Antje Wagner: Unland

6. Juni 2012

Franka ist 14 Jahre alt und nach dem Tod ihrer Pflegemutter Martina von Berlin aus nach Sachsen-Anhalt unterwegs. Dort hat sie im Haus Eulenruh, einer Pflegeeinrichtung, einen Platz bekommen.

Ich glaube, ich habe noch nie irgendwo so richtig dazu gehört. Außer vielleicht zum Jugendamt.

Außer ihr wohnen noch sechs andere Kinder bzw. Jugendliche dort, die von einem Ehepaar betreut werden. Im Lauf des Buches werden wir mit dem Schicksal dieser jungen Menschen bekannt gemacht, und so schlimm und erschütternd diese Schicksale sind, man weiß, Wagner musste keine Fantasie aufwenden, um sie zu erfinden.

Die Geschichte des Buches wird aus der Sicht Frankas erzählt. Das Mädchen leidet unter seiner Vergangenheit, nicht nur der Tod der Pflegemutter, auch der tief in der Seele vergrabene Schrei für Jakob, für das, was mit Jakob geschah, ist noch da „…ein Tag vor zehn Jahren, .. ein tiefes rotes Loch in meiner Erinnerung, das immer noch pocht, pocht, pocht…“. Franka hat Probleme mit ihrem Körper, der muskulös ist und so garnicht dem Barbie-Ideal ihrer neuen Schulkameraden und -innen entspricht, auf den ersten Blick wird sie meist für einen Jungen gehalten. Im Haus Eulenruh freundet sie sich schnell mit den Zwillingen Ann und Lizzy an, auch mit den anderen Bewohner kommt sie mehr oder weniger schnell in Kontakt und die Distanz zu diesen schrumpft, ganz unbewusst entrutscht ihr nach einigen Tagen der Begriff „.. nach Hause gehen“, wenn sie wieder zurück nach Eulenruh will.

Eulenruh liegt mitten auf dem Land, aber Idyll ist anders. Besonders die Leiterin Vera, eine Stadtpflanze, fühlt sich von vielem bedroht, angefangen von den Mücken in der Luft bis hin zum dunklen, dunklen Forst mit seinem kleinen Badesee. Das Mähen der umliegenden Rasen wirkt wie ein steter akustischer Angriff, die Menschen im Dorf beobachten das Haus und seine Bewohner, diesen wird erstmal mit Misstrauen begegnet, sie sind stigmatisiert als Aussenseiter, Fremde, wenn nicht schlimmeres. Besonders intensiv erfahren dies die Jugendlichen in der Schule und die ersten Schultage von Franka sind geprägt von Auseinanderetzungen und Anfeindungen.

Aber irgendetwas stimmt nicht in diesem Ort Wagenburgen. Das Dorf hat einen nicht zu übersehenden, aber totgeschwiegenen Bruder, ein Dorf bestehend aus Ruinen, abgesperrt mit einem Elektrodraht und dem strikten Verbot, dorthin zu gehen. Keiner redet über dieses „Unland“, dunkel ragen die Ruinen aus den erntereifen Feldern heraus. Aber warum fährt dann Sielmann, der Nachbar mit dem Extrem-Rasentraktor regelmäßig mitten in der Nacht  zu diesem Un-Dorf? Franka kann ihn durch ihr Fernglas beobachten, aber sich keinen Reim darauf machen…. und noch etwas ist seltsam in diesem Wagenburgen: die vielen Stromausfälle, die das Dorf in der Nacht in undurchdringliches Dunkel hüllen.

Idylle ist anders: ein Waldarbeiter verletzt sich mit der Motorsäge, mutwillige Zerstörungen werden ausgeübt, Diebstähle…. bei letzteren werden sofort die Eulenruh-Bewohner verdächtigt, zumal Briefe auftauchen, die dies offensichtlich beweisen. So beschließen die Jugendlichen, die wahren Täter zu suchen und der Ort, an dem sie suchen müssen, scheint „Unland“ zu sein.

Wagners „Unland“ beschreibt die Schwierigkeiten einer Gruppe von Aussenseitern, in einer Gemeinschaft von Menschen, die mit Vorurteilen belastet sind, zu bestehen. Aussenseiter sind sie aus z.T. nichtigen Gründen: sie sind einfach nur fremd, aus Berlin, sehen nicht so aus, wie sie aussehen sollten, haben andere Interessen. Hier verwendet Wagner natürlich auch Stereotypen: die ewig tumben pubertierenden Jungen in der Klasse,  die aufgeputzten Mädels, die ignoranten Lehrer, die misstrauischen Nachbarn. Die Bewohner von Eulenruh dagegen sind mit viel Liebe gezeichnet, es gelingt der Autorin, die Seelenverletzungen der Jugendlichen nicht nur aufzuzählen und sie zu beschreiben, sondern sie auch mitfühlbar zu machen. Teilweise in lakonischer Kürze („Sie haben die Zigaretten auf ihm ausgedrückt und ihn Aschenbecher genannt.“) nimmt einem dies förmlich den Atem.

Manchmal denke ich, daß irgendwo in mir drin ein Schreien hockt. Ganz unten. Ein altes Schreien, da in dem Moment, wo es aus mir hätte herauskommen müssen, einfach stecken geblieben ist, und das jetzt immer noch in mir ist. Gefangen. Und das langsam verfault. Und mich von innen verpestet. Es sei denn, ich würde es rausschreien.“

Und noch ein Kunststück gelingt Wagner: sie vermittelt den Gedanken an Toleranz, an die Notwendigkeit, daß eine lebendige Gesellschaft nicht nur den Durchschnitt braucht, sondern zum Überleben auch die vom Durchschnitt, der Masse Abweichenden, die an den Rändern, die mit der anderen Herkunft, den anderen Ansichten, den anderen Fähigkeiten braucht. Natürlich, das Beispiel, an dem sie dies Franka zeigen läßt, eine gesunde Waldgesellschaft, ist mir besonders sympathisch… und wie sie da die Gauß´sche Normalverteilung einbaut: sehr, sehr hübsch….

Das Ende des Buches dann ist überraschend, es ist sauspannend, es ist resignierend, deprimierend, todtraurig und führt in eine logische Kurzschlussschleife, aus der es kein Entrinnen gibt. Man findet sich plötzlich in einer anderen Welt und möchte nur noch seine Verzweifelung rausschreien, auch als Leser nimmt einen das mit. Es ist mystisch angehaucht und bietet Platz für viele, viele Interpretationen… mehr will ich nicht verraten, das wäre unfair.

„Unland“ hat mich überrascht. Dieser (sprachlich einfach und gut verständlich verfasste) Roman ist mit viel Liebe geschrieben, soweit ich dies beurteilen kann, gibt er auch die Lebenssicht Jugendlicher in diesem Alter gut wieder und trifft ihr Lebensgefühl. Er nimmt sich einer Aussenseitergruppe an und schildert deren Schicksal, das – vom Ende des Romans her gesehen – unvermeidlich und zwangsläufigt ist. „Unland“ ist ein Jugendbuch für Jugendliche bis -zig  Jahre.

Antje Wagner
Unland
Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher, HC, 384 S., 2009

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2 Responses to “Antje Wagner: Unland”

  1. Marcha Says:

    wer ist idyll ?

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    • flattersatz Says:

      „Eulenruh liegt mitten auf dem Land, aber Idyll ist anders“.

      Ist wohl etwas umgangssprachlich. das Idyll ist definiert als: Idỵll
      Substantiv [das]: der friedliche Zustand eines (meist ländlichen)einfachen Lebens.

      ich denke, damit erklärt sich der satz dann von selbst.

      grüße

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