Ted Hughes: Der Rüssel

Der britische Autor und Schriftsteller Ted Hughes war mir bis zu diesem Büchlein unbekannt – ich muss es bekennen. Was aber jedoch eindeutig bei mir liegt und nicht ihm angelastet werden kann; wie in seinem kurzen Lebenslauf nachzulesen ist [1], hätte er das Wissen um ihn verdient gehabt. Hughes verstarb 1998 im Alter von 68 Jahren. Sein eigenes Leben war selbst so voller Tragik, daß es Grundlage wurde für künstlerische Bearbeitungen.

Mit dem „Rüssel“ liegt die Übersetzung eines seiner Kinderbücher („Tales of the Early World„) vor, wie der aussagekräftigere Originaltitel sagt, ist es eine Sammlung von Geschichten darüber, wie die frühe Welt geschaffen bzw. geschöpft wurde. Es sind dies äußerst fantasievolle Geschichten, etwas skurril, etwas schräg, natürlich kommt Gott darin vor, aber auch dessen Mutter, die – sagen wir es ruhig – eher einer Hexe ähnelt als einem göttlichen Wesen. Überhaupt hat dieser Gott viele Ähnlichkeiten mit uns Menschen, was ja auch nicht verwunderlich ist, kann man doch nachlesen [2], daß er uns nach seinem Ebenbild geschaffen hat, er also so aussehen sollte wie wir…. und so sein. Und so ist es. In manchen Geschichten erinnert er fast an Dr. Emmett L. Brown [4], ein Bastler, ein Tüftler, ein Heim- nein, ein Weltwerker von ? Gnaden… allein die Stimmbox-Implantation, wie diffizil und empfindlich – und doch, wie schön im Ergebnis [3], wenngleich nur Abklatsch von etwas weit Größerem, das misslang….! Diese Nachtigall spielt ihre kleine, aber erfolglose Rolle bei der Erschaffung der Frau. Der Mann – ein Klacks. Ein bischen Ton geformt, drauf gehustet und schon sprang er ins Leben… aber die Frau… viel schöner als der Mann, aber sie blieb leblos… schließlich (wir können es ja jeden Tag sehen) konnte aber auch sie zum Leben erweckt werden, gleichzeitig mit ihr wurde die Pussy geschaffen (jetzt bitte keine falschen Assoziationen!). Touch me Tiger!

Wie kam der Löwe zu seinen Hunger auf Fleisch und was ist bei der Erschaffung des Papageis und des Pfaus nur schiefgegangen? Schließlich kann das doch so nicht beabsichtigt gewesen sein…. und dann diese kleine Malheurs, die Gott, dem Töpfer, hin und wieder unterkamen: ein wenig Ton in der Hand, ein lauter, unbeabsichtigter Atemzug und schon war – ja, was eigentlich? am Leben… und was fängt man damit an?

So erzählt uns Hughes in 10 kleinen Geschichten, warum zum Beispiel der Elefant zwar diesen ausufernden Haarschopf hat, aber ansonsten kein Fell am Körper, warum der Aal der lieblichste der Fische ist (ist er überhaupt ein Fisch oder doch eher eine Schlange?) und was es mit den kreisenden Bergen so auf sich hat. Und daß der Regenwurm eigentlich ein Betriebsunfall ist und wonach er sucht, so ewig wühlend in der Erde, auch darüber werden wir aufgeklärt…. Es ist ein Feuerwerk an teilweise irrwitzigen Ideen, mit denen der Autor aufwartet, egal, ob sich die Frauen einen Spielgefährten wünschen (nein, es handelt sich nicht um die Titelgeschichte) oder ob Gott alle seine Geschöpfe gegen einen schier übermächtigen Feind rüsten und ins Feld schicken muss….

„Der Rüssel“ ist ein Kinderbuch und damit für uns Erwachsene auch schwierige Literatur. Müssen wir doch die uns mittlerweile eigenen Beschränkungen überwinden, die eingefahrenen Denkbahnen und -muster. Wir müssen offen sein für Assoziationen, für nie Gedachtes, für Überraschungen, für Fragen, die wir bis dato noch nie gestellt haben…

…so sind die Geschichten frech, ein wenig respektlos und doch voller Liebe zur Schöpfung, die einzelnen Episoden lesen sich gut und schnell, sie leben von den Dialogen, von den Gefühlen der Akteure. Mit hohem Tempo führt Hughes seine Fantasien aus, das Vorstellungsvermögen des Lesers wird hin und wieder ordentlich strapaziert. So ist das Büchlein mit seinen aberwitzigen Ideen und Szenen ein Heidenspaß mit durchaus nachdenkenswertem Hintergrund, denn ebenso wie Hughes´ Gott plant ja auch der Mensch und denkt, wie es sein sollte – allein, wie es dann wirklich wird, das ist noch lange nicht sicher…. und auch so manche Verhaltensweise kommt uns bekannt vor, finden wir sie doch sozusagen vor der Haustür unseres eigenen Ichs wieder.. aber wen wundert´s, sind wir doch nach seinem Ebenbild geschaffen, sprich: ihm ähnlich…..

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel über Ted Hughes
[2] siehe das 1. Buch Mose
[3] Beispiel für erfolgreiche Stimmbox-Implantation bei der Nachtigall
[4] Kennt den etwa jemand nicht?

Ted Hughes
Der Rüssel
und andere Geschichten vom Anfang der Welt
Originalausgabe: London, 1988
diese Ausgabe: Otto Maier Ravensburg, RTB Bibliothek, TB, ca. 160 S., 1991

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4 Kommentare zu „Ted Hughes: Der Rüssel

  1. Lieber Flattersatz,
    leider gibt es dieses Büchlein nicht mehr im Handel nur noch antiquarisch, dabei wäre eine Neuauflage so angebracht. Es ist, wie Sie schon anmerkten, keinesfalls nur ein Kinderbuch…es ist für Erwachsene und Kinder geschrieben und wenn ich heute einen Regenwurm sehe, stiehlt sich sofort ein Lächeln in mein Gesicht….
    und Gottes Mutter habe ich nicht als Hexe betrachtet…sie ist nur eine Frau, die mal wieder einem Mann aus der Patsche hilft -:))))
    einen lächelnden Gruß an Sie mit Wünschen für ein schönes Pfingstfest…..das mal wieder sehr feucht zu werden verspricht….aber dann haben wir ja die Bücher….

    Karin

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    1. liebe karin,
      ich sehe es genau anders herum: gottseidank gibt es dieses büchlein noch antiquarisch! ;-) aber natürlich haben sie recht, eine neuauflage wäre dringend empfehlenswert, so ein nettes, schönes und auch lebenskluges buch. ich habe es bei meiner lesung angekündigt als ein für erwachsene durchaus „schwieriges“ buch, weil wir erwachsene die welt ja kennen, genug schubladen haben, um sie einzuordnen und fragen über das wie, wo und warum uns nur diese (geglaubte) ordnung kaputt machen. „warum hat der papagei so einen krummen schnabel?“ oder „warum frißt der löwe fleisch?“ wären solche fragen auf die wir keine richtige antwort haben – zumindest nicht, bis wir den „rüssel“ gelesen haben…
      pfingststamstag hat uns übrigens die sonne fast verwöhnt, nein, es war ab mittag ein wirklich schöner tag und auch der heutige morgen begrüßt mich mit strahlend blauem himmel. :-)
      ihnen auch ein schönes, sonniges, buchstabenzuverzehrenreichlichzeitlassendes pfingstfest!
      lg
      fs

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  2. „Der Rüssel“ gehört seit Jahren zu meinen Lieblingsbüchern. Immer, wenn ich wieder darin lese, freue ich mich über die Geschichten, die Sprache, den Humor.
    Dass Ted Hughes im deutschsprachigen Raum viel weniger bekannt ist als seine Frau Sylvia Plath, erstaunt mich immer wieder. Er hat weitere Kinderbücher geschrieben, von denen „Wie der Wal erschaffen wurde“ und „Der Eisenmann“ antiquarisch zu bekommen sind. Von Sylvia Plath gibt es ebenfalls Kinderbücher, in deutscher Übersetzung „Das Bett-Buch“, ein kleines lustig-skurriles Buch mit schönen Illustrationen.

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    1. liebe leosanda, herzlichen dank für deinen schönen kommentar mit den vielen buchtipps! ich habe diese woche auf einer vorleseveranstaltung aus dem „rüssel“ vorgelesen und damit auch einen schönen erfolg gehabt. man kann diese geschichten so schön lebhaft lesen, die vielen dialoge machen sie kurzweilig. ob es jetzt wirklich ein kinderbuch ist.. jedenfalls entspricht es nicht der art kinderbücher, an die wir normal und spontan denken. ich meine, es ist eher ein buch für erwachsene, die die welt noch wie kinder sehen können: ohne feste schubladen und mit fragen, die einem erwachsenen nicht mehr einfallen. das plath auch kinderbücher geschrieben hat, wusste ich übrigens nicht, das bett-buch habe ich mir mal bestellt, ich mag skurriles!
      lg
      fs

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