Thomas Achenbach: Männer trauern anders

Männer sind anders und Frauen auch – dieser lockere Spruch hat ja auch irgendwo seine Berechtigung und er bezieht sich auf alle Lebensbereiche. Daß sie auch in der Trauer, der Reaktion also auf eine Verlusterfahrung, anders sind, gehört dazu und ist, wenn man dies einmal durchlebt oder mit erlebt hat, nicht fremd. Thomas Achenbach [https://trauer-ist-leben.blogspot.com/p/uber-mich.html], Trauerbegleiter aus Osnabrück, Redakteur und Blogger [https://trauer-ist-leben.blogspot.com], hat sich dieses Themas in dem vorliegendem Büchlein angenommen.

Trauer, so schreibt Achenbach, ist ein Prozess, Trauer ist eine natürliche und gesunde Reaktion, Trauer gehört zum Leben dazu wie die Liebe und die Leidenschaft. Trauer tritt ein als Folge einer Verlusterfahrung, somit ist im Grunde das gesamte Leben eines Menschen eine Abfolge von (verschieden stark ausgeprägten) Trauerprozessen, denn schon mit der Geburt verlieren wir die warme Heimstatt des Mutterleibes, später dann die Lieblingspuppe oder das Lieblingsspielzeug, ein Haustier stirbt und wird betrauert, die alte Oma verläßt einen ebenso wie die erste Liebe in die Brüche geht: Trauer gehört zum Leben dazu und wir haben die Ressourcen, damit umzugehen.

Bei der Trauer, um die es in diesem Buch geht, handelt es sich natürlich um die schwersten Verlusterfahrungen, die ein Mensch (ein Mann) machen kann: die Partnerin oder das Kind stirbt (vom Sterben der Eltern ist weniger die Rede). Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob es ein Tod ist, auf den man sich „vorbereiten“ konnte, weil eine schwere Krankheit ihn als wahrscheinlich an den Horizont zeichnete oder ob er plötzlich und unerwartet zum Beispiel als Folge eines Unfalls eintrat: der tatsächlich, der real eingetretene Verlust wirft das Leben aus seiner Bahn, man fühlt sich ins Bodenlose fallen, Zeit und Raum scheinen aufgehoben…

Selbstverständlich sind die grundlegenden Gefühle von Männern und Frauen identisch: Wut, Zorn, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit… all dieses Panorama dunkler Gefühle. Was sich unterscheidet, ist die Art und Weise, wie diese Gefühle sich zeigen (oder eben auch nicht, weil sie unterdrückt werden) und wie Männer damit umgeht bzw. wie Andere darauf reagieren (können).

So sind Frauen viel kommunikativer und suchen eher die Gemeinschaft. Trauercafes oder Trauerspaziergänge sind vorwiegend Veranstaltungen (typischerweise meist von Frauen) für Frauen – Männer sieht man dort selten. Ein Stuhlkreis mit einer kunstvoll arrangierten Mitte aus Schleiertüchern, Kerzen und Bildern spricht die meisten Männern nicht an, möglicherweise ist für diese eher eine Veranstaltung, bei der unterdrückte Gefühle sozialverträglich nach außen gebracht werden können (Rockkonzert, Fussballspiel) eher geeignet, um dann im Nachhinein möglicherweise noch ein paar Worte zu finden.

Das soziale Netz, so betont Achenbach, ist bei Männern meist dünn gewebt. Stirbt die Frau, besteht die Gefahr der Vereinsamung, denn sehr häufig ist es die Frau, die dafür sorgt, daß ein soziales Netz aufrecht gehalten wird. Gefährlich kann es werden, wenn die Einsamkeit (der ein trauernder Mensch sowieso leicht ausgesetzt ist, da er oft von anderen – und sei es nur aus Unsicherheit – gemieden wird) dazu führt, daß der Mann sich abhängig macht – von Alkohol, von exzessivem Sport, von Drogen…

Eine weitere Gefahr besteht nach Achenbach darin, daß die Trauer (gesunde Reaktion des Menschen auf einen Verlust) möglicherweise in eine Depression (eine Krankheit) übergeht. Dies zu erkennen ist schwierig, denn man kann zwar allgemein sagen, daß eine Trauer durch einen Überschwang diverser Gefühle charakterisiert ist, eine Depression eher durch Gefühlsarmut und Abwesenheit, es gibt jedoch auch Männer, bei denen sich Depressionen in aggressiven, lauten Handlungen äußert. Bei älteren Witwern (> 65 Jahre) wird sogar eine gegenüber der Kontrollgruppe erhöhte Suizidrate beobachtet.

Wo Frauen erzählen, schweigen Männer eher und fressen Kummer in sich hinein. Als Begleiter muss man darum wissen, um das aushalten können. Ich kenne es aus eigener Erfahrung durch meine Besuche auf einer Palliativstation: Ein nach minutenlangem Nebeneinandersitzen von mir geäußertes „Ganz schöner Mist, das alles!“ ruft fast immer zustimmendes Nicken hervor und seltsamerweise habe ich persönlich auch das Gefühl, das damit eigentlich schon alles gesagt ist. Meist wird dann wieder zur ‚Tagesordnung‘ übergegangen und ein Alltagsthema angerissen… Jedoch können auch zur Schau getragene Verhaltensweisen auftreten: ‚Zynismus, vermeintliche Abgeklärtheit oder ironische Bissigkeit.‘

Für das Gespräch mit Männer, so Achenbach, ist das Setting wichtig, die Auswahl des Ortes und der Umgebung. Nebeneinander ist günstiger als frontal, im Auto fallen Schweigephasen nicht so auf, außerdem kann der Trauernde als Fahrer permanente Handlungskompetenz beweisen, was ihm gut tut. Bei Wanderungen in der freien Natur wird partielle Schweigsamkeit ebenfalls nicht als belastend empfunden, auch hier wird die frontale Perspektive vermieden. Bewegung tut prinzipiell gut, man kann sich abreagieren und (z.B. beim Sport) auch ‚beweisen‘.

Es geht also darum, Männern den Zugang zu ihren eigenen Gefühlen zu öffnen. Musik ist ein probates Mittel dazu, der Besuch von Konzerten, bei denen man sich auch körperlich austoben kann, bei denen man sich in den Texten, in der Art der Musik wiederfindet, können sehr erfolgreich dabei sein. Viele Musiker haben eigene Trauererfahrungen in ihre Musik eingebracht, man denke nur an Eric Clapton mit seinem Tears in Heaven [https://www.youtube.com/watch?v=JxPj3GAYYZ0]. Aber auch auf Opern verweist Achenbach, die durch Handlung und Musik emotional auf Menschen einwirken und so befreiend wirken können.

Wichtig ist dem Autoren auch die Beziehung zwischen Trauer und Arbeit, denn  der Trauernde ist zwar nicht krank, aber möglicherweise arbeitsunfähig. Ebenso empfiehlt Achenbach Betrieben, im Rahmen des BGM (Betrieblichen Gesundheitsmanagements) ein Procedere zu entwickeln, wie man von Betriebsseite aus mit Trauernden umgehen kann, denn anfängliches Verständnis für die schwierige Situation schlägt nach ein paar Wochen oft in Unverständnis über: Jetzt ist es aber mal genug….


Achenbachs Ausführungen zeugen von der Praxisnähe, die er als Trauerbegleiter hat. Es ist lebensnah geschrieben, seine Sprache orientiert sich ein wenig am Sprechen von Menschen. Dabei kommt es zu durchaus komisch anmutenden Äußerungen, wenn er beispielsweise bei auftretenden Flashbacks … die Flucht … auf eine öffentliche Toilette (ein Ort, an dem ich persönlich eher die Luft anhalte…) empfiehlt, ...um erst einmal wieder tief durchatmen zu können [S. 81]. In gleicher Weise mutet die sprachliche Verknüpfung von Suizid und ‚erfolgreich‘ [S. 10] seltsam an. Als letztes Beispiel für einen formulierungsmäßigen Stolperstein [ab S. 68] sei der unvermittelte Gebrauch des Wortes ‚Trauerkrise‘ genannt, ein Terminus, der nirgends definiert wird, insbesondere nicht in seinem Verhältnis zur Trauer, die ja – siehe oben – als eine natürliche und gesunde Reaktion zum Leben gehört und damit im Grunde keine Krise sein kann.

Schreibt man über Geschlechtsspezifisches, wie es Achenbach hier gemacht hat, so – dies betont der Autor ausdrücklich – bewegt man sich immer in der Nähe des Klischees, was wohl auch nicht verwunderlich ist, denn das Klischee bildet sich ja aus dem, was das tägliche Leben an Erlebnissen bietet, erst heraus. So redet Achenbach selbst beispielsweise vom männlichen Weg ins Innenleben [S. 9], wo doch im Begriff ‚männlich‘ eben nicht nur das zum Mann Gehörige, sondern noch weitere Bedeutungsebenen mitschwingen, die mit dem Begriff des ‚Männlichen‘ verknüpft sind. Sicherlich hat der Autor mit seiner Analyse recht, daß auf Männer bezogene Erkenntnisse und Wissen bezüglich einer geschlechtsspezifischen Ausformung von Trauer und einer darauf aufbauenden Trauerbegleitung kaum vorhanden sind. Ableitungen aus Untersuchen, die sich auf Verhalten, Gesundheit und Rollenbilder nicht in Trauersituationen befindlicher Männer beziehen, sind spekulativ und müssen sich in der täglichen Praxis (Erfolg und Irrtum) erst bewähren. Wobei man wohl auch nicht alle Männer über einen Kamm scheren darf, es gibt schließlich auch Männer, die sich in weiblich dominierten Stuhlkreisen durchaus wohl‘ fühlen…

Bücher oder Ausführungen über Trauer sind häufig von den schwierigen Seiten dieses Gefühls geprägt, das trifft auch auf Achenbachs Büchlein zu. Es wird eher betont, daß die Trauer noch nach Jahren wieder zuschlagen kann, daß Flashbacks einen unvermutet anfallen können, daß Trauer sozusagen eine never ending story sein kann. Sicherlich ist das möglich. Aber Trauer gehört, wie Achenbach selbst festgehalten hat, zum Leben, damit haben wir normalerweise die Ressourcen, damit umzugehen. Der erlittene Verlust wird fühlbar bleiben, aber der Schmerz darüber wird anders, und irgendwann hat man ihn in sein Leben eingebaut und gelernt damit umzugehen, so daß ein normales Leben wieder möglich ist – und das sogar in einer überschaubaren Zeitspanne. Dabei können, hierzu finden sich Ratschläge im Buch, andere helfen. Ein die Bedürfnisse des Trauernden akzeptierender Freundes- und Bekanntenkreis natürlich, aber auch Trauerbegleiter, Psychologen und/oder Coaches. Sollte sich die Trauer verfestigen oder in eine Depression wandeln, dann ist professionelle Hilfe anzuraten!

Daß Frauen und Männer auf unterschiedliche Art und Weise trauern, weiß man und man merkt es auch, wenn man als Aussenstehender mit einer solchen Situation konfrontiert ist. Gesicherte wisschenschaftliche Erkenntnisse darüber gibt es wenig, Achenbach berichtet vorwiegend aus seiner praktischen Erfahrung als Trauerbegleiter. Die aus dieser Praxisnähe abgeleiteten Folgerungen sind jedenfalls eine gute Basis, um auf die Besonderheiten der Trauer von Männern eingehen zu können. Männer trauern anders ist damit als Sammlung vieler praktischer Ratschläge eine Fundgrube für jeden, der mit Männertrauer zu tun hat, ich möchte sogar sagen, ebenso für diejenigen, die mit der sozusagen vorgezogenen Trauersituation lebensbegrenzt erkrankter Männer über den zu erwartenden Verlust des eigenen Lebens umgehen müssen bzw. wollen. Eine Sammlung zitierter Literatur rundet den Inhalt des Buches zusätzlich ab.

Thomas Achenbach
Männer trauern anders
diese Ausgabe: Patmos, Softcover, ca. 160 S., 2019

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Weitere Bücher (Sachbücher, Belletristik) zum Themenkreis „Krankheit, Sterben, Tod, Trauer“ finden sich hier: https://radiergummi.wordpress.com/category/krankheitsterbentodtrauer/

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