Margret Greiner: Charlotte Salomon

Während der vierzig Jahre hatte ich oft an dieses bewundernswürdige und reine Mädchen gedacht, das ohne jeden Zweifel zu der Kategorie der nicht eben zahlreichen Gerechten in der modernen Welt gehört.

(Marthe Pècher, 1981, in deren kleinem Hotel Charlotte die zwei Jahre lebte, in der sie ihr Werk schuf.)

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Die Künstlerin Charlotte Salomon lebte vom April 1917 bis zum Oktober 1943. Sie war Jüdin, das reichte einer wahnwitzigen, damals staatstragenden Idee, sie zu ermorden, ihren Leichnam zu verbrennen. Ihre Asche, die aus den Schornstein Auschwitz` ausgespuckt worden ist, hat die Wälder der Umgebung gedüngt; ich schreibe dies, weil ich gerade in einem anderen Zusammenhang mit einer Freundin geredet habe, die aus nämlich Grunde die Wälder um Hadamar, einer Anstalt, in der ‚lebensunwertes Leben‘ vernichtet wurde, nicht anschauen kann. An diesen Aspekt denkt man selten.

Charlotte Salomon wurde als einziges Kind in eine zur Berliner Gesellschaft gehörende Familie geboren. Ihre Mutter, Franziska Grunwald, und ihr Vater Albert Salomon hatten sich im Krieg kennengelernt. Albert war Chirurg und Franziska hatte sich gegen den erklärten Willen der Eltern als Hilfskrankenschwester gemeldet.

Als Albert um die Hand Franziskas anhielt, waren die Eltern nicht sonderlich begeistert, sie hatten sich etwas ‚besseres‘ für ihre Tochter gewünscht, aber schließlich willigten sie in die Hochzeit ein. Zu diesem Zeitpunkt war Albert die tragische Suizidserie in der mütterlichen Linie der Familie nicht bekannt, er wusste nur von der Selbsttötung der Schwester Franziskas, nach der sie später ihre Tochter Charlotte benannten.

Franziska hatte nach der Hochzeit mit ihrer Arbeit im Hospital aufgehört, ihre Aufgabe war jetzt das Führen des Haushalts und die Pflege gesellschaftlicher Pflichten. Albert Salomon machte im Lauf der nächsten Jahre eine Karriere als Arzt und Professor.

Die Tochter Charlotte wurde 1917 geboren. Die erste Zeit, der Mann war noch im Krieg und arbeitete, ohne daß Franziska dies ahnte, in einem Feldlazarett an der Front, war sicherlich trotz Kindermädchen nicht einfach, Charlotte war ein Schreikind, niemand hatte sie gefragt, ob es ihr recht sei, auf diese Welt zu kommen, und der grundsätzliche Protest dagegen weitete sich schon in ihrer Kindheit auf alle Versuche anderer Menschen aus, über ihr Leben zu verfügen.

Aber selbstverständlich gedieh das Kind, nahm zu an Alter und Vorwitz, war hinreißend altklug und eigensinnig verbockt. Ließ sich die Energie des Mädchens im Vorschulalter noch durch sportliche Aktivitäten lenken, kam es nach der Einschulung zu Schwierigkeiten. Die Lehrer beschwerten sich und beschrieben die Sechsjährige als widerspenstig, ungehorsam und trotzköpfig. Auch zu Hause wurde das Mädchen den Erwartungen, die insbesondere die Großeltern an ein Kind ihrer Gesellschaftsschicht stellen, nur selten gerecht.

Um diese Zeit muss es auch begonnen haben, daß Franziskas Leben sich verdunkelte. Nicht in der Öffentlichkeit oder Gästen gegenüber, dort nahm sie ihre Pflichten war, aber in den stillen Stunden zu Hause fühlte sie sich immer öfter wie von einer ’schwarzen Walze‘ überrollt, die sie mit einem düsteren Trauerkleid zu umhüllen begann, welches schließlich als tiefschwarze Trauergarderobe jede Farbe und alles Licht in sich aufgesogen hatte.

Auf Betreiben der Großmtter  sagten sie dem Kind Charlotte, die Mutter sei sehr plötzlich an Grippe erkrankt und gestorben, erst viele Jahre später sollte sie als erwachsene Frau die Wahrheit erfahren. Das Kind trauerte um die geliebte Mutter, zog sich zurück, wurde schwierig, einzelgängerisch, vergrätzte ein Kindermädchen nach dem anderen, die Schulleistungen waren nicht besonders. Der Vater hatte wenig Zeit bei seinem Beruf, war ratlos, was aus dem Mädchen mal werden sollte, er ahnte aber, daß sie von der Mutter eine künstlerische Begabung mitbekommen hatte. Die Großeltern Marianne und Ludwig Grunwald wollten in die Erziehung des problematischen Kindes eingreifen, sie nahmen sie mit in einen Urlaub in das Engadin. Auch dort fiel das sich langweilende Kind durch Streiche eher unangenehm auf, bis sie zufällig eine junge Frau traf, an die sie sich wie eine Klette hängte. Zwar konnte diese Marie den Regen auch nicht stoppen, aber gegen die Langeweile hatte sie ein Rezept: zeichnen und malen… hier, in der Stube des Aussiedlerhofs, mit Blick über die verregneten Wiesen in die grauen Berge hinein, hier machte Charlotte Salomen ihre allerersten Schritte hin zu ihrer Berufung….

Es dauerte ungefähr vier Jahre, bis Albert Salomon auf einer Abendgesellschaft (Veranstaltungen, zu denen er nur selten und eher ungern geht) eine Frau traf, die er näher kennen lernen wollte. Paula Lindberg war eine bekannte und gefragte Sängerin, die auf sein Werben einging. Ob dies eine Heirat (1930) aus Liebe oder von Paulas Seite aus aus einer gewissen, nicht bösartigen Berechnung, geworden war, läßt Greiner ein wenig im Dunkeln: Albert Salomon hatte einen bekannten Nebenbuhler, Kurt Singer, ein vielbeschäftiger Mann aus der Kulturszene, der spätere Gründer des Jüdischen Kulturbundes [3]. Paula Lindberg jedenfalls hatte die Befürchtung, von diesem nur für seine Zwecke ausgenutzt zu werden, falls sie ihn erhören würde. Paula und Charlotte dagegen… Paula gewann dieses Mädchen schnell lieb und Charlotte vergötterte Paula, ihre Stiefmutter. So normalisierten sich in der Folgezeit die Verhältnisse im Hause Salomon.

Was sich nicht normalisierte, sondern im Gegenteil aus dem Ruder lief, waren die politischen Verhältnisse. Charlotte war zehn Jahre alt, als sie das erste Mal den Begriff ‚Judenbengel‘ hört und ihren Vater fragte, was denn damit gemeint sei. Albert Salomon aus dieser voll assimilierten Familie sah sich gezwungen, seiner Tochter zu sagen, daß sie selbst Jüdin ist und was das überhaupt heißt, Jude zu sein…

1933, drei Jahre nach der Hochzeit, wurden öffentliche Auftritte von Juden, also auch von Paula Lindberg, geb. Levi, verboten. Im gleichen Jahr wurde dem Professor Albert Salomon die Lehrbefähigung entzogen, der schon genannte Kurt Singer gründete den ‚Kulturbund Deutscher Juden‘, hier konnte auch Paula Lindberg noch ein Weile auftreten. Charlotte Salomon verließ das Gymnasium, weil sie, die Jüdin, dort diskrimiert wurde. Zur gleichen Zeit emigrierten die Großeltern, für kurze Zeit gingen sie nach Rom; als dort die Faschisten an die Macht kamen, zogen sie 1934 weiter nach Südfrankreich.

Charlottes Besuch einer Modezeichnerschule war nicht erfolgreich, sie nahm jedoch privaten Zeichenunterricht. Im Herbst 1935 wurde sie auf Probe an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst angenommen, doch schon zwei Jahre später verließ sie die Schule wieder, weil sie als Jüdin den ersten Platz eines Wettbewerbs, den sie gewonnen hatte, nicht annehmen durfte.

Bestimmend für das weitere, kurzes Leben Charlottes sollte die Bekanntschaft mit Albert Wolfsohn werden, der als Gesangspädagoge in das Haus Salomon kam. Charlotte verliebte sich in diesen exaltierten, durch Weltkriegserlebnisse traumatisierten Mann, der zu keiner Sekunde merkte, wie sehr sich Charlotte in ihn verliebt hat und der sich ihr meist mit schmerzender Gleichgültigkeit näherte – oder eben auch nicht….

Die Lagerhaft Albert Salomons in Sachsenhausen (1938), aus der ihn Paula mit Hilfe vieler Bekannter befreien konnte, raubte die letzten Illusionen. Charlotte wurde nach Südfrankreich zu den Großeltern geschickt, dort wähnten sie die Eltern in Sicherheit. Paula und Albert wollten in die USA emigrieren und Charlotte dann nachholen, ein Plan, der nicht umgesetzt werden konnte.


In Villefranche bei Nizza sind die Großeltern bei einer Amerikanerin, Ottilie Moore, untergekommen, die auf einem großzügigen, naturnahen Grundstück lebt und dort elternlos gewordene Kinder aufnimmt. Die Großeltern haben sich sehr verändert, die Großmutter ist ängstlich geworden, hat sich in sich zurückgezogen, der Großvater grantelt und ist mit allem unzufrieden. Beide bestehen darauf, die Verhältnisse, die sie aus Berlin gewohnt waren, möglichst auch in ihrem Exil beizubehalten. Dies führt zu häufigen Spannungen und als der Großvater dabei ertappt wird, mit völliger Selbstverständlichkeit Lebensmittel aus dem Vorratsraum zu stehlen, werden die Großeltern von Ottilie Moore rausgeschmissen. Die stille, das Licht, das Meer, den Garten malende Charlotte, „die Stumme“, wie sie manchmal genannt wird, sie hätte selbstverständlich bleiben dürfen…

Als sich auch die Großmutter im März 1940 vor den Augen Charlottes das Leben nimmt, erfährt die junge Frau von ihrem Großvater das ganze Ausmass des Familienunglücks, er schleudert es ihr in einem Anfall von Furor förmlich entgegen [6]. Charlotte ist am Boden zerschmettert, bitte lass mich nicht wahnsinnig werden fleht sie Gott an. Und obendrein grummelt der Alte, auch sie solle sich doch umbringen, damit dies Geklöne endlich aufhört.

Die Stimmung der Franzosen ihren ungebetenen Gästen gegenüber wird immer negativer [2], im Sommer 1940 werden Charlotte und ihr Großvater als ‚feindliche Ausländer‘ in Gurs, einem fürchterlichen Internierungslager in den Pyrenäen, eingesperrt. Wegen der Gebrechlichkeit des alten Mannes können sie beide das Lager im Juli wieder verlassen, die Aufenthaltsgenehmigung Charlottes ist fortan jedoch an das Leben ihres Großvaters gekoppelt. Charlotte fällt in ein tiefes, tiefes Loch, auch bei ihr treten suizidale Gedanken auf. Sie greift jedoch den Rat ihres Arztes, Dr. Moridis, der eine Art väterlicher Freund für sie ist, auf und fängt das Malen wieder an, das Malen ihres Lebens… für zwei Jahre mietet sie sich in einem kleinen Hotel ein, der Belle Aurora bei Marthe Pèncher und ihrem Mann… in dieser Zeit entstehen die vielen Hunderte von Bildern, die ihr Leben beschreiben und die ihr Erbe werden sollten für die Welt, in der ihr nur sechsundzwanzig Jahre vergönnt waren.

Nachdem sie ihr Werk vollendet hat, geht Charlotte wieder zurück zu ihrem Großvater, der Anfang 1943 jedoch an einem Schlaganfall stirbt. Den Packen Bilder übergibt sie Dr. Moridis: Dies ist mein Leben. Auf dem Gelände der Villa (Ottilie Moore war 1941 in die Staaten zurückgekehrt) betreut deren ehemaliger Liebhaber Alexander Nagler, ein österreichischer Jude, letzte Kinder, zu ihm zieht Charlotte jetzt. Und ihn heiratet sie auch, er ist bei all seinen vielen Schwächen der einzige Mensch, den sie noch hat… Werden dei beiden verraten oder haben sie sich selbst ans Messer geliefert? Greiner läßt diese letzte Möglichkeit offen, jedenfalls werden die mittlerweile schwangere Charlotte und ihr Mann am 21. September 1943 von der Gestapo abgeholt, nach Drancy überführt und von dort nach Auschwitz deportiert. Charlotte wird noch am Tag der Ankunft ermordet, Alexander stirbt wenige Wochen später an Entkräftung.


Charlotte Salomon hat als Künstlerin ’nur‘ ein Werk, ein allerdings einzigartiges, hinterlassen: eine aus einem therapeutischen Malen heraus entstandene Autobiographie, die mit kurzen, in die Bilder gemalten Texten und Ausrufen ergänzt und mit Musikanweisungen versehen ist. Es sind eine Unzahl von Bildern, viele Hundert hat Charlotte zu diesem von ihr Leben? oder Theater? getauften Kunstwerk arrangiert. Sonst ist wenig/nichts (?) von ihr erhalten geblieben, die vielen Bilder, die sie im Garten der Villa Ottilies gemalt hat – verschollen. Im Eingangskapitel schildert Greiner die Begegnung der Eltern Charlottes, die den Krieg überlebten (eine bitterste Ironie, daß ausgerechnet Charlotte, die in Sicherheit gebracht worden war, von den Nazis ins Gas geschickt wurde) mit Ottilie Moore. 1947 fuhren die Eltern auf den Spuren ihrer Tochter, von deren Tod sie durch das Rote Kreuz erfahren hatten, nach Südfrankreich. Sie trafen dort auf eine alkoholsüchtige, derangierte Ottilie Moore, die vor ihren Augen Bilder Charlottes zerriss und nur bereit war, den Eltern irgendwelche Kartons, die Charlotte ihr zugewidmet hatte und die im Keller standen, zu überlassen. Nur weil Ottilie Moore den Wert dieser Bilder nicht erkannte, ist Leben? oder Theater? der Welt erhalten geblieben.

Der Name Charlottes war (und ist) sicherlich kein Bestandteil der Allgemeinbildung. Ein wenig hat sich das nach 2014 geändert, in diesem Jahr erschien der Roman Charlotte von David Foenkino [4], der von der Kritik und den Lesern größtenteils mit Lob überschüttet worden ist. Ich habe damals zu diesem Buch keinen Zugang gefunden; Foenkinos Versuch, die Art, wie Charlotte ihre Bilder mit kurzen Textzeilen kommentiert hat, auf ein ganzes Buch auszudehnen, wirkte auf mich im Endeffekt sehr holprig. Das vorliegende Buch Charlotte Salomon – Es ist mein ganzes Leben von Margret Greiner zeigt dagegen eine deutlich angemessenere, sensiblere Ausdrucksform.

Im Gegensatz zu Foenkinos Titel, der vom Verlag als Roman etikettiert worden ist, hat der Verlag Greiners auf eine Kategorisierung verzichtet, lediglich bei der Kurz-Bio der Autorin wird auf deren Spezialität der ‚erzählten Biographie‘ verwiesen. Da auch kein Nach- oder Vorwort beigegeben ist, in dem die Autorin ihr Arbeitsweise und die Grundlagen ihrer Aussagen beschreibt, steht der Leser vor der praktisch nicht lösbaren Aufgabe, zu unterscheiden, was von den Aussagen Greiners belegt ist und was sie im Gegensatz dazu ‚erfunden‘ hat. Beispielhaft möchte ich hier nur die Episode herausgreifen, in der Charlotte mit dem von ihr so geliebten Alfred Wolfsohn (im Singspiel: Amadeus Daberlohn) eine Bootsfahrt auf dem Wannsee unternimmt. Greiner läßt in ihrer Schilderung des Tages Intimes geschehen, nicht unbedingt aber Schönes, Foenkino ist sehr viel nüchterner bei der Schilderung dieses Ausflugs, aber niemand wird wohl wissen, wie der Ausflug wirklich verlaufen ist.

Amadeus Daberlohn: in ihrem Singspiel, das ihr Leben beschreibt mit den Menschen, die darin vorkommen, bekommen diese andere Namen, die teilweise charakterisierend, teilweise ein wenig lächerlich sind. Paula Lindberg, die Sängerin, wird zu Paulinka Bimbam, Kurt Singer zu Doktor Singsang, der Dirigent Siegfried Ochs (ein Gesangslehrer ihrer Stiefmutter) zu Professor Klingklang, sie selbst wurde zu Charlotte Kann, die Tochter des Arztes Dr. Kann. Den von ihr verehrten Vater wollte sie nicht mit einer frivolen Benennung ins Lächerliche ziehen. Für sie war und blieb er die Verkörperung eines Menschen, der das Gute in die Welt bringen wollte und auch im Scheitern Würde bewahrte.

Der Aufbau des Textes ist, wie bei einer Biographie sinnvoll, weitestgehend chronologisch. Weitestgehend, weil Greiner ihre Schilderung mit zwei späteren Ereignissen beginnen läßt, zum einen bezieht sich das auf die Reise von Paula und Albert Salomon 1947 nach Südfrankreich, bei der Charlottes Werk gerettet wird und zum zweiten zieht die Autorin das Gespräch zwischen der verzweifelten Charlotte und ihrem Arzt Dr. Moridis, in dem dieser ihr rät, zu Malen und sich durch´s Malen auszudrücken – und damit die Entstehungsgeschichte des Zyklus – vor.


Es gibt in der Biographie Charlottes Fragen, die offen sind, die wohl auch der Autorin, Margret Greiner, rätselhaft geblieben sind. Sie betreffen das Verhalten der jungen Frau, das an manchen Stellen ihrer so sehr gefährlichen Lage als Jüdin so gar nicht entspricht. So kommt sie eines Tages außer Atem und erschöpft in ihr Hotel zu Marthe Pècher zurück, die sie nach dem Grund fragt. Charlotte antwortet ihr, es hätte eine Aufforderung an alle Juden gegeben, sich registrieren zu lassen und so sei nach Nizza gelaufen. Marthe Pècher konnte diese Auskunft kaum fassen: zum einen erfuhr sie erst durch diese Antwort, daß ihr liebgewonnener Gast, der in allem, dem Aussehen, der Kleidung, dem perfekten Französisch einer jungen Frau vom Land glich, die in der Stadt als Dienst- oder Hausmädchen arbeitete, Jüdin war und dann diese Dummheit, die Naivität, diese…. und gleichzeitig dieses unfassbare Glück: sie saß schon im Bus, als ein Polizist sie wieder rausjagte, er hielt sie wohl für eine fälschlicherweise zur Deportation vorgesehene Französin…. und das alles geschah, nachdem sie schon in Gurs gewesen war…

Auszug aus der Deportationsliste des Transport No. 60 (Drancy – Auschwitz)
Bildquelle: [B]

Besonders rätselhaft scheint Greiner jedoch die Hochzeit Charlottes gewesen zu sein. Sie legt dem Arzt Dr. Moridis, der Trauzeuge war [5] ihre Fragen und den Zorn in den Mund: warum in aller Welt haben die beiden überhaupt geheiratet und dann auf dem Standesamt auch noch ihre richtige Adresse angegeben? Wusste man auf dem Amt bei Charlotte, daß sie Jüdin war und eine Hochzeit mit einem Nicht-Juden verboten war, so rief in diesem Moment Alexander Nagler dem Standesbeamten aus freiem Willen zu: Wir sind doch beide Juden! 

Man geht davon aus, daß die beiden (um eines Judaslohnes wegen?) denunziert worden sind, angeblich hätten die Menschen im Dorf noch nach Jahrzehnten gewusst, durch wen, aber mit dieser Eintragung in den offiziellen Dokumenten wären sie wohl auf jeden Fall verloren gewesen. Für Brunners Leute wäre es damit ein leichtes gewesen, sie zu finden…


C´ET TOUTE MA VIE [1]

Die Bilder Charlottes, insgesamt schuf sie in den zwei Jahren über 1300 Blätter, sind farbkräftig und ausdrucksstark, kombiniert mit Texten und Musik. Sie beginnen 1913 mit dem Tod der Tante, deren Namen sie trägt: 1. Aufzug, 1913. An einem Novembertage verließ Charlotte Knarre das elterliche Haus und stürzte sich ins Wasser [4156, diese vierstelligen Nummern beziehen jeweils auf die Bilder im online zugänglichen Werk, das vom Jüdischen Museum in Amsterdam bewahrt wird: http://www.charlotte-salomon.nl/collectie/thema’s/charlotte-salomon/leben-oder-theater ] und endet im Epilog mit den Jahren 1939 bis 1942 in Südfrankreich. C´ET TOUTE MA VIE. Es umfasst Charlottes gesamtes Leben, das Singspiel ist autobiographisch und es ist therapeutisch. In einigen der Blätter sind Hinweise darauf zu finden, daß auch Charlotte der Gedanke daran, alles hinter sich zu lassen, nicht fremd war. In Greiners Text sind ein paar der Guachen abgebildet, es ist jedoch sehr empfehlenswert, den Text parallel zur oben verlinkten online gestellten Bildersammlung zu lesen, da die Autorin des öfteren Bildbeschreibungen und -interpretationen in ihre Arbeit eingefügt hat, die man natürlich sehr viel besser versteht, wenn man die Bilder parallel sieht.

Bei den vierundzwanzig dem Buch beigegebenen Abbildungen sind es vor allen drei, die mich besonders erschüttern. Es sind die Verzweiflung, die Einsamkeit, die Hoffnungslosigkeit, dieses Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins und der ebensolchen Hilflosigkeit, das in Abbildung 19 [4808] zum Ausdruck kommt: Charlotte auf dem Bett sitzend, auf den leeren Koffer starrend, den sie für ihre Flucht nach Frankreich zu packen hat…. Lieber Gott, lass mich bloss nicht wahnsinnig werden als sie den Suizid der Großmutter miterlebt [4907]. Lautlos windet sich dieser verzweifelte Aufschrei unüberhörbar aus dem Bild in die Seele des Betrachters…. aber auch der naive Traum des jungen Kindes vom Tod der Mutter, die als Engel in den Himmel schwebt, läßt einen beim Betrachten nicht unberührt [4175].

Ich habe gestern noch bei einer Blogkollegin, die mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hatte, einen Kommentar gepostet [7] und in diesem Kommentar die Formulierung gefunden, die mir gefehlt hat: ‚es ist, als ob die Bilder eine Brücke schlagen von Seele zu Seele, als ob sie einen besonders tiefen, intimen Blick in ein Geheimnis offenbaren…‘: schaue ich die Bilder an, so spüre ich tatsächlich diesen darin verborgenen Schmerz und die Verzweiflung der jungen Frau zerrt auch an mir….

Dagegen (dieser ‚Widerspruch‘ bezieht sich selbstverständlich nicht auf die Qualität der Bilder, sondern auf meine Reaktion darauf….) ist die Darstellung Der Tod und das Mädchen (nicht im Bilderzyklus enthalten) eine der schönsten zum Thema, die ich kenne und auch das etwas düstere Portraits ihres Ehemannes, Alexander Nagler, beeindruckt mich sehr….

Es gibt Bücher, die sind mehr als Texte. Für mich gehört Greiners erzählte Biographie der Charlotte Nagler/Salomon dazu. In ihrem Schicksal manifestiert sich alles Unglück, alles Unheil dieser Welt auf zwiefache Weise: diese ungeheuerliche familiäre Belastung durch die tragische Suiziddisposition in der mütterlichen Linie und den hier auf eine Person heruntergebrochenen Wahnsinn der Nazis. Das zu dokumentieren hat Greiner angemessene und einfühlsame Worte gefunden, das ist ein großes Verdienst….

…..ich selbst möchte an dieser Stelle aufhören mit Schreiben, obwohl ich noch so viel schreiben könnte, weil mein Herz voll ist von weiteren Worten, aber es ist eh lang geworden und ‚es‘ geht auch ziemlich an mich….

Ich müßte es wohl nicht noch einmal extra sagen, aber ich lege dieses besondere Schicksal jedem ans Herz und dieses Buch dazu, das – der Vollständigkeit halber sei es erwähnt – noch ein Literaturverzeichnis, eine Zeittafel und kurze Angaben über die Lebensläufe der wichtigsten Personen enthält…..


Links und Anmerkungen:

[1] siehe die online-Präsentation des Joods Kultureel Kwartier: http://www.charlotte-salomon.nl/collectie/thema’s/charlotte-salomon/leben-oder-theater

[2] Lion Feuchtwanger hat dies in seinem Buch Der Teufel in Frankreich sehr anschaulich beschrieben, Feuchtwanger selbst hat die Lager durchlebt und ist der Deportation nur knapp entkommen (Der Link führt zu meiner Beschreibung des Buches)

[3] Die Gründung dieses ‚Kulturbundes deutscher Juden‘, der später von den Nazis in ‚Kulturbund der Juden in Deutschland‘ umbenannt wurde, war dem Regime sehr recht: zum einen war es schlicht und einfach die Einrichtung eines kulturellen Ghettos, denn im Kulturbund dürften nur jüdische Stoffe von Juden für Juden adaptiert werden. Dem Ausland gegenüber konnte der Kulturbund andererseits als wohlfeiles Feigenblatt dienen. Zum zweiten galt schlicht und einfach Heydrichs Aussage (1935), daß damit sämtliche jüdischen kulturellen Aktivitäten leichter erfasst und zentral überwacht werden konnten [aus: Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden 1933 – 1939, München, 1998)

[4] David Foenkinos: Charlotte. Hier finden sich auch noch einige weiterführende Links, die ich hier nicht aufgenommen habe. Die dort noch angegebene Verlinkung zum Amsterdamer Museum hat sich leider geändert, man kommt (nur) mit den URL, die hier in dieser Besprechung angegeben sind, direkt zu den Bildern.

[5] Die Eintragung beim Standeamt ist im weiter unten aufgeführen Buch von Pollock und Silvermann abgebildet.

[6] die Texte dazu hatte ich in [4] zitiert, wer mag…..

[7] Marina Büttner: Margret Greiner: Charlotte Salomon „Es ist mein ganzes Leben“ Knaus Verlag; in:  https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/04/16/margret-greiner-charlotte-…/

Auch interessant:

Charlottes Leben als Oper, hier aufgeführt am Theater Bielefeld:  https://theater-bielefeld.de/veranstaltung/charlotte-salomon.html

Selbstportrait und Foto von Charlotte Salomon aus der Kunstsammlung in Yad Vashem: http://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/art/salomon.asp

Bildersammlung, auch mit Fotos von Charlotte und ihren Großeltern in Villefranche:  https://www.pinterest.de/pin/541909767641981714/

Bildquelle:

Margret Greiner
Charlotte Salomon
„Es ist mein ganzes Leben“
Originalausgabe: Knaus, HC, ca. 320 S., 2017

Ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Bettina Baltschev: Hölle und Paradies

baltschev

Zwei Männer auf einem Balkon, offenbar guter Laune. Im Hintergrund ist zu erkennen, daß es sich wohl um ein großes Haus aus Backstein handelt, am Horizont die glatte Linie, das Meer wohl. Einer der Männer in ein weißes Jackett gekleidet, der andere hat über das Hemd einen Pullover gezogen, obwohl die Sonne zu scheinen scheint, weht möglicherweise ein kühler Wind, ein Seewind. Der Aufnahme selbst sieht man an, daß sie älter ist, ein Papierfoto, von der Zeit gebleicht und in einen leichten Sepiaton gehüllt.

Sie ist älter, diese Aufnahme, sie stammt aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Das Gebäude gibt es nicht mehr, die uneingeladen erschienenen Deutschen haben das Grand-Hotel in Zandvoort später (wie andere Gebäude dort auch) abgerissen, um freien Blick auf das Meer zu haben, man hielt es für möglich, daß die Invasion hier stattfände. Auf dem Balkon die beiden Männer sind Freunde, es sind Klaus Mann im Jackett und Fritz Landshoff an seiner Seite. Während man Klaus Mann sowohl als Sohn von Thomas und Katia Mann kennt, aber auch aus eigenem Verdienst, man denke nur an Mephisto, ist Fritz Landshoff unbekannter und es ist – das sei schon hier am Anfang meiner Buchvorstellung festgehalten – das große Verdienst von Bettina Baltschev, dies mit diesem Buch (hoffentlich) zu ändern.

Wer sich abseits der Gegenwartsliteratur zumindest hin und wieder auch mit der deutschen Literatur in dieser Zeit, den dreißiger Jahren beschäftigt, wird ab 1933 (‚Der Kegelverein ändert seinen Vorstand.‘ kommentierte der Schriftsteller Georg Kaiser die entsprechende Meldung in der BZ vom 30.1.1933) vermehrt auf Schriftsteller stoßen, die gezwungen waren, Deutschland zu verlassen: die politische Einstellung passte nicht mehr in die Machtverhältnisse, vor allem aber war es das Jüdische, das es nach damaliger deutscher Gesinnung auszurotten galt. So leerten sich die Berliner Künstlercafés [3] und an anderer Stelle füllten sie sich – unter anderem mit deutschen Schriftstellern und Autoren wie den schon genannten Klaus Mann [4].


»Das Exil war eine Hölle«
(Hermann Kesten)

Amsterdam wurde zu so einem Fluchtpunkt. Nicht, weil die ins Exil gezwungenen Schriftsteller diese Stadt im kleinen Nachbarland auf dem Schirm gehabt hätten: ‚Keiner von uns hatte an Holland gedacht‘ hielt Fritz Landshoff 1983 in einem Interview fest, nein, die Initiative ging im Grunde von einem Mann aus und dessen Name wird jedem, der sich ein wenig in der Exilliteratur herumliest, früher oder später unterkommen: Emanuel Querido, von der Abstammung her ein sephardischer Jude, Amsterdamer Verleger und Besitzer des Verlags Em. Querido’s Uitgeverij-MIJ N.V.

Diesem trugen Freunde die Idee an, einen Exilverlag zu gründen, in dem vertriebene deutsche Autoren ihre Werke veröffentlichen konnten. Das war wirtschaftlich durchaus ein Risiko, denn der Hauptmarkt für deutsche Bücher, i.e. natürlich Deutschland, fiel als Absatzmarkt aus, deutsche Flüchtlinge im Ausland hatten meist andere Sorgen, als sich mit Büchern einzudecken und nach dem ‚Anschluss‘ 1938 fiel dann auch noch Österreich als Abnehmer aus, dort bei Händlern eingelagerte Bücher wurden konfisziert, ein nicht unerheblicher Verlust für den Verlag.

Aber zurück zu den Anfängen. Hier kommt der oben genannte Fritz Landshoff ins Spiel. Dieser war Mit-Verleger bei Kiepenheuer in Berlin, einem Verlag, der aufgrund seiner politischen Grundausrichtung ebenfalls reichlich Reibungsfläche mit dem neuen Machthaber bot und nach der ‚Machtergreifung‘ geschlossen wurde. Querido kam auf Landshoff, weil man ihn von Kiepenheuer kannte und schon gut mit ihm zusammengearbeitet hatte. Ein beiden bekannter Journalist und Kritiker, Nico Rost, wurde eingeschaltet und sprach Landshoff in Berlin an. Dem deutschen Juden muss dieser Vorschlag als Geschenk des Himmels erschienen sein, im April 1933 nahm er den Nachtzug nach Amsterdam, um mit Emanuel Querido die Gründung dieses neuen Verlages für Exilliteratur zu besprechen.

Man einigte sich auf eine gleichberechtigte Partnerschaft mit klar umrissenen Verantwortlichkeiten, Gottseidank konnte Landshoff seine finanzielle Einlage an dem neuen Verlag aufbringen. Durch seine Arbeit bei Kiepenheur konnte den Kontakt zu einigen Schriftstellern, die sich zur Ausreise gezwungen sahen, herstellen, schon bald hatte er Verträge mit bekannten Autoren abgeschlossen. So wurden schon im ersten Jahr 1933 acht Titel verlegt, und zwar von Feuchtwanger (2), Heinrich Mann, Anna Seghers, Ernst Toller, Arnold Zweig, Gustav Regler und Alfred Döblin, für das Jahr 1935 listet Baltschev 26 Titel auf, danach nahm die Zahl der Bücher kontinuierlich wieder ab, bis der Verlag wenig überraschend durch die faschistischen Besatzer 1940 geschlossen wurde.

Exilliteratur ist nicht automatisch gute bzw. wichtige Literatur, schon gar nicht automatisch auch politische Literatur. Baltschev widmet dem damaligen Literaturredakteur der linksliberalen Tageszeitung Het Vaderland, Menno ter Brak, einige Seiten. Gelungene Literatur solle im besten Fall gesellschaftlich relevante Themen behandeln, ein Anspruch, dem natürlich nicht jedes Buch gerecht wird. Ihm [i.e. Manno ter Brak] wird jedenfalls regelrecht übel vom Weihrauch, mit dem sich die Exilschriftsteller gegenseitig zunebeln und …. [er] arbeitet sich an Klaus Manns 1934 erschienenem Roman Flucht in den Norden ab, …. der für ihn vor allem eins [ist]: überflüssig. So ist die Entfremdung der beiden Literaten ein Beispiel dafür, daß man zwar an das gleiche glauben kann (die Macht des Wortes), sich aber trotzdem in jeweils fremden Welten bewegt.

Landshoff hatte den Krieg in Amerika überlebt, er war von der Okkupation der Niederlande auf einer Dientsreise nach London überrascht worden und gelangte von dort aus nach Amerika. Nach Kriegsende kehrte er zurück. Die Überlebenden müssen weitermachen, was bleibt ihnen schon übrig? Irgendeinen Sinn muss es schließlich haben, dass sie der Hölle entronnen sind. …. so nahm der Verlag seine Tätigkeit noch einmal auf, 1946 erschien Anna Seghers bekannter Roman Das siebte Kreuz und 1950 dann als letzte Veröffentlichung Klaus Mann zum Gedächtnis  von Erika Mann als Herausgeberin.


Lange hielten sich die Niederländer viel auf ihre Liberalität und Toleranz zugute. Doch wurden im Verlauf des Krieges, vor allem, nachdem die Wehrmacht über das Land, das seine Neutralität erklärt hatte, einfach überrollt und besetzt hatte, immer mehr fremden-/juden-/emigrantenfeindliche Stimmen laut. Es fanden sich willfährige Helfer der Okkupanten, insbesondere Juden anzuzeigen, zu verraten, auf deren Kopf war ein Kopfgeld ausgesetzt, das sich so mancher gerne mitnahm. Was Drancy in Frankreich, ist Westerbrok in den Niederlanden: ein Schandmal, ein Mahnmal der moralischen Unterwerfung unter ein mörderisches System. In Westerbrok wurde interniert und aus Westerbrok wurde deportiert. Zug um Zug mit Hunderten Viehwaggons, vollgestopft mit Menschen, die ihrer Ermordung entgegen in die deutschen Todeslager gefahren worden sind [5]. Hier und auf diese Art und Weise fanden auch Emanuel Querido und seine Frau ihr erbarmungswürdiges Ende in Sobibor [6]. Auch davon erzählt uns Baltschev, von der Stimmung, die in den Niederlanden kippte, von einem Amsterdam, das vorgeblich durch die vielen Fremden zu einer deutschen Stadt geworden wäre, von den Autoren, die sich beklagen, daß sie ihren Roman so weit herummildern [müssen], dass er in Holland eben noch, knapp und knappert, publikabel erscheint. Damit Landshoff nicht wegen Beleidigung eines befreundeten ‚Staatsoberhauptes‘ in´s Chachot kommt. …, so Bruno Franck (schon !) 1937 an Thomas Mann.

Exil – die Schriftsteller legten Wert auf diesen Begriff, sie sahen sich nicht als Emigranten, die ihre Heimat verlassen hatten, um woanders ihr Glück zu versuchen. Exil war kein Abenteuerurlaub. Ich habe an ein, zwei Stellen mal die Augen geschlossen und mir vorgestellt, ich müsste sagen wir innerhalb von drei Stunden fliehen, alles zurücklassen, die Wurzeln zu meinem Leben kappen, nicht wissen, wo ich hinkomme, wie ich aufgenommen werde bzw. ob ich überhaupt aufgenommen werde. Ein furchterregender Gedanke. Exil war reisen, war warten, war ankommen, sich einfinden, war wieder weiterfahren, innerhalb Europas oft mit der Bahn. Irmgard Keun, einer der bei Querido verlegten Autorinnen, hat einen Roman geschrieben, der dies thematisiert, D-Zug dritter Klasse, ihn greift Baltschev heraus und zitiert einige Stellen aus ihm. Nur die wenigstens konnten wie Lion Feuchtwanger [7] oder Thomas Mann auch im Ausland ein ’normales‘ Leben führen. Nicht alle hielten dieses Leben aus, Stefan Zweig beispielsweise schrieb in seinem Abschiedsbrief 1942: …. Und die meinen [i.e. Kräfte] sind durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschließen, …

Amsterdam ist, so formuliert es Baltschev, vor allem Durchgangsstation, ein Ort, an dem die deutsche Exilgemeinschaft der Dichter und Schriftsteller in wechselnder Besetzung zusammenkommt, sich gegenseitig ermutigt und sich von Fritz Landshoff versichern läßt, daß sie und ihr Werk immer noch von Bedeutung sind.

Bettina Baltschev erzählt im besten Sinne des Wortes die Geschichte dieser Frauen und Männer und des nicht einzigen, aber sicherlich einem der bedeutenden Exilverlage,  in Amsterdam selbst gab es z.B. noch den Exilverlag von Allert de Lange. Das erste publizierte Werk bei Querido jedenfalls war von Heinrich Mann Der Hass, Klaus Mann gab knapp zwei Jahre lang die literarische Zeitschrift Die Sammlung bei Querido heraus und engagierte sich sehr für den Verlag. Eine Liste der bei Querido verlegten Autoren (eine illustre Sammlung von Namen….) findet sich hier [8]. Den Umkehrschluss, den man aus diesem Aderlaß für die deutsche Literatur ziehen musste, formulierte Heinrich Mann in seinem Der Hass trefflich: Seinen literarischen Nachwuchs bezieht das System hauptsächlich aus den Reihen der Altern, Halbvergessenen, dei sich über die frühere große Presse zu beschweren hatten. Da sind arme Nichtskönner mit Augen gelb vom Ärger. So lange hatten sie ertragen müssen, daß auch wir noch da waren. Sie zitterten danach , ranzukommen, verzweifelt hofften sie auf ihre Stunde. Jetzt ist sie da. 

Baltschev kennt sich in Amsterdam aus, sie nimmt uns mit an die Schauplätze dieses Exilortes deutscher Schriftsteller. In der Keizersgracht 333 beispielsweise residierten die beiden Verlage Queridos, im Café Américain kam so etwas wie Bohème-Stimmung auf. Ein Ort des Grauens dagegen an der Hollandsche Schouwenburg an der Plantage Middenlaan. Einst ein Theater im Amsterdam wurde es unter der deutschen Besatzung ein Theater im Ghetto und in Joodsche Schouwenburg umbenannt, 1942 muss es den Theaterbetrieb einstellen und wird zum Sammelzentrum für Juden aus dem Großraum Amsterdam, auch für Emanuel Querido und seine Frau Jane war dieser Ort eine Etappe ihres Leidensweges.

Hölle und Paradies von Bettina Baltschev, die Kulturwissenschaften, Journalistik und Philosophie in Leipzig und Groningen studiert hat und jetzt als Redakteurin und Autorin arbeitet, ist ein sehr gelungener Versuch, ein bislang zumindest in der Öffentlichkeit wohl eher unbekannteres Kapitel der deutschen Literaturgeschichte auszuleuchten, verknüpft man den Begriff der Exilliteratur doch eher mit Südfrankreich oder den USA. Doch war Querido und seine Mitstreiter hier in den Niederlanden geschaffen haben, war mutig und ehrenhaft: sie gaben mundtot gemachten Schriftstellern ein Forum, weiterzuarbeiten, in der Hoffnung, gehört zu werden, zumindest aber, nicht vergessen zu werden. In diesem Sinne ist dem Werk ein Verzeichnis der publizierten Bücher beigegeben, in einer weiteren Auflage des Buches kommt möglicherweise ebenso noch eine kurze und wünschenswerte Aufstellung über die von Querido verlegten Autoren hinzu.

Hölle und Paradies von Bettina Baltschev ist nicht nur inhaltlich sehr interessant, sondern liest sich auch sehr gut, gerade weil die Autorin auch ihre persönlichen Eindrücke bei der Arbeit zum Buch mit einbringt, ferner ist Hölle und Paradies ebenso als Buch einfach schön. Dies sollte zusätzlichen Anreiz bieten, sich Baltschevs Buch anzuschaffen, es ist ein Steinchen, ein wichtiges, im Mosaik ‚Wider das Vergessen‘

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Beiträge zu
– Emanuel Querido: https://en.wikipedia.org/wiki/Emanuel_Querido
– Fritz Landshoff: https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Helmut_Landshoff
– Querido-Verlag: https://de.wikipedia.org/wiki/Querido_Verlag
[2] und [3] entfallen….
[4] vgl. z.B. auch: Manfred Flügge: Das flüchtige Paradies (https://radiergummi.wordpress.com…paradies/), in dem die Verhältnisse im südfranzösischen Sanary-sur-Mer geschildert werden
[5] – In den Aufzeichnungen von Etty Hillesum beispielsweise findet man eine aufrüttelnde Beschreibung des Lagers Westerbrok: Ein denkendes Herz; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2014/07/16/etty-hillesum-ein-denkendes-herz/
– Aus den Unterlagen des Niederländischen Roten Kreuzes zu Transporten nach Sobibor: http://resources21.kb.nl/gvn/EVDO02/pdf/EVDO02_NIOD05_7880.pdf
[6] Was das Datum angeht, tritt eine kleine Unstimmigkeit auf: die Autorin schreibt: Am 20. Juli 1943 treffen Emanuel und Jane Querido im Vernichtungslager Sobibor ein. …., die Transportlisten weisen dagegen für den 20. Juli nur einen nach Sobibor abgehenden Zug auf, der dort drei Tage später, am 23. Juli eintrifft:  http://www.tenhumbergreinhard.de/transportliste-der-deportierten/bericht-transport/transport-20071943-westerbork.html (Zur Übersicht der Transport aus Westerbrok siehe hier: http://www.tenhumbergreinhard.de/transportliste-der-deportierten/index.html). Eine andere Aufstellung weist für diesen Transport einen Querido, Korper V auf, ob dieser mit den Queridos verwandt ist, kann ich nicht sagen (http://resources21.kb.nl/gvn/EVDO02/pdf/EVDO02_NIOD05_7880.pdf, S. 13)
[7] wobei Lion Feuchtwanger vorher die Drangsal von Internierung und Flucht zu durchleiden hatte: Lion Feuchtwanger: Der Teufel in Frankreichhttps://radiergummi.wordpress.com/2013/04/27/lion-feuchtwanger-der-teufel-in-frankreich/
[8] Wiki-Beitrag zum Querido-Verlag: https://de.wikipedia.org/wiki/Querido_Verlag

Bettina Baltschev:
Hölle und Paradies
Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur
diese Ausgabe: Berenberg-Verlag, Halbleinen, ca. 168 S., 2016

Françoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten

Dieser Beitrag ist auch als Podcast im literaturRADIObayern zu hören: https://www.machdeinradio.de/radiobeitrag/fda-rezension-francoise-frenkel-nichts-um-sein-haupt-zu-betten.html


Die Autorin dieses Buches, Françoise Frenkel [1], wurde 1889 als Frymeta Idesa Frenkel in Piotrków, Region Lodz, Polen, in einem jüdischen Elternhaus geboren. Nach ihrer Kindheit und Jugend erhielt sie eine Musikausbildung in Leipzig und studierte später in Paris Literaturwissenschaft. 1921 eröffnete sie mit ihrem Mann in Berlin eine Buchhandlung, die sie bis 1939 betrieb. Kurz vor Ausbruch des Krieges floh sie nach Frankreich, wo sie nach der Besetzung durch die Nazi-Truppen und die Vichy-Regierung aber weiter verfolgt wurde. Nach mehreren misslungenen Anläufen gelang ihr im Juni 1943 die Flucht in die Schweiz, wo sie bald nach ihrer Ankunft mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen begann. Diese erschienen schon im September 1945 im (nicht mehr existierenden) Genfer Verlag Jeheber. 2015 wurde das Buch in einem Antiquariat zufällig wiederentdeckt und neu veröffentlicht. Nichts, um sein Haupt zu betten ist die deutsche Übersetzung der französischen Neuauflage der Erinnerungen Françoise Frenkels, die 1975 in Nizza gestorben ist.

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Und offensichtlich ist es für die Darstellung des historischen Sachverhaltes wichtig, daß dieses Buch wieder aufgelegt worden ist. Unten [2] habe ich zwei Beispiele angeführt, die zeigen, daß die Daten über diese Buchhandlung, die sicherlich im kulturellen Leben Berlins in dieser Epoche ihre Rolle hatte, widersprüchlich und ungenau sind und nicht mit den Angaben von Frenkel in ihrem Aufzeichnungen übereinstimmen.


Einführend beschreibt die Autorin im ersten Kapitel, daß und wie sie sich schon als Kind in Bücher eine Leidenschaft für Bücher entwickelt hatte und daß ihre Eltern diese Leidenschaft unterstützten. Das Studium und die Zeit des 1. Weltkrieges verbrachte Françoise Frenkel in Paris, danach machte sie ein Praktikum in einer Buchhandlung. Ihr Entschluss, Buchhändlerin zu werden, war bald gefasst.

Nach dem Krieg waren die deutsch-französischen Beziehungen denkbar schlecht, bei einem Reisestop in Berlin konnte die junge Frau feststellen, daß dort (mit Ausnahme von ein paar Klassikern) praktisch keine französische Literatur mehr erhältlich war. Der aufkeimende Plan, in Berlin eine französische Buchhandlung aufzumachen, wurde in Paris von ihrem Professor unterstützt: Berlin? Das ist ein Mittelpunkt! Versuchen Sie doch ihr Glück! … Eine Buchhandlung in Berlin… das ist fast eine Mission.

1921 wares soweit, nach vielen bürokratischen Nickeligkeiten konnte sie ihre Buchhandlung eröffnen. Aus kleinen Anfängen heraus wurde das Geschäft bald bekannt und zog aus den Räumen einer Privatwohnung in ein Ladengeschäft in prominenter Lage um, in die Passauer Str. 39 (An der Stelle befindet sich heute eine Erweiterung des KaDeWe). Frenkel beschreibt in ihren Aufzeichnungen die Entwicklung der Buchhandlung, die Kunden, die sie besuchten, die Beschaffung der Bücher, die sie aus Frankreich bezog… Sie veranstaltete Lesungen mit französischen Autoren, die Buchhandlung muss ein Juwel gewesen sein [7]. Wie Modiano in seinem Vorwort zum Buch andeutet, beschreibt Nabokov in seinem Roman Die Gabe eine Buchhandlung, die der von Frenkel gleichen dürfte; ein großer Teil des Publikums im Maison du livre français kam aus slawischen Ländern.

Anfang der 30er Jahre wurden die Arbeits- und Lebensbedingungen aber sukzessive schlechter. Durchsuchungen und Beschlagnahmungen häuften sich bis hin zu Blockwarten, die in die Suppentöpfe schauten; die Beschaffung von Büchern aus Frankreich wurde immer schwieriger ebenso wie deren Bezahlung aufgrund von Devisenbestimmungen. Im Buch wird es nicht erwähnt, aber 1933 kehrte ihr Mann zurück nach Frankreich und sie führte die Buchhandlung allein weiter.

Frenkel erlebte das vor allem gegen Juden immer repressiver und unverhohlener vorgehende Nazi-Regime mit. Mit ihrem besonderen und prominenten Status als Ausländerin (sie ist mit ihrem Geschäft sowohl in publizistischen als auch diplomatischen Kreisen bekannt) war Frenkel trotz ihres ‚Judentums‘ zumindest anfänglich noch geschützt, noch nahm das Nazi-Regime Rücksicht auf die öffentliche Meinung im Ausland. Bei den Ausschreitungen und Verwüstungen in der Reichsprogromnacht stand ihr Geschäft nicht auf den Listen der Brandschatzer, mit Entsetzen und Angst sah sie die braunen Horden durch die Straßen ziehen und ihre Verwüstungen anrichten.

Konsequenz und Verblendung des Nazi-Regimes wurden lange unterschätzt, erst Sommer 1939, kurz vor Ausbruch des Krieges sah sich Francois Frenkel, von Freunden dringend dazu aufgefordert, gezwungen, Berlin zu verlassen. Die meisten ihrer Kunden hatten zu diesem Zeitpunkt Deutschland schon den Rücken gekehrt. Es war knapp, aber die Ausreise gelang.

Für ein paar Monate konnte Frenkel in Paris bleiben, aber auch in Frankreich nahmen die Repressionen gegen Ausländer zu. So war es schwierig für sie, den Passierschein zu erhalten, um in den Süden, nach Avignon, zu flüchten. Hier, in Südfrankreich, strandeten so viele der Ausländer, der Juden, die vor den Nazis flohen, doch die Vichy-Regierung ließ ihnen auch hier immer weniger Luft zum Leben [im Juni 1940 war mit einem Waffenstillstandsabkommen Frankreich zweigeteilt worden, zur Situation (jüdischer) Flüchtlinge in Südfrankreich vgl auch Anmerkung 3]. Noch beschreibt Frenkel Avignon als einen verträumten Ort wie aus der Zeit gefallen, das sollte sich aber bald ändern. Weitere Fluchtstationen von Frenkel waren Vichy und vor allem Nizza.

Sie wohnte anfänglich in Hotels und Pensionen, begegneet immer häufiger entwurzelten, immer hoffnungsloser werdenden Menschen. Die äußeren Randbedingungen des Überlebens wurden zunehmend schwieriger, Lebensmittel wurden rationiert und nur noch auf Bezugsscheine ausgegeben, die Preise stiegen, da die deutschen Besatzer jeden Preis, der verlangt wurde, zahlen konnten, es entwickelte sich daher ein umfangreicher Schwarzmarkt. Immer wieder verfügte die Vichy-Regierung neue Registrierungen, jetzt auch mit Angaben zur ‚Rassenzugehörigkeit’…

1942 entging sie der Deportation nur, weil ein Hotelgast die vom Einkauf Zurückkehrende vom Balkon aus warnen konnte: der Totentanz hatte begonnen, die Juden wurden gejagt und eingesammelt, in Busse verfrachtet und in Lager gebracht. In ihrer Panik betrat sie das Friseurgeschäft des Ehepaares Marius, um sich dort zu verstecken, das Paar war ihr bekannt. In den nächsten Monaten zeigten diese beiden eine bewundernswerte Courage und viel, viel Mut: immer wieder wurden sie zur Anlaufstation von Françoise Frenkel, die von diesem Zeitpunkt an im Untergrund leben musste.

Immer wieder wurden ihre diversen Unterkünfte, in denen sie Unterschlupf findet, unsicher: Unvorsichtigkeiten, Zufälle oder die Schlechtigkeit der Menschen verrieten ihre Anwesenheit, jedesmal war das Ehepaar Marius für sie da.

Über Freunde konnte sie ein Schweizer Visum erhalten, ein offizieller Grenzübertritt war jedoch absolut unmöglich. Beim ersten Versuch, in einer Gruppe mit einem Schleuser in die Schweiz zu kommen, wurden sie entdeckt und verhaftet. Bei der Gerichtsverhandlung wurde sie aufgrund des guten Leumunds, für den sie noch entsprechende Empfehlungsschreiben aus längst vergangenen Zeiten vorweisen konnte, freigesprochen…. erst der dritte Versuch, die Grenze zu überwinden, sollte erfolgreich sein, mit Not und Mühe und der ‚Hilfe‘ des italienischen Grenzers [4], der in die Luft schoß, überwand sie den Stacheldraht fiel auf schweizer Boden.


Françoise Frenkels Geschichte ist wichtig, in zweierlei Hinsicht. Zum einen zeigen die sich teilweise widersprechenden Daten die Unsicherheit, die bezüglich der Kenntnisse über das Maison du livre français in Berlin herrschen. Dieses Geschäft war nicht irgendeine beliebige Buchhandlung, als Vertreterin und in gewissem Sinne auch ‚Botschafterin‘ (Frenkel selbst bezeichnet ihre Tätigkeit in Berlin selbstbewusst als ‚Dienst am französischen Geist in Deutschland‘) ihrer Kultur muß das Haus über viele Jahre eine Institution im kulturellen Leben der Hauptstadt gewesen sein – über das kaum etwas bekannt ist, die aus dem Gedächtnis gelöscht ist. Dem schafft das vorliegende Buch Abhilfe, ferner korrigiert sie die wenigen Daten, die über die Buchhandlung bekannt sind (bei Defrance [2b] stimmen weder das angegebene Gründungs- noch das Datum der Flucht respektive der Aufgabe der Buchhandlung mit den Angaben von Frenkel überein). Rätselhaft bleibt jedoch die Tatsache, daß die Autorin ihren Mann, mit dem sie die Buchhandlung viele Jahre (ihrer Zählung nach wohl 12 Jahre) geführt hat, völlig unerwähnt läßt, weder die Hochzeit noch die gemeinsame Arbeit werden beschrieben [5]. Auch der Name ‚Raichenstein‘ taucht im Buch nicht auf, Modiano beschreibt in seinem Vorwort, daß er diese Daten zur Autorin im Staatsarchiv Genf auf der Liste der Personen, denen nach ihrem Grenzübertritt der Aufenthalt in der Schweiz gestattet war, erfahren hat.

Über die Gründe für dieses Verschweigen kann nur spekuliert werden, Zimmermann mutmaßt in ihrer Rezension [9], daß Frenkel ihren Mann nicht erwähnt, um ihn zu schützen. Ihre Erinnerungen hat die Autorin jedenfalls sehr bald nach ihrer Flucht angefangen auf Papier zu bringen, schon 1945 sind sie als Buch publiziert worden. Die Erinnerungen beschreiben, dies ist ein anderer Grund, warum sie so wichtig sind, das auf eine Person heruntergebrochene Schicksal flüchtiger Juden in Europa. Francoise Frenkel war in der ‚glücklichen‘ Lage, dies für die Nachwelt festhalten zu können – sie stellte dieses Motiv, Zeugnis abzulegen, damit die Toten nicht vergessen, noch Hilfsbereitschaft und Aufoperung Unbekannter missachtet werden, ihren Aufzeichnungen voran. Ich habe ‚glückliche‘ Lage geschrieben, denn viele andere der flüchtigen Juden wurden aufgegriffen, wurden denunziert, wurden deportiert und wurden schließlich ermordet [6]. ‚Glücklich‘ auch, weil sie in den Ehepaar Marius zwei Menschen gefunden hatte, die persönlich viel riskierten, um ihr immer wieder zu helfen.

So legt Frenkel tatsächlich beredtes Zeugnis ab über diese schweren, für viele tödlichen Jahre in Südfrankreich. Über Menschen, die verzweifelt sind, die apathisch sind, die entwurzelt alles verloren haben. Die niemand mehr aufnehmen will, die nirgends mehr ein Ziel finden. Über Menschen aber auch, die der Propaganda erliegen, die die rassistischen Wahnideen nacheifern, die glauben, was man ihnen aus allen Richtungen eintrichtert. Sie berichtet über Angst und Schrecken, über die kleinen Freuden auch, die sich in seltenen Momenten noch einstellen. Über den Hunger und die Probleme, sich einfach nur am Leben zu halten…. über die Unausweichlichkeit, sich wildfremden Menschen anvertrauen zu müssen, ihnen ausgeliefert zu sein, in jeder Hinsicht erpressbar. Und sie berichtet – und das ist nicht wenig – über Menschen, die Menschen geblieben sind, die helfen, obwohl sie sich damit selbst in Gefahr bringen.

Es ist ein Glücksfall, daß Françoise Frenkels Aufzeichnungen wieder entdeckt und in ihrer Bedeutung erkannt worden sind. Es ist ein Buch, das man jedem, der sich für diese Zeit und das Schicksal von Menschen damals interessiert, wärmstens ans Herz legen kann.
Ein Anhang ergänzt das Buch um eine Zeittafel und weitere Dokumente aus dem Leben und von der Flucht Françoise Frenkels.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Françoise_Frenkel

[2a] So findet man beispielsweise in der Wiki (https://de.wikipedia.org/wiki/Passauer_Straße_(Berlin) [Stand: 14.08.2016]): „Selbst eine französischsprachige Buchhandlung, das „Maison du livre francais“ in der Passauer Straße 39a, wurde von einem Exilanten aus Russland betrieben und richtete sich über die Zeit ihres Bestehens von 1923 bis 1933 auch vornehmlich an gebildete Russen.“ (vgl. aber auch [7]!)

[2b] Corine Defrance schreibt in ihrem Aufsatz: Die Maison du livre français in Berlin (1923-1933) und die französische Buchpolitik in Deutschland; in: Hans Manfred Bock (Hrsg): Französische Kultur im Berlin der Weimarer Republik: kultureller Austausch und diplomatische Beziehungen, daß das Wissen um die Existenz dieser Buchhandlung nur einem Zufall, einem Brief eines Besuchers an seine Eltern nämlich zu verdanken ist. Andererseits erwähnt sie eine Aufzeichnung des Inhabers der Buchhandlung, Simon Raichenstein, aus dem Jahr 1934 über die Buchhandlung und eine in einem Archiv gefundene Notiz, daß die Buchhandlung 1933 geschlossen worden wäre und die Raichensteins in der ersten Emigtrationswelle 1933 Berlin verlassen hätten. Auf die Tatsache, daß Defrance die Gründung der Buchhandlung auf das Jahr 1923 verlegt, sei nur hingewiesen. Möglicherweise ist dies das Jahr, in dem das neue Ladengeschäft eröffnet wird. Quelle:  https://books.google.de/books?…..
Auf der anderen Seite ist es mir ebenso sehr merkwürdig vorgekommen, daß Françoise Frenkel ihren Mann Simon Raichenstein an keiner Stelle des Buches erwähnt (auch nicht, daß sie überhaupt verheiratet ist), weder vor noch nach 1933, dem Jahr, in dem er Berlin mit einem Nansen-Pass [siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Nansen-Pass] verließ.

[3] Lion Feuchtwanger hat dies sehr anschaulich in seinen Aufzeichnungen: Der Teufel in Frankreich; Buchvorstellung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/…frankreich/

[4] Die Region stand eine Zeit lang unter italienischer Verwaltung, was für die sich dort versteckenden Juden eine gewisse Entlastung bedeutete.

[5] Simon Raichenstein, so schreibt Modiano, ist am 24. Juli 1942 von Drancy aus nach Auschwitz deportiert worden, in den Tagen zuvor hatte die französische Polizei die Juden aus Paris im Stadion d´Hiver zusammen getrieben (Die Verhaftung staatenloser Juden in Paris wird von der französischen Polizei in der Zeit vom 16.7. – 18.7.1942 vorgenommen werden. Es steht zu erwarten, daß nach der Verhaftung etwas 4000 Judenkinder zurückbleiben…. bitte ich Sie dringend um Entscheidung darüber, ob diese Kinder der abzutransportierenden staatenlosen Juden etwas vom 10. Transport ab mit abgeschoben werden können. aus einem Fernschreiben des SS-Hauptsturmführers Danneker, Paris, an das RSHA Berlin, am 10. Juli 1942; aus: Schoenberger G: Der gelbe Stern – Die Judenverfolgung in Europa 1933-1945, Fischer TB, 1982

[6] Bei den Schilderungen Frenkels musste ich so häufig an Charlotte Salomon denken, diese junge deutsch-jüdische Frau, eine Künstlerin, die sich ebenfalls in der Nähe von Nizza versteckt gehalten hatte und durch einen Verrat letztlich doch ihren Mördern in die Hände gefallen war. David Foenkinos hat dies in seinem bewegenden Buch Charlotte beschrieben (https://radiergummi.wordpress.com/2015/12/20/david-foenkinos-charlotte/)

[7] Die Passauer Straße in Berlin war für eine Buchhandlung offensichtlich ein ausgesucht geeigneter Platz. Ich kopiere hier eine Passage aus dem entsprechenden Beitrag der Wiki (https://de.wikipedia.org/wiki/Passauer_Straße_(Berlin)):

Leben in der Vorkriegszeit

In der Passauer Straße 23 lebte bereits 1905 der Indologe Richard Pischel. In den 1920er Jahren lebten vor allem südlich der Kreuzung mit der Augsburger Straße zahlreiche bedeutende Schriftsteller, auch einige Verlagshäuser fanden hier ihren Sitz.

In der Passauer Straße 19 wohnte von 1917 an bis Mitte der zwanziger Jahre Gottfried Benn mit seiner Familie. Nach dem Tod seiner Ehefrau bot die Wohnung auch Gästen Raum, so zum Beispiel dem Schriftsteller Klabund und seiner Ehefrau, der Schauspielerin Carola Neher.[15] Benns spätere Geliebte, die Schriftstellerin Ursula Ziebarth, lebte für kurze Zeit in einer Pension in der Straße im Oktober 1954.

Die Passauer Straße 1920, rechts unten die Tauentzienstraße, unten Mitte das KaDeWe

Vladimir Nabokov lebte von 1926 bis Anfang 1929 mit seiner Frau in zwei Zimmern in der Passauer Straße 12. In seinem ersten englischsprachigen Roman Das wahre Leben des Sebastian Knight aus dem Jahr 1941 eröffnet er mit den Worten „Große, nasse Schneeflocken trieben schräg über die Passauer Straße im Berliner Westen, als ich auf ein häßliches altes Haus zuging, das zur Hälfte hinter einer Gerüstmaske versteckt war.“ eine Szene, in der der Held bei der Suche nach einer Augenzeugin auf die Aufbahrung derselben stößt.

Von 1926 an hatte der MalikVerlag seinen Sitz in der Passauer Straße 3. Im selben Haus hatte bereits zu Anfang der 1920er Jahre der russische Romancier Andrej Belyi gelebt. Die Passauer Straße 8/9 war von 1929 bis 1935] Adresse des Rowohlt Verlags, bevor er in die Eislebener Straße weiterzog. Die dort verlegte Literarische Welt hatte ihre Redaktion in der Passauer Straße 34.

Im September 1930 lebte Antonin Artaud in der Passauer Straße 10. Zu dieser Zeit lernte er Georg Wilhelm Pabst kennen und wirkte in den Wochen danach an dessen Film Die Dreigroschenoper mit.

In der Passauer Straße eröffneten Françoise Frenkel und Simon Raichenstein 1921 La Maison du Livre français, die erste französische Buchhandlung der Stadt.

[8] Margarete Zimmermann: Die erste französische Buchhandlung in Berlin: Françoise Frenkel, Rien où poser sa tête; in: http://literaryfield.org/review-frenkel/ 
Dieses Motiv erscheint mir jedoch nicht unbedingt plausibel. Da Simon Raichenstein in der großen Sammelaktion 1942 über Drancy nach Auschwitz deportiert worden war, ist es wohl unwahrscheinlich, daß sie zwischen 1942 und 1945 noch Informationen über ihn bekommen hat oder gar Kontakt zu ihm hatte. Françoise Frenkel konnte wohl daher davon ausgehen, daß ihr Mann den Nazis zum Opfer gefallen war. Ihr Buch erschien ferner nach Ende des Krieges, eine Erwähnung darin hätte Simon Raichenstein kaum schaden können. Abgesehen davon ist es für mich nicht überzeugend, daß das Faktum, daß Simon Raichenstein bis 1933 in Berlin als Buchhändler tätig war, die Tatsache, als Jude von den Nazis verfolgt zu werden, noch verschlimmern könnte.
Dieser Beitrag ist auch als Podcast im literaturRADIObayern zu hören: https://www.machdeinradio.de/radiobeitrag/fda-rezension-francoise-frenkel-nichts-um-sein-haupt-zu-betten.html

Françoise Frenkel
Nichts, um sein Haupt zu betten
Übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Edl
Mit einem Vorwort von Patrick Modiano
Originalausgabe: Rien où poser sa tête, Genf, 1945
Neuausgabe: Paris, 2015
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca. 284 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

Else Lasker-Schüler: Das Hebräerland

Ich bin eine Hebräerin – Gottes Wille und nicht der Hebräer Willen;
ich liebe sein kleinstes Volk, die Hebräer, fast wie den Ewigen Selbst.
Ich liebe mein Volk, ärgere mich nicht an seinem Satz:
trinke ich doch des Hebäerlandes Traube
und ärgere ich mich nicht des geringen trüben Rests im Glase.
Doch der Andersgläubige, der den Satz meines Blutes verhöhnt,
genieße auch nicht mich und – mein Gedicht.
Aber er blicke auf seines eignen Blutes Boden!

hebraeer


Ich habe vor wenigen Tagen hier im Blog die von Brigitte Landes herausgegebene Sammlung einiger Briefe Else Lasker-Schülers an ihren Mann bzw. dann Ex-Mann Herwarth Walden aus dem Jahr 1912 vorgestellt, ein allerliebstes Insel-Büchlein [7]. Dies hat mich selbst dazu verführt, zum wiederholten Male mit dem kleinen dtv-Bändchen von ihr aus lange vergangenen Zeiten (Zeiten, in denen Celestino Piatti [6] noch die wunderschönen Umschlaggestaltungen verantwortete) zu liebäugeln.

Das Hebräerland hatte ich schon mehrfach in den Händen, sah auch Anmerkungen und Unterstreichungen früherer Leseansätze darin – nur fertig gelesen hatte ich es nie, wahrscheinlich erschien es mir immer zu abgehoben, zu esoterisch, zu wenig realitätsnah: Die Tatsachen sind manchmal geradezu grotesk falsch dargestellt, so daß niemand, der das Land nicht kennt, sein äußeres Bild aus diesem Buch erfahren wird – so steht in einer frühen Besprechung des Buches aus dem Erscheinungsjahr [2a]. Wahrscheinlich trifft genau dieser Sachverhalt meine Unfähigkeit, bislang Lasker-Schülers Prosadichtung lesen zu können. Nach dem erwähnten Insel-Büchlein jedoch war bei mir das Interesse an der Dichterin erneut geweckt, ein neuer Anlauf also, erfolgreicher… denn auch das steht in obiger Besprechung, und dafür bin ich mittlerweile und möglicherweise sensibler geworden:  In ihm tritt uns eine Wahrheit auf höherer Ebene, die innere Wahrheit des Landes entgegen.

Else Lasker-Schüler, noch 1932 für ihr Lebenswerk mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet, sah sich ein Jahr später nach tätlichen Angriffen gezwungen, Deutschland zu verlassen, sie ging 1933 in die Schweiz, nach Zürich, einer Stadt, in der sie jedoch unwillkommen und diversen bürokratischen Beschränkungen unterworfen war. Vor dort aus unternahm sie 1934 eine erste Reise nach Palästina. Über Genua erreichte sie Alexandria in Ägypten, wo sie einen Zwischenaufenthalt macht, den sie auch im Buch beschreibt. In Palästina trifft sie Anfang April 1934 ein, sie bleibt dort bis Ende Mai, also nur wenige Wochen. Die Frage von Bekannten nach dem Grund, warum sie überhaupt zurückreist, beantwortet sie recht kryptisch: Ich reise nach Europa zurück, und zwar aus – geographischen Gründen; festzustellen, ob man von dem Bibelstern wieder zur Erde gelangen kann. Eine Auskunft, die im Grunde die Ausgangsfrage nur transformiert: Warum überhaupt sie wieder ‚zur Erde gelangen‘ will, wo sie doch im ‚Bibelstern‘ angekommen ist…. Noch zweimal sollte Else Lasker-Schüler nach Palästina reisen, 1937 und 1939. Der Kriegsausbruch und die Verweigerung des Rückreisevisums in die Schweiz zwangen sie, in Palästina zu bleiben. Sie starb dort 1945 nach einem Herzanfall, wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben [1].

Die Arbeit an dem vorliegenden Büchlein nahm Lasker-Schüler erst in der Schweiz auf, auch hierüber berichtet sie kurz: Jerusalem und sein Land taucht lächelnd auf aus meiner Erinnerung und belebt mich mächtig. Wie die Nachkur einer Kur. Meine beiden Begleiterinnen, die Dichtung und die Malerei, beginnen die wohltätige Folge der heiligen Stadt zu fühlen. Ausgeruht erschließt sich die Zeile meines Verses und blüht … Kunst ist Wein! Der will gären, sich filtrieren, je länger der kostbare Most im Herzen des träumenden schäumenden Künstlers ruht, desto unvergleichbar süßer der Dichtung Blume. Der Text beschränkt sich nicht ausschließlich auf Eindrücke aus Palästina, es sind an einigen Stellen ebenso frühe Erinnerungen an ihre Kindheit in den Text eingeflossen, an den Vater und die geliebte Mutter… ebenso an ihren verstorbenen Sohn Paul.


Ganz Palästina ist eine Offenbarung!
Palästina getreu zu schildern,
ist man nur imstande, indem man das Hebräerland dem zweiten – offenbart.
Man muß gerne vom Bibelland erzählen;
wir kennen es ja alle schon von der kleinen Schulbibel her.
Nicht wissenschaftlich, nicht ökonomisch;
Palästina ist das Land des Gottesbuchs, Jerusalem – Gottes verschleierte Braut.
Ich kam von der Wüste aus, reiste zur heiligen Hochzeit,
eingeladen zur Feier, die immer Jerusalem umgibt.
Immer ist Hochzeit unter dem Baldachin seines Himmels.
Gott hat Jerusalem lieb.
Er hat es in Sein Herz geschlossen.
Er hat diese ewige Stadt der Städte erwählt.

Das Hebräerland ist also kein Reisebericht einer Touristin, die ein fremdes Land bereist und darüber Rechenschaft abgelegt hat. Auf dieser Ebene kontrastiert es völlig mit anderen Büchern und Berichten aus dieser Zeit, ich denke dabei insbesondere für mich an die Erinnerungen eines italienischen Juden, Vittorio Segre [ich habe diese Erinnungen hier im Blog vor kurzem ebenfalls vorgestellt: vgl. 4], der zur gleichen Zeit wie Lasker-Schüler nach Palästina kam (dieser für immer) und einen gänzlich anderen Eindruck vom Land übermittelt.

Lasker-Schüler sieht Palästina, insbesondere Jerusalem, die Braut Christi, den Vorhimmel, als Jüdin, die heimgekehrt ist, sie sieht es schwärmerisch, poetisch, verklärend, vielleicht auch ein wenig naiv. Sie sieht es so, wie sie es sehen möchte, sie sieht es als Fromme mit dem Herzen, das hier zu ihrem Gott schlägt, das dessen Anwesenheit allüberall spürt. Sie erfährt das Land mit in einer Art Innenschau, sieht das was sie sehen will und sehen will sie ihren Traum. Palästina ist für sie der Ort, den die Bibel als Paradies bezeichnet [5], entsprechend überzeichnet und – für unser heutiges Empfinden – überfrachtet sie das, was sie sieht.

Gottes Herz ist Jerusalem.

Insbesondere gilt dies für ihre Eindrücke von Jerusalem (das damalige dürfte nicht mit dem heutigen vergleichbar sein….), dieser Stadt, die für sie ein Bindeglied ist zwischen Himmel und Erde, nur im Äußeren auf letzterer beheimatet, im Inneren aber schon im göttlichen Reich [5]. So schildert sie ihre Gänge durch die Gassen der Stadt, die Begegnungen, die sie hat, die Eindrücke, die auf sie einwirken. Voller Demut ist ihr alles ‚lieb‘ in diesem Land, einerlei, ob es die ‚lieben jüdischen Pflanzer‘ sind, die sie sieht oder die ‚lieben, blinden, jüdischen Musikanten‘, die sie zum Hochzeitstanze aufspielen hört. Für Lasker-Schüler ist der Araber kein Fremder, für sie ist es der semitische Bruder, der mit dem jüdischen in Frieden lebt und auskommt: Die Artigkeit beider Semitenvölker tut einem gut. Wo ich aus weile unter ihnen, auf den Straßen, Plätzen, auf den Pfaden, aber auch in den Shops, Bars und Wirtschaften, begegnet man Güte…..

Nur an ganz vereinzelten Stellen schieben sich Töne in den Vordergrund, die realitätsnäher scheinen. So beschreibt sie in einer Passage [S. 89]: Aber die jungen Judenbauern … setzen sich immer von Neuem in ihren Pflanzungen großen Gefahren aus. Um unerschrocken, wahrhaft heldenmütig, die sie nächtlich überfallenden Bergvölker, im Grunde arglosen, doch aufgestachelten Arabern, für das geheiligte Werk ihrer Emeksiedlungen [Emek: Jesreel-Ebene in Palästina] zu gewinnen, mit ihnen in Freundschaft zu leben. …. Mag das Zitat auch ein Beispiel sein für den verspielten Schreibstil der Autorin, der ein aufmerksames Lesen erfordert. Und für ihre teils maßlos anmutende Idealisierung des Juden sowie für ihr Bemühen, den semitischen Stiefbruder (i.e. den Araber) gleich wieder in Schutz zu nehmen und von Schuld freizusprechen.

Noch ist Lasker-Schüler als ‚Touristin‘ im Land, lebt sie im Hotel, wird oft eingeladen und hofiert. Das Jahr, das zwischen Erleben und Niederschreiben vergangen ist, mag zusätzlich zur Verklärung beigetragen haben. Wie Brigitte Landes [7] andeutet, barg das Leben in Palästina für Else Lasker-Schüler später Enttäuschungen, ist ist plausibel, daß der Zusammenprall des wirklichen Lebens als Bewohnerin des Landes mit dem Traum letzteren zerschellen ließ…


Lasker-Schüler ist keine Unbekannte im Land, man weiß von ihren Gedichten, hört sie gerne, sie wird gelobt dafür und eingeladen, vorzulesen und vorzutragen. Auch trifft sie viele Bekannte im Land, darunter auch viele Flüchtlinge und Emigranten: Maler, Schriftsteller, andere Künstler. Der Aderlaß aus dem faschistischen Europa hat längt begonnen und Palästina erreicht….. Auch Uri-Zwi Greenberg begegnet sie, dem alten Freud aus längst vergangenen Berlintagen, von denen Rozier in seinem Buch berichtet [3], mich freuen solche Querverbindungen aus Büchern, die als Buch, gleichwohl nicht als Thema, weit von einander entfernt sind.

So wechseln in dem Büchlein Passagen spirituellen Inhalts mit Beschreibungen von Orten, Menschen und Ereignissen, die Erinnerungen an ihr vergangenes Leben in Deutschland haben ihren Platz und vor allem auch die Erinnerung an ihre Kindheit, an den Vater und die geliebte Mutter. Ihr eigener Sohn Paul, der 1927 im Alter von nur 28 Jahren gestorben war, hat ebenso seinen Platz in den Rückblicken.

Mag man Else Lasker-Schüler vorwiegend als Prinz Jussuf in Erinnerung haben, als schillerndes Mitglied der Berliner Boheme der Zwanziger rund um´s Café des Westens und später das Romanische Café, als eine der bedeutendsten deutschen Lyrikerinnen, so offenbart sich in Das Hebräerland die vom Schicksal geschlagene, fromme und suchende Jüdin, eine träumende Jüdin.

Else-Lasker Schüler, eins von so vielen, vielen Tausenden jüdischen Schicksalen aus dunkelster Zeit. Ein Opfer, das nicht direkt ermordet wurde, aber wohl indirekt an seinem Schicksal litt und starb. Erinnern wir uns an sie und ihren Traum.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Biographie von Else Lasker-Schüler: https://de.wikipedia.org/wiki/Else_Lasker-Schüler; aber auch hier: http://www.kj-skrodzki.de/inhalt.htm
[2] a: Palästina (Wien). Jg. 20, Nr. 7 vom Juli 1937. S. 386; http://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_041.htm
[3] Rozie: Der Palast der Erinnerung; Buchvorstellung hier im Blog
[4] Vittorio Segre: Ein Glücksrabe; Buchvorstellung hier im Blog
[5] in apokryphen Schriften zum Alten Testament steht geschrieben, daß die Stadt Jerusalem an dem Ort steht, an dem G`tt Adam erschaffen hat. Da passt es gut, daß Lasker-Schüler in Palästina das Paradies wiedererkennt.
[6] Wiki-Beitrag zum Piatti: https://de.wikipedia.org/wiki/Celestino_Piatti
[7] Brigitte Landes (Hrsg und Nachwort): Else Lasker-Schüler: Denk dir ein Wunder aus; Besprechung hier im Blog

Lesenswert auch diese Buchvorstellung im Israelitisches Wochenblatt für die Schweiz (Zürich). Jg. 37, Nr. 19 vom 7. Mai 1937. S. 3 f.; in http://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_050.htm 

Else Lasker-Schüler
Das Hebräerland
Erstausgabe: Mit 9 Zeichnungen, Verlag Dr. Oprecht und Helbling A.-G., Zürich 1937
diese Ausgabe: dtv, ca. 190 S., 1981

 

Vittorio Segre: Ein Glücksrabe

Der Autor dieser Biographie, Vittorio Segre, (1922 – 2014) ist von Namen her unschwer als Italiener zu identifizieren. 2014 ist er in hohem Alter gestorben [1]; es ist nicht selbstverständlich, daß er (so) alt geworden ist, denn er stammte aus einer jüdischen Familie im Piemont, der Region um Turin, wo er wenige Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges geboren wurde. Auch wenn sein Vater 1929 das beträchtliche Familienvermögen wie so viele andere auch verloren hatte, lebte die Familie bis 1938 weitgehend unbehelligt von den politischen Randbedingungen ein privilegiertes, weil wohlhabendes Leben. Nachdem ab 1937 in Italien jedoch gegen Juden gerichtete gesetzliche Bestimmungen in Kraft traten (19. April 1937:  ‚Rechtswirkungen ehelicher Verbindungen zwischen italienischen Bürgern und Untertanen‘, 17. November 1938: „Gesetz zur Verteidigung der Rasse“.  [2]), wurde auch in der abgehobenen Welt dieser Familie klar, daß man selbst als assimilierter und faschistischer Jude verfolgt wurde, aus dem einzigen Grund: weil man Jude war. Nach dem Einfall der Deutschen in Polen sorgten verschiedene Ereignisse schließlich für den Entschluss, daß der seinerzeit sechzehnjährige Sohn Vittorio nach Palästina auswandern sollte.

gluecksrabe

Die ersten vier von den elf Abschnitten des Buches umfassen diese ersten sechzehn Lebensjahre Segres sowie die Geschichte seiner Familie. Er wurde in eine typisch großbourgeoise Familie mit Großgrundbesitz hineingeboren: dem Vater gehörte das Tal, auf das sie blickten, die Dörfer, die darin lagen und die Menschen, die dort auf seinem Land arbeiteten, waren von ihm abhängig. Den Erinnerungen des Autoren nach war der Vater ein guter „Hirte“, der auch als Bürgermeister viel Vertrauen und Ehrfurcht von seinen Leuten entgegengebracht bekam. Von beidem büßte ein: der Krieg, für dessen Teilnahme er 1916 entflammte und aufrief, war nicht ganz so kurz und nicht ganz so siegreich wie von ihm prophezeit: viele der Männer, die begeistert hatte, kehrten nicht mehr zurück in das Tal.

Eher aus Zorn über die gesellschaftlichen Veränderungen, die der Krieg zwangsläufig mit sich gebracht hatte …. war er nach Turin gegangen, um der von Polizei und Armee unterstützten faschistischen Partei beizutreten und dort Karriere zu machen. Der Faschismus war für den Vater der Triumph der Ordnung über die Anarchie. 1922 wurde der Sohn Vittorio geboren, der in diesem wohlhabenden faschistisch orientierten Umfeld wie in einer Blase, die von den Realitäten abschirmte, aufwuchs. Es war ein privilegiertes Leben, das weder von ihm und seiner Familie in Frage gestellt wurde. Auch nach dem wirtschaftlichen Crash des Vaters, dessen Vermögen durch die Wirtschaftskrise 1929 verloren ging, änderte sich nicht wirklich etwas, bis auf die Tatsache, daß der Vater jetzt für Lohn arbeiten musste. Ganz so schlimm wie es klingt, war es dann aber doch nicht, der reiche, angeheiratete Onkel wusste den Vater standesgemäß in seinen Fabriken in Stellung zu bringen. Jedoch war damit ein Umzug aus dem Piemont ins Friaul verbunden.

Der Knabe selbst genoß nach wie vor viele Freiheiten und Privilegien. Da schwächlich und kränklich, wurde er von Privatlehrern unterrichtet, was wohl nicht sehr effektiv war, denn als er dann doch in die Schule gehen musste, viel er durch fehlende Grundlagen auf. Jene sechzehn Jahre im faschistischen Italien stellten für [ihn] eine so geregelte, normale und sorgenfreie, eine so unvergleichliche Zeit dar, daß [er] nicht sagen könnte, was das Besondere am Faschismus war. …. Als vollkommen assimilierter Jude … hielt ich den Faschismus für die natürliche Form des Gemeinschaftslebens. Ohne weiteres Nachdenken, weil es selbstverständlich war, trat er auch in die faschistische Jugendorganisation ein. Die Gerüchte, die teilweise vom weiter nördlichen Geschehen in diese patriarchalisch ausgerichtete Gegend drangen, nahm man nicht sonderlich ernst, der ‚Duce‘ sei doch eher ein Freund der Juden, nicht so wie Hitler.

Das jüdische Leben in Italien unterschied sich von dem in Mittel- und Osteuropa. Die Gettos, in denen die Juden lebten, waren erst wenige Jahrzehnte vorher im Rahmen des „Risorgimento“, der Schaffung des Nationalstaates Italien 1848, aufgelöst worden. Die Gettomauern hatten zwei Effekte, die nun wegfielen: nach außen die Isolierung und Abgrenzung, nach innen aber auch die Konzentration jüdischen Lebens auf einen eng definierten Bereich, in dem es sich entfalten konnte. Dieses jüdische Leben verkümmerte, als sich die Juden nach 1848 in die italienische Gesellschaft integrierten und sich an sie anpassten, die Gemeinden waren zudem meist zu klein, um die Jüdischkeit aufrecht zu halten. Segre geht ausführlich auf diese historische Entwicklung, die recht schnell stattgefunden hat, ein. Sie führte in der eigenen Familie dazu, daß beispielsweise das Hebräische kaum noch beherrscht wurde, daß man zwar noch wusste, daß Schwein und Hase (letzterer eine Lieblingsspeise des Vater) nach den Speisegesetzen verboten waren, aber die Vorschrift, daß man am Sabbat kein Feuer anzünden dürfe, hätte diesen sicherlich sehr erstaunt. Rituale wie Gebete und Segenssprüche wurden zur Hülle und – wenn überhaupt noch durchgeführt – sinnentleert und zu Weihnachten/Chanukka ging man mit den Christen in die Mitternachtsmesse. Ferner gab es auch verschiedentlich   Übertritte vom Judentum zum Christentum, die Mutter des Autoren konnte seinerzeit nur durch massives Eingreifen des Vater beim Bischof davon abgehalten werden.

Daß man trotzdem immer noch Jude war, wurde gegen Ende der 30er Jahre schmerzhaft deutlich. Der Autor musste die öffentliche Schule verlassen und in eine jüdische überwechseln; einmal in einem der vielen Urlaube, die man sich im Jahr leistete, traf man auf eine Flüchtlingsfamilie aus Deutschland, dennoch verkannte man noch immer die Realitäten, glaubte sich nicht in Gefahr. Den Ernst der Lage erkannte der Vater erst, als ihm 1939 faschistische Juden den Vorschlag machten, gegen andere Juden vorzugehen, um dem ‚Duce‘ zu zeigen, daß man hinter ihm stünde. Der Vater verweigert sich diesem Ansinnen: … Es stimme, daß wir als Italiener unserer sakrosankten Rechte beraubt worden seien. Aber niemand könne uns unsere Würde und unsere Ehre als Juden nehmen. In trostlosen Zeiten wie diesen Glaubensbrüder anzugreifen, ums uns bei einen Regime einzuschmeicheln, das uns betrogen hatte, sei gemein und unter aller Würde. Die Familie fasste den Beschluss, daß der Sohn nach Palästina auswandern sollte. Der Vater selbst überlebte die Zeit der Judenverfolgung in Italien in der Verkleidung eines herumziehenden Hausierers, er wurde von „seinen“ Leuten gedeckt und versteckt, niemand verriet ihn.


Das Leben ist stärker als das Böse.

Die folgenden sieben Kapitel des Buches umfassen den Zeitraum von der Ausreise nach Palästina bis zu seiner Rückkehr nach Italien als britischer Soldat. Damit schließt sich in gewisser Weise die literarische Aufbereitung dieser Lebensepoche Vittorio Segres, denn dieser Rückkehr, sein Wiedersehen mit dem Vater, schildert er zu Beginn der Aufzeichnungen, an den sich in der Rückschau die Erinnungen daran, wie alles gekommen ist, anfügen.

Die Überfahrt nach Palästina, das noch unter dem Mandat der Briten lag, verlief für den jungen Mann den Umständen entsprechend luxuriös, schließlich war sein Onkel ja mal Besitzer des Schiffes und – so wohl der Gedanke des Kapitän – wer weiß, vielleicht würde er es ja mal wieder werden. Die Ankunft in Jaffa war für den jungen, verwöhnten Mann, der wie ein europäischer Dandy gekleidet dort eintraf, ein Kulturschock: nichts, was er sah, glich dem, was er aus seiner Heimat kannte, er selbst fühlte sich völlig deplatziert. Staub, Hitze, zerlumpte Menschen, ein Geruch nach Vergang und Verwesung zog vorüber…

Politisch war die Region  schon damals eine Art Pulverfass, die nur durch die Anwesenheit der Briten und dem einenden Kampf aller Parteien gegen die Nazis unter Kontrolle gehalten wurde. Briten, Araber, orthodoxe Juden, Zionisten – man war sich, um es milde zu sagen, nicht immer grün. Vittorio Segre, zur Zeit seiner Ankunft in Palästina, das darf man nicht aus den Augen verlieren, noch ein Jugendlicher, noch lange keine zwanzig Jahre alt, findet sich in dieser realen Umwelt nur schwer zurecht. Es war ein tiefer Sturz aus der Irrealität seines privilegierten Lebens im Wohlstand in die staubige Realität eines Kibbuz, in dem ein neuer sozialistischer Gesellschaftsentwurf umgesetzt und gelebt werden sollte. In Italien politisch weitestgehend desinteressiert, kann er mit den vielen Meinungen hier, den Strömungen, den politischen Ideologien kaum etwas anfangen, selbst sein ‚Jüdischsein‘ ist ihm fremd. Und so bleibt er auch den anderen fremd und suspekt, ist immer in einer Aussenseiterrolle. Daß sich langsam auch ein Interesse am weiblichen Geschlecht entwickelt, erleichtert sein Leben nicht unbedingt.

Er besucht in den folgenden Monaten eine Landwirtschaftsschule, auch hält er sich abseits. Dann entschließt er sich, zur britischen Armee zu gehen, um diese beim Kampf gegen die Nazis zu unterstützen. Nach der Grundausbildung kommt er jedoch bald in eine spezielle Truppe: für den Propagandasender wurde ein italienischer Sprecher gesucht – und in ihm gefunden. Hier genießt er jetzt wieder spezielle Privilegien: ihm ist erlaubt, Zivilkleidung zu tragen und er kann sich ein privates Zimmer nehmen und muss nicht mehr in den Unterkünften der Armee leben.

So mietet er sich bei einer aus Deutschland emigrierten jüdischen Familie  ein und lernt dort deren Tochter Berenika, mit der er ein seltsame Verhältnis eingeht: Ich bemächtigte mich ihres Körpers, sie riss meine Seele in Stücke. Erst sehr spät, am Ende dieser Beziehung (auch Berernika hatte sich zur Armee gemeldet) erfährt er vom schlimmen Schicksal Berenikas in Deutschland vor der Flucht.

Schließlich geht der Krieg seinem Ende zu. Der Autor berichtet von einer schweren persönlichen Krise in diesem Zeitraum die bis hin in suizidale Pläne ging. Seine ‚Feigheit‘, mit dem Fallschirm hinter den feindlichen Linien in Italien abzuspringen – obwohl er sich zuvor dazu gemeldet hatte – belastet ihn schwer. Immer noch schien der zu diesem Zeitpunkt zweiundzwanzigjährige junge Mann (zumindest zeitweise) in einer kleinen, selbstgeschaffenen Traumwelt zu leben, Fantasien und Vorstellungen mit Realem zu verwechseln. Ferner berichtet Segre von einer Art ‚Persönlichkeitspaltung‘, die ihn in der Folge sein Leben lang begleitete: er ließ im Innersten seiner Seele nichts mehr an sich heran, ein eiskalter Kern war in ihm. In schwierigen, schmerzhaften Situation dissoziierte er, konnte er sich wie von aussen beobachten und fühlte nichts mehr. Er veranschaulicht dies sehr plastisch mit der Aussage, er hätte erst spät im Leben eingesehen, daß man sich bei zahnärztlichen Wurzelbehandlung eine Betäubungsspritze geben lassen könne…..


Der Staat Israel wurde im Mai 1948 gegründet, die letzten britischen Verbände hatten sich aus Palästina zurückgezogen. Dieser ‚Geburt‘ des neuen Staates ging – um im Bild zu bleiben – die ‚Schwangerschaft‘ voraus, seit 1937 zum ersten Mal die Idee einer möglichen Spaltung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Teil formuliert worden war. Nach Ende des Krieges, als die entsetzliche Erkenntnis, daß und wie Millionen Juden von den Nazis ermordert worden waren, immer klarer wurde, gewann die zionistische Bewegung mehr internationale Unterstützung, die Briten kündigten ihren Rückzug als Mandatsmacht an und 1947 beschloss die UN-Hauptversammlung die Teilung Palästinas.

Obwohl das Leben selbst in Palästina Anfang der 40 Jahre träge verlief, war es also eine für die weitere Geschichte (zumindest unseres Teiles) der Welt wichtige Epoche, in der Entscheidendes geschah. Und Vittorio Segre war sozusagen mittendrin und da er selbst politisch/ideologisch  nicht festgelegt war (sich am ehesten immer noch einer faschistischen Überzeugung anhing), sich noch nicht einmal richtig als Jude sah, eine Art ’neutraler‘ Beobachter. Man merkt seinen Ausführungen an, daß er später Jura studierte und im diplomatischen Dienst war. Sie sind sehr analytisch, ausführlich und abwägend, ohne jedoch zu einem Urteil zu kommen. Die Darstellungen, die auf Tagebuchaufzeichnungen dieser Zeit beruhen, zeigen das Bemühen des jungen Mannes, die unterschiedlichen politischen Strömungen dieser Zeit zu verstehen, sie sind für den heutigen Leser ein profunder Einstieg in die komplexe Ausgangsposition in Palästina, die mit der Gründung Israels und den folgenden Auseinandersetzungen und Kriegen mit den arabischen Nachbarstaaten und den Palästinensern einen steten Unruheherd in der politischen Landschaft des Nahen Ostens schuf.

Die autobiographischen Aufzeichnungen des Glücksraben Vittorio Segre erfüllen also verschiedene Funktionen. Sie geben einen Überblick über die Entwicklung des italienischen Judentums nach der Auflösung der Gettos, das sich völlig in die italienische Gesellschaft assimlierte und in großen Teilen die faschistische Bewegung des ‚Duce‘ unterstützte. Ferner enthalten sie die Analysen diverser politischer Strömungen unter vor allem den Juden in Palästina in dieser Zeit und – last not least – beschreiben sie in ihren biographischen Passagen das Schicksal und das Leben einer bourgeoisen jüdischen Familie und eines jungen Mannes, der aus einer behüteten, wenngleich ‚irrealen‘ Welt von heute auf morgen in die brutale Realität geworfen wurde, in der er sich nur mit Mühe und immer wieder glücklichen Umständen zurecht fand.

Vieles von dem, was Segre beschreibt, war mir unbekannt, von daher waren seine Aufzeichnungen spannend im Sinne von lehrreich. Andererseits haben es politische Analysen so an sich, langatmiger zu sein und auch trockener, solche Passagen häufen sich in den späteren Kapiteln, die in Palästina spielen. Nichtsdestotrotz sind die Abschnitte, in denen das Leben dort beschrieben wird, sei es nun das im Kibbuz (mit der besonderen Bedeutung, die den Aborten und die Duschen dort zukam) oder auch das Leben in Jerusalem bzw. beim britischen Militär, interessant – wer weiß darüber schon etwas….

Zusammenfassend kann ich sagen, daß ich die Lektüre dieses autobiographischen Buches trotz einiger Längen nicht bereue, das neue Wissen, die vielen mir bis dato unbekannten Infos wiegen eine gewissen Trockenheit in einigen Passagen bei Weitem auf. Und nicht zu vergessen natürlich, daß diese deutsche Erstausgabe der Anderen  Bibliothek einfach auch als Buch ein Gewinn ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Nachruf in der Jerusalem Post: Manfred Gerstenfeld: In memoriam: Dan Vittorio Segre; in:  http://www.jpost.com/Opinion/In-memoriam-Dan-Vittorio-Segre-378225
[2] siehe die ausführliche Darstellung z.B in: http://www.wernerbrill.de/downloads/AntismitismusItalien.pdf oder: http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2005_2_1_schlemmer.pdf

Vittorio Segre
Ein Glücksrabe
Die Geschichte eines italienischen Juden
Übertragen von Sylvia Höfer (Kap. 1 bis 4 der italienischen Ausgabe und Hanni Ehlers (Kap. 5 bis 11 nach des Autors eigener englischen Fassung)
Originalausgabe: Storia di un ebreo fortunato, Mailand, 1985
englischsprachige Ausgabe: Memoirs of a Fortunate Jew, Chicago, 1987
diese Ausgabe: Eichborn, (Die Andere Bibliothek Bd. 101), HC, ca. 360 S., 1991