Rosamund Young: Das geheime Leben der Kühe

Rosamund Young gehört zu den Pionierinnen der britischen Ökoszene, schon seit Jahrzehnten betreibt sie in den Cotswolds im Herzen Englands eine Farm, viel Zeit und Erfahrung also für den Umgang mit Nutztieren. Die da sind ihre Rinder, Schafe, Schweine und auch Kühe. In diesem Buch hält Young ihre Beobachtungen fest und erzählt uns davon.

Young ist eine gute Beobachterin, die ihre Tiere von Herzen liebt. Diese sind für sie keine biologischen Maschinen, die Grün- und anderes Futter in Milch, Fleisch oder Eier umwandeln, sondern Individuen mit Charakteren, die sich sehr unterscheiden können. Das alles kann man als Tierhalter (ich habe selbst seit vielen Jahrzehnten Schafe, auch Hühner zählen zur Familie) bestätigen, allein der ausufernde Anthropomorphismus, den die Autorin an den Tag legt, scheint mir des Guten doch zuviel. Natürlich haben Tiere ihre Individualität wie Menschen auch, sie können stur sein oder zugänglich, sie können vertrauensvoll, zurückhaltend, anhänglich oder misstrauisch sein – wie Menschen eben auch. Sie pflegen Freundschaften und Familienbande, erkennen sich und suchen die Nähe der anderen, kurz gesagt: sie sind Persönlichkeiten. Das alles ist richtig, wichtig und gut. Und sie sind keineswegs dumm, Kühe (Schafe, Hühner etc pp…) wissen genau das, was sie als Kühe wissen müssen, so wie Schafe (oder Hühner oder Schweine) das können und wissen, was sie als Schafe können und wissen müssen – solange oder sobald man ihnen dazu die Gelegenheit gibt.

So weit, so gut. Aber bei Young geht es noch einen Schritt weiter, einen großen sogar: sie vermenschlicht ihre Tiere, spricht ihnen menschliche Eigenschaften zu. Ein oder zwei Beispiele, die ich spontan im Buch finde: Traurigerweise wollte Olivia Stephanies 
Dienste nicht. … Am vierten Tag platzte Stephanie der Kragen. Verletzt und irritiert wandte sie sich ab, sprang über den nächsten Zaun auf eine andere Weide und graste mit ihren früheren Freundinnen. Soweit ich weiß, haben die beiden [i.e. Olivia und Stephanie] nie wieder miteinander gesprochen. Als weiteres Beispiel auf der gleichen Seite [S. 48/9]: Dolly putzte ihre Kälber jeden Tag, beschützte und förderte sie und erklärte ihnen, Menschen gegenüber wachsam zu sein. „Sie sind nicht wie wir“, sagte sie ihnen, „Mitunter sind sie nützlich, besonders, was die Versorgung mit Heu im Winter angeht, aber es besteht absolut keine Verpflichtung, sich mit ihnen zu verbrüdern.“ Und ihre Kinder beherzigen diesen Rat. Zwar lassen sich solche Verhaltensweisen durchaus beobachten, sie jedoch als Ergebnis eines quasi intellektuellen, durch Verstand gesteuerten Vorgangs darzustellen, halte ich jedoch für übertrieben, wenn nicht gar unzutreffend.

Trotzdem ist der Text Youngs eine herzerwärmende Lektüre. In jeder Zeile spürt man die Liebe der Autorin zu ihren Tieren, die sie (vergleiche oben) vor unseren Augen zu charaktervollen, liebenswerten Persönlichkeiten werden läßt, deren Leben – genau wie das unsere – nicht nur den Stoffwechsel, sondern auch und gerade durch Beziehungen geprägt wird. Im Kosmos von Young behält jedes Tier seine Würde, keins wird – obwohl auch sie natürlich als Farmerin von ihren Tieren lebt – erniedrigt oder als biologische Umwandlungsmaschine missbraucht. Hätte jeder diese Einstellung zu Tieren, wären die verabscheuungswürdigen Extrema einer industriellen Fleischerzeugung Vergangenheit, nicht nur den Tieren, auch uns und der Umwelt wäre damit gedient.

Vielleicht ist das ein Verdienst von Young: uns die Tiere wieder näher zu bringen, uns zu zeigen: hey, das ist Rosalie, die mag dies und das und jenes nicht. Und pass auf Jack auf, der ist stolz und mutig, das solltest du respektieren! Tiere sind unserer Partner und die wenigen Zufälle der Evolution, die uns in unsere herausgehobene Position gebracht haben, haben uns auch die Verantwortung für unser Handeln mitgegeben. Tiere ihre Würde zu belassen, wie dies Young erzählt, wäre schon mal ein guter Anfang.

Aber zurück zum Buch der Autorin: Das geheime Leben der Kühe ist – mit den Abstrichen einer zu weit gehenden Vermenschlichung – ein gefühlvolles Buch für die ganze Familie, das dem Leser ein Tor öffnet in die „Seele“ unserer Mitgeschöpfe, den Tieren.

Rosamund Young
Das geheime Leben der Kühe
Übersetzt aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence

Originalausgabe: The Secret Life of Cows, London, überarbeitete Neuausgabe 2017, Erstausgabe 2003
diese Ausgabe: btb, HC, ca. 170 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Datenschutzhinweise: Die Kommentarangaben werden an Auttomatic, USA (die Wordpress-Entwickler) zur Spamprüfung übermittelt und die E-Mailadresse an den Dienst Gravatar (Ebenfalls von Auttomatic), um zu prüfen, ob die Kommentatoren dort ein Profilbild hinterlegt haben. Zu Details hierzu sowie generell zur Verarbeitung Ihrer Daten und Widerrufsmöglichkeiten, verweisen wir Sie auf unsere Datenschutzerklärung. Sie können gerne Pseudonyme und anonyme Angaben hinterlassen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.