Fatma Aydemir: Ellbogen

18. Oktober 2017

Die deutsch-türkische Journalistin und Schriftstellerin Fatma Aydemir [1] legt mit Ellbogen ihren Debütroman um die gerade volljährig gewordene Hazal Akgündüz vor. Diese, zum Beginn der Geschichte gerade noch siebzehnjährig, kann sich vor dem Filialleiter eines Supermarktes noch so halbwegs aus einem Ladendiebstahl herauslavieren. Dieser sinnlose Diebstahl der jungen Frau ist bezeichnend: es ist kein besonders zukunftsträchtiges Leben, das sie führt. Tagsüber übt sie sich in aussichtlosen Bewerbungen in einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme, ferner jobbt in der Bäckerei ihres Onkels. Zu Hause ist es trist und öde, der Vater fährt entweder Taxi oder ist bei den Kumpels im Café, die Mutter nimmt die traditionelle Rolle einer türkischen Hausfrau ein. Die Grenzen für Hazal sind trotz ihres Alters eng gezogen, Freiräume, die sie sich nimmt, muss sie gegen den Willen der Eltern verteidigen bzw. vor ihnen verheimlichen.

Ihren Freundinnen geht es ähnlich, mit ihnen trifft sie sich zum gemeinsamen abhängen, sie hat auch ihre Adresse, wo sie unterschlüpfen kann, um sich mit ein bischen Gras wegzubeamen in Träume. Zu Hause klammert sie sich an den Kontakt mit Mehmet, den sie per Facebook kennen gelernt hat. Er, deutlich älter als sie, in Frankfurt geboren und seines Vorstrafenregisters wegen ausgewiesen und jetzt in Istanbol lebend, hat sie gefragt, ob sie sein Baby sein will.

Hazals 18. Geburtstag im Juni 2016 ändert dies alles. Weil ihre Tante für sie ein gutes Wort einlegt, darf sie bei ihrer bosnischen Freundin Elma übernachten. Zu dritt brezeln sich die Freundinnen auf und wollen in die Disco. Vorher ist Wodka angesagt, an den Füßen Heels und der Türsteher teilt ihnen süffisant mit, heute kämen nur geladene Gäste hinein. Auf dem Rückweg noch mehr Schnaps, Frustsaufen, dann werden sie in der U-Bahnstation von einem besoffenen Typen übergriffig und dumm angelabert. Sie sind zu dritt, frustriert, enthemmt und diese ‚Kartoffel‘ triggert den hineingefressenen Frust vieler Jahre an: es kommt zu einem Gewaltexzess der drei Mädels gegen den Mann und Hazal schubst den Studenten auf die Bahngleise…

Im zweiten Teil des Romans finden wir Hazal, die aus Berlin geflohen ist, in Istanbul wieder, der angehimmelten Stadt ihrer Träume um Mehmet, die allerdings aus der Nähe betrachtet ein brutales Pflaster ist. Sie hat in der Wohnung von Mehmet, die dieser sich mit Halil, einem Studenten teilt, Unterschlupf gefunden. Ein Unterschlupf, der dreckig ist, der vergammelt ist und Mehmet, der Facebookprinz, entspricht dem. Wenn sie jeden Morgen seinen knochigen Körper auf sich spürt, macht sie gute Miene zum bösen Spiel und denkt sich, daß dies der Preis ist.

So wie sie in Deutschland ’nicht eingeladen‘ ist (um den Türsteher zu zitieren), so passt sie auch nicht in dieses Istanbul, in diese Türkei. Von den politischen Verhältnissen hat sie keine Ahnung, mit ihrem schlechten Türkisch, ohne Geld, mit der schmuddeligen Kleidung ist sie auch hier Aussenseiterin, als unverheiratete Frau mit zwei Männern in einer Wohnung prostituiert sie sich nach offizieller Lesart. Wenigstens wird ihr nach ein paar Tagen klar, daß Mehmet wenig mehr ist als ein Junkie und Zocker…

Auf einen verzweifelten Hilferuf hin eilt ihre Tante Semra zu ihr, die einzige Frau der Familie, die in Deutschland ‚angekommen‘ ist. Doch mit deren Rat kann Hazal nichts anfangen, Semras vernunftgesteuerte Ratschläge erreichen die emotional schwer verwundete Hazal nicht, diese ist noch zu sehr damit beschäftigt, ihre Tat vor sich selbst zu rechtfertigen. So flieht Hazal erneut, diesmal vor ihrer Tante, findet in einer Absteige ein Zimmer, für das sie putzt und sie versucht sich als Kellnerein, um ein wenig Geld zu verdienen.

Der Roman endet an dem ersten Tag, an dem sie kellnert, es ist auch der Tag des Putschversuches in der Türkei. Hazals weiteres Schicksal bleibt offen. Sie irrt auf der Straße herum, weil sie bei der Ausgangssperre Probleme hat, auf die andere Seite des Bosporus, in ihr Hotel zu kommen. Letztlich sucht sie Deckung in einem dornigen Gestrüpp am Wegrand und gibt sich Träumen hin…


Dabei handelt mein Buch einfach von Deutschtürken in Berlin. Wer da von Milieustudie schreibt, war offenbar noch nie in einem türkischen Wohnzimmer. Das finde ich schon ziemlich weird . So die Autorin in einem Interview, wobei sich diese Aussage auf den ersten Teil des Romans beschränkt, für den zweiten Teil stellt sie sich Kritikern jedoch ebenfalls entgegen: … kam der Vorwurf, ich hätte zu sehr versucht, politisches Zeitgeschehen reinzustecken. Aber wenn sich die Hauptfigur meines Buches 2016 in Istanbul bewegt? Klar spielt da Politik eine Rolle! Das war das Jahr des Putschversuchs und der Massenverhaftungen, das will und kann ich nicht aus meinem Roman raushalten. [2]

Mit diesem beiden Statements von Fatma Aydemir ist schon viel über den Roman gesagt und damit über die Lebenswirklichkeit vieler junger Türken (es ist mir nicht ganz klar geworden, ob Hazal die deutsche Staatsangehörigkeit hat oder nicht, prinzipiell wäre es bei ihrem Geburtsdatum, dem 25. Juni 1998 wohl möglich gewesen) in Deutschland: in einem Land, in dem sehr viele persönliche Freiheiten garantiert sind, leben sie, sofern die Familie die traditionellen Werte des Herkunftslandes aufrecht erhalten wollen, in einer Art Käfig, dessen Stäbe durch Verbote, Grenzen, Sanktionen (Strafen) gebildet werden. Es ist das traditionelle türkische Leben, das die Eltern aufrecht zu erhalten versuchen: der Sohn (hier Hazals jüngerer Bruder) ist der Stolz der Familie, selbst wenn er so ein ganz klein wenig schon auf der schiefen Bahn steht, bei der Tochter kommt es nur darauf an, deren Ehre zu schützen und im Zweifelsfall ist alles, was von der ‚Norm‘ abweicht, für die Ehre schädlich.

Damit wird das Mädchen in einer Situation groß, die der des Prometheus ähneln: angekettet an den Fels einer für sie im Grunde irrelevant gewordenen Tradition sieht sie die Früchte der Freiheit vor sich, aber will sie danach greifen, kommt der Wind und verweht den Ast, so daß sie unerreichbar werden… es kommt nicht von ungefähr, daß Hazal in ihrem jungen Leben schon zwei Suizidversuche vorgenommen hat, auch wenn diese nicht allzu konsequent durchgeführt worden, sondern eher als sehr laute Hilferufe zu verstehen waren, eine Hilfe, die sie im übrigen nie bekam. Diese ihr innewohnende, gegen sich selbst gerichtete Aggression tritt in diesem fatalen Moment, in dem noch der Alkohol und die öffentliche Demütigung ihre Wirkung verstärkten, nach außen hin in Erscheinung, findet ihr Opfer in dem jungen Mann.

Ihre Flucht nach Istanbul endet dort nicht, sie geht dort weiter, denn auch dort ist sie unangepasst, gehört nirgends dazu. Jeder Schritt ausserhalb ihres Verstecks weckt in ihr die Angst, entdeckt zu werden. Von den politischen Zuständen hat sie keine Ahnung, sie wird aber recht schnell und brutal mit ihnen konfrontiert. Schließlich bleibt ihr als einziger Halt sie selbst, die Überzeugung, die sie aufrecht erhalten muss, daß er es verdient hat.

Es ist also die Frage der Identität dieser/vieler junger ‚Deutschtürken‘ (wie ich sie nennen möchte, weil ich diesen Begriff heute gerade in einem Aufsatz so gelesen habe), die im Hintergrund des Einzelschicksals lauert. In Deutschland fremdeln sie, fühlen sich (und dies trifft sicher auch häufig zu) nicht willkommen – zwei Seiten einer Medaille, die sich gegenseitig verstärken. In der Türkei jedoch sind sie auch fremd, werden nicht mehr als Türken wahrgenommen, die Sprache schon ist anders, zuviel auch haben sie unbewusst vom fremden Land, in dem sie leben, an Verhaltensweisen übernommen, zu wenig wissen sie noch vom Land ihrer Eltern – so daß letztendlich auch sie sich dort fremd fühlen. All das ist keine neue Erkenntnis, das ist bekannt und tausendfach diskutiert – und trotzdem immer wieder, immer noch aktuell. Den Königsweg, dieses Problem mangelnder Integration zu lösen, gibt es nicht, aber eins ist sicher: auf beiden Seiten muss der Wille zu integrieren und sich zu integrieren, vorhanden sein [vgl. 3].

Eine Schlüsselstelle des Romans ist sicherlich das Gespräch zwischen Hazal und Semra in Istanbul. Semra versucht Hazal klar zu machen, daß sie als Freundin gekommen ist, ihr zu helfen, sie will erst einmal erfahren, was überhaupt passiert ist, versucht auch, in Hazal die Erinnerung an das zu wecken, was sie sich früher einmal als Ziel, als Wunsch für ihr Leben vorgestellt hat. Damit kommt sie nicht weit, denn Hazal hat resigniert, die Mauern, die sie um sich herum sieht, scheinen unüberwindlich, sie hat ihr Leben im Grunde, jetzt, nach dem Tod des Studenten, abgeschrieben: … Ich habe immer nur Dinge gemacht, auf die ich keinen Bock hatte, Ich mache nur Dinge, die mir irgendwer befiehlt. Meinst du, ich suche mir das selbst aus? Und jetzt…. …nach dieser ganzen Sache…


Ellbogen entwirft ein düsteres Bild, das leider vieles, was man als Vorurteil über türkische Familien hört und möglicherweise auch selber pflegt, bestätigt. In einer deprimierenden Abwärtsschleife weist der Roman keinen Ausweg aus dem Dilemma von Integration und Traditionskonservierung, denn wenn man schon die türkischen Eltern von ihren Traditionen nicht abbringen kann, sind die Kinder, die zwischen zwei Welten stehen, das schwächste Glied und ausgerechnet das müsste die eigenen Interessen energisch vertreten. Hazal tut einem leid, ein intelligentes Mädchen, das ihre Situation klar reflektieren kann und das unter ihr leidet, das jedoch derart halt- und orientierlungslos ist, daß sie nicht in der Lage ist, die Hilfe, die ihr angeboten wird, anzunehmen.

Im zweiten Teil des Buches läßt Aydemir ihre Handlung vor dem Hintergrund der gewalttätigen politischen Situation in der Türkei spielen. Der unerklärte Krieg gegen die Kurden, Polizeiwillkür, am Schluß der Putschversuch: all das zusätzliche Angstfaktoren für Hazal, denen sie weitgehend hilflos ausgeliefert ist, die Autorin gönnt ihrer ‚Heldin‘ keine Verschnaufpause…

Auch sprachlich hat mich der aus der Perspektive von Hazal als Ich-Erzählerin verfasste Roman überzeugt. Er ist in einem weitgehend nüchtern Ton geschrieben, gewinnt zusätzliche Authentizität durch die zum (ersten) Teil recht vulgären Begriffe, mit denen sich die Mädchen verständigen (von unterhalten will ich jetzt bewusst nicht reden). Vielleicht ist dieser Gebrauch von ‚F-Wörtern‘ eine der wenigen Freiheiten, die sie haben, die Regeln zu ignorieren…

Ellbogen: ein sehr gelungener, kraftvoller, düsterer Roman aus der Lebenswelt junger ‚Deutschtürkinnen‘.

Links und Anmerkungen:

[1] die Wiki zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Fatma_Aydemir
[2] ZEIT Campus: Beim Schreiben bist du Gott; http://www.zeit.de/campus/2017/06/junge-literatur-schrift-autoren
[3] Unter diesem Aspekt dieser Aufruf von Murat Kurnaz interessant: Murat Kurnaz: Ihr habt alle Chancen!,  in:
http://www.zeit.de/2017/42/integration-guantanamo-sozialarbeit-fluechtlinge/komplettansicht (11. Oktober 2017)

Fatma Aydemir
Ellbogen
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca.270 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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