Hanns Zischler: Lady Earl Grey

27. September 2013

Sie begegnen sich eines frühen Morgens auf der Holzstiege, der mit Bademantel bekleidete Herr Russla, auf dem Weg in die Bibliothek und sie, die kleine Maus, mit einem glänzenden, makellosen Fell – bis auf die kleine Brandstelle am Schwänzchen. Die Buchstaben im Buch werden klein, wenn sie spricht, ihre Stimme ist dünn, aber sie hat einen hochwohlgeborenen Namen, sie ist Lady Earl Grey, Abkömmling einer bedeutenden Sippe von Mäusen. Das mit dem Schwänzchen erklärt sich übrigens schnell, die Dame des Hauses hat gestern den Kamin angezündet: es war Brandstiftung, der Pelz der Mäuse, die es sich gerade in den Scheiten eingerichtet hatten, wurde versengt!

Es entwickelt sich ein Gespräch zwischem Herrn Russla, der die Maus durchaus nicht duzen muss (wie diese einmal anmerkt) und der Lady, die eine gewählte, kultivierte Sprache vorzieht, wohnt sie doch mit ihrer Sippe viel länger in diesem Haus als der Mensch. Ein Bild, das Zischler hier wählt, ein Bild für eine Situation, die es öfter gab: der Eroberer, der Forscher, der Neugierige oder auch der Habgierige betreten fremde Gestade und treffen dort auf Menschen, die schon lange dort sind, die ihre eigene Kultur haben – und was macht er? Feuer, verbrannte Erde…. hier und jetzt jedoch entwickelt sich ein Kontakt, ein Austausch…. es ist nicht das übliche Märchengespräch (der Autor ordnet seine Geschichte als Märchen für Erwachsene ein), eher ähnelt es den Gesprächen in Fabeln, in denen die Tiere ja mit dem Charakter, für den sie stehen, Menschentypen symbolisieren. Wir können ein beinahe philosophisches Geplauder über Bücher, über Papier, über Wissen, über das Aneignen von Wissen verfolgen, auch über die Alltagsnöte und die neuen Bedrohungen, denen das Geschlecht der Mäuse zu begegnen hat. Belesen ist es, das Volk der Mäuse, schließlich hat das Volk der Mäuse sich ganze Bibliotheken angeeignet! Jeder spricht von der Zerstörung der Bibliothek von Alexandria, aber niemand von der Arbeit der Mäuse (hier werden Erinnerungen wach an Fforde, der solche segensreichen Tätigkeiten ja den Buchwürmern zusprach…

„Nur wer Gedrucktes frisst, behält es auch! Wir verarbeiten es und verdauen und geben es der Welt wieder.“

Mäusewelt (die Terra incognita für den eindringenden Menschen) und Menschenwelt unterscheiden sich. Liebt der Mensch das Licht und die Farbe, zieht die Maus den Dämmer vor, das Grau.. Onkel Cheddar, so weiß Lady Earl Grey zu berichten, die es wiederum von der Duchess of Darjeeling (ihrer Stiefmutter) hat, hatte es seinerzeit sogar geschafft, über seinen Schatten zu springen. Die Chroniken von Gorgonzola, sie beherbergen die Weisheit der Mäusewelt… hier in der Menschenwelt lauern Gefahren, Vulpes zum Beispiel oder die tumben Mäusetöter, die dem Menschen nur schöne Augen machen und ihn mit ihrem Schnurren einwickeln, um selbst ihre Ruhe zu haben. Rotpetar, der durch die Tür ins Haus schlupft, ist so einer, halbstark schwadroniert er überall herum…

Wir bekommen die Welt der Lady erläutert, lernen ihre Bekannten und Verwandten kennen und, ja doch, es entwickelt sich eine Art Freundschaft mit Herrn Russla, der langsam Verständnis gewinnt…

Eine zu Recht gelobte wunderschöne Geschichte, die Zischler sich hat einfallen lassen, nicht nur für Erwachsene, wenngleich Kinder mit dem „literarischen“ Teil wohl ihre kleinen Verständnisprobleme haben dürften, aber das zu umschiffen, sollte kein Problem sein. Und genauso zu Recht kritisiert der Rezensent der FAZ die Zeichnungen, die für sich genommen fein sein mögen, für die feine, sensible, intelligente Geschichte jedoch – auch im gewählten Format – zu grob, zu flächig, zu wenig ziseliert…. aber trotzdem, es ist nur ein kleiner Wermutstropfen im ansonsten sehr wohl mundenen Mahl bereitet aus wohlgesetzten „Buchstabensalat an Papier“.

btw: Der letzte Satz der Geschichte …. ist rätselhaft, entzieht sich mir der Deutung. Um Vorschläge bin ich dankbar! ;-)

Links und Anmerkungen:

[1] Hanns Zischler liest aus „Lady Earl Grey“: http://www.youtube.com/watch?v=KyQ8H6vkcfc
[2] Andreas Platthaus: Mensch und Maus, Frankfurter Allgemeine Feuilleton, 22.06.2012

Hanns Zischler
Lady Earl Grey
mit Pinselzeichnungen von Hanno Rink
Arche Literatur Verlag, Pappeinband, 64 S., 2012

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4 Responses to “Hanns Zischler: Lady Earl Grey”

  1. Karin Says:

    -:)))) mir hat das Büchlein rundum gefallen und ich habe es schon verschiedentlich an erwachsene Kinder (meine Freundinnen)verschenkt…. die Lady ist eine süße Maus, die weiß, was sie will…

    Wehmut ist im letzten Satz versteckt, vielleicht die Furcht solche Geschichten in Zukunft nicht mehr träumen zu können bzw. in den vergangenen Jahren nicht geträumt zu haben?
    Sie haben Recht mit dem Rätselhaften….

    einen lieben Abendgruß aus dem wunderschönen Spätsommer zumindest hier am Main…..

    Karin

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    • flattersatz Says:

      eine gute freundin hat mir das buch des letzten satzes wegen gegeben, der ihr nicht erklärbar war… ich konnte ihr leider auch nicht helfen, habe aber dadurch einen kleinen buchschatz kennen gelernt. :-)

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  2. Dina Says:

    Danke für diese wunderbare Vorstellung, das Buch auf meiner Liste!
    Herzliche Grüße
    Dina

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  3. nweiss2013 Says:

    Das klingt nach einem sehr schönen Buch. Ich bin neugierig geworden und werde es mir anschauen.

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