Karlijn Stoffels: Mojsche und Rejsele

2. Januar 2014

Karlijn Stoffels „Mojsche und Rejsele“ spielt im Wirkkreis des polnischen Arztes und Pädagogen Janusz Korczak [6]. In den Mittelpunkt gestellt und als Erzähler fungiert jedoch eine andere Figur, ein damals 13jähriger jüdischer Junge, Mojsche. Diesem begegnen wir in der Rahmenhandlung ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende in Tel Aviv als älterem Mann. Unwirsch reagiert er auf die Bitte eines Journalisten, seine Erinnerungen an seine Zeit im Waisenhaus von Dr. Korczak zu erzählen, hat er diese Erinnerungen doch tief in sich begraben. Doch das Gespräch mit dem Journalisten wühlt ihn auf, das lang Verdrängte kommt nach oben und er fängt an, sich zu erinnern…

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„Ins Waisenhaus kamen Kinder aus dem Dschungel des Lebens, aus dem Armenviertel, der Prostitution, der Erniedrigung und der Härte. Diese Kinder brachten Ängste und Furcht mit sich, Gewohnheiten des Selbstschutzes vor Erwachsenen, Misstrauen gegenüber der Welt, Argwohn und eine Wertskala, die auf Gerissenheit und Betrug basierte.“ [2, S. 19]

… ein Höchstmass an Initiative, Selbständigkeit und einträchtigem Zusammenleben der Zöglingen in ihrer organisierten jungen Gemeinschaft zu erreichen. …. Korczak war ein Befürworter der physischen Arbeit eines jeden Menschen … sein Ideal war, bis an die Leidenschaft grenzende Arbeitsamkeit..“ [2, S. 21]

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Es ist 1939 in Warschau, Mojsche, der blond ist und groß gewachsen und damit keineswegs dem Zerrbild des Juden im „Stürmer“ entspricht, steht mit seiner Tasche vor der Krochmalna 92 [3], dem bekannten Waisenhaus Dom Sierot von Korczak. Es ist nicht so, daß er sich dort wirklich wohl und heimisch fühlt, Mojsche stammt aus einer assimilierten Familie, an einer Stelle des Buches wirft er orthodoxen Kindern vor, daß sie kein Wort der Sprache des Landes, in dem sie leben, sprechen könnten… Er bleibt immer ein wenig ein Aussenseiter, der das Geschehen kritisch beäugt und sich in manches nur widerwillig fügt, der vieles nicht einsieht. Auch seine Fäuste weiß er zu gebrauchen. Am wohlsten fühlt er sich in der kleinen Werkstatt bei Piotr, wo er stundenlang schreinert, feilt, schleift und sägt. Besonders zwiespältig ist sein Verhältnis zu Rejsele, einem Mädchen, das schon lange bei Dr. Korczak ist. Einerseits ist gerne in der Nähe des Mädchens, erste pubertäre Triebe, die sich bemerkbar machen, andererseits ist er (wie sollte es andern sein) ungeschickt und kränkt das Mädchen eher als daß er ihr was Nettes sagt, was seinem Gefühl viel eher entspräche.

Stoffels beschreibt das Leben im Waisenhaus, das klug durchorganisiert ist, in dem Korzcak mit seinem reformpädagogischen Ansatz den Kindern viel Raum läßt und ihnen Verantwortung überträgt. So gibt es ein Kindergericht, in dem die Kinder in einer nachgestellten Gerichtsverhandlung Verstöße gegen die Hausordnungen eigenverantwortlich ahnden. Ein Schwerpunkt des Hauses sind die Bemühungen des Arztes um hygienische Verhältnisse und um Essen, denn das ist knapp, sehr knapp… es wird viel improvisiert, es wird Schmuck gebastelt für die jüdischen Feiertage, die man natürlich feiert, auch wenn gerade an solchen Tagen von den Besatzern gern und häufig Hausdurchsuchungen gemacht werden.

Im Sommer geht es mit den Kindern immer in ein Sommerlager, hier wird viel im Freien gearbeitet, auf dem Feld, im Garten… Viele junge Leute üben und lernen in diesem Camp für die Urbarmachung des Landes in „Eretz Israel“, in das sie ziehen wollen…

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Mitte 1940 erging der Befehl zur Errichtung eines Ghettos in der polnischen Hauptstadt Warschau. Einen Monat später war es hermetisch abgeschlossen. Im sogenannten „Generalgouvernement“ wurde im Herbst 1939 zuerst der „Judenstern“ als äußere Kennzeichnung eingeführt. Für die Juden des Reiches geschah dies zwei Jahre später….“ [1, S. 274]

In Polen zog sich der Strick auch um seine Kinder in der Krochmalna 92 zusammen. Die Nachbarn des Waisenhauses belästigten die Kinder: „Dreckige Juden“, „Juden nach Palästina“, Aufschriften an den Hauswänden: „Juden ins Ghetto“…“ [2, S.34]

Ein Augenzeugenbericht: „Das letzte Mal war ich dabei als die Waisenkinder vom Waisenhaus in der Krochmalna 92 ins Ghetto übersiedelt wurden. Die Kinder konnten nur das mitnehmen, was sie tragen konnten; sie gingen zu zweit, an der Spitze des Zuges ein rot-weißes Transparent und am Schluss der Judenstern.  Die Kinder sangen ein auch im Deutschen bekanntes Lied. Die Deutschen hatten es begriffen und daraufhin den Doktor herausgerissen und in Arrest genommen. …“ [2, S.39]

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Nachdem die ersten Ghettos in Polen errichtet wurden, z.B. in Łódź [4], gibt es Gerüchte, daß dies auch in Warschau geschehen soll. Unvorstellbar für die Menschen, Hundertausende Juden hier hinter Mauern einzusperren.. und doch…. Mojsche schaut sich das Viertel an, in dem das Ghetto eingerichtet werden soll, es ist für ihn ausgeschlossen, daß er dahin geht. So verläßt er das Waisenhaus, Piotr kann ihm eine Adresse geben von Untergrundkämpfern, an die er sich wenden kann.

Das tut er auch und er wird als Kurier eingesetzt, aber schon beim ersten Auftrag hat er Schwierigkeiten, denn er will verbotenerweise auch ein Geschenk für Rejsele besorgen. Mit viel Glück kann er sich dennoch retten, er kann auf einem Bauernhof arbeiten, im November, der klassischen Zeit, in der die Schweine geschlachtet werden und er dabei helfen muss, es gibt viel zu essen in dieser Zeit, fettes Schweinefleisch, Suppe, Speck… und und und… alles keine jüdischen Spezialitäten.

In den folgenden Monaten ist er häufiger im Ghetto, um Aufträge zu erledigen. Die Zustände dort sind grausam, es ist normal geworden, daß die Kinder auf der Straße spielen, auf der direkt daneben die Leichen der verreckten Menschen liegen… er besucht Rejsele in der neuen Unterkunft, denn selbstverständlich musste auch das Waisenhaus „umziehen“… mager ist sie, spitze Knochen, ihr herrlicher Zopf ist ab wegen der Läuse, die sich vermehren, da es keine Desinfektionsmittel mehr gibt, so wenig, wie es Essen gibt… täglich werden Tausende Juden zum „Arbeitseinsatz“ in den Osten transportiert…

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Gestern [i.e. 2. August 1942] wurde das Internat, dessen Leiter der bekannte Erzieher Janusz Korczak war, geschlossen deportiert. Die Deutschen erlaubten dem Pädagogen zu bleiben, doch er lehnte das Angebot ab.“ 
„Die faschistischen Kindermörder waren von einer wilden Wut erfasst, sie schossen unaufhörlich. 200 Kinder standen zu Tode erschrocken da, gleich würden sie bis auf das letzte erschossen werden. Und dann geschah etwas Aussergewöhnliches: Diese 200 Kinder schrien nicht, 200 unschuldige Wesen weinten nicht, keines von ihnen lief davon, keines verbarg sich, sie schmiegten sich nur wie kranke Schwalben an ihren Lehrer und Erzieher, ihren Vater und Bruder, an Janusz Korczak, damit er sie behüte und beschütze. Er stand in der ersten Reihe. Er deckte die Kinder mit seinem schwachen, ausgemergelten Körper. Die Hitlerbestien nahmen darauf keine Rücksicht. Die Pistole in der einen, die Peitsche in der anderen Hand bellten sie „Marsch!“. Wehe den Augen, die dieses furchtbare Bild mitansehen mussten. Janusz Korczak, barhäuptig, mit einem Lederriemen um den Mantel, mit hohen Stiefeln, gebeugt, hielt das jüngste Kind an der Hand und ging voraus. Ihm folgen einige Schwestern in weissen Schürzen, und dann kamen die 200 frisch gekämmten Kinder…..“ [2, S.44/45]

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Im August 1942 dann führt Janus Korczak die Reihe seiner Kinder zum Zug nach Treblinka [8] an. Mit der gnädigen Lüge beruhigt, man würde ins Grüne fahren, ging das Besteigen der Waggons ohne Probleme vor sich… Mit dieser Frage, ob diese Lüge, die erste Lüge von Korczak, gerechtfertigt war, schließen die Erinnerungen, die Stoffels ihrem Protagonisten erzählen läßt.

Aufgewühlt beschließ, Mojsche Schuster doch in das Studio zu gehen, in dem die Sendung aufgenommen werden soll. Er ist nicht das einzige ehemalige Kind von Korczak, das an diesem Tag dorthin kommt…

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„Mojsche und Rejsele“ ist ein Jugendbuch, man merkt dies der Sprache natürlich an. Es ist sehr szenisch geschrieben aus der Sicht des Jungen, er beschreibt Situationen, aber er analysiert und reflektiert das Geschehen selten. Die erwähnte Stelle mit der Unwahrheit, die Korczak seinen Kindern erzählt, ist eine Ausnahme. Insofern wäre in der Nacharbeitung des Themas sicherlich eine Diskussion auch unter Hinzuziehen von weiterem Quellenmaterial angebracht.

Inhaltlich zerfällt die Handlung in zwei Teile. Der erste Teil spielt in der Krochmalna 92 (hier ist [3] eine sinnvolle Quelle, weil man sich dann die Verhältnisse im Heim viel besser vorstellen kann) und beschreibt die Lebenssituation der Kinder und der Betreuer. Es ist eine Situation, die sich im Grunde nur noch auf das Hier und Jetzt reduziert, auf das Heute: eine Planung, was morgen sein könnte, ist unsicher, jeden Tag können neue Schikanen der Deutschen das Leben der Menschen in unvorhersehbarer Weise erschweren. Allein die Beschaffung von „Essen“ (wenn man das unter heutigen Ansprüchen so nennen will), eine tägliche Sisyphusarbeit. Es herrscht ein Klima steter Alarmbereitschaft, auch Angst – und trotzdem schafft es Korczak mit seinen Betreuern den Kindern ein Gefühl der (relativen) Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln, so als könne er, der bekannte Arzt und Waisenhausleiter das Unglück von ihnen abhalten. Er kann es selbstverständlich nicht, unerbittlich reißt die deutsche Tötungsmaschine auch seine Existenz in den Abgrund. Die Vertreibung in das Ghetto ist der erste Schritt in die letzte Etappe.

Zu diesem Zeitpunkt setzt der inhaltlich zweite Teil der Handlung ein, da die Hauptperson, Mojsche, diesen Umzug nicht mitmacht, sondern lieber versucht, irgendwie durchzukommen. Seine Tätigkeit als geheimer Kurier hat  zwei Aspekte: zum einen den des Kämpfers und der Gefahr, in der er lebt, aber auch den des Abenteuers mit all seinen Reizen. Während die Menschen im Ghetto zumeist passiv allem ausgeliefert sind, agiert Mojsche (ebenso wie die anderen Partisanen) aktiv und gewinnt dadurch Selbstbewusstsein und Handlungskompetenz.

Verbunden werden die beiden Handlungsstränge durch die ambivalente Beziehung zwischen den beiden Jugendlichen, Mojsche und Rejsele. Ambivalent, weil Mojsche als eher renitenter Junge „unreifer“ ist als das Mädchen und sich entsprechend ungeschickt verhält, hin- und hergerissen ist zwischen Zuneigung und Abwehr, ganz im Gegensatz zu Rejsele, die selbstbewusster und verantwortungsvoller ist als Mojsche.

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Daß mich persönlich mit Korczak eine besondere Beziehung verbindet, ist natürlich übertrieben. Aber in lang zurückliegenden Studienjahren, in denen ich auch mal Lehramt studiert hatte, hatte ich an der Uni Gießen Pädagogik-Vorlesungen bei einem Prof. Dauzenroth [5], der seinerzeit, wie der Quelle zu entnehmen ist, Vorsitzender der Deutschen Korczak Gesellschaft war. Natürlich war die Reformpädagogik des polnischen Erziehers ein Thema der Vorlesung, sie hat sich mir tief eingeprägt, auch wegen der Humanität, die sie ausstrahlt, ganz abgesehen von der überaus beeindruckenden Persönlichkeit, die Korczak gewesen sein muss. Deswegen habe ich dieses Jugendbuch auch mit besonderem Interesse gelesen.

Aber auch ohne diese Verknüpfung ist der Jugendroman ein lesenswertes Stück Literatur, das Jugendlichen, so denke ich, einen adäquaten Einstieg in diese dunkle Thematik bietet. Für Jungens dürfte die Hauptperson, Mojsche, eine Figur sein, mit der sie sich gut identifizieren können, ein wenig renitent, unangepasst und aufmüpfig, wie er dargestellt wird. Da er die Geschichte aus ihrer Sicht erzählt, bleibt das Mädchen Rejsele naturgemäß etwas blasser und eben aus der Sicht des Jungen wiedergegeben. Stoffels reißt viele Aspekte der damaligen Zeit an, angefangen von der generalstabsmäßigen Verfolgung der Juden über den Untergrundkampf bis hin zum Zionismus. Hier muss nach der Lektüre mit Sicherheit nachgearbeitet werden [vgl. z.B. 8], denn es bleiben genauso viele Fragen offen, die zu vertiefen wären.

Zusammenfassend kann ich also sagen, daß ich diesen Jugendroman für einen gelungenen Zugang halte, mit dem Jugendliche einen ersten (?) Eindruck von der Ungeheuerlichkeit dieser damaligen Zeit erhalten können.

Links und Anmerkungen:

[1] Walther Hofer (Hrsg.), Der Nationalsozialismus – Dokumente 1933-1945, Fischer TB, 1982
[2] Erich Dauzenroth, Janusz Korczak – der Pestalozzi aus Warschau, Sonderausgabe der „Schweizerischen Lehrerzeitung“ zum 100. Geburtstag, Zürich 1978
[3] Krochmalna 92: http://fcit.usf.edu/Holocaust/korczak/photos/krochmal/default.htm
Die Steine weinten… Über Leben und Tod des Janusz Korczak, 12minütiger Clip auf youtube
[4] vgl. z.B.: Steve Sem-Sandberg: Die Elenden von Łódź
[
5] Wiki-Beitrag zu Erich Dauzenroth, Webpräsenz der Deutschen Korczak-Gesellschaft
[
6] Wiki-Beitrag zum Janusz Korczak
[7] http://www.gedenkstaettenpaedagogik-bayern.de/lit-stoffels_mojsche.php
[8] vgl: http://www.ph-ludwigsburg.de/fileadmin/subsites/1b-ewxx-t-01/user_files/Projekte/Korczak/Das_Vernichtungslager_Treblinka.pdf

zur Leseprobe bei der Süddeutschen Zeitung

Karlijn Stoffels
Mojsche und Rejsele
Übersetzt aus dem Niederländischen von Mirijam Pressler

diese Ausgabe: Süddeutsche Zeitung / Junge Bibliothek Bd. 44, HC, ca. 172 S., 2006

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3 Responses to “Karlijn Stoffels: Mojsche und Rejsele”

  1. il_libraio Says:

    Das Buch werde ich gleich mal rauskramen. DIe SZ-Bib. hab ich damals komplett gelesen, leider ist dieses Buch aber schon wieder aus meinem Gedächtnis verschwunden (oder von anderen überlagert). Danke daher.
    Verwunderlich vor allem, weil ich dem Thema und damit auch Janusz Korczak vor ca. einem Jahr in Eva Weavers ‚Jakobs Mantel‘ wieder begegnet bin…
    http://analoglesen.wordpress.com/2013/02/01/jakobs-mantel-eva-weaver/

    Gefällt mir


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