Ursula Krechel: Shanghai fern von wo

Ich habe hier im Blog vor kurzem Ursula Krechels Lebensgeschichte des Juristen Richard Kornitzer vorgestellt, der als Jude im Dritten Reich um sein Leben flüchten musste und der nach seiner Rückkehr in die BRD letztlich daran scheiterte, daß die Begriffe und Vorstellungen, was unter Gerechtigkeit und Wiedergutmachung zu verstehen ist, zwischen ihm und diesem neuen Staat, in dem so viele der alten Diener Unterschlupf fanden, nicht zur Deckung gebracht werden konnten [Ursula Krechel: Landgericht]. Der vorliegende Roman Shanghai fern von wo ist früher entstanden und deutet in seinem Ende dieses Thema der Wiedergutmachung, das Krechel in Landgericht zu mehr Gewicht verhilft, schon an. Zuvörderst aber schildert Krechel in Shanghai fern von wo exemplarisch Schicksale vertriebener und um ihr Leben geflüchteter Juden in dieser fernen, exotischen Metropole.

Der Name Shanghai taucht früher oder später immer auf, wenn man sich auf Literatur einläßt, die sich mit der Verfolgung der Juden im Dritten Reich befasst. Dies liegt daran, daß diese Stadt zu dieser Zeit einen ganz speziellen Status innehatte: sie war einen offene Stadt, die von mehreren Staaten verwaltet wurde und in der für Europäer keine Visumspflicht bestand. Somit wurde Shanghai das letzte Schlupfloch, das um ihr Leben flüchtenden Juden noch offenstand, nachdem immer mehr Staaten die Aufnahme weiterer Juden ablehnten.

Shanghai ist weit weg…. und der Juden waren es viele, die dorthin wollten bzw. mussten. In der ersten Zeit gab es noch Schiffe, die beispielsweise von Italien aus dorthin ablegten, der Andrang auf die Schiffe war enorm, eine Passage zu erhalten, ein reines Glücksspiel: Man sagte uns, dass wir Glück hätten. Die Besitzer dieser Passagen hatten am Vortag Selbstmord verübt, der Dampfer war von der Gestapo gechartert worden und sollte nach Shanghai fahren. ‚Uns‘, das sind die Tausigs, die wir später noch ein wenig kennenlernen werden, die gerade zurückkamen von der Donaubrücke, auf der sie selbst über ihre allerletzte, ultimative Fluchtmöglichkeit nachgedacht hatten…. Später dann, als sich Italien mit Nazi-Deutschland zusammentat, verschloss sich diese Möglichkeit und es blieb die noch abenteuerlichere Route via Eisenbahn durch Russland und hinter Russland durch Mandschuko, diesem Marionettenstaat der Japaner in Nordchina, von dessen Existenz die meisten noch nicht einmal wussten… Viel hatten sie nicht dabei, an Geld durften sie gerade mal zehn Mark mitnehmen, an Gegenständen und Kleidung zwar mehr, aber auch hier limitierte sich die Menge durch die Realität der äußeren Bedingungen.

In Shanghai angekommen wurden die Menschen mit etwas konfrontiert, was außerhalb ihrer bisherigen Vorstellungswelt lag. Ein Klima, das schier unerträglich erschien und nicht unerheblich zu den unsäglichen hygienischen Verhältnissen beitrug, eine Armut, die kaum fassbar war, denn natürlich lagen die Quartiere (sogenannte „Heime“, die von schon vorher dorthin Geflüchteten notdürftig instand gesetzt worden waren) nicht am Bund, dem großen, eleganten Boulevard der Stadt, sondern in den Elendsvierteln. In Shanghai war sich jeder selbst der nächste, wer sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen konnte, war verloren. Arbeit gab es kaum, es sei denn, man kreiierte eine solche für sich selbst, denn Geschäfte konnte man mit allem machen, einen Markt gab es sogar für solche Sachen wie abgebrannte Streichhölzer… Nichts charakterisiert die Stadt mehr als das Bonmot, Gott müsse sich bei den Einwohner von Sodom und Gormorrah entschuldigen, daß er Shanghai vergessen habe.


Die Klammer dieses Romans ist die Figur des Ludwig Lazarus, einem Berliner Buchhändler aus einer Buchhändlerfamilie, der etwas vom ‚geraden‘ Weg der Familie abgekommen war und der später dann eine eigene, kleinen Buchhandlung betrieb, in der sich Mitglieder der Gruppe Neu Beginnen trafen (vgl. z.B. hier: https://www.gdw-berlin.de/fileadmin/bilder/publ/beitraege/B20.pdf). Die Gruppe flog jedoch auf, die Mitglieder kamen in Haft und vor Gericht. Aberkennung der Ehren- und Bürgerrechte, Zuchthaus, später dann Dachau war die Folge für Lazarus… Lazarus hatte Deutschland laut richterlicher Verkündigung zu verlassen, es war noch die Zeit, in der die Juden nicht direkt ermordet wurden. So gelangte er nach Shanghai und die Autorin läßt ihn in einer Tonbandaufnahme über diese Zeit und die Flüchtling in ihr berichten. Man kann sein schepperndes Lachen, das hin und wieder erwähnt wird, förmlich hören.

Es ist ein recht fest umrissener Personenkreis, auf den sich die Autorin konzentriert. Lazarus spielt natürlich eine große Rolle [es ist, hat man den Roman gelesen, übrigens interessant, den Wiki-Artikel zu dieser Persönlichkeit zu überfliegen, man hat das Gefühl, es wird von Männern mit zwei unterschiedlichen Leben geredet, insbesondere, was die Zeit nach der Rückkehr in die BRD angeht:  https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Lazarus_(Schriftsteller)], die Familie Tausig aus Wien, die (wie vorstehend zitiert) so viel Glück hatte, eine Passage zu erwischen (übrigens das zweite Mal Glück, denn der schon siebzehnjährige Sohn Otto konnte trotz seines Alters noch mit Kindertransporten nach England in Sicherheit gebracht werden). Dann Lothar Brieger, ein renommierter, schon etwas älterer Kunsthistoriker aus Berlin, der allein geflüchtet war, weil seine nichtjüdische Frau nicht mitkommen wollte. Die Nobels, mit ihrer politischen Überzeugung strikt auf Moskaukurs, auch wenn Moskau sich einen Dreck um seine Leute kümmerte, immer rätselnd, wie welche Ereignisse im Sinne der Partei korrekt zu interpretieren seien. Anne und Ernst Kronheim, er mit seinen Uhrmacherwerkzeugen, die er auf den weiten Weg nach Asien rettete. Der gewiefte Jurist Max Rosenbaum hatte gedacht, er hätte die Nazis mit ihren Rassegesetzen ausgetrickst, in dem er die Tschechoslowakin Amy heiratete, ein Heirat, die in Nazideutschland verboten gewesen wäre. Aber dann wurde die Tschechoslowakei zum Protektorat Böhmen und Mähren und die Rosenbaums bestiegen den Zug nach Osten, um ihr Leben zu retten…

Überleben, es gelang ihnen mehr schlecht als recht – und es gelang nicht allen. Franziska Tausig beispielsweise gab an, sie können kochen und bejahte die Frage, ob sie einen Apfelstrudel backen könne. In Shanghai, ohne Rezept… aus den hintersten Winkel des Gedächtnisses kramte sie es heraus, mit anranzigem Fett, miefigem Pinsel… eine Zeitung muss man durch den Teig lesen können…. jedoch: alle waren verzückt, als der Strudel fertig gebacken war, sie bekam Arbeit, die Tausigs waren materiell erst einmal gerettet. Und die Erfindung der Frühlingsrolle lag noch vor Franziska… ihr Mann dagegen war innerlich gebrochen. Ein Rechtsanwalt aus Temeswar, im Geschützdonner des 1. Weltkriegs schwerhörig geworden, durch den Zusammenbruch der Doppelmonarchie nach Wien verschlagen als ungarischer Jurist, und jetzt nach Shanghai. Gebrochen, schwächlich, kränklich, fast taub… er sollte das Exil nicht überleben.

Dr. Lothar Brieger unterrichtete, er hatte eine Sammlung von Kunstpostkarten mitgebracht. Später dann, als er eine große Gelegenheit hatte, war er wohl nicht skupellos genug, einen Turner fälschen zu lassen, den (in echt) zu beschaffen sein reicher Arbeitgeber, dem er sich angedient hatte, ihn beauftragte… Die Rosenbaums fertigten und vertrieben Handschuhe, die Profession, aus der Amy kam; Lazarus organisierte Zeitungen und Bücher, viele Japaner waren wild nach deutschen Büchern, japanische Ärzte mussten ein ‚Germanicum‘ ablegen. Mal reichte es diesen Menschen zum Leben, mal war es wieder knapper als knapp.

Insgesamt umfasste die Gemeinde der jüdischen Flüchtlinge in Shanghai 18.000 Köpfe. Köpfe, auf die im Lauf der Monate und Jahre das Deutsche Reich wieder zugreifen wollte, obwohl ihnen zwischenzeitlich die Staatsangehörigkeit entzogen worden war (Man fragt sich natürlich, wie schwer der Verlust konsularischer Betreueung  für Juden wirklich wog. Bis dato bedeutete er eher, daß die nicht jüdische Ehefrau vorgeladen wurde und zur Scheidung überredet werden sollte oder daß der Vater, der seinen Neugeborenen korrekt (und ein wenig naiv) anmelden wollte, erfuhrt, daß Peter ein arischer Name und damit für jüdische Bälger verboten war…). Zwar verstanden die Japaner nicht wirklich, warum die Juden zu hassen und auszurotten waren, aber der drängenden Aufforderung des Alliierten gab man schließlich nach: es wurde ein Ghetto in Shanghai errichtet [ob dies ein ‚richtiges‘ Ghetto‘ im Sinne von z.B. der osteuropäischen gewesen sei mit Zäunen (wie hoch? woraus?, Zugangsbeschränkungen u.a.m. sollte später bei den Fragen der Wiedergutmachung in der BRD noch eine absurde Rolle spielen], die Lebensbedingungen verschlimmern sich damit noch einmal deutlich. Beschäftigungslosigkeit, Langeweile, das sich auf der Pelle hocken – eine deprimierende und zusätzlich entwürdigende Situation.


Der Krieg endete, die Japaner flüchteten und Hilfsorganisationen kamen mit hilfsbereiten, freundlichen, ahnungslosen MitarbeiterInnen. Bleiben oder Gehen, das wurde zur Frage unter den Exilanten, bzw. wohin überhaupt? Nach Deutschland zurück? Brieger beispielsweise bekam einen Brief aus Berlin, von Kollegen, die ihn baten, wieder zurückzukehren. Große Freude rief dieser Brief hervor, jedoch: es sollte eine Reise werden, von einer Hilfstruppe so stümperhaft und entwürdigend organisiert, daß Brieger daran zerbrach… Palästina bzw. dann Israel: die Kronheims beispielsweise gingen diesen Weg, Franziska Tausig ging zurück nach Wien, traf dort ihren Sohn wieder. Und Lazarus? Den verschlug es nach Hannover und dort wurde eine groteske Auseinandersetzung mit der BRD-Bürokratie, die über Wiedergutmachung und Entschädigung zu entscheiden hatte, zu einem Hauptlebensinhalt des schütter gewordenen Mannes.


Ursula Krechels Shanghai fern von wo ist ein Tatsachenroman, der seine eigene, langjährige Geschichte hat. Daniel Graf hat dies in seinem kurzen Beitrag zum Buch komprimiert dargestellt [Daniel Graf: Die Nähe der Ferne; http://danielgraf.net/rezensionen/ursula-krechel-shanghai-fern-von-wo/], deswegen will ich hier nur kurz auf die gleichnamige Hörfolge hinweisen, die Mitte der neunziger Jahre als Ergebnis der akribischen Recherchen der Autorin gesendet wurde [Infos dazu im Archiv der ARD: http://hoerspiele.dra.de/vollinfo.php?dukey=1413531], und die letztlich Grundlage des vorliegenden Romans ist.

Krechels Schreibstil ist ein wenig spröde, dokumentarisch. Häufig eingestreut sind Exkursionen über Sachthemen, die im Kontext des Romans eine Rolle spielen, mir fällt dazu im Moment als Beispiel die Passage über die Einrichtung eines deutschsprachigen Senders in Shanghai ein. Die im Anfang des Romans in separaten Abschnitten dargestellten Figuren und ihre Lebensläufe werden im Zuge der Handlung zusammengeführt und verknüpft, in Shanghai sind sie eingewogen in ein Netz gegenseitiger Unterstützung und Hilfe, allein konnte dort niemand überleben. Brieger und Lazarus beispielsweise bewohnen zusammen ein Zimmer, das in der Mitte durch einen Vorhang getrennt ist. Franziskas Apfelstrudel war ein erster Lichtblick im Dunkel des Exils, als Köchin hatte sie auch immer Zugang zu Lebensmitteln, die am Ende des Tages übrig waren und verbraucht werden mussten – im Klima Shanghais hielt sich wenig über Nacht. Das bisher gelebte Leben der Exilanten war vorbei, endgültig, es war eine Vergangenheit geworden, an die zu erinnern zusätzliche Bitterkeit hervorrief. Es war eine kaum zu bewältigende Lektion, die zu akzeptieren war, man musste sich auf die aktuellen Lebensumstände einlassen oder man ging unter. Lazarus mit seiner Erfahrung ‚Zuchthaus‘ und ‚Konzentrationslager‘ fiel dies relativ leichter als Herrn Tausig, dessen Lebenslinie einfach gebrochen worden war. Dazu kam die stete Angst vor Krankheiten, vor Keimen, die man sich einfangen konnte… die kulturellen Unterschiede: warum zum Beispiel ließen sich Weiße von kleinen Hunden an der Leine herumziehen, wo man diese Hunde doch genauso gut schlachten und essen könnte? Auch die Chinesen lebten schließlich am Minimum… Ausder Praxis, für die Praxis: man musste sich (so der erfahrene Lazarus) erst die Schuhe anziehen, dann die Hose, zum Schluss das Hemd. Zog man das Hemd als erstes an, schwitzte man es beim Anziehen von Hose und Schuhe schon wieder durch….

So gelingt es Krechel, ein sehr intensives Bild vom Schicksal dieser exemplarisch herausgegriffenen Menschen in einer völlig fremden Umwelt zu zeichnen. Bei allem Abstand, den sie als ‚Chronistin‘ wahrt, spürt man ihre Anteilnahme, ihre Anstrengung, das damalige Geschehen zu rekonstruieren und sichtbar zu machen. Es blieben hin und wieder Fragen offen, nach Handlungs- oder Entscheidungsmotiven etwa, nicht alles war nachvollziehbar: Krechel deutet dies an, zeigt auf, wo ihre Recherchen Grenzen fanden.

Zorn und Wut, innere Empörung dagegen spürt man als Leser am Ende des Buches bei der Schilderung des Kampfes von Ludwig Lazarus gegen die deutsche Entschädigungsbürokratie, deren Hauptmotivation es war, die Ansprüche möglichst zu drücken. Mehrdeutig formuliert wurde quasi immer gegen den Geschädigten entschieden, selbst gefällte Gerichtsurteile wurden von den zuständigen Stellen nicht immer umgesetzt. Es war eine Schande, es ist eine Schande. [Meiner Meinung nach ist schon die Begrifflichkeit eine Zumutung: weder kann man den Schaden, und sei es nur der materielle, den diese Menschen erlitten haben, wieder entschädigen noch kann man das erlittene Unrecht ‚wiedergutmachen’….] In ihrem nachfolgenden Roman Landgericht widmet Krechel diesem Aspekt deutscher Nachkriegsgeschichte wesentlichen Raum. Und schon vorher war die Wut der Autorin zu lesen bei der Schilderung, wie der schon älter Dr Brieger von den unbedarften, naiven, unerfahrenen Mitarbeitern der Hilfsorganisationen auf eine monatelange Odyssee geschickt worden war, die wesentlich zu seinem frühen Tod beigetragen hat.

Summa summarum: Für jeden, der sich für die Geschichte der Judenverfolgung interessiert, ist Shanghai fern von wo ein Muss, ein Standardwerk, daß in der Form eines Romans Tausende Exilanten dem Vergessen entreißt.

Ursula Krechel
Shanghai fern von wo
Erstausgabe: Salzburg, 2008
diese Ausgabe: btb, TB, ca. S., 512 S., 2010

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Ursula Krechel: Landgericht

Die in Trier geborene Ursula Krechel (heute lebt sie in Berlin [1b]) hat 2012 für diesen Roman um den Juristen Richard Kornitzer den Deutschen Buchpreis verliehen bekommen [1]. Kornitzers Leben, das dadurch tragisch geprägt wurde, daß es eine Zeit gab, in der er in seinem Geburtsland gezwungen war, den Mittelnamen ‚Israel‘ zu führen, wurde von Krechel dem Schicksal eines realen Menschen nachempfunden [2]. Es ist ein Schicksal, das diesen Mann nach Studium und Hoffnung auf berufliche Karriere vor die Alternative gestellt hatte, Emigration oder Ermordung, das ihn von Frau und Kindern trennte, das ihn in die Fremde, nach Kuba, führte und das sich schwertat, ihm nach seiner Rückkehr die ihm zukommende Rehabilitierung und Gerechtigkeit zu gewähren, denn die Verhältnisse in der noch jungen Bundesrepublik waren nicht danach.


Richard Kornitzer war 1903 in Breslau geboren worden, er studierte und promovierte in Berlin, war seit 1931 verheiratet mit einer Frau, die ihr eigenes Unternehmen führte und sie hatten zwei Kinder, Selma und der drei Jahre ältere Georg. Als Selma vier Jahre alt war, sah die Familie keine andere Chance mehr, als die Kinder mit den Kindertransporten in das sichere England zu schicken [2], Georg  war schon einem Alter, daß er ungefähr verstand, was sich da abspielte, Selma dagegen empfand die fürchterliche Reise nach England als Strafe für ihr ‚böses‘ Verhalten, sie verstand nichts von all dem, eine Tatsache, die sich ihr Leben lang auswirken sollte.

Claire Kornitzer, Protestantin, ließ sich nicht von ihrem jüdischen Mann scheiden, obwohl man ihr hart zusetzte. Der Plan der Kornitzers war, daß sowohl Kinder als auch Frau an den Exilort des Mannes, Kuba, nachkommen sollten, von dort aus wollte man versuchen, in die USA zu kommen. Der Ausbruch des Krieges vereitelte diesen Plan, die Kinder blieben in England bei verschiedenen Pflegefamilien, zeitweise auch in einem Heim, auch Claire Kornitzer überlebte den Krieg.

Nach dem Krieg verschlug es sie an den Bodensee, nach Bettnang. Dort fand sie Unterkunft bei einer Bauersfamilie, arbeitete als Sekretärin in einer Molkerei. Es war eine einfache, aber gemessen an dem, was sonst in Deutschland herrschte, fast idyllische Situation. Lindau beispielsweise war unzerstört, was Richard Kornitzer verwunderte, hatte er doch von den Verwüstungen deutscher Städte durch die Bombardements gehört. Richard Kornitzer kam im Frühsommer 1948 nach Bettnang, Claire hatte ihn über das Rote Kreuz ausfindig gemacht – sie wollte ihren Mann zurück haben -, ebenso wie einige Monate danach der Aufenthaltsort der Kinder ermittelt werden konnte.


Es hatte seinerzeit alles so zukunftsträchtig angefangen. Die beruflichen Aussichten des Juristen und Richters Kornitzer waren hervorragen, mit Claire Pahl hatte er eine selbstbewusste Frau kennen- und lieben gelernt, die ein Unternehmen in einem völlig neuen Erwerbszweig führte: sie produzierte Werbefilme für’s Kino. Ein Kind, ein Kindermädchen, eine moderne Wohnung… dann endete eine Kinoarea, im Wechsel vom zweiten auf das dritte Jahrzehnts des letzten Jahrhunderts löste der Tonfilm den Stummfilm ab und parallel dazu nahm die Brüllerei zu. Die Brüllerei auf den Straßen, das hektische Gebrüll an den Podien… Richard Kornitzer erlebte die ganze Klaviatur der Verfolgung mit, die immer striktere Reduzierung des Lebensraumes, angefangen vom Berufsverbot bis zum Badeverbot im Wannsee. Letzteres, macht Krechel klar, ist nicht nebensächlich, es ist das Realität gewordene Symbol dafür, daß der Jude dreckig ist und (auch der indirekte) Kontakt den arischen Volkskörper beschmutzt. Das zweite Kind wird geboren, Claire erlebt, wie sie gesellschaftlich geschnitten wird, ein jüdischer Mann, das Kindermädchen darf nicht mehr bei der Familie arbeiten, Kornitzer selbst findet mit Mühe eine Arbeit in einer Glühbirnenfabrik. Man entschließt sich, die Kinder nach England zu schicken.

Die Schlupflöcher zur Flucht werden weniger und enger, die Bedingungen immer brutaler: es geht dem deutschen Staat darum, noch möglichst viel herauszuquetschen aus dem verhassten Juden. Außerdem reißt man sich im Rest der Welt nicht gerade darum, die zur Flucht Getriebenen aufzunehmen. Kuba ist eins der wenigen Länder, in die sie noch einreisen können – sofern sie Geld haben, um den Eintritt zu bezahlen und die Wächter an den Eintrittstoren zu schmieren. Kornitzer erhält das Visum, nach dem Tod der Mutter hat er noch finanzielle Möglichkeiten, außerdem scheint sein berufliches Wissen um Patente gefragt. Hätte er für Claire auch ein Visum bekommen können, wenn er mehr gegeben hätte von dem Geld? Die Frage steht im Raum.

In Kuba richtet sich Kornitzer ein. Zwar ist es von Mentalität und Klima her ein fremdes Land, das es einem Mitteleuropäer nicht leicht macht, aber er hat Glück, er trifft auf einen Rechtsanwalt, der den präzisen Deutschen auf Honorarbasis (Aufenthaltsgenehmigung bedeutet nicht auch Arbeitsgenehmigung) einstellt: er soll den Terminkalender führen. Im Lauf der Jahre (Kornitzer eignet sich wohl ein akzeptables kubanisches Spanisch an) sollten sich die Aufgaben mehren. Krechel nutzt diesen Abschnitt im Leben Kornitzers, um andere Angehörige der Exilgemeinde, in der er dort eingebunden war, zu portraitieren und an sie zu erinnern:  Fritz Lamm, Hans und Lisa Fittko, Emma Kann, Julius Deutsch und Boris Goldenberg.

Nachfolgende Flüchtlinge hatten es schwerer: Schiffe durften nicht anlegen, mussten teilweise nach Deutschland zurückkehren (von den Passagieren hörte man danach nichts mehr). Schiffe, die aus Portugal und Spanien kamen, entluden ihre Passagiere in schlimme Lager, in denen die Emigranten so lange blieben, bis aus ihnen nichts mehr herauszupressen war an Schmiergeldern, Gebühren, Abgaben und überhaupt: Geld.

Kornitzer schaut eines Tages in der engen Straßenbahn auf den Knochen eines Halswirbels. Er kann (und tut dies) der Frau, die dazu gehört aus einer ärgerlich-peinlichen Situation helfen (in der Enge der Bahn hat sich ein Mann auf ihren Rock entleert), man lernt sich kennen, man trifft sich öfter, man trifft sich oft… ein uneheliches Kind, das geht (nicht nur) in Kuba gar nicht. So bringt XXX es weit weg von Havanna zur Welt, die Kusine zieht Amanda auf. Kornitzer jedoch sollte seine Tochter erst Jahrzehnte später treffen…

Unterdessen blieb Claire in Deutschland, sie ist die einzige, der Krechel kein eigenes Kapitel widmet. Immer wieder zwar, in kleinen Absätzen, in Halbsätzen, in quasi hingeworfenen Andeutungen ist ihr Schicksal erkennbar. Der Vertrag zur Übergabe der Firma, den man sie seinerzeit überzeugend  bat, zu unterschreiben (ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte), an einer anderen Stelle stehen die Wörter Auspeitschung und Folterung, nach dem Krieg ist sie keine gesunde Frau mehr. Wie sie dieses Jahrzehnt jedoch überlebte, bleibt leider en Detail im Dunkeln.

Das neu geschaffene Bundesland Rheinland-Pfalz braucht Richter, man bietet Kornitzer eine Stelle als Landgerichtsrat in Mainz an. Später einmal sollte es so klingen, als hätte man ihm damit (ohne daß dazu, einer Wiedergutmachung nämlich, eine Verpflichtung bestanden hätte) einen Gefallen getan, sozusagen, eine Art Gnadenakt für ihn vorgenommen. Und die Richterkollegen – wo waren sie die letzten Jahre, welches Recht haben sie gesprochen in dieser Zeit? Es erfolgt eine Beförderung für Kornitzer, aber diesem fällt auf, daß die Gesetze, die die Wiedergutmachung regeln, schwurbelig sind, unpräzise, Platz bieten zur Interpretation, die so häufig zuungunsten des Betroffenen ausgelegt wird. Bis hin zu einem (von Krechel zitieren) Urteil, daß den Antrag einer arischen Frau, die sich von ihrem jüdischen Mann nicht getrennt hat, ablehnt mit der Begründung, sie trage durch ihre Entscheidung, bei dem Mann zu bleiben, selbst Schuld an ihrem Unglück. Man möchte selbst beim Lesen eines solchen Satzes aufschreien, heute noch und immer wieder.

Die Kinder… über die Hälfte, bei Selma zwei Drittel des Lebens hat man sie nicht gesehen: sie sind sich Fremde geworden, das Jahrzehnt fehlt. Für die Kornitzers ist Selma noch die Vierjährige; dem großen Mädchen, das es liebt, im Kuhstall zu arbeiten und das an der Schwelle zum Frausein steht, das kein Deutsch spricht, stehen sie (vor allem Claire, die nach England zur Pflegefamilie reist, der Familie, die George (mit End-e) und Selma adoptieren will, bzw. jetzt: wollte) sprachlos gegenüber, ebenso wie Selma ihrem Tagebuch anvertraut: What on earth had this big, fat woman to do with me? Letztlich bleiben die beiden (sollte man sagen ‚ehemaligen‘, weil sie sich so fremd bleiben?) Kinder in England, auch wenn sie die Eltern, die mittlerweile beide in Mainz, in einem kleinen Häuschen wohnen, in den Ferien besuchen und die Eltern sie auch finanziell unterstützen.

Claires sich eines Tages auftuenden Herzenswunsch, ein Kino zu eröffnen, lehnt Kornitzer rigoros ab: die Frau eines Landgerichtsdirektors als (halbseidene?) Kinobesitzerin – das geht gar nicht. Und ohne die Unterschrift des Mannes unter was-auch-immer ist eine Ehefrau in der frühen Bundesrepublik aufgeschmissen….

Es fehlte ihm jemand, der sagte:
Laß gut sein, Richard.
Auch anderen Menschen ist Unrecht widerfahren. 

Im Lauf der Zeit Kornitzers am Landgericht Mainz treten sukzessive Verwerfungen ein, gewinnt in Kornitzer das Gefühl, ihm würde nicht die ihm zustehende Gerechtigkeit in Form einer Wiedergutmachung zu teil werden, überhand. Schlüsselerlebnis ist wohl die Ernennung eines Kollegen zum Gerichtspräsidenten: Kornitzer fühlt sich übergangen. Diese (von ihm empfundene) Kränkung nutzt er zu einer öffentlichen Erklärung, die einen Eklat provoziert. Die Fixierung auf eine sozusagen 1:1-Wiedergutmachung bis hin zu einzelnen Buchtiteln (aus dem Erbe der Mutter, nicht aus dem eigenem Besitz damals in Berlin), die in den entsprechenden Anträgen aufgeführt werden, besetzt ihn zunehmend obsessiv. Es sind nicht nur (möglicherweise gar nicht mal an erster Stelle, die materiellen Verluste, er „zerbricht, als er in der Enge Nachkriegsdeutschlands den Kampf um die Wiederherstellung seiner Würde verliert“ [1b]. Kornitzer legt sich gegen die vermeintlichen Anfeindungen einen Panzer aus Leibesfülle zu, die Gesundheit leidet stark, er wird häufig krank, muss auch in Kur, seine fachliche Kompetenz (die jahrelang unbestritten war) sinkt: dies wird wahrgenommen. Nach vielem Hin und Her befördert das Ministerium den unbequemen, zum Querulanten gewordenen Landgerichtsdirektor zum Senatspräsidenten und versetzt ihn gleichzeitig mit diesem Titel in den Ruhestand.

Eine letzte Enttäuschung, eine letzte verweigerte Genugtuung sollte Kornitzer nicht mehr erleben. Wenige Jahre nach seinem Tod 1970 unterließ es sein Sohn George, die von der Redaktion Biographisches Handbuch der deutschen Emigration nach 1933 [4] erbetenen Auskünfte über seinen Vater an diese zu übermitteln. Im Biographischen Handbuch der deutschen Emigration kommt Richard Kornitzer nicht vor. Mit diesem Satz beschließt Krechel ihren Text, den sie als Roman bezeichnet, der aber nichtsdestoweniger dem Leben und dem Schicksal eines Menschen nachspürt, der gelebt und gelitten hat, der Recht gesprochen hatte, aber der mit dem Unrecht, das ihm angetan worden war, nicht zurecht kam.


Ein großer Roman, ein wichtiger, ein berührender auch trotz des weitgehend nüchternen Charakters, in dem ihn Krechel formuliert hat. Er wirkt teilweise dokumentarisch, Krechel streut häufig Zitate in ihren Text ein, verschweigt auch nicht, wenn Fragen bei ihren Recherchen (die sehr gründlich gewesen sein müssen) offen geblieben sind. Auch scheut sie sich nicht, in kleinen Exkursionen historische Ereignisse und Vorgänge darzustellen und zu erläutern.

Das Schicksal der Kornitzers ist für ihre Zeit nicht aussergewöhnlich: Die Vernichtung der Juden war Staatsräson und wurde millionenfach umgesetzt. Daran gemessen hat die Familie es noch verhältnismäßig gut getroffen: sie haben alle den Krieg überlebt, kommen nach dem Krieg auch wieder zusammen. Sicher, auch sie haben Verluste zu tragen, materielle sowieso, aber auch persönliche: die Kindern waren fremd geworden, so fremd, daß Mutter und Tochter noch nicht einmal die gleiche Sprache sprachen. Die Distanz zwischen ihnen wurde nie überwunden, die Kinder konnten sie allenfalls überbrücken durch das Wissen, das dies ihre Eltern waren, gefühlsmäßige Bande zu knüpfen, war ihnen nicht mehr möglich. Eine Tatsache, mit der sich die Eltern abfinden mussten. So fanden Eltern und Kinder zwar wieder nach dem Krieg, blieben aber trotzdem getrennt.

Landgericht ist nicht chronologisch geschrieben. In den einzelnen Kapiteln widmet sich Krechel diversen Lebensabschnitten ihrer Personen. So wird nach der Darstellung der zukunftsfrohen Zeit des jungen Ehempaars in Berlin beschrieben, wie sich der einsetzende politische Umschwung auf ihr Leben auswirkt und schließlich zum ersten großen Einschnitt führt, dem Insicherheitbringen der Kinder nach England. Auch deren Schicksal nach dem Transport wird ausführlich beschrieben, das Exil Richards in Kuba sowieso und damit verbunden ebenso Schicksale anderer Emigranten. Mit der Rückkehr Richard Kornitzers an den ‚Wohn’ort seiner Frau nach dem Krieg, an den Bodensee, beginnt der Roman, mit der Fremdheit der Eheleute, deren Versuch, Nähe zu schaffen, den Ansätzen Richards, beruflich wieder Fuss zu fassen, bis er die Anstellung als Richter, in seinem Beruf also, in Mainz angeboten bekommt.

Immer wieder trifft Kornitzer auf Menschen, auf Kollegen, die sich nach dem Krieg für ein paar Jahre geduckt hatten, bis sie trotz ihrer Vergangenheit wieder an die Oberfläche kommen konnten. Auch dazu streut die Autorin verschiedentlich Einschübe in ihren Text, in denen solche Sachverhalte ausgeführt werden. Krechel führt am Schicksal Kornitzers vor, wie das große Thema ‚Wiedergutmachung‘ nach dem Krieg in der Praxis zu einem auf Verhinderung ausgelegten steinigen Weg eines nochmaligen, ja, auch in gewisser Weise entwürdigenden, Procedere gestaltet wurde. Untrennbar verbunden damit sind die Fragen nach ‚Gerechtigkeit‘ und wann ist dieser Genüge getan, wann und unter welchen Bedingungen hat auch derjenige, dem Unrecht getan worden ist, dies anzuerkennen und den (möglicherweise) unzureichenden Versuch als Akt, der ihm gerecht werden will, zu akzeptieren. Der Figur Kornitzer (und ihrem Vorbild) ist dieser Spagat offensichtlich nicht gelungen, immer weiter driftete auseinander, was der Staat zu leisten bereit war gegenüber dem, was der Wiedergutmachung Suchende forderte. Es war ein Zweikampf, viel musste der Fordende an Bedingungen erfüllen, bevor er (oft) unzureichend entschädigt wurde. Manch einer (und Kornitzer gehört dazu) erkrankte an den Verhältnissen, die Fähigkeiten, einen Schlussstrich zu ziehen und neu anzufangen war nicht jedem gegeben.

Kornitzers Schicksal ist eng verknüpft mit dem der jungen Bundesrepublik, dem Rechtsnachfolger des Dritten Reiches. Dieser neue Staat musste mit einem Dilemma umgehen: nachdem das Nazi-Regime durch die Verfolgung jeglicher anderer Meinung und Opposition für eine gleichgeschaltete, auf die herrschende Ideologie getrimmte Beamtenschaft (als Teil der Bevölkerung, für die cum grano salis ähnliches gilt) generiert hat, musste sie nach einem schematischen Entnazifizierungsprozess mit eben diesen Leuten (bzw. denen, die noch zur Verfügung standen) die neue Verwaltung, die neue Bürokratie, das neue Staatsverständnis aufbauen. Aus dem Exil kehrten, so schreibt Krechel an einer Stelle, gerade mal fünf Prozent der Emigranten zurück. Das machte sich deutlich bemerkbar, alte Seilschaften funktionierten auf einmal wieder und versuchten, ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Es sind Jahre auch des Aufbaus, sie spiegeln sich im Roman am Beispiel der Stadt Mainz. Sie lernt Kornitzer noch als Trümmerfeld kennen, als Landschaft aus Schutt, Staub und Ruinen. Es muss geräumt werden, es wird wieder aufgebaut, den Möglichkeiten entsprechend wird sukzessive Stockwerk auf Stockwerk errichtet. Das Aussehen scheint erst einmal egal zu sein, eine übergeordnete Planung scheint nicht zu existieren. Bequemer soll es sein als früher, glatte Flächen anstelle verzierter, verschnörkelter Kassetten…

Diesen teilweise komplizierten Verhältnissen angepasst ist auch der Schreibstil Krechels nicht immer einfach, er wirkt hin und wieder artifiziell, zwingt beim Lesen zu hoher Aufmerksamkeit, ggf. auch zum Zurückblättern und Nachlesen. Dies ist kein Nachteil, dieser Roman ist es wert, aufmerksam gelesen zu werden, außerdem gibt es auch immer wieder diese längeren, erzählenden Einschübe zu den diversen (Sach)Themen, die im Verlauf der Handlung Bedeutung erlangen. In der Summe vermittelt Landgericht das Bild eines Staates, dem die Vergangenheit wie ein Klotz am Bein hängt, der sich kollektiv der Verdrängung ergeben hat und der sich daher schwer tut, das Unrecht der vergangenen Epoche anzuerkennen und auszugleichen. Ist doch jeder Versuch eines Überlebenden, dies zu erreichen, ein Angriff auf diese Verdrängung. Es ist ein Staat, der schnell von alten Seilschaften durchzogen wird wie ein gammelndes Stück Brot vom Geflecht der Schimmelpilze – und Kornitzer und seine Familie sind ein Symbol dafür, sie stehen für viele, sehr viele andere im Mittelpunkt des Romans.

Links und Anmerkungen:

[1] https://www.deutscher-buchpreis.de/archiv/jahr/2012/
Es erstaunt mich immer wieder. Zitat aus obiger Quelle (und auch aus dem Klappentext des Romans): „Richard Kornitzer wagt 1947 die Rückkehr aus dem Exil zurück nach Deutschland.“ Vgl. dazu den Text des Romans selbst [S. 36/7] „Er war im März 1948 nach Deutschland zurückgekommen, …“. Bin ich einfach nur zu beschränkt, um zu verstehen, warum zwei verschiedene Jahresangaben genannt werden, gibt es einen höhere Wahrheit hinter dem Text, die ich nicht gefunden habe?
[1b] Portraits der Autorin in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Ursula_Krechel
[2] siehe z.B. hier: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/ursula-krechels-landgericht-in-der-sache-kornitzer-11912092.html
schön auch dieser Beitrag in der ZEIT: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-10/buchpreis-2012-ursula-krechel/komplettansicht
[3] z.B. hier http://judentum.net/kultur/kindertransporte.htm
[4] es gibt offensichtlich diverse solcher Handbücher, vllt (die Jahreszahl des Erscheinens, 1980, macht es denkbar), handelt es sich um das von Röder und Strauss herausgegebene, das nur noch antiquarisch erhältlich ist (deswegen kein Link)

Ursula Krechel
Landgericht
diese Ausgabe: btb, TB, ca. 508 S., 2014

 

Margret Greiner: Charlotte Salomon

Während der vierzig Jahre hatte ich oft an dieses bewundernswürdige und reine Mädchen gedacht, das ohne jeden Zweifel zu der Kategorie der nicht eben zahlreichen Gerechten in der modernen Welt gehört.

(Marthe Pècher, 1981, in deren kleinem Hotel Charlotte die zwei Jahre lebte, in der sie ihr Werk schuf.)

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Die Künstlerin Charlotte Salomon lebte vom April 1917 bis zum Oktober 1943. Sie war Jüdin, das reichte einer wahnwitzigen, damals staatstragenden Idee, sie zu ermorden, ihren Leichnam zu verbrennen. Ihre Asche, die aus den Schornstein Auschwitz` ausgespuckt worden ist, hat die Wälder der Umgebung gedüngt; ich schreibe dies, weil ich gerade in einem anderen Zusammenhang mit einer Freundin geredet habe, die aus nämlich Grunde die Wälder um Hadamar, einer Anstalt, in der ‚lebensunwertes Leben‘ vernichtet wurde, nicht anschauen kann. An diesen Aspekt denkt man selten.

Charlotte Salomon wurde als einziges Kind in eine zur Berliner Gesellschaft gehörende Familie geboren. Ihre Mutter, Franziska Grunwald, und ihr Vater Albert Salomon hatten sich im Krieg kennengelernt. Albert war Chirurg und Franziska hatte sich gegen den erklärten Willen der Eltern als Hilfskrankenschwester gemeldet.

Als Albert um die Hand Franziskas anhielt, waren die Eltern nicht sonderlich begeistert, sie hatten sich etwas ‚besseres‘ für ihre Tochter gewünscht, aber schließlich willigten sie in die Hochzeit ein. Zu diesem Zeitpunkt war Albert die tragische Suizidserie in der mütterlichen Linie der Familie nicht bekannt, er wusste nur von der Selbsttötung der Schwester Franziskas, nach der sie später ihre Tochter Charlotte benannten.

Franziska hatte nach der Hochzeit mit ihrer Arbeit im Hospital aufgehört, ihre Aufgabe war jetzt das Führen des Haushalts und die Pflege gesellschaftlicher Pflichten. Albert Salomon machte im Lauf der nächsten Jahre eine Karriere als Arzt und Professor.

Die Tochter Charlotte wurde 1917 geboren. Die erste Zeit, der Mann war noch im Krieg und arbeitete, ohne daß Franziska dies ahnte, in einem Feldlazarett an der Front, war sicherlich trotz Kindermädchen nicht einfach, Charlotte war ein Schreikind, niemand hatte sie gefragt, ob es ihr recht sei, auf diese Welt zu kommen, und der grundsätzliche Protest dagegen weitete sich schon in ihrer Kindheit auf alle Versuche anderer Menschen aus, über ihr Leben zu verfügen.

Aber selbstverständlich gedieh das Kind, nahm zu an Alter und Vorwitz, war hinreißend altklug und eigensinnig verbockt. Ließ sich die Energie des Mädchens im Vorschulalter noch durch sportliche Aktivitäten lenken, kam es nach der Einschulung zu Schwierigkeiten. Die Lehrer beschwerten sich und beschrieben die Sechsjährige als widerspenstig, ungehorsam und trotzköpfig. Auch zu Hause wurde das Mädchen den Erwartungen, die insbesondere die Großeltern an ein Kind ihrer Gesellschaftsschicht stellen, nur selten gerecht.

Um diese Zeit muss es auch begonnen haben, daß Franziskas Leben sich verdunkelte. Nicht in der Öffentlichkeit oder Gästen gegenüber, dort nahm sie ihre Pflichten war, aber in den stillen Stunden zu Hause fühlte sie sich immer öfter wie von einer ’schwarzen Walze‘ überrollt, die sie mit einem düsteren Trauerkleid zu umhüllen begann, welches schließlich als tiefschwarze Trauergarderobe jede Farbe und alles Licht in sich aufgesogen hatte.

Auf Betreiben der Großmtter  sagten sie dem Kind Charlotte, die Mutter sei sehr plötzlich an Grippe erkrankt und gestorben, erst viele Jahre später sollte sie als erwachsene Frau die Wahrheit erfahren. Das Kind trauerte um die geliebte Mutter, zog sich zurück, wurde schwierig, einzelgängerisch, vergrätzte ein Kindermädchen nach dem anderen, die Schulleistungen waren nicht besonders. Der Vater hatte wenig Zeit bei seinem Beruf, war ratlos, was aus dem Mädchen mal werden sollte, er ahnte aber, daß sie von der Mutter eine künstlerische Begabung mitbekommen hatte. Die Großeltern Marianne und Ludwig Grunwald wollten in die Erziehung des problematischen Kindes eingreifen, sie nahmen sie mit in einen Urlaub in das Engadin. Auch dort fiel das sich langweilende Kind durch Streiche eher unangenehm auf, bis sie zufällig eine junge Frau traf, an die sie sich wie eine Klette hängte. Zwar konnte diese Marie den Regen auch nicht stoppen, aber gegen die Langeweile hatte sie ein Rezept: zeichnen und malen… hier, in der Stube des Aussiedlerhofs, mit Blick über die verregneten Wiesen in die grauen Berge hinein, hier machte Charlotte Salomen ihre allerersten Schritte hin zu ihrer Berufung….

Es dauerte ungefähr vier Jahre, bis Albert Salomon auf einer Abendgesellschaft (Veranstaltungen, zu denen er nur selten und eher ungern geht) eine Frau traf, die er näher kennen lernen wollte. Paula Lindberg war eine bekannte und gefragte Sängerin, die auf sein Werben einging. Ob dies eine Heirat (1930) aus Liebe oder von Paulas Seite aus aus einer gewissen, nicht bösartigen Berechnung, geworden war, läßt Greiner ein wenig im Dunkeln: Albert Salomon hatte einen bekannten Nebenbuhler, Kurt Singer, ein vielbeschäftiger Mann aus der Kulturszene, der spätere Gründer des Jüdischen Kulturbundes [3]. Paula Lindberg jedenfalls hatte die Befürchtung, von diesem nur für seine Zwecke ausgenutzt zu werden, falls sie ihn erhören würde. Paula und Charlotte dagegen… Paula gewann dieses Mädchen schnell lieb und Charlotte vergötterte Paula, ihre Stiefmutter. So normalisierten sich in der Folgezeit die Verhältnisse im Hause Salomon.

Was sich nicht normalisierte, sondern im Gegenteil aus dem Ruder lief, waren die politischen Verhältnisse. Charlotte war zehn Jahre alt, als sie das erste Mal den Begriff ‚Judenbengel‘ hört und ihren Vater fragte, was denn damit gemeint sei. Albert Salomon aus dieser voll assimilierten Familie sah sich gezwungen, seiner Tochter zu sagen, daß sie selbst Jüdin ist und was das überhaupt heißt, Jude zu sein…

1933, drei Jahre nach der Hochzeit, wurden öffentliche Auftritte von Juden, also auch von Paula Lindberg, geb. Levi, verboten. Im gleichen Jahr wurde dem Professor Albert Salomon die Lehrbefähigung entzogen, der schon genannte Kurt Singer gründete den ‚Kulturbund Deutscher Juden‘, hier konnte auch Paula Lindberg noch ein Weile auftreten. Charlotte Salomon verließ das Gymnasium, weil sie, die Jüdin, dort diskrimiert wurde. Zur gleichen Zeit emigrierten die Großeltern, für kurze Zeit gingen sie nach Rom; als dort die Faschisten an die Macht kamen, zogen sie 1934 weiter nach Südfrankreich.

Charlottes Besuch einer Modezeichnerschule war nicht erfolgreich, sie nahm jedoch privaten Zeichenunterricht. Im Herbst 1935 wurde sie auf Probe an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst angenommen, doch schon zwei Jahre später verließ sie die Schule wieder, weil sie als Jüdin den ersten Platz eines Wettbewerbs, den sie gewonnen hatte, nicht annehmen durfte.

Bestimmend für das weitere, kurzes Leben Charlottes sollte die Bekanntschaft mit Albert Wolfsohn werden, der als Gesangspädagoge in das Haus Salomon kam. Charlotte verliebte sich in diesen exaltierten, durch Weltkriegserlebnisse traumatisierten Mann, der zu keiner Sekunde merkte, wie sehr sich Charlotte in ihn verliebt hat und der sich ihr meist mit schmerzender Gleichgültigkeit näherte – oder eben auch nicht….

Die Lagerhaft Albert Salomons in Sachsenhausen (1938), aus der ihn Paula mit Hilfe vieler Bekannter befreien konnte, raubte die letzten Illusionen. Charlotte wurde nach Südfrankreich zu den Großeltern geschickt, dort wähnten sie die Eltern in Sicherheit. Paula und Albert wollten in die USA emigrieren und Charlotte dann nachholen, ein Plan, der nicht umgesetzt werden konnte.


In Villefranche bei Nizza sind die Großeltern bei einer Amerikanerin, Ottilie Moore, untergekommen, die auf einem großzügigen, naturnahen Grundstück lebt und dort elternlos gewordene Kinder aufnimmt. Die Großeltern haben sich sehr verändert, die Großmutter ist ängstlich geworden, hat sich in sich zurückgezogen, der Großvater grantelt und ist mit allem unzufrieden. Beide bestehen darauf, die Verhältnisse, die sie aus Berlin gewohnt waren, möglichst auch in ihrem Exil beizubehalten. Dies führt zu häufigen Spannungen und als der Großvater dabei ertappt wird, mit völliger Selbstverständlichkeit Lebensmittel aus dem Vorratsraum zu stehlen, werden die Großeltern von Ottilie Moore rausgeschmissen. Die stille, das Licht, das Meer, den Garten malende Charlotte, „die Stumme“, wie sie manchmal genannt wird, sie hätte selbstverständlich bleiben dürfen…

Als sich auch die Großmutter im März 1940 vor den Augen Charlottes das Leben nimmt, erfährt die junge Frau von ihrem Großvater das ganze Ausmass des Familienunglücks, er schleudert es ihr in einem Anfall von Furor förmlich entgegen [6]. Charlotte ist am Boden zerschmettert, bitte lass mich nicht wahnsinnig werden fleht sie Gott an. Und obendrein grummelt der Alte, auch sie solle sich doch umbringen, damit dies Geklöne endlich aufhört.

Die Stimmung der Franzosen ihren ungebetenen Gästen gegenüber wird immer negativer [2], im Sommer 1940 werden Charlotte und ihr Großvater als ‚feindliche Ausländer‘ in Gurs, einem fürchterlichen Internierungslager in den Pyrenäen, eingesperrt. Wegen der Gebrechlichkeit des alten Mannes können sie beide das Lager im Juli wieder verlassen, die Aufenthaltsgenehmigung Charlottes ist fortan jedoch an das Leben ihres Großvaters gekoppelt. Charlotte fällt in ein tiefes, tiefes Loch, auch bei ihr treten suizidale Gedanken auf. Sie greift jedoch den Rat ihres Arztes, Dr. Moridis, der eine Art väterlicher Freund für sie ist, auf und fängt das Malen wieder an, das Malen ihres Lebens… für zwei Jahre mietet sie sich in einem kleinen Hotel ein, der Belle Aurora bei Marthe Pèncher und ihrem Mann… in dieser Zeit entstehen die vielen Hunderte von Bildern, die ihr Leben beschreiben und die ihr Erbe werden sollten für die Welt, in der ihr nur sechsundzwanzig Jahre vergönnt waren.

Nachdem sie ihr Werk vollendet hat, geht Charlotte wieder zurück zu ihrem Großvater, der Anfang 1943 jedoch an einem Schlaganfall stirbt. Den Packen Bilder übergibt sie Dr. Moridis: Dies ist mein Leben. Auf dem Gelände der Villa (Ottilie Moore war 1941 in die Staaten zurückgekehrt) betreut deren ehemaliger Liebhaber Alexander Nagler, ein österreichischer Jude, letzte Kinder, zu ihm zieht Charlotte jetzt. Und ihn heiratet sie auch, er ist bei all seinen vielen Schwächen der einzige Mensch, den sie noch hat… Werden dei beiden verraten oder haben sie sich selbst ans Messer geliefert? Greiner läßt diese letzte Möglichkeit offen, jedenfalls werden die mittlerweile schwangere Charlotte und ihr Mann am 21. September 1943 von der Gestapo abgeholt, nach Drancy überführt und von dort nach Auschwitz deportiert. Charlotte wird noch am Tag der Ankunft ermordet, Alexander stirbt wenige Wochen später an Entkräftung.


Charlotte Salomon hat als Künstlerin ’nur‘ ein Werk, ein allerdings einzigartiges, hinterlassen: eine aus einem therapeutischen Malen heraus entstandene Autobiographie, die mit kurzen, in die Bilder gemalten Texten und Ausrufen ergänzt und mit Musikanweisungen versehen ist. Es sind eine Unzahl von Bildern, viele Hundert hat Charlotte zu diesem von ihr Leben? oder Theater? getauften Kunstwerk arrangiert. Sonst ist wenig/nichts (?) von ihr erhalten geblieben, die vielen Bilder, die sie im Garten der Villa Ottilies gemalt hat – verschollen. Im Eingangskapitel schildert Greiner die Begegnung der Eltern Charlottes, die den Krieg überlebten (eine bitterste Ironie, daß ausgerechnet Charlotte, die in Sicherheit gebracht worden war, von den Nazis ins Gas geschickt wurde) mit Ottilie Moore. 1947 fuhren die Eltern auf den Spuren ihrer Tochter, von deren Tod sie durch das Rote Kreuz erfahren hatten, nach Südfrankreich. Sie trafen dort auf eine alkoholsüchtige, derangierte Ottilie Moore, die vor ihren Augen Bilder Charlottes zerriss und nur bereit war, den Eltern irgendwelche Kartons, die Charlotte ihr zugewidmet hatte und die im Keller standen, zu überlassen. Nur weil Ottilie Moore den Wert dieser Bilder nicht erkannte, ist Leben? oder Theater? der Welt erhalten geblieben.

Der Name Charlottes war (und ist) sicherlich kein Bestandteil der Allgemeinbildung. Ein wenig hat sich das nach 2014 geändert, in diesem Jahr erschien der Roman Charlotte von David Foenkino [4], der von der Kritik und den Lesern größtenteils mit Lob überschüttet worden ist. Ich habe damals zu diesem Buch keinen Zugang gefunden; Foenkinos Versuch, die Art, wie Charlotte ihre Bilder mit kurzen Textzeilen kommentiert hat, auf ein ganzes Buch auszudehnen, wirkte auf mich im Endeffekt sehr holprig. Das vorliegende Buch Charlotte Salomon – Es ist mein ganzes Leben von Margret Greiner zeigt dagegen eine deutlich angemessenere, sensiblere Ausdrucksform.

Im Gegensatz zu Foenkinos Titel, der vom Verlag als Roman etikettiert worden ist, hat der Verlag Greiners auf eine Kategorisierung verzichtet, lediglich bei der Kurz-Bio der Autorin wird auf deren Spezialität der ‚erzählten Biographie‘ verwiesen. Da auch kein Nach- oder Vorwort beigegeben ist, in dem die Autorin ihr Arbeitsweise und die Grundlagen ihrer Aussagen beschreibt, steht der Leser vor der praktisch nicht lösbaren Aufgabe, zu unterscheiden, was von den Aussagen Greiners belegt ist und was sie im Gegensatz dazu ‚erfunden‘ hat. Beispielhaft möchte ich hier nur die Episode herausgreifen, in der Charlotte mit dem von ihr so geliebten Alfred Wolfsohn (im Singspiel: Amadeus Daberlohn) eine Bootsfahrt auf dem Wannsee unternimmt. Greiner läßt in ihrer Schilderung des Tages Intimes geschehen, nicht unbedingt aber Schönes, Foenkino ist sehr viel nüchterner bei der Schilderung dieses Ausflugs, aber niemand wird wohl wissen, wie der Ausflug wirklich verlaufen ist.

Amadeus Daberlohn: in ihrem Singspiel, das ihr Leben beschreibt mit den Menschen, die darin vorkommen, bekommen diese andere Namen, die teilweise charakterisierend, teilweise ein wenig lächerlich sind. Paula Lindberg, die Sängerin, wird zu Paulinka Bimbam, Kurt Singer zu Doktor Singsang, der Dirigent Siegfried Ochs (ein Gesangslehrer ihrer Stiefmutter) zu Professor Klingklang, sie selbst wurde zu Charlotte Kann, die Tochter des Arztes Dr. Kann. Den von ihr verehrten Vater wollte sie nicht mit einer frivolen Benennung ins Lächerliche ziehen. Für sie war und blieb er die Verkörperung eines Menschen, der das Gute in die Welt bringen wollte und auch im Scheitern Würde bewahrte.

Der Aufbau des Textes ist, wie bei einer Biographie sinnvoll, weitestgehend chronologisch. Weitestgehend, weil Greiner ihre Schilderung mit zwei späteren Ereignissen beginnen läßt, zum einen bezieht sich das auf die Reise von Paula und Albert Salomon 1947 nach Südfrankreich, bei der Charlottes Werk gerettet wird und zum zweiten zieht die Autorin das Gespräch zwischen der verzweifelten Charlotte und ihrem Arzt Dr. Moridis, in dem dieser ihr rät, zu Malen und sich durch´s Malen auszudrücken – und damit die Entstehungsgeschichte des Zyklus – vor.


Es gibt in der Biographie Charlottes Fragen, die offen sind, die wohl auch der Autorin, Margret Greiner, rätselhaft geblieben sind. Sie betreffen das Verhalten der jungen Frau, das an manchen Stellen ihrer so sehr gefährlichen Lage als Jüdin so gar nicht entspricht. So kommt sie eines Tages außer Atem und erschöpft in ihr Hotel zu Marthe Pècher zurück, die sie nach dem Grund fragt. Charlotte antwortet ihr, es hätte eine Aufforderung an alle Juden gegeben, sich registrieren zu lassen und so sei nach Nizza gelaufen. Marthe Pècher konnte diese Auskunft kaum fassen: zum einen erfuhr sie erst durch diese Antwort, daß ihr liebgewonnener Gast, der in allem, dem Aussehen, der Kleidung, dem perfekten Französisch einer jungen Frau vom Land glich, die in der Stadt als Dienst- oder Hausmädchen arbeitete, Jüdin war und dann diese Dummheit, die Naivität, diese…. und gleichzeitig dieses unfassbare Glück: sie saß schon im Bus, als ein Polizist sie wieder rausjagte, er hielt sie wohl für eine fälschlicherweise zur Deportation vorgesehene Französin…. und das alles geschah, nachdem sie schon in Gurs gewesen war…

Auszug aus der Deportationsliste des Transport No. 60 (Drancy – Auschwitz)
Bildquelle: [B]

Besonders rätselhaft scheint Greiner jedoch die Hochzeit Charlottes gewesen zu sein. Sie legt dem Arzt Dr. Moridis, der Trauzeuge war [5] ihre Fragen und den Zorn in den Mund: warum in aller Welt haben die beiden überhaupt geheiratet und dann auf dem Standesamt auch noch ihre richtige Adresse angegeben? Wusste man auf dem Amt bei Charlotte, daß sie Jüdin war und eine Hochzeit mit einem Nicht-Juden verboten war, so rief in diesem Moment Alexander Nagler dem Standesbeamten aus freiem Willen zu: Wir sind doch beide Juden! 

Man geht davon aus, daß die beiden (um eines Judaslohnes wegen?) denunziert worden sind, angeblich hätten die Menschen im Dorf noch nach Jahrzehnten gewusst, durch wen, aber mit dieser Eintragung in den offiziellen Dokumenten wären sie wohl auf jeden Fall verloren gewesen. Für Brunners Leute wäre es damit ein leichtes gewesen, sie zu finden…


C´ET TOUTE MA VIE [1]

Die Bilder Charlottes, insgesamt schuf sie in den zwei Jahren über 1300 Blätter, sind farbkräftig und ausdrucksstark, kombiniert mit Texten und Musik. Sie beginnen 1913 mit dem Tod der Tante, deren Namen sie trägt: 1. Aufzug, 1913. An einem Novembertage verließ Charlotte Knarre das elterliche Haus und stürzte sich ins Wasser [4156, diese vierstelligen Nummern beziehen jeweils auf die Bilder im online zugänglichen Werk, das vom Jüdischen Museum in Amsterdam bewahrt wird: http://www.charlotte-salomon.nl/collectie/thema’s/charlotte-salomon/leben-oder-theater ] und endet im Epilog mit den Jahren 1939 bis 1942 in Südfrankreich. C´ET TOUTE MA VIE. Es umfasst Charlottes gesamtes Leben, das Singspiel ist autobiographisch und es ist therapeutisch. In einigen der Blätter sind Hinweise darauf zu finden, daß auch Charlotte der Gedanke daran, alles hinter sich zu lassen, nicht fremd war. In Greiners Text sind ein paar der Guachen abgebildet, es ist jedoch sehr empfehlenswert, den Text parallel zur oben verlinkten online gestellten Bildersammlung zu lesen, da die Autorin des öfteren Bildbeschreibungen und -interpretationen in ihre Arbeit eingefügt hat, die man natürlich sehr viel besser versteht, wenn man die Bilder parallel sieht.

Bei den vierundzwanzig dem Buch beigegebenen Abbildungen sind es vor allen drei, die mich besonders erschüttern. Es sind die Verzweiflung, die Einsamkeit, die Hoffnungslosigkeit, dieses Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins und der ebensolchen Hilflosigkeit, das in Abbildung 19 [4808] zum Ausdruck kommt: Charlotte auf dem Bett sitzend, auf den leeren Koffer starrend, den sie für ihre Flucht nach Frankreich zu packen hat…. Lieber Gott, lass mich bloss nicht wahnsinnig werden als sie den Suizid der Großmutter miterlebt [4907]. Lautlos windet sich dieser verzweifelte Aufschrei unüberhörbar aus dem Bild in die Seele des Betrachters…. aber auch der naive Traum des jungen Kindes vom Tod der Mutter, die als Engel in den Himmel schwebt, läßt einen beim Betrachten nicht unberührt [4175].

Ich habe gestern noch bei einer Blogkollegin, die mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hatte, einen Kommentar gepostet [7] und in diesem Kommentar die Formulierung gefunden, die mir gefehlt hat: ‚es ist, als ob die Bilder eine Brücke schlagen von Seele zu Seele, als ob sie einen besonders tiefen, intimen Blick in ein Geheimnis offenbaren…‘: schaue ich die Bilder an, so spüre ich tatsächlich diesen darin verborgenen Schmerz und die Verzweiflung der jungen Frau zerrt auch an mir….

Dagegen (dieser ‚Widerspruch‘ bezieht sich selbstverständlich nicht auf die Qualität der Bilder, sondern auf meine Reaktion darauf….) ist die Darstellung Der Tod und das Mädchen (nicht im Bilderzyklus enthalten) eine der schönsten zum Thema, die ich kenne und auch das etwas düstere Portraits ihres Ehemannes, Alexander Nagler, beeindruckt mich sehr….

Es gibt Bücher, die sind mehr als Texte. Für mich gehört Greiners erzählte Biographie der Charlotte Nagler/Salomon dazu. In ihrem Schicksal manifestiert sich alles Unglück, alles Unheil dieser Welt auf zwiefache Weise: diese ungeheuerliche familiäre Belastung durch die tragische Suiziddisposition in der mütterlichen Linie und den hier auf eine Person heruntergebrochenen Wahnsinn der Nazis. Das zu dokumentieren hat Greiner angemessene und einfühlsame Worte gefunden, das ist ein großes Verdienst….

…..ich selbst möchte an dieser Stelle aufhören mit Schreiben, obwohl ich noch so viel schreiben könnte, weil mein Herz voll ist von weiteren Worten, aber es ist eh lang geworden und ‚es‘ geht auch ziemlich an mich….

Ich müßte es wohl nicht noch einmal extra sagen, aber ich lege dieses besondere Schicksal jedem ans Herz und dieses Buch dazu, das – der Vollständigkeit halber sei es erwähnt – noch ein Literaturverzeichnis, eine Zeittafel und kurze Angaben über die Lebensläufe der wichtigsten Personen enthält…..


Links und Anmerkungen:

[1] siehe die online-Präsentation des Joods Kultureel Kwartier: http://www.charlotte-salomon.nl/collectie/thema’s/charlotte-salomon/leben-oder-theater

[2] Lion Feuchtwanger hat dies in seinem Buch Der Teufel in Frankreich sehr anschaulich beschrieben, Feuchtwanger selbst hat die Lager durchlebt und ist der Deportation nur knapp entkommen (Der Link führt zu meiner Beschreibung des Buches)

[3] Die Gründung dieses ‚Kulturbundes deutscher Juden‘, der später von den Nazis in ‚Kulturbund der Juden in Deutschland‘ umbenannt wurde, war dem Regime sehr recht: zum einen war es schlicht und einfach die Einrichtung eines kulturellen Ghettos, denn im Kulturbund dürften nur jüdische Stoffe von Juden für Juden adaptiert werden. Dem Ausland gegenüber konnte der Kulturbund andererseits als wohlfeiles Feigenblatt dienen. Zum zweiten galt schlicht und einfach Heydrichs Aussage (1935), daß damit sämtliche jüdischen kulturellen Aktivitäten leichter erfasst und zentral überwacht werden konnten [aus: Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden 1933 – 1939, München, 1998)

[4] David Foenkinos: Charlotte. Hier finden sich auch noch einige weiterführende Links, die ich hier nicht aufgenommen habe. Die dort noch angegebene Verlinkung zum Amsterdamer Museum hat sich leider geändert, man kommt (nur) mit den URL, die hier in dieser Besprechung angegeben sind, direkt zu den Bildern.

[5] Die Eintragung beim Standeamt ist im weiter unten aufgeführen Buch von Pollock und Silvermann abgebildet.

[6] die Texte dazu hatte ich in [4] zitiert, wer mag…..

[7] Marina Büttner: Margret Greiner: Charlotte Salomon „Es ist mein ganzes Leben“ Knaus Verlag; in:  https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/04/16/margret-greiner-charlotte-…/

Auch interessant:

Charlottes Leben als Oper, hier aufgeführt am Theater Bielefeld:  https://theater-bielefeld.de/veranstaltung/charlotte-salomon.html

Selbstportrait und Foto von Charlotte Salomon aus der Kunstsammlung in Yad Vashem: http://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/art/salomon.asp

Bildersammlung, auch mit Fotos von Charlotte und ihren Großeltern in Villefranche:  https://www.pinterest.de/pin/541909767641981714/

Bildquelle:

Margret Greiner
Charlotte Salomon
„Es ist mein ganzes Leben“
Originalausgabe: Knaus, HC, ca. 320 S., 2017

Ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Bettina Baltschev: Hölle und Paradies

baltschev

Zwei Männer auf einem Balkon, offenbar guter Laune. Im Hintergrund ist zu erkennen, daß es sich wohl um ein großes Haus aus Backstein handelt, am Horizont die glatte Linie, das Meer wohl. Einer der Männer in ein weißes Jackett gekleidet, der andere hat über das Hemd einen Pullover gezogen, obwohl die Sonne zu scheinen scheint, weht möglicherweise ein kühler Wind, ein Seewind. Der Aufnahme selbst sieht man an, daß sie älter ist, ein Papierfoto, von der Zeit gebleicht und in einen leichten Sepiaton gehüllt.

Sie ist älter, diese Aufnahme, sie stammt aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Das Gebäude gibt es nicht mehr, die uneingeladen erschienenen Deutschen haben das Grand-Hotel in Zandvoort später (wie andere Gebäude dort auch) abgerissen, um freien Blick auf das Meer zu haben, man hielt es für möglich, daß die Invasion hier stattfände. Auf dem Balkon die beiden Männer sind Freunde, es sind Klaus Mann im Jackett und Fritz Landshoff an seiner Seite. Während man Klaus Mann sowohl als Sohn von Thomas und Katia Mann kennt, aber auch aus eigenem Verdienst, man denke nur an Mephisto, ist Fritz Landshoff unbekannter und es ist – das sei schon hier am Anfang meiner Buchvorstellung festgehalten – das große Verdienst von Bettina Baltschev, dies mit diesem Buch (hoffentlich) zu ändern.

Wer sich abseits der Gegenwartsliteratur zumindest hin und wieder auch mit der deutschen Literatur in dieser Zeit, den dreißiger Jahren beschäftigt, wird ab 1933 (‚Der Kegelverein ändert seinen Vorstand.‘ kommentierte der Schriftsteller Georg Kaiser die entsprechende Meldung in der BZ vom 30.1.1933) vermehrt auf Schriftsteller stoßen, die gezwungen waren, Deutschland zu verlassen: die politische Einstellung passte nicht mehr in die Machtverhältnisse, vor allem aber war es das Jüdische, das es nach damaliger deutscher Gesinnung auszurotten galt. So leerten sich die Berliner Künstlercafés [3] und an anderer Stelle füllten sie sich – unter anderem mit deutschen Schriftstellern und Autoren wie den schon genannten Klaus Mann [4].


»Das Exil war eine Hölle«
(Hermann Kesten)

Amsterdam wurde zu so einem Fluchtpunkt. Nicht, weil die ins Exil gezwungenen Schriftsteller diese Stadt im kleinen Nachbarland auf dem Schirm gehabt hätten: ‚Keiner von uns hatte an Holland gedacht‘ hielt Fritz Landshoff 1983 in einem Interview fest, nein, die Initiative ging im Grunde von einem Mann aus und dessen Name wird jedem, der sich ein wenig in der Exilliteratur herumliest, früher oder später unterkommen: Emanuel Querido, von der Abstammung her ein sephardischer Jude, Amsterdamer Verleger und Besitzer des Verlags Em. Querido’s Uitgeverij-MIJ N.V.

Diesem trugen Freunde die Idee an, einen Exilverlag zu gründen, in dem vertriebene deutsche Autoren ihre Werke veröffentlichen konnten. Das war wirtschaftlich durchaus ein Risiko, denn der Hauptmarkt für deutsche Bücher, i.e. natürlich Deutschland, fiel als Absatzmarkt aus, deutsche Flüchtlinge im Ausland hatten meist andere Sorgen, als sich mit Büchern einzudecken und nach dem ‚Anschluss‘ 1938 fiel dann auch noch Österreich als Abnehmer aus, dort bei Händlern eingelagerte Bücher wurden konfisziert, ein nicht unerheblicher Verlust für den Verlag.

Aber zurück zu den Anfängen. Hier kommt der oben genannte Fritz Landshoff ins Spiel. Dieser war Mit-Verleger bei Kiepenheuer in Berlin, einem Verlag, der aufgrund seiner politischen Grundausrichtung ebenfalls reichlich Reibungsfläche mit dem neuen Machthaber bot und nach der ‚Machtergreifung‘ geschlossen wurde. Querido kam auf Landshoff, weil man ihn von Kiepenheuer kannte und schon gut mit ihm zusammengearbeitet hatte. Ein beiden bekannter Journalist und Kritiker, Nico Rost, wurde eingeschaltet und sprach Landshoff in Berlin an. Dem deutschen Juden muss dieser Vorschlag als Geschenk des Himmels erschienen sein, im April 1933 nahm er den Nachtzug nach Amsterdam, um mit Emanuel Querido die Gründung dieses neuen Verlages für Exilliteratur zu besprechen.

Man einigte sich auf eine gleichberechtigte Partnerschaft mit klar umrissenen Verantwortlichkeiten, Gottseidank konnte Landshoff seine finanzielle Einlage an dem neuen Verlag aufbringen. Durch seine Arbeit bei Kiepenheur konnte den Kontakt zu einigen Schriftstellern, die sich zur Ausreise gezwungen sahen, herstellen, schon bald hatte er Verträge mit bekannten Autoren abgeschlossen. So wurden schon im ersten Jahr 1933 acht Titel verlegt, und zwar von Feuchtwanger (2), Heinrich Mann, Anna Seghers, Ernst Toller, Arnold Zweig, Gustav Regler und Alfred Döblin, für das Jahr 1935 listet Baltschev 26 Titel auf, danach nahm die Zahl der Bücher kontinuierlich wieder ab, bis der Verlag wenig überraschend durch die faschistischen Besatzer 1940 geschlossen wurde.

Exilliteratur ist nicht automatisch gute bzw. wichtige Literatur, schon gar nicht automatisch auch politische Literatur. Baltschev widmet dem damaligen Literaturredakteur der linksliberalen Tageszeitung Het Vaderland, Menno ter Brak, einige Seiten. Gelungene Literatur solle im besten Fall gesellschaftlich relevante Themen behandeln, ein Anspruch, dem natürlich nicht jedes Buch gerecht wird. Ihm [i.e. Manno ter Brak] wird jedenfalls regelrecht übel vom Weihrauch, mit dem sich die Exilschriftsteller gegenseitig zunebeln und …. [er] arbeitet sich an Klaus Manns 1934 erschienenem Roman Flucht in den Norden ab, …. der für ihn vor allem eins [ist]: überflüssig. So ist die Entfremdung der beiden Literaten ein Beispiel dafür, daß man zwar an das gleiche glauben kann (die Macht des Wortes), sich aber trotzdem in jeweils fremden Welten bewegt.

Landshoff hatte den Krieg in Amerika überlebt, er war von der Okkupation der Niederlande auf einer Dientsreise nach London überrascht worden und gelangte von dort aus nach Amerika. Nach Kriegsende kehrte er zurück. Die Überlebenden müssen weitermachen, was bleibt ihnen schon übrig? Irgendeinen Sinn muss es schließlich haben, dass sie der Hölle entronnen sind. …. so nahm der Verlag seine Tätigkeit noch einmal auf, 1946 erschien Anna Seghers bekannter Roman Das siebte Kreuz und 1950 dann als letzte Veröffentlichung Klaus Mann zum Gedächtnis  von Erika Mann als Herausgeberin.


Lange hielten sich die Niederländer viel auf ihre Liberalität und Toleranz zugute. Doch wurden im Verlauf des Krieges, vor allem, nachdem die Wehrmacht über das Land, das seine Neutralität erklärt hatte, einfach überrollt und besetzt hatte, immer mehr fremden-/juden-/emigrantenfeindliche Stimmen laut. Es fanden sich willfährige Helfer der Okkupanten, insbesondere Juden anzuzeigen, zu verraten, auf deren Kopf war ein Kopfgeld ausgesetzt, das sich so mancher gerne mitnahm. Was Drancy in Frankreich, ist Westerbrok in den Niederlanden: ein Schandmal, ein Mahnmal der moralischen Unterwerfung unter ein mörderisches System. In Westerbrok wurde interniert und aus Westerbrok wurde deportiert. Zug um Zug mit Hunderten Viehwaggons, vollgestopft mit Menschen, die ihrer Ermordung entgegen in die deutschen Todeslager gefahren worden sind [5]. Hier und auf diese Art und Weise fanden auch Emanuel Querido und seine Frau ihr erbarmungswürdiges Ende in Sobibor [6]. Auch davon erzählt uns Baltschev, von der Stimmung, die in den Niederlanden kippte, von einem Amsterdam, das vorgeblich durch die vielen Fremden zu einer deutschen Stadt geworden wäre, von den Autoren, die sich beklagen, daß sie ihren Roman so weit herummildern [müssen], dass er in Holland eben noch, knapp und knappert, publikabel erscheint. Damit Landshoff nicht wegen Beleidigung eines befreundeten ‚Staatsoberhauptes‘ in´s Chachot kommt. …, so Bruno Franck (schon !) 1937 an Thomas Mann.

Exil – die Schriftsteller legten Wert auf diesen Begriff, sie sahen sich nicht als Emigranten, die ihre Heimat verlassen hatten, um woanders ihr Glück zu versuchen. Exil war kein Abenteuerurlaub. Ich habe an ein, zwei Stellen mal die Augen geschlossen und mir vorgestellt, ich müsste sagen wir innerhalb von drei Stunden fliehen, alles zurücklassen, die Wurzeln zu meinem Leben kappen, nicht wissen, wo ich hinkomme, wie ich aufgenommen werde bzw. ob ich überhaupt aufgenommen werde. Ein furchterregender Gedanke. Exil war reisen, war warten, war ankommen, sich einfinden, war wieder weiterfahren, innerhalb Europas oft mit der Bahn. Irmgard Keun, einer der bei Querido verlegten Autorinnen, hat einen Roman geschrieben, der dies thematisiert, D-Zug dritter Klasse, ihn greift Baltschev heraus und zitiert einige Stellen aus ihm. Nur die wenigstens konnten wie Lion Feuchtwanger [7] oder Thomas Mann auch im Ausland ein ’normales‘ Leben führen. Nicht alle hielten dieses Leben aus, Stefan Zweig beispielsweise schrieb in seinem Abschiedsbrief 1942: …. Und die meinen [i.e. Kräfte] sind durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschließen, …

Amsterdam ist, so formuliert es Baltschev, vor allem Durchgangsstation, ein Ort, an dem die deutsche Exilgemeinschaft der Dichter und Schriftsteller in wechselnder Besetzung zusammenkommt, sich gegenseitig ermutigt und sich von Fritz Landshoff versichern läßt, daß sie und ihr Werk immer noch von Bedeutung sind.

Bettina Baltschev erzählt im besten Sinne des Wortes die Geschichte dieser Frauen und Männer und des nicht einzigen, aber sicherlich einem der bedeutenden Exilverlage,  in Amsterdam selbst gab es z.B. noch den Exilverlag von Allert de Lange. Das erste publizierte Werk bei Querido jedenfalls war von Heinrich Mann Der Hass, Klaus Mann gab knapp zwei Jahre lang die literarische Zeitschrift Die Sammlung bei Querido heraus und engagierte sich sehr für den Verlag. Eine Liste der bei Querido verlegten Autoren (eine illustre Sammlung von Namen….) findet sich hier [8]. Den Umkehrschluss, den man aus diesem Aderlaß für die deutsche Literatur ziehen musste, formulierte Heinrich Mann in seinem Der Hass trefflich: Seinen literarischen Nachwuchs bezieht das System hauptsächlich aus den Reihen der Altern, Halbvergessenen, dei sich über die frühere große Presse zu beschweren hatten. Da sind arme Nichtskönner mit Augen gelb vom Ärger. So lange hatten sie ertragen müssen, daß auch wir noch da waren. Sie zitterten danach , ranzukommen, verzweifelt hofften sie auf ihre Stunde. Jetzt ist sie da. 

Baltschev kennt sich in Amsterdam aus, sie nimmt uns mit an die Schauplätze dieses Exilortes deutscher Schriftsteller. In der Keizersgracht 333 beispielsweise residierten die beiden Verlage Queridos, im Café Américain kam so etwas wie Bohème-Stimmung auf. Ein Ort des Grauens dagegen an der Hollandsche Schouwenburg an der Plantage Middenlaan. Einst ein Theater im Amsterdam wurde es unter der deutschen Besatzung ein Theater im Ghetto und in Joodsche Schouwenburg umbenannt, 1942 muss es den Theaterbetrieb einstellen und wird zum Sammelzentrum für Juden aus dem Großraum Amsterdam, auch für Emanuel Querido und seine Frau Jane war dieser Ort eine Etappe ihres Leidensweges.

Hölle und Paradies von Bettina Baltschev, die Kulturwissenschaften, Journalistik und Philosophie in Leipzig und Groningen studiert hat und jetzt als Redakteurin und Autorin arbeitet, ist ein sehr gelungener Versuch, ein bislang zumindest in der Öffentlichkeit wohl eher unbekannteres Kapitel der deutschen Literaturgeschichte auszuleuchten, verknüpft man den Begriff der Exilliteratur doch eher mit Südfrankreich oder den USA. Doch war Querido und seine Mitstreiter hier in den Niederlanden geschaffen haben, war mutig und ehrenhaft: sie gaben mundtot gemachten Schriftstellern ein Forum, weiterzuarbeiten, in der Hoffnung, gehört zu werden, zumindest aber, nicht vergessen zu werden. In diesem Sinne ist dem Werk ein Verzeichnis der publizierten Bücher beigegeben, in einer weiteren Auflage des Buches kommt möglicherweise ebenso noch eine kurze und wünschenswerte Aufstellung über die von Querido verlegten Autoren hinzu.

Hölle und Paradies von Bettina Baltschev ist nicht nur inhaltlich sehr interessant, sondern liest sich auch sehr gut, gerade weil die Autorin auch ihre persönlichen Eindrücke bei der Arbeit zum Buch mit einbringt, ferner ist Hölle und Paradies ebenso als Buch einfach schön. Dies sollte zusätzlichen Anreiz bieten, sich Baltschevs Buch anzuschaffen, es ist ein Steinchen, ein wichtiges, im Mosaik ‚Wider das Vergessen‘

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Beiträge zu
– Emanuel Querido: https://en.wikipedia.org/wiki/Emanuel_Querido
– Fritz Landshoff: https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Helmut_Landshoff
– Querido-Verlag: https://de.wikipedia.org/wiki/Querido_Verlag
[2] und [3] entfallen….
[4] vgl. z.B. auch: Manfred Flügge: Das flüchtige Paradies (https://radiergummi.wordpress.com…paradies/), in dem die Verhältnisse im südfranzösischen Sanary-sur-Mer geschildert werden
[5] – In den Aufzeichnungen von Etty Hillesum beispielsweise findet man eine aufrüttelnde Beschreibung des Lagers Westerbrok: Ein denkendes Herz; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2014/07/16/etty-hillesum-ein-denkendes-herz/
– Aus den Unterlagen des Niederländischen Roten Kreuzes zu Transporten nach Sobibor: http://resources21.kb.nl/gvn/EVDO02/pdf/EVDO02_NIOD05_7880.pdf
[6] Was das Datum angeht, tritt eine kleine Unstimmigkeit auf: die Autorin schreibt: Am 20. Juli 1943 treffen Emanuel und Jane Querido im Vernichtungslager Sobibor ein. …., die Transportlisten weisen dagegen für den 20. Juli nur einen nach Sobibor abgehenden Zug auf, der dort drei Tage später, am 23. Juli eintrifft:  http://www.tenhumbergreinhard.de/transportliste-der-deportierten/bericht-transport/transport-20071943-westerbork.html (Zur Übersicht der Transport aus Westerbrok siehe hier: http://www.tenhumbergreinhard.de/transportliste-der-deportierten/index.html). Eine andere Aufstellung weist für diesen Transport einen Querido, Korper V auf, ob dieser mit den Queridos verwandt ist, kann ich nicht sagen (http://resources21.kb.nl/gvn/EVDO02/pdf/EVDO02_NIOD05_7880.pdf, S. 13)
[7] wobei Lion Feuchtwanger vorher die Drangsal von Internierung und Flucht zu durchleiden hatte: Lion Feuchtwanger: Der Teufel in Frankreichhttps://radiergummi.wordpress.com/2013/04/27/lion-feuchtwanger-der-teufel-in-frankreich/
[8] Wiki-Beitrag zum Querido-Verlag: https://de.wikipedia.org/wiki/Querido_Verlag

Bettina Baltschev:
Hölle und Paradies
Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur
diese Ausgabe: Berenberg-Verlag, Halbleinen, ca. 168 S., 2016

Françoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten

Dieser Beitrag ist auch als Podcast im literaturRADIObayern zu hören: https://www.machdeinradio.de/radiobeitrag/fda-rezension-francoise-frenkel-nichts-um-sein-haupt-zu-betten.html


Die Autorin dieses Buches, Françoise Frenkel [1], wurde 1889 als Frymeta Idesa Frenkel in Piotrków, Region Lodz, Polen, in einem jüdischen Elternhaus geboren. Nach ihrer Kindheit und Jugend erhielt sie eine Musikausbildung in Leipzig und studierte später in Paris Literaturwissenschaft. 1921 eröffnete sie mit ihrem Mann in Berlin eine Buchhandlung, die sie bis 1939 betrieb. Kurz vor Ausbruch des Krieges floh sie nach Frankreich, wo sie nach der Besetzung durch die Nazi-Truppen und die Vichy-Regierung aber weiter verfolgt wurde. Nach mehreren misslungenen Anläufen gelang ihr im Juni 1943 die Flucht in die Schweiz, wo sie bald nach ihrer Ankunft mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen begann. Diese erschienen schon im September 1945 im (nicht mehr existierenden) Genfer Verlag Jeheber. 2015 wurde das Buch in einem Antiquariat zufällig wiederentdeckt und neu veröffentlicht. Nichts, um sein Haupt zu betten ist die deutsche Übersetzung der französischen Neuauflage der Erinnerungen Françoise Frenkels, die 1975 in Nizza gestorben ist.

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Und offensichtlich ist es für die Darstellung des historischen Sachverhaltes wichtig, daß dieses Buch wieder aufgelegt worden ist. Unten [2] habe ich zwei Beispiele angeführt, die zeigen, daß die Daten über diese Buchhandlung, die sicherlich im kulturellen Leben Berlins in dieser Epoche ihre Rolle hatte, widersprüchlich und ungenau sind und nicht mit den Angaben von Frenkel in ihrem Aufzeichnungen übereinstimmen.


Einführend beschreibt die Autorin im ersten Kapitel, daß und wie sie sich schon als Kind in Bücher eine Leidenschaft für Bücher entwickelt hatte und daß ihre Eltern diese Leidenschaft unterstützten. Das Studium und die Zeit des 1. Weltkrieges verbrachte Françoise Frenkel in Paris, danach machte sie ein Praktikum in einer Buchhandlung. Ihr Entschluss, Buchhändlerin zu werden, war bald gefasst.

Nach dem Krieg waren die deutsch-französischen Beziehungen denkbar schlecht, bei einem Reisestop in Berlin konnte die junge Frau feststellen, daß dort (mit Ausnahme von ein paar Klassikern) praktisch keine französische Literatur mehr erhältlich war. Der aufkeimende Plan, in Berlin eine französische Buchhandlung aufzumachen, wurde in Paris von ihrem Professor unterstützt: Berlin? Das ist ein Mittelpunkt! Versuchen Sie doch ihr Glück! … Eine Buchhandlung in Berlin… das ist fast eine Mission.

1921 wares soweit, nach vielen bürokratischen Nickeligkeiten konnte sie ihre Buchhandlung eröffnen. Aus kleinen Anfängen heraus wurde das Geschäft bald bekannt und zog aus den Räumen einer Privatwohnung in ein Ladengeschäft in prominenter Lage um, in die Passauer Str. 39 (An der Stelle befindet sich heute eine Erweiterung des KaDeWe). Frenkel beschreibt in ihren Aufzeichnungen die Entwicklung der Buchhandlung, die Kunden, die sie besuchten, die Beschaffung der Bücher, die sie aus Frankreich bezog… Sie veranstaltete Lesungen mit französischen Autoren, die Buchhandlung muss ein Juwel gewesen sein [7]. Wie Modiano in seinem Vorwort zum Buch andeutet, beschreibt Nabokov in seinem Roman Die Gabe eine Buchhandlung, die der von Frenkel gleichen dürfte; ein großer Teil des Publikums im Maison du livre français kam aus slawischen Ländern.

Anfang der 30er Jahre wurden die Arbeits- und Lebensbedingungen aber sukzessive schlechter. Durchsuchungen und Beschlagnahmungen häuften sich bis hin zu Blockwarten, die in die Suppentöpfe schauten; die Beschaffung von Büchern aus Frankreich wurde immer schwieriger ebenso wie deren Bezahlung aufgrund von Devisenbestimmungen. Im Buch wird es nicht erwähnt, aber 1933 kehrte ihr Mann zurück nach Frankreich und sie führte die Buchhandlung allein weiter.

Frenkel erlebte das vor allem gegen Juden immer repressiver und unverhohlener vorgehende Nazi-Regime mit. Mit ihrem besonderen und prominenten Status als Ausländerin (sie ist mit ihrem Geschäft sowohl in publizistischen als auch diplomatischen Kreisen bekannt) war Frenkel trotz ihres ‚Judentums‘ zumindest anfänglich noch geschützt, noch nahm das Nazi-Regime Rücksicht auf die öffentliche Meinung im Ausland. Bei den Ausschreitungen und Verwüstungen in der Reichsprogromnacht stand ihr Geschäft nicht auf den Listen der Brandschatzer, mit Entsetzen und Angst sah sie die braunen Horden durch die Straßen ziehen und ihre Verwüstungen anrichten.

Konsequenz und Verblendung des Nazi-Regimes wurden lange unterschätzt, erst Sommer 1939, kurz vor Ausbruch des Krieges sah sich Francois Frenkel, von Freunden dringend dazu aufgefordert, gezwungen, Berlin zu verlassen. Die meisten ihrer Kunden hatten zu diesem Zeitpunkt Deutschland schon den Rücken gekehrt. Es war knapp, aber die Ausreise gelang.

Für ein paar Monate konnte Frenkel in Paris bleiben, aber auch in Frankreich nahmen die Repressionen gegen Ausländer zu. So war es schwierig für sie, den Passierschein zu erhalten, um in den Süden, nach Avignon, zu flüchten. Hier, in Südfrankreich, strandeten so viele der Ausländer, der Juden, die vor den Nazis flohen, doch die Vichy-Regierung ließ ihnen auch hier immer weniger Luft zum Leben [im Juni 1940 war mit einem Waffenstillstandsabkommen Frankreich zweigeteilt worden, zur Situation (jüdischer) Flüchtlinge in Südfrankreich vgl auch Anmerkung 3]. Noch beschreibt Frenkel Avignon als einen verträumten Ort wie aus der Zeit gefallen, das sollte sich aber bald ändern. Weitere Fluchtstationen von Frenkel waren Vichy und vor allem Nizza.

Sie wohnte anfänglich in Hotels und Pensionen, begegneet immer häufiger entwurzelten, immer hoffnungsloser werdenden Menschen. Die äußeren Randbedingungen des Überlebens wurden zunehmend schwieriger, Lebensmittel wurden rationiert und nur noch auf Bezugsscheine ausgegeben, die Preise stiegen, da die deutschen Besatzer jeden Preis, der verlangt wurde, zahlen konnten, es entwickelte sich daher ein umfangreicher Schwarzmarkt. Immer wieder verfügte die Vichy-Regierung neue Registrierungen, jetzt auch mit Angaben zur ‚Rassenzugehörigkeit’…

1942 entging sie der Deportation nur, weil ein Hotelgast die vom Einkauf Zurückkehrende vom Balkon aus warnen konnte: der Totentanz hatte begonnen, die Juden wurden gejagt und eingesammelt, in Busse verfrachtet und in Lager gebracht. In ihrer Panik betrat sie das Friseurgeschäft des Ehepaares Marius, um sich dort zu verstecken, das Paar war ihr bekannt. In den nächsten Monaten zeigten diese beiden eine bewundernswerte Courage und viel, viel Mut: immer wieder wurden sie zur Anlaufstation von Françoise Frenkel, die von diesem Zeitpunkt an im Untergrund leben musste.

Immer wieder wurden ihre diversen Unterkünfte, in denen sie Unterschlupf findet, unsicher: Unvorsichtigkeiten, Zufälle oder die Schlechtigkeit der Menschen verrieten ihre Anwesenheit, jedesmal war das Ehepaar Marius für sie da.

Über Freunde konnte sie ein Schweizer Visum erhalten, ein offizieller Grenzübertritt war jedoch absolut unmöglich. Beim ersten Versuch, in einer Gruppe mit einem Schleuser in die Schweiz zu kommen, wurden sie entdeckt und verhaftet. Bei der Gerichtsverhandlung wurde sie aufgrund des guten Leumunds, für den sie noch entsprechende Empfehlungsschreiben aus längst vergangenen Zeiten vorweisen konnte, freigesprochen…. erst der dritte Versuch, die Grenze zu überwinden, sollte erfolgreich sein, mit Not und Mühe und der ‚Hilfe‘ des italienischen Grenzers [4], der in die Luft schoß, überwand sie den Stacheldraht fiel auf schweizer Boden.


Françoise Frenkels Geschichte ist wichtig, in zweierlei Hinsicht. Zum einen zeigen die sich teilweise widersprechenden Daten die Unsicherheit, die bezüglich der Kenntnisse über das Maison du livre français in Berlin herrschen. Dieses Geschäft war nicht irgendeine beliebige Buchhandlung, als Vertreterin und in gewissem Sinne auch ‚Botschafterin‘ (Frenkel selbst bezeichnet ihre Tätigkeit in Berlin selbstbewusst als ‚Dienst am französischen Geist in Deutschland‘) ihrer Kultur muß das Haus über viele Jahre eine Institution im kulturellen Leben der Hauptstadt gewesen sein – über das kaum etwas bekannt ist, die aus dem Gedächtnis gelöscht ist. Dem schafft das vorliegende Buch Abhilfe, ferner korrigiert sie die wenigen Daten, die über die Buchhandlung bekannt sind (bei Defrance [2b] stimmen weder das angegebene Gründungs- noch das Datum der Flucht respektive der Aufgabe der Buchhandlung mit den Angaben von Frenkel überein). Rätselhaft bleibt jedoch die Tatsache, daß die Autorin ihren Mann, mit dem sie die Buchhandlung viele Jahre (ihrer Zählung nach wohl 12 Jahre) geführt hat, völlig unerwähnt läßt, weder die Hochzeit noch die gemeinsame Arbeit werden beschrieben [5]. Auch der Name ‚Raichenstein‘ taucht im Buch nicht auf, Modiano beschreibt in seinem Vorwort, daß er diese Daten zur Autorin im Staatsarchiv Genf auf der Liste der Personen, denen nach ihrem Grenzübertritt der Aufenthalt in der Schweiz gestattet war, erfahren hat.

Über die Gründe für dieses Verschweigen kann nur spekuliert werden, Zimmermann mutmaßt in ihrer Rezension [9], daß Frenkel ihren Mann nicht erwähnt, um ihn zu schützen. Ihre Erinnerungen hat die Autorin jedenfalls sehr bald nach ihrer Flucht angefangen auf Papier zu bringen, schon 1945 sind sie als Buch publiziert worden. Die Erinnerungen beschreiben, dies ist ein anderer Grund, warum sie so wichtig sind, das auf eine Person heruntergebrochene Schicksal flüchtiger Juden in Europa. Francoise Frenkel war in der ‚glücklichen‘ Lage, dies für die Nachwelt festhalten zu können – sie stellte dieses Motiv, Zeugnis abzulegen, damit die Toten nicht vergessen, noch Hilfsbereitschaft und Aufoperung Unbekannter missachtet werden, ihren Aufzeichnungen voran. Ich habe ‚glückliche‘ Lage geschrieben, denn viele andere der flüchtigen Juden wurden aufgegriffen, wurden denunziert, wurden deportiert und wurden schließlich ermordet [6]. ‚Glücklich‘ auch, weil sie in den Ehepaar Marius zwei Menschen gefunden hatte, die persönlich viel riskierten, um ihr immer wieder zu helfen.

So legt Frenkel tatsächlich beredtes Zeugnis ab über diese schweren, für viele tödlichen Jahre in Südfrankreich. Über Menschen, die verzweifelt sind, die apathisch sind, die entwurzelt alles verloren haben. Die niemand mehr aufnehmen will, die nirgends mehr ein Ziel finden. Über Menschen aber auch, die der Propaganda erliegen, die die rassistischen Wahnideen nacheifern, die glauben, was man ihnen aus allen Richtungen eintrichtert. Sie berichtet über Angst und Schrecken, über die kleinen Freuden auch, die sich in seltenen Momenten noch einstellen. Über den Hunger und die Probleme, sich einfach nur am Leben zu halten…. über die Unausweichlichkeit, sich wildfremden Menschen anvertrauen zu müssen, ihnen ausgeliefert zu sein, in jeder Hinsicht erpressbar. Und sie berichtet – und das ist nicht wenig – über Menschen, die Menschen geblieben sind, die helfen, obwohl sie sich damit selbst in Gefahr bringen.

Es ist ein Glücksfall, daß Françoise Frenkels Aufzeichnungen wieder entdeckt und in ihrer Bedeutung erkannt worden sind. Es ist ein Buch, das man jedem, der sich für diese Zeit und das Schicksal von Menschen damals interessiert, wärmstens ans Herz legen kann.
Ein Anhang ergänzt das Buch um eine Zeittafel und weitere Dokumente aus dem Leben und von der Flucht Françoise Frenkels.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Françoise_Frenkel

[2a] So findet man beispielsweise in der Wiki (https://de.wikipedia.org/wiki/Passauer_Straße_(Berlin) [Stand: 14.08.2016]): „Selbst eine französischsprachige Buchhandlung, das „Maison du livre francais“ in der Passauer Straße 39a, wurde von einem Exilanten aus Russland betrieben und richtete sich über die Zeit ihres Bestehens von 1923 bis 1933 auch vornehmlich an gebildete Russen.“ (vgl. aber auch [7]!)

[2b] Corine Defrance schreibt in ihrem Aufsatz: Die Maison du livre français in Berlin (1923-1933) und die französische Buchpolitik in Deutschland; in: Hans Manfred Bock (Hrsg): Französische Kultur im Berlin der Weimarer Republik: kultureller Austausch und diplomatische Beziehungen, daß das Wissen um die Existenz dieser Buchhandlung nur einem Zufall, einem Brief eines Besuchers an seine Eltern nämlich zu verdanken ist. Andererseits erwähnt sie eine Aufzeichnung des Inhabers der Buchhandlung, Simon Raichenstein, aus dem Jahr 1934 über die Buchhandlung und eine in einem Archiv gefundene Notiz, daß die Buchhandlung 1933 geschlossen worden wäre und die Raichensteins in der ersten Emigtrationswelle 1933 Berlin verlassen hätten. Auf die Tatsache, daß Defrance die Gründung der Buchhandlung auf das Jahr 1923 verlegt, sei nur hingewiesen. Möglicherweise ist dies das Jahr, in dem das neue Ladengeschäft eröffnet wird. Quelle:  https://books.google.de/books?…..
Auf der anderen Seite ist es mir ebenso sehr merkwürdig vorgekommen, daß Françoise Frenkel ihren Mann Simon Raichenstein an keiner Stelle des Buches erwähnt (auch nicht, daß sie überhaupt verheiratet ist), weder vor noch nach 1933, dem Jahr, in dem er Berlin mit einem Nansen-Pass [siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Nansen-Pass] verließ.

[3] Lion Feuchtwanger hat dies sehr anschaulich in seinen Aufzeichnungen: Der Teufel in Frankreich; Buchvorstellung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/…frankreich/

[4] Die Region stand eine Zeit lang unter italienischer Verwaltung, was für die sich dort versteckenden Juden eine gewisse Entlastung bedeutete.

[5] Simon Raichenstein, so schreibt Modiano, ist am 24. Juli 1942 von Drancy aus nach Auschwitz deportiert worden, in den Tagen zuvor hatte die französische Polizei die Juden aus Paris im Stadion d´Hiver zusammen getrieben (Die Verhaftung staatenloser Juden in Paris wird von der französischen Polizei in der Zeit vom 16.7. – 18.7.1942 vorgenommen werden. Es steht zu erwarten, daß nach der Verhaftung etwas 4000 Judenkinder zurückbleiben…. bitte ich Sie dringend um Entscheidung darüber, ob diese Kinder der abzutransportierenden staatenlosen Juden etwas vom 10. Transport ab mit abgeschoben werden können. aus einem Fernschreiben des SS-Hauptsturmführers Danneker, Paris, an das RSHA Berlin, am 10. Juli 1942; aus: Schoenberger G: Der gelbe Stern – Die Judenverfolgung in Europa 1933-1945, Fischer TB, 1982

[6] Bei den Schilderungen Frenkels musste ich so häufig an Charlotte Salomon denken, diese junge deutsch-jüdische Frau, eine Künstlerin, die sich ebenfalls in der Nähe von Nizza versteckt gehalten hatte und durch einen Verrat letztlich doch ihren Mördern in die Hände gefallen war. David Foenkinos hat dies in seinem bewegenden Buch Charlotte beschrieben (https://radiergummi.wordpress.com/2015/12/20/david-foenkinos-charlotte/)

[7] Die Passauer Straße in Berlin war für eine Buchhandlung offensichtlich ein ausgesucht geeigneter Platz. Ich kopiere hier eine Passage aus dem entsprechenden Beitrag der Wiki (https://de.wikipedia.org/wiki/Passauer_Straße_(Berlin)):

Leben in der Vorkriegszeit

In der Passauer Straße 23 lebte bereits 1905 der Indologe Richard Pischel. In den 1920er Jahren lebten vor allem südlich der Kreuzung mit der Augsburger Straße zahlreiche bedeutende Schriftsteller, auch einige Verlagshäuser fanden hier ihren Sitz.

In der Passauer Straße 19 wohnte von 1917 an bis Mitte der zwanziger Jahre Gottfried Benn mit seiner Familie. Nach dem Tod seiner Ehefrau bot die Wohnung auch Gästen Raum, so zum Beispiel dem Schriftsteller Klabund und seiner Ehefrau, der Schauspielerin Carola Neher.[15] Benns spätere Geliebte, die Schriftstellerin Ursula Ziebarth, lebte für kurze Zeit in einer Pension in der Straße im Oktober 1954.

Die Passauer Straße 1920, rechts unten die Tauentzienstraße, unten Mitte das KaDeWe

Vladimir Nabokov lebte von 1926 bis Anfang 1929 mit seiner Frau in zwei Zimmern in der Passauer Straße 12. In seinem ersten englischsprachigen Roman Das wahre Leben des Sebastian Knight aus dem Jahr 1941 eröffnet er mit den Worten „Große, nasse Schneeflocken trieben schräg über die Passauer Straße im Berliner Westen, als ich auf ein häßliches altes Haus zuging, das zur Hälfte hinter einer Gerüstmaske versteckt war.“ eine Szene, in der der Held bei der Suche nach einer Augenzeugin auf die Aufbahrung derselben stößt.

Von 1926 an hatte der MalikVerlag seinen Sitz in der Passauer Straße 3. Im selben Haus hatte bereits zu Anfang der 1920er Jahre der russische Romancier Andrej Belyi gelebt. Die Passauer Straße 8/9 war von 1929 bis 1935] Adresse des Rowohlt Verlags, bevor er in die Eislebener Straße weiterzog. Die dort verlegte Literarische Welt hatte ihre Redaktion in der Passauer Straße 34.

Im September 1930 lebte Antonin Artaud in der Passauer Straße 10. Zu dieser Zeit lernte er Georg Wilhelm Pabst kennen und wirkte in den Wochen danach an dessen Film Die Dreigroschenoper mit.

In der Passauer Straße eröffneten Françoise Frenkel und Simon Raichenstein 1921 La Maison du Livre français, die erste französische Buchhandlung der Stadt.

[8] Margarete Zimmermann: Die erste französische Buchhandlung in Berlin: Françoise Frenkel, Rien où poser sa tête; in: http://literaryfield.org/review-frenkel/ 
Dieses Motiv erscheint mir jedoch nicht unbedingt plausibel. Da Simon Raichenstein in der großen Sammelaktion 1942 über Drancy nach Auschwitz deportiert worden war, ist es wohl unwahrscheinlich, daß sie zwischen 1942 und 1945 noch Informationen über ihn bekommen hat oder gar Kontakt zu ihm hatte. Françoise Frenkel konnte wohl daher davon ausgehen, daß ihr Mann den Nazis zum Opfer gefallen war. Ihr Buch erschien ferner nach Ende des Krieges, eine Erwähnung darin hätte Simon Raichenstein kaum schaden können. Abgesehen davon ist es für mich nicht überzeugend, daß das Faktum, daß Simon Raichenstein bis 1933 in Berlin als Buchhändler tätig war, die Tatsache, als Jude von den Nazis verfolgt zu werden, noch verschlimmern könnte.
Dieser Beitrag ist auch als Podcast im literaturRADIObayern zu hören: https://www.machdeinradio.de/radiobeitrag/fda-rezension-francoise-frenkel-nichts-um-sein-haupt-zu-betten.html

Françoise Frenkel
Nichts, um sein Haupt zu betten
Übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Edl
Mit einem Vorwort von Patrick Modiano
Originalausgabe: Rien où poser sa tête, Genf, 1945
Neuausgabe: Paris, 2015
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca. 284 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.