Sally Nicholls: Wie man unsterblich wird

Sam und Felix sind zwei dicke Freunde. Sie hängen den ganzen Tag über zusammen rum, planen ihre Zukunft und träumen. Sie haben mit ihren 11 bzw 13 Jahren nur ein Problem, nämlich (so antwortet Sam einmal genervt und unwirsch auf die entsprechende Frage, nach dem, was er hat): „sphärische Globuli“.

sam

Kennengelernt haben sich Sam und Felix auf der kinderonkologischen Abteilung eines Krankenhauses. Sam, die Hauptperson des Buches, leidet nämlich (ebenso wie Felix) an Krebs, an Leukämie. Er hat Chemos hinter sich, die nur kurzfristig angeschlagen und auch die Medikamente, die er jetzt nimmt, können ihm allenfalls Aufschub gewähren. Und diese Zeit wollen die Jungs nutzen.

Sie machen Pläne, stellen Listen auf mit Sachen, die sie unbedingt noch machen oder erleben wollen, sie, deren Leben kaum begonnen hat. Forschen wollen sie, Bücher darüber schreiben, mindestens einen blöden Weltrekord aufstellen und einen Horrorfilm (FSK ab 18) schauen. Natürlich wollen sie typische Teenager-Sachen erleben: rauchen, trinken und ein Mädchen küssen…. eine Luftschifffahrt steht auf der Liste, ein Raumflug und (einfacher zu verwirklichen): einmal eine Rolltreppe verkehrt herum laufen….

Sam und sein Freund und Vorbild Felix haben gute und haben schlechte Tage. Sie brauchen nicht mehr in die Schule, Sam wird zu Hause unterrichtet, er sitzt viel vorm Computer und stillt seinen Wissensdurst durch googeln. Er sammelt Infos, stellt Listen auf und fängt an, ein Tagebuch über sein Leben und das, was er weiß und was er an Fragen hat, zu schreiben. Und am Ende des Buches wird er tatsächlich alles an Vorhaben, die er skizziert hat, durchgeführt haben, in der einen oder anderen Art und Weise.

Seine Eltern haben schwer zu kämpfen mit dieser Situation. Übervorsichtig und -aufmerksam schnürt die Mutter Sam zum Teil die Luft zum Leben ab, der Vater stürzt sich in die vermeintliche Normalität des Alltags und seines Berufes. Er verdrängt, in dem er die Routine aufrecht erhält. Ella, die junge Schwester von Sam, geht noch am unbefangensten mit der Lage um. Doch irgendwann im Lauf der Zeit akzeptieren auch die Eltern das Schicksal ihres Sohnes, sie helfen ihm, sein Leben zu leben und lernen dadurch, ihre eigenen Ängste zu überwinden. So haben alle noch eine (gemessen an den Umständen) schöne Zeit. Die andauert, bis Sam entscheidet, keine Medikamente mehr zu wollen.

In einer seiner Listen (um das bestdokumentierteste Sterben aller Zeiten zu schaffen) hat er für seine Eltern eine Protokollvorlage (Achtung: das Protokoll verrät natürlich etwas über das Buchende… ) entworfen, die diese, wenn die Zeit gekommen ist, ausfüllen sollen.

Nicholls beschreibt sehr einfühlsam, daß Sam und Felix trotz ihrer Krankheit, über die sie sich keine Illusionen machen, normale Jungs sind, mit ner Menge Blödsinn im Kopf und ebenso einer Menge Fragen, die ihnen keiner beantworten kann. Im Grunde gehen sie viel unbefangener mit ihrer Lage um, als die Eltern und viele Erwachsene, deren Verhalten von großen Ängsten, von Unsicherheit und Befangenheit geprägt ist. „Wie man unsterblich wird“ ist ein gelunges Protokoll eines letzten Lebensquartals, mit viel Traurigkeit, aber auch viel Lachen, mit fröhlichen Momenten und Augenblicken, die im tiefsten Innern anrühren.

Facit: Nicholls widmet sich einem ähnlichen Thema wie Schmitt auf etwas unterschiedliche Art und Weise, aber gleich gelungen.

.. noch ein paar Gedanken zum Thema: wenn Kinder sterben….

weiter Bücher zum Themenkreis: “Krankheit, Sterben, Tod, Trauer” hier in meinem Themenblog “Sterben, Tod und Trauer

Sally Nicholls
Wie man unsterblich wird
Broschiert: 200 Seiten
Hanser Belletristik, 2008, brosch., 200 S.
ISBN-10: 3446230475
ISBN-13: 978-3446230477

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7 Kommentare zu „Sally Nicholls: Wie man unsterblich wird

  1. Eine wirklich schöne Rezension. Allerdings hat mich das mit dem Protokoll ein bisschen verwirrt. Ich glaube das sollte man vor der Lektüre des Buches besser nicht angucken oder? Kam mir wie ein Spoiler vor. Scheinbar sind solche Themen in Büchern momentan wieder recht aktuell. Ich könnte mir aber vorstellen, dass man es ganz gut lesen kann, weil du ja sagst, dass es nicht zu traurig ist und auch lustige Passagen hat.

    Viele liebe Grüße

    Katrin

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    1. Ich bedanke mich sehr für deinen lieben Kommentar!

      Deinen Hinweis mit dem Protokoll habe ich umgesetzt, indem ich eine kleine Warnung in den Text geschrieben habe. Ursprünglich hatte ich das Protokoll sogar als Teil des Textes geschrieben, aber das kam mir dann wirklich zu ??? vor (mir fehlt das richtige Wort..).

      Das Buch zeigt meiner Meinung nach vor allem drei Sachen:
      (i) Kinder können mit Tod umgehen, oft sogar klarer als Erwachsene.
      (ii) das Leben geht bis zum letzten Tag weiter und man kann es (nach den Möglichkeiten, die man hat) bis zum letzten Tag leben. Und
      (iii) zeigt es, wie wichtig es ist, daß man Sterbende (seien es Kinder oder Erwachsene) nicht alleine läßt, sondern sie auffängt und sie wie normale Menschen behandelt.

      liebe grüße auch dir
      fs

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