Joseph Conrad: Herz der Finsternis

Joseph Conrads Roman „Das Herz der Finsternis“ wurde 1899 veröffentlicht. Er führt uns historisch gesehen in eine Epoche zurück, in der viele der heute noch in Afrika schwelenden oder offenen Konflikte ihren Grundstein haben: es ist die Zeit der Kolonisation Afrikas durch europäische Mächte. Der 1899 erstveröffentlichte Roman spielt im Kongo, im Herzen Afrikas, Conrad kannte diese Region aus eigener Erfahrung, als Kapitän eines Flussdampfers befuhr er diesen riesigen Fluss und erkrankte während dieser Fahrt – Handlungslemente, die sich in seinem Roman wiederfinden. Das Land Kongo selbst war zu dieser Zeit durch eine leicht zu durchschauendes Firmenkonstrukt mehr schlecht als recht verborgen quasi Privatbesitz des belgischen Königs, so wie es auf der von Otto von Bismarck in Berlin 1884 veranstalteten Kongo-Konferenz festgelegt worden war. [https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Demokratischen_Republik_Kongo#Kongo-Freistaat; etwas kürzer und zusammengefasst: https://www.planet-wissen.de/kultur/westeuropa/….]. Auch wenn Leopold II Missionschulen und ähnliche Einrichtungen gründete, kam es ihm weniger auf die Weiterentwicklung des Landes an als vielmehr darauf, es auszuplündern. Auch davon handelt der Roman. Das Herz der Finsternis ist nicht nur ein Bild für das innere Unbekannte des riesigen, „dunklen“ Landes, es ist auch eine Metapher für die Abgründe der Kolonisation, bei der die Europäer die Einheimischen gnadenlos unterdrückten und ausrotteten.

Eingebunden ist dieser Inhalt in eine weitgehend nebensächliche Rahmenhandlung. An der Themsemündung sitzen einige Männer auf einer Yacht und vertreiben sich die Zeit. Unter ihnen Marlow, der früher Seemann war und ins Erzählen kommt über eine Episode in seinem Leben, die ihn tief prägte.

Die Vorgeschichte sei dahingestellt, jedenfalls konnte Marlow, ein Engländer, bei einer belgischen Reederei als Kapitän eines Flussdampfers auf dem Kongo anheuern. Schon die Seefahrt entlang der afrikanischen Küste zeigt ihm ein abweisendes Land, undurchdringlich und feindselig scheinen die dunklen Wälder, die die Strände säumen. Am Ziel, der Station, angekommen muss er erst einmal das Wrack, das sein Schiff werden sollte, reparieren und wieder flusstüchtig machen, eine zeit- und nervenaufreibende Tätigkeit, denn die Stationen der Gesellschaft zeichnen sich durch Desorganisation aus. Immer wieder jedoch hört er in dieser Zeit von einem geheimnisvollen Mann names Kurtz, der die Niederlassung im Inneren des Landes leitet und mehr Elfenbein schickt als die anderen Agenten zusammen. Charismatisch muss dieser Mann sein, mit einer großen Begabung als Redner versehen, aber auch eigenwillig und nicht zu steuern. Immer stärker gerätt Marlow in den Bann dieses ihm doch persönlich unbekannten Fremden.

Marlow, der Direktor der Station, einge Weiße und auch Einheimische („Kannibalen“) schleichen schließlich einem dicken, fetten Käfer nicht unähnlich, mit dem reparierten Dampfer den Fluss hoch, den riesigen Fluss, der sich durch die dichten, dunklen Wälder schlängelt. Untiefen bedrohen sie, Sandbänke und treibende Baumstämme, je weiter sie ins Innere vordringen, desto unverständlicher und bedrohlicher wirkt das Ufer, der dichte Wald, das ganze Land, auf Marlow, letztlich weiß er nur noch, daß dieses blickdichte Geheimnis des Waldes Elfenbein birgt und daß Kurtz dort lebt. Blickdicht – von außen gesehen, doch fühlt Marlow, daß der Wald Augen hat, die sie verfolgen, daß sich dort Gesichter verbergen, daß Einheimische zu beobachten und unerkannt begleiten.

Sie stoßen auf eine Hütte, in der sie eine Warnung vorfinden, offenbar an sie gerichtet, sie sollen vorsichtig sein. Und tatsächlich werden sie bald von Einheimischen angegriffen, doch sie können den Angriff abwehren, weniger durch die unkontrolliert abgefeuerte Büchsen der Weißen als vielmehr durch das alles durchdringende Heulen des Schiffshorns, das Marlow betätigt.

Sie erreichen schließlich die Station, auf der sie Kurtz finden, todkrank und siech, zum Skelett abgemagert. Marlow kommt mit einem jungen russischen Abenteurer ins Gespräch, der ihnen auch die Warnung hinterlassen hatte. Dieser hatte sich Kurtz angeschlossen, weil er ihn bewunderte, mit Befremden jedoch erzählt er Marlow davon, wie Kurtz bei den Eingeborenen einen Kult um sich herum aufbaute und sich verehren ließ. Schon Monate liege er jetzt jedoch ohne Medizin in der Station.

Kurtz hat den Tod vor Augen und stirbt auf der Rückreise in Richtung Station einen schweren Tod. Plagen ihn die Erinnerungen? „Das Grauen. Das Grauen“ sind seine letzten Worte. Doch auch Marlow wird auf der Rückreise fieberkrank und kommt erst wieder in der Stadt seiner Auftraggeber zur Besinnung, ein Ort, der ihn an eine weiße Gruft erinnert. Mit einem Packen von Briefen, die ihm Kurtz anvertraut hatte, besucht er dessen Verlobte („Zukünftige“) und tröstet sie mit der Unwahrheit, das letzte Wort Kurtzens wäre ihr Name gewesen…


Conrad schafft mit seinem Roman ein bedrückendes Zeitzeugnis der Ausbeutung eines Kontinents, die auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt. Die in diese Welt eindringenden Europäer waren den Eingeborenen in fast allen Belangen überlegen, einzig mit den Lebensbedingungen hatten sie ihre Probleme, sie erkrankten schnell, viele starben am Fieber. Aber durch ihre Skrupellosigkeit und ihre Waffentechnik gelang es ihnen sehr schnell, das Land zu erobern. Sinnbildlich dafür steht die Figur des geheimnisvollen Kurtz, der einerseits so viel Elfenbein an die Gesellschaft liefert wie sonst niemand, der andererseits aber auch der Verlockung unterliegt, zum Idol, zum Mittelpunkt eines Kultes zu werden. Es scheint für ihn folgerichtig, daß er als Europäer den Eingeborenen überlegen und daher sozusagen anbetungswürdig ist.

Man fühlt sich den Eingeborenen gegenüber überlegen und hat doch Angst vor ihnen. Man versteht ihre Riten nicht, weiß nicht, was die fremden Geräusche der Trommeln, die durch den Urwald schallen, bedeuten. Durch sie scheint der finstere, undurchdringlich wirkende Wald an den Flussufern Augen bekommen zu haben, denn das Gefühl, beobachtet und am Ufer begleitet zu werden, verläßt die Gesellschaft auf dem Dampfer nie.

Die Ausbeutung selbst durch die Gesellschaft ist zudem miserabel organisiert. Der kaputte Flussdampfer, die schwierige Reparatur aufgrund der fehlenden Nieten, dies alles spricht gegen die Vermutung, hier wäre mit System und Organisation vorgegangen worden. Trotz dieser schlechten Organisation war das Ausbeuten des Landes, dieser einzige große Raubzug, das vordringliche Ziel der Belgier im Kongo, wie es Conrad ein Jahrzehnt, bevor er diesen Roman (als Traumabewältigung?) schrieb, selbst erlebt hatte. In Kurtz, der eher als Projektionsfigur denn als herausgearbeiteter Charakter im Buch dargestellt ist, symbolisiert sich diese Fremdherrschaft: zwar schildert der Autor dessen Machtausübung nicht en Detail, aber er gibt der Fantasie des Lesers genügend Anhalt, sich das Dunkel von Kurtz Herrschaft vorzustellen, das nur auf die Befriedigung diverser Triebe ausgerichtet zu sein scheint.

Das Herz der Finsternis ist eine Art Dystopie, eine Reise in eine Welt, die dem Untergang geweiht ist, weil ein machtgieriger, unersättlicher Fremder sich ihres Reichtums bemächtigen will. Das dieser Mensch dabei selber untergeht, mag als Mahnung verstanden werden…

Joseph Conrad
Herz der Finsternis
Übersetzt aus dem Englischen von Urs Widmer
Originalausgabe: Heart of Darkness, 1899 (Blackwood’s Magazine) bzw. 1902 (Buchausgabe); London
diese Ausgabe: Süddeutsche Zeitung Bibliothek Bd. 20, HC, ca. 124 S., 2004

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