Bettina Baltschev: Hölle und Paradies

baltschev

Zwei Männer auf einem Balkon, offenbar guter Laune. Im Hintergrund ist zu erkennen, daß es sich wohl um ein großes Haus aus Backstein handelt, am Horizont die glatte Linie, das Meer wohl. Einer der Männer in ein weißes Jackett gekleidet, der andere hat über das Hemd einen Pullover gezogen, obwohl die Sonne zu scheinen scheint, weht möglicherweise ein kühler Wind, ein Seewind. Der Aufnahme selbst sieht man an, daß sie älter ist, ein Papierfoto, von der Zeit gebleicht und in einen leichten Sepiaton gehüllt.

Sie ist älter, diese Aufnahme, sie stammt aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Das Gebäude gibt es nicht mehr, die uneingeladen erschienenen Deutschen haben das Grand-Hotel in Zandvoort später (wie andere Gebäude dort auch) abgerissen, um freien Blick auf das Meer zu haben, man hielt es für möglich, daß die Invasion hier stattfände. Auf dem Balkon die beiden Männer sind Freunde, es sind Klaus Mann im Jackett und Fritz Landshoff an seiner Seite. Während man Klaus Mann sowohl als Sohn von Thomas und Katia Mann kennt, aber auch aus eigenem Verdienst, man denke nur an Mephisto, ist Fritz Landshoff unbekannter und es ist – das sei schon hier am Anfang meiner Buchvorstellung festgehalten – das große Verdienst von Bettina Baltschev, dies mit diesem Buch (hoffentlich) zu ändern.

Wer sich abseits der Gegenwartsliteratur zumindest hin und wieder auch mit der deutschen Literatur in dieser Zeit, den dreißiger Jahren beschäftigt, wird ab 1933 (‚Der Kegelverein ändert seinen Vorstand.‘ kommentierte der Schriftsteller Georg Kaiser die entsprechende Meldung in der BZ vom 30.1.1933) vermehrt auf Schriftsteller stoßen, die gezwungen waren, Deutschland zu verlassen: die politische Einstellung passte nicht mehr in die Machtverhältnisse, vor allem aber war es das Jüdische, das es nach damaliger deutscher Gesinnung auszurotten galt. So leerten sich die Berliner Künstlercafés [3] und an anderer Stelle füllten sie sich – unter anderem mit deutschen Schriftstellern und Autoren wie den schon genannten Klaus Mann [4].


»Das Exil war eine Hölle«
(Hermann Kesten)

Amsterdam wurde zu so einem Fluchtpunkt. Nicht, weil die ins Exil gezwungenen Schriftsteller diese Stadt im kleinen Nachbarland auf dem Schirm gehabt hätten: ‚Keiner von uns hatte an Holland gedacht‘ hielt Fritz Landshoff 1983 in einem Interview fest, nein, die Initiative ging im Grunde von einem Mann aus und dessen Name wird jedem, der sich ein wenig in der Exilliteratur herumliest, früher oder später unterkommen: Emanuel Querido, von der Abstammung her ein sephardischer Jude, Amsterdamer Verleger und Besitzer des Verlags Em. Querido’s Uitgeverij-MIJ N.V.

Diesem trugen Freunde die Idee an, einen Exilverlag zu gründen, in dem vertriebene deutsche Autoren ihre Werke veröffentlichen konnten. Das war wirtschaftlich durchaus ein Risiko, denn der Hauptmarkt für deutsche Bücher, i.e. natürlich Deutschland, fiel als Absatzmarkt aus, deutsche Flüchtlinge im Ausland hatten meist andere Sorgen, als sich mit Büchern einzudecken und nach dem ‚Anschluss‘ 1938 fiel dann auch noch Österreich als Abnehmer aus, dort bei Händlern eingelagerte Bücher wurden konfisziert, ein nicht unerheblicher Verlust für den Verlag.

Aber zurück zu den Anfängen. Hier kommt der oben genannte Fritz Landshoff ins Spiel. Dieser war Mit-Verleger bei Kiepenheuer in Berlin, einem Verlag, der aufgrund seiner politischen Grundausrichtung ebenfalls reichlich Reibungsfläche mit dem neuen Machthaber bot und nach der ‚Machtergreifung‘ geschlossen wurde. Querido kam auf Landshoff, weil man ihn von Kiepenheuer kannte und schon gut mit ihm zusammengearbeitet hatte. Ein beiden bekannter Journalist und Kritiker, Nico Rost, wurde eingeschaltet und sprach Landshoff in Berlin an. Dem deutschen Juden muss dieser Vorschlag als Geschenk des Himmels erschienen sein, im April 1933 nahm er den Nachtzug nach Amsterdam, um mit Emanuel Querido die Gründung dieses neuen Verlages für Exilliteratur zu besprechen.

Man einigte sich auf eine gleichberechtigte Partnerschaft mit klar umrissenen Verantwortlichkeiten, Gottseidank konnte Landshoff seine finanzielle Einlage an dem neuen Verlag aufbringen. Durch seine Arbeit bei Kiepenheur konnte den Kontakt zu einigen Schriftstellern, die sich zur Ausreise gezwungen sahen, herstellen, schon bald hatte er Verträge mit bekannten Autoren abgeschlossen. So wurden schon im ersten Jahr 1933 acht Titel verlegt, und zwar von Feuchtwanger (2), Heinrich Mann, Anna Seghers, Ernst Toller, Arnold Zweig, Gustav Regler und Alfred Döblin, für das Jahr 1935 listet Baltschev 26 Titel auf, danach nahm die Zahl der Bücher kontinuierlich wieder ab, bis der Verlag wenig überraschend durch die faschistischen Besatzer 1940 geschlossen wurde.

Exilliteratur ist nicht automatisch gute bzw. wichtige Literatur, schon gar nicht automatisch auch politische Literatur. Baltschev widmet dem damaligen Literaturredakteur der linksliberalen Tageszeitung Het Vaderland, Menno ter Brak, einige Seiten. Gelungene Literatur solle im besten Fall gesellschaftlich relevante Themen behandeln, ein Anspruch, dem natürlich nicht jedes Buch gerecht wird. Ihm [i.e. Manno ter Brak] wird jedenfalls regelrecht übel vom Weihrauch, mit dem sich die Exilschriftsteller gegenseitig zunebeln und …. [er] arbeitet sich an Klaus Manns 1934 erschienenem Roman Flucht in den Norden ab, …. der für ihn vor allem eins [ist]: überflüssig. So ist die Entfremdung der beiden Literaten ein Beispiel dafür, daß man zwar an das gleiche glauben kann (die Macht des Wortes), sich aber trotzdem in jeweils fremden Welten bewegt.

Landshoff hatte den Krieg in Amerika überlebt, er war von der Okkupation der Niederlande auf einer Dientsreise nach London überrascht worden und gelangte von dort aus nach Amerika. Nach Kriegsende kehrte er zurück. Die Überlebenden müssen weitermachen, was bleibt ihnen schon übrig? Irgendeinen Sinn muss es schließlich haben, dass sie der Hölle entronnen sind. …. so nahm der Verlag seine Tätigkeit noch einmal auf, 1946 erschien Anna Seghers bekannter Roman Das siebte Kreuz und 1950 dann als letzte Veröffentlichung Klaus Mann zum Gedächtnis  von Erika Mann als Herausgeberin.


Lange hielten sich die Niederländer viel auf ihre Liberalität und Toleranz zugute. Doch wurden im Verlauf des Krieges, vor allem, nachdem die Wehrmacht über das Land, das seine Neutralität erklärt hatte, einfach überrollt und besetzt hatte, immer mehr fremden-/juden-/emigrantenfeindliche Stimmen laut. Es fanden sich willfährige Helfer der Okkupanten, insbesondere Juden anzuzeigen, zu verraten, auf deren Kopf war ein Kopfgeld ausgesetzt, das sich so mancher gerne mitnahm. Was Drancy in Frankreich, ist Westerbrok in den Niederlanden: ein Schandmal, ein Mahnmal der moralischen Unterwerfung unter ein mörderisches System. In Westerbrok wurde interniert und aus Westerbrok wurde deportiert. Zug um Zug mit Hunderten Viehwaggons, vollgestopft mit Menschen, die ihrer Ermordung entgegen in die deutschen Todeslager gefahren worden sind [5]. Hier und auf diese Art und Weise fanden auch Emanuel Querido und seine Frau ihr erbarmungswürdiges Ende in Sobibor [6]. Auch davon erzählt uns Baltschev, von der Stimmung, die in den Niederlanden kippte, von einem Amsterdam, das vorgeblich durch die vielen Fremden zu einer deutschen Stadt geworden wäre, von den Autoren, die sich beklagen, daß sie ihren Roman so weit herummildern [müssen], dass er in Holland eben noch, knapp und knappert, publikabel erscheint. Damit Landshoff nicht wegen Beleidigung eines befreundeten ‚Staatsoberhauptes‘ in´s Chachot kommt. …, so Bruno Franck (schon !) 1937 an Thomas Mann.

Exil – die Schriftsteller legten Wert auf diesen Begriff, sie sahen sich nicht als Emigranten, die ihre Heimat verlassen hatten, um woanders ihr Glück zu versuchen. Exil war kein Abenteuerurlaub. Ich habe an ein, zwei Stellen mal die Augen geschlossen und mir vorgestellt, ich müsste sagen wir innerhalb von drei Stunden fliehen, alles zurücklassen, die Wurzeln zu meinem Leben kappen, nicht wissen, wo ich hinkomme, wie ich aufgenommen werde bzw. ob ich überhaupt aufgenommen werde. Ein furchterregender Gedanke. Exil war reisen, war warten, war ankommen, sich einfinden, war wieder weiterfahren, innerhalb Europas oft mit der Bahn. Irmgard Keun, einer der bei Querido verlegten Autorinnen, hat einen Roman geschrieben, der dies thematisiert, D-Zug dritter Klasse, ihn greift Baltschev heraus und zitiert einige Stellen aus ihm. Nur die wenigstens konnten wie Lion Feuchtwanger [7] oder Thomas Mann auch im Ausland ein ’normales‘ Leben führen. Nicht alle hielten dieses Leben aus, Stefan Zweig beispielsweise schrieb in seinem Abschiedsbrief 1942: …. Und die meinen [i.e. Kräfte] sind durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschließen, …

Amsterdam ist, so formuliert es Baltschev, vor allem Durchgangsstation, ein Ort, an dem die deutsche Exilgemeinschaft der Dichter und Schriftsteller in wechselnder Besetzung zusammenkommt, sich gegenseitig ermutigt und sich von Fritz Landshoff versichern läßt, daß sie und ihr Werk immer noch von Bedeutung sind.

Bettina Baltschev erzählt im besten Sinne des Wortes die Geschichte dieser Frauen und Männer und des nicht einzigen, aber sicherlich einem der bedeutenden Exilverlage,  in Amsterdam selbst gab es z.B. noch den Exilverlag von Allert de Lange. Das erste publizierte Werk bei Querido jedenfalls war von Heinrich Mann Der Hass, Klaus Mann gab knapp zwei Jahre lang die literarische Zeitschrift Die Sammlung bei Querido heraus und engagierte sich sehr für den Verlag. Eine Liste der bei Querido verlegten Autoren (eine illustre Sammlung von Namen….) findet sich hier [8]. Den Umkehrschluss, den man aus diesem Aderlaß für die deutsche Literatur ziehen musste, formulierte Heinrich Mann in seinem Der Hass trefflich: Seinen literarischen Nachwuchs bezieht das System hauptsächlich aus den Reihen der Altern, Halbvergessenen, dei sich über die frühere große Presse zu beschweren hatten. Da sind arme Nichtskönner mit Augen gelb vom Ärger. So lange hatten sie ertragen müssen, daß auch wir noch da waren. Sie zitterten danach , ranzukommen, verzweifelt hofften sie auf ihre Stunde. Jetzt ist sie da. 

Baltschev kennt sich in Amsterdam aus, sie nimmt uns mit an die Schauplätze dieses Exilortes deutscher Schriftsteller. In der Keizersgracht 333 beispielsweise residierten die beiden Verlage Queridos, im Café Américain kam so etwas wie Bohème-Stimmung auf. Ein Ort des Grauens dagegen an der Hollandsche Schouwenburg an der Plantage Middenlaan. Einst ein Theater im Amsterdam wurde es unter der deutschen Besatzung ein Theater im Ghetto und in Joodsche Schouwenburg umbenannt, 1942 muss es den Theaterbetrieb einstellen und wird zum Sammelzentrum für Juden aus dem Großraum Amsterdam, auch für Emanuel Querido und seine Frau Jane war dieser Ort eine Etappe ihres Leidensweges.

Hölle und Paradies von Bettina Baltschev, die Kulturwissenschaften, Journalistik und Philosophie in Leipzig und Groningen studiert hat und jetzt als Redakteurin und Autorin arbeitet, ist ein sehr gelungener Versuch, ein bislang zumindest in der Öffentlichkeit wohl eher unbekannteres Kapitel der deutschen Literaturgeschichte auszuleuchten, verknüpft man den Begriff der Exilliteratur doch eher mit Südfrankreich oder den USA. Doch war Querido und seine Mitstreiter hier in den Niederlanden geschaffen haben, war mutig und ehrenhaft: sie gaben mundtot gemachten Schriftstellern ein Forum, weiterzuarbeiten, in der Hoffnung, gehört zu werden, zumindest aber, nicht vergessen zu werden. In diesem Sinne ist dem Werk ein Verzeichnis der publizierten Bücher beigegeben, in einer weiteren Auflage des Buches kommt möglicherweise ebenso noch eine kurze und wünschenswerte Aufstellung über die von Querido verlegten Autoren hinzu.

Hölle und Paradies von Bettina Baltschev ist nicht nur inhaltlich sehr interessant, sondern liest sich auch sehr gut, gerade weil die Autorin auch ihre persönlichen Eindrücke bei der Arbeit zum Buch mit einbringt, ferner ist Hölle und Paradies ebenso als Buch einfach schön. Dies sollte zusätzlichen Anreiz bieten, sich Baltschevs Buch anzuschaffen, es ist ein Steinchen, ein wichtiges, im Mosaik ‚Wider das Vergessen‘

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Beiträge zu
– Emanuel Querido: https://en.wikipedia.org/wiki/Emanuel_Querido
– Fritz Landshoff: https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Helmut_Landshoff
– Querido-Verlag: https://de.wikipedia.org/wiki/Querido_Verlag
[2] und [3] entfallen….
[4] vgl. z.B. auch: Manfred Flügge: Das flüchtige Paradies (https://radiergummi.wordpress.com…paradies/), in dem die Verhältnisse im südfranzösischen Sanary-sur-Mer geschildert werden
[5] – In den Aufzeichnungen von Etty Hillesum beispielsweise findet man eine aufrüttelnde Beschreibung des Lagers Westerbrok: Ein denkendes Herz; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2014/07/16/etty-hillesum-ein-denkendes-herz/
– Aus den Unterlagen des Niederländischen Roten Kreuzes zu Transporten nach Sobibor: http://resources21.kb.nl/gvn/EVDO02/pdf/EVDO02_NIOD05_7880.pdf
[6] Was das Datum angeht, tritt eine kleine Unstimmigkeit auf: die Autorin schreibt: Am 20. Juli 1943 treffen Emanuel und Jane Querido im Vernichtungslager Sobibor ein. …., die Transportlisten weisen dagegen für den 20. Juli nur einen nach Sobibor abgehenden Zug auf, der dort drei Tage später, am 23. Juli eintrifft:  http://www.tenhumbergreinhard.de/transportliste-der-deportierten/bericht-transport/transport-20071943-westerbork.html (Zur Übersicht der Transport aus Westerbrok siehe hier: http://www.tenhumbergreinhard.de/transportliste-der-deportierten/index.html). Eine andere Aufstellung weist für diesen Transport einen Querido, Korper V auf, ob dieser mit den Queridos verwandt ist, kann ich nicht sagen (http://resources21.kb.nl/gvn/EVDO02/pdf/EVDO02_NIOD05_7880.pdf, S. 13)
[7] wobei Lion Feuchtwanger vorher die Drangsal von Internierung und Flucht zu durchleiden hatte: Lion Feuchtwanger: Der Teufel in Frankreichhttps://radiergummi.wordpress.com/2013/04/27/lion-feuchtwanger-der-teufel-in-frankreich/
[8] Wiki-Beitrag zum Querido-Verlag: https://de.wikipedia.org/wiki/Querido_Verlag

Bettina Baltschev:
Hölle und Paradies
Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur
diese Ausgabe: Berenberg-Verlag, Halbleinen, ca. 168 S., 2016

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4 Kommentare zu „Bettina Baltschev: Hölle und Paradies

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