gebrauch

Der 2003 verstorbene serbische Autor Aleksandar Tišma wurde 1924 geboren und wuchs in Novi Sad, dieser Stadt in der Vojvodina im nördlichen Serbien, nicht allzu weit von der ungarischen Grenze entfernt, auf. Einiges aus seiner Biographie findet sich in diesem überwältigendem Roman, der die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die ersten Nachkriegsjahre überstreicht, wieder [1]. So zum Beispiel spiegelt sich in der Grundstruktur der Familie Kroner des in der Hauptsache in Novi Sad spielenden Romans die seiner eigenen christlich-jüdischen Herkunft wieder, auch hat das ‚Fräulein‘ des Romans ein reales Vorbild und ihr Tagebuch, das Tišma am Ende seines Werkes wörtlich wiedergibt, existiert in diesem Wortlaut. Bei dieser Lehrerin hatte Tišma ebenso wie seine Figuren Deutschunterricht.

Novi Sad liegt an der Donau, eine verschlafene, träge Stadt mit Einwohner aus vielen Völkern. Vor dem 2. Weltkrieg gehörte sie zum Königreich Jugoslawien, im 2. Weltkrieg übernahmen ab 1941 die mit Hitler verbündeten Ungarn das Regime in der Stadt. Auch in Novi Sad kam es zu Verhaftungen, die Menschen flüchteten, es gab Denunziation gegen Juden, im Untergrund bildeten sich Partisanenverbände. Diese eroberten die Stadt 1944 zurück und vertrieben fast alle Deutschen, die noch in Novi Sad waren. In dieser Stadt also spielt der Hauptteil der Handlung des Buches.

Tišmas konzentriert sich auf einige Personen(gruppen). Das sind die schon erwähnten Kroners. Robert Kroner ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der seinerzeit aus im wesentlichen sexuellen Motiven heraus die Dienstmagd und Gelegenheitsprostituierte Therese (‚Resi‘) geehelicht hatte, womit er gegen eines der Grundverbote seines Glaubens verstieß. Zwei Kinder hat die Familie, den Sohn Gerhard, die Tochter Vera. Da die sexuelle Attraktion zwischen den Ehepartner schon längst dahin ist, sucht der Mann seine Befriedigung ausserhalb des Hauses, im Hause Herzfeldt unterstützt man ihn gerne dabei, er ist dort bekannt und Stammgast in dem Milieu, das auch seiner eigenen Frau aus der Zeit vor ihrer Ehe nicht fremd ist. Robert Kroner ist ein gebildeter Mann, der immer noch im Herzen seinem geliebten Wien und der deutschen Kultur nachtrauert. Wien musste er vor Jahren aus familiären Gründen verlassen. Robert Kroner erfasst das zwar Unglück, das mit den Deutschen auf Novi Sad zurollt, Initiative zu ergreifen ist er dagegen nicht in der Lage.

Noch sind die Zeiten so, daß man sich einrichten kann, es kommt zu kuriosen Konstellationen. Zwar hat offiziell ein Kommissar die Geschäfte des Juden Kroner übernommen, doch dieser ist umgänglich, da er auf die Kenntnisse Kroners angewiesen ist. Außerdem findet er Gefallen an Vera, die, nachdem die Verbote gegen Juden immer restriktiver werden, ihre Zeit mit Sonnenbaden im Hof totschlägt – vor den Augen des Kommissars, der zufällig immer hinter dem Fenster steht. Ihn will Vera, der dieses Gefallen an ihr nicht verborgen geblieben ist, für ihre Zwecke, die Flucht nämlich, einspannen. Es sollte dazu nicht kommen…. Gerhard, der Sohn, erweist sich als tatkräftiger als sein Vater, er bekommt Kontakt zu einer Widerstandsgruppe… kurioses geht im Hause Kroner vor, weil mit Sepp der Bruder der Mutter während seines Urlaubs im Haus ein und aus geht, völlig ignoriert, daß Nichte und Neffe, die er sehr mag, nach offizieller Lesart der damaligen Herrscher Halbjuden sind und er auch mit seinem Schwager, dem Juden Robert, abendliche Gespräche pflegt und ihm sein Leid klagt, wie belastend für ihn als Angehörigen der SS doch das Abschlachten der Juden ist, wenn stundenlang immer neue vor die Gewehrläufe getrieben werden und ins Massengrab geschossen werden müssen, bis sich die Grube immer höher füllt mit zuckenden Leibern, weil nicht alle schon tot sind, wenn sie hineinstürzen…. Momente, in denen einem beim Lesen die Luft wegbleibt.

Die Familie Lazukic…. der Vater, ein Notar und Deutschenhasser, die Mutter ein Hausmütterchen und dann noch zwei Söhne, von denen Sredoje eine tragende Rolle im Roman zukommt. Sredoje ist intelligent, gerissen und in wesentlichen Aspekten seines Verhaltens triebgesteuert. Schon von früher Jugend an lockt ihn das Geheimnis, das sich um Frauen spinnt und er löst es relativ schnell auf, womit er die Zusammenhang zwischen Sex, Macht und Gewalt kennenlernt… Die Befriedigung seiner sexuellen Gier macht über große Teile seines Lebens, soweit wir es im Gebrauch der Menschen verfolgen können, ein wesentliches Handlungsmotiv aus.

Natürlich weist dieser sehr komplexe Roman sehr viel mehr Figuren und Schicksale auf, als man hier andeuten kann. Milinko Bozic beispielsweise, einen Alterskameraden von Vera und Sredoje, der sich in Vera verguckt, aber die Freundschaft zu ihr in wesentlichen deshalb pflegt, weil er dadurch Gelegenheit hat, allabendlich mit Robert Kroner zu sprechen, seine Bibliothek zu nutzen. Alle drei, Vera, Sredoje und Milinko, sind auch dadurch verbunden, daß sie bei der alleinstehenden Lehrerin Anna Drentvensek Deutschunterricht nehmen. Diese Anna Drentvensek ist eine unglückliche Person, ein ‚Fräulein‘, durch einen Mann aus eine Ort am Fuss der Berge mit klarer Luft in das schwülträge Novi Sad gelockt, einem Mann, der sie nicht glücklich machte, der im Gegenteil schmarotzte und sie ausnutzte, bis sie ihn verjagte. So lebt sie jetzt allein und fängt an, ein Tagebuch zu schreiben, Aufzeichnungen zu machen in ein Poesiealbum, mit dem Tišmas seinen Roman sowohl beginnen als auch enden läßt, denn Anna vertraut ihr Tagebuch kurz vor ihrem Tod Vera an…

Der Krieg stülpt sich über das Leben der Protagonisten und verändert alles. Robert sieht das Unglück kommen und kann sich nicht entschließen, sich dagegen zu stemmen. Er streitet mit Gerhard, seinem Sohn, der sich einer Untergrundgruppe anschließt, die eines Tages auffliegt. Gerhard wird abgeholt, später dann auch der Rest der Familie bis auf die arische Mutter. Es ist das vielleicht das grausamste Abschnitt im Buch, wenn Tisma jetzt das Schicksal Veras schildert, die noch zusammen mit der Großmutter in den mörderischen (Vieh)Transporten durch das Land gefahren wird, bis sie endlich halb verhungert und verdurstet in einem Lager ankommen. Sie sehen Menschen hinter den Zäunen, seltsame Menschen, die sich seltsam bewegen, seltsam aussehen, sie deuchen ihnen Wahnsinnige zu sein…… Die Selektion nach Arbeitsfähigkeit, die Eingangsprozedur: Entkleiden, Rasieren, andere, zerlumpte Klamotten, die Baracken, der Schmutz, der Staub, der Schlamm nach dem Regen, die Appelle, der Hunger… Schon längst ist die Großmutter mit einem Stück Seife in der Hand unter die Duschen getrieben worden, wo sich Schreie und letzte Gebete mischen…

Vera wird wieder selektiert, von Handke, Oberscharführer. Im Freudenhaus ist ein Platz freigeworden, Handke hat sie ausgesucht, den einzunehmen [2]. Das bedeutet Schmerz für sie, fast unerträglichen, besseres Essen auch, ja, aber auch völliges Ausgeliefertsein den Männern, von denen sie ausgesucht wird, denn Überleben kann sie nur, wenn keine Klagen kommen: Vera ist zum Gebrauchsgegenstand geworden. Vielleicht habe ich mich damit abgefunden, ich bin ja am Leben sollte sie ein paar Jahre später mal sagen….

Vera überlebt den Krieg, überlebt das Lager, gebrochen. Nur scheinbar gelingt es ihr in der ersten Zeit mit Hilfe einer älteren, mütterlichen Frau, sich einzugliedern in die Abläufe des Lebens, die sich nach dem Krieg neu organisieren. Aber es kommt der Zeitpunkt, in dem ihre Kraft und ihre Disziplin nicht mehr ausreichen, die Fassade nach außen hin aufrecht zu halten, hinter der Fassade ist das Lager noch sehr existent….

Eines Tages wird ihr ihr Name hinterher gerufen, sie dreht sich um – ist es Sredoje. Auch er hat den Krieg überlebt, ist der letzte, der einzige der Familie. Auch ihm gelang es wie Vera nicht, nach dem Krieg die Verheerungen, die dieser in ihm angerichtet hat, zu überwinden. Für ihn war es ein bewegtes Leben im Krieg, die Flucht der männlichen Familienmitglieder vor den Deutschen (die Mutter wurde mit dem Auftrag, auf das Haus aufzupassen, zurück gelassen), gefolgt von einer Existenz im kleinkriminellen Milieu, danach ein Leben der Kollaboration mit den Deutschen (das ihm viel Gelegenheit bot, seinen dunklen Trieb auszuleben) so wie mit der Flucht vor ihnen und der Untergrundkampf gegen sie…

Vera und Sredoje – die beiden Übriggebliebenen, die sich wiedergefunden haben, die beiden Gebrochenen, tun sich zusammen. Wen hätten sie sonst? Sie teilen die Erinnerung an die Zeit vor dem Krieg, eine weitgehend unbeschwerte Zeit, sie benehmen sich kindisch, als wäre die Zeit ihrer Gemeinsamkeit im Einstigen stehengeblieben. …. sie kommen sich wirklich wie die Kinder vor, während sie so stundenlang beieinander liegen und sich küssen….. aber Vera wehrt sich innerlich gegen diese Erinnerung, sie möchte, daß diese Liebe keine Vergangenheit hat, nur Gegenwart ist…. und noch etwas teilen sie: das Tagebuch des ‚Fräuleins‘, den den Krieg überlebt hat und das Sredoje Vera als Geschenk mitbringt…


Alexander Tisma präsentiert uns in seinem Roman Der Gebrauch des Menschen in erschreckender Klarheit und analytischer Schärfe Motive und Handlungen seiner Protagonisten ebenso wie die Verletzungen, die der Krieg ihnen zufügte. Nichts geschieht hier selbstlos, alles ist mit Hintersinn und mit dem Motiv, etwas bestimmtes zu erreichen, belastet, jeder gebraucht jeden. Am deutlichsten tritt dies in den Hauptfiguren Vera und Sredoja hervor. Diese beiden Figuren sind in gewissem Sinn komplementär angelegt. Vera muss als ‚Feldhure‘ (man hat ihr im Lager dieses Wort über ihrer Brust eintätowiert) Männern ohne Einschränkungen zur Verfügung stehen – im wahrsten Sinne des Wortes also: zum Gebrauch. Sredoje dagegen genießt den Kitzel, der sich aus Angst und Macht speist, der Macht nämlich, mit seinem Ausweis die Frauen zu zwingen, ihm zu Willen zu sein, seinen Trieb zu befriedigen. Ob er wirklich zur Liebe fähig ist, von der er Vera gegenüber redet, bleibt offen, denn zum Schluß, als Vera fährt, bleibt vom Tagebuch nur noch Glut und Asche.

Tisma redet weniger vom Krieg selbst als von den Spuren, die er in den Menschen hinterläßt. Die Traumatisierten stehen bei ihm im Mittelpunkt, diejenigen, die unter die mörderische Kriegswalze gekommen waren und überlebten – oder auch oft nicht. Veras Überleben gründete sich auf den grausamen Tod einer anderen Frau im Freudenhaus, Sredojes Überleben dagegen auf Instinkt, Gerissenheit und Anpassungsfähigkeit; letztlich ist die Tatsache, daß sie überlebt hat, bei beiden dem Zufall geschuldet, offen bleibt, wie sie weiterleben werden.

Es ist erstaunlich, wie dieser im Fließtext geschriebene Roman, der nur grob durch Absätze gegliedert ist und auch die wörtliche Rede nicht hervorhebt, sofort fesselt und in Bann zieht. Tišma erzählt seine Geschichte distanziert, mit Abstand, ohne Emotionen und Bewertungen, er sagt nicht: dies und jenes ist schrecklich, der inhärente Schrecken des Krieges mit all seinen Facetten wie der Flucht der Menschen und die Versklavung in den Lagern) tritt vielmehr durch seine Art der Schilderung, die nichts verschweigt oder beschönigt, sondern einfach nur beschreibt, automatisch hervor: …. Er trat hinter Lija, holte aus und traf mit aller Wucht ihren Unterschenkel. Sie schrie, und trotzdem hörte man den Knochen splittern. Es folgte das andere Bein. Dann beide Oberschenkel. ….

Tišma unterbricht den weitgehend chronologischen Ablauf seiner Geschichte hin und wieder mit einem Kunstgriff: in Kapiteln wie ‚Todesarten‘, ‚Straßenszenen‘, ‚Wohnstätten‘ oder ‚Konstitutionen‘ faßt er teilweise in Rückblicken, teilweise aber auch in die Zukunft vorgreifend, das Schicksal mehrerer seiner Personen zusammen, beispielsweise die Art und Weise ihres Todes. Selten ist mir in der nüchternen Präzision der Schilderung eindringlicheres untergekommen.

Auch wenn mir selbst die ursprüngliche deutsche Buchausgabe, die 1991 bei Hanser erschienen ist, vorliegt, so ist der ZEIT zu danken, diesen literarischen Höhepunkt in ihrer Bibliothek der verschwundenen Bücher [2] wieder aufgelegt zu haben.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Person Aleksandar Tišmas
– Wiki-Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Aleksandar_Tišma
– Nachruf in der FAZ:  http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/literatur-schriftsteller-aleksandar-tisma-ist-tot-193166.html
– informativ ist auch dieser Beitrag in der NZZ: Achim Engelberg: Die Chronik der Niedertracht – Erinnerung an den serbischen Erzähler Aleksandar Tišma; in: http://www.nzz.ch/die-chronik-der-niedertracht-1.17990052
[2] http://shop.zeit.de/editionen/buch-editionen/2377/die-zeit-bibliothek-der-verschwundenen-buecher

Aleksandar Tišma
Der Gebrauch des Menschen
Aus dem Serbokroatischen übersetzt von Barbara Antkowiak
Originalausgabe: Upotreba čoveka, Belgrad, 1980
diese Ausgabe: Carl Hanser Verlag, HC, ca. 326 S., 1991

 

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mares cover

Josef Formáneks Buch Die Wahrheit sagen verspricht einen „Brutalen Roman über die Liebe zum Leben“. So auf dem interessant als Pictogramm gestalteten Cover des 2008 in Prag und jetzt im neu gegründeten Verlag Gekko World auch auf Deutsch erschienen Romans des tschechischen Schriftstellers, Journalisten und Globetrotters Josef Formánek, der in Tschechien kein Unbekannter ist [1].

Die Handlung des Romans ist nach einem wahren Leben gestaltet. Es ist das Leben des seltsamen Alten, der in einer Hütte auf einem Müllberg haust. Eine Behausung, in der der Erzähler, der immer wieder im Einschüben selbst Figur des Romans wird und dem der Autor den Vornamen Josef gegeben hat, womit suggeriert wird, er sei es selber, der mit dem Alten spricht, ihn antrifft.  Es ist in der Tat ein Leben, das eines Berichts würdig ist, nennen wir also den Namen des alten Mannes, den er im Roman trägt: Bernhard Mares.

Aber bevor ich mich ihm widme, noch ein kurzes Wort zum Erzähler. Auch er Journalist wie der Autor, stößt eines Nachts zufällig auf diese genannte Behausung und prompt kam mein trunkenes Hirn zu den verrücktesten Schlussfolgerungen, denn wenn ich bei Tag und nüchtern an der Müllkippe vorbei gekommen war, hatte ich nie eine menschliche Behausung entdeckt. Der Alkohol also ist das Problem unseres Erzählers, der an diese Hütte klopft, offensichtlich zum richtigen Zeitpunkt, denn nach einem Beschnuppern und einigen Schnäpsen wird der alte Mann zugänglicher. Schweigen hat seine Zeit, Reden hat seine Zeit. […] Du wirst das begreifen, wenn ich alles erzählt habe. […] Du bezahlst mit der Wahrheit. Wahrheit gegen Wahrheit. Du hilfst mir, jemanden zu finden. […] Sophie Rubinstein […] Diese Hütte – bevor sie niedergebrannt und wieder aufgebaut worden ist – war so etwas wie unser Liebesnest.

Mit Sophie greifen wir aber schon weit voraus, denn noch ist Bernhard Mares auf dieser Erde nicht angekommen. Daß dies geschah, dafür sorgte die Mexikanerin Rosa Maria Mares, die, um gesellschaftlich zu reüssieren, als junge Frau von Mexiko nach Wien kam, dort in einer Sylvesternacht von einem Stenz mit unbedeutender Existenz in einem unbedachten Moment geschwängert wurde und das Ergebnis dieses kurzen Sinnestaumels inmitten eines Schwalls Fruchtwasser in einer Wiener Tram auf die Welt brachte. Den Wurm in die Weste eines Mitpassagiers gewickelt, verliess Rosa Marie Mares die Tram an der nächsten Station, die Kirche, an der sie vorbeikam, kam ihr gerade recht und mit einem Zettel, auf dem der Name des Jungen, Bernhard Mares, stand, deponierte sie das Bündel auf der dortigen Treppe.

Wo es dann kurze Zeit später Pfarrer und Küster fanden. Und sich in den kaum geborenen Knaben verliebten. Was jetzt im Roman folgt, ist eine ganz wunderschöne Passage über diese drei Menschen, in der ferner ein leichtes Mädchen mit milchvollen Brüsten eine Rolle spielt, sowie auch die Heilige Magdalena und eine gewisse Frau Richter. Jedenfalls kam Bernhard kurze Zeit später in die Obhut der in Trebitsch (heute Tschechien) wohnenden Schwester des Küsters, die ob ihres Aussehens nie ernsthaft umworben worden war und sich glücklichst auf das Findelkind stürzte. Womit sie wiederum die Eifersucht ihrer besten Freundin provozierte, die die Behörden auf die unklare Herkunft des Kindes aufmerksam machte, um derart die reduzierte Aufmerksamkeit der Freundin wieder auf sich zu lenken, was sicher der Fall wäre, wenn das Kind weg käme. Und da nicht sein kann, was nicht sein darf, kam das Kind tatsächlich weg, in eine Waisenhaus nämlich – gegen den erbittersten Widerstand der Pflegemutter, die für sich in ihrer Verzweiflung nur noch einen Ort sah, von dem aus sie ihr „Bernhardchen“ schützen konnte. Am Ende standen also nur noch Verlierer auf der Bühne dieser Leben.

Das Waisenhaus, wie so oft ein trauriger Ort. Ein Freund, mit dem er sich, der Literatur sei Dank, hinwegträumt, in andere Welten fantasiert, nach Südamerika beispielsweise, Heldengestalt annimmt. Und wird beim Versuch, weitere Bücher zu klauen, vor allem solche, die (pubertär gesehen) wirklich interessant sind, erwischt. Oberin Dulcina greift daraufhin in seine… ach, lassen wir das hier im Dunkeln ungesagt, jedenfalls war er hinterher rein technisch gesehen, aufgeklärt… Am Ende der Waisenhauskarriere (als der Freund Rudy schon lange von seiner Mutter, die ab und zu Männer für die Heimarbeit mit nach Hause brachte, wieder abgeholt worden war) der Wunsch, in´s Priesterseminar zu kommen – abgelehnt, da unehelich.

Unentschlossen fängt Mares in Krems eine Bäckerlehre an, als ihn das Plakat der SS jedoch mit dem Wort „Familie“ lockt . Dazugehören, nicht ausgeschlossen sein – ein verlockender Gedanke. So landet unser Protagonist als Fahrer bei einer SS-Versorgungseinheit in Russland und macht dort die Erfahrung des Grauens und der Gräueltaten. Wird er schuldig, ist er schuldig? Er sieht Tote ohne Ende, auch Ermordete. Freunde gewinnt er keine, nachdem die beiden einzigen Kameraden, die er „Freund“ nennen würde, erschossen worden sind. In Träume flüchtet er sich, dort erscheint sie ihm, die elfengleiche Frau, die ihm immer näher kommt, je öfter er von ihr träumt.

Die Niederlage der Nazis liegt in der Luft, aber er muss noch mit seinem LKW aus einem Nebenlager von Mauthausen Uniformhosen holen. Und dort sieht er sie, im Schlamm kriechen vom Unterscharführer getreten und bespuckt… Sophie Rubinstein, seine Traumfrau. Mit den Wölfen heulen: er säuft mit dem Unterscharführer, freundet sich mit ihm an und bittet sich diese Frau zum **** auf den Heuboden aus. Sie wird ihm gewährt.

Er liebt sie und sie? Sie sieht in ihm die winzig kleine Chance, zu überleben ….

Nach dem Krieg sollten sie sich noch einmal treffen, in Krems, Bernhard trägt mittlerweile eine russische Uniform, die Russen hatten ihn als Dolmetscher eingestellt. Nein, Sophie liebt ihn nicht, und auch die Vergewaltigung durch seine beiden Begleiter bzw. Aufpasser, einem Kalmücken und einen Polen, kann er nicht verhindern. Für Sophie eine Karthasis, sie erträgt es klaglos, schaut nur noch nach vorne…

… und auch seine Karriere als Dolmetscher ist vorbei, als er erkannt wird – von einer der jungen Frauen, die er im Krieg, nun ja, kennen gelernt hatte und die jetzt ihren neuen Begleitern von NKWD völlig unbedarft erzählt, natürlich kenne sie Berhard, der sei doch im Krieg bei der SS gewesen und habe sie besucht….

Die folgenden Jahre können wir kurz halten, sie dauern zwar lang, sind aber von außen betrachtet, weitgehende monoton und eintönig: Mares verbringt Jahre, Jahrzehnte in Gefängnissen und Lagern. Unterbrochen von kurzen Episoden der Freiheit, sei es eine durch Amnestie (1960), oder weil eine seiner zahlreichen Strafen und Strafverlängerungen abgelaufen war. Und doch: das wahrscheinlich glücklichste Jahr seines Lebens sollte in diesen Zeitraum fallen und das hat mit Sophie zu tun, der Liebe seines Lebens, die ihn am Leben hält.

Die Wahrheit – sie ist es, die ihn im Gefängnis das Leben rettet, nur ein Verrückter kann es sein, der sie ausspricht, einer, für den eine Kugel nicht lohnt, ein Hofnarr sozusagen. Draußen bringt die gleiche Wahrheit ihn in Schwierigkeiten und führt ihn immer wieder zurück in die Gefangenschaft…. genauso wie seine nicht sehr durchdachten und geplanten Versuche, das Land, in dem er anscheinend nichts (außer Sophie) verloren hatte, zu verlassen..

Bernhard passt sich nicht an, provoziert die Wärter und den Gefängnisdirektor, sitzt oft in Einzelhaft, heiratet einen Mitgefangenen, der ihn gegen sexuelle Dienstleistungen vom Ermordetwerden verschont, hungert sich fast zu Tode, sechs Schritte rechts, sechs Schritte links, sammelt Sprüche und Weisheiten in einem Kassiber, den er im Rektum versteckt, malocht unter schlimmsten Bedingungen unter anderem im Uranbergwerk, liest die gesamte Gefängnisbibliothek, bis er sich juristisch besser auskennt als sämtliche Beamten, die Grußpflicht entfällt beim Freigang – es nutzt ihm wenig, ins Loch, ins Loch, ins Loch.

Die letzten Jahre hockt er mit einem ehemaligen General in einer Zelle. Der verspricht bei seiner Entlassung, das Rote Kreuz einzuschalten und wirklich, auf diesem Wege kann Bernhard Mares nach zwei Jahrzehnten als letzter Kriegsgefangener die Tschechoslowakei in Richtung Bundesrepublik verlassen. Er geht nach Hamburg, erwirbt dort ein kleines Restaurant und die abgehalferte Hure Gitty wird seine Freundin, eine Art von Liebe entwickelt sich mit der Zeit. Mares kommt zu viel Geld, ganz unverhofft und er findet die mögliche Adresse seiner Mutter, an die er immer öfter denken muss und auf die er große Wut verspürt, heraus.

In Venezuela gefällt es ihm, auf dem jüdischen Friedhof findet er das Grab der Rosa Maria Mares. Der Dschungel, die Träume des Waisenkindes in Trebitsch fallen ihm wieder ein, des Kindes, das die unerforschten Wälder Südamerikas durchstreifen wollte…. er bleibt, gibt nach einigen Jahren das kleine Hotel, das er an der Küste geführt hatte, wieder auf und kehrt nach Europa zurück. Der Versuch, mit Gitty dort weiterzumachen, wo er sie verlassen hatte, scheitert, so betreibt er eine Tankstelle, ein Restaurant, später dann organisiert er Ausflüge für Rentner. Aber alles läßt ihn unbefriedigt und schließlich sucht er seine wahre Bestimmung im Leben: Sophie. Doch auf die Zeitungsanzeige meldet sich niemand und so geht er zurück nach Aussig, in die alte Zeit, und baut dort, wo er sich früher mit Sophie getroffen hatte, eine neue Laube. Auch wenn diese nun auf dem Gipfel des örtlichen Müllplatzes thront…

… somit schließt sich der Kreis, denn just hier treffen sich der Erzähler und der alte, zornige Mann und Formánek springt mit seiner Geschichte in die Jetzt-Zeit hinüber. Ab hier wird der Journalist und Erzähler, eine Figur mit dem Namen Josef Formánek (wobei ich nicht entscheiden kann, ob diese Mann mit dem Autoren identisch ist…), zur gleichberechtigten Figur in der Handlung.

Die Schilderung des Lebens von Bernhard Mares ist nicht spurlos an Josef Formánek vorbei gegangen. Er hat seine eigenen Probleme, den Alkohol nannte ich schon und dies „Problem“ zu nennen ist eigentlich euphemistisch verniedlicht. Dieses wundersame Leben Mares´ hat ihn zum Nachdenken gebracht, hat ihm sein eigenes Schicksal verdeutlicht und gibt ihm Mut für seine Zukunft. In einem langen Brief, einer Art Lebensbeichte, schreibt der Weltenbummler, der Formánek ist [1], Benny von seiner Hilfe, die er vor Ort in Indonesien nach dem verheerenden Tsunami leistet, von dem, was er dort erlebt hat und was er selbst in dieser Katastrophe empfindet…..

Aber noch ist Bennys Geschichte nicht zu Ende, der Preis, den Josef zu entrichten hat, fehlt noch… Sophie Rubinstein….


Die Wahrheit sagen ist eine weit ausholende Darstellung eines Lebens, das immer gegen den Strom gelebt worden ist. Ohne Mutter groß geworden, der einzigen Frau, die das Kind liebte, brutal entrissen und in ein Waisenhaus gesteckt, verliebte er sich als junger Soldat und SS-Mann in ein Traumbild, das sich ihm eines Tages materialisiert in personam der Sophie Rubinstein. Diese Frau ist mehr als eine Liebe für ihn, sie ist eine Art Göttin, die er anbetet, bedingungslos, sie beziehungweise seine Sehnsucht nach ihr, ist sein Lebenselexier, ist das, was ihn immer wieder ins Leben zurückholt und aufrecht hält. Auf ihre Briefe zu warten, darauf, sie noch einmal wieder zu finden, noch einmal zu treffen, ist ihm Antrieb zum Leben – lebenslang. Daß Sophie diese Liebe nicht erwidert, denn auch als es Bernhard für ein gewisse Zeit gelang, sie zum Wiederlieben zu verführen, war diese ihre Liebe ein potemkinsche, eine Fassade, hinter der nichts stand, was dem Gefühl Bernhards entsprach, all dies störte Benny nicht. Erst ganz am Ende seines Lebens, als alter, zorniger Mann begriff er die Aussichtslosigkeit seines Begehrens….

Die Gespräche zwischen Bernhard Mares und Josef Formánek sind eine Rückblick auf ein Leben und eine Bilanz. Bernhard ist gequält von seinem Gedächtnis, er kann nicht vergessen, die Fragen von Josef quälen ihn, zwingen ihn, sich zu Erinnern – nicht immer erträgt er dies gut, oft wird er unwirsch und grob, fängt an zu schimpfen, manchmal verfällt er in Gedankenstarre. Es ist ein Leben, das eingebunden ist in große Umwälzungen des Jahrhunderts, in den 2. Weltkrieg, in die Aufteilung der „Welt“ in die zwei Blöcke und seiner Existenz auf der „falschen“ Seite des Eisernen Vorhangs, auf der er zwei Jahrzehnte in einem unmenschlichen System inhaftiert ist. Er wird gequält, schikaniert, gefoltert, ausgebeutet, er ist ins Räderwerk der Weltgeschichte gefallen, die ihn zu zermalmen droht. In der Schilderung der Haft Bernhards ist der Roman also auch eine Abrechnung mit dem damaligen System, für das der Mensch als Mensch nichts zählte. Was hält ihn aufrecht? Die Liebe, Sophie, seine Träume, seine Renitenz auch, die ihn nie aufgeben läßt, das Leben an sich, das er einfach nicht verlieren will. Möglicherweise auch die offenen Fragen, die es für ihn bereit hält: wer ist meine Mutter, sind meine Eltern, wer also bin ich? Warum war mir kein anderes Leben beschieden als das im Waisenhaus und im Krieg? Auf die eine oder andere dieser Fragen findet er Antworten, auf manche nicht…. mit ihnen, den Fragen, die antwortlos im Raum schweben und die die Träume der Nacht beleben, muss man, muss er zu leben lernen.

Ein Mensch kann nicht der Lebensgeschichte eines anderen zuhören und sie anschließend niederschreiben, ohne an sein eigenes Leben zu denken. Parallelen zeigen sich, oder auch Unterschiede, eigene Erlebnisse werden klarer und deutlicher, Verdrängtes drängt ans Licht, die Fragen an das Leben gleichen oder unterscheiden sich… so rückwirkt Bernhards Geschichte auf das Leben des Journalisten, indem es ihn zum Nachdenken zwingt, vielleicht sogar dazu, Konsequenzen zu ziehen. Immer mehr verschränken sich die beiden Biographien dieser über mehrere Jahre dauernden Beziehung, doch letztlich bleibt die eine Frage immer offen, nach dem Sinn des Lebens, denn es gibt viele Antworten wie menschliche Schicksale. Wir müssen selbst dahinterkommen. Dem Leben selbst eine Antwort geben. Es mit Sinn füllen, einem Sinn, der unsere Seelen vorwärtstreibt wie der Wind die farbigen Ballons der alten Ballonfahrer….


Das Cover, zwei Profile, die miteinander und gegeneinander reden, im rechten Profil ein angedeutetes Fragezeichen, im linken eine S-Rune, die eine eindeutige Assoziation auslöst; diese beiden Symbole kennzeichnen die beiden Protagonisten. Die anderen Zeichen auf dem Cover sind ebenfals interpretierbar, die drei schwarzen Punkte über dem Journalisten beispielsweise könnten daraufhinweisen, daß er noch blind (für das Leben), die beiden Kreis am unteren Rand auf die Verschränkung von Lebenskreisen… der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Die zwei Protagonisten finden sich jedenfalls in zwei Erzählsträngen wieder. Der eine, größere betrifft das Leben von Mares, der andere spielt in der Jetztzeit und schildert die Interaktionen der beiden Männer bzw später dann die Auswirkungen der Bekanntschaft auf den Journalisten Josef Formánek. Den Kapiteln, elf an der Zahl plus eine Einleitung, so wie wichtigen Abschnitten sind Sprüche vorangestellt, wir können davon ausgehen, daß sie aus der Sammlung Mares´ stammen, sie weisen auf den Charakter, die Aussage des nachfolgenden Abschnitts hin.

Die Sprache Formáneks ist voller Bilder, sie ist poetisch, kraftvoll, scheut nicht die Darstellung von Details. Das Lesen des Romans ist ein Vergnügen, er packt und trägt einen durch seine Geschichte, die voller Liebe ist und voller Grausamkeit, voller Hoffnung und voller Ungerechtigkeiten. Und die gekrönt wird von einem alten, zornigen Mann in einer Hütte auf einem Müllberg, der in einem versoffenen Journalisten einen Seelenverwandten findet, einen Freund, der ihn die letzten Schritte begleitet, nachdem die große Fata Morgana seines Lebens endgültig geplatzt ist und damit auch der Antrieb, selbst weiter zu leben.

Ein wenig leid getan hat mir die Tatsache (aber die Zeiten, in denen der Großteil der Handlung spielt, waren halt nicht so), daß der verschmitzte Humor, der den Abschnitt, in dem der Neugeborene in der Obhut von Küster und Pfarrer so köstlich zu lesen machte, im Verlauf des Romans keinen Platz mehr fand. Wohl muss man hie und da noch über die Absurditäten des Lebens, das sich Mares bot, kopfschüttelnd lachen, aber das unbeschwerte, freudvolle Lachen dieser einen Passage, das ist dies nicht…. anyway:

….. Do it. Read it! You will like this novel very much – like me!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Formánek
[1b] interessant auch noch dieser schon etwas ältere Beitrag aus dem Jahr 2010: Teresa Stelzer, Iris Keller: Leipziger Buchmesse: Tschechische Autoren hoffen auf deutsche Übersetzung – so auch Formánek; in: http://www.radio.cz/de/rubrik/kultur/leipziger-buchmesse-tschechische-autoren-hoffen-auf-deutsche-uebersetzung-so-auch-formanek. Hat dann wohl doch nicht geklappt mit den deutschen Verlagen….
[2] zum etwas theatralisch gehaltenen Trailer (auf youtube)

Literaturgeflüster gibt in ihrer Besprechung des Buches (https://literaturgefluester.wordpress.com/…sagen/) einen Link zum Gefangengenmassaker von Krems-Stein, das ich in meiner Buchvorstellung zwar nicht erwähne, das aber im Roman beschrieben wird: https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/03/20/april-in-stein/

Josef Formánek
Die Wahrheit sagen
Übersetzt aus dem Tschechischen von Martin Roser
Originalausgabe: Mluviti pravdu, Prag, 2008
diese Ausgabe: Gekko World, HC, ca. 480 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Die Autorin dieses 2015 bei Suhrkamp erschienen Buches, Swetlana Alexijewitsch, wird dort noch als mehrfache Preisträgerin u.a.. des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2013, vorgestellt. Mittlerweile haben sich die Ehrungen vermehrt um die angesehenste im Reich der Buchstaben, i.e. den Nobelpreis für Literatur 2015 [2]. Herzlichen Glückwunsch!

Swetlana Alexijewitsch wurde 1948, wenige Jahre nach Kriegsende also, in der Ukraine geboren und wuchs in Weissrussland auf. Sie studierte in Minsk Journalismus und arbeitete als Journalistin ebenso wie als Lehrerin. Im vorliegenden Buch entwickelte die Autorin Anfang der 80er Jahre zum ersten Mal ihren eigenen Stil, in dem sie die Stimmen von Menschen in einer Art literarischer Collage zu einem Ganzen zusammenstellte und formte. [1] In hunderten von Interviews und Briefen hat sie Aussagen einer bis dato kaum beachteten Gruppe von Weltkriegsteilnehmer gesammelt, von Frauen nämlich, die aktiv als Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg an der Front gekämpft hatten. Zwar waren viele dieser Frauen im Sanitätsdienst tätig (wie man es intuitiv vielleicht erwartet), holten die Verwundeten unter Beschuss von der Frontlinie und versorgten sie weiter im Lazarett, es gab aber auch Scharfschützinnen, Kraftfahrerinnen, Flagschützinnen; viele Frauen kämpften auch in den Reihen von Partisanen.

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Mit diesem Bericht über die Frauen im Krieg „eckte“ Alexijewitsch an: die russische Zensurbehörde warf ihr vor, mit ihm die „Ehre des Großen Vaterländischen Krieges“ beschmutzt zu haben. Erst 1985, nachdem Gorbatschow die Perestoika ausgerufen hatte, konnte dieses Buch in Russland erscheinen und rief eine ungeahnte Resonanz bei vielen Frauen hervor, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nie über ihre Erfahrungen hatten reden können. Daraus resultiert die vorliegende, überarbeitete und erweiterte Ausgabe von Der Krieg hat kein weibliches Gesicht, die 2008 in Moskau und 2013 in Deutschland erschien. Unter anderen enthält das Buch jetzt eine Aufstellung von Aussagen, die seinerzeit von der Zensurbehörde herausgestrichen worden waren, ferner auch Texte, die die Autoren selbst gestrichen hatte.

 


Ausgangspunkt der Aufzeichnungen ist die sich selbst gestellte Frage der Autorin, warum haben die Frauen, die doch ihren Platz in einer ursprünglich absoluten Männerwelt behaupteten, ihre Geschichte nicht behauptet? Ihre Worte und ihre Gefühle? Sie haben sich selbst nicht vertraut. Sich nicht anvertraut. Eine ganze Welt blieb uns verborgen. Ein separater weiblicher Kontinent. … Es gibt einen Krieg, den wir nicht kennen. Ich möchte die Geschichte dieses Krieges aufschreiben. Die weibliche Geschichte.  .Nimmt man den Buchtitel ernst und setzt ihn in Bezug auf diese ausformulierte Intention, so ist man versucht, kurz und bündig festzustellen: gescheitert, die weibliche Geschichte des Krieges gibt es nicht: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht, offenbar also doch ein männliches.

Ganz so einfach ist es aber dann doch nicht (was jetzt wiederum die Frage nach dem Sinn des Buchtitels auf den Plan bringt), wie sich im Lauf des Buches zeigen wird: Frauen erinnern sich an anderes und anders. Sie können Dinge sehen, die den Männern verborgen sind. Es ist eine andere Welt, anders als die der Männer. Mit Geruch, mit Farben, mit Alltagsdetails. .. Doch worüber Frauen auch sprechen, immer ist der Gedanke präsent: Krieg, das ist vor allem töten und – schwere Arbeit. Und auch – ganz normales Leben. Sie haben gesungen, sich verliebt, sich die Haare frisiert. Aber das Wesentliche ist: Wie unerträglich es ist, zu töten, denn eine Frau gibt Leben. ….

Ungefähr eine Million Frauen haben aktiv in der Roten Armee am 2. WK teilgenommen, ob hier die Kämpferinnen in Reihen der Partisanen mit einbezogen worden sind, weiß ich nicht. Die Frauen haben in allen möglichen Funktionen gedient, sogar für Frauen in der Marine auf See gibt es Beispiele. Sie waren (wie schon angeführt) Funkerinnen, Feldscherinnen, Krankenschwestern, Scharfschützinnen, Geschützführerinnen, Telefonistinnen, Wäscherinnen, Instrukteurinnen etc pp…. entweder direkt an der Front oder kurz hinter der Front, wo die für die Versorgung der Frontsoldaten/-innen zuständigen Einheiten liegen.

Sie wurden als junge, unschuldige, lachende, singende, auf Leben gespannte Mädchen überrascht vom Krieg, vom Überfall der Faschisten auf Russland. Und sie stürmten die Wehrkomitees, um sich registrieren zu lassen, um an die Front zu kommen: …ich hatte an diesem Tag ein Rendezvous. Ich dachte, an diesem Tag würde er mit gestehen: „Ich liebe dich“, aber er kam ganz traurig an: „Vera, es ist Krieg! Wir werden direkt von der Schule an die Front geschickt. … Ich musste unbedingt an die Front und unbedingt ein Gewehr in die Hand!. Vierzehnjährige gaben sich als Sechzehnjährige aus, Sechzehnjährige als Achtzehnjährige. Die Wehrkomitees wollten keine Mädchen an die Front schicken, aber sie gingen immer wieder ins Wehrkomitee, klopften wieder und wieder an., schmuggelten sich in die Truppentransporte an die Front, ließen sich dort nicht abschütteln, fuhren einfach nicht wieder zurück, bis man sie in die Truppe aufnahm. Alle waren bereit, die Heimat zu verteidigen, dies war ihnen wichtiger als der Tod: Wir waren so erzogen, … man hatte uns beigebracht, unser Land zu lieben. Offenbar war diese Erziehung sehr erfolgreich…

Sie kamen an die Front… dort jedoch war man auf Frauen bzw. Mädchen nicht eingerichtet. Es gab es keine Frauenausrüstung. Schuhgröße 34 in Stiefel 42., keine Blusen, keine Frauenunterwäsche, nur grobe Männersachen. Die Zöpfe wurden sofort abgeschnitten. Die Gewehre waren größer als die Mädchen…. Mancher Kommandeur wollte die Mädchen schonen, sie irgendwo auf der Schreibstube einsetzen: wütender Protest: „Genosse noch höherer Chef, ich fahre sowieso nicht nach Hause, ich komme mit Ihnen auf den Rückzug!“ Die militärischen Gepflogenheiten waren ihnen, wie man liest, (weitestgehend noch) fremd.

Die Konfrontation mit der Realität eines Fronteinsatzes muss grausam gewesen sein. Viele der Mädels waren zum ersten Mal von der Mama getrennt, Heimweh, Sehnsucht nach ihr. Die Angst unter dem Feindbeschuss, die fürchterlichen Verletzungen, der Hunger, die Armseligkeit des Soldatenlebens. Der Schlafmangel, der Lärm der Geschütze, das Eingewöhnen in einen militärischen Alltag, das Vergessen des Frau-Seins. Bei einigen Frauen reagierte der Organismus: sie bekamen während des Krieges keine Regel, andere Mädchen schrieen erschrocken auf und glaubten, sie seine verwundet.. sie waren so unschuldig, wußten noch nichts von der „Frauensache“… Drei Tage dauert es, bis man an der Front die Zivilisation abgelegt hat, halb Tier ist, halb Mensch….

Sie standen ihren Mann, so erinnern sie sich. Holten die Verletzen unter Feindbeschuss aus dem Gefecht, Mädels, die verletzte, zerfetzte Soldaten, die viel schwerer sind als sie, bergen. Grausige Szenen.. das Bein ist fast ab, aber beim Herankriechen ist die Tasche aufgegangen und alles ist herausgefallen. Also beisst sie die letzten Fleisch- und Hautfetzen durch… wurden selbst verwundet, das Bein musste amputiert werden, aber es gab keine Narkosemittel und nur eine Zimmermannssäge…. saßen am Flakgeschütz und schossen und schossen und schossen. Fuhren LKW und reparierten sie, wuschen die Wäsche, die immer blutig war und dreckig war, in endlos langen Schichten, kochten Kessel voller Grütze und am Abend kam keiner zum Essen: alle waren tot. Und sie überstanden auch die Folter des SD und der Gestapo….

… und doch blieben sie Frauen, dachten anders, achteten auf anderes, legten Wert auf anderes. Die hilflosen Versuche, das Gesicht zu schützen: wenn schon sterben, dann schön und nicht so verstümmelt. Nahmen Zucker als Haarfestiger anstatt ihn zu essen, wollten sich schminken, wuschen sich die Haare, nahmen zu Not Gras, um Dreck abzureiben. Entdeckten Blumen und Blüten, die die Männer nicht zu Kenntnis nahmen. Sangen Lieder…

Aber ihre Seelen blieben verletzt, ein Leben lang. Sie erzählen von Träumen, in denen alles wieder hochkommt. Für viele ist die Farbe „Rot“ unerträglich: die Farbe des Blutes… manche können kein Hühnerfleisch mehr essen, dessen helle Farbe gleicht dem Fleisch von Menschen… solche Beispiele liest man viele in den Aussagen. Womit wir bei einem weiteren traurigen Kapitel wären: der Zeit nach dem Krieg, als es für die Überlebenden wieder nach Hause ging.

Der Sieg war ein Sieg der Männer.

Manche wurde so empfangen: Wir wissen genau, was ihr dort gemacht habt! Ihr habt dort mit unseren Männer geschlafen. Frontschlampen! Soldatenflittchen! Hatten die Mädchen vor Jahren lernen müssen, im Krieg zu überleben, müssen sie nun den Frieden lernen und es wird ihnen nicht einfach gemacht. Oft ist nichts mehr da, das Haus verbrannt, die Sachen verbrannt, die Familie verbrannt. Kinder erkennen ihre Mutter nicht mehr mit den kurzen Haaren, den Militärklamotten, sie haben Angst vor diesem fremden Mann…. die einstigen Freundinnen haben jetzt vielleicht einen Beruf, haben was gelernt, haben einen Mann.. und was können sie außer töten? Die meisten haben zudem gesundheitliche Probleme, die jetzt in Friedenszeiten um so stärker zu Tage treten. Bei anderen wiederum tritt nicht der erhoffte Frieden ein: das eigene Land wendet sich gegen sie, der NKWD holt den einen oder anderen aus der Familie und wirft ihn für Jahre ins Lager. Man war denunziert worden….

Auffällig in den Aussagen der allermeisten Frauen ist der „positive“ Grundtenor. Sicher, der Krieg war grausamst, aber die Kameraden waren gut zu den Mädchen, schützten sie, die Verwundeten waren für ein Lächeln dankbar und starben dann mit einem solchen auf ihrem Gesicht. Man bzw. Frau war gut, manche versorgten sogar ohne Ansehen der Persönlichkeit Deutsche, wenn die Situation so war. Sogar Essen gaben manche ihnen, wenn ein Zug Gefangener an ihnen vorbei marschierte. Der anonyme Hass auf die Faschisten klang manchmal ab, wenn ein konkreter Mensch vor ihnen litt.

Mädchen, junge hübsche Mädchen unter vielen, vielen Männern. Die jahrelang keinen Urlaub bekamen, keine Frau sonst sahen. In einer Armee, die nicht wie z.B. die Wehrmacht, für die Triebabfuhr Bordelle betrieb (so verabscheuungswürdig dieser Betrieb auch war)… und das soll problemlos funktioniert haben? Es gibt zwei Frauen im Buch, die dieses Thema „sexuelle Übergriffe“ angesprochen haben: Wenn geschossen wurde, auf dem Schlachtfeld, da riefen sie „Schwester! Schwesterchen!“, aber nach dem Gefecht lauerten sie einem dauernd auf. Nachts traute man sich gar nicht aus dem Unterstand … Haben die anderen Mädchen ihnen davon erzählt oder nicht? Sie haben sich geniert, nehme ich an … und geschwiegen. Aus Stolz! Aber es war so. Keiner wollte sterben. Ein Gegenmittel war es, sich mit dem Bataillonskommandeur anzufreunden…. eine andere Frau berichtet, daß nachts, wenn sie schlief, immer Hände zu ihr kamen, sie berührten, über sie hinwegfuhren… im Lazarett fiel dann auf, wie unruhig, um sich schlagend, sie schlief…


Viele der Frauen, die Alexijewitsch aufgesucht hat, haben zum ersten Mal von all diesen Dingen erzählt. Nicht immer war dies den Männern recht, diese waren eher an Fakten interessiert: wer wann wo gekämpft hat und mit welchen Ergebnis. Die Gefühlsduselei ihrer Frauen war ihnen unangenehm, aber für diese war ihre Zuhörerin ein Geschenk Gottes: nach all den Jahrzehnten jemand, der sich Zeit nahm für sie, dem ihr Schicksal wichtig war… häufig flossen Tränen….

Die Erinnerung eines Menschen ist eine unzuverlässige Informationsquelle. Das Gehirn siebt, verdrängt, mischt aus einzelnen Erinnerungen neue zusammen, baut Gehörtes mit ein in die eigene Erlebniswelt, sortiert, wertet…. Aber es gibt auch objektive Kriterien für den Wert, den die Frauen für die Rote Armee hatten: viele von ihnen bekamen Orden und Auszeichnungen, wurden von den Kommandeuren gelobt und – soweit in Führungspositionen – auch von den Untergebenen respektiert und möglicherweise „geliebt“. Auch solches klingt immer wieder an.

Die enttäuschte Hoffnung: wenn der Krieg aus ist, wird es niemals wieder Krieg geben. Die Menschen werden sich lieben, werden in Frieden zusammen leben, werden arbeiten, Kinder bekommen, werden alt werden und in Frieden sterben…. Es sollte anders kommen.


Alles kann zur Literatur werden.

Bei der Buchveröffentlichung einer Autorin, die für ihr Werk den Literaturnobelpreis bekommen hat, stellt sich manchmal die Frage: kann man als Leser die Tatsache, daß das Werk der hier: Autorin (als Beispiel für ihr Schaffen diene das vorliegende Buch) derart geehrt worden ist, nachvollziehen?

Alfred Nobel, der die nach ihm benannten Preise für Chemie, Physik, Medizin, Frieden und Literatur gespendet hat, hat die Vergabekriterien für den Literatur-Nobelpreis vage gehalten. Es soll der ausgewählt werden, „der in der Literatur das Vorzüglichste in idealer Richtung geschaffen hat“ (so die Formulierung, die ich gefunden habe), ein Kriterium, das zumindest drei Parameter enthält, die der Definition bedürften: Was ist Literatur, was ist das Vorzüglichste und was ist mit idealer Richtung gemeint und ich bin ganz sicher nicht der Mensch, der diese Definitionen liefern kann (und es ja auch nicht muss)…..

Dennoch kann ich die Kritik von Iris Radisch [3] an der Verleihung des Preises an Swetlana Alexijewitsch gut nachvollziehen. Nehme ich dieses vorliegende Werk von ihr beispielhaft (so wie man liest, entsprechen die anderen Bücher von ihr diesem in seiner Konzeption und seinem Aufbau), so sieht man, daß von ca 350 Textseiten vielleicht 50 oder 60 von ihr sind, denen die anderen ungefähr 300 (bearbeiteten?) Seiten mit  Gesprächsprotokolle der Frauen gegenüberstehen. Unabhängig davon, wie wichtig das Werk, diese Zusammenstellungen an sich sind, entspricht das dem, was „man“ unter Literatur versteht? Radisch sieht hier einen sehr freien Literaturbegriff (und wenn alles Literatur ist, dann ist letztlich nichts mehr Literatur), der im Grunde alles schriftlich Niedergelegte umfasst und damit verschiedene Kategorien vermengt: Literarisches mit Journalistischem und mit Chronistenarbeit. Solches nämlich ist meiner Meinung nach die Arbeit das Buch/Werk Alexijewitschs eher denn Literatur im Sinne eines Grass, Böll, eines Modiano, einer Müller oder auch eines (immer wieder nicht ausgezeichneten) Philip Roth, selbst wenn Alexijewitsch im vorliegenden Buch konstatiert: Alles kann zur Literatur werden. Letztlich hat wohl auch die Vergabe des Literaturnobelpreises oft eine politische Komponente (in der Vergabebegründung dieses Jahres heißt es: „….für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt„[4], was nicht unbedingt ein Hinweis auf neu erschlossene literarische Dimensionen ist als das sie eher auf gesellschaftliche bzw politische Aussagen hindeutet), womit ich nicht (noch einmal ausdrücklich) den Wert der Arbeit von Swetlana Alexijewitsch anzweifeln will.

Mit Der Krieg hat kein weibliches Gesicht (ich verstehe den Titel angesichts des Inhalts im Übrigen immer noch nicht) hat sie jedenfalls den Soldatinnen der Roten Armee eine gewichtige Stimme verliehen. Sie, die im Krieg zum Teil über sich hinaus gewachsen waren, wurden nach dem Krieg nicht geehrt, ihre Verdienste verschwiegen. Im Gegenteil ließ man sie mit all den Problemen, die sie aus dem Krieg mit hinüber in den Frieden brachten, allein. Dies wird sich auch nach der Veröffentlichung des Buches in Russland kaum geändert haben, aber zumindest  hat die Autorinnen den vielen Frauen, die für ihr Land kämpften, eine aufrüttelnde Stimme gegeben. Und sie hat – wie es schon so oft geschehen ist und immer vergebens – die Grausamkeit, die Menschenverachtung eines jeden Krieges dargestellt.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite der Autorin in der Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Swetlana_Alexandrowna_Alexijewitsch
[2] siehe zum Beispiel hier auf der Autorenseite des Hanser-Verlages:  http://www.hanser-literaturverlage.de/autor/swetlana-alexijewitsch/
[3] Iris Radisch: Plötzlich ist jeder Text ein Kunstwerk;  http://www.zeit.de/2015/42/literatur-nobelpreis-swetlana-alexijewitsch
[4] zitiert nach: – : Swetlana Alexijewitsch erhält den Literaturnobelpreis;  http://www.zeit.de/kultur/literatur/2015-10/nobelpreis-literatur-2015-live

Ein Übersichtsartikel in der Wiki über Frauen beim Militär:  https://de.wikipedia.org/wiki/Frauen_im_Militär

zur Farbcodierung: grün markierte Stellen sind dem vorliegenden Buch entnommen (unter u.U. grammatikalisch leicht verändert in den Text eingefügt), violette Stellen sind Zitate aus anderen Quellen.

Swetlana Alexijewitsch
Der Krieg hat kein weibliches Gesicht
Übersetzt aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt

Originalausgabe:
diese Ausgabe: suhrkamp-taschenbuch 4605, ca. 360 S., 2015

hakenjos cover

Der ehemalige Lehrer Peter Hakenjos, Jahrgang 1948, legt nach einem Lyrikband und einer Veröffentlichung mit Erzählungen [1] mit Nur der Tod vergisst einen ersten Roman vor. Er befasst sich mit dem Schicksal eines SS-Mannes im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Erklärtes Ziel des Romans ist es zu unterhalten und zum Nachschlagen der historischen Fakten anzuregen. Er ist eine Auseinandersetzung mit der Generation, die aus dem Krieg nach Hause kam und schwieg, da es – nach Hakenjos – unser Bedürfnis ist, ihr Leben und ihr Handeln zu verstehen, wobei sich das „unser“ speziell auf seine (und auch meine…) Generation bezieht, ohne daß die Frage nach der Schuld für jüngere Menschen damit uninteressant wird [9].

Das Besondere an dem Roman Hakenjos´ ist die Tatsache, daß er einen SS-Mann in den Mittelpunkt stellt. Sein Protagonist ist Ulf Lahner aus Pforzheim, der sich als Achtzehnjähriger freiwillig zur Waffen-SS meldet.


Die SS, die schon 1925 durch Adolf Hitler als persönliche Leib- und Prügelgarde gegründet worden war [2], ist mit eines der stärksten Symbole für den Terror des 3. Reiches geworden; das System der deutschen Konzentationslager wurde von Eugen Kogon schon im Dezember 1945 beschrieben und als Der SS-Staat bezeichnet [3]. Ab 1933 organisierten sich erste bewaffente Stabswachen, Vorläufer der späteren SS-Verfügungstruppe. 1939 dann taucht zum ersten Mal am 7. November der Begriff der Waffen-SS auf als Sammelbezeichnung für die bewaffneten Einheiten der SS und Polizei. Bewaffnete SS-Einheiten waren auch schon als vom Heer unabhängige Verbände beim Überfall auf Polen beteiligt. Schon im Dezember 1939 umfasste die Waffen-SS (ohne Totenkopfverbände) über 56000 Mann [4].

Die Waffen-SS entwickelte sich neben der Wehrmacht sozusagen zum militärischen Arm der Nationalsozialistischen Partei, in deren Ideologie ihre gesamte Existenz eingebettet war: Die Angehörigen der Waffen-SS halten sich für mehr als nur Soldaten. Sie sind Krieger, selbsternannte Elite, Träger nationalsozialistischen Rasse- und Lebensraumgedankens. … zu einer aristokratischen Ordensgemeinschaft hochstilisiert [4]. Ihr militärisches Wirken ist zwiespältig: 1939, noch schlecht ausgerüstet, wüten sie beim Einmarsch in Polen so grausam unter der Zivilbevölkerung, daß von der Heeresführung förmlich gegen dieses Vorgehen protestiert wurde. Im Westfeldzug dagegen waren die Einheiten der Waffen-SS das Fundament dessen, was man als Blitzkrieg bezeichnet [4].

In diesen Feldzug im Westen führt uns Hakenjos, allerdings ein paar Jahre später, und damit will ich zum vorliegenden Roman kommen.


Ulf Lahner, wie schon gesagt, meldet sich 1944, nach der erfolgreichen Musterung, freiwillig und zum Erstaunen der Musterungskommission zur Waffen-SS, er ist gerade mal achtzehn Jahre alt. Das bedeutet, daß er den bewussten Teil seines Lebens unter der Ideologie Nazideutschlands gelebt hat. Offensichtlich hat der junge Mann sie gut verinnerlicht, schon in der vormilitärischen Ausbildung bei der HJ gehörte er zu den Besten. So macht ihm auch die Schleiferei bei der SS-Grundausbildung nichts aus, sie ist ihm selbstverständlich, schließlich gehört er zur Elite. Seiner Mutter, die ihn eindringlich gebeten hatte, sich das alles zu überlegen, schließlich sei schon der Vater im Feld gefallen, erwidert er: .…ich habe deinen Willen respektiert und mich nicht schon mit siebzehn zum Dienst gemeldet. Jetzt musste ich zum Militär und dann will ich ohne Vorbehalte dienen und mich nicht drücken….

Ein halbes Jahr später, im Juni 1944, ist es soweit, er kann sich beweisen. Er gehört zu einem Stoßtrupp, der in der Schlacht von Caen [5] britische Panzer aufhalten soll. Durch seinen mutigen und fast schon selbstmörderischen Einsatz zerstört er drei der heranrückenden Sherman, bevor er durch Granatsplitter eine schwere Kopfverletzung davon trägt.

Er kommt in ein Lazarett, ist dem Tod nur knapp entgangen. Sein Mut hat sich herumgesprochen. Immer wieder quält ihn ein Alptraum, eine junge Frau, die ihn anschaut, sich dann umdreht und zu einem großen Tor geht. Er selbst ist stumm in diesem Bild… Im Lazarett lernt er Hans kennen, einen Oberscharführer und freundet sich mit ihm an. Es scheint so, als ob sie mit ihrer nicht mehr unbedingt uneingeschränkt positiven Einstellung zum Krieg harmonieren… Auf die Frage, in welcher Einheit Ulf gedient hat, muss er zugeben, daß es das SS-Panzergrenadier-Regiment 4 „Der Führer“ in der Panzerdivision „Das Reich“ war [6], die Einheit, die für das Massaker von Oradour-sur-Glane verantwortlich war [7]. Ulf erwidert jedoch nervös, daß er davon keine Ahnung habe, nicht dabei gewesen sei.

Anfang ´45 rückt der Krieg näher, das Lazarett wird aufgelöst, Ulf nach Pforzheim, in seine Heimatstadt geschickt. Dort erlebt er am 23. Februar einen der vernichtendsten Bombenangriffe der Briten gegen eine deutsche Stadt mit, bei der die Altstadt praktisch völlig zerstört wurde [8]. Auch Ulfs Mutter stirbt, unter den auf Kindergröße verschrumpelten Leichen findet er sie nicht. Er will wieder an die Front, was er in Pforzheim gesehen hat, ist zuviel, ist schlimmer als alles, was an der Front passiert….

Der Zug, der Lahner an die Front bringen soll, wird von den Briten angehalten, die Insassen kommen in ein Lager. Ulf Lahner gibt sich wie ein typischer Herrenmensch, ist arrogant, provoziert die Briten, wird jedoch nur niedergeschlagen, nicht erschossen. Im Lager trifft er seinen Lazarettkumpel Hans wieder. Zusammen mit zwei weiteren, undurchsichtigen SS-Männern beschließen die zwei, zu fliehen: die Franzosen haben, so erfahren sie, angefragt, welche der Kriegsgefangenen zu der Einheit gehören, die für Oradour verantwortlich ist….

Die Flucht gelingt, die vier SSler entkommen. Sie treffen einen Mann namens Schlemm, der zu denjenigen gehört, die die Flucht aus dem Hintergrund bezahlt haben; Andeutungen nach bilden sich Untergrundnetzwerke entkommener SS-Leute und Nazigrößen. Zusammen mit diesem Mann, für den sie als Leibwächter arbeiten, fahren sie mit einem Frachter nach Argentinien.

Doch Verrat gibt es auch in solchen Gruppen und so erreicht nur Lahner  zusammen mit Schlemm Argentinien. Dort arbeitet Lahner für Schlemm und macht sich bald als zuverlässiger und schweigsamer Bote einen guten Namen unter den untergetauchten Nazigrößen. Bis er eines Tages einen Auftrag erhält, den er nicht erfüllen will. Und so muss er selbst wieder fliehen und zwar nach Chile. Dort kann er als Elektriker in einem Krankenhaus unterkommen, bis er auch hier entdeckt wird und wiederum fliehen muss. Doch diesmal ist er nicht allein: er hat eine junge Frau kennen- und lieben gelernt, diese ist bereit, mit ihm zu gehen, in ihre Heimat auf die Osterinseln. Und hier findet Ulf Lahner letztlich seine neue Heimat, das erste Kind seiner Frau liebt er wie sein eigenes, und ein zweites läßt nicht lange auf sich warten.

Nach seinem Tod finden die beiden Töchter zwei Briefe in seinen Unterlagen. Der eine ist eher ein Entwurf eines Briefes, den er lange nach dem Krieg an seinen britischen Verhöroffizier aus dem Lager geschrieben hat, der andere ist die Antwort des Briten.


Nur der Tod vergisst ist kein reiner Kriegsroman. In den Mittelpunkt seiner Handlung stellt Hakenjos mit Ulf Lahner einen anfangs „von der Sache“ überzeugten jungen Mann, der durch die grausame Realität nicht des Krieges an sich, sondern des aus menschlicher Bestialität heraus geschehenen Mordens an seiner Gesinnung zu zweifeln beginnt. Lahner macht sich schuldig und die Schuld sucht ihn in den Träumen auf, er macht sich derart schuldig und erlebt so viel Grausames, daß ihn zeitweise eine Todessehnsucht packt: der Wunsch, noch in den letzten Kriegstagen an die Front zu kommen, das Provozieren der Besatzungsoffiziere bei der Festnahme… früher schon der tollkühne Einsatz gegen die britischen Panzer bei Caen.

Aber dieses schlechte Gewissen, das Wissen um die eigene Schuld bleibt für Lahner etwas Privates. Hakenjos gibt damit – wie eingangs angekündigt – die Erfahrung der ersten Nachkriegsgeneration wieder, deren Eltern schwiegen, verschwiegen, verdrängten bis hin zum Verleugnen. Er läßt seinen Protagonisten Lahner nach aussen hin unbelehrt: weder bricht er den Kontakt ab zu seinen früheren Kameraden, ganz im Gegenteil, noch bekennt er seine Schuld denen gegenüber, denen er schuldig geworden ist. Auch hier das Gegenteil: er flieht (mit Hilfe seiner Kameraden), versteckt sich, ist nicht bereit, sich zu seinem Tun zu bekennen und die Konsequenzen seiner Tat zu tragen. Daß er nach dem Krieg offensichtlich ein normales Familienleben in seinem „Exil“ führte, bleibt damit eine Hülle, eine Legende, die er sich mit Hilfe der Frau, die er liebt und die ihn liebt, geschaffen hat, denn auch hier wird er (dies ist aber kein Thema des Romans mehr) mit seiner Lebenslüge leben müssen, die er einzig seiner Frau gebeichtet hat. Allenfalls eine Andeutung seiner Verbrechen sind in dem erwähnten Brief an den englischen Offizier zu finden, aber auch hier so vage, daß Konsequenzen für ihn nicht zu befürchten sind. Letztendlich gleicht Lahner mit seinem Verhalten all den vielen, die nach dem Krieg untergetaucht sind, sich ihrer Verantwortung entzogen haben und in einem „normalen“ Leben weiter gemacht haben, als wäre nichts gewesen.

Aber Hakenjos war „gnädig“ und so menschenfreundlich, davon auszugehen, daß auch ein überzeugter SS-Mann zur Einsicht fähig gewesen ist, und wenn es nur vor sich selbst ist. Das kann so sein, mag manchmal so gewesen sein – allein, ohne das Bekenntnis zur eigenen Schuld, was ist es wert? Gab es in realiter überhaupt SS-Angehörige, die nach dem Krieg aus eigenem Antrieb zugegeben und bereut haben, was sie ggf. an Greueltaten zu verantworten hatten? Die Regel war es jedenfalls nicht.

Ein zweiter Punkt ist die auch bei Hakenjos auftauchende Relativierung. Der SS-Mann Lahner verzweifelt auch an der unbestrittenen und unbestreitbaren Grausamkeit der Bombenangriffe auf deutsche Städte, die er im Roman an seiner Heimatstadt Pforzheim selbst miterlebt. Verständlich der Aufschrei der Wut, des Schmerzens gegen diese Zerstörungen – erinnert er sich jedoch daran, daß all dies die Folge ist dessen, was Nazi-Deutschland (und damit auch er) angefangen haben?

unser Bedürfnis .. ihr Leben und ihr Handeln zu verstehen: so hat der Autor seinen Selbstanspruch für dieses Buch angegeben, den er aber nur unvollständig erfüllt, da er überwiegend beschreibt und nicht analysiert. Daher wird weder wird klar, warum sich ein Achtzehnjähriger noch 1944 freiwillig zur SS meldet, noch wird hinterfragt, warum er sich nach dem Krieg und der erfolgten Desillusionierung nicht von den „Kameraden“ abwendet, sondern sich ihnen im Lager eng anschließt. Selbst nach dem Verrat bricht er nicht, sondern arbeitet für ehemalige Nazis – auch das Motiv hierfür wird nicht deutlich. Erst ein sehr brutaler Auftrag löst den Bruch mit der Vergangenheit aus…


So hinterläßt das Buch von Hakenjos bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Es ist gut geschrieben, ja, es ist spannend, ich habe es in einem Zug durchgelesen. Ebenso akzeptiere ich die Grundannahme des Autoren, daß auch ein SS-Mann prinzipiell zur „Umkehr“ fähig ist, wenn er erkennt, auf welchen Irrweg er geraten ist, zumal an den Verbrechen des Zweiten Weltkrieges – wie wir heute wissen – ja auch andere, „normale“ Militäreinheiten beteiligt waren, die SS also nicht das „Monopol“ zum Bösen besaß. Die an der Erfahrung orientierte Figur des Ulf Lahner verdeutlicht jedoch, daß Verdrängung, Verschweigen und Abstreiten die gängigsten Methoden waren, sich aus der Verantwortung für seine Taten zu stehlen. Sie sind es ja heute noch so wie damals und immer schon…. ob aber des Autoren Bemühen, seinem Protagonisten zumindest eine inwendig bestehende Einsicht zuzuschreiben (oder gab es diese Einsicht gar nicht, und Ulf Lahner war – im Sinne der SS – einfach „nur“ zu „weich“?), im wirklichen Leben für diese Menschen tatsächlich zutreffend ist/war oder ob nicht vielmehr die Verdrängung der eigenen Taten so übermächtig wirkte, daß man sie auch vor sich selbst verleugnete (wer kann schon mit einer derartigen vor sich selbst bekannten Schuld leben, ohne zumindest den Versuch zu machen, sich zu ent“schuld“igen….), mag dahin gestellt sein…

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite des Autoren: http://www.peterhakenjos.de/index
[2] Wiki-Seite zur SS: https://de.wikipedia.org/wiki/Schutzstaffel. Nach Kogon [3]: Der SS-Staat fand die Gründung der SS (Schutz-Staffel) als Hitlers schwarze Leibgarde im Jahr 1929 mit 250 Angehörigen als Orden und Zweckverband zugleich statt. Aber da meine Kogon-Ausgabe von 1974 ist, haben sich vllt neuere Erkenntnisse breit gemacht.
[3] Eugen Kogon: Der SS-Staat, diverse Auflagen und Ausgaben, vgl hier die Wiki-Seite zum Buch:  https://de.wikipedia.org/wiki/Der_SS-Staat
[4] Wolfgang Schneider/Andreas Schade: Die Waffen-SS. Das Buch zur Serie im Ersten., Rowohlt, 1998
[5] vgl. diese Beiträge in der Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_um_Caen und  https://de.wikipedia.org/wiki/Situation_der_deutschen_Streitkräfte_in_der_Normandie_im_Jahr_1944
[6] vgl. diese Beiträge in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/SS-Verfügungsdivision bzw.: https://de.wikipedia.org/wiki/SS-Panzergrenadier-Regiment_4_„Der_Führer“
[7] vgl. diesen Beitrag in der Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Oradour-sur-Glane#Das_Massaker_von_Oradour
[8] vgl. diesen Beitrag in der Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriff_auf_Pforzheim_am_23._Februar_1945 und z.B. dieses youtube-Video
(Anmerkung zu 5 – 8: es gibt natürlich noch eine Vielzahl anderer Quellen zu diesen Themen, deren politischen Hintergrund ich jedoch nicht abschätzen kann. Die Wiki-Beiträge sind – so denke ich – neutral verfasst.)
[9] siehe auch hier: Peter Hakenjos: Die Opfer der Nazidiktatur bekommen eine Stimme … die Täter bleiben stumm; in: http://www.pressenet.info/pr-2015/aktuell/opfer-der-nazidiktatur.html

Peter Hakenjos
Nur der Tod vergisst
diese Ausgabe: G.Braun-Telefonbuchverlag, brosch., ca. 224 S., 2014

Ich danke dem Autoren für die Überlassung eines Leseexemplars.

Ingeborg Jacobs: Freiwild

21. September 2015

Auf Ingeborg Jacobs´ Buch über das Schicksal deutscher Frauen am und nach dem Ende des 2. Weltkrieges im Osten Deutschlands bin ich aufmerksam geworden, als ich das Tagebuch Eine Frau in Berlin [1] las, in dem eine mutige Journalistin über die Zeit Ende April bis Mitte Juni schreibt, die für die Frauen anfangs durch zum Teil massenhafte Vergewaltigungen, danach zunehmend auch durch Arbeitseinsätze gekennzeichnet war.

Im Osten des Deutschen Reiches brach die letzte Kriegsphase schon früher an. Anfang Januar startete die Rote Armee auf einer mehr als Tausend Kilometer langen Front von der Ostsee bis in die Karpaten mit ihrer Offensive. Zu diesem Zeitpunkt war die Rote Armee der Hitlerschen in allen Belangen (Stärke, Bewaffnung, wahrscheinlich auch Kampfmoral) weit überlegen, sie drängte daher immer weiter auf Reichsgebiet vor.

In den Städten und Dörfern waren vor allem alte Menschen, Frauen und Kinder geblieben, praktisch alle halbwegs tauglichen Männer waren eingezogen und an der Front. Es herrschte Angst vor den Russen, speziell die Frauen ahnten oder wussten, was sie erwartet. Es ging aber nicht nur um die Demütigung und Demoralisierung (Der deutsche Mann kann noch nicht einmal seine Frau schützen.), die russische Propaganda hat in den Tagen des deutschen Vormarsches den Heiligen Hass gegen Deutschland gepredigt, den viele Soldaten verinnerlicht hatten. Auch hatten die Russen das Wüten der Deutschen während des Vormarsches, deren Töten und Vergewaltigen nicht vergessen, ferner waren mittlerweile die Zustände in den Konzentrationslagern bekannt, was den Hass auf Deutschland und Deutsche ebenfalls schürte.

Auf deutscher Seite versuchte die Nazi-Propaganda durch Gräuelgeschichten noch den letzten Willen zum Widerstand zu wecken. Die Ereignisse um Nemmersdorf, einem wegen seiner Brücke strategisch wichtigem Ort, waren beispielhaft dafür. Als diese Ortschaft nach kurzzeitiger Besetzung durch die Russen zurück erobert wurde, wurden zahlreiche Leichen gefunden. Die Nazi-Propaganda bauschte dies weiter auf, u.a. mit der (wohl erfundenen [4]) Behauptung, Frauen seien Scheunentore genagelt worden, eine Aussage, die man z.B. auch bei Grass in seinem Roman „Im Krebsgang“ findet. Auch die Bilder, die man zu diesem Massaker von Nemmersdorf findet, sind mit Vorsicht anzuschauen, auch hier hat die Propagandaabteilung ihre Hände im Spiel. Jedenfalls führte die sich rasch verbreitende Kunde über diese Erschießungen und Gräuel zu einer weiter gesteigerten Angst und zu vermehrter Flucht [3].

freiwild cover

Ingeborg Jacob widmet sich in ihren Ausführungen dem allgemeinen Schicksal der Frauen, sie legt den Begriff „Freiwild“ großzügiger aus und subsumiert darunter praktisch alles, was die Frauen erdulden mussten. Das waren beispielsweise „normale“ Vergewaltigungen, mehrtägige Verschleppungen zum Zwecke der Vergewaltigung, Plünderungen, Verhöre, Internierungen, Gewaltmärsche, Vertreibungen und auch Deportationen nach Russland – dies alles unter Hunger und eisiger Kälte.

Das Vergewaltigen der Frauen (die auch polnische, ukrainische oder jüdische Frauen betraf) war auch bei den Russen nie erlaubt. So wurde im April ´45 in einem Bericht an den Chef der politischen Abteilung der Roten Armee festgehalten, daß die Deutschen aufgrund der Vergewaltigungen in dauernder Angst und Anspannung leben.  Daher würden Plünderungen und Vergewaltigungen bekämpft. In der Euphorie und dem Durcheinander des Vormarsches jedoch hing es von den Kommandeuren vor Ort ab, inwieweit – meist gar nicht – solche Vorgänge bestraft wurde, prinzipiell stand die Todesstrafe darauf. Immerhin kam es vor, daß Offiziere in Einzelfällen Vergewaltigungen verhindern konnten; feste Freundin eines Offiziers zu werden war – so wie in Eine Frau in Berlin beschrieben ist – eine der Möglichkeiten der Frauen, sich einen gewissen Schutz zu schaffen. Jedoch waren Fraternisierungen bald verboten, wer eine deutsche Freundin hatte, wurde nach Russland zurückgeschickt. Es muss auch festgehalten werden, daß bei weiten nicht jeder russische Soldat ein Vergewaltiger war. . Den Nachstellungen und der Gewalt versuchten sich die Frauen durch Flucht und durch Verstecken zu entziehen. So führt Jacobs in ihrem Bericht Beispiele an, in denen russische Soldaten Frauen die Flucht ermöglichten oder sie gegen marodierende Kameraden in Schutz nahmen.

Ein großes Problem waren auftretende Schwangerschaften. Da die Männer fast immer an der Front waren oder die Frauen noch sehr jung waren, war es klar, wer Erzeuger des kommenden Russenbalgs war. Manche der Frauen versuchten abzutreiben oder Aborte zu provozieren, in dem sie immer wieder auf den Boden sprangen. Viele Kinder jedoch wurden auch ungeliebt geboren, erfuhren keine Zuneigung, wuchsen nach dem Krieg in Waisenhäusern auf. Welche Ehe hätte nach der Rückkehr des Mannes aus der Gefangenschaft schon ein Russenkind ausgehalten? Überhaupt wurde, nachdem die Verhältnisse nach dem Krieg wieder anfingen, sich zu „normalisieren“, dieses Thema bei Männern und bei Frauen weitestgehend verdrängt, zumindest aus dem öffentlichen Raum. Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele von Frauen, die das ungewollte Kind akzeptierten und als eigenes Kind (und Halbgeschwister) annahmen.

Das Ausmaß der Vergewaltigungen nahm mit Organisation der russischen Armee und Verwaltung in den eroberten Gebieten ab. Dafür nahm andere Drangsal zu. Polnische Familien wurden in die deutschen Siedlungen einquartiert, auch hier berichtet Jacobs von Hass- und Racheausbrüchen der Polen gegen Deutsche. Glücklich war, wer in den Westen umgesiedelt wurde…. denn als immer größeres Schreckgespenst tauchten Deportationen nach Sibirien auf. Fuhr der Zug nach Osten, war dies üblicherweise der Beginn eines jahrelangen Lebens als Zivildeportierte, die in russischen Lagern Zwangsarbeit unter widrigsten Umständen leisten musste. Hunderttausende wurden in solchen Lagern eingesperrt, in Erdbunkern, mit Schlafplätzen aus rohen Brettern, in völlig unzureichender Kleidung, von Werkzeug nicht zu reden. Die Nahrung: viel zu wenig und mangelhaft, Fehlernährung war die Folge. Am Beispiel der 15jährigen Wanda Schultz aus einem pommerschen Dorf schildert Jacobs ein solches Schicksal.

Für die u.a. Zivildeportierten hatten die Russen eine eigene Verwaltung und ein eigenes Lagersystem, das dem Archipel Gulag entsprach: GUPWI (Hauptverwaltung für Angelegenheiten der Kriegsgefangenen und Internierten) [2]. Im Gegensatz zu den Kriegsgefangenen, denen bereits in den ersten Jahren erlaubt worden war, Karten an ihre Verwandten zu senden, hatten die Zivildeportierten dieses Recht nicht. Jahrelang, bis endlich Post erlaubt wurde, fehlten also alle Lebenszeichen und es gab keine Hinweise auf den Verbleib der verschleppten Deutschen. In der Zwischenzeit waren jedoch viele der Verschleppten verstorben, von vielen weiß man heute noch nichts. Die Gesamtzahl der Zivildeportierten wird – je nach Quelle – unterschiedlich hoch benannt, Jacobs geht von wahrscheinlich einer halben Million Menschen aus.

Jacobs widmet sich dem Osten des damaligen Deutschen Reichs, insofern führt der Untertitel ein wenig in die Irre. An den sechs Kriegsschauplätzen Schlesien, Ostpreussen, Pommern, Königsberg, Berlin und Mecklenburg versucht sie das Schicksal der Frauen anhand von Einzelschicksalen aufzuzeigen. So individuell verschieden auch solche Einzelschicksale gewesen sind, fallen sie doch alle in das große Raster unsagbaren Leids, das sich en Detail für jede Familie, jedes Kind und jede Frau möglicherweise anders darstellte. Über allem aber schwebte der „Hungerengel“ (nach Herta Müller), es gab kaum etwas zu essen, auch nach der Besetzung durch die Russen änderte sich das kaum, auch das russische Hinterland war ja zerstört, so daß die Russen selbst keine Nahrung im Überfluss hatten. Und der Hungerengel wurde begleitet von der Angst vor einer Zukunft, die man sich nicht mehr vorstellen konnte.

Es gab Unterschiede in den genannten Regionen. Aus Berlin zum Beispiel wird nicht von Deportationen berichtet, die Berliner Frauen wurden zum Arbeitseinsatz vor Ort herangezogen, im Gegensatz zu den Frauen in den östlichen Regionen, von denen viele nach Sibirien kamen.

Das Ausgeliefertsein den russischen Soldaten gegenüber war gleich, in Berlin wie in Ostpreussen. In Mecklenburg wuchs sich die Angst vor Vergewaltigungen (und bei den Männern (!) vor dem Ehrverlust) so weit aus, daß sich in einer Massenpsychose Hunderte von Menschen, ganze Familien, suizidierten, Jacobs nennt die Zahl von über 3000 Tote in verschiedenen Ortschaften. Auf der anderen Seite gab es ebenso viele Frauen, die zwar den „Glauben“ an die Männer, die den Krieg angezettelt hatten, sie jetzt aber nicht schützen können, verloren haben, die aber den Mut hatten, ihr Leben weiter zu leben – trotz der Schändungen und Erniedrigungen. Die Kraft der meisten Frauen war größer als das Unglück, sie entschieden sich für das Leben.

Und immer wieder die ungewollten Schwangerschaften, die Versuche, abzutreiben, was nicht immer einfach, aber immer gefährlich war. Geschlechtskrankheiten – natürlich, auch die gab es, zusätzlich zu „normalen“ Seuchen wie Typhus, die auftraten…. Spätfolgen: die Traumatisierungen durch die Vergewaltigungen dauerten unter Umständen lange, sehr lange an. Psychologische Betreuung gab es nicht, die eigenen Ressourcen, um damit umzugehen, war meist nicht entwickelt oder gar nicht vorhanden. Über das Thema reden viel vielen schwer, Ehen und Lieben wurden auf eine harte Probe gestellt, viele zerbrachen. So absurd es ist, auch in diesem Kontext tauchte der Vorwurf auf, es wären ja oft die Röcke von den Frauen selbst gehoben worden…. Der „Eichhörnchentrieb“ blieb häufig ein Leben lang: nichts wegschmeissen, alles sammeln….

So grausam, primitiv und barbarisch das Verhalten russischer Soldaten oft war, muss doch immer im Hinterkopf behalten werden, daß es auch Ausnahmen gab. Russische Soldaten, die halfen, die ein Auge zudrückten, die Essen zusteckten…. das Schizophrene: es konnte durchaus sein, daß der Vergewaltiger des Vorabends am nächsten Tag Liebesschwüre von sich gab und mit Essen in der Tür stand…. Kinder wurden gut behandelt, oft wurde ihnen zu Essen gegeben. Andererseits wird auch davon berichtet, daß selbst siebenjährige Mädchen nicht verschont wurden.

Und eine zweite Sache ist nicht zu vergessen. In vielerlei Hinsicht kann man sagen, daß „der Russe“ mit der Münze zurückzahlte, die „der Deutsche“ in Russland ließ. Jacobs erwähnt einen jungen Wehrmachtssoldaten auf Urlaub, der sich brüstete, Zivilisten in Russland erschossen und andere lebendig begraben zu haben. [S.212]. Nach Öffnung der Archive Mitte der 90er Jahre wurde endgültig klar, daß auch die deutschen Soldaten russische Frauen vergewaltigt hatten, junge Frauen wurden in die Wehrmachtsbordelle gebracht.. Wer sich weigerte, im Bordell zu bleiben, wurde erschossen. ..


Freiwild ist ein grausames, schlimmes Buch. Und was am Schlimmsten ist: auch wenn es Schicksale aus dem 2. Weltkrieg zum Thema hat, ist es ein überaus aktuelles Buch. Frauen und Kinder sind nach wie vor Opfer des Molochs Krieg, der sie frisst: Terrorgruppen wie Boko Haram entführen Tausende von Frauen und Kindern, um sie zu versklaven und um mit ihnen Nachwuchs zu züchten, im IS werden entführte Frauen und Kinder auf Märkten verkauft… das sind plakative Beispiele, aber ich denke, man kann davon ausgehen, daß in jedem Krieg, der geführt wird, immer noch, still und leise, Frauen für den Sieger Beute sind.

Jacobs´ Buch ist wichtig, es beleuchtet (zusammen mit anderen Veröffentlichungen, die jetzt, Jahrzehnte nach dem Krieg in diesem Kontext erscheinen) einen häßlichen, mit Scham besetzten Aspekt des Krieges. Die betroffenen Frauen waren und sind dabei gleich mehrfach Opfer: in einem ganz physischen Sinn als Beute ihrer Peiniger mit allen Folgen wie Krankheiten, Schwangerschaften, zerbrechenden Partnerschaften u.ä., als Traumatisierte, denen nicht geholfen wurde oder werden konnte und zu allem Überfluss kommt oft noch Unverständnis bis hin zu Vorwürfen, so wie es Marta Hillers in ihrem Buch Marta Hillers als persönlich gemachte Erfahrung beschreibt[1].

Freiwild ist ein detailreiches Buch, das zwischen der Darstellung von Einzelschicksalen und dem Versuch, daraus einen Überblick herauszuarbeiten, wechselt. Das macht das Lesen nicht immer einfach, wenn die Schilderung von Lebensläufen unterbrochen und später wieder aufgenommen wird. Hier wäre es unter Umständen sinnvoller gewesen, bei den einzelnen Leben zu bleiben und diese zusammenhängend darzustellen, bevor daraus verallgemeinernde Aussagen gezogen werden. Aber dies ist nur ein untergeordneter Gesichtspunkt, dessen ungeachtet ist der Autorin für ihre Arbeit zu danken, weiß man vom Schicksal dieser Frauen, wird vielleicht das eine oder andere Verhalten unserer Mütter oder Großmütter, was einem bis dato rätselhaft erschien, verständlicher…

Links und Anmerkungen:

[1] Anonyma: Eine Frau in Berlin, Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2015/08/02/anonyma-eine-frau-in-berlin/
[2] siehe z.B. Stefan Karner: Die sowjetische Hauptverwaltung für Angelegenheiten der Kriegsgefangenen und Internierte;  http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1994_3_6_karner.pdf
[3] Wiki-Seite zum „Massaker von Nemmersdorf“:  https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Nemmersdorf

Ingeborg Jacobs
Freiwild
Das Schicksal deutscher Frauen 1945
Erstausgabe: Propyläen Verlag, 2008
diese Ausgabe: Propyläen Verlag, HC, ca. 230 S., 2008
Verlagsseite zur Taschenbuchausgabe

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