Inés Garland: Wie ein unsichtbares Band

Dieses Jugendbuch Garlands führt uns in die jüngere Vergangenheit Argentiniens, in die Jahre vor und nach dem Militärputsch von 1976 [3, 4]. Dieser gewinnt jedoch erst im Verlauf der Handlung an Bedeutung, schildert uns Garland doch im wesentlichen die zeitlosen und immer wieder und von (fast) jedem erlebten Turbulenzen des Erwachsenwerdens und der ersten Liebe….

Hauptperson und Ich-Erzählerin ist Alma, Tochter aus begütertem Haus. Sie wohnt mit ihrem Eltern in Buenos Aires und fährt mit ihnen an den Wochenende in eine kleines Häuschen auf einer Insel im Fluss. Dort lernt sie Carmen kennen, die Enkelin von Doña Angela, die in der Nachbarschaft wohnt, zusammen mit den Brüdern von Carmen und deren Onkels Tordo und Chico. Die beiden Mädchen freunden sich an, werden beste Freundinnen, vertrauen sich ihre Geheimnisse an, verbringen die Tage miteinander. Alma ist bald mehr bei Carmen als bei ihren Eltern. Die beiden Familien gehören unterschiedlichen sozialen Klassen an, aber das ist den beiden Mädchen egal, den Eltern Almas zuerst auch…

Alma besucht eine gute Schule mit entsprechendem Umgang. Sie kann jedoch mit diesen Mädchen nichts anfangen, wird auch nicht zu den Partys eingeladen und wenn, steht sie falsch angezogen, eingeschüchtert und fremdelnd herum. Erst wenn sie wieder auf der Insel ist, fühlt sie sich wieder wohl und frei und besonders wohl wird ihr, wenn sie Marito sieht, den Bruder Carmens…

Eines Tages lädt Alma auf Betreiben ihrer Mutter selbst all ihre Klassenkameraden zu einem Fest ein. Jetzt ist es Carmen, die uncool angezogen auf der Feier erscheint und Alma reagiert hin- und hergerissen, steht nicht zu ihrer besten Freundin, die daraufhin den Kontakt mit Alma abbricht und zu ihrem Freund geht.

Auch Marito geht weg, in die Stadt, um sich mit Arbeit Geld für sein Studium zu verdienen. Er geht am Tag, nachdem er und Alma sich beinahe geküsst hätten und – natürlich – läßt er Alma total verwirrt zurück…. es soll lange dauern, bis sie sich wiedersehen, Marito, Carmen und Alma…

1976 putscht das Militär in Argentinien, es gibt Stimmen, die sagen, irgendjemand müsse ja mal aufräumen. Aber die Stimmung auf den Straßen wird ängstlich, große Autos fahren herum mit Leuten drin, die – wenn es stimmt – Polizisten sind…. Marito und Alma haben sich mittlerweile wieder getroffen, diesmal sollte es nicht beim Kussversuch bleiben… aber auch zwischen den beiden Liebenden gibt es Spannungen, Marito sieht deutlich die sozialen Unterschiede zwischen ihnen, offensichtlich ist er politisch interessiert. Für ihn ist Alma in dieser Beziehung eine junge Frau, ein Mädchen, das die Realität in Argentinien nicht kennt. Und sie kennt sie auch nicht, kennt nur das behütete Zuhause, das Taxi in die Schule und die Insel, die für sie die Insel der Glückseligkeit ist. Die Treffen mit Marito müssen mittlerweile heimlich sein, Almas Eltern gefällt der Umgang nicht… so sieht sich Alma in die Lüge gedrängt, überall muss sie Rollen spielen, darf sie nicht ehrlich sein, sich nicht so geben, wie sie ist.. nur auf der Insel ist es anders….

Als Almas Eltern für eine Woche nach Miami fahren, soll es passieren. Alma lädt Marito zu sich in die elterliche Wohnung ein…. vergessen all das Geschwätz, die Angstmacherei der Nonnen in der Schule.. ein paar Stunden später muss Marito telefonieren, er will dies aber nicht aus Almas Wohnung machen, sondern er geht an eine Telefonzelle. Noch einmal klingelt er und sagt Alma durch die Gegensprechanlage: „Ich liebe dich!“ Es ist das letzte, was Alma von Marito hört.

Zwei Tage später steht eine völlig verängstigte Carmen vor der Tür und bittet Alma, sie für ein paar Tage unterzubringen. Alma sieht, daß Carmen schwanger ist. Ebenso wie Marito geht Carmen zum Telefonieren auf die Straße, auch sie sollte Alma nicht mehr sehen…

Alma ist verzweifelt, sie kann sich niemanden anvertrauen und macht sich auf die Suche. Sie geht zum Elternhaus Maritos und findet dort seinen alten, verhutzelten Vater vor. Der zeigt ihr seinen grün-blau-violett geschlagenen Körper und erzählt ihr die grausame Wahrheit…

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„Wie ein unsichtbares Band“ ist ein schönes, wenngleich melancholisches bis trauriges Buch, ein stimmungsvolles Hineintauchen in die Lebenswelt junger Menschen, die sich erst noch entwickeln muss. Die Randbedingungen dieser Leben sind problematisch, unterschiedliche soziale Schichten mit ihren jeweils eigenen Sichtweisen auf die Welt, die politischen Verhältnisse… Die soziale Abgrenzung zu durchbrechen, ist von beiden Seiten schwierig, nicht nur Almas Eltern, auch Maritos Onkel will nicht, daß die beiden jungen Leute eine Beziehung miteinander eingehen… auf der Insel sind sie glücklich, hier sind sie unbeschwert, der Welt weitestgehend entzogen. Und Garland findet, insbesondere im ersten Teil des Buches, der noch unbeschwerter ist, sehr einfühlsame, langsame, wunderschöne Formulierungen, die mich mehr als einmal an Szusa Bank [5] erinnert haben….

Sehr konsequent belässt die Autorin den Leser in der selben Unwissenheit wie ihre Protagonisten Alma: wir erfahren nicht, was Marito gemacht hat, wie er sich engagiert hat, offensichtlich gegen die Junta… ebenso bleibt Carmens Schicksal in den Jahren der Trennung von Alma unbekannt. Das Schicksal nach ihrem Verschwinden können wir uns Ausmalen.. oder.. eigentlich nicht… ahnen vielleicht… So können wir am eigenen Leib nachempfinden, daß Alma, die behütet aufgewachsene, zu keiner Zeit die Möglichkeit hat, aus eigener Initiative zu handeln, ihr bleibt nur die Verzweiflung und das Reagieren auf Ereignisse, die sie nicht ändern kann.

Der Roman schließt mit einigen wenigen Seiten eines Epilogs, der im Jahr 2007 spielt. Viele Menschen fahren mit einer Fähre zu der Insel von damals, sie besuchen Ariel, einen jungen Mann, der aussieht wie Marito, einen jungen Mann, der wiedergefunden worden ist. Um zu wissen, was das bedeutet (Garland verrät es uns in ihrem Roman nicht, es ist nur eine sehr kurze Erläuterung des Verlages angehängt), kann man beispielsweise die Geschichte, die Elsa Osorio erzählt, lesen [1] oder sich die Bilder von Gustavo Germano anschauen [2]…..

Die konsequente Haltung der Autorin in der Beschränkung ihrer Darstellung auf die Sicht Almas hat ihren Preis: das Verständnis. Der Text enthält oder liefert keine Erklärungen, die Beschreibung von Lebenssituationen, die für das Argentinien dieser Zeit typisch gewesen sein mögen, sind rar: so rar wie die Kontakte Almas mit dieser Alltagswelt. Auch die Frage der verschwundenen Kinder: in Argentinien dürfte diese Assoziation spätestens in dem Moment auftauchen, in dem die schwangere Carmen verschwindet, außerhalb Südamerikas (?) vllt gar nicht, nicht ohne Grund hat der Verlag die Kürzestinfo angehängt. Der Roman verlangt also vom Leser Eigeninitiative, mit der er sich über das Nichtgesagte informiert, damit die beschriebene Handlung in den richtigen Kontext eingeordnet werden kann. Daher denke ich auch, daß Jugendliche diesen Roman zwar sicherlich lesen sollten (ganz sicherlich…), aber, daß eine Nach“bearbeitung“ des Gelesenen notwendig ist. Was ja auch eine Chance ist, den Inhalt zu verarbeiten…

Links und Anmerkungen:

[1] Elsa Osorio: Mein Name ist Luz
[2] Gustavo Germano und andere: Verschwunden
[3] Wiki-Artikel zum Militärputsch in Argentinien 1976
[4] planet.wissen: Die Militärdiktatur von 1976 bis 1983, mit Video des wdr über „Verschwundene Kinder“
[5] von Szusa Bank im blog: „Der Schwimmer“ und „Die hellen Tage

Inés Garland
Wie ein unsichtbares Band
Aus dem Spanischen von Ilse Layer
Originalausgabe: Buenos Aires, 2009
diese Ausgabe: FISCHER KJB, HC, 256 S., 2013

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2 Kommentare zu „Inés Garland: Wie ein unsichtbares Band

    1. liebe xeniana, herzlichen dank für deinen kommentar und die tips mit den „Drei Min….“, das ich nicht kannte. das kaninchenhaus klingt auch interessant, wenn nicht das leidige zeitproblem wäre…. dir auch liebe grüße und wünsche für eine gute woche! fs

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