Jules Verne: Reise um die Erde in 80 Tagen

23. Dezember 2014

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Im Jahr 1869 wurde der Suezkanal eröffnet, der den Seeweg von Europa nach Indien und weiter nach Südostasien erheblich verkürzte, um bis zu 40 %. Ein Jahr später schon durchquerte George Francis Train [4] den Kanal auf seiner Weltreise von New York durch Amerika über den Pazifik, über Asien nach Europa und wieder zurück nach New York. Für diese Reise brauchte der 1839 in Boston geborende Amerikaner genau 80 Tage, der Trip war Vorbild für den vorliegenden Abenteuerroman von Verne, der wiederum drei Jahre später, 1873, erschien. Train (welch passender Name…) war über diesen Roman not amused, es wird als Reaktion von ihm der Ausspruch „Ich bin Phileas Fogg!“ kolportiert.

Phileas Fogg also. Ein insofern exzentrischer Engländer, als daß er eher als ein menschliches Metronom lebt: sein gesamter Tagesablauf ist penibelst auf die Minute durchgetaktet und dieser Zeitplan wird strengstens durchgehalten. Fogg ist nicht arm, er kann es sich leisten, in einem der vornehmnsten Clubs Londons, dem Reform-Club, zu residieren, wie er privat lebt, weiß ausser seinem Diener niemand und den hat er heute entlassen, da dieser das Rasierwasser um 2 Grad Fahrenheit zu kalt bereit gestellt hatte. Als Ersatz hatte sich ein Franzose namens Jean Passepartout beworben, der sich am 2. Oktober bei Fogg vorstellte, eingewiesen wurde und seinen Dienst antrat.

Just an diesem Tag geschahen zwei Dinge im Club: zum einen diskutierte man über einen frechen Bankräuber, der bei der Bank of England 55.000 Pfund erbeutet hatte und zum anderen las man eine Zeitungsmeldung, daß es mittlerweile durch die Verbesserung der Verkehrsmittel möglich sei, in nur 80 Tagen eine Reise um die Welt vorzunehmen.

Zwischen Zweifel und Überzeugung unter den Herren gab sich ein Wort auf´s andere und schließlich bot Fogg den übrigen Herren die Wette an, diese Behauptung höchstselbst zu beweisen und dazu die Summe von 20.000 Pfund in die Wette einzubringen. Man nahm die Wette an und Phileas Fogg durchbrach seine Lebensgewohnheiten, verließ den Club vorzeitig, hieß seinen völlig überraschten neuen Diener das Notdürftigste einzupacken und mit ihm sofort abzureisen…

Was nun folgt, ist in vielen handlichen kleinen Abschnitten eine Beschreibung der Reise. Ich will diese nicht in allen Einzelheiten wiedergeben (unter [1] findet man einen reichen Schatz an Infos, was den Roman angeht), die wichtigsten Stationen sind nach dem Start um 08:45 Uhr in London Brindisi, Suez, Aden, Bombay, Allahabad, Kalkutta, Singapur, Hongkong, Shanghei, Yokohama, San Francisco, New York, Dublin, Liverpool und am 21. Dezember, 08:50 Uhr wieder London.

Es geht, schließlich ist es ein Abenteuerroman, nicht ohne Komplikationen ab. Die erste ist schon, daß es einen unerkannten Verfolger gibt. Unglückseligerweise nämlich trifft die Beschreibung eines Verdächtigen, der bei diesem ominösen Bankrauf aufgefallen war, haargenau auf Mr Fogg zu, so daß einer der Polizeiagenten von der Idee besessen ist, Fogg sein der Bankräuber und ihm hinterher reist. Dieser Mr Fix schleicht sich in das Vertrauen Passepartouts ein, tätig werden, i.e. Mr Fogg verhaften, kann er jedoch nicht, da der Haftbefehl aus London nie rechtzeitig an der jeweiligen Station eintrifft. So reist er notgedrungen weiter mit den beiden bzw. fährt diesen hinterher.

Die Zeitungen melden viel, wenn der Tag lang ist. So ist auch zur Überraschung aller Reisenden die als fertig gemeldete Bahnstrecke durch Indien durchaus noch nicht fertig, einige -zig Meilen liegen zwischen den beiden Endstücken. Aber Fogg hat ein fast unschlagbares Argument auf seiner Seite: Geld. Er führt praktisch seine gesamten Ersparnisse mit sich und kann sich so großzügig aus (fast) allen Schwierigkeiten herauskaufen. Auf diesem etwas abenteuerlichen Teilstück ihrer Reise befreien die zwei Weltumfahrer kurzerhand auch noch eine wunderschöne junge Frau, die von fanatischen Hindus als Witwe eines Radschas mit dessen Leichnam verbrannt werden soll…. Dies kann ein Gentleman selbstverständlich nicht dulden und fortan begleitet Aouda die zwei, durch die Umstände des Schicksals verfügt, auf dem Rest der Reise…

So gab es der Hemmnisse viele. In Kalkutta erreichte Mr Fix, daß sich die beiden Reisenden vor Gericht verantworten mussten, da sie einen Tempel mit Schuhen betreten hatten. Die hohe Kaution, die zu zahlen war, hinderte Fogg keineswegs, stande pede mit Passepartout nach Singapur abzufahren.

Durch eine weitere Schlechtigkeit gelingt es Fix (er macht Passepartout mit Opium berauscht, so daß Fogg und Auoda ihn suchen und darob ihr Schiff verpassen) Herrn und Diener zu trennen. Doch Fogg wäre nicht der kühle Rechner, gelänge es ihm nicht, mit seinem Geld ein kleines Boot zu chartern, das zwar einen Taifun stand halten muss, aber mit dem er dann sein Schiff  in Japan wieder erreicht. Dort trifft er auf abenteuerlicher Weise auch auf wieder auf seinen Diener.

In Amerika angekommen sollten die Probleme eigentlich überwunden sein und eine geruhsame Restreise angetreten werden können. Weit gefehlt! Man gerät in eine üble Massenschlägerei (bei der Wahl eines Friedensrichters), muss mit dem Zug über eine zusammenbrechende Brücke rasen, wird von Indianern überfallen, die zu allem Überfluss Passepartout entführen. Durch die Befreiungsaktion verlieren die Drei sehr viel Zeit und im Hafen von New York liegt nur noch ein Schiff, das in Frage kommt für eine Überfahrt, leider weigert sich der Eigentümer hartnäckigst, seine Fahrt nach England umzuleiten… Kurzerhand kapert Fogg das Schiff, besticht die Besatzung und setzt den Kapitän fest…. die Überfahrt selbst ist alles andere als gemütlich und Fogg beweist eine enorme Improvisationsgabe, um überhaupt in England anzukommen….

.. dort geht die Hatz weiter, aber hier erreicht Mr. Fix sein Ziel: englischer Boden, englischer Haftbefehl: Fogg wird verhaftet. Bis Fix dann feststellt, daß der wahre Dieb schon vor einigen Tagen ins Gefängnis geworfen worden ist, vergeht viel Zeit, zuviel: auch brutalstmöglichst rasend erreicht Fogg erst um 08:50 Uhr sein Ziel, 5 Minuten zu spät….

Reiseroute von Ph. Fogg und seinem Team Bildquelle: [B]

Reiseroute von Ph. Fogg und seinem Team
Bildquelle: [B]

In der Saville Road, im Hause Fogg, herrscht tiefe Trauer, Fogg ist ein armer Mann, der all seine Mittel ausgegeben hat und den Rest jetzt als Wettschuld verlor. Doch das stört Auoda nicht, sie hält um seine Hand an, hat sie sich doch im Lauf der letzten Wochen immer mehr diesem Mann im Herzen genähert…. Fogg schickt daraufhin Passepartout, das Aufgebot zu bestellen, doch bald ist der Diener aufs höchste aufgeregt wieder zurück und schleift seinen Herrn eiligst in den Club, den dieser schließlich unter lautem Jubel der Anwesenden um 08:44:55 Uhr betritt…. „Ich bin da, meine Herren.

Was war geschehen? Da es überall steht, verrate ich es hier auch: durch die Reise nach… ach, ich verrate es doch nicht. Ich wusste beim Lesen selbst nicht, wo der Trick lag, und es war ein zum Schluss schönes Aha-Erlebnis: „Ja, klar, da hättest du auch drauf kommen können!“


Ein Abenteuerroman – natürlich. Aber auf den zweiten Blick dann aber noch mehr. Ein Loblied auf das Geld, den Materialismus. Denn „Money makes the world go around„, Phileas Fogg mit seiner prall gefüllten Tasche, aus der er nach Bedarf frei- und großzügig die Pfundnoten verteilt, um das, was er gerade braucht, wenn notwendig, zu kaufen: Elefanten ebenso wie Schiffe, Menschen so wie Tiere…. je mehr Geld, desto höher der Anreiz, selbst hartnäckige Widerstände werden letztendlich unter dem Ansturm des Pfundes bröselig. Und der Gegenüber läßt sich gerne kaufen, nimmt das angebotene Geld und geht dafür auch Risiken ein, die er normalerweise nicht eingehen würde…. So wird im Roman Geld das Medium, das alle Widerstände bricht, das alles möglich macht: alles ist käuflich, es ist nur eine Sache des Preises.

Die Zeit um 1870 war noch die Zeit, in der das Britische Empire in großer Blüte stand. Obwohl Verne ja Franzose war, klingt dies in seiner Geschichte durchaus durch, wir reisen mit Fogg und Passepartout, später auch mit Auoda, durch viele Kolonien, die oftmals noch mit wilden Eingeborenen, die blutrünstigen Riten anhängen, bevölkert sind. Andererseits achten die Briten, um die Eingeborenen Inder nicht zu Widerstand zu reizen, viele religiöse Riten, die beiden Protagonisten lernen dies schmerzlich kennen. Aber auch die Amerikaner werden als „wildes“Volk beschrieben, hart, aber herzlich: ausgerechnet bei der Wahl des Friedensrichters brechen die beiden konkurrierenden Parteien eine Massenkeilerei vom Zaun. Und immer halsbrecherisch mit Mut zur Lücke. Würde man diese Passagen (speziell die, die in Asien angesiedelt sind) intensiver studieren, ergäbe sich unter Umständen sogar ein Vorstellung über das Bild, das man sich zur damaligen Zeit über die britischen Kolonien bzw. Asien machte….

An einer Stelle jedoch geht Verne auf Distanz zu den Briten, nämlich in Hongkong. Dort wird – wir erinnern uns – Passepartout von Fix mit Opium ausser Gefecht gesetzt, dieses Opium wird von den Briten an die Chinesen verkauft mit dem Ergebnis, das ein ganzes Volk in einen kollektiven Dämmerzustand gerät und der Niedergang Chinas als asiatische Macht eingeleitet wird.

Der Roman liest sich, Grundvoraussetzung für einen Abenteuerroman, sehr gut und spannend, auch wenn Verne einzelne Etappen zum Teil sehr minutiös beschreibt. Aber die Handlung hat hohes Tempo und läßt wenig Raum für Abschweifungen, auch entwickelt Verne eine gehörige Portion Fantasie (bzw. schenkt sie seinem Protagonisten), mit der er aus ausweglos erscheinenden Situationen noch ein Schlupfloch findet. Warum aber ausgerechnet seine Hauptperson eine dermaßen (nach aussen hin) gefühlsarmen und einem Uhrwerk gleichenden Charakter hat, das ist mir ein Rätsel geblieben. Exzentrik hin, Exzentrik her: ich befürchte, wenn Auoda kein Wunder vollbrachte, wird sie nicht glücklich geworden sein….

„Reise in 80 Tagen um die Welt“: ein immer noch mit großem Spaß lesbarer Roman. Auch für Erwachsene!

Links und Anmerkungen:

[1] Jules Vernes „Voyages extraordinaires“: http://www.j-verne.de/verne14.html
[2] Wiki-Beitrag zum Buch: http://de.wikipedia.org/wiki/Reise_um_die_Erde_in_80_Tagen
[3] Jules Verne: In 79 Tagen um die Welt (Übersetzt von Volker Dehs) in: http://www.zeit.de/2003/08/Verne-Vortrag vgl. dazu auch: Christoph Drösser: Der geografische Verlauf der Zeit, in: http://www.zeit.de/2003/08/N_Datumsgrenze
[4] Wiki-Beitrag zu George Francis Train: http://de.wikipedia.org/wiki/George_Francis_Train

[B]ildquelle: Karte: [1], von Roke (Self-published work by Roke) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D, via Wikimedia Commons

Jules Verne
Reise um die Erde in 80 Tagen
mit Scherenschnitten von Sarah Schiffer
Übersetzt aus dem Französischen von Gisela Geisler
Originalausgabe: Le tour de monde en 80 jours, Paris, 1873
diese Ausgabe: Büchergilde Gutenberg, HC, ca 310 S., 2004

Ein Nachtrag, den ich Harald Sack von Biblionomicon (http://biblionomicon.blogspot.com) verdanke: Schon 1889 versuchte sich die Journalistin Nelly Bly an dieser Weltumrundung, die sie auch in deutlich kürzeren 72 Tagen bewältigte! Link: z.B. hier: http://www.nellieblyonline.com/bio#what

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2 Responses to “Jules Verne: Reise um die Erde in 80 Tagen”

  1. Tobi Says:

    Von Jules Verne hab ich auch schon einiges gelesen. Glaube bei diesem Buch kann man nicht all zuviel falsch machen. Vielen Dank für die Rezension, glaube das Buch setze ich auch mal auf die Liste. „Der grüne Blitz“ war bisher aber das schönste Buch von Verne, das ist auch schwer zu toppen.

    Liebe Grüße
    Tobi

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    • flattersatz Says:

      ich kenne von verne jetzt nur diese 80 tage. ganz, ganz früher habe ich glaube ich schon mal was von ihm gelesen, aber das ist in den untiefen des vergessens verloren gegangen… :-))

      dir auch herzliche grüße und viel spaß, wenn du die geschichte liest!
      fs

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