Erich Kästner: Über das Verbrennen von Büchern

10. Mai 2015

Der 10. Mai 1933 war ein besonderer Tag für das Land der Dichter und Denker, die an diesem Datum einen weiteren Schritt in Richtung Richter und Henker gingen. Es war nicht die erste und sollte nicht die letzte Bücherverbrennung sein, die auf dieser unserer Erde stattgefunden hat (und in Zukunft – so ist zu vermuten – noch stattfinden wird. Vorerst wird ja noch, wie zum Beispiel im Iraq, mit Sprengstoff und Bohrhämmern gearbeitet [1]…). Aber in ihrer Gründlichkeit, in ihrem Anspruch, in ihrer pompösen Inszenierung ragen die brennenden Scheiterhaufen der Nazis weit über andere Feuer hinaus. Hier wurden nicht klammheimlich Bücher konfisziert und beseitigt, hier wurde ein Fanal inszeniert gegen die unabhängige Intelligenz eines ganzen Staates. Und es war nicht – was diesen Akat noch beschämender macht, falls das überhaupt geht – ein aufgebrachter, aufgeputschter Mob, der in rasendem Furor zündelte, es war die Elite Deutschland, es waren Studenten, die unter der Anstiftung des 1921 promovierten Germanisten Dr. Goebbels aufmarschierten…

Die öffentliche Verbrennung undeutscher Schriften und Bücher auf dem Opernplatz Unter den Linden in Berlin, durch Studenten der Berliner Universitäten! (historische Bildunterschrift) Bildquelle [B]

Die öffentliche Verbrennung undeutscher Schriften und Bücher auf dem Opernplatz Unter den Linden in Berlin, durch Studenten der Berliner Universitäten!
(historische Bildunterschrift)
Bildquelle [B]

In dem kleinen Bändchen aus dem schweizer Atrium-Verlag sind vier Aufsätze Erich Kästners wiedergegeben: Briefchen in die Röhrchenstraße (1946), Kann man Bücher verbrennen? (1947), Über das Verbrennen von Büchern (1958) und Lesestoff, Zündstoff, Brennstoff (1965). Kästner ist insofern eine Ausnahme unter den verb(r)annten Autoren, als daß er 1933 selbst am Berliner Opernplatz stand und die Inszenierung des intellektuellen Selbstmords (hier ist der Begriff des „Selbstmords“, den ich ansonsten ja vermeide, angebracht: dieser barbarische Akt zeigt in der Tag niederste Gesinnung) der Deutschen beobachtete. Als er von einem Zuschauer entdeckt und erkannt wurde, verließ er das Spektakel, es war ihm zu riskant geworden, dort zu stehen, wo die meisten seiner Bücher verbrannt wurden… und Kästner, bzw. seine Bücher wurden in Deutschland übrigens noch einmal verbrannt, gute 30 Jahre später unter Einwilligung des Ordnungsamtes in Düsseldorf: Kästner, Grass, Camus, Nabokov, Sagan wanderten neben Groschenromanen und Pin-Up-Fotos aus Jugendzeitschriften ins Feuer, hineingeworfen von fünfundzwanzig Mitglieder des Jugendbundes für Entschiedenes Christentum (EC) im Alter von 17 bis 28 Jahren und den beiden 30jährigen Diakonissen Christa Kranzhöfer und Brigitte Hellwig [2].

Wehret den Anfängen, dies führt Kästner an einer Stelle als Lehre aus, bekämpft Diktaturen, bevor sie etabliert sind, laßt sie nicht hochkommen, sich entwickeln: einmal an der Macht sind sie von dort kaum mehr zu entfernen….

In den Beiträgen dieses schmalen Büchleins geht Kästner der Frage nach, wieso dies damals passieren konnte, wieso kaum jemand sich dagegen gewehrt hat und was dies für Deutschland bedeutete… Man braucht kaum eine Stunde, um die Texte zu lesen, sie sind diese Stunde, obwohl schon älter, wahrhaftig wert.

 

Bücherverbrennungen im Rahmen oder in Nachahmung der „Aktion wider den undeutschen Geist“ (AwuG), 1933
[Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bücherverbrennung_1933_in_Deutschland)

Bad Kreuznach: 10. Mai, Kornmarkt
Bamberg: 1. Juli, Hauptkampfbahn des Volksparks
Bautzen: 9. August, Steinbruch an der Löbauer Straße
Bergedorf bei Hamburg: 24. Juni, im Rahmen der Sonnwendfeier
Berlin: 10. Mai, Opernplatz (AwuG)
Bonn: 10. Mai, Marktplatz (AwuG)
Braunschweig: 10. Mai, Schloßplatz (AwuG)
Bremen: 10. Mai, Nordstraße (AwuG)
Breslau: 10. Mai, Schloßplatz (AwuG)
Darmstadt: 21. Juni, Mercksplatz (AwuG)
Dortmund: 10. Mai, Hansaplatz (AwuG)
Dresden: 10. Mai, an der Bismarcksäule (AwuG)
Düsseldorf: 11. Mai, Marktplatz
Erlangen: 12. Mai, Schloßplatz (AwuG)
Eutin: 24. Juni
Essen: 21. Juni, Gerlingplatz
Flensburg: 30. Mai, Exe
Frankfurt am Main: 10. Mai, Römer(berg) (AwuG)
Freiburg im Breisgau: Großes Bücherfeuer am 17. Juni auf dem Exerzierplatz; symbolische Bücherverbrennung im Universitätsstadion bei einer nachgeholten Sonnenwendfeier am 24. Juni (AwuG)
Gießen: 8. Mai, Becken der Fontäne (AwuG)
Göttingen: 10. Mai, Platz vor der Albanischule (damals Adolf-Hitler-Platz) (AwuG)
Greifswald: 10. Mai, Marktplatz (AwuG) (hier verbunden mit der publizistischen „Aktion für den deutschen Geist“ der dortigen NSDStB-Gruppe)
Halle (Saale): 12. Mai – Universitätsplatz (AwuG)
Hamburg: 15. Mai, Kaiser-Friedrich-Ufer (AwuG)
30. Mai, Lübeckertorfeld (durch die Hitlerjugend)
Hamm: 20. Mai, Großer Exerzierplatz (durch die Hitlerjugend)
Hannover: 10. Mai, an der Bismarcksäule, siehe Bücherverbrennung in Hannover (AwuG).
Hann. Münden: 10. Mai, Marktplatz (AwuG)
Heidelberg: 17. Mai, Universitätsplatz (AwuG)
17. Juni, Jubiläumsplatz
16. Juli, Universitätsplatz
Helgoland: 18. Mai, Schulplatz
Jena: 26. August, Marktplatz
Karlsruhe: 17. Juni, Schlossplatz
Kassel: 19. Mai, Friedrichsplatz (AwuG)
Kleve: 19. Mai, Hof des Staatlichen Gymnasiums Römerstraße
Kiel: 10. Mai, Wilhelmplatz (AwuG)
Köln: 17. Mai, Gefallenendenkmal der Universität (AwuG)[23]
Königsberg: 10. Mai, Trommelplatz (AwuG)
Landau: 10. Mai – Rathausplatz (damaliger Paradeplatz) (AwuG)
Lübeck: 26. Mai, am Buniamshof
Mainz: 23. Juni, Adolf-Hitler-Platz
Mannheim: 19. Mai, Meßplatz/Feuerwache (AwuG)
Marburg: 10. Mai, Kämpfrasen (AwuG)
München 10. Mai, Königsplatz (AwuG)
Münster 10. Mai, Hindenburgplatz (AwuG)
Neubrandenburg: 31. Mai, Marktplatz
Neustadt an der Weinstraße: 14. Mai, Marktplatz
Neustrelitz: 13. Mai, Parade- und Exerzierplatz
Nürnberg 10. Mai, Hauptmarkt (Adolf-Hitler-Platz) (AwuG)
Offenbach am Main 22. Mai, vor dem Isenburger Schloß
Offenburg: 17. Juni, Marktplatz
Pforzheim: 17. Juni, Marktplatz
Recklinghausen: 14. Juli, Am Neumarkt (damals: Leo-Schlageter-Platz)/Recklinghausen-Süd
Regensburg: 12. Mai, Neupfarrplatz
Rendsburg: 9. Oktober, Paradeplatz
Rostock: 10. Mai, Blücherplatz (AwuG)
Schleswig: 23. Juni
Stuttgart, Tübingen: der Landesführer des NSDStB Württemberg lehnte das Verbrennen von Büchern ab (AwuG). Es fanden aber eigene Aktionen der württembergischen Studentenschaft statt.
Uetersen: 10. Mai, Buttermarkt beim alten Rathaus
Weimar: 21. Juni, in Niedergrunstedt bei der Sonnwendfeier des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes
Wilsdruff: 23. September, im Steinbruch Blankenstein, nach der Fahnenweihe des NS-Jungvolkes Wilsdruff
Worms: 10. Mai, Vorplatz des Amtsgerichts (AwuG)
Würzburg: 10. Mai, Residenzplatz (AwuG)

 

Links und Anmerkungen:

[1] IS-Video zeigt Zerstörung von Weltkulturerbe im Irak; in:  http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-04/islamischer-staat-nimrud-weltkulturerbe-zerstoert
[2] [Quelle: http://www.zeit.de/1965/42/ein-licht-ins-dunkle-deutsche-land]….

Bildquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bücherverbrennung; Bundesarchiv, Bild 102-14597 / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons

10. mai

Erich Kästner
Über das Verbrennen von Büchern
diese Ausgabe: Atrium-Verlag, HC, ca. 48 S., 2013

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4 Responses to “Erich Kästner: Über das Verbrennen von Büchern”

  1. rotherbaron Says:

    Welche Kraft Büchern damals noch zugeschrieben wurden…heute werden kritische und etwas über Unterhaltung hinausgehende Bücher schlicht ignoriert. Man muss sie nicht mehr verbrennen, heute werden sie schlicht tot geschwiegen….

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  2. Lieber Flattersatz,

    danke für diese Besprechung. Ich fürchte, das Thema ist nach wie vor hochaktuell, heute werden vielleicht nicht mehr (so viele) Bücher verbrannt, aber freie Meinungsäusserung wird nach wie vor aufs vielfältigste unterdrückt, da gibt es weltweit zu viele Beispiele, sie aufzuzählen. Deshalb eben: Wehret den Anfängen!
    Liebe Grüsse
    Kai

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  3. […] des Fabian mit dem Titel “Der Gang vor die Hunde” besprach, widmete sich Flattersatz dem Verbrennen von Büchern. Beides ernstere Bücher die sich, indirekt und direkt, mit Nazideutschland beschäftigen. Den Gang […]

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