David Benioff: Stadt der Diebe

30. Mai 2010

Die Geschichte, die Benioff in seinem (autobiographisch angehauchten) Roman erzählt, ist denkbar einfach: zwei junge Männer, einer 17 Jahre alt, der andere 2 Jahre älter, werden losgeschickt, 12 Eier zu besorgen. Und das soll einen unterhaltsamen, gut lesbaren, zum Teil sogar spannenden, an manchen Stellen auch schockierenden Roman abgeben?

Ja, das tut es, weil – wie so oft im Leben – das Kleingedruckte nicht übersehen werden darf: die Geschichte spielt im 2. Weltkrieg in Leningrad, von seinen Einwohner liebevoll „Piter“ genannt (einen Namen, den zu äußern aber den Tod bedeuten kann….), vormals das prachtvolle St. Petersburg. Diese Stadt wird in ab 1941 bis 1944 von deutschen und finnischen Truppen belagert mit dem Ziel, die Bevölkerung systematisch auszuhungern. [1, 2]

Der 17jährige Lew also, der „Kommandant“ eines Feuerlöschtrupps ist, sieht eines Tages einen Fallschirm in der Nähe seiner Stellung niedergehen, der Springer ist offensichtlich schon tot. Natürlich läuft er hin und nimmt ein paar Sachen, die der Tote bei sich hat, an sich. Dabei wird er erwischt, auf Plünderung steht die Todesstrafe. Er wird ins Gefängnis gesteckt und dort trifft er den 2 Jahre älteren Kolja, einen vor übersteigertem Selbstbewusstsein schier berstenden Menschen, den nichts und niemand aus der Ruhe zu bringen scheint, am wenigsten die Aussicht, am nächsten Tag erschossen zu werden, weil der als Deserteur aufgegriffen wurde. Denn wenn man das wollte, hätte man es doch wohl direkt gemacht, oder?

Und richtig, die beiden werden am nächsten Tag vor einen örtlichen Geheimdienstkommandanten geführt, der ihnen einen Passagierschein gibt und eine Woche Zeit, 12 Eier aufzutreiben. mit der die Hochzeitstorte für seine Tochter gebacken werden soll. 12 Eier .. in ganz Leningrad wird es kaum eins davon geben.. eine schier unmögliche Aufgabe. Aber immerhin eine Chance….

Leningrader, zumindest die normale Bevölkerung, ist mittlerweile an andere Speisen gewohnt: Badajew-Schlamm zum Beispiel, die mit geschmolzenem Zucker durchsetzte Erde ehemaliger, zerbombter Lagerhäuser oder die sogenannten Bücherei-Lebkuchen gewonnen aus dem Buchleim der Buchrücken der Bücher aus den Bibliotheken…. Natürlich finden sie keine Eier in Leningrad, aber „Metzgereien“, in den von der Decke Haken hängen, an denen unverkennbar Menschenteile baumeln, sie finden alte Männer, die mit der Flinte im Schoß gestorben sind bei der Bewachung ihrer Hühner, die sie auf dem Dachboden hielten und mit Gott weiß womit fütterten…. Vielleicht die einzig ironische Stelle im Buch, das letzte der überlebenden Hühner retten Lew und Kolja und schützen es gegen alle Schlachtversuche der Freunde, weil sie ja die Eier wollen. Bis ihnen einer sagt, daß es ja ein Hahn ist….

Der erste Teil des Buches hat mir besser gefallen als der zweite, in dem es etwas nachläßt. Es ist weiterhin spannend und unterhaltend, aber rüttelt der erste Teil mit seinen Schilderungen der Zustände in Leningrad an vielen Stellen auf und läßt einen kopfschüttelnd auf den Text blicken, wird im zweiten Teil, der von den Abenteuern der zwei außerhalb der Stadt erzählt, vieles vorhersehbar. Trotz schier übermenschlicher Strapazen weiß man einfach, daß unseren beiden Helden nie etwas passieren wird, der eigentlich aussichtslose Kampf gegen den übermächtigen Gegner wird wohl nicht ganz so aussichtslos sein und auch die zarten Liebesbande, die sich anzubahnen scheinen – und auch wenn sie nur die Fantasie beflügeln – .. man vermutet, daß sie dauerhafter sind, als auf den ersten Blick angedeutet. Insofern verflacht der Roman und mutiert zu einer Abenteuergeschichte, während die erste Hälfte den Leser durch ihre (ich gehe davon aus, historisch nachweisbaren) Details weitaus stärker berührt.

Der Krieg verroht, so auch die beiden Protagonisten. Lew, Halbjude aus intellektuellem Elternhaus, mit entsprechender Nase ausgestattet, ist zögerlich, schwach, unerfahren. Und bleibt es bis zum Ende. Kolja strotzt von Anfang an mit Selbstbewusstsein, Chuzpe und Frechheit, ein kleiner, verhinderter Boheme, nicht unsympathisch, aber als Person bleibt er fremd. Nichts ist zu erfahren über seine Herkunft, seinen bisherigen Lebenslauf und letztlich tritt es so ab, wie er aufgetreten ist. So ist er zwar wegen seiner Art nicht farblos, im Gegenteil, aber als Person bleibt er fremd.

Facit: Ein Abenteuerroman, der gute und spannende Unterhaltung bietet, aber das Gefühlt des „Angerührtseins“, das im ersten Teil aufkommt, nicht halten kann.

Links:

[1] einige Bilder aus dieser Zeit
[2] Wiki-Artikel zur Leningrader Blockade
[3] .. und wie so oft.. auch hier ist der Dativ dem Genitiv sein Tod… und zwar wegen dem häufigen Verwenden von dem Dativ… schade, mir gefällt der Genitiv….

David Benioff
Stadt der Diebe
Heyne Verlag, 2010, Tb, 384 S.
ISBN-10: 3453407156
ISBN-13: 978-3453407152

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10 Responses to “David Benioff: Stadt der Diebe”

  1. nantik Says:

    Vielleicht ist man vom zweiten Teil aber auch nicht mehr so ergriffen, weil man sich beim Lesen irgendwann an die grausamen Lebensumstände gewöhnt hat? Ich persönlich fand es recht gut, dass Benioff die grausamen Details immer mehr weggelassen hat, denn so konnte er auch der Geschichte um Lew und Kolja gerecht werden. Na, und die sind durch den Krieg doch auch schon zum Teil abgestumpft. Irgendwann kommt es bei den beiden eben wirklich nur noch darauf an, diese blöden Eier aufzutreiben. Schlimm genug, dass ihre Leben von solch einer banalen Aufgabe abhängt, die zugleich doch so fast unmöglich zu lösen ist. Ich weiß noch, wie ich beim Lesen den Atem angehalten habe, als ein Ei herunterfällt! Da hat der Benioff literarisch ein paar wirklich schöne emotionale Kniffe eingebaut!

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  2. flattersatz Says:

    Ja, fesselnd ist die Geschichte bis zum Ende, das ist unbestritten. Benioff als Drehbuchschreiber versteht, wie er die Spannung aufbauen muss, damit man dabei bleibt… Aber für mich hat die Handlung im ersten Teil noch Authentizität gehabt, in den Beschreibungen der Lebensumstände etwas fast dokumentarisches, und zwar mal von russischer Seite aus gesehen. Aus den anonymen „Russen“ in Leningrad wurden Menschen, die gelitten haben und die ein Gesicht bekommen haben.

    Aber mit dem Moment, wo die beiden Helden sich entschlossen haben, nach Mga zu wandern (50 km unter den Randbedingungen…) ist die Geschichte dann in einen „gewöhnlichen“ Kriegsroman umgeschlagen, in der letztlich ein Höhepunkt den nächsten jagt…

    Wobei ich mich immer noch frage, warum die beiden nicht einfach untergetaucht sind in Leningrad. Wahrscheinlich wegen der Essenmarken…

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  3. nantik Says:

    Da ich noch nicht so viele Kriegsromane gelesen habe, kann ich nicht beurteilen, ob der zweite Teil gewöhnlich ist. Aber wenigstens ist mir aufgefallen, dass es da eher um die Handlung als um die Lebensumstände geht. ;-)
    Untertauchen ist für die beiden wohl nie wirklich ein Thema. Die Angst vor Verfolgung und Hunger ist wohl einfach zu groß. Und vielleicht sind sie durch den Krieg ja schon derart beschädigt, dass sie ab einem gewissen Punkt eben einfach machen, was von ihnen verlangt wird. Obwohl ich es ja Kolja zugetraut hätte, dass er türmt…

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    • flattersatz Says:

      „Gewöhnlich“ war eben nicht abwertend von mir gemeint, es hat mich nur irgendwie an die Kriegsromane erinnert, die ich ganz früher als Jugendlicher gelesen hatte, 08/15 ist ja sprichwörtlich geworden, aber auch „Soweit die Füße tragen“ oder „Stalingrad“. Das sind die, die mir jetzt spontan einfallen.

      Ja, der Hunger… der ist in so vielen Dokumenten aus dieser (oder der sich anschließenden) Zeit das prägende Element. Ich habe bei manchen Passagen unwillkürlich an Müllers – nein, nicht Mühle aber: Atemschaukel denken müssen, auch so ein Buch über den Hunger… Satt, wie wir sind, können wir diesen Zustand überhaupt nicht nachempfinden und eigentlich auch garnicht beurteilen, was man alles tun würde, nur um was zu essen zu bekommen….

      Kolja, ja, der hätte wohl eine Chance gehabt… wäre auch ´ne Frage, warum er bei Lew bleibt und sich diese Chance entgehen läßt…. aber irgendwann hätten sie ihn wahrscheinlich bekommen, wegen doppelter Fahnenflucht, das wird er gewusst haben….

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  4. en egg Says:

    Kolja der Geheimnisvolle ist das idealisierte alter ego von Lew (blond, blauäugig, selbstbewusst, tollkühn) und verblutet an einem Schuss in den Hintern als sie wieder zurück nach Leningrad gekommen sind. Lew hat sich inzwischen so akzeptiert hat wie er ist und braucht sein „anderes Ich“ nicht mehr. Deswegen finde ich auch den zweiten Teil spannend, weil hier die Entwicklung beginnt.

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  5. Mariki Says:

    Ich fand das Buch überraschend gut – und das, obwohl ich schon schwer am ausgelutschten Thema Weltkrieg zu knabbern habe … hier war es originell und gelungen umgesetzt und noch dazu spannend. http://buecherwurmloch.wordpress.com/2010/08/11/david-benioff-stadt-der-diebe/

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  6. Anna Says:

    Ich verstehe nicht, warum hier anscheinend keiner bemerkt hat, dass der Roman nicht eine ausgedachte Geschichte ist, sondern die Geschichte des Großvaters des Autors. Es ist wohl deutlich im Vorort erläutert worden. Natürlich ausgeschmückt und schön geschrieben, aber sie ist eben echt. Deshalb kann es nicht den „ersten Teil“ und „zweiten Teil“ geben, sie ist nur so wie sie nun mal war. Der Autor musste sie irgendwie anfangen, hier kommt der allgemeine Teil, der mit Großvaters Erinnerungen verknüpft wird. Dann kommt die Story selbst. Die Oma ist die Schützin. Sie hat nun Mal überlebt, Kolja nicht. Er war auch echt. Und dass man in der Stadt sich nicht verstecken konnte, das kann keiner von euch nachvollziehen. Ich schon. Meine Oma war 15 und hat bei den Kirov-Werken gearbeitet. Meine Urgroßmutter, ihre Mutter wurde mit 37 Jahren von einer Bombe in der Mittagspause getötet. Es gab nichts zu essen. Man kann nicht begreifen, was NIX bedeutet. TOD. Ohne Essensmarken ist man tot. So einfach war das.

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    • flattersatz Says:

      liebe anna, ich danke dir sehr herzlich für diesen sehr persönlichen kommentar. du hast recht, den autobiographischen charakter des buches habe ich zwar erwähnt, ihn aber danach nicht mehr beachtet. aber rein vom buch her ist die geschichte – auch wenn es natürlich eine geschichte ist – gegleidert in den teil, der in der stadt spielt und die ereignisse außerhalb. und du hast auch recht: wir können uns das alle nicht vorstellen, wie es ist, nix zu haben und damit dem tod direkt zu begegnen, eine erfahrung, die – so entnehme ich deinem kommentar – über generationen weitergegeben wird….

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  7. core2511 Says:

    Sehr schöne Rezension! Für mich ist das eines der schönsten Bücher der letzten Jahre. Hab auch was darüber auf meinem Blog geschrieben. Vielleicht magst du mal einen Blick drauf werfen:
    https://booksinanutshell.wordpress.com/
    LG Core

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