hintersten Winkeln des Gedächtnisses und der Seele…es sind eigene Erfahrungen des Schriftstellers, die hier einfließen: …ein Vakuum, das mein Vater bei mir als Kind hinterlassen hat, als ich ihn fragte, ob er denn im Krieg auch geschossen habe. Er schaute ganz verdattert meine Mutter an und fragte: Was soll ich denn jetzt darauf antworten? Und meine Mutter sagte zu mir: Los, geh dein Zimmer aufräumen. [2] … oft kamen die Erlebnisse, die Verletzungen, auch die Schuld, erst im Alter, im Sterben wieder hervor – wie bei Walter, die kommen doch immer näher, Mensch! Wenn ich bloß einen Ort wüsste…

Im Frühling sterben hat mit der Exekutionsszene seinen dramaturgischen Höhepunkt erreicht. Danach malt Rothmann mit einem recht groben Pinsel noch die ersten Monate der Nachkriegszeit für Walter, der bei den Amis in eine kurze (?) Kriegsgefangenschaft gerät, aber sich bald aufmacht in Richtung Norden, zu seinen Kühen. Aber auch dort hat sich alles verändert, neue Zeiten sind angebrochen, Handmelker werden durch Melkmaschinen ersetzt, das Futter aus Südafrika herangekarrt…. Auf einem Nachbarhof, so der Verwalter, nicht so groß wie der hier, dort wird jemand gesucht, aber ein Ehepaar muss es sein….. hatte er nicht damals Elisabeth gemocht, die war zwar frech wie Rotz, …. aber gründlicher und schneller als ein Geselle… war?

„….Wir sollten uns nur mal entscheiden, am Wochenende ist der Erste. Kommst du mit?“
….
Und dann sagte sie leise: „Ja“. 


Der 2. Weltkrieg ist Vergangenheit, aber er ist noch nicht vorbei: seine Folgen sind noch spürbar. Die Generation der Väter (bei uns schon etwas älteren),  die noch selbst am Krieg teilgenommen haben, geht jetzt zu Ende, aber – wie bei Rothmann [2] – ihre Antworten oder ihr Ausweichen auf Fragen bleibt in Erinnerung. Bei den jüngeren unter uns sind es die (Ur)Großväter (also auch noch Menschen, die man persönlich wahrscheinlich/vielleicht noch gekannt hat), die damals in den Krieg gezogen waren, den Krieg erlitten, im Krieg vielleicht Schuld auf sich luden, Bauersleute auf Hocker stellten…. irgendjemand muss es ja gewesen sein, der solches tat….   waren die eingangs erwähnten Romane (es sind ja nur Beispiele) recht zeitnah am Krieg und eine erste (beschönigende?) Bewältigungswelle der grausamen Ereignisse, so liegt ein Verdienst dieses Romans sicherlich darin, dies auf eindringliche Art wieder in Erinnerung zu rufen, wieder zu zeigen, wie dünn die Schicht von Moral und Ethik ist und wie schnell sie sich abnutzt.

Die Frage nach der Schuld: sie steht im Mittelpunkt. Die Frage natürlich auch: Wie hätte ich gehandelt, was hätte ich gemacht, wie hätte ich mit den Konsequenzen meines Handelns gelebt? Rothmanns Protagonist ist nach außen hin vielleicht nicht zerbrochen, aber innerlich hat er zeit seines Lebens, das ihm – der Eindruck wird erweckt – gar nicht so viel wert war schwer an seinem Handeln getragen. Man mag gar nicht daran denken, was dies mit einem selbst gemacht hätte….

Fasst man diese zentrale Frage des Romans etwas weiter, kommt man zu dem Problem der Aufrechenbarkeit von Leben: darf ich ein Leben opfern, um mehrere zu retten (im Roman wird ja angedeutet, daß im Falle der Verweigerung alle Schützen zumindest an die Front kommen)? Eine Frage, deren Beantwortung keineswegs leichter ist und wo sich auch der Gesetzgeber heutzutage schwer tut….

Rothmanns Buch jedenfalls erinnert eindringlich daran, daß Kriege nicht nur die moralische Politur des Menschen abschleifen, nicht nur töten und äußerliche Wunden schlagen, sie verletzen auch die Seele und ein halten sie Leben lang am bluten. Unter diese „inneren“, seelischen Verletzungen leiden unter Umständen auch andere Menschen: die Partner/-innen, die Kinder…. Sprachlosigkeit verstärkt das Ganze, aber wo hätten die Menschen, die in dieser Zeit lebten, das sprechen lernen können? Es sind Erkenntnisse, Methoden und Wege, die zum Teil wir in neuerer Zeit erst gefunden haben – auch, in dem solche Traumatisierungen untersucht wurden.

In der Geschichte findet Walter das Grab seines Vater nicht, ebenso wenig wie in der Rahmenhandlung am Ende des Romans Walters Sohn das der Eltern auf dem Friedhof in Oberhausen nicht mehr findet. Als er es sucht, ist es ist zwar am Ende des Winters, doch ein letztes Mal wehen Schneeflocken und fallen lautlos auf die Erde, es war jetzt noch einmal stiller.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seite zum Autoren:  https://de.wikipedia.org/wiki/Ralf_Rothmann
[2] Britta Heidemann: „Ich habe die Toten in den Särgen damals angesehen“, ein Gespräch mit Ralf Rothmann, inhttp://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article142862427/Ich-habe-die-Toten-in-den-Saergen-damals-angesehen.html 
[3] Hans Hellmut Kirst: 08/15 (1954), vgl hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/08/15_(Roman)
Theodor Plievier: Stalingrad (1954), vgl hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/Stalingrad_(Roman)
Josef Martin Bauer: So weit die Füße tragen (1955), vgl hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/So_weit_die_Füße_tragen
[4] Wie andere Rezensenten erwähne ich es auch: Rothmann schickt die beiden jungen Männer in die Waffen-SS-Division „Frundsberg“, in die auch Günther Grass gedient hat. Ein „hübsches Detail“, wie im Spiegel [s.u.] steht, nur wenn man sich anschaut, wo diese Division eingesetzt war in den letzten Kriegstagen, stößt man auf Fürstenwalde, nicht aber auf Ungarn [s.u.]. Ein weniger hübsches Detail, völlig unnötig auch noch

Maren Keller und Sebastian Hammelehle: „Das beste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe“; in:  http://www.spiegel.de/kultur/literatur/im-fruehling-sterben-von-ralf-rothmann-soll-ich-das-lesen-a-1041128.html
Wiki-Seite zur
10. SS-Panzer-Division „Frundsberg““:  https://de.wikipedia.org/wiki/10.SS-Panzer-Division„Frundsberg“
Ralf-Georg Reuth: Günther Grass -Die Wahrheit über seine SS-Division; in: http://www.bild.de/news/2006/guenter-grass-wahrheit-ss-division-720658.bild.html

zu den Rückzugsgefechten aus Ungarn (hier wird auch ein Zahl von über 500 standrechtlich erschossenen Deserteuren genannt) siehe diesen Abschnitt in der Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Kampf_um_Ungarn#Der_R.C3.BCckzug_aus_Ungarn

Ralf Rothmann
Im Frühling sterben
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, 242 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars.


Diese Buchvorstellung kann auch als Audio-File im literatur RADIO bayern gehört werden: Ralf Rothmann: Im Frühling sterben (Audiofile)

Die Buchvorstellung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern zu hören.


Antje Vollmer erinnert in ihrer Doppelbiografie über das Ehepaar Gottliebe und Heinrich von Lehndorff an einen der Angehörigen des Widerstands vom 20. Juli 1944 gegen Hitler, dessen Namen in der Öffentlichkeit weniger präsent ist. Überhaupt, so die Autorin, erfährt der Widerstand dieser Gruppe viel weniger Interesse als zum Beispiel andere Aspekte zur Geschichte des Nationalsozialismus, des 2. Weltkrieges oder des 3. Reiches allgemein. Dies liegt auch daran, daß der aus den eigenen Reihen stammende Attentäter und Umstürzler per Definitionem auch ein Verräter ist: er bricht notwendigerweise den einst geleisteten Treueschwur. Wer dazu fähig ist, kann man dem überhaupt trauen? Dazu kommt, daß aus historischen Gründen, wie Vollmer erläutert, die führende Schicht des Militärs (und nur aus dieser Schicht konnte ein Umsturz geplant und verwirklicht werden, denn das Volk stand in großer Mehrheit hinter Hitler und seinem Nationalsozialismus, bzw. war derart unter Kontrolle, daß organisierter Widerstand von hier (sprich: eine Revolution) nicht mehr möglich war, ganz im Gegenteil mussten die Verschwörer davon ausgehen, daß sie mit ihrem Tun nicht dem Willen des Volkes nachkommen) dem Adel angehörte, der Großteil der Generalität waren „von“´s und Angehörige der Aristokratie. Dies führte dazu, den Widerständlern aus diesen Reihen Eigeninteresse zu unterstellen: sie wollten nur ihre eigenen Besitztümer und Vorrechte wahren und sichern. Insbesondere galt dies auch für die ostpreussischen Junkern (und Lehndorff gehört zu dieser Schicht) mit ihren zum Teil riesigen Gütern. Zu den weiteren abwertenden Vorwürfen gegen die Männer vom 20. Juli gehört der des Dilettantismus: zu spät, zu zögerlich, zu schlecht vorbereitet und zu allem Überfluss noch erfolglos. Es musste doch möglich gewesen sein (wenn man es nur wirklich wollte), Hitler einfach zu erschießen oder sich mit ihm zusammen in die Luft zu sprengen. Außerdem: waren diese Leute nicht selber Anhänger Hitlers gewesen? Daß diese Vorwürfe wesentliche Randbedingungen der damaligen Zeit ignorieren und unberücksichtigt lassen, versucht die Autorin in ihren Ausführungen deutlich zu machen, so daß sich letztendlich ein diffenzierte(re)s und ihnen gerechter werdendes Bild der Männer des 20. Juli ergibt. So wird diese Doppelbiographie eines Mannes im Widerstand sowie seiner Frau notwendigerweise auch die Geschichte eines Attentats und seiner Randbedingungen.

lehndorff coverVollmer ist ein behutsames Buch [2] gelungen, das getragen wird von merkbarer Sympathie für das Paar, ihre Familie und ihre Freunde. Sie hatte die Gelegenheit, viele bis dato nicht bekannte Dokumente aus dem Besitz der Angehörigen einsehen zu können, es standen ihr auch einige Tonbandaufzeichnungen von Gottliebe im Gespräch mit ihren Töchtern zur Verfügung, aus denen sich vor allem persönliche Eindrücke und Gefühle rekonstruieren ließen. Ebenso ist der sehr persönliche und sehr bewegende Abschiedsbrief von Heinrich von Lehndorff, den wird am Tag vor seiner Hinrichtung an seine Frau schrieb, hier wiedergegeben, überhaupt gibt Vollmer viele dieser Dokumente (auszugsweise) als Zitate wieder, so daß  in der Ursprünglichkeit der Reden und des Geschriebenen auch eine Ahnung vom Atmosphärischen vermittelt wird.


Die Lehndorffs gehörten zu den großen Familien Ostpreussens, ihren Adel führen sie auf die Zeit noch vor den Ordensrittern zurück, d.h. er war nicht vom König verliehen, sondern „in grauer Vorzeit“ war einer ihrer Vorfahren als „Erster“ gewählt worden. Gleiches gilt im übrigen für die Familie von Kalnein, der die Frau Heinrichs, Gottliebe, entstammte. Der Stammsitz der Lehndorffs lag in Steinort [3] in Masuren, Schloss Steinort war ein großes Haus, der Besitz umfasste viele Tausend Hektar Ackerland, Weiden, Wälder und Seen. Vollmer gibt einen Überblick über die Familiengeschichte der Lehndorffs (die Familie hatte sich im Lauf der Zeit in drei Linien aufgesplittet), die in einer früheren Phase durch das Militärische geprägt war, sich aber dann Mitte des 19. Jhdts auf die wirtschaftliche Entwicklung des Besitzes konzentrierte, die Zucht von Pferden, die Reiterei war eine der großen Leidenschaften.

Heinrich Lehndorff übernahm den Besitz Steinort nach dem Fideikommiss von „Onkel Carol“, einer legendären Figur der Familie, der mit seinem exzentrischen Verhalten gut auch in Sitwells [4] Sammlung gepasst hätte. So hatte Onkel Carol beispielsweise zwei Bedienstete im Schloss, die eigens dafür da waren, den Gästen Streiche zu spielen… Da seine Extravaganzen teilweise recht kostspielig waren, musste zum einen der Familienrat des öfteren tagen, zum anderen hatte er Steinort schlicht und einfach vernachlässigt, Schloss und Wirtschaft waren, als Heinrich sie übernahmen, in keinem guten Zustand.


Heinrich von Lehndorff wurde 1909 in Hannover geboren und verbrachte seine Kindheit in Preyl. In seiner Bewerbung zum Abitur (1929) bezeichnet er sich selbst als lebensfrohen Charakter, als ausgesprochenes Landkind, das in seinen Flegeljahren keinen Tag ohne Streich vergehen ließ…. Die Eltern Heinrichs waren zwar in ihrer Grundeinstellung konservativ, aber liberal, der Junge wuchs in großer Freiheit auf. Die Eltern sah er zu den Mahlzeiten und bei Festen, ansonsten schien die „Erziehung“ im Wesentlichen durch das Beispiel des tägliche Leben und durch die Arbeiter und Bediensteten erfolgt zu sein. Zu der „Alterskohorte“, mit der Heinrich seine Tage vorwiegend draußen verbracht, zählte neben Verwandten und den Brüdern u.a. auch Marion Gräfin Dönhoff. Von ihr ist folgender Ausspruch aus dieser Zeit zitiert, der den Zusammenhalt und die Verbundenheit dieser jungen Menschen trefflich charakterisiert: … Wenn wir mal alt sind, stoßen wir die Angeheirateten wieder ab und ziehen alle wieder zusammen. … Eine Verbundenheit, die noch sehr zum Tragen kommen sollte, auch wenn dieser halb scherzhafte, halb ernstgemeinte Plan nie verwirklicht werden konnte, da die meisten dieser Kinder den Krieg nicht überleben sollten. Jedenfalls war im Ergebnis dieser Kinder- und Jugendjahre der Bildungsstand Heinrichs nicht sehr hoch, zwar waren im Lauf der Jahre einige Hauslehrer verschlissen worden, als der Junge mit dreizehn Jahren aber dann in eine reguläre Schule nach Königsberg kam, zeigten sich einige Defizite. 1925 wechselt Heinrich dann in die Klosterschule von Rossleben, die sich über lange Zeit gegen den Einfluss des langsam aufkeimenden Nationalsozialismus stellte. Aus ihrem Einflussbereich sind später einige Widerständler gegen das Hitlerregime hervorgegangen.

Nach dem überraschenden Tod von Onkel Carol muss Heinrich, der nach dem Abitur in Frankfurt/Main Betriebswirtschaft studierte, im Alter von 27 Jahren Steinort übernehmen. Das Landkind kam wieder zurück in sein geliebtes Ostpreussen und stürzte sich dort in die Arbeit, um den Besitz wieder in bessere Zeiten zu führen. Um diese Zeit, Mitte der Dreißiger Jahre, lernte er auch Gottliebe von Kalnein, seine zukünftige Frau kennen. Deren Jugend war weitaus freudloser, die Eltern (deren Ehe scheiterte) sehr auf das Einhalten von Konventionen und Stil fixiert. Nachdem sich die Tochter dann zum ersten Mal verliebt hatte, wurde sie prompt für zwei Jahre nach Südamerika verbannt, nach ihrer Rückkehr lernten Heinrich und sie sich dann kennen – und offensichtlich verliebte Heinrich sich in die wunderschöne junge Frau…. Gottliebe war bei ihrer Rückkehr nach Deutschland erschüttert: in den zwei Jahren ihrer Abwesenheit von 1932 bis 1934 hatte sich das Land grundlegend verändert: die unzähligen Hakenkreuzflaggen, die sie auf ihrer Zugfahrt nach Hause sah, waren ein sichtbares Zeichen dafür…

Die Trauung der beiden fand im November 1936 durch Pfarrer Niemöller statt, das Paar bekam insgesamt vier Töchter. Ein Jahr nach der Hochzeit wird Heinrich als Parteimitglied geführt. Ein Aufnahmeantrag ist zwar nicht vorhanden, aber Vollmer hält eine Aufnahme gegen Wissen und Willen für unwahrscheinlich, ebenso eine aus Tarnungsgründen. Wahrscheinlicher wird es sein, daß Heinrich von Lehnsdorff aus opportunistischen Aspekten und vllt auch aus seiner Ablehnung des Bolschewismus heraus tatsächlich einen Aufnahmeantrag gestellt hatte. Auch in diesen Kreisen war die Ansicht, die neue Bewegung würde „national“ und „sozial“ verbinden und einen Aufbruch darstellen, weit verbreitet ebenso wie die Überzeugung, die abstoßenden Randerscheinungen seien eben solche und würden bald aufhören.

Die militärische Karriere verlief nicht sonderlich glanzvoll. Heinrich war als Reservist eines Reiterregiments registriert und wurde noch vor Kriegsbeginn einem Radfahrer-Ersatzschwadron zugeteilt. Noch im September 1939 jedoch forderte ihn Generalfeldmarschall von Bock als Ordonnanzoffizier an. Damit war der Leutnant militärisch zwar nur „ein Mädchen für alles“, aber er war in direkter Nähe zu einem der höchsten Militärs der Wehrmacht stationiert und saß daher an einer reich sprudelenden Quelle von Informationen.

„Du, ich muss dir was dringendes sagen. … Ich habe etwas Schreckliches erlebt. ein SS-Mann packte ein Kind und schleuderte es so lange gegen einen Baum, bis es tot war. Ich habe mich jetzt entschlossen, endgültig dem Widerstand beizutreten. Wir sind ein ganze Gruppe bei Bock. Das sind Tresckow, Schlabrendorff und Hardenberg. Sie wollen alle, daß Hitler beseitigt wird.“ Damit waren die Würfel gefallen. … erinnert sich Gottliebe von Lehndorff (ca 1970) an ein Gespräch mit ihrem Mann, der an der Ostfront war und vllt sogar selbst das Massaker der SS vom Sommer 1941 an 7000 Juden in Borissow miterlebt hat.


Um die Bedeutung und Rolle Heinrich von Lehndorffs für den Widerstand einschätzen zu können, müssen ein paar Ausführungen gemacht werden.

Im Zusammenhang mit der Person Hitlers fallen immer wieder Begriffe, die eher dem religiösen Raum zuzuordnen sind wie Vorsehung oder Erlösung und seine Anfangs“erfolge“ auf diplomatischer und auch militärischer Ebene schienen ihm recht zu geben: Rückgewinnung des Saarlandes, der Anschluss seiner Heimat Österreich ans Deutsche Reich, das Flottenabkommen mit England von 1935, der Austritt aus dem Völkerbund, der Wiederaufbau der Wehrmacht und ganz besonders das Münchner Abkommen steigerten Schritt für Schritt sein Allmachtsgefühl, allein zu wissen, wie der Gang der Geschichte zu laufen habe, … die übrige westliche Welt werde vor seinem mit überirdischen Energien geladenem Willen zurückschrecken … die von ihm verkörperte Urkraft bewog ihn auch zu der realitätsfernen Beurteilung, nach der Rückgewinnung des Sudetenlandes, der Zerschlagung des Restes der Tschechoslowakischen Republik nun auch noch das Restärgernis des Versailler Vertrages, den polnischen Korridor, auf Kosten Polen beseitigen zu können. … .Daß auf diese Kriegsdrohung gegen Polen aber die Kriegserklärung Englands folgte, macht ihn kurzzeitig fassungslos und in der Folge entwickelte er die Idee der sogenannten „Führerhauptquartiere“, in denen er sich bevorzugt aufhielt mit der Adresse „im Feld“, um so nahe bei seinen Soldaten zu sein und ihnen als ihr Feldheer Mut und Durchhaltevermögen zu geben.

Das bekannteste (aber nicht das einzige) dieser Führerhauptquartiere war die „Wolfsschanze“ in Ostpreussen und diese lag auf dem Land des Grafen Lehndorff, genauso wie das Quartier des Oberkommandos der Heeres nur wenige Kilometer vom Schloß Steinort entfernt. Die Bunkeranlage Wolfsschanze war ein trostloser Ort, dunkl, feucht und deprimierend; Hitler kein Erzherzog Franz Ferdinand, der im offenen Cabriolet durch die Straßen fuhr. Im Gegenteil war Hitler verschlossen, misstrauisch, vergrub sich in seiner männerbündischen Umgebung immer weiter in seine Fantasievorstellungen. Unter etwa zweitausend Militärs und Sicherheitsbeamten lebten ganze sieben Frauen… es gab keine Vergnügungen, keine Tanzstätte, noch nicht einmal ein Bordell. … Die Anlage hatte ein ausgefeiltes Sicherheitskonzept mit strengen Zugangskontrollen in die einzelnen Zonen [8]. In die Nähe Hitlers, der ausserdem eine schusssichere Weste  und eine Metallkappe unter der Mütze trug, kamen nur ausgesuchte Personen, die Hitler auch oft lange warten ließ, bis er sie vorließ oder er auch die Besprechung schließlich ganz absagte. Immer waren einige bewaffnete SS-Leute im Raum. Im weiteren Verlauf des Krieges verließ Hitler seine Quartier immer seltener, die Außentermine, die er wahrnahm, waren in Planung und Durchführung so erratisch, daß diverse Anläufe zu Attentaten immer wieder scheiterten.

War es unter diesen Bedingungen ein Wunder, daß die Offiziere immer gerne nach Steinort zu dem jungen und freundlichen Grafenpaar kamen, um sich dort ein paar Stunden zu erholen? Zudem hatte sich auch der deutsche Außenminister von Ribbentrop auf eigene Einladung hin im Schloss einquartiert: er ursupierte den linken Flügel, gestaltete diesen nach seinen Vorstellungen um und hielt dort Hof: auch er „im Felde“ – zumindest, was den Briefkopf angeht. So wimmelte es auf Steinort zu Tag und Nacht von Gestapo und SS-Leuten, von Militär und Beamten: gab es eine bessere Tarnung für Besuche, die Lehndorff dort von seinen Freunden empfangen konnte? Man muss sich diese schizophrene Situation vorstellen: man betritt das riesige Anwesen der Lehndorffs durch den imposanten Haupteingang und wendet sich nach links, um ins Zentrum der Nazi-Aussenpolitik zu gelangen, geht man nach rechts, trifft man auf die Widerständler… Gottliebe sowie die anderen Familienmitglieder waren eingeweiht in die Aktivitäten Heinrichs, ohne daß sie Einzelheiten wussten, Gespräche zum geplanten Attentat wurden prinzipiell nur ausserhalb des Hauses, im Wald, bei Kutschfahrten durchgeführt, man rechnete selbstverständlich damit, daß innerhalb des Hauses durch die Gestapo oder SS Abhörmaßnahmen installiert waren.

Lehndorff war die Aufgabe eines Verbindungsoffiziers zwischen den verschiedenen „Zentren der Macht“ zugefallen, denn auch ein erfolgreiches Attentat auf Hitler in der Wolfsschanze hätte als solches kaum Auswirkungen gehabt, wenn die Machtzentralen in Berlin (Gestapo, SS, Militär) nicht auch unter Kontrolle des Widerstands zu bringen wären. Darüber war man sich im Kreis der Verschwörer klar. Eine heikle Aufgabe, aus den Reihen von SS und Gestapo Mitverschwörer zu finden, es gab sie, aber es waren nicht allzuviele. Beim Militär sah das anders aus. Daß militärisch viele Fehler gemacht wurden, sahen die Offiziere wohl, und viele signalisierten, daß man mit ihnen, für den Fall, daß das Attentat erfolgreich sei, auch rechnen könne. Sich beteiligen das Risiko des Scheiterns eingehen wollten dagegen nur die wenigsten.

So standen die Männer um Stauffenberg und Treskow weitgehend allein, auch die Unterstützung des feindlichen Auslands blieb aus. Dort wollte man die bedingungslose Kapitulation Deutschlands und hatte kein Interesse am Sturz Hitlers. Schon 1938 gab es ernst zu nehmende Umsturzpläne aus Reihen des Militärs, denen aber eine Unterstützung Englands versagt blieb. Vielleicht war dies sogar die aussichtsreichste Gelegenheit, Hitler zu stürzen bzw. sogar zu töten, wie es einige aus der seinerzeitigen Widerstandsgruppe vorhatten. Es ist jedenfalls schon erstaunlich, wie viele Attentatsversuchen dieser Mann überlebte [5].

Vollmer erläutert noch einmal explizit, welche große, fast nicht zu bewältigende Aufgabe die Männer um Stauffenberg und Tresckow sich mit dem Anschlag auf Hitler vorgenommen hatten. Abgesehen von den eher „technischen“ Schwierigkeiten, rein physisch in Hitlers Nähe zu gelangen (und dann noch Pistole oder Sprengstoff mitzuführen), war es wie gesagt nicht damit getan, Hitler zu töten: ein anderer der Clique, Göring, Himmler oder wer auch immer (auch diese Personen müssten also bei dem Anschlag getötet werden) hätte sich auf einen weitestgehend funktionierenden Apparat stützen können und alles wäre so weiter gegangen. Nach den immer wieder angepassten Einsatzplänen der Operation „Walküre“ waren der Ausnahmezustand auszurufen, die Waffen-SS ins Heer einzugliedern, hohe Funktionäre von Partei und SS zu verhaften, die Konzentrationslager zu besetzen und es musste eine Übergangsregierung eingesetzt werden – und das alles, ohne das die eigene Bevölkerung hinter den Widerständlern gestanden hätte. Und die Kriegsgegner, mit denen Friedensverhandlungen zu führen seien, wollten auf jeden Fall eine bedingungslose Kapitulation… [9]

Vollmer schildert die einzelnen Versuche, das Attentat durchzuführen, immer wieder scheitern sie, 1943 insgesamt dreimal. Im Jahr darauf hat sich die äußere Lage dermaßen zugespitzt, daß Zweifel laut wurden, ob ein Anschlag auf Hitler überhaupt noch Sinn habe. Tresckow läßt Stauffenberg daraufhin über Lehndorff folgende Botschaft übermitteln: Das Attentat muss erfolgen, coûte que coûte. Sollte es nicht gelingen, so muss trotzdem in Berlin gehandelt werden, denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung von der Welt und vor der Geschichten den entscheidenden Wurf gewagt hat.  … Stauffenberg stimmte dieser Vorgabe zu, es müsse gehandelt werden, koste es, was es wolle.

Begründung und Zielsetzung hatten sich für die Verschwörer damit grundlegend geändert. Sie hatten keine Hoffnung mehr, das Kriegsgeschehen und damit das Schicksal Deutschlands ändern zu können, es ging ihnen jetzt darum, für die Nachwelt zu hinterlassen, daß es in Deutschland allem Anschein zum Trotz Widerstand gegen Hitler gegeben hat, in die Argumentation ist eine moralische Dimension, die vorher keine Rolle spielte, gebracht worden.

Am 11. und am 15. Juli kommt Stauffenberg in neuer Verwendung in die Nähe von Hitler, bricht aber beide Male den Anschlag ab: am 11. Juli, weil weder Himmler, Bormann oder Göring mit im Raum sind. Am 15. Juli will er den Sprengsatz zünden, obwohl wieder niemand der drei Personen anwesend ist und er meldet dies seinen Kameraden in Berlin. Weil Hitler den Raum in der Zwischenzeit aber verlassen hat, misslingt auch dieser Versuch mit der fatalen Langzeitfolge, daß auf den Anruf Stauffenbergs in Berlin „Walküre“alarm für den Beginn des Umsturzes ausgegeben worden ist, der nur schwierig wieder einzufangen war. Am 20. Juli führte dies dazu, daß die Meldung über den erfolgten Anschlag in Berlin erst mit fataler Verzögerung das Signal zum Umsturz auslöste [7].

Das Ergebnis dieses Tages ist bekannt, Hitler entging dem Anschlag mit nur leichten Verletzungen, er schäumte vor Wut und auf die Angehörigen des Widerstands wurden sofort Jagd gemacht. Lehndorff kann seinen Verfolgern zweimal entkommen, wird aber jedes mal wieder aufgegriffen. Das erste mal stellt er sich „freiwillig“, weil er aus dem Dickicht heraus sieht, daß die Gestapo seine Frau in ihrem Auto dabei hat, zum zweiten Fluchtversuch kann er in Berlin direkt vor der Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße spontan aus dem Transport springen und um sein Leben rennen. Noch ist er in Zivilkleidung, aber ohne Schuhriemen (der Sand sollte ihm die Füße blutig scheuern) und ohne Hosengürtel. Er wendet sich nach Norden, in die Richtung des Gutes, auf dem seine Schwiegermutter lebt, durchquert dabei Karinhall, den Jagdsitz Görings, aber im Wald kennt er sich ja aus seit Kindertagen… Kurz vor dem Ziel wird er am sechsten Tag seiner Flucht frühmorgens vom Förster entdeckt. Lehndorff redet nicht lange um seine (offensichtliche) Situation herum, er überläßt damit dem Förster die Entscheidung über sein Handeln – und damit über sein, Lehndorffs, Leben. Der Förster denkt nach, gibt ihm etwas zu essen und ruft die Polizei. Heini Lehndorff versucht nicht erneut, sich der Verhaftung zu entziehen. Die Flucht ist zu Ende… , die Bewachung des Gefangenen wird jetzt konsequenter durchgeführt….

Vollmer rekonstruiert – soweit dies möglich ist – die letzten Tage Heinrich von Lehndorffs. Wie alle seine Kameraden verrät er niemanden, es wird in den (gewalttätigen) Verhören nur soviel zugegeben, wie unvermeidlich ist: Treffen auf Steinort beispielsweise, die ja unter den Augen der „Öffentlichkeit“ stattfanden, Beteiligungen von Männern, die schon tot oder hingerichtet worden waren wie z.B. Stauffenberg und denen man dadurch nicht mehr schaden konnte So kommt es z.B. dazu, daß vor dem Volksgerichtshof (fälschlicherweise) festgehalten wird, daß Lehndorff erst im Dezember 1943 in Umsturzpläne eingeweiht wurde… das konkrete Verhalten der einzelnen Widerständler in den Verhören ist unterschiedlich, im Gegensatz zu anderen hatte sich Lehndorff entschieden, alles, was seine Rolle bei den Anschlägen betraf, zuzugeben – soweit es eben ging, ohne anderen zu schaden. Er war wohl des Leugnens, des sich Versteckens, des Auslegens falscher Fährten, um damit Zeit zu gewinnen, müde….. diesen Entschluss fasste nach einem misslungenen Suizidversuch mit einer Rasierklinge, die er in den Sohlen seiner Schuhe in seine Zelle schmuggeln konnte.

In internen Berichten an die vorgesetzten Behörden und Minister, in denen der propagandistische Tenor fehlt und die halbwegs neutral formuliert sind, wird deutlich, daß man über das Ausmaß der Verschwörung erstaunt war. Hie und da, so schreibt Vollmer, klingen sogar selbstkritische Töne an nach dem Motto: Wenn so viele gute Männer, die früher unsere Anhänger waren, bereit waren, ihr Leben zu opfern, um Hitler zu töten und uns zu stürzen, haben wir da vllt doch an der einen oder anderen Stelle etwas falsch gemacht, etwas übertrieben? Teile der Lehndorffschen Aussagen über Motive und Beweggründe tauchen in diesen Berichten explizit auf. Nach außen drang davon natürlich nichts, nach innen hatte diese Gesichtspunkte auch keine Auswirkungen.

Der Prozess gegen Heinrich von Lehndorff (und andere) fand am 4. September 1944 statt, die Urteile wurde gegen 14 Uhr verkündet, die Hinrichtungen fand schon anderthalb Stunden später in Plötzensee statt.

Für die Ausstellung des Totenscheins – soweit die erfolgte und er den Familien ausgehändigt wurde – wurden selbstverständlich eine Gebühr verlangt.


Es waren aber nicht nur die Männer, die im Visier der Nazi-Fahnder waren, auch die Familien fielen unter die „Sippenhaft“ [6]. Gottliebe stand um diese Zeit vor der Geburt ihrer jüngsten Tochter, die dann auch in einem Gefängnis geboren wurde. Sie selbst kam mit ihrem Baby in ein Lager, die drei älteren Töchter wurden von ihr getrennt und in ein geräumtes Erholungsheim der NS-Volkswohlfahrt im Harz-Kurort Bad Sachsa eingeliefert. Marion Dönhoff, die dies erfuhr, holte die Kinder von dort im Dezember 1944 heraus und brachte sie zurück zu Gottliebe, die mittlerweile bei ihrer Mutter war.

Um diese Zeit, ab Herbst 1944, war alles in Auflösung, die Rote Armee rückte bedrohlichst näher und nachdem Hitler selbst seine Wolfsschanze aufgab, gab es auch für den Rest der Bevölkerung, der bis dahin Flucht bei Androhung der Todesstrafe verboten war, kein Halten mehr: die Menschenmassen wälzten sich im Winter nach Westen. So auch Gottliebe und die anderen Angehörigen der Familien Lehndorff und Kalnein. Welch eine Situation! Zwar hatte Heinrich vorsorglich im „Westen“ ein Haus als Fluchtziel für seine Familie gekauft, die Unterlagen dazu wurden Gottliebe bei ihrer Verhaftung jedoch sofort abgenommen: sie wusste nicht, wo das Haus war… so hatte sie praktisch nichts mehr und war mit ihren vier kleinen Töchtern in einem in Auflösung begriffenen und in Schutt und Asche fallendem Land auf andere angewiesen.

Vollmer schildert diese Odyssee der fünf Frauen durch das Nachkriegsdeutschland, die über Hamburg und viele Zwischenstationen in den späten sechziger Jahren auf eine Hofanlage in Peterskirchen, nicht weit von München führt, die Gottliebe aus Mitteln des Lastenausgleichs kaufen kann. Die entfernt an Steinort erinnernde Anlage gestaltet sie nach ihren Vorstellungen, sie wird zu einem beliebten Treffpunkt von Künstlern und Kreativen, die dort, wie Hanna Schygulla (deren Erinnerungen an ihre Freundin Gottliebe dem Buch beigefügt sind), zum Teil jahrelang wohnen. Waren die(ser Zweig der) Lehndorffs in Preussen in Steinort angesiedelt, so zerstreuen sich die Überlebenden nach dem Krieg: Gottliebe ist auf ihrem Gut, die Töchter (von denen Vera als Veruschka (Fotomodel) wohl die bekannteste geworden ist) zieht es an die verschiedensten Ort in Deutschland und Europa. Die Eltern Heinrichs schließlich finden wieder zu ihrer alten Leidenschaft, den Pferden: sie leiten ein berühmtes Gestüt im Rheinland. Die Bestattung des Vaters, der 1962 gestorben ist, beschreibt Marion Dönhoff in einem Brief an Carl Jacob Burckhardt in eindrucksvollen Worten.

Zum hundersten Geburtstag Heinrich von Lehndorffs wird im Steinort eine Gedenktafel aufgestellt, es klingt bei Vollmer an, als ob diese Feier, dieses Treffen, nach fast siebzig Jahren, für die Töchter mit das erste Mal gewesen ist, daß sie das Damalige in Sprache bringen konnten: Hier aber, am 22. Juni 2009, begannen alle, vorsichtige gemeinsame Worte zu suchen für das, was einmal war….

In der  ersten Zeit nach der Hinrichtung und nach dem Krieg hat Gottliebe verzweifelt versucht, Zeugen zu finden, die ihr von ihrem Mann berichten konnten, Dokumente, Briefe von ihm, Aussagen… es gab solche Zeugnisse, vereinzelt, es gab Menschen, die diese Dokumente funktionalisierten als Zeugnis dafür, wie gut sie doch eigentlich sind und daß sie schon immer im Inneren „dagegen“ waren und man sähe das ja daran, daß sie dafür gesorgt habe, daß die Frau diesen letzten Brief ihres Mannes erhält…. Monate nach der Hinrichtung bekommt Gottliebe diesen Abschiedsbrief Heinrichs von einem SS-Offizier ausgehändigt, zehn engstbeschriebene Seiten eines Mannes, der mit sich im Reinen war, der sich seiner Frau noch einmal in aller Liebe öffnete und der versuchte, ihr Sorgen zu nehmen und die untragbare Last tragbarer zu machen…. ich muss zugeben, ich konnte diese Zeilen kaum lesen, zu wissen, daß diese Worte kein Produkt eines Schriftstellers waren, der sie sich ausdachte, sondern daß die ein Mann an seine Frau geschrieben hat, der wusste, daß er bald getötet werden würde…. dies macht mir auch jetzt, in diesem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe, noch  zu schaffen….


Gedenkstein anlässlich des 100. Geburtstages von Heinrich Graf Lehndorff, dem letzten Herrn auf Steinort und aktiver Teilnehmer des Hitler Attentats am 20. Juli 1944 Bildquelle: [B]

Gedenkstein anlässlich des 100. Geburtstages von Heinrich Graf Lehndorff, dem letzten Herrn auf Steinort und einer der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944
Bildquelle: [B]

Doppelleben ist ein intensives Buch, das sich bemüht, seinen Personen, denen es sich widmet, gerecht zu werden. Es will in der Person und der Vita Heinrich von Lehndorffs, einem der unauffälligeren, aber nichtsdestotrotz wichtigen Angehörigen des Widerstands die mannigfaltigen Vorurteilen entkräften, die dieser Aktion des Attentats vom 20. Juli 1944 noch immer entgegen gebracht werden. Dazu nimmt es sich die Zeit, die Randbedingungen, unter denen die Männer damals agieren mussten, herauszuarbeiten und zu beschreiben. Für besonders wertvoll halte ich die Tatsache, daß Vollmer viele persönliche Dokumente (der Begriff „viel“ ist hier natürlich relativ…) der Familie mit in ihr Buch einarbeiten konnte und sie im Originalwortlaute wieder gegeben hat. Dadurch gewinnt man als Leser eine gewisse Nähe zu den Personen, ohne daß jedoch die notwendige Objektivität verloren geht. Dies gilt nach meinem Eindruck auch für die Autorin, deren Sympathie für Heinrich und Gottliebe spürbar ist, was jedoch nicht zu einer einseitigen Darstellung führt. Für mich jedenfalls war das Lesen und das Rekapitulieren des Gelesenen in dieser Buchvorstellung sehr wertvoll.

Links und Anmerkungen:

[1] Website der Autorin: http://www.antje-vollmer.de/doppelleben.htm
[2] https://www.youtube.com/watch?v=Wc091xV0oOI
[3] Steinort: http://www.masuren.com/html/Schloss_Steinort.html
[4] Edith Sitwell: Englische Exzentriker. Vgl z.B. hier: https://phileablog.wordpress.com/2015/03/01/englische-exzentriker/
[5] Liste der Attentate auf Hitler:  http://de.wikipedia.org/wiki/..Attentate_auf_.. Hitler
[6] Vollmer dürfte damit wohl die „Aktion Gitter“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_Gitter) gemeint haben, ohne diesen Namen explizit zu erwähnen. In der (dort verlinkten) Aufstellung „Opfer der Aktion Gitter (1944)“, fehlt jedoch der Name der Lehndorffs ebenso wie der anderer Familien, deren Angehörige beim 20. Juli beteiligt waren…
[7] zum Ablauf des Attentats am 20. Juli:  http://www.stauffenberg.lpb-bw.de/ablauf_des_20_juli.html
[8] eine etwas andere Erinnerung an die Sicherheitsbestimmungen stammt von Kurt Salterberg, dem wohl (?) letzten Augenzeugen des Attentats. Einem Bericht der Rhein-Zeitung vom 18. Juli 2015 [Dirk Eberz: Der letzte Zeuge, Journal, S. 3] zufolge galt: „Wir hatten Anweisung, niemanden zu kontrollieren, der mit Keitel kam.“ So kam Stauffenberg am 20. Juli unkontrolliert mit seiner Tasche in den innersten Bereich der Wolfsschanze. Auch die generelle Auswahl der Angehörigen des Führerbegleitkommandos wird als recht lax beschrieben.
[9] Elisabeth Raiser: Margarethe von Oven (1904-1991), S. 102; in: Antje Vollmer u. Lars-Broder Keil: Stauffenbergs Gefährten, München, 2015

Bildquellen

Gedenksteinhttp://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Graf_von_Lehndorff-Steinort; von SPBer (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Die Buchvorstellung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern zu hören.

Antje Vollmer
Doppelleben
Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und von Ribbentrop
Mit einem Essay von Kilian Heck
Nachwort von Hanna Schygulla
diese Ausgabe: Eichborn, Die Andere Bibliothek Band 309, 416 S., 2010

Hinweis: Diese Besprechung gibt es auch als podcast: https://app.box.com/

Ich habe vor ein paar Tagen hier im Blog schon die Blauen Stunden von Joan Didion vorgestellt [5], es hatte sich bei mir einfach so ergeben, daß dieser Roman als erster eintraf und so las ich ihn auch als ersten. Es ist aber empfehlenswert, das hat sich nach dem „… magischen Denken“ gezeigt, die beiden Bücher in der chronologisch richtigen Reihenfolge zu lesen: über die Anfänge der Erkrankung von Quintana Roo, der Tochter Didions wird hier schon berichtet. Trotzdem ist dies ein Buch über den Tod des Mannes, John Dunnes [1], der am 30. Dezember 2003 starb und Joan Didion [1] beschreibt ihr darauf folgendes Jahr.

didion year cover engl didion year cover dt

Das schlichte Cover des Buches zeigt sowohl in amerikanischen als auch im deutschen Ausgabe Joan Didion als Autorin. Ihr Mann John ist aber auch aufgeführt, die Buchstaben „J“, „o“, „h“ und „n“ sind andersfarbig gehalten. In der deutschen Version läßt sich die Symbolik noch etwas weiter gestalten als in der Originalausgabe: die vier Buchstaben liegen mit etwas gutem Willen auf einem Kreis, haben also einen Mittelpunkt, um den sich alles dreht….

Man setzt sich zum Abendessen,
das Leben, das man kennt, hört auf.

Das Jahr 2003 ist ein Annus horribilis für die Familie. Zwar heiratet die Tochter Quintana Roo im Juli dieses Jahres (was ein freudvolles Ereignis ist), aber das Herz von John war so schwach, daß er eine Monat vorher erst einen Schrittmacher eingesetzt bekamt. Die OP verlief anscheind gut, das Leben geht normal weiter. Aber zu Weihnachten geht es der Tochter so schlecht, daß sie ins Krankenhaus gebracht werden muss und zwischen Leben und Tod schwebt. Am 30. Dezember besuchen Joan und John sie (wie jeden Tag), fahren am Abend nach Hause und beschließen, zuhause zu essen. Joan hantiert in der Küche, John sitzt im Wohnzimmer und liest. Plötzlich fällt Joan auf, daß John nicht mehr antwortet, als sie sich nach ihm umdreht, sieht sie ihn in seltsam verdrehter Haltung am Tisch sitzen. Im ersten Augenblick glaubt sie, er mache einen Scherz oder er hätte sich verschluckt, sie klopft ihm auf den Rücken, woraufhin John vornüber auf den Boden fällt.

Der Notarzt ist schnell vor Ort, John wird noch ins Krankenhaus gebracht. Den Unterlagen nach, die Joan ein ganzes Jahr später erst bekommt (in der Aufregung hat sie der Krankenhausverwaltung eine veraltete Adresse angegeben), ist der Tod bei John praktisch momentan schon zu Hause durch einen schweren Herzinfarkt eingetreten.

Erst fast ein Jahr später erlaubt sich Joan den Gedanken, die beiden Horrorereignisse – Johns Tod und die lebensbedrohende Erkrankung von Quintana Roo – seien miteinander verknüpft: auf der Rückfahrt vom Krankenhaus nach Hause am Abend dieses vorletzten Tages im Jahr sagt John: Ich glaube nicht, daß ich das verkrafte. und Joan antwortet: Du hast keine Wahl. Aber vielleicht hatte er doch eine….

Es folgt auf diese Katastrophen eine Zeit äußerster Anspannung und Angst. Durch den Zustand Quintana Roos, die lange irgendwo zwischen Leben und Tod schwebte und der Joan natürlich extrem forderte, wird die Trauer um den Mann immer wieder in den Hintergrund gedrängt. Johns Bestattung wird verschoben, bis Quintana wieder so weit gesundet ist, daß sie teilnehmen kann, es sollte bis Ende März dauern.

Zur Erholung fliegt Quintana danach mit ihrem Mann Gerry nach Kalifornien. Auf der Straße vor dem Flughafen in Los Angeles verliert sie das Bewusstsein, sie wird vom Notarzt mit lichtstarren Augen in ein Krankenhaus eingeliefert. Didion zitiert dazu Nuland [3]: „…. Pupillen… die sich dann zu gr0ßen starren Kreisen von undurchdringlicher Schwärze weilten…“. Lichtstarre Augen: eins der Kriterien zur Feststellung des Hirntods…. Operationen am Hirn folgen, Quintana überlebt diese Eingriffe und ihr Zustand stabilisiert sich, s0 daß sie wieder zurück nach New York verlegt werden kann. In dieser Zeit hält sich Joan in Los Angeles auf, sie ist damit wieder an dem Ort, an dem sich ein großer Teil ihrer und Johns und Quintanas Geschichte abspielte….


Das Jahr magischen Denkens ist kein Tagebuch, in dem Didion begleitend zu ihrer Situation ihre Gedanken und Gefühle beschreibt. Die Aufzeichnungen sind retrospektiv, Didion war erst nach Monaten wieder in der Lage, ihre Gedanken schriftlich zu fassen: Das hier ist mein Versuch, der Phase, die darauf folgte [i.e. der Erkrankung der Tochter zu Weihnachten 2003 und dem Tod des Mannes], einen Sinn abzugewinnen, den Wochen und Monaten, in denen sich jede feste Vorstellung auflöste, die ich jemals vom Tod hatte. Von Krankheit. … und vom Leben selbst. … Dies ist ein Fall, in dem ich mehr als Worte brauche, um den Sinn zu finden. Dies ist ein Fall, in dem ich alles brauche, was die Fassade durchdringt oder durchdringen könnte, wenigstens für mich.

„… den Sinn zu finden..“ Didion ist ein kopfgesteuerter Mensch, eine hochintelligente Intellektuelle, ein Mensch, der die Kontrolle behalten will über sein Leben: In schwierigen Zeiten, hatte man mir seit der Kindheit beigebracht, soll man lesen, lernen, es durcharbeiten, Literatur befragen. Information heißt Kontrolle.  Didion hält sich an diesen Rat, sucht in Bücher nach Informationen, wobei sie festhält, daß die Literatur zu diesem Leid bemerkenswert düftig ist (zur Erinnerung: im Jahr 2004!), ich komme darauf später noch einmal zurück, will aber erst meine Gedanken über Didions Wunsch, die Kontrolle zu behalten, festhalten. Dieser geht leicht in Rechthaberei über: fotografiert jemand aus dem Flugzeug einen Canyon in dem Glauben, es sei der Gran Canyon und er ist es nicht, korrigiert sie dies. Warum musst du immer Recht haben? erinnert sie sich an Johns Frage…. Für sie ist so etwas aber keine Rechthaberei, sondern das Bewahren der Kontrolle auch in Kleinigkeiten.

Lesen, lernen, es durcharbeiten, Literatur befragen.
Information heißt Kontrolle.

Das prinzipielle Problem liegt darin, daß das Leben nicht planbar ist, nicht unter Kontrolle gehalten werden kann: die Krankheit der Tochter, der Tod des Mannes sind völlig unerwartete Ereignisse, die die gesamte Lebensplanung hinfällig machen, die jeglichen Versuch, sie zu kontrollieren und handzuhaben, zum Scheitern verurteilen: man ist ihnen ausgeliefert. Damit ist zugleich die Methode Didions, ihr Leben zu meistern, zumindest in diesem Punkt, untauglich geworden. So sucht sie als Halt wenigstens einen Sinn, es muss einen tieferen, verborgenen Sinn in allem geben: Warum?…. wie oft versucht sie anhand von Protokollen und Berichten das Geschehen an diesem einen Abend nachzuvollziehen….  das Geschehene kann nur die Fassade sein, hinter die zu blicken sich Didion vornimmt Dies ist ein Fall, in dem ich alles brauche, was die Fassade durchdringt oder durchdringen könnte, wenigstens für mich. …


Ich habe im Verlauf der letzten Jahre das eine oder andere Buch über Trauer oder Trauernde gelesen [4], oft ist beim Lesen eine starke emotionale Nähe entstanden, soll heißen, daß auch mir Tränen in den Augen standen und das Herz klamm war. Dieses Gefühl hat sich bei mir bei Didion nicht eingestellt. Das bedeutet nicht, das Buch habe mich unberührt gelassen, aber dieses Gefühl der Traurigkeit hat sich auf etwas ganz anderes bezogen. Mir tut Didion einfach sehr, sehr leid. In dem ganzen Text, in dem sie sich als minutiöse Autorin beweist (die z.B. immer noch weiß, in welchem Geschäft der verschlissen Bademantel, nein: Frotteebademantel ihres verstorbenen Mannes vor über 30 Jahren gekauft worden war), ist nicht einmal davon die Rede, sie haben einen Menschen an ihrer Seite gehabt, der einfach für sie da war. Der sie mal in den Arm genommen hat, ihre Hand gehalten hat, mit dem sie reden konnte – oder auch schweigen. Sie beschreibt eine Situation, in der ihr Arzt sie fragt, wie es ihr geht – und schon setzen bei dieser einfachen Frage bei ihr als Antwort die Tränen ein. Und selbst wenn es so einen Menschen gegeben haben sollte, war er ihr nicht so wichtig, als daß sie ihn erwähnte. Das soll jetzt nicht heißen, Didion wäre allein gewesen (obwohl an der einen oder anderen Stelle anklingt, das sie nicht besonders gesellig war), es waren schon Menschen um sie, die mit ihr aßen, ihr Essen brachten, sie auch im Krankenhaus bei den Ärzten unterstützten, aber einfach nur als Mensch….

Stattdessen liest sie bei Freud (1917)“… nimmt die Trauer unter allen Geistesstörungen (!) eine Sonderstellung ein. …. es uns niemals einfällt, Trauer als einen krankhaften Zustand zu betrachten und dem Arzt zur Behandlung zu übergeben.“ Eine gewisse Melanie Klein kommt 1940 (also vor über 70 Jahren!) zu der Erkenntnis: „… der Trauernde ist tatsächlich krank…  [und] …einen modifizierten und vorübergehenden manisch-depressiven Zustand durchläuft und überwindet. “ Stattdessen liest sie von „pathologischer Trauer“ im Gegensatz zur normalen, stattdessen raten ihr die Freunde, sie müsse die Kleider ihres Mannes weggeben, es sei wichtig, es gehört zu dem was man macht, wenn jemand gestorben ist, ein Teil des Rituals, eine Verpflichtung. Dabei müssen die Schuhe und Kleider doch noch da sein, hat sie doch noch garnicht realisiert, wie endgültig der Tod ihres Mannes ist, daß das Warten auf seine Rückkehr vergebens sein wird. Das zu verstehen, mit diesem Wissen leben zu können, braucht seine Zeit, aber niemand in Didions Umfeld scheint das gewusst zu haben…. es ist dies doch ihre Magie, die ihr ihren Mann zurückbringen soll: solange Johns Sachen da sind, ist eine Verbindung da zwischen ihr und ihm und das Band noch nicht endgültig durchtrennt. Sind die Sachen nicht mehr da, will soll John dann zurück kommen?

Mühsam sucht sich Didion in diversen Büchern und Fachzeitschriften Informationen über ihr Leid, über das Phänomen „Trauer“. In vielem, was sie liest, erkennt sie sich wieder, die körperlichen Symptome wie Schlaf- und Appetitlosigkeit, Beklemmungen, Atemnot…. sie macht auch – natürlich – in ihrem Trauerprozess die diversen Zustände der Verdrängung, der Wut, des Zorn durch… aber offensichtlich ist ihr kein Buch in die Hände gefallen, das dies systematisch aufgearbeitet hätte und ihr so Sicherheit geben konnte, daß bei ihr alles normal ist. Für Didion ist im Hintergrund immer noch der Status der Trauer als einer Krankheit, die man heilen muss/kann…. Auch als Patientinnen-Mutter, die mit den Ärzten redet, ist sie wahrscheinlich nicht einfach. Angelesenes Wissen kollidiert hie und da mit ärztlichem Tun…

Ich wollte schreien. Ich wollte ihn zurück.

 .. aber nirgends beschreibt sie, daß sie sich ihren Kummer, den Zorn, die Wut, die Angst, ihre Gefühle tatsächlich mal von der Seele geschrieen hätte…. Wäre dies für sie Selbstmitleid gewesen? Selbstmitleid, sich selbst bemitleiden, schien ein Problem für Didion gewesen zu sein, sich in diesem Gefühl suhlen und bequem einrichten.. Selbstmitleid kam nicht in Frage, war keine Option.

Würde ich jeden Fehler noch einmal durchleben müssen?

.. die Frage nach der Schuld, der Verantwortung klingt immer durch. Wenn jemand gestorben ist, überzeugt man sich davon, in dem man ihm einen Handspiegel vor Nase und Mund hält. .. Meine Mutter brachte mir das bei. Ich hatte es in der Nacht, als John starb, vergessen… Wie wäre das Leben verlaufen, wären diese Katastrophen vermieden worden, wenn ich/wir damals dies und jenes nicht/doch gemacht hätten? Zermürbende, quälende Grübeleien… Hätte ich John nicht angerufen, wäre Quintana dann… Und hätte sie … hätte es dann .. wäre sie dann heute in der UCLA-Klinik … Hätte ich die Bedeutung nicht missverstanden ….. würde ich dann John im Haus in Brentwood Park finden? 

Bei anderer Gelegenheit: … ich habe ihn zerstört. ich habe es getan, ich bin verantwortlich.

Ich bin da. Du bist in Sicherheit. Wie ein Mantra taucht dieser Satz, dieses vor Urzeiten schon gegebene Versprechen an ihre todkranke Tochter immer wieder auf, ein Versprechen, das sie nicht halten konnte. Nur langsam akzeptiert Didion, daß sie loslassen muss, daß sie nicht alles regeln kann, daß dies auch nichts mit Schuld oder Verantwortung zu tun hat…

… und als abschließendes Zitat zu diesem Thema: Ich glaube nicht nur nicht, daß es Pech war, was John getötet und Quintana gehabt hatte. Ich glaubte sogar genau das Gegenteil: ich glaubte, ich hätte in der Lage sein müssen, zu verhindern, was immer passiert war.


Joan Didion ist übervoll mit Erinnerungen. Wie aus einer übersättigten Lösung schlagartig Salz auskristallisiert, sobald ein Kristallisationskeim hinzugefügt oder vorhanden ist, so sprudeln in ihr beim geringsten Anlass die Erinnerungen hoch, sie nennt dies den „Strudel-Effekt“, weil diese Erinnerungen einen so starken Sog ausüben, daß sie förmlich darin versinkt: Während ich am Fenster des UCLA [i.e. das Krankenhaus in LA] das leere Schwimmbecken betrachtete, konnte ich den Strudel kommen sehen. aber ich konnte ihm nicht ausweichen…. Es ist schwierig für sie, diesen Erinnungen aus dem Weg zu gehen in einer Stadt, einer Region, in der sie Jahrzehnte lebten, in der sie Quintana im Alter von drei Tagen zu sich holten (Ich bin da. Du bist in Sicherheit.). Die Werbung, die eine Küstenstraße zeigt, führt sie sofort zurück zu ihrem damaligen Haus, in das sie Quintana holten… sie plant ihre Fahrten in der Stadt so, daß sie möglichst bekannte Straßen und Kreuzungen vermeidet – aber gerade dadurch spuken die natürlich in ihrem Kopf herum…

Didion schildert diese Erinnerungen und so entwickelt sich im Lauf des Textes auch das Bild vom Leben einer kleinen Familie, fragmentarisch, anekdotisch natürlich, aber die bestimmenden Grundzüge dieser zur intellektuellen Upper Class der USA gehörenden Autoren werden deutlich. Immer aber ist klar, daß diese Erinnerungen Teil des Trauerprozesses sind, den Joan Didion durchlebt – unter schweren Bedingungen, denn gleichzeitig beherrscht sie die Angst um ihre Tochter, deren Schicksal zudem weitere Trauerprozesse bedingt, die sich denen um den Mann überlagern. Beim Lesen wird sehr deutlich, wie sehr sich Joan Didion anstrengt, über diese natürlich und keineswegs krankhaften Trauerprozesse die Kontrolle zu behalten bzw. zu bekommen. Ein sich auch einmal in die Trauer fallen lassen, ein Akzeptieren, daß sie Grund hat, sich auch selbst leid zu tun – anstatt gegen diese Trauer zu arbeiten – kommt für sie nicht in Frage…

Das ist so/war so und ist nicht kritisierbar: jeder Mensch trauert auf die Art und Weise, die ihm angemessen ist und die seinem Charakter entspricht. Was mich – ich habe das schon erwähnt – traurig macht, ist dagegen die Tatsache, daß ich aus den Aufzeichnungen nicht entnehmen konnte, daß Joan Didion Menschen um sich hatte, die ihr bei ihrer Trauer“arbeit“ helfen und beistehen konnten und daß auch die Bücher/Fachzeitschriften, die sie las, vielleicht medizinische Fakten vermitteln konnten, jedoch in Hinsicht auf das Gefühl „Trauern“ eher kontraproduktiv waren (Stichworte: Geistesstörung, krankhafter Zustand, krankhafte Trauer, manisch-depressiver Zustand).

Als Buch, als Bericht jedoch ist Das Jahr magischen Denkens ein großes Ereignis. Es ist eine schonungslose Selbstanalyse, ein verzweifeltes Suchen nach dem „Warum“, dem Sinn dessen, was keinen Sinn hat, sondern was einfach geschieht, der Versuch, die Kontrolle über das eigene Leben, die so brutal abhanden gekommen ist und Didion zur reinen Zuschauerin der Ereignisse verurteilt, wieder zu gewinnen. Sie, die Rationale, gerät in den Bann ihrer besonderen Magie, des Wunschdenkens, der Verdrängung und letztlich des normativen Zwangs des Faktischen, ihre Ohnmacht nämlich zu akzeptieren. Besondere Tragik erhält ihr Schicksal, weil wir als heutige Leser mehr wissen als sie seinerzeit: das Fatum holt (was sie wohl schon ahnt) in diesen Wochen und Monaten mit zerstörerischer Wucht zum zweiten Schlag aus….. Die Tatsache, daß aufgrund der Eigenart Didions beim Lesen keine große Nähe zur Person aufkommt, als Leser wahrt immer einen gewissen Abstand zur Autorin, ermöglicht andererseits gerade dadurch, das eine oder andere deutlicher für sich zu überdenken und zu reflektieren.

Es ist ein katastrophales Schicksal, das Joan Didion und ihre Familie [2] heimgesucht hat. Überlegt man, wie es wäre, wäre man selbst derart getroffen, so fühlt man schon dabei, welchen Schmerz, welche Verzweiflung, welche abgrundtiefe Leere dies bei Joan Didion hervorgerufen haben muss… ich hoffe sehr, daß sie einen Weg und die Kraft gefunden hat, damit zu leben.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zu Joan Didion:  http://de.wikipedia.org/wiki/Joan_Didion und John Gregory Dunne: http://de.wikipedia.org/wiki/John_Gregory_Dunne
[2] In diesem Beitrag des Observers sind einige Familienfotos wiedergegeben: http://observer.com/2014/11/new-kickstartered-doc-takes-on-joan-didions-the-year-of-magical-thinking/
[3] Sherwin B. Nuland: Wie wir sterben; Buchvorstellung hier im blog: https://radiergummi.wordpress.com/2010/05/08/sherwin-b-nuland-wie-wir-sterben/
[4] vgl. mein Themenblog: Krankheit, Sterben, Tod, Trauer: https://mynfs.wordpress.com
[
5] Joan Didion: Blaue Stunden; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com…stunden/

Hinweis: Diese Besprechung gibt es auch als podcast: https://app.box.com/

Joan Didion
Das Jahr magischen Denkens
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Antje Rávic Strubel
Originalausgabe: The Year of Magical Thinking, NY, 2005
diese Ausgabe: Claassen, HC, ca. 252 S., 2006

Die Buchvorstellung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern zu hören.


doron cover

Die israelischen Schriftstellerin Lizzie Doron ist auf meinem Blog keine Unbekannte, vor einiger Zeit habe ich sie hier mit ihrem autobiographischen Roman Das Schweigen der Mutter [1] vorgestellt. Auch das vorliegende Buch Who the Fuck is Kafka? wird zwar als Roman bezeichnet, hat aber stark dokumentarischen Charakter, bildet er doch eine sehr bewegende und erschütternde Episode im Leben der Schriftstellerin ab.

Auf einer Friedenskonferenz in Rom lernen sich 2011 die israelische Schriftstellerin und ein arabisch-palästinensischer Fotojournalist, der im Buch Nadim Abu Hanis heißt, kennen. Es ist eine Bekanntschaft unter Ungleichen: aus seiner Sicht ist sie 10 Jahre älter als er, sie gehört den Besatzern an und sie ist eine Frau – alles Faktoren, die in der Beziehung eine Rolle spielen (werden). Ihre Probleme sind dagegen immer wieder aufkeimende Angstzustände, schließlich gehört er einem Volk an, daß unablässig versucht, Israel mit Terroranschlägen zu überziehen und Juden zu töten. In Rom spielen diese Faktoren keine große Rolle, hier sind die beiden entspannt, sie sind sich sympathisch und sie entwickeln Pläne für gemeinsame Projekte: sie, die Schriftstellerin, soll ein Buch über ihre Bekanntschaft schreiben, er will seinen Traum, einen Film zu drehen und in diesem sein Leben darzustellen, zusammen mit Doron verwirklichen. Das zwischenmenschliche überwiegt, nur in manchen Momenten – wenn Nadim sich etwa weigert, wie gefordert seine Papiere im Hotelsafe zu deponieren, weil er um ihren Verlust bangt und er zeigt, daß er diese überlebenswichtigen Dokumente mit Klebeband am Körper befestigt hat – greift die Realtität eines absurden Zustands auch nach Italien über. Es muss nicht betont werden, daß die beiden die „Stars“ sind in den Augen der Veranstalter: solche gemeinsamen Projekte zwischen Palästinensern und Israelis sucht man, will man fördern, mit ihnen hofft man, dem/einem Friedensprozess dienlich sein zu können.

Doch die Tage in Rom sind bald vorbei und in Israel sieht die Welt ganz anders aus. Nadim wohnt in Ost-Jerusalem, zusammen mit seiner Frau Laila und den beiden Söhnen, die Autorin lebt in Tel Aviv. Der Gedanke an Jerusalem ist ihr ein Graus, ihre beste Freundin ist dort – auf sie in einem Café wartend – bei einem Anschlag ermordet worden….

Bei den Treffen erzählt Nadim von seinem Leben und vieles davon ist für Lizzie unbekannt und schockierend. Immer aber auch liegt in den Erzählungen ein Vorwurf in der Luft, schließlich gehört „sie“ diesem Besatzerregime an. Die Autorin ist dagegen selbst traumatisiert, das Urtrauma der Shoa, das sie, die in Israel geborene, von ihrer Mutter [1] geerbt hat und die vielen Traumata der Jetztzeit: Attentate, Anschläge, Raketenangriffe…. Es trifft sie, daß ihr Gegenüber weder mit dem Namen „Mengele“ etwas anfangen kann noch mit dem Kafkas, den Besuch Yad Vashems lehnt Nadim ebenfalls vehement ab. Es ist manchmal – zumindest gedanklich – ein absurder Wettkampf darum, wer mehr Verletzungen zu erdulden hat, wer mehr oder wer weniger Schuld hat.

Egal aber, wieviel jüdische Bürger an Drangsal zu erdulden haben, unbestreitbar ist, daß sie zur Seite der Besatzer gehören, d.h. zur Seite derer, die die Macht haben. Das Sicherheitsbedürfnis, das Israel hat, scheint sich oftmals selbstständig gemacht zu haben, zum Selbstzweck geworden zu sein, wenn sich z.B. an Kontrollposten Palästinenser (auch Frauen) bis auf die Unterwäsche ausziehen müssen…. Andererseits haben auch Frauen schon Selbstmordanschläge durchgeführt, haben Bücher schon als Attrappe gedient. Ein aus dem Tornister herausragendes Lineal führt dazu, daß sich Nadims Sohn ausziehen muss und der Tornister auf der Straße ausgeleert wird: will man Hass säen, ist das eine gute Methode…. empfindet sie beim Anblick israelischer Soldaten ein beruhigendes Gefühl, kommt im gleichen Augenblick bei ihm Panik auf

Das Verhältnis der beiden ist kompliziert, von vielen Faktoren abhängig. Eine jüdische Frau und ein deutlich jüngerer arabischer Mann…. sie fallen auf, sie wird von den Hardlinern auf jüdischer Seite, den Orthodoxen, beschimpft, er muss bei allem aufpassen, nicht als Kollaborateur dazustehen. Es sind absurde Situationen, wenn sie in arabischen Vierteln auf einmal von der Angst gepackt die Verschleierung Lailas, die für Notfälle immer im Auto liegt, umwirft und dann auf hebräisch angesprochen wird, weil die Schuhe natürlich trotzdem sichtbar sind… ist er bei seinem Vater, ist es ihm unmöglich, mit einer fremden Frau Kontakt aufzunehmen. Oft meldet er sich für längere Zeit nicht, sie weiß dann nicht, wo er ist, was er macht…

Während sie mit ihrem Mann reden kann und auch eine Freundin hat, die sie immer wieder auf die besondere Situation Nadims einschwört, hat er niemanden, mit dem er sprechen kann – außer eben mit ihr, der Jüdin. Mag sein, daß deswegen hin und wieder die Frustration, die Depression, die (mühsam unterdrückte) Wut ihr gegenüber so aus ihm herausbricht….

Laila, seine Frau.. so hat sie sich ihr Leben nicht vorgestellt. Sie kommt aus Gaza und bekommt seit vielen Jahren keine permanente Aufenthaltsgenehmigung für Jerusalem. Jedes Jahr also die entwürdigende Prozedur der Verlängerung der ablaufenden Erlaubnis… ihm ist ihr beschränktes Dasein als nur Hausfrau nicht verständlich: sie braucht sich doch um nichts zu kümmern, nur zu kochen und sauber zu machen. Jeden Wunsch würde er ihr erfüllen, sogar zu einem Fotokurs hat er sie, die mal Fotografin werden wollte, jetzt angemeldet… So kommen zu den äußeren „Feinden“ noch die internen Schranken dazu: unversöhnliche Gegner in den eigenen Reihen bei beiden, die Fesseln einer traditionellen Gesellschaft bei ihm….

Nadims Filmprojekt muss mit vielen Problemen fertig werden. Zwar wird es von vielen Institutionen gefördert, aber (nachdem endlich die Kamera ins Land einreisen durfte) die Drehtage aber verlaufen nicht konfliktfrei: die beiden erregen Aufsehen, werden gestört, auch fühlt sie sich ausgenutzt, da Nadim die Absprachen nicht einhält und agitiert. Zorn regt sich in ihr, nicht immer kann sie seine Handlungsweise nachvollziehen…..

„Ein Jude kommt zum Rabbi und führt Klage gegen seinen betrügerischen Lieferanten. Der Rabbi hört aufmerksam zu und erklärt dann: ‚Du hast recht‘. Bald danach kommt der beschuldigte Lieferant und klagt seinerseits über den Ankläger. Der Rabbi hört wieder aufmerksam zu und sagt abermals: ‚Du hast recht‘. Die Frau des Rabbiners hat beides mit angehört, und als der Lieferant weggegangen ist, sagt sie vorwurfsvoll zu ihrem Manne: ‚Es können doch niemals beide recht haben!‘ Da gibt der Rabbi zu: ‚Du hast auch recht.'“ (zu finden bei Salcia Lachmann: Der jüdische Witz)

So in etwa geht es einem, liest man dieses Buch. Man kann, für sich genommen, die Menschen beider Seiten, der israelischen und der palästinensischen, verstehen. Natürlich hat eine jüdische Mutter Angst, ihr Kind in einem Bus fahren zu lassen, in ein Kino zu gehen, sich in ein Café zu setzen: zu oft gab es Anschläge und Terrorakte. Natürlich sind die vielen Durchsuchungen an den Straßensperren, die oft mit Verwüstungen einher gehen, entwürdigend genauso wie die bürokratische Behandlung der israelischen Araber als Bürger x-ter Klasse. Es ist nicht mehr zu sagen, wer Schuld hat und wer im Recht ist. Die Hoffnungen, mit einem gemeinsamen Film- und Buchprojekt einen Friedensprozess positiv beeinflussen zu können, scheinen vor diesem Hintergrund naiv: der Hass zwischen den Parteien sitzt tief, ist sozusagen institutionalisiert und wird tradiert, so heißen: Aktivitäten, die auf eine Verständigung hinauslaufen, werden von den jeweils eigenen Leuten sabotiert, keineswegs aber gut geheißen. Ein jüdischer Kontakt zu einem Araber ist nur dann gesellschaftlich problemlos, wenn dieser Araber Klempner ist und die Abwasserleitung repariert.

So tief erscheint das gegenseitige Misstrauen und Unverständnis, die Fesseln der jeweiligen Gesellschaften, daß selbst von hier, dem sicheren und warmen Schreibtisch in Deutschland kein „man müsste einfach…“ möglich ist. Es gibt kein „man müsste…“. Schaut man sich im aktuellen Spiegel von dieser Woche [2] den Kommentar des israelischen Schriftstellers Nir Baram zum Ergebnis der Wahl in Israel an, schwindet jedes Fünkchen Hoffnung, das ggf. noch irgendwo geleuchtet haben mag. Die Hardliner, so konstatiert er, haben sich durchgesetzt mit einer Art Wagenburgmentalität, der Idee nämlich, daß die Welt und insbesondere die Araber den Juden feindlich gegenüberstehen und dass es keinen Ausweg aus dieser Konfrontation gibt. .. aber mit der Waffe in der Hand kann man überleben, wenn man hart bleibt. Für die jüdisch-israelischen Bürger seien mittlerweile Straßensperren, Tötungen, die ganze Besatzung normal geworden und erregen keine Entrüstung mehr, ja, sie werden möglichst negiert und nicht mehr wahrgenommen: die Lebensverhältnisse der Palästinenser interessieren keinen mehr. Und die exzessive Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten hat mittlerweile Fakten geschaffen, die praktisch nicht mehr aus der Welt zu räumen sind. Nach Nir Baram Einschätzung ist die Zwei-Staaten-Lösung faktisch nicht mehr realisierbar.

Im Bericht Dorons finden sich dazu durchaus Beispiele. Mehr als einmal führt Nadim seine Partnerin an Plätze, die ihm wichtig sind, den Friedhof zum Beispiel, auf dem seine Familienangehörigen bestattet sind. Um am Schluss festzustellen, daß die israelischen Behörden planen, hier einen Park anzulegen…. oder Häuser, Straßenzüge abzureißen, um eine neue Straße zu bauen.

So läßt einen der Bericht Dorons ratlos, mutlos und erschüttert zurück. Ein gordischer Knoten, der auch und gerade durch Gewalt (dies wurde nun häufig genug ausgetestet) nicht zu durchschlagen ist. Ein neues Seil nehmen, das alte weglegen, auf daß niemand mehr dran kommt…. zurück auf Null, ziehen sie alle Waffen ein und und heilen sie alle Wunden…. das Heilen der Wunden, der Traumata, die Verletzungen der Seele, das gegenseitige Misstrauen, der Hass, die Verachtung, die Vorurteile bzw. positiv formuliert: überhaupt der Wille, es zu schaffen (letztlich hat sich mittlerweile jede Seite in ihrer Situation eingerichtet), das sich gegenseitig als gleichwertig und gleichberechtigt Anerkennen: vielleicht sogar noch die größere Hürde im Verhältnis zu den Waffen…


Dorons Buch wird als Roman verkauft, das ist aber kaum zutreffend. Viel eher sind es Tagebucheintragungen, Protokolle, Dokumentationen, lesen wir Stichworte und Gedanken der Autorin. Sie bricht den großen Konflikt herunter auf zwei Menschen, die einen gemeinsamen Traum entwickeln und letztendlich selbst daran scheitern: der Film wird nie gedreht, das Buch muss so geschrieben werden, daß Rückschlüsse auf den „echten“ Nadim nicht möglich sind – seine Identität herauszufinden, könnte sein Todesurteil sein.

Israel, das Doron einmal als Sammelstelle für die traumatisierten Juden aus aller Welt bezeichnet, sammelt fleißig weiter Traumatisierte: seien es nun bei den jüdischen Bürgern die Angehörigen von Terroropfern und Militäreinsätzen, so sind es bei den arabischen Bürgern die Opfer der Willkür, der täglichen und der besonderen der militärischen Gewalt. Btw: was der eine Terror nennt, ist für den anderen ein Befreiungskampf: das Semantische spielt natürlich auch in diesem Konflikt seine Rolle….

Who the Fuck is Kafka? ist (so mein persönliches Facit) als Roman, als literarischer Text, wenig erwähnenswert, als Zeitdokument jedoch halte ich das Buch für sehr empfehlenswert, obgleich die Machtlosigkeit, die man auch als Leser (trotz kleiner Erfolgserlebnisse) am Ende verspürt, den Text nicht als Vergnügen erscheinen läßt.

Links und Anmerkungen:

[1] Lizzie Doron: Das Schweigen der Mutter; Buchvorstellung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2013/11/06/lizzy-doron-das-schweigen-der-mutter/
[2] Nir Baram: Das Gift hat gewirkt, in: DER SPIEGEL 13/2015, S. 98f; vgl auch hier: http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-03/benjamin-netanjahu-israel-usa
[3] Interview mit Lizzie Doron im Deutschlandradio Kultur: Eine unmögliche Freundschaft; http://www.deutschlandradiokultur.de/lizzie-doron-eine-unmoegliche-freundschaft.1270.de.html?dram:article_id=309765

Die Buchvorstellung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern zu hören.

Lizzie Doron
Who the Fuck is Kafka?
Aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler
diese Ausgabe: dtv, Pb, ca. 250 S., 2015

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