Anna Gien / Marlene Stark: M

Mit ihrer Interpretation, „M“ stünde in Erinnerung an Catherine Millets Ausführungen über ihr sexuelles Leben [https://radiergummi.wordpress.com/2008/07/06/catherine-millet-das-sexuelle-leben-der-catherine-m/] steht Iris Radisch ziemlich allein da [Iris Radisch: Lieber peinlich als männlich; in: ZEIT-Literatur, Beilage zur Leipziger Buchmesse, März 2019]. Die meisten derjenigen, die über das vorliegende Buch des Autorinnenpaares Gien/Stark schreiben, betonen eher, daß das „M“ auch der Anfangsbuchstabe des Vornamens Marlene sein könnte, finden sich doch in der Geschichte genügend Analoga, die als autobiografische Elemente deutbar sein könnten. Außerdem, so meine Vermutung, weckt das Autobiografische – auch wenn nur angenommen – den Voyeur im Leser (m, w, d), denn dieser in der Kunst-/Künstler-/Künsterlinnenszene Berlins angesiedelte Roman spart gewisse Details nicht aus. Daß in den entsprechenden Rezensionen zum Buch auf die Autorin Anna Gien [https://www.matthes-seitz-berlin.de/autor/anna-gien.html] kaum eingegangen wird, läßt sich ebenfalls in diesem Sinn erklären. Zudem wird M das Etikett des Feministischen zugebilligt, aber dazu mögen sich andere dezidierter äußern.

M ist nicht nur der Titel des Romans, sondern auch die Bezeichnung, mit der die Protagonistin auftritt. Überhaupt werden alle weiblichen Figuren nur mit einem großen Buchstaben anstatt Namen (M,O,J,D) versehen, Z ist eine spät erscheinende Ausnahme, die Männer dagegen tragen normale Vornamen. M jedenfalls ist eine ca dreißigjährige Künstlerin, geboren in einer vor Normalität berstenden Provinz namens Ingolstadt, jetzt in Berlin Neukölln lebend und arbeitend. Sie hat Kunst studiert, sich aber nie hochgeschlafen, wie es (den Anzeigen am Schwarzen Brett nach) wohl nicht ungewöhnlich war. Die Ausstellungen und Verkäufe, die sie hatte (die Berichte darüber hütete die Mutter in der Heimat wie kleine Schätze, zumindest eine zeitlang…) hatte sie sich erarbeitet bzw. auch der Bekanntheit ihres Professors zu verdanken. War sie mal verheiratet? An einer kurzen Stelle wird ein Telefonat mit dem Ex beschrieben und „den“ Kindern im Hintergrund…. Egal.

Sie lebt in Neukölln, arbeitet nebenher als DJane, Alk und andere Drogen gehören zum Geschäft. Die Clubs, in den sie auflegt, gehören nicht unbedingt alle zur hygienischen Elite, es sind verdreckte Löcher, die in keinem Reiseführer auftauchen, in denen sozusagen Schweiß, Blut und Tränen das Olfaktorische zum wummernden Beat liefern. Auf den Klos bläst nicht nur der Wind und nachher läuft das Sperma auf der Kleidung herunter, Männer treten im Wesentlichen als Schwanzträger auf.

Oder als Galerist, dem M per umgeschnallten Strap-On einen Plastikschwanz in die hintere Körperöffnung rammt, bis das per Handpumpe ausgestoßenne Kunstsperma sie mit weißlicher Flüssigkeit überschwemmt und er glücklich ist. So glücklich, daß er M letztlich eine große Ausstellung in einer wirklichen Galerie, nicht in einem der üblichen Hinterhofladen, organisiert. Und dabei dann doch wieder das letzte Wort behält…

Weihnachten – soviel Konvention ist noch – fährt M zu den Eltern, wählt den Zug, der am Heilig Abend erst dann in Ingolstadt einläuft, wenn der Familienteil mit Bescherung und Essen schon gelaufen ist. Die lange Zugfahrt gibt Gelegenheit zur (Selbst)Reflexion, zum Vergleich: Wenn man keine Tupperdose hat, keine Foliensträhnchen, keinen Aktenkoffer, kein Großraumbüro, keine Zweizimmerwohnung im Prenzlauer Berg, kein Neubauhaus in Dillingen, keine Wachsjacke, kein Stipendium und keine Galerie, welche Erzählung bleibt dann noch? Das ist die Frage… und M beantwortet sie für sich damit, daß sie später am Abend in ihrem Jugendzimmer Cybersex mit Tim hat, und zwar so laut, daß die Eltern im Nebenzimmer stundenlang zuhören können, nein: müssen, bis sie ihre Tochter endlich um Ruhe bitten.

M, was bist du für eine Frau? Du benimmst dich wie ein Kind. Igor frag es kopfschüttelnd, in Israel, wo M Escort macht, nachdem für ihre Mutter das nächtliche Sexgedingse offensichtlich ein grundsätzlicher Indikator für ein Prostituiertendasein ist. angesehen hat. Aber mit Igor klappt es nicht, sie flieht und trifft auf den zum Hinknien schönen Tal, der ihr Unterkunft bietet und dafür sorgt, dass Hintern und Brüste blaue Flecken bekommen, ihr Körper rote Schürfwunden zeigt. Aber es tat gut, sie überließ sich ihm, fiel grenzenlos, war erregt und genoß es… und es war abstoßend. Nur ein Abgrund , in den sie sah, kein Fangnetz.

Wenn man darüber nachdenkt, ist es irgendwie traurig,
dass man keine eigene Sprache für seine eigenen Perversionen finden muss.
Müssten wir das tun, eigene Worte suchen für unsere Lust,
sie beschreiben oder sie überhaupt erst erkunden und empfinden,
sähe unser Sex vielleicht ganz anders aus. 

Und das hier ist mein Skript. Gruppensex unter der Anleitung von M, die nicht mehr selbst zu vögeln braucht, sondern vögeln läßt. Sex als Installation, als Kunstwerk, als von M choreografierte Performance: hier hat sie die Fäden in der Hand und schwebt über der Szenerie: Ich setze mich aufs Sofa, kuschle mich in den Mantel, schaue ein bisschen zu und drehe dabei Zigaretten für später. Es ist im Grunde die gleiche Situation wie beim Auflegen in den Clubs, sie arrangiert, puscht die Menschen, steuert sie und geniesst dabei das Zuschauen bzw. -hören und das Machtgefühl, das ihr ihre Funktion in diesem Spiel gibt.

Und immer immer wieder rumpelt der Rollkoffer übers Berliner Kopfsteinpflaster… Ist das Auftauchen von Z ein Fingerzeig dafür, daß aus diesem Hamsterrad, in dem das Leben nicht nur von M verläuft, ein Entkommen ist? Mit Z taucht zum ersten Mal so etwas wie Gefühle auf, er (!) wirkt wie ein zugeworfener Anker, an dem sich M herausziehen kann…


M ist episodenhaft in der Ich-Form erzählt. Bei mir zuhause gibt es hinten im Grünbereich ein in die Erde eingelassenes dickes Rohr, in dem Grundwasser steht, das man abpumpen kann. Ab und an fällt ein Frosch oder eine Kröte in dieses Rohr und kämpft dann einfach nur darum, nicht unterzugehen. An dieses Strampeln erinnert mich auch der Roman von Gien und Stark: Eine Perspektive für ihre Protagonisten ist kaum zu erkennen, ob Z, der gegen Schluss auftritt, sie aus dieser Endlosschleife aus Sex, DJane-sein und (Galeristen)vögeln befreien kann oder überhaupt will, ist spekulativ. Es ist ein seltsames Milieu, das Gien/Stark beschreiben, eine ich sich geschlossene Welt voller Sarkasmus und Zynismus, in der Sex, Drogen und die angesagte Musik die beherrschende Kommunikationsform sind. Der Gegenentwurf dazu ist Welt, in der Ms Mutter groß geworden ist: Für sie bedeutete Feminismus, alles schaffen zu können, wenn man es nur will. Alles bedeutet Arbeit, Haushalt, Familie. …, eine Welt, in der sich M, die sich früher Jürgen nennen ließ und nur unter Zwang in ein Kleid stieg, schnell als Sonderling zeigte, als Mensch, der immer irgendwie dazwischen war, zwischen Jürgen und M, zwischen Kind und Frau… Daraus hatte M, die auf der Zugfahrt nach Hause mit selbstgeschnittenen Haaren, türkisen Fingernäglen, fahler Haut und Augenringen im Abteil hockt, sich zwar befreit, aber gleichzeitig entlarvt sie dieses Anderssein: In den verrauchten Bars in Neukölln dagegen war man anders, so anders, dass man gleich war, vielleicht genauso gleich wie die Kleinfamilien in ihren Fertighäusern. 

Warum wir junge Feministinnen den Spieß umdrehen und hemmungslos sexistisch sprechen und schreiben.
[Anna Gien: Eine Margharita aus Männerblut; DIE ZEIT 17/2019, S. 38]

Der Roman enthält zahlreiche explizit geschilderte Sexszenen, die Aneignung sexistischer Sprache, in der dies erfolgt, ist als ein Akt der Gegenwehr zu lesen. Als Feministinnen bedienen sich Gien und Stark sprachlicher Gewalt, nicht nur, weil sie nicht mehr ihre Opfer sein wollen, sondern, weil sie sich zumuten können und wollen, Täterinnen zu sein [zitiert nach Anna Gien, a.a.O]. Es ist folgerichtig kein Blümchensex, der da getrieben wird, es ist Sex, der losgelöst von Gefühlen betrieben wird, man vögelt, weil einem danach ist, mit wem, scheint fast beliebig, sobald er/sie nur zum eigenen Soziotop gehört. Konsequent reduzieren die Autorinnen ihre männlichen Figuren im Wesentlichen auf diesen Aspekt, was darüber hinausreicht, bleibt blass und unklar. Trotzdem sind es die Männer, die in der Szene das Sagen haben, die die Galerien betreiben und die damit das potentielle Tor für den Erfolg sind… Die Frauenfiguren haben mehr Substanz, ihnen billigen Gien/Stark eine gewisse Individualität zu – und verstecken sie gleichzeitig im Anonymen, in dem sie ihnen (im Gegensatz zu den männlichen Figuren) nur mit Initialen benennen.

In einigen/vielen Passagen lassen die Autorinnen über Berlin und die Berliner/Neuköllner Kunstszene aus, hier mag der eine oder andere, der dazu mehr Bezug hat als ich, einiges für sich entdecken. Mir, soweit weg von Berlin, ist das einfach nur fremd und – auch das – seltsam. Womit ich zum Schluss kommen will, der mir nicht ganz leicht fällt, zu widersprüchlich wirkt das Gelesene in mir nach. Einerseits waren mir sowohl Szenerie als auch Erzählerin fremd und keineswegs sympathisch, daß die Mutter irgendwann die Zeitungsausschnitte von den kleinen Erfolgen ihrer Tochter wieder abgehängt hatte, konnte ich gut nachvollziehen. Andererseits hat die Geschichte dann doch einen gewissen Reiz ausgeübt, weil ich einfach lesen wollte, ob M z.B. durch die Ausstellung die Chance bekommen hat, aus ihrer Tretmühle herauszukommen. Was unklar geblieben ist… ebenso wie mein persönlicher Eindruck vom Werk der beiden Autorinnen.

Ach ja, fast hätte ich es vergessen, wäre schade gewesen: der Roman liefert dem Leser/der Leserin eine ziemlich umfangreiche Playlist gratis mit….

Anna Gien / Marlene Stark
M
diese Ausgabe: Matthes & Seitz, HC, ca. 250 S., 2019

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