John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter

29. Oktober 2012

Sterben ist Scheisse.

John Green hat mit „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ ein sehr erfolgreiches Buch geschrieben, das auch von der Kritik hochgelobt wird. Dabei ist das Thema seiner Geschichte keineswegs einfach, im Gegenteil, der Tod von Kindern, Jugendlichen, deren Dahinsiechen unter einer quälend tödlichen Krankheit dürfte mit zum schwierigsten gehören, was man sich als Sujet aussuchen kann. Schmal ist der Grat zwischen ernsthafter Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod, mit der Umkehrung der natürlichen Ordnung, daß Eltern vor den Kindern sterben und dem Abgleiten in rührseligen Kitsch, der von aufgewärmten Klischees heldenhafter Menschen, die mit sich und ihrer Umwelt im Reinen in den Tod gehen.

Green stellt zwei Personen in den Mittelpunkt seiner Geschichte. Da ist vor allem die 16jährige Hazel, bei der mit 13 Jahren ein Schilddrüsenkarzinom diagnostiziert worden war, der in die Lunge metastasierte. Durch ein (real nicht existierendes) Medikament konnte der Krebs in einer experimentellen Therapie im Wachstum gestoppt werden. Hazels Lunge ist aber so geschädigt, daß sie nur mit Hilfe von zugeführtem Sauerstoff ihren reduzierten Alltag halbwegs bewältigen kann. So treffen wir das Mädchen nie ohne ihre Sauerstoffflasche (ihr „metallernes Ich“) an, regelmäßig muss sie ins Krankenhaus, das Krebswasser, das sich in ihrer Lunge ansammelt, punktieren lassen….

Im Wesentlichen ihrer Mutter zuliebe geht sie hin und wieder in eine Selbsthilfegruppe, die vom eierlosen (O-Ton Hazel) Patrick geleitet wird. Bei einem dieser Nachmittage trifft sie auf einen „Neuen“, der sie unverhohlen anschaut, der ein Grinsen im Gesicht hat und garnicht mal so schlecht aussieht. Sie lernen sich kennen, natürlich, und obwohl Hazel sich dagegen wehrt, kann sie es nicht verhindern, daß sie Augustus Waters, genannt Gus (17 Jahre alt), der nur noch ein Bein hat, weil das andere der Knochenkrebs gekostet hat, um zu schauen, wie der Kerl so schmeckt, immer lieber gewinnt…

Die Diagnose „Krebs“ kann einen Menschen zerbrechen oder sie kann ihn reifen und wachsen lassen. Green hat sich für letzteres entschieden. So ist die Art und Weise, in der Gus und Hazel miteinander kommunizieren, wahrscheinlich nicht typisch für Jugendliche in diesem Alter: sie tun es über Bücher, über Gedichte… shoppen und Basketball sind nicht mehr ihre Themen. Besonders Hazel ist von einem Buch eines holländischen Schriftstellers sehr beeidruckt, auch hier geht es um ein Kind, das Krebs hat, aber der Autor hat das Ende offen gelassen und Hazel und Gus, dem sie das Buch zum lesen gegeben hatte, rätseln, wie das weitere Schicksal der Figuren (und das eigene?) wohl aussehen möge…. Besonders Hazel wird von dieser Frage fast schon obsessiv in Besitz genommen, und Gus versucht alles, eine Antwort zu finden…

Durch das Wirken von (im übertragenen Sinne) Feen haben die beiden die Gelegenheit nach Holland zu fliegen, um diesen Schriftsteller zu besuchen und ihn des ausstehenden Endes wegen zu befragen. Doch van Houten erweist sich als mieser Alkoholiker, desillusioniert, feist, fett und gebrochen. Die von ihm geschriebene Geschichte endet einfach so wie auch ein Leben endet, wenn der Krebs es sich geholt hat. Es gibt keine Fortsetzung.

Krebs ist eine Nebenwirkung des Lebens.

Zurück zu Hause erweist sich dann, daß das Schicksal wirklich ein mieser Verräter ist…. mehr will ich an dieser Stelle zum Fortgang der Geschichte nicht sagen.

Auch wenn Gus sozusagen die männliche Hauptrolle in diesem Roman spielt, konzentriert sich Green doch auf Hazel und ihre Familie. Mit Hazels Erkrankung hat sich natürlich auch deren Leben völlig verändert, es kreist verständlicherweise nur noch um das Befinden der Tochter, so sehr, daß Hazel ihrer Mutter einmal vorwirft, daß sie durch die Mutter quasi instrumentalisiert würde, daß es ihre Aufgabe wäre, das Objekt der mütterlichen Fürsorge zu sein. Doch wir können beruhigt sein, die Mutter lernt heimlich (damit die Tochter nicht denkt, sie sei ihr nicht mehr wichtig) für eine Ausbildung als Sozialarbeiterin, die nachher Krebskinder betreuen kann… und das wiederum findet Hazel ganz toll. Na ja, für mich war das so eine der Stellen, bei denen ich dachte, das ist doch jetzt etwas arg übertrieben.

Ein weiterer Punkt ist die Art und Weise, in der Hazel und Gus mit ihrer Krankheit umgehen. Sehr beherrscht, auf hohem Niveau, viele ihrer Ängste werden in literarische Vorlagen, seien es Gedichte oder Romane projiziert .. auf einem Level, der für den/die normale 16-/17jährige sehr hoch ist. Isaac, eine der Nebenfiguren, erscheint mit seiner hilflosen und blinden Wut, in der er alles zerschlägt, was er in die Hände bekommt, da schon realitätsnäher. Andererseits – unter dieser immerwährenden Todesdrohung reift man schneller und so mag es sein, daß man seinem Alter geistig deutlich davon gelaufen ist… wenn es körperlich schon nicht mehr geht…

„Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ ist ein Krebsbuch, aber nicht nur. Es ist auch eine rührende Liebesgeschichte zweier Menschen, die sich nicht mehr schenken können als eine kleine Unendlichkeit des Zusammenseins in endlich vielen Tagen. Vielleicht übertreibt Green auch hier ein wenig, die Szene im Anne-Frank-Haus in Amsterdam scheint mir schon etwas jenseits der Kitschgrenze angesiedelt zu sein…. Bei dieser Lovestory geht auch um die Frage, ob ein Todgeweihter überhaupt noch solche intensiven Gefühle zu Menschen zulassen darf, Menschen durch Gefühle an sich binden darf, obwohl er wahrscheinlich/vielleicht/unter Umständen/vermutlich bald sterben, auf jeden Fall nie gesund sein wird. Dies ist eine schwierige Frage, Green beantwortet sie nicht in philosophischer Tiefe, sondern ganz lebensbejahend praktisch: da das Leben nicht mit der Diagnose aufhört, noch nicht einmal mit dem Sterben, sondern erst mit dem Tod, ist auch die Liebe und das Geliebtwerden etwas, was man zulassen darf…

Überhaupt reisst Green viele Fragen und Probleme an, die man ggf tiefer und eingehender durchdenken müsste. Welche Auswirkungen und welche Bedeutung hat es für die Familie, wenn ein Familienmitglied so schwer krank wird und intensive Hilfe braucht? Kann Krankheit auch instrumentalisiert werden? Was braucht der kranke Mensch überhaupt, Mitleid, Anteilnahme, praktische Hilfe oder einfach nur Akzeptanz, wie geht man mit ihm um? Muss man überhaupt mit ihm umgehen, ihm damit eine Sonderrolle zubilligen oder soll man so tun, als wäre nichts? Wieviel Selbstbestimmung billigt man speziell Jugendlichen zu, kann man ihnen zubilligen, wenn es um medizinische Entscheidungen geht? Wie findet man, wenn es zu Interessenkonflikten kommt, das richtige Maß zwischen Rücksichtnahme und Eigeninteresse, sind Eigeninteressen überhaupt noch erlaubt? Fragen über Fragen, auf die man, wenn man in eine solche Lebenssituation gestellt wird (und dies kann täglich sein….), eine Antwort finden muss, denn selbst, wenn man sich weigern sollte oder auch unfähig ist, eine Antwort zu geben, ist auch dies schon eine….

Das Buch endet sehr traurig und anrührend, Green erspart dem Leser nicht, den Verfall eines krebsdurchseuchten Körpers mitzuer“leben“, in seiner immer weitergehenden Zerstörung… er zeigt aber auch, daß es sich immer noch um diesen einen speziellen Menschen handelt und daß ich auch diesen Sterbenden in all seiner körperlichen Erbärmlichkeit lieben kann.

So ist Green mit seinem Roman ein Buch gelungen, das sehr fesselnd ist. Es ist, denke ich, für Jugendliche geschrieben, insofern ist es akzeptabel, wenn viele Fragen, die man eingehender diskutieren müsste, eher nur angerissen werden. An einigen Stellen ist das Buch – jetzt hätte ich fast gesagt, amerikanisch.. – für mein Empfinden etwas zu übertrieben, den Besuch des Anne-Frank-Hauses habe ich schon erwähnt, die Generalprobe für die Trauerfeier wäre vllt eine weitere solche Szene… überhaupt scheinen mir die beiden Hauptpersonen etwas zu abgeklärt zu sein (und das nicht nur altersbezogen), aber na gut, so hat sie sich Green eben ausgedacht…

In jedem Fall ist „Das Schicksal….“ eine fesselnde, nachdenkenswerte, sehr gut geschriebene Geschichte, die besonders in der zweiten Romanhälfte auch kräftig auf die Tränendrüse drückt und die viele Ansatzpunkte bietet, um sich mit diesem schwierigen Thema „Sterben und Tod“ auseinanderzusetzen bzw. überhaupt einen Zugang zu finden…

Weitere Bücher zum Thema „Kinder/Jugendliche und Krebs“ hier im blog bei aus.gelesen:

– Jenny Downham: Bevor ich sterbe
– Sally Nicholls: Wie man unsterblich wird
– Eric-Emmanuel Schmitt: Oskar und die Dame in Rosa
– Christel und Isabell Zachert: Wir treffen uns wieder in meinem Paradies

bzw. in meinen Themenblog: „Sterben, Tod und Trauer

John Green
Das Schicksal ist ein mieser Verräter
aus dem Englischen übersetzt von Sophie Zeitz
Hanser Verlag, HC, 2012, 284 S.

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13 Responses to “John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter”

  1. wortsplitter Says:

    Huch, Das Buch kenne ich :D
    Interessant, was du zu einem meiner Lesehighlights 2012 zu sagen hast. Ich hatte das Buch Anfang des Jahres in Originalsprache gelesen und nach allem, was ich von der deutschen Übersetzung gesehen habe, bin ich ganz froh drüber.

    Achja, J.G.sagt ganz bestimmt,dass er seine Bücher für Young Adult Bereich schreibt. Allerdings sind seine Jugendlichen oft überdruchschnittlich intelligent und erstaunlich reif für ihr Alter.
    (Nerds halt :) )

    Mir war beim Lesen aufgefallen, dass die Charaktere ihm selbst sehr ähnlich „klangen“. (Er selbst ist eben auch ein Nerd.) Ich kenne John Green ja von seinen wöchentlichen Youtube – Blogvideos, die er mit seinem Bruder macht. Ausserdem „unterrichten“ sie Geschichte und Wissenschaftliches in anderen Youtube-Channels. Das ist eine ganz spannende Sache.

    DFTBA

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    • flattersatz Says:

      tja, das ist wahrlich ein punkt, der mir oft durch den kopf geht, wenn ich schreibe, der autor xy hat dies und jenes. hat er überhaupt? oder ist das von mir angemerkte der übersetzung zuzurechnen? ich weiß es nicht. leider sind meine fremdsprachenkenntnisse zu sehr eingerostet, als daß sie für anspruchsvollere literatur (und dann sowieso nur englisch) ausreichen würden, und so bleibt´s halt bei den eingedeutschten werken… danke für den hinweis auf greens weitere aktivitäten!

      lg
      fs

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  2. atalante Says:

    Interessante Rezension zu diesem Bestseller. Denis Scheck hat das Buch in die Tonne befördert. Auch interessant.

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    • flattersatz Says:

      ich habe jetzt von schenk nur diesen kurzveriss gefunden, der mich aber wahrlich nicht überzeugt. wenn es ein jugendbuch ist, was keiner abstreitet, muss man meiner meinung nach schon abstriche machen, was die tiefe angeht (das habe ich ja auch „moniert“), ein wichtiger punkt ist für mich, daß jugendliche überhaupt lesen, zumal bücher mit solcher thematik. im gegenteil könnte die fehlende tiefe mancher punkte ansatz sein, um das buch zu diskutieren, z.B. die frage: darf ich menschen an mich binden, wenn ich weiß, daß ich bald sterben werde… und ein buch über zwei todkranke teenager zu schreiben, das beim leser kein mitleid hervorruft, das dürfte schwierig fallen. insofern ist an schecks kritik eigentlich nur der letzte satz relevant: ich liebe es nicht. muss er ja auch nicht…

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  3. atalante Says:

    Stimmt, er hat seine Abneigung nicht ausführlich begründet. Ich kenne den Roman nicht, kann ihn also nur aufgrund diverser Rezensionen beurteilen. Aber die Tatsache, daß er auf den obersten Plätzen einer Bestsellerrangliste steht, führt dazu, daß mir dieses Buch immer wieder in Gesprächen begegnet. Ich mache dann oft die Erfahrung, daß es schwierig ist derartige Schicksalsliteratur zu kritisieren, da sie sich bei vielen Lesern alleine durch ihren Gegenstand in einen sakrosankten Zustand erhebt. Es ging mir z.B. auch bei „Die Hütte“ so, die ich natürlich ebenfalls nicht gelesen habe. Das fällt bei mir unter Erbauungsliteratur, und davor graust es mir. Darum bin ich sehr froh, wenn eine publikumswirksame Stimme auch mal Kritik demonstriert.

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    • flattersatz Says:

      na ja, so aus vollem herzen kann ich dir nicht zustimmen, da ich einen gewissen widerspruch zwischen deiner ersten zeile („… seine Abneigung nicht begründet“) und der letzten („..Kritik demonstriert“) sehe… ich persönlich tue mich auch schwer damit, festzustellen, die fähigkeit einer geschichte, menschen anzurühren sei „mitleidspampe“ (so war doch der ausdruck), kann man es nicht auch als stärke einer geschichte ansehen so etwas zustande zu bringen? außerdem ist es – wie schon gesagt – ein jugendbuch und kein philosphischer roman über die ars moriendi

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  4. Mir hat das Jugendbuch sehr gut gefallen. Zu diesem Roman könnte man noch den Film „Death of a superhero“, nach dem gleichnamigen Roman von Anthony McCarten und nach dessem Drehbuch, anschauen. Darin geht es ja auch um einen Jugendlichen der Krebs hat und noch das Beste aus seinem allzu kurzen Leben macht. Einerseits hat der Film Humor, wie John Greens Roman auch, aber auch grossen Tiefgang, der mich sehr berührt hat. Die Solidarität und Hilfsbereitschaft der engsten Freunde kommt bei Green und McCarten zum Tragen.

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    • flattersatz Says:

      danke für deinen beitrag, liebe buechermaniac. superhero kenn ich nur dem namen nach, das wird sich aber sicher ändern. dafür habe ich den aktuellen nachfolger im programm (ganz normale helden), dessen besprechung wird bald online sein…

      lg
      fs

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  5. […] liest man ein Buch, von dem bisher (fast ) jeder Leser, den man kennt begeistert war? Von der ersten bis zur letzten Seite, aber so ganz […]

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  6. Leonhard Landes Says:

    Ich habe das Buch vor drei Jahren im Original gelesen. Ich finde es spannend, dass ihr hier über die (vielleicht fehlende) Tiefe diskutiert.
    Damals war ich gleich eingenommen von dem Ton, in dem Hazel erzählt; mal rotzfrech, mal zynisch-verbittert. Ich fand das sehr authentisch.
    Einige Szenen sind tatsächlich zu pathetisch, zu „amerikanisch“. Das hat mich auch immer davon abgehalten, die Verfilmung zu sehen.
    Trotzdem ist „The fault in our stars“ das wohl einzige Buch seit meiner Kindheit, bei dem ich weinen musste (und das sogar recht viel). Das mag an persönlichen Erlebnissen von mir liegen, ist aber doch ein Verdienst von Green.
    Aus diesem Grumd, und weil der Roman eine Erzählung von einer Jugendlichen (für Jugendliche) ist, und keine Familientragödie, finde ich nicht, dass es dem Roman am Tiefe mangelt. Es ist eben kein Kitsch, sondern gute (Jugend)Literatur.

    So, etwas verspätet meine Meinung. Aber eine tolle Rezension :)

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    • flattersatz Says:

      ich danke dir sehr für deinen „verspäteten“ kommentar zu diesem beitrag von mir, der im übrigen einer der meistbesuchtesten in meinen blog ist. und sicherlich einer über ein buch, dessen thema nie „alt“ werden wird….

      vielleicht würde ich es heute anders besprechen, eher den – wie du richtig bemerkst – jugendbuchcharakter herausstellen und diese mangelnde „tiefe“ nicht so sehr anmerken – ich weiß es nicht. ich weiß nur, daß ich beim lesen ganz sicher auch tränen vergossen habe, solche bücher gehen mir ziemlich nahe. die kunst des autoren eben…. ;-)

      herzliche grüße
      gerd

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