Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen

5. Januar 2014

Die Buchvorstellung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern zu hören.


ephrussi wappen
Den Namen der Rothschilds kennt jedes Kind, den der Ephrussis kaum jemand. Dabei gab es eine Zeit, in der beide Familien sich in puncto Reichtum und Macht kaum was gaben…. Doch dann schlug das Schicksal in all seiner Härte über den Ephrussis zusammen und zerstörte das Lebenswerk mehrerer Generationen, geblieben sind wenig mehr als 264 kleine Figuren aus Japan, sogenannte Netsuke, kleine geschnitzte Figuren, die als Gegengewicht bei der Befestigung eines Sagemono (‚hängendes Behältnis‘), einer flachen, kleinen, mehrteiligen Lackholzdose am Obi des taschenlosen Kimono, dienten [3].

Edmund de Waal ist Töpfer (seine Webseite ein MUSS), er lehrt an der Universität of Westminster. Sein Stammbaum leitet sich in der 6. Generation von Charles Joachim Ephrussi (1792 – 1864) her, einem sephardischen Griechen [1], der in Odessa, dieser im zaristischen Ansiedlungsrayon für Juden gelegenen Stadt am Schwarzen Meer mit Handelsgeschäften ein erstes Vermögen machte. Ukrainische Erde ist fruchtbar… bald diversifiziert die Familie und finanziert Großprojekte, der Sprung ins Bankgeschäft ist klein. Niederlassungen werden in Paris und Wien gegründet, der Autor de Waal selbst lebt heute in London.

Aber bevor ich kurzen Notizen die Geschichte der Familie Ephrussi zu skizzieren versuche, erst noch ein wenig zur Geschichte dieses Buches..

Im Alter von 17 Jahren, 1979, reist der Autor de Waal zum ersten Mal nach Japan, die alten Meister der Töpferkunst dort zu treffen. Dort begegnet er auch seinem Großonkel Ignaz („Iggie“) [6], der in Tokio mit seinem Lebensgefährten Jiro zusammenlebt, zum ersten Mal. Im Haus des Onkels befinden sich einer Vitrine 264 kleine Figuren, Netsuke, die ihre eigene Geschichte haben, eine „verborgene“, wie Iggie es nennt. Hier begegnen sie sich zum ersten Mal, der Nachfahre der Ephrussis und die kleinen Figuren aus Elfenbein und Holz…. Iggie, der Onkel, starb 1994. Drei Jahre zuvor war de Waal im Rahmen eines Austauschprogramms für zwei Jahre in Japan gewesen, nur kurz nach seiner Rückkehr war der Tod des Onkels. Er flog zur Beerdigung nach Japan und nach der Bestattung, wieder im Haus, nahm Jiro Tusche und Papier, schrieb ein Dokument, siegelte es und vererbte damit die Netsuke an Iggies Enkel.

de Waal begibt sich auf die Suche nach dieser „verborgenen“ Geschichte, nach ihren Einzelheiten, nach den Komponenten, denn es ist auch die Geschichte der Familie Ephrussi, seiner Familie, einer Familiengeschichte, die von ungeahntem Erfolg ausgehend 1938 innerhalb weniger Wochen zwar nicht mit der Auslöschung der Familie endet, aber 1938 wird die Familie zerrissen, beraubt und „überschrieben“, wie es der Autor an einer Stelle nennt.

diese kleine Figur steht bei mir selbst im Bücherregal, ist also nicht dem Buch entnommen und hat nichts mit den 264 Netsuke zu tun.... ;-)

diese kleine Figur steht bei mir selbst im Bücherregal, ist also nicht dem Buch entnommen und hat nichts mit den 264 Netsuke zu tun…. ;-)

Die Geschichte der Netsuke beginnt für den Autor und damit für uns in Paris. Charles Ephrussi ist ein „überzähliger“ Sohn (es sollte einige Jahrzehnte später in Wien noch so einen „überzähligen“ Sohn geben), ein Sohn, der für Finanzen nicht geschaffen war und es auch nicht sein brauchte, da dieses Geschäft von seinen Brüdern übernommen wurde. Charles war den Künsten zugetan, Autor einer Monographie über Dürer [5], er war Sammler, Liebhaber und Förderer der gerade aufkommenden impressionistischen Malerei, er arbeitete als Kunstkritiker und später dann als Herausgeber und Besitzer einer bedeutenden Kunstzeitschrift. Seinen Einfluss beschreibt de Waal folgendermassen: „Aus seinem Privatgeschmack war Allgemeingut geworden.“.

Im Juli 1853 zwang die Flotte von Commodore Perry Japan zur Öffnung seines Landes für Ausländer. Damit gelangten immer mehr Waren und (Kunst)Gegenstände aus Japan nach Europa und trafen hier auf zum Teil begeisterte Aufnahme. Die Femdartigkeit der Kunst, das hohe handwerkliche und künstlerische Geschick der Maler, das Aufbrechen alt hergebrachter Seh- und Malgewohnheiten befruchtete insbesondere den aufkeimenden Impressionismus führte allgemein  zu einer Erscheinung, die man „Japonisme“ nannte. Das die Japaner auch die Erotik in ihrem Werken („Shunga“) zu Wort kommen ließen, war sicherlich auch förderlich: Man begeisterte sich für alles Japanische und Charles stand da nicht abseits. Er erwarb 264 dieser „..kleinen Gegenstände, die man in die Hand nehmen und herumreichen konnte – leichthin, spielerisch, kennerhaft – …“ und stellte sie in Vitrinen zur Schau. Es war ein einmaliger Kauf, eine vollständige spektakuläre Sammlung [7].

Charles Ephrussi ein Kunstmensch durch und durch und mit dem Privileg, daß Geld für ihn keine Rolle spielt. Er kann sich leisten, was er sieht, was ihm gefällt. Dazu noch gebildet, sachverständig.. er prägt de facto eine ganze Generation von Malern, deren Bilder er kauft, die er fördert, denen er Aufträge vermittelt. Und in der Tat, jetzt, wo der Name eine Bedeutung erhalten hat, findet er sich auch in den Büchern über Impressionismus, die ich im Regal habe…. Wer Proust liest und die Figur des Swann trifft, wird auch Charles Ephussi in ihm wiederfinden, er diente dem Dichter als Vorlage….

Sehr anschaulich gelingt es de Waal, ein Bild dieser Epoche zu zeichnen (bzw. dieses besonderen Aspekts dieser Epoche), ungeheuer fleißig und diszipliniert wälzt er in Archiven die alten Zeitungen und Kunstzeitschriften, studiert die Randbemerkungen, ist auf der Suche nach weiteren Zeugnissen wie Bildern, Briefen, Einladungslisten etc pp. Seine Recherche hat im Grunde keine Grenze, alles, was ihm an Fakten unterkommt, ist für ihn wichtig, da es ein Mosaik sein könnte im Gesamtbild. Wie mögen die Bilder gewirkt haben in der Wohnung von Charles, wobei Wohnung natürlich untertrieben ist…. wie ist das Licht hineingefallen durch die Fenster, wo haben die Netsuke gestanden, welche Menschen waren bei Festivitäten im Raum und haben sie betrachtet? Sind sie herumgereicht worden, ist vllt eins heruntergefallen und der Sturz irgendwann einmal Ursache für einen haarfeinen Riss, der sich bilden mag….

Charles Ephrussi hat die Netsuke-Sammlung aus Liebhaberei, aus Sammlertrieb gekauft, die Figürchen wurden in die Hand genommen, befühlt, bestaunt, besprochen. Anders sollte es auf ihrer nächsten Station sein, hier wurden sie als zwar als willkommene (so nehme ich an), aber unerwartete und vielleicht auch fremdartige Gäste aufgenommen: im Jahr 1899 heiraten in Wien Viktor von Ephrussi und (die viel jüngere) Emmy Schey von Koromla. Ihnen schenkt Charles die Vitrine mit den Netsuke zur Hochzeit. In Paris war das Japanische mittlerweile im Mainstream angekommen, die Betuchten, die was Elitäreres brauchten, verloren ihr Interesse..

Viktor von Ephrussi war – wie Charles in Paris – auch so ein „überzähliges“ Kind, das für die Übernahme der Geschäfte nicht vorgesehen war, sein Reich war die Historie, die Geschichtswissenschaft. Nur – Stefan, sein Bruder, der die Nachfolge im Bankhaus antreten sollte, zog es vor, mit der Geliebten des Vater durchzubrennen, ein wahrhaft pikantes Detail. Er wurde enterbt – natürlich, enterbt und totgeschwiegen, aus der Familie ausgestoßen (auch im Buch wird er übrigens nur noch ein einziges Mal sehr kurz erwähnt)….. und so wurde dann letztlich doch Viktor der Erbe…

Lizenz: Peter Haas / Wikimedia Commons, License: CC BY-SA 3.0; Quelle: Wikipedia

Lizenz: Peter Haas / Wikimedia Commons, License: CC BY-SA 3.0; Quelle: Wikipedia

Das Palais Ephrussi in Wien an der Ringstraße, Heimstatt von Viktor und Emmy, war eine etwas größere Angelegenheit, für die nächsten fast 40 Jahre sollte es die Heimat der japanischen Figürchen werden. Waren sie jedoch in Paris ein Gegenstand der Betrachtung, in gewisser Weise Figuren eines öffentlichen Raumes, hatte sich dies jetzt grundlegend geändert. Die Netsuke wurden privat. Sie kamen unter im Ankleidezimmer der Baronin, mitsamt der großen Vitrine und dort, streng geregelt einem fast schon rituellem Tagesablauf unterworfen, durften die Kinder, die am Abend dem Umkleiden der Mutter beiwohnten, mit ihnen spielen. Hase, Tiger, Wolf und Bettler waren von Kunstgegenständen zu Kinderspielzeug geworden, zu Gebrauchsgegenständen, wie sie es von ihrer ursprünglichen Funktion her gesehen ja auch in Japan waren…. es klingt, als sei de Waal dies nicht recht, als wären sie damit unter Wert untergekommen: „Während Netsuke in diesem Wiener Zimmer als Spielsachen dienen, nimmt man sie anderswo sehr ernst. …“

1938 wurde dem Spiel ein Ende gesetzt. Die Herrenrasse hatte sich das Ziel, die Juden dieser Welt auszurotten, auf die Fahnen geschrieben. Österreich wurde heim ins Reich geholt und innerhalb weniger Tage brach die Welt der Ephrussis zusammen und verlor sich fast im Nichts. War schon der Erste Weltkrieg eine Katastrophe für das Bankhaus (mit Niederlassungen in London, Paris, Wien und St. Petersburg stand man auf allen Seiten der Fronten), bedeutete der „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland die Auslöschung: die Menschen flohen, die (mobilen) Besitztümer wurden als Beute fachkundig katalogisiert und aufgeteilt, Grundstücke und Bankhaus arisiert.

Nach den ersten (die Jubelschreie über den Anschluss waren kaum noch verklungen) hasserfüllten, eher emotional geprägten „Besuchen“ marodierender Nazis , die sich an Geräusch der zersplitternden Möbel ergötzten, die sie über die Balustrade schmissen, kamen die, die systematischer vorgingen, für alles Order, Befehle und Gesetze hatten. Sie hatten viel zu tun bei den Ephrussis…. Nach drei Tagen Verhör durch die Gestapo unterschrieb Viktor alles, was man ihm vorlegte. Der fast 80jährige Viktor und seine Frau sind wie paralysiert, während rund um sie herum eine allgemeine Fluchtbewegung in Gang gekommen ist… wäre die Tochter Elisabeth nicht, die mit einem Holländer, Hendrik de Waal, verheiratet war und mittlerweile mit niederländischem Pass in England lebte, sie wären nicht ausser Landes gekommen. Doch sie fliehen in die falsche Richtung, die Nazis rücken nah, stehen bald schon an neuen Grenzen. Emmy stirbt an Herzversagen, die Frage, ob sie mit Absicht zuviele ihrer Tabletten genommen hat, steht im Raum. Aber vorher, hier an ihrem Fluchtort, der jahrzehntelang ihr Ferienort war, wurde ein Bild aufgenommen von den beiden, das einzige, auf dem sie sich berühren….

Der Krieg zerstreute die Familie in alle Welt, nach Mexiko, in die Staaten (Iggie dient z.B. als Dolmetscher bei den Amis), nach England…

Kriegsende, die zweite „Raubwelle“ ging danach durch´s Land… „Warum kommt ihr zurück?“ und „Es war doch alles legal!“ waren deren Kennzeichen. Nur wenige Stücke des geraubten Besitzes konnten wiedererlangt werden, auch das Palais nicht, für einen lachhaften Preis musste Elisabeth das Haus letztlich auf immer abtreten…. Sie besuchte ihr Elternhaus noch 1945, ließ sich von den Amerikanern, die jetzt dort eine Bürostelle eingerichtet hatten, dort herumführen. Eine alte Frau wohnte noch dort in einem kleinen Zimmer. Es war Anna, die Zofe ihrer Mutter.

Und Anna, die vor Jahren gezwungen worden war, den Raub für die Herrenmenschen einzupacken, hatte sie gerettet, heimlich immer wieder einige der kleinen Figuren mitgenommen, sie in ihrer Matratze versteckt… sie waren noch da, alle 264 Netsuke. Und so sollten bald nach Japan zurückgehen, denn Iggie, der damals vor der Wahl stand, für seine Firma u.a. nach Japan gehen zu sollen, entschloss sich, die Figuren nach Hause zu bringen, ihrem zuhause.

Iggie, Ignaz von Ephrussi, blieb in Japan, fand dort seine Heimat und in Jiro einen Lebensgefährten. Er stellte die Netsuke wieder in einer Vitrine aus, hier sollte der junge de Waal dann auf sie treffen und letztlich den Impuls bekommen, ihre Geschichte und die seiner Familie zusammenzutragen. Und hier sollte es sich entscheiden, daß der (vorerst) letzte Rastplatz der Netsuke London ist, auch wenn es noch Jahre dauern sollte, bis sie 2009 dort in einer alten Vitrine, die das Museum ausgemustert hat, ihre neue Heimstatt finden. Unverschlossen, damit die Kinder sie herausnehmen können.

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de Waal hat eine fast zwei Jahre andauernde, akribische Reise hinter sich. Er ist viel gereist, hat die Schauplätze besucht, versucht, sich in die längst vergangenen Epochen einzufühlen, sie nachzuempfinden, er hat Archive gewälzt, das, was im eigenen Zugriff stand, z.B. über den Vater, studiert. Getöpfert hat er über eine lange Zeit nicht. Hat er sich zuviel zugemutet? Manchmal scheint es im Text durch, als würde er die Suche auch als Last empfinden, als Belastung. Er klagt an einer Stelle, sein „Zeitmanagement funktioniere beinahe nicht mehr…, hatte sich hier in einen Schriftsteller verbissen, der sich über japanischen Stil ausliess [8], kam dann von diesem Autoren auf den nächsten. Ich merke, daß auch ich mich hier bei dieser Buchvorstellung beschränken muss… Wo die Grenze ziehen? Manchmal scheint mir de Waal die Netsuke zu überhöhen: „Nach wie vor hoffe ich, die Netsuke würden sich als Schlüssel zum gesamten Wiener Geistesleben herausstellen. Ich habe Angst davor, ein Mr Casaubon zu werden und mein Leben mit Listen und Anmerkungen zu verbringen….“ Kann man so viel von kleinen Figuren erwarten, mögen sie auch noch so kunstfertig sein? Von Figuren zudem, die abgeschieden im Ankleideraum einer reichen Frau aufbewahrt werden? In Paris, ja, dort waren sie öffentlich, hätten Schlüssel sein können, Symbol zumindest…

Der Kreis schließt sich in Odessa, der Stadt am Schwarzen Meer. Hier hatte Mitte des 19. Jahrhunderts alles angefangen mit dem Getreidehändler Charles Joachim Ephrussi… de Waal besucht die Stadt als letzte Station seiner Suche. Eine erste Enttäuschung, das alte Haus der Ephussis, der Stammsitz, wird renoviert, ist entkernt, hat keine Seele mehr. Dann doch das Gefühl: „..die Ephrussi-Knaben sind noch hier.. in den Erzählungen von Isaac Babel [9].. den jiddischen Geschichten von Scholem Alejchem….“ oder konkreter in einen von den Ephrussis gegründeten Waisenhaus, einer Schule, die noch steht… auch kämpft de Waal damit, die Grenze zu finden. Gibt es eine Kulturgeschichte des Staubes, des Staubes, der Odessa bedeckt, dem in der Rue Monceau in Paris oder der Ringstraße in Wien? Hat Joseph Conrad, in Berdytschiw geboren, über Staub geschrieben? Gorki hat Netsuke gesammelt, doch wo hat er sie gekauft?…. Wie sieht der Himmel über Berdytschiw aus, dem Schtetl, das die Ahnen noch als Chaim Joachim und Balbina nach Odessa verliessen?

Ganz deutlich ist es zu spüren: es wird zuviel… welche randständigen Fragen, die de Waal da quälen und auf den letzten Seite eine einzige Klage …“Meine Finger sind klebrig von alten Papieren und Staub. Mein Vater stöbert nach wie vor Sachen auf. Warum findet er immer noch etwas in seiner winzigen Wohnung…. Eben hat er ein Tagebuch aus den 1870er Jahren gefunden, in unlesbarem Deutsch, das ich übersetzen lassen muss. Eine Woche verstreicht in einem Archiv, und ich habe bloss eine Liste noch nicht gelesener Zeitungen….. Mein Atelier ist voller Romane und Bücher über Japonismus, meine Kinder fehlen mir, und ich habe seit Monaten kein Porzellan gemacht. …“ de Waal quält sich, ich wünsche ihm, er hätte sich in diesen Momenten an seine Scheibe setzen können, sie rotieren lassen und den Ton formen [10]…

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„Der Hase mit den Bernsteinaugen“ ist ein sehr sensibles Buch über eine Suche nach den eigenen Wurzeln. de Waals Herkunft ist die aus einer Familie mit besonderer, bedeutender Vergangenheit, in seiner Recherche verschwimmt immer mehr das ursprüngliche Interesse an den Figuren mit dem an der Familie und den jeweiligen Lebensumständen. Die Suche scheint auf Vollständigkeit abzuzielen, ein Anspruch, der per se nicht erfüllbar ist, ihn aber belastet. Die Angst, etwas wichtiges übersehen zu haben, Vorwürfe, nicht früher gefragt zu haben, als die Menschen noch lebten……. Das Buch bietet auch eine Kulturgeschichte, die Ephrussis als Juden waren trotz (oder wegen) ihres Reichtums immer auch Objekte antisemitischer Anfeindungen, ob es nun Gehässigkeiten Renoirs gegen Charles Ephrussi waren, die Gehässigkeiten der Goncours [4] oder in Wien später der derber Antisemitismus, der sich auf der Straße abspielte, in den Clubs und Salons. Vom Schicksal, zu den Menschen zu gehören, die getilgt werden sollten, ganz zu schweigen…

Das Herzblut des Autoren ist zu spüren, die Scheu, das Zögern, die Detailbesessenheit, der Wille sich einzufühlen, die Empathie, die Sympathie, das Nachenkliche und so ist ein absolut lesenswertes Buch entstanden, das eine bemerkenswerte Familie und Epoche porträtiert. Ein später, aber ein toller Höhepunkt meines Lesejahres!

Links und Anmerkungen:

Ein MUSS ist die Seite des Autoren, ich verlinke hier direkt auf die Sammlung der Netsuke [3], aber auch die Töpfereien sind wunderbar, unbedingt anschauen und geniessen: http://www.edmunddewaal.com/writing/the-hare-with-amber-eyes/gallery-3/netsuke/

Eine Frage ist bei mir offen, nämlich die, was mit den anderen Bankhäusern geschehen ist, nämlich denen in London und St. Petersburg, die im Zusammenhang mit dem 1. WK erwähnt wurden. Indem sich de Waal mit seiner Recherche auf Wien und Paris beschränkt, folgt er dann doch der Spur seiner Netsuke, ohne diesen Aspekt der Familiengeschichte zu berücksichtigen.

… und was sicher schön wäre beim Lesen dieser Geschichte (soweit sie in Paris spielt), wäre die Begleitung durch ein Kunstbuch über den französischen Impressionismus. So viele Bilder, die de Waal erwähnt, Degas, Manet, Monet, Renoir .. und wie sie alle heißen… so erfährt man z.B. auch etwas über diesen Spargel, für den es für Charles Ephrussi sogar noch einen Nachschlag gab [12]…

[1] Wiki-Artikel zu Charles Ephrussi: http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Ephrussi
[2] eine Kurzfassung der Geschichte der Ephrussis in Wien: Die Familie Ephrussi: In alle Winde zerstreut, http://diepresse.com/home/politik/zeitgeschichte/1287941/Die-Familie-Ephrussi_In-alle-Winde-zerstreut, eine nette „Hütte“, die die Familie da in Wien hatte: http://de.wikipedia.org/wiki/Palais_Ephrussi oder (genauer und ausführlicher) http://www.viennatouristguide.at/Palais/ringstrasse/ephrussi.htm
[3] Wiki-Seite zu Netsuke: http://de.wikipedia.org/wiki/Netsuke in einem der alten Kunstbücher, die ich in den (Un)Tiefen der Regale verstaut habe, wird der Begriff „Netsuke“ (ich formuliere es mal so) funktional eingedeutscht als: Gürtelschnurknöpfe [Peter C. Swann: Japan von der Jomon- zur Tokugawa-Zeit, Baden-Baden 1974, S. 237]. waal-netsuke2b Deutlich sieht man hier an diesem Netsuke (das ebenfalls nicht aus der Sammlung Ephrussi, sondern aus meinem Bücherregal ist, was damit gemeint ist. Außer dem Monogramm des Künstlers sind die zwei Löcher zu sehen, durch die die dünne Schnur eingefädelt wurde. Und wer die Dinge auch gerne mal von oben und nicht nur von unten sehen möchte… der klicke hier!
[4] Die Tagebücher der Brüder Goncourt werden jetzt erstmals vollständig auf Deutsch erscheinen: Jens Jessen: Genies der Gehässigkeit, http://www.zeit.de/2013/51/edmond-und-jules-de-goncourt-journal/komplettansicht
[5] waal-duerer Bildquelle: https://archive.org/details/albertdreretse00ephruoft Das Buch wurde 2012 von Ulan Press als Reproduktion neu aufgelegt.
[6] Großonkel: Bruder der Oma Elisabeth
[7] wahrscheinlich hat es nichts zu sagen, aber daß es gerade 264 Stück waren, 264 = 2 hoch 8 und im Buddhismus führt der achtfache Weg aus dem Samsara heraus. Vllt ist das eine mögliche Deutung… (http://de.wikipedia.org/wiki/Achtfacher_Pfad)
[8] vgl. z.B. hier aus den Schriften von Loos, S. 239
[9] z.B. Isaac Babel: Erste Hilfe: https://radiergummi.wordpress.com/2013/03/27/isaak-babel-erste-hilfe/
[10] so wie er es hier in diesem beiden Videos zeigt: http://www.youtube.com/watch?v=me2EmbWZYH8 und http://www.youtube.com/watch?v=rptVyMe52fU
[11] Rede von E. de Waal im Palais Ephrussi in Wien am 20. Okt. 2011: http://www.youtube.com/watch?v=e8wqJINrGj0
[12] vlg. auch diesen Blogbeitrag von Max und Moritz: Marcel Proust und der Spargel von Edouard Manet; http://kochbuchfuermaxundmoritz.blogspot.de/2011/06/marcel-proust-und-der-spargel-von.html

Die Buchvorstellung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern zu hören.

Edmund de Waal
Der Hase mit den Bernsteinaugen
Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi
Übersetzt aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer
Original: London, 2010
diese Ausgabe:Zsolnay, HC, ca. 416 S., 2012

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11 Responses to “Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen”


  1. Ah, wieder mal eine wunderbare Besprechung, viele Zusatzinfos, Links, rundum gelungen! Ich fand das Buch auch ganz hervorragend und hochinteressant. Dass du auch so ein Figürchen hast? Darf ich fragen, woher, warst mal in Japan? Liebe Grüße
    Petra

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    • flattersatz Says:

      liebe petra, es freut mich sehr, daß dir meine besprechung dieses wunderbaren buches gefällt. die netsuke, tja.. nein, leider war ich nie in japan, obwohl mich das land immer fasziniert hat, auch wenn es mir in vielen belangen fremd ist, geblieben ist. die beiden kleinen figürchen sind recht unterschiedlich. der mönch, den schätze ich persönlich als absoluter laie in solchen sachen eher als nippes ein, ein nettes andenken, aber ohne besonderen wert. die kröte mit dem schild dagegen ist schon eher zumindest original. ob sie einen „wert“ hat, weiß ich aber nicht. für mich jedoch schon, da es beide figuren erbstücke sind….
      liebe grüße
      fs

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      • Schön, so etwas zu erben : ) Ich finde Japan und besonders die Kunstauffassung dort auch überaus faszinierend, kennst du zufällig das Buch vom Tee? Darin ist das hervorragend und in nuce beschrieben, ein wunderbarer Einstieg sozusagen.

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        • flattersatz Says:

          du meinst das buch von okakura. ja, ich habe eine ältere ausgabe aus dem insel-verlag, neulich hatte ich sie sogar noch in der hand.. vllt sollte ich sie wieder „heimholen“ (momentan ist sie bei den ausgelagerten büchern)… ich habe mich in früheren jahren – bedingt durch meinen sport und die beschäftigung mit dem buddhismus – viel mit japan befasst. aber eben nur auf dieser ebene. das von dir erwähnte buch vom tee ist aber in der tat eine ganz hervorragende lektüre, wenn man diesem aspekt der alten japanischen kultur näher treten will.

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  2. Karin Says:

    Lieber Flattersatz,
    meine Begeisterung über dieses Buch kennen Sie und ich habe schon sehnsüchtig auf Ihre Besprechung gewartet, die hoffentlich vielen Leser(innen) findet und zum Kauf dieses Buches anreizt.
    Eine Familiengeschichte die für alles steht : Welt- und Kunstgeschichte und noch dazu kurzweilig zu lesen ist.
    Um das Schildkrötchen beneide ich Sie -:)))
    mit lesebegeisterndem Gruß
    Karin

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  3. Lieber Flattersatz,
    was für eine schöne und informativer Besprechung dieses wunderbaren Buches, das ja eine ganze Welt erschließt. Habe nach der Lektüre im letzten Mai noch lange davon gezehrt. Wenn wir endlich mal die Zeit finden, unsere Freundin in Wien zu besuchen, dann werde ich den Palast Ephrussi auf jeden Fall mindestens von außen besehen.
    Liebe Grüße, Kai

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  4. wasmak Says:

    Vielen Dank für diese wunderbare Besprechung, ich hätte das Buch sonst nie gelesen. Wäre äußerst schade gewesen.
    AW

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