Sepp Mall: Wundränder

Ich kann mich noch ganz dunkel daran erinnern, an die Nachrichten, daß dort im Norden Italiens, im Süden Tirols, Männer unterwegs waren, die Strommasten und anderes gesprengt haben. Es war ja auch seltsam, daß in Italien ein ganzer Landstrich im Grunde und eigentlich deutsch gesprochen hat, auch wenn jetzt natürlich viele Italiener dort lebten, woran das lag, wusste ich damals als kleiner Junge jedoch nicht [3]. Es war die Zeit Mitte der 60er Jahre, im Roman läßt es sich sogar genau angeben, denn Paul, eine der Hauptfiguren, ein elfjähriger Schüler und Fußballfan, wird zusammen mit seinem Freund Herbert von den Carabinieri in die Polizeistation eingeladen, sich das Endspiel der Weltmeisterschaft anzusehen, bei dem ein gewisser Herr Dienst sich unsterblich machen sollte, zumindest in deutschen Fussballerkreisen.

Pauls Vater darf dies nicht erfahren, für ihn sind die Italiener Besatzer, die es zu vertreiben und zu bekämpfen gilt. Wenngleich man im Roman nicht erfährt, wessen er angeklagt wird, wird er doch eines Tages abgeholt und ins Gefängnis geworfen, einzig Stella, die (italienische (noch so eine Sache, die der Vater nicht wissen darf)) ‚Freundin‘ Pauls fragt einmal, ob es stimmt, daß er ein Attentäter sei.

Mit dem Vater, der im Gefängnis sitzt und kein Geld mehr verdienen kann, fängt – abgesehen von allen anderen Sorgen – der soziale Abstieg der Familie statt. Zwar unterstützt ‚Onkel‘ Anton, ein Arbeitskollege des Vaters, die Familie, er kann aber nicht verhindern, daß sie aus der Wohnung ausziehen muss in ein Viertel am Stadtrand mit schnell hochgezogenen Einheitsbauten, die wie Karnickelställe wirken.

In diesem ‚Harlem‘ genannten Bezirk kreuzen sich die beiden von Mall parallel dargestellten Handlungsstränge. Denn Johanna und ihr jüngerer Bruder Alex wohnen ebenfalls in diesem Viertel, die Geschichte dieser beiden erfahren wir aus dem Mund Johannas. Alex ist ein Stotterer, der kaum Buchstaben zu Worten verbinden kann, um sich mit diesen dann mitzuteilen. An einer Stelle heißt es: ..Und von Tag zu Tag wurde der Friedhof der Wörter größer, die erstickten Silben, die Steißlagen, die nicht herauswollten, die Totgeburten. Ein riesiger Haufen aus Wortleichen, der sich absetzte in ihm, der zu modern begann und ihn anfraß von innen, seine Organe, Herz und Lunge, bis es nicht mehr auszuhalten war. Wenn er doch kotzen könnte, habe ich mir gedacht. Das Reden übernimmt die ältere Schwester, die beiden Geschwister verstehen sich fast blind. Sie stammen von einem Bauernhof in den Bergen, die Eltern stehen dem Handicap des Sohnes machtlos gegenüber, die Art des Vaters ist für Alex wenig hilfreich. Die beiden sind gegen den Willen der Eltern ausgezogen von zu Hause in die Stadt, in dieses Viertel. Johanna hat für Alex, der sich mit Strom und Elektrik auskennt, eine Arbeit gefunden, sie selbst geht als Lernschwester in das Krankenhaus.

Alex tut das eigene Leben (in dem die Schwester die Rolle der Mutter einnimmt bis hin zum Bügeln der Unterwäsche) gut, es gelingt ihm sogar bald, wenn auch wenig, ohne zu stottern zu sprechen. Zwischen ihm und Erika, der Tochter seines Chefs, scheint sich sogar etwas anzubahnen… Manchmal kommen Arbeitskollegen und holen Alex ab, er scheint selbstständiger zu werden und sich in der Welt einzurichten. Im Lauf der Wochen und Monate entsteht Distanz zwischen den Geschwistern, Alex hat Geheimnisse, eines Tages nimmt er sich sogar ein eigenes Zimmer und kommt nur noch für wenige Tage in die gemeinsame Wohnung mit der Schwester.

Als der Vater von Paul aus dem Gefängnis kommt, ist er nicht mehr wieder zu erkennen. Völlig apathisch sitzt er nur noch in der Küche herum oder schläft. Eines Morgens steht in großen Lettern ‚Verräterschwein‘ an der Hauswand, Paul und seine Mutter waschen die Schrift schnell ab, bevor der Vater sie sehen kann…

In der Stadtmitte, beim Standbild, das danach bewacht wird, gab es eine Explosion, bei der ein Mensch, der Attentäter, völlig zerfetzt wurde. Paul und sein Freund hatten den Knall gehört, und noch einen Toten gibt es, einen Mann, der vom Dach eines der Häuser gesprungen ist. Johanna fand ihn in einem Hinterhof liegend, ein Mann mit blauen Augen, ein Verräter, so beschimpft ihn später Erikas Vater, der es nicht anders verdient hat…


Wundränder ist ein wunderbarer, kleiner Roman, das will ich dem folgenden schon an dieser Stelle vorausschicken. Es ist diese einfache, unaufgeregte Sprache (überhaupt spielt Sprache, sprechen, schweigen, verschweigen eine große Rolle in Malls Roman), die einen beim Lesen sofort gefangen nimmt und umhüllt. Sein Vater habe sich in Luft aufgelöst, sagte der Junge, von einem Tag auf den anderen. Mit diesem Satz Pauls beginnt Wundränder und vermittelt schon einen Eindruck auf das Folgende. Die Sprache Malls hat mich sehr an Seethalers Ein ganzes Leben [4] erinnert, möglicherweise ist es die Ursprünglichkeit der Bergwelt, deren Gradlinigkeit (ein falscher Schritt kann zur Katastrophe führen), die zu diesem Schreibstil führt.

Malls Text klammert das Politische weitestgehend aus, es ist der Hintergrund seiner Geschichte, die ansonsten auf der persönlichen Ebene der Akteure angesiedelt ist, in der diese geschichtlichen Ereignisse allerdings Katastrophen auslösen. Die Handlungsstränge verlaufen weitestgehend parallel, erst am Ende seines Buches läßt Mall sie zusammen treffen, aber auch das nur für uns Leser erkennbar, als Figuren des Romans sind sich Paul und Johanna fremd und lernen sich erst kennen. Die Handlung wird von Mall nicht chronologisch erzählt, schon früh finden wir Johanna, die von sich selbst sagt, sie sei wohl trauersüchtig, auf dem Friedhof ein Grab besuchen, erst nach und nach entblättert sich ihre Geschichte – und die ihres Bruders Alex, der im ‚Freiheitskampf‘, der für die anderen ‚Terrorismus‘ war, seine Aufgabe gefunden hatte, seine Bestätigung – und der ihm die Sprache gab, zu der er, der Stotterer all die vergangenen Jahres seines Lebens nicht fähig war.

Die Antagonistin zu dem ’stummen‘ Alex ist Erika. Für sie findet Mall so schöne Passagen wie diese hier: … Erika saß da, wo Alex immer sitzt. Mit dem Rücken zum Fenster, und wenn ich sie ansah, musste ich die Augen zusammenkneifen. Die schräg stehende Sonne fiel in ihren Wortschwall, auf ihr Haar, und zeichnete einen leuchtenden Kranz um ihren Kopf. So viele Wörter auf einmal in der Küche, die Erika ausschüttetete, ein Wortmeer, in dem wir schwammen, Erika mit dem Schimmerhaar und ich. Ich fragte und sie erzählte. Und wenn ich nichts sagte, begann sie wieder von vorne. Die Kaffeeflecken auf dem Tischtuch trockneten ein, die Woge der Wörter schwappten in die beginnenden Dämmerung hinein und ich ließ mich mitreißen … Und gleich noch eine so schöne kurze Passage, auch zum Thema Reden bzw. Schweigen, bezogen auf Johanna und Alex am Abend in der Küche: … Die Schönheit der Müdigkeit. Noch ein Tasse Tee zu trinken gemeinsam, bevor jeder in sein Zimmer geht, in seinen Schlaf. Die Langsamkeit der Wörter, die sich zu keinen Sätzen mehr finden wollen, das Schweigen, das ausfüllt, keine Leere lässt. …

Aber natürlich ist das große Thema des schmalen Romans der Konflikt zwischen den angestammten, deutschsprachigen Südtirolern und den von diesen als Besatzer empfundenen Italienern. Die Einheimischen fühlten sich unterdrückt (die Sprache, wieder einmal) und ausgenutzt, ihr Strom, beispielsweise, wurde in den Süden geleitet, um dort Fabriken zu speisen, die Italiener, von denen viele von der Regierung in Südtirol angesiedelt worden waren, verstanden die Einheimischen nicht (die Sprache…), fühlten sich gegenüber der einfachen Bevölkerung, wie sie in den Dörfern lebte, überlegen [vgl 5]. Der Freiheitskampf, er wurde verbissen geführt. Der Riss, man ahnt es, ging durch Familien hindurch, wenn – wie es Mall schildert – die Gefühle der Menschen sich nicht nach der politischen Frontlinie richteten. Dieser Kampf der Südtiroler forderte Opfer in den eigenen Reihen: der soziale Abstieg, wenn der Verdiener der Familie ins Gefängnis wandert, Todesfälle, wenn die Anschläge misslangen (… aber es war für die richtige Sache …), Suizide, die Menschen begangen, die in den Augen der früheren Gefährten Verräter geworden waren. All das schlug Wunden in die Herzen der Menschen, die bei Johanna die große Alexwunde ist. Überhaupt ist Johanna die anrührendste der Figuren, sie, die so sehr trauert, sich Schuld gibt, auch schuldig gesprochen wird von den Eltern (gesprochen ohne Worte, durch Blicke und Verhalten), die jeden Tag Blumen bringt, mal zum Grab des Bruders und dann zum Denkmal, an dem er zerfetzt wurde… so kann man den Roman Malls auch als ein kleines Buch über eine große Trauer lesen…

Wundränder… ein leiser, ein feiner, ein berührender Roman über ein Thema, über das man sonst nicht viel liest. Es würde mich freuen, wenn der eine oder andere sich für das Büchlein erwärmen würde…

 

Links und Anmerkungen

[1] Über den Autoren: https://orawww.uibk.ac.at/apex/uprod/f?p=TLL:2:0::::P2_ID:460
[2] Materialien zum Buch: http://www.haymonverlag.at/…Mall_Wundraender.pdf
[3] … nach dem Zusammenbruch des Habsburger Reiches nach dem 1. Weltkrieg war dieser Teil Tirols 1919 Italien zugeteilt worden war… vgl hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Südtirol
[4] Robert Seethaler: Ein ganzes Leben; Besprechung hier im Blog
[5] Deutsch san mir, in: Der Spiegel 46/1966 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46414915.html)

Sepp Mall
Wundränder
diese Ausgabe: Haymon, TB, ca. 175 S., 2011 (Erstausgabe 2004)

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