Jesse Andrews: Ich und Earl und das sterbende Mädchen

22. November 2013

Hi.
My name is Jesse Andrews.
I am the author of Me and Earl and the Dying Girl.
I am also a dog who can type.
Specifically, a corgi. [1]

Gut gebellt, Jessi, du alter corgi…. es ist zumindest mal eine interessante, aus dem Rahmen fallende Selbstbeschreibung. Und eine neugierig machende, habe ich doch noch nie einen Roman gelesen, der von einem Corgi geschrieben wurde.

„Ich und Earl und das sterbende Mädchen“ suggeriert mit dem Titel eine Dreiecksgeschichte der besonderen Art, eine Auseinandersetzung mit dem Sterben und dem Tod im Jugendalter, so wie man sie bei Downham und Greene [2] mit ihren Romanen findet. Diesen Zahn zieht uns der Autor aber selbst recht schnell….

Widmen wir uns daher erst einmal dem Protagonisten und Erzähler der Geschichte, die in Pittsburgh, PA, spielt (aus dieser Stadt stammt übrigens auch der Autor). Greg ist ein 17jähriger Schüler in der letzten Klasse der Highschool, sein Selbstbewusstsein ist nicht sonderlich ausgeprägt, er legt sich ungern fest, sein Prinzip ist es, sich möglichst aus allem herauszuhalten, auch keine Freundschaften einzugehen, denn Freundschaften bedeuten ja, sich zu jemandem zu erklären. Seine Kunst ist es, sich zu allen so unverbindlich zu verhalten, daß er trotzdem nicht zum Aussenseiter wird. Erklärend erläutert uns der Autor dies in einer ausführlichen Taxonomie der Schüler von Gregs Schule, die sich in viele unterschiedliche Gruppen und Sub-Gruppen spalten, Greg gehört keiner an, kann aber mit jeder. Bestimmt Räume wie z.B. Cafeterien, meidet er aber, da er hier quasi in der Öffentlichkeit agiert, es ihm möglicherweise von Angehörigen anderer Gruppierungen ungünstig ausgelegt werden könnte, spräche er kurz mit einem Mitglied einer anderen Gruppierung.

Mädchen sind ihm fremde Wesen, in ihrer Gegenwart retardiert Greg vollends zum tittenfixierten Dreizehnjährigen (falls ich damit jetzt einen 13jährigen kränken sollte, bitte ich um Entschuldigung), nichtsdestotrotz zieht es den ja wohl schon Pubertierten hin zu dieser Spezies. Das Ergebnis ist voraussehbar: peinliche Situationen en gros, da Gregs sein triebgesteuertes Hirn meist auf Autopilot schaltet. Thematisch reduziert sich das Ganze dann zum Beispiel auf verbale Exkursionen zu Thema Alienkotze. Nimmt es da wunder, daß Greg als schrill und bizarr gilt, er irgendwie den Status eines Zootiers hat?

Schrill und bizarr: Earl, nicht wirklich sein Freund, sondern eher der Kumpel, mit dem er ein besonderes Interesse teilt, fällt auch unter diese Charakteristik. Aber immerhin scheint er noch der normalste einer Familie gewaltbereiter Soziopathen zu sein. Mit Greg teilt Earl die Leidenschaft für Werner Herzogs „Aguirre, der Zorn Gottes“, einen Film [3], den sich die beiden schon als Zehnjährige in der Originalfassung mit Untertiteln -zig mal zu Gemüte führten und der nicht ohne Folgen blieb: die beiden Jungens kaprizieren sich seit diesem „Erweckungserlebnis“ die nächsten Jahr darauf, selber Filme zu drehen. Filme, die sie keinem Menschen zeigen wollen, dies vllt auch ein Akt unbewusster Humanität ihren Mitmenschen gegenüber.

In diese Lebenssituation Gregs platzt nun etwas, was für ihn der GAU ist: seine Mutter bittet ihn, sich um Rachel zu kümmern, eine Mitschülerin mit der ihn eine verpatztes Date verbindet sowie die Vorstellung großer Zähne und gelocktem Haar. Rachel ist an Leukämie erkrankt und ausgerechnet Greg soll als Kranken- und dann auch Sterbebegleiter für sie da sein….

Ich will jetzt auf Details nicht eingehen. Daß Greg mit dieser Rolle erst einmal überfordert ist, ist klar, andererseits fügt er sich dem mütterlichen Diktat und geht zu Rachel. Immer im Bemühen, diese zum Lachen zu bringen, kann man sich nach dem was ich von Greg schon geschrieben habe, denken, daß da kommunikativ viel Luft nach oben bleibt…

Irgendwann kommt eine Freundin auf die Idee, daß Greg und Earl doch einen Film drehen könnten für Rachel. Denn -warum auch immer, das wird nicht erläutert – Rachel, die als eine der wenigem Menschen die Filme der beiden sehen darf, gefallen diese Streifen. Dieses Projekt zeitigt ungeahnte Auswirkungen, mal abgesehen davon, daß es überhaupt nicht klar ist, was für einen Film man drehen könnte: Greg und Earl rutschen ins Rampenlicht der (Schul)Öffentlichkeit, einen Ort, den beide bisher im ihrem Leben so erfolgreich gemieden haben…

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„Wenn du auf Maul willst, ich geb dich auf Maul.
Fuck Scheisse Wichser Arsch.“
(Nizar, der mürrische Syrer)

„Ich und Earl und das sterbende Mädchen“ ist ein Roman, der mich in Schwierigkeiten bringt. Zum einen ist er – um was Positives zu sagen – gut lesbar, auch durchaus unterhaltsam – zumindest phasenweise. Andererseits kann man aber auch zehn oder zwanzig Seiten überblättern ohne in Gefahr zu laufen, etwas zu versäumen….. der Roman ist eine permanente Pubikumsbeschimpfung, der Autor bzw. sein Protagonist als Ich-Erzähler wird nicht müde zu betonen, wie blöd doch der Leser sei, das Buch nicht schon lange in die Ecke geschmissen zu haben, so besch…eiden wie es sei. Irgendwann aber ist beim Lesen diese Masche des zur Schau gestellten Minderwertigkeitsgefühls, mit dem vllt nur Widerspruch herausgefordert werden soll, ausgeleiert und nervt….

Der Roman ist auch kein Roman über ein sterbende Mädchen (etwas, was der Autor – zumindest im Text im Gegensatz zum Titel – auch vehement abstreitet), es ist keine Geschichte, in der Mitgefühl, Mit-Leiden eine Rolle spielt. Es ist ein Buch über die Probleme eines 17jährigen Jungen mit sich selbst, eines Heranwachsenden, der von seinen Eltern im Stich gelassen wird (anders kann ich es nicht sagen, wenn eine Mutter ihren Sohn zu einer schwer Kranken bzw. Sterbenden schickt wie einen Hund zum Apportieren, ohne daß der Sohn selbst auch behütet und/oder begleitet wird) und innerlich überhaupt nicht reif genug ist für so eine Aufgabe. Und allein die mehrfach betonte Tatsache, daß auf rührselige Szenen, aufkeimende zarte Gefühle vergeblich gewartet wird in der Geschichte, ist noch kein Qualitätsmerkmal für die Story.

Die vllt besten Seiten im Roman sind die zwei Standpauken, die Earl seinem Kumpel Greg hält, in denen er ihm den Spiegel vorhält: „...[Rachel ist] .. ungefähr der einzige Mensch, dem du nicht scheißegal bist, Sie hat zwar keine Supertitten, darum ist sie dir auch scheißegal, aber diese andere Tante da, die interessiert sich einen Scheiß für dich, aber Scheiße, Rachel tut es, aber das ist dir ja so was von scheißegal, weil du eine miese kleine Pissnelke bist.

hart, aber herzlich, …. fäkal orientierter Humor kommt ja in Deutschland auch immer ziemlich gut an…

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Ich habe mich bei diesem Buch durch Besprechungen, die immer recht positiv waren, zum Kauf animieren lassen. Dieses Urteil kann ich nicht teilen. Sicher, es gibt witzige Szenen, zumindest witzig beschriebene Szenen darin, slapstickartiges mit überraschenden, assoziativen Resümees, etwas wenn die ausführliche Beschreibung der Schulcafeteria zur Schlussfolgerung führt, es sähe in etwas so aus wie im offenen Strafvollzug…  auch die Idee, manche Szene oder Dialoge scriptartig wie in einem Drehbuch zu schreiben, ist unterhaltsam. Aber im Großen und Ganzen langweilt das Gequassel dieses komplexbeladenen 17jährigen Schülers, der sich mit der „Aufgabe“, eine schwerkranke Mitschülerin zu begleiten, hoffnungslos überfordert fühlt. Interessant ist, daß der Autor uns durch das Urteil der Mitmenschen von Greg zu vermitteln sucht, daß Greg seine Aufgabe gut macht, leider ist mir nicht klar geworden, wodurch…. vielleicht sind die anderen auch nur froh, daß jemand, der nicht sie selbst sind, diese Aufgabe übernommen hat und sie wollen ihn durch ihre Bewunderung bestätigen… immerhin, auch wenn erst ganz zum Schluss, wendet auch Greg den Fokus ab von sich selbst und er scheint zu verstehen, was es bedeutet, wenn jemand stirbt. Genauso wie der Autor ihm die ersten halbwegs vernünftigen Gedanken über seine Zukunft in den Mund legt…

Zum Abschluss kann ich es mir nicht verkneifen, noch eine Stelle aus dem Roman zu zitieren, die wohl zu den humorvollen Passagen gehört, bei denen man „plötzlich loslachen…  [muss], einfach, weil es lustig geschrieben ist.“ [4]. Earl und Grey resp. Greg sitzen beim Vietnamesen und essen eine Suppe: “ Was für eine Scheiße schmeißen diese Vietnamesen eigentlich in ihre Suppe?“ sagte er [i.e. Earl]. „Guck dir das Ding hier an, sieht aus wie ein Hodensack.“ … Das soll ein Hodensack sein? Nicht eher ein Arschloch?“ – „Diese runzlige Kacke? Das ist ein Sack. ….“ usw usw. Guten Appetit!

Links und Anmerkungen:

[1] http://jesseandrews.com/bio: about me
[2] Jenny Downham: Bevor ich sterbe
– John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter
[3] wer es greg und earl nachtun will: link zum film auf youtube: Aguirre, der Zorn Gottes
[4] so Nadja Götz im hr-online: http://www.hr-online.de/website/specials/buchmesse2013/index.jsp?rubrik=80303&key=standard_rezension_49771311

Buchvorstellungen zum Thema „Sterben, Tod“ im Themenblog

Jesse Andrews
Ich und Earl und das sterbende Mädchen
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Ruth Keen
Originalausgabe: 2012
diese Ausgabe: Heyne Verlag, München 2013, 304 S.

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2 Responses to “Jesse Andrews: Ich und Earl und das sterbende Mädchen”

  1. Bücherphilosophin Says:

    Ich hab das Buch ebenfalls gelesen, auch wenn das nun schon ein Weilchen her ist. Ich glaube, im Gegensatz zu „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, ist „Ich und Earl und das sterbende Mädchen“ nicht unbedingt ein Buch, das man auch als Erwachsener genießen kann.
    Du hast recht, der Humor ist manchmal ziemlich platt und irgendwann wird es zu viel. Trotzdem habe ich mich damals recht gut amüsiert, war aber auch gerade eben dem Jugendalter entwachsen ;)
    Ich denke am unterhaltsamsten ist das Buch doch für Jugendliche und insofern ist es vielleicht gar nicht schlecht ein „Krebsbuch“ auf dem Markt zu haben, das nicht in Selbstmitleid ertrinkt.

    LG, Katarina :)

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    • flattersatz Says:

      liebe katarina, erst einmal ein „sorry“, daß ich mir mit der antwort so viel zeit gelassen habe, aber genau diese, die zeit, ist im moment etwas rar bei mir… ;-)

      ja, sicher, man kann sich über diese sprache amüsieren, über diese fixierung auf „ekel“-haftes. wenn man bei kindern vorliest, sind geschichten, in denen gepupst wird und klos vorkommen, auch immer erfolgreich, soll heißen, amüsieren, rufen lacher hervor. wahrscheinlich, weil hier jemand eine grenze überschreitet, stellvertretend für den leser/hörer… im tv soll es ja auch solche formate geben… ;-) besser wird es dadurch natürlich nicht….

      ich bestreite einfach auch die von dir angeführte kategorisierung: es ist kein „krebsbuch“. es ist ein buch über greg und seine beteiligung an der kranken- und sterbegeschichte ist nur mittel zum zweck: nämlich zu schildern, wie hilflos und orientierungslos dieser unreife junge in dieser situation herumstolpert. erst ganz gegen ende der geschichte ist erkennbar, daß vllt doch eine entwicklung in ihm stattgefunden hat, daß die konfrontation mit dem richtigen leben vllt doch etwas in ihm in gang gesetzt hat. earl ist in dieser hinsicht viel weiter…

      mich würde zum schluss auch noch interessieren, wieviel vom autor in greg steckt…..

      lg
      fs

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